Verlag Benario-BaumDigitalisat, Text unverändert
204Seiten, Offenbach 1998, 1. Auflage, 13 EUR, ISBN: 3-932636-34-1
Verlag Olga Benario und Herbert Baum, VKS GmbH, Postfach 102051, D-63020 Offenbach
http://www.verlag-benario-baum.de
Die Vorliegende Untersuchung gibt einen Überblick über den Widerstand in den KZs und Vernichtungslagern des Nazifaschismus und tritt dabei antikommunistischen Verleumdungen entgegen. Klargestellt wird, daß trotz aller wichtigen Unterschiede zwischen der damaligen und heutigen Situation jeder revolutionäre Widerstand, jeder revolutionäre Kampf lernen kann und lernen muß vom Widerstand in den KZs und Vernichtungslagern des Nazi-Regimes
I. Die KZs und Vernichtungslager im System des Nazifaschismus
II. Merkmale des Herrschafts- und Überwachungssystems in den KZs und Vernichtungslagern
III.Antinazistischer Widerstand und die Rolle der kommunistischen Kräfte
Alle Quellen sind am Schluß des Buches aufgelistet und durchnumeriert. In den Quellenangaben im Text steht zuerst die Buchnummer und dahinter die Seitenzahl(en). Zitate aus englischsprachigen Quellen wurden vom Autorenkollektiv übersetzt.
Vorbemerkung
I.
Das Wissen und die Empörung über die Verbrechen des Nazifaschismus sind kein Selbstzweck. Die genaue Kenntnis der Besonderheiten des Nazifaschismus insgesamt und in seinen einzelnen Etappen, von der Zerschlagung der Massenorganisationen der deutschen Arbeiterbewegung, der Diskriminierung und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung und der deutschen Sinti und Roma und auch anderer Minderheiten, über die militärische Besetzung der meisten Länder Europas und den Aggressions- und Raubkrieg gegen die sozialistische Sowjetunion, gegen die Völker Europas und anderer Länder, bis hin zur staatlich geplanten und industriell durchgeführten Massenvernichtung der jüdischen Bevölkerung, der Sinti und Roma in ganz Europa, muß angesichts der heutigen Zustände in Deutschland in revolutionäres Handeln umgesetzt werden.
Die historischen Bedingungen, die den Nazifaschismus hervorgebracht haben, sind keineswegs beseitigt, genauer: der deutsche Imperialismus, das kapitalistisch-imperialistische Gesellschaftssystem in Deutschland existiert nach wie vor (und vergrößerte sich durch die Einverleibung der Ex-DDR), die Ideologie des Nazifaschismus lebt weiter und verbreitet sich, alte Nazis leben noch und haben ihre Basis organisiert und ausgebaut, ihre Mitgliedschaft verjüngt, sind militärisch gerüstet, ausgebildet und mit besten Verbindungen ausgestattet.
So wie der Nazifaschismus nur eine bestimmte Form der Herrschaft des Finanzkapitals, des deutschen Imperialismus war, nämlich ihre „offen terroristische Diktatur", so ist die Nazi-Ideologie im Grunde nur eine ins Extreme gesteigerte Form der Ideologie der deutschen Bourgeoisie, der deutschen Imperialisten, der deutschen Ideologie: Nationalismus - Rassismus - Antisemitismus!
Und so wie der deutsche Imperialismus die Kontinuität, die ungebrochene Tradition des Nazifaschismus verkörpert, herrscht seine verbrecherische Ideologie ebenso ungebrochen in allen Lebensbereichen - auch in den Köpfen der Masse der Werktätigen, der Arbeiterinnen und Arbeiter.
Wer einen wirklich konsequenten Kampf gegen die Nazis heute führen will, einen Kampf, der radikal ist, an die Wurzeln geht, der muß vor allem den deutschen Imperialismus selbst und seine Ideologie bekämpfen!
Dabei ist die genaue Kenntnis des Nazifaschismus eine wichtige Waffe im Kampf gegen die Gefahr der erneuten Errichtung einer offen terroristischen Diktatur des Finanzkapitals, im Kampf gegen die Nazifaschisten heute. Sie ist vor allem aber eine Waffe im Kampf gegen die heute noch existierenden gesellschaftlichen Bedingungen, die den Nazifaschismus hervorgebracht haben, eine Waffe im Kampf für die Zerschlagung des weiterlebenden deutschen Imperialismus, der zwar geschlagen, aber nie zerschlagen wurde.
II.
Genosse Dimitroff stellte schon 1935 auf dem VII. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale fest, daß von allen faschistischen Systemen der deutsche Nazifaschismus der barbarischste Faschismus ist:
„Die reaktionärste Spielart des Faschismus ist der Faschismus deutschen Schlages. Er hat die Dreistigkeit, sich Nationalsozialismus zu nennen, obwohl er nichts mit Sozialismus gemein hat. Der Hitlerfaschismus - das ist nicht bloß bürgerlicher Nationalismus, das ist bestialischer Chauvinismus. Das ist ein Regierungssystem des politischen Banditentums, ein System der Provokationen und Folterungen gegenüber der Arbeiterklasse und den revolutionären Elementen der Bauernschaft, des Kleinbürgertums und der Intellektuellen. Das ist mittelalterliche Barbarei und Bestialität, zügellose Aggressivität gegenüber den anderen Völkern. "
(Georgi Dimitroff, Ausgewählte Schriften, Band 2, 1921-1935, S. 525)
Konnte in der ersten Phase des deutschen Hitler-Faschismus eine Parallele zum italienischen Mussolini-Faschismus und dann zum spanischen Franco-Faschismus deutlich erkennbar gezogen werden, entwickelte der deutsche Nazi-Faschismus durch das System der Vernichtungslager, des fabrikmäßigen Völkermords, eine Steigerung deutscher Prägung, die bisher in der Geschichte nicht ihresgleichen kannte und bis heute kennt.
Die Steigerung des Nazi-Terrors
Die Arbeiterbewegung in Deutschland war 1933 geschlagen, ihre Organisationen, auch die der KPD, wurden einige Zeit nach dem Januar 1933 weitgehend zerschlagen. Die Gefängnisse und Konzentrationslager waren bald gefüllt, vor allem mit den Genossinnen und Genossen der KPD.
Im Innern Deutschlands sah sich der Nazifaschismus, der rassistische, nazistische Antisemitismus, bald keinem wirklich seine Macht gefährdenden Gegner mehr gegenüber.
1938 konnte er in landesweiten, staatlich organisierten Pogromen sein blutiges, mörderisches Gesicht beweisen:
Kaum ein wirklich politisch wirksamer Widerstand, kein Massenwiderstand war zu verzeichnen, als die Synagogen brannten, über 100 Mitglieder der jüdischen Gemeinden ermordet und 30.000 Mitglieder verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt wurden.
Der Krieg, der - nach der bereits vollzogenen gewaltsamen Annexion Österreichs und Teilen der Tschechoslowakei - mit dem Überfall auf Polen seit 1939 die Situation in Nazi-Deutschland wesentlich prägte, wütete gegenüber den Völkern mit aller nazistischen Grausamkeit: Großstädte wie Warschau und Rotterdam wurden bombardiert, die Bevölkerung der okkupierten Länder wurde terrorisiert und zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Die Erschießungskommandos der deutschen Wehrmacht und der SS wüteten in den Dörfern und Städten, um Widerstand und Partisanenaktionen zu unterbinden, Geiselerschießungen gehörten zum Alltag in den besetzten Ländern.
Das Morden der deutschen Nazi-Verbrecher war umfassender, weitgehender als das aller bisherigen faschistischen und reaktionären Ausbeuterregimes der Weltgeschichte. Die systematischen Massenmorde an der Bevölkerung ganzer Dörfer in Griechenland, in der Tschechoslowakei, in Polen, Jugoslawien, Albanien ..., die Politik des Mordens durch Aushungerung der heldenhaften Leningrader Bevölkerung, die systematische Ermordung sowjetischer Kriegsgefangener - überall, wo sie auftauchten, demonstrierten die Nazis ihre Macht durch Ermordung ganzer Teile der Bevölkerung, wahllos vom Kleinkind bis zum ältesten Bewohner eines Dorfes. Ihr vorrangiges Ziel: Jeden Widerstand zu brechen, lähmendes Entsetzen zu verbreiten, eine Atmosphäre zu erzeugen, in der sich der einzelne hilflos fühlt, machtlos wähnt und schon selbst zu glauben beginnt, daß die deutschen Nazibestien angeblich „unbesiegbar" seien.
Ja, all dies ist wahr und darf nicht aus der Analyse des Nazi-Regimes ausgeklammert werden. Und dennoch bedeutete die Ermordung der jüdischen Bevölkerung und der Sinti und Roma welthistorisch eine andere Art des Mordens:
Es geht um die Einmaligkeit des staatlich geplanten und angeordneten, industriell organisierten, bürokratisch geregelten und mit preußischer Mentalität eiskalt durchgeführten Völkermordes.
Eine neue Stufe des Terrors - die industrielle Ermordung ganzer Völker
Das rassistische Morden der „Einsatzgruppen" gegen die jüdische Bevölkerung in der sozialistischen Sowjetunion hatte schon im Sommer 1941 begonnen, das Morden durch Giftgas war schon gestartet worden, als sich auf der Wannsee-Konferenz Anfang 1942 die Organisatoren eines Mordens anderer Dimension trafen und die Koordination der Deportationen in die Todesfabriken planten. Elf bis zwölf Millionen Menschen, die jüdische Bevölkerung und die Sinti und Roma Europas sollten in Eisenbahnwaggons wie Vieh in die Vernichtungslager transportiert und dort ermordet werden. Auf sie warteten riesige Gaskammern, in die bis zu 3 000 Menschen gepfercht wurden, und Krematorien, in denen ihre Leichen verbrannt wurden.
Das Morden auf diese „deutsche Weise" begann. Die Fahrpläne der Züge, der zeitliche Ablauf der Deportationen, das „Durchkämmen" Europas nach Juden, all das wurde genauestens organisiert - als ginge es um Ungeziefer und nicht um Menschen, um ganze Familien, ja um die gesamte jüdische Bevölkerung und die Bevölkerung der Sinti und Roma. Insgesamt ermordete der Nazifaschismus über 6 Millionen Juden und ca. 500 000 Sinti und Roma.
Ein wirklich tiefgehendes Verständnis dieser Steigerung des deutschen Faschismus nach 1941 ist nicht nur nötig, um richtig und treffend die reaktionären Manöver zu durchschauen und zu zerschlagen, die die Zeitspanne des Nazifaschismus aus jeglichem historischen Zusammenhang isolieren, als sei er vom Himmel gefallen und nachher spurlos verschwunden. Ein solches tiefgehendes Verständnis ist auch nötig, um die unermeßlichen Schwierigkeiten begreifen zu können, mit denen jede noch so minimale Form des Widerstands gerade in den Vernichtungslagern nach 1941 konfrontiert war.
Daß dennoch gegen die übermächtig erscheinende Nazibestie ein Widerstandskampf möglich war, dafür gibt es mannigfache Beispiele. Von besonderer Bedeutung erscheint uns aber die Auswertung der Erfahrungen der Kämpferinnen und Kämpfer, die dem Nazifaschismus unter den denkbar schwierigsten Bedingungen die Stirn boten - meist unter dem Einsatz ihres Lebens: wir meinen den Widerstandskampf in den Konzentrations- und in den Vernichtungslagern in Deutschland und in den vom Nazifaschismus besetzten Ländern.
Diesen Widerstandskampf in all seinen verschiedenartigen Formen in den barbarischen Nazi-Lagern durchgeführt zu haben, ist ein kaum groß genug zu schätzender, kaum vorstellbarer Erfolg. Dieser Widerstandskampf ist heute großartiges Vorbild und Ansporn für unseren Kampf gegen die in der Tradition und Nachfolge der Nazifaschisten stehenden deutschen Imperialisten, aus den Erfahrungen dieses Kampfes müssen wir entscheidende Lehren für unseren heutigen Kampf ziehen.
Die Probleme eines organisierten Widerstandes unter den extremen Bedingungen der KZ- und Vernichtungslager des Nazifaschismus bergen wie in einem Brennglas in zugespitzter Form grundlegende Probleme und Perspektiven jeglichen Widerstands gegen reaktionäre Kräfte überhaupt:
· Die Notwendigkeit, ohne auf kleine Erfolge verzichten zu können, dennoch das große Ganze, das heißt die Gesamtsituation nicht aus dem Auge zu verlieren. Die notwendige Vorbereitung des Aufstandes unter dem Gesichtspunkt der maximalen internationalistischen Unterstützung aller gegen den Nazifaschismus kämpfenden Kräfte vorrangig durchzusetzen.
· Der notwendige Kampf gegen die von den Nazifaschisten maximal betriebene Politik des „Teile und Herrsche", von Folter und Privilegierung, von „Zuckerbrot und Peitsche" und für eine Praxis der Solidarität und des Internationalismus unter den Häftlingen.
· Die notwendige Wachsamkeit, Entschlossenheit und Härte gegen den Klassenfeind und gegen diejenigen, die auf einmal an der Seite dieses Klassenfeindes stehen, die auf diese Seite herübergezogen wurden.
· Die Notwendigkeit, eine unversöhnliche revolutionäre Einstellung mit einem Maximum an Flexibilität und Manövrierfähigkeit zu verbinden, um bei der Einschätzung von Widerstandshandlungen zwischen Kollaboration einerseits und erpreßter Anpassung oder notwendigen Kompromissen andererseits genau unterscheiden zu können.
Die vorliegende Arbeit spiegelt langjährige Arbeit und langjährige Diskussion wider. Gerade daher wissen wir sehr genau, wie schwierig der gesamte Themenkomplex ist*, wie leicht Fehler - mit weitreichenden Folgen - sich durchsetzen. Wir bitten alle Genossinnen und Genossen - sowohl der Generation, die den Nazifaschismus und die geschilderten Probleme selbst erlebt haben, als auch die nachfolgenden Generationen von Genossinnen und Genossen - uns durch Kritik zu helfen.
Autorinnen- und Autorenkollektiv
* Der Widerstand innerhalb Deutschlands, der Kampf in den Gefängnissen und Zuchthäusern, in den Zwangsarbeitslagern der Nazis, der Widerstand in den von Nazi-Deutschland besetzten Gebieten, in den jüdischen Ghettos, der Partisanenkampf, der Kampf der Roten Armee, all diese wesentlichen Bestandteile des weltweiten Widerstands- und Befreiungskampfes gegen den Nazifaschismus wurden in dieser Arbeit nicht umfassend analysiert.
Ebenso bleibt es einer späteren Analyse vorbehalten, auf den ganzen Komplex der ungebrochenen Tradition des Nazifaschismus in der Nachkriegsgeschichte Westdeutschlands zusammenfassend zu behandeln und auf die nie gesühnten Verbrechen und die fast völlig fehlende Wiedergutmachung der an Teilen der eigenen Bevölkerung und vielen Völkern der Welt begangenen Naziverbrechen durch den Nachfolger des Nazifaschismus, den west/deutschen Imperialismus einzugehen, u. a. auch darauf, daß unzählige Naziverbrecher, wie etwa die SS-Henkersknechte aus den KZs und Vernichtungslagern, und ehemalige aktive Nazis ungestraft in Westdeutschland lebten und führend am Aufbau der Bundeswehr, der Polizei, des Geheimdiensts, der Justiz und Beamtenschaft beteiligt waren.
I. DIE KZs UND VERNICHTUNGSLAGER IM SYSTEM DES NAZIFACHISMUS
Die KZs von 1933 bis 1938
Die ersten Nazi-KZs entstanden Ende März 1933 in Deutschland. Der Nazi-Terror gegen die Arbeiterbewegung wütete. Kommunistinnen und Kommunisten, Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten, Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter wurden in die KZs verschleppt.
Im Juli 1933 waren nach einer internen Aufstellung des Reichsinnenministeriums 27 000 Menschen in „Schutzhaft". Sie wurden als „Gefahr" für das Nazi-Reich hauptsächlich in KZs festgehalten; fast alle waren deutsche politische Gefangene (nach 12/24).
Das war die höchste Häftlingszahl bis 1938. Die Größe der KZs war meistens noch relativ gering, außer Dachau, das für 5000 Häftlinge gebaut wurde. Zum Beispiel waren im KZ Wittemoor 150 Häftlinge eingesperrt. Ab Juli 1934 übernahm die SS die Leitung und den Ausbau des KZ-Lagersystems. Die SS-Totenkopfverbände wurden gegründet und übernahmen die Bewachung der KZ-Lager.
Bis Winter 1936/1937 ging die Häftlingszahl in allen KZs auf 7 500 zurück, wie sich aus den Beratungen für den Etat der KZs ergibt (nach 12/64). Die Arbeiterbewegung in Deutschland und die KPD waren fast vollständig zerschlagen. Die Nazis wollten während der Olympiade in Deutschland der Weltöffentlichkeit ein „humanes Gesicht" zeigen. Vor allem aus diesen beiden Gründen sank die Zahl der KZ-Häftlinge. Ab 1936 begannen die Nazis gleichzeitig systematisch mit dem Bau größerer Lager in Deutschland. Sachsenhausen wurde 1936, Buchenwald 1937 gebaut. Zu dieser Zeit diente das KZ-Lagersystem hauptsächlich der Zerschlagung der deutschen Arbeiterbewegung und war, gemessen an bisherigen Modellen der Zerschlagung der Arbeiterbewegung, sehr umfangreich, gemessen an den nächsten Schritten allerdings noch relativ gering ausgebaut. Die ganze Bestialität des Nazi-KZ-Systems war noch nicht entwickelt.
Bis 1938 waren vor allem deutsche politische Gefangene und wirkliche oder von den Nazis als „Kriminelle" eingestufte Häftlinge in den KZs innerhalb Deutschlands inhaftiert. Nach der Pogromnacht gegen die jüdische Bevölkerung in Deutschland (9. auf 10. November 1938) wurden zudem fast 30 000 deutsche Juden in die KZs verschleppt.
Die Errichtung des KZs Dachau wird in der Nazi-Zeitung „ Völkischer Beobachter" (21.3. 1933) öffentlich bekanntgegeben. Schon diese Tatsache entlarvt es als Lüge, daß das „deutsche Volk nichts von den KZs gewußt hatte und wissen konnte". Diese Lüge wird von den deutschen Imperialisten und ihren Parteien, aber auch von anderen reaktionären Kräften verbreitet, um die Mitschuld des deutschen Volkes an den Naziverbrechen zu verharmlosen bzw. zu leugnen.
Die KZs von 1938 bis 1945
Ab 1938 und danach wurden neue, größere KZs in den von den Nazis überfallenen Ländern, aber auch weiterhin in Deutschland errichtet. Die größten waren: Flossenbürg und Neuengamme (1938), Ravensbrück (1939) in Deutschland, Mauthausen in Österreich (1938), Auschwitz (1940) und Majdanek-Lublin (1941), beide in Polen gelegen.
Ab dem Nazi-Überfall auf Österreich und die Tschechoslowakei 1938 und dann auf Polen 1939 waren die KZs in der überwiegenden Mehrheit nicht mit Deutschen gefüllt, sondern mit Genossinnen und Genossen aus anderen Ländern, mit Teilen der Bevölkerung anderer Länder, darunter vor allem auch der jüdischen Bevölkerung, Seit dem Überfall auf die Sowjetunion 1941 füllten sich die KZs mit sowjetischen Kriegsgefangenen. Häftlinge aus Polen, der Sowjetunion, Frankreich, Belgien, Niederlande, Norwegen, Luxemburg, Dänemark, Tschechoslowakei, Jugoslawien, Albanien, Griechenland, Österreich und Ungarn waren in den KZs inhaftiert. Gegen Ende des Krieges waren nur 5 bis 10 Prozent der KZ-Häftlinge deutsche Häftlinge (12/82).
Die Lebensbedingungen in den KZs wurden ab 1938 systematisch verschlechtert, der Nazi-Terror planmäßig gesteigert. Nicht erst mit der Ankunft im KZ waren die Häftlinge dem Terrorsystem der KZs ausgesetzt, sondern schon der Transport in diese Lager war wesentlicher Teil dieses Systems.
Transport
Nach ihrer Verhaftung durch die Gestapo, die SA, die SS oder die „normale" Nazi-Polizei, die fast nie ohne brutale Prügel und Folterungen ablief, wurden die Häftlinge von der SS mit der Reichsbahn oder LKWs „auf Transport geschickt". Bis zu einigen hundert Häftlingen pferchte die SS mit brutalster Gewalt in einen Viehwaggon. Die Fahrt dauerte zwischen mehreren Stunden und mehreren Tagen, ja Wochen. Hunger, Durst, im Sommer Hitze, im Winter Kälte, unerträgliche Enge und Luftknappheit, ständige Angst, was mit ihnen passieren wird, Dutzende von Toten während der Fahrt allein in einem Waggon - all das führte dazu, daß die überlebenden Häftlinge bei ihrer Ankunft an den Rampen der Lager, physisch und psychisch schon weitgehend geschwächt waren. Das Kalkül der SS war, daß die Häftlinge durch den Transport so „kaputtgemacht" würden, so daß bei der Ankunft im Lager niemand mehr an Widerstand dachte, geschweige denn diese Gedanken auch in die Praxis umsetzen konnte.
Der französische Häftling Joseph Tyl aus Auschwitz schildert seinen Transport:
„Die Nazibestie stopfte 100 bis 400 Menschen in einen Wagen. Ich erinnerte mich an unseren Transport, wo wir nur zu 50 in einem Wagen waren, in welchem wir weder atmen noch uns rühren konnten, und ich fragte mich, wie Menschen unter diesen Umständen lebend ankommen konnten."
(Konzentrationslagerdokument F 321, 41/26)
Emile Pol Grimaud, ein Häftling aus Dachau, berichtet über die Todesrate seines Transportes:
„Mein Transport, der bei der Abfahrt aus 2 500 Gefangenen bestand, hatte unterwegs unter entsetzlichen, bis dahin niemals erlebten Umständen 912 Tote zu beklagen."
(ebenda, S. 24)
Die zentrale Rolle der Reichsbahn im System des nazifaschistischen industriellen Völkermords
Nach exaktem Fahrplan wurden die Millionen Opfer der Nazis mit der Reichsbahn direkt vor die Vernichtungsfabriken gefahren. Schon 1941 scheute man sich nicht, die Gefangenentransporte in die Konzentrationslager in offiziellen Fahrplänen zu veröffentlichen. (44/13)
Die Reichsbahn verlangte pro Person und gefahrenem Kilometer 4 Pfennige und gestand zynisch einen Rabatt zu, wenn über 400 Menschen transportiert wurden (52/ 95).
Um sich die Dimensionen klarzumachen: Im August 1942 fuhr täglich mindestens ein Zug mit 5000 zur Vernichtung bestimmten Personen von Warschau in die Todesfabrik Treblinka (52/30).
Ankunft
Nachdem die SS die Häftlinge im Laufschritt mit Gepäck oft unter einem Hagel von Knüppel- und Peitschenschlägen mit Hilfe von scharfen Hunden oft kilometerweit bis ins Lager getrieben hatte, stürzten sich bei der Ankunft im Lager zunächst Dutzende von SS-Leuten auf die Häftlinge und prügelten weiter, ermordeten willkürlich jene, die auch nur einen Widerspruch gegen die SS äußerten, eine Frage stellten oder deren Gesicht den SS-Leuten nicht gefiel. Juden, Sinti und Roma und auch Polen waren davon am häufigsten betroffen. Ein wesentliches Merkmal und eine „Stärke" des SS-Terrors war es, weitgehend unberechenbar zu sein. Dies verbreitete eine ständige lähmende Angst bei den Häftlingen, als nächstes der Folter oder Ermordung durch die SS ausgesetzt zu sein - egal wie man sich verhielt.
Die Ankunft im KZ Natzweiler-Struthof wird von Häftlingen so geschildert:
„Mit heftigen Faustschlägen in den Rücken und mit Fußtritten befehlen uns diese Bestien, rasch und schweigend zu marschieren. Keine Verzögerung, keine Schwäche wurde geduldet. Meine Kameraden, die schon vom Gewicht ihres Gepäcks ermüdet sind, sind starr vor Schrecken und wie leblos unter dem Heulen dieser doppelten Meute, der SS und ihrer Hunde. " (ebenda, S. 27)
Nach dieser Prügelorgie mußten die Häftlinge stundenlang bei Hitze, Regen oder Kälte nach preußischer Manier „ strammstehen ". Dann kam für viele das Verhör durch die Lager-Gestapo, was weitere Folter und Prügel bedeutete. Dieser „Empfang", wie die SS diese Bestialitäten zynisch nannte, hatte das Ziel, die Widerstandskraft auch der stärksten Häftlinge endgültig zu brechen.
„Alltag"
Der „Alltag" im KZ war geprägt durch Hunger, der die Häftlinge bis auf die Knochen abmagern ließ, völlig entkräftete und bei Tausenden zur „Hungerkrankheit" führte und zu den schlimmsten Krankheiten wie Ruhr und Typhus. Hinzu kamen systematischer Schlafentzug und tagtäglicher Terror und Schikane der SS.
Nicht nur durch ausgesucht schlechte und verdorbene Lebensmittel für die Häftlinge wurden von den Nazis systematisch Seuchen und Krankheiten erzeugt, sondern auch durch andere Methoden. Richard Gritz, Häftling in Buchenwald, schildert eine dieser Methoden:
„Sehr häufig wurde auch der Interniertensuppe ein chemisches Produkt beigemischt, das Ruhr und schwere Blutungen hervorrief. Alle Medikamente waren wirkungslos. " (ebenda, S. 39)
Wer im KZ an der „Hungerkrankheit" erkrankte, zerfiel körperlich und auch psychisch. Seine Muskeln und inneren Organe schrumpften, er hörte und sah schlecht, seine Bewegungen waren extrem verlangsamt. Sein Wille, sein Interesse auch am eigenen Schicksal starb immer weiter ab. Wer einmal in solch einem Zustand war, der im KZ Auschwitz in der Regel nach 3 bis 6 Monaten aufgrund der dortigen „normalen" Ernährung eintrat, konnte auch von der Widerstandsorganisation nicht mehr vor dem Tod gerettet werden.
Außer Prügeln erfand die SS noch weitere bestialische Quälereien. Hier nur zwei Beispiele von den unzähligen Scheußlichkeiten: Jeden Morgen mußten die Häftlinge in ihrem Zustand „Sport treiben", was bedeutete, sich im Dreck zu wälzen, stundenlang auf einem Bein zu stehen, Kniebeugen zu machen, Dauerlauf um den Block etc. Wer nicht durchhielt, wurde oft genug erschlagen. Der „Morgenappell" mit „Mützen ab!" war eine sich jeden Tag wiederholende, oftmals stundenlang dauernde Tortur. Sämtliche Häftlinge mußten auf dem größten Platz des Lagers antreten, sich in Reihen aufstellen und die SS-Führung „begrüßen". Nach der „Begrüßung" gingen oftmals SS-Leute durch die Reihen und prüften die Kleidung der Häftlinge auf „korrekten Sitz". Wenn ein Knopf fehlte, eine Jacke oder Mütze nicht „richtig saß" etc., wenn ein Häftling den „Appell" nicht genau so machte, wie die SS das wollte, dann wurde der Häftling meistens „bestraft", d. h. geschlagen, gefoltert oder ermordet. Jeden Tag wurden durch die Tortur der „Appelle“ mehrere Häftlinge ermordet.
Tibor Wohl, Häftling im KZ Auschwitz-Monowitz, schildert den mit preußischer Kasernenhofmentalität durchgeführten „Morgenappell":
„Bei dem Wort Achtung` richteten sich alle auf, nahmen Haltung an. Bei ‚Stillgestanden’ schlugen sie die Hacken zusammen, legten die Hände an die Hosennaht und blickten starr geradeaus. Es ertönte ein neues Kommando: Mützen ... ab!' Die rechte Hand flog bei, Mützen ` zum Kopf, bei ,Ab` mit der Mütze wieder herunter, preßte sich dann ans rechte Bein und verharrte unbeweglich. " (Tibor Wohl, „Arbeit macht tot" 84/28-29)
Welche Bestialitäten die Nazis gegen Häftlinge anwandten, die diesen Drill nicht durchhielten, beschreibt Madeleine Chavassine, ehemalige Gefangene in Auschwitz:
„Die Leute brachen zusammen. Manchmal hetzte man die Hunde auf sie, um sie vollends umzubringen. " (41/77)
Schon in den ersten KZs des Nazifaschismus war brutalste Sklavenarbeit fester Bestandteil des Lageralltags. Zumeist mußten die Häftlinge mit primitivsten Werkzeugen die KZs selber errichten, danach im Steinbruch oder im Moor unter brutalen Bedingungen arbeiten. Das Ziel dieser „Arbeit" war, die Häftlinge zu demoralisieren, zu schwächen. 12 bis 15 Stunden Arbeitszeit pro Tag waren die Regel (Rose, Weiss, „Sinti und Roma unter dem Nationalsozialismus - Das Programm der Vernichtung durch Arbeit", 65/7).
Eng verknüpft mit dem Euthanasieprogramm war die Verfolgung und Vernichtung der „Asozialen" - scheinbar „legitimiert" durch die Forschungsergebnisse der nazifaschistischen Rassehygiene-Forscher und Statistikexperten. Als Träger unerwünschter Sozialmerkmale wurden die Menschen als „asozial" abgestempelt und sie und ihre Familien zu „Trägern minderwertigen Erbgutes" erklärt.
„Asozialen" Einzelpersonen drohte zumindest die „Vorbeugehaft", ihren Familien die „Anstaltseinweisung" und Sterilisierung. Gerade auf diesem Gebiet ist die Zahl der Opfer sehr ungenau. Man kennt die Zahl der Ermordeten von zwei Vernichtungsaktionen: 23 600. Daß diese Zahl weitaus höher liegt, zeigt sich daran, daß in der entsprechenden „Belasteten"-Kartei des Reichsärzteführers zehn Millionen Menschen (!!) erfaßt waren (67/113).
Mit dem Begriff des „Asozialen" waren die Nazibehörden in der Lage, jeden zu inhaftieren, der nicht in die Schablone des Naziregimes paßte. Himmler zeigte, wer u. a. damit gemeint war:
„Bei der angespannten Lage am Arbeitsmarkt war es ein Gebot der nationalen Arbeitsdisziplin, alle Personen, die sich dem Arbeitsleben der Nation nicht einpassen wollten und als Arbeitsscheue und Asoziale dahinvegetieren, ... auf dem Zwangsweg zu erfassen und zur Arbeit anzuhalten. Hier wurde auf Anregung der Dienststelle ‚Vierjahresplan' seitens der Geheimen Staatspolizei mit aller Energie durchgegriffen. "
(60/71-72)
Das richtete sich letztlich gegen all diejenigen, die in den Betrieben den Leistungsanforderungen der Kriegswirtschaft nicht nachkamen. Nach Kriegsbeginn wurden z. B. „Arbeitsbummelanten" zumindest kurzfristig in die Konzentrationslager gesperrt.
Ab 1938, mit dem Beginn des Überfalls auf andere Länder, setzte der Nazifaschismus KZ-Häftlinge zunehmend in der Rüstungsproduktion ein. Es wurden Rüstungsbetriebe in der Nähe von vielen KZs errichtet, wo die Häftlinge von der SS zur Sklavenarbeit gezwungen wurden. Das Ziel war Profitmaximierung und Ermordung der Häftlinge. Brutalste Arbeitsbedingungen - natürlich ohne Lohn und jegliche Rechte für die Häftlinge - und schreckliche Lebensbedingungen herrschten vor, so daß die Häftlinge meist nicht länger als ein paar Wochen oder Monate überlebten.
Systematisches Morden und Foltern war in jedem KZ der Nazis an der Tagesordnung. In jedem KZ mußten die Häftlinge mitansehen, wie Mithäftlinge von der SS erschlagen, erstickt, erschossen, gehängt, bei lebendigem Leibe verbrannt oder erwürgt wurden, ohne offen Widerstand dagegen leisten zu können. Wollte das ein Häftling verhindern, führte das fast immer zur Ermordung des Widerstandleistenden, oft auch zur Ermordung seines ganzen Blocks.
Ein weiterer Faktor, der bis zur ersten großen Niederlage in der Schlacht um Stalingrad 1943 für die Nazis wirkte, war der Mythos der Unbesiegbarkeit der deutschen Nazi-Wehrmacht, die natürlich von der SS groß verkündet wurde. Man muß sich das vorstellen:
In einer eh schon aussichtslos erscheinenden Lage, in der die „deutschen Herrenmenschen" der SS die Häftlinge jeden Tag spüren ließen, daß sie die „neuen Herrscher über die Welt" seien, da wurde dieser Chauvinismus zunächst auch noch durch die Realität scheinbar bestätigt. Die Nazi-Wehrmacht überrannte ein westeuropäisches Land nach dem anderen, überrannte Polen, die Nazis konnten Sieg um Sieg verkünden, ihre Zuversicht in ihren „Endsieg" stieg immer mehr. Die Hoffnung, die zu Anfang bei Teilen der Häftlinge noch da war, daß die Nazi-Herrschaft nur kurz dauern, vor allem die Rote Armee und vielleicht auch die Armeen der westeuropäischen Länder die Nazis besiegen und dann auch die KZs befreien würden, wurde mit jedem deutschen militärischen Sieg immer weiter zerstört. Hoffnungslosigkeit breitete sich in dieser Zeit vor allem bei vielen „unpolitischen" Häftlingen aus, die zuvor nicht oder kaum im antinazistischen Widerstand gekämpft hatten.
Diese Bedingungen insgesamt kann man sich selbst kaum für ein, zwei Tage vorstellen, geschweige denn für Monate. Alle diese Faktoren führten bei einem Großteil der Häftlinge nicht nur zu einem schrecklich geschwächten körperlichen Zustand, sondern auch zu einer tiefgehenden Demoralisierung, zu einer auch psychischen Erschöpfung der Widerstandskraft.
Der französische Häftling Louis Martin-Chauffier, der in Bergen-Belsen und Neuengamme inhaftiert war, schreibt:
„Die schmutzigen Kleider, die Schläge, die Kollektivstrafen, die primitive, aber wirksame Propaganda, die mit Schlagworten die einen gegen die anderen aufhetzte, die in den Blöcken vermischten Nationalitäten, die kaum bestehende Möglichkeit sich zu waschen - acht Waschschüsseln für 500 Menschen -, der dauernde Wechsel der Blöcke oder der Arbeitsplätze, um die Anknüpfung tröstender Freundschaften zu verhindern - all das wirkte zusammen, um den in einer elenden, feindlichen Umwelt sich selbst überlassenen Menschen zu demoralisieren, zu erniedrigen und verzweifeln zu lassen. " (41/173)
Insgesamt wurde das KZ-Lagersystem ab 1941/42 systematisch weiter ausgebaut.
Vor Kriegsbeginn 1939 war die Zahl der KZ-Häftlinge kurzfristig nach einem Anstieg 1937/38 wieder auf 25 000 gesunken, im März 1942 waren es aber schon 100000 Häftlinge (12/97). Die Todesrate war schrecklich hoch: In der zweiten Hälfte des Jahres 1942 wurden durch die Lagerbedingungen, die Sklavenarbeit oder die SS 60 Prozent aller KZ-Häftlinge ermordet, fast 60 000 Häftlinge (12/125).
Ab 1942 begann die „Vernichtung durch Arbeit" auf vollen Touren anzulaufen. Die „Blitzkriegsstrategie" gegen die sozialistische Sowjetunion war Ende 1942 gescheitert, die Nazis mußten sich auf einen längeren Krieg einstellen. Dazu benötigten sie vor allem auch Arbeitskräfte. Anfang 1942 mußten 25 000 Häftlinge in der Rüstungsproduktion für den deutschen Imperialismus Sklavenarbeit leisten. Häftlinge mußten in den Werken des V-Raketenprojekts beim KZ Dora-Mittelbau schuften, im IG-Farben-KZ AuschwitzMonowitz, in den Rüstungsbetrieben von Siemens beim KZ Ravensbrück, im KZ Natzweiler-Struthof für Daimler-Benz, beim KZ Flossenbürg für Messerschmidt und beim KZ Sachsenhausen für AEG, Siemens, Krupp, Daimler-Benz oder IG-Farben, um nur einige zu nennen. Die vollständige Liste aller Firmen, in denen KZ-Häftlinge Sklavenarbeit leisten mußten, würde Hunderte Namen umfassen (82/749ff).
Die Brutalität und Bestialität dieser Sklavenarbeit, die Rolle der „Herren mit den grauen Anzügen" von der IG-Farben beim Antreiben und Ermorden der Sklavenarbeiter beschreibt Rudolf Vrba, Häftling in Auschwitz-Monowitz:
„Männer rannten und fielen, erhielten Fußtritte und wurden erschossen. Kapos mit wilden Augen zogen ihren blutbesudelten Weg durch Scharen von Häftlingen, während SS-Männer ... aus der Hüfte heraus schossen ...
Niemals sprachen diese Männer mit den schlichten grauen Anzügen mit den Arbeitern ... Nur gelegentlich murmelten sie einem Scharführer der SS ein paar Worte zu, die eine neue Explosion auslösten. Der SS-Mann versetzte dann dem Kapo einen Tritt und brüllte: Bring diese Schweine auf Trab, du faules Stück. Weißt du nicht, daß bis um elf Uhr diese Mauer fertig sein muß? ` Dann rappelte sich der Kapo auf und drosch auf die Häftlinge ein, wobei er immer schneller, schneller, schneller seine Peitsche schwang; denn in Buna gab es nur zwei Arten von Arbeitern - die schnellen und die toten ...
Jemand ließ einen Sack Zement auf meinen Rücken fallen. Ich rannte. Am Eingang schlug mir ein Kapo mit seinem Knüppel auf die Nieren. Ich taumelte, rannte aber weiter. Zehn Meter weiter ließ mich ein Kapostellvertreter seine Peitsche spüren. Vor mir stürzte ein Mann zu Boden, und ein Knüppel schlug ihm den Schädel ein. Ich stolperte über seinen Körper, jedoch gelang es mir, mich auf den Beinen zu halten, und dann warf ich meinen Sack... ab. Hinter mir keuchte Josef, und dann liefen wir zurück, um mehr Zement zu holen. Noch mehr Beschimpfungen, noch mehr Schläge, und das alles in einem wahnwitzigen Laufen, in einem Angsttraum, in einem Rennen gegen die Zeit, bei dem wir niemals gewinnen konnten.
Ich trug Sack um Sack, stets im Laufen, bis mir der Schweiß in den Augen brannte und der Staub meinen Mund und meine Kehle ausdörrte. Stunden hindurch, wie viele es waren, werde ich niemals erfahren, lief ich hin und her, hin und her, denn ich wußte, daß ich jetzt Teil einer Maschine war, ein Rädchen, das, wenn es brach, weggeworfen würde. "
(Rudolf Vrba, „Ich kann nicht vergeben", 81/125-126)
Im Januar 1945 waren 500 000 der über 700 000 KZ-Häftlinge in der Kriegsproduktion eingesetzt (34/295). Insgesamt schufteten von 1942 bis 1944 über 1,8 Millionen KZ-Häftlinge in den Betrieben des deutschen Imperialismus (65/14).
Ab Ende 1942 war es in nahezu allen KZs täglich möglich, daß Tausende von Häftlingen in die Vernichtungslager abtransportiert werden konnten.
Riesige KZ-Städte waren entstanden, wie Buchenwald, Mauthausen und auch Majdanek-Lublin mit zeitweise 60 000 bis 70 000 Häftlingen.
Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen des Nazifaschismus außerhalb der KZs
Nicht nur KZ-Häftlinge mußten für den deutschen Imperialismus Zwangsarbeit leisten. Laut einer Nazi-Zeitung („Essener Nationalzeitung") wurden 1944 12 Millionen Männer, Frauen und Kinder vor allem aus der Sowjetunion und aus Polen durch die Konzerne des deutschen Imperialismus im „Deutschen Reich" (dazu zählten die Nazis außer Deutschland in den Grenzen von 1937 Österreich, Polen und Teile der Tschechoslowakei) brutal ausgebeutet. Andere Quellen gehen von 7,6 Millionen aus (73/91). Nicht mitgezählt sind dabei die Menschen, die auf sowjetischem Gebiet und den anderen von den Nazis besetzten Ländern zur Zwangsarbeit gezwungen wurden.
In riesigen Treibjagden wurden die Menschen von den Nazis eingefangen, wer sich weigerte oder zu flüchten versuchte, wurde sofort ermordet. In Viehwaggons wurden die Gefangenen unter schrecklichen Bedingungen teilweise über Hunderte, Tausende Kilometer ins „Deutsche Reich" transportiert, dort oftmals in Zwangsarbeitslagern gepfercht, von wo sie jeden Tag in die Betriebe des deutschen Imperialismus getrieben wurden. In der Landwirtschaft und in der waffenproduzierenden Industrie waren auf dem höchsten Stand mehr als 50 Prozent Sklavenarbeiter aus den von den Nazis besetzten Ländern eingesetzt. Riesige Profite preßte das deutsche Finanzkapital aus den Sklaven heraus.
Die vergessenen Nazi-KZs auf dem Gebiet der Sowjetunion
Zum Beispiel KZ Salisplis bei Riga: Über viele Nazi-KZs gibt es kaum Literatur in Westdeutschland. Das hat System und dient der Verharmlosung der Naziverbrechen durch die Methode des Totschweigens. Ganz besonders ausgeprägt wird diese Methode auf die Nazi-KZs auf sowjetischem Gebiet angewandt. Nahezu keine Informationen sind aufzutreiben.
Die größten und wichtigsten KZs auf sowjetischem Gebiet hatten die Nazis in Estland, Lettland und Litauen errichtet, wo sie zumeist sowjetische Kriegsgefangene und die jüdische Bevölkerung inhaftierten, verhungern ließen, durch Seuchen und „Vernichtung durch Arbeit" ermordeten. In den baltischen Ländern ermordeten die Nazis über 1,4 Millionen Menschen, davon über 640000 in Lettland (24/226).
Im KZ Salisplis, das von Oktober 1941 bis Oktober 1944 bestand, wurden über 100 000 Menschen ermordet, davon 47 000 sowjetische Kriegsgefangene, 54 000 zumeist jüdische Häftlinge vor allem durch „Vernichtung durch Arbeit" (24/226).
Die Nazis ließen sich im KZ Salisplis eine besondere Bestialität einfallen. Den dort eingesperrten Kindern wurde bei lebendigem Leib Blut entnommen für die deutschen „Herrenmenschen" der Nazi-Wehrmacht. 7 000 Kinder wurden von den Nazis so zu Tode gequält (24/227).
Die Nazis hatten über ganz Europa ein bisher in seiner Größe und Brutalität noch nicht dagewesenes Terrorsystem errichtet, ein KZ-Lagernetz, das auf dem Höhepunkt seiner Ausdehnung 1943/44 aus 20 riesigen Hauptlagern und Tausenden von sogenannten „Außenlagern" bestand (72/143). Anfang 1945 waren über 700000 Häftlinge in den Nazi-KZs inhaftiert.
Hauptlager des Nazi-KZ-Systems In Deutschland
Dachau März 1933 bis 29. 4. 45, registriert: 200 000 Häftlinge mit Außenlagern, 37 000 ermordet.
Sachsenhausen Juli 1936 bis 22. 4. 45, registriert: 190000 Häftlinge, 79 000 ermordet.
Buchenwald Juli 1937 bis 11. 4. 45, registriert: 216000 Häftlinge, 55 000 ermordet.
Flossenbürg Mai 1938 bis 23. 4. 45, registriert: 109 000 Häftlinge, 30 000 ermordet.
Neuengamme September 1938 bis 4.6.45, registriert: 114 000 Häftlinge, 55000 ermordet.
Ravensbrück Mai 1939 bis 30. 4. 45, registriert: 133 000 Häftlinge, 92 000 ermordet.
Bergen-Belsen April 1943 bis 15. 4. 45, höchste Belegstärke März 1945: 44 000, 50 000 ermordet.
Dora-Mittelbau August 1943 bis 9. 4. 45, registriert: 60000 Häftlinge, 10 000 ermordet.
In Österreich
Mauthausen August 1938 bis 5. 5. 45, registriert: 196 000 Häftlinge, 113000 ermordet.
In Frankreich
Natzweiler-Struthof Mai 1941 bis Anfang 1945, registriert: 45 000 Häftlinge, die Zahl der Ermordeten ist uns unbekannt.
In den Niederlanden
Herzogenbusch Januar 1943 bis September 1944, registriert: 30 000 Häftlinge, die Zahl der Ermordeten ist uns unbekannt.
In Polen
Stutthof September 1939 bis April 1945, registriert: 106 000 Häftlinge, über 52 000 ermordet.
Auschwitz Juni 1940 bis 1945, registriert: über 400 000 Häftlinge, davon 340000 ermordet. Insgesamt in allen Lagern von Auschwitz mit dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau: 2,5 bis 4 Millionen Ermordete.
Groß-Rosen August 1940 bis 13. 2. 45, registriert: 120000 Häftlinge, die Zahl der Ermordeten ist uns unbekannt.
Majdanek-Lublin Oktober 1941 bis Juli 1944, über 360000 Menschen ermordet, 200000 durch Giftgas, aber auch durch riesige barbarische Massenexekutionen.
In der Sowjetunion
Salisplis (bei Riga) Oktober 1941 bis Oktober 1944, mehr als 100 000 ermordet (24/226).
In der Tschechoslowakei
Theresienstadt, November 1941 bis 20. 4. 45, registriert: 140 000, 35 000 ermordet. (82/44)
In Jugoslawien
Zemun (bei Belgrad), von November 1941 bis Juni 1942 mehr als 15 000 serbische Juden durch Giftgas von den Nazis ermordet. Weitere KZs : Tasmajdan und Sajmiste bei Belgrad (87/59, 62).
Im von den Nazifaschisten installierten kroatischen Ustascha-Staat wurden ab Mai 1941 die ersten KZs errichtet: Damica, Jadovno, Gradiska, Loborgrad, Dakovo und das Todeslager Jasenovac. In Jasenovac wurden Tausende von Kindern, 20.000 jüdische Häftlinge, insgesamt über 70.000 Häftlinge unter der Regie des Nazifaschismus durch Ustascha-Faschisten ermordet (82/361, 87/75).
In Norwegen
Osen, Massengräber von 840 Häftlingen wurden gefunden (82/307).
In Rumänien
Lipcany, KZ für jüdische Häftlinge, die Zahl der Ermordeten ist uns unbekannt (82/353).
In Ungarn
Gödöllö, KZ für jüdische Häftlinge, die Zahl der Ermordeten ist uns unbekannt (89).
(Alle Zahlen, wenn nicht anders vermerkt, aus: 72)
Die nazifaschistischen Vernichtungslager in Polen
Das Vernichtungslager Chelmno:
Dezember 1941 bis April 1943, April 1944 bis Januar 1945, mehr als 300 000 hauptsächlich jüdische Häftlinge ermordet.
Das Vernichtungslager Sobibor:
März 1942 bis Oktober 1943, zwischen 250 000 und 500 000 vor allem jüdische Häftlinge ermordet.
Das Vernichtungslager Belzec:
Mitte März bis Ende November 1942, 600000 jüdische Häftlinge ermordet.
Das Vernichtungslager Treblinka:
Juni 1942 bis November 1943, 900000 vor allem jüdische Häftlinge ermordet.
Das Vernichtungslager im KZ Majdanek-Lublin:
Insgesamt von Oktober 1941 bis Juli 1944 200000 Menschen durch Giftgas ermordet.
Das Vernichtungslager im KZ Auschwitz-Birkenau:
November 1941 bis Ende 1944, insgesamt 2,5 bis 4 Millionen ermordet, davon 1,7 Millionen jüdische Häftlinge. Ab Januar 1942 beginnt die Ermordung durch Giftgas.
Von 1933 bis 1945 waren insgesamt 1,6 Millionen Häftlinge in den Nazi-KZs eingesperrt. (2/139)
In den KZs und Vernichtungslagern des Nazifaschismus wurden zwischen 1933 und 1945 insgesamt 7,5 bis 8 Millionen Menschen ermordet. (43/20)
Der Plan der Wannsee-Konferenz: Die Ausrottung der jüdischen Bevölkerung Europas!
Geheime Reichsache
30 Ausfertigungen
16.Ausfertigung
Unter entsprechender Leitung sollen nun im Zuge der Endlösung die Juden in- geeigneter Weise im Osten zum Arbeitseinsatz kosen. In großen Arbeitskolonnen, unter Trennung der Geschlechter, werden die arbeitsfähigen Juden straßenbauend in diese Gebiete geführt, wobei zweifellos-ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird.
Der allfällig endlich verbleibende Restbestand wird, da es sich bei diesem zweifellos um den widerstandsfähigsten Toll handelt, entsprechend behandelt worden müssen, da dieser, eine natürliche Auslese darstellend, bei Freilassung als Keimzelle eines neuen jüdischen Aufbaues anzusprechen ist.
Die Vernichtungslager 1941 bis 1945
Die „Euthanasie" der Nazis - Ermordung von Kranken und Behinderten in Vernichtungszentren
Die erste systematisch durchgeführte Vernichtungsaktion des Nazifaschismus in eigens dafür eingerichteten Vernichtungszentren richtete sich vor allem gegen Kranke und Behinderte (Kinder, Erwachsene und Greise), die im Nazi-Jargon als „lebensunwertes Leben" bezeichnet wurden und ermordet werden sollten.
Die Mordaktion lief unter Geheimhaltung im Oktober 1939 mit Beginn des Nazi-Überfalls auf Polen an, nachdem zuvor schon Zehntausende zumeist Behinderte aus Deutschland von den Nazis zwangssterilisiert worden waren. In umgebauten ehemaligen Heimen für Behinderte oder psychiatrischen Anstalten wurden die Kranken und Behinderten durch Kohlenmonoxid-Giftgas ermordet. Die reibungslos funktionierende Vernichtungsmaschinerie der Nazis - unter Mithilfe von Ärzten, die den Gashahn aufdrehten, Hilfsschullehrern, die aussonderten, und „Pflegern" und „Pflegerinnen", die die Opfer täuschten und in die Gaskammern trieben etc. - ermordete von Oktober 1939 bis August 1940 unter dem Tarnnamen „T 4" ca. 80 000 Kranke und Behinderte aus Polen, Deutschland und Österreich (32/156). Die Vernichtungsanstalten waren Grafeneck, Brandenburg, Bernburg, Hadamar und Sonnenstein in Deutschland, Hartheim in Österreich. In die Gaskammern wurden bis zu 50 Menschen gepfercht, in Krematorien wurden die Leichen der Ermordeten verbrannt.
Im August 1941 wurde die Mordaktion offiziell „eingestellt". In Wirklichkeit ging sie nur auf andere Art und Weise, langsamer, versteckter weiter. Nun ließen die Nazi-„Ärzte" Kranke und Behinderte in Dutzenden von ehemaligen psychiatrischen Anstalten oder Krankenhäusern systematisch verhungern, spritzten sie zu Tode oder gaben ihnen andere tödliche Medikamente. Viele Kranke wurden in den KZs ermordet. Insgesamt fielen den „Euthanasie"-Morden der Nazis über 200 000 Kranke und Behinderte vor allem aus Polen, der Sowjetunion, Deutschland und Österreich zum Opfer (32/156). Im Nürnberger Prozeß wurde die Zahl der Ermordeten mit 270 000 angegeben (72/59).
Ab Ende 1941 wurden die „Erfahrungen", die die Nazis bei der „T 4"-Mordaktion gesammelt hatten, bei der systematischen fabrikmäßigen Ermordung der europäischen Juden und der Sinti und Roma eingesetzt. Die Methode der Ermordung durch Giftgas wurde übernommen und „verbessert", die „Fachkräfte" der „Euthanasie"-Morde wurden in den Vernichtungslagern Sobibor, Treblinka und Belzec eingesetzt, die Kommandanten dieser Todesfabriken waren ehemalige „Mitarbeiter" von Hartheim, Brandenburg und Bernburg, die Gaskammern wurden nach Belzec, Majdanek und Treblinka gebracht und dort neu aufgebaut. Sie waren die Grundlage für die Steigerung des Nazi-Terrors zum hochindustrialisierten Völkermord (Ernst Klee, „’Euthanasie’ im NS-Staat", 36/460-461).
Die Errichtung der Vernichtungslager Chelmno, Belzec, Sobibor und Treblinka 1941/42
Mit dem Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 begann eine neue Phase des systematischen Massenmords an der jüdischen Bevölkerung Europas. Die „Einsatzgruppen" der SS folgten der Nazi-Wehrmacht und ermordeten hinter der Front 2 Millionen Menschen, vor allem Juden, bis zum Sommer 1942 durch Massenerschießungen und mit zu Gaskammern umgebauten LKWs. Doch diese Art des Mordens ging den Nazi-Mördern nicht schnell und reibungslos genug. Im Dezember 1941 wurde der systematische Aufbau von Vernichtungslagern beschlossen und danach deren Aufbau begonnen.
Bereits am 31. Juli 1941 beauftragte Göring den Chef der Gestapo und des SD, Heydrich, mit den „organisatorischen, sachlichen und materiellen Vorausmaßnahmen zur Durchführung der Endlösung der Judenfrage" (Protokoll vom „Nürnberger Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher", hier: 18/Dokument NG-2586-E 17).
Auf der Wannsee-Konferenz am 20. 1. 1942 trafen sich die nazifaschistischen Henker, die Schergen des deutschen Monopolkapitals, um den fabrikmäßigen Völkermord an der jüdischen Bevölkerung und an den Sinti und Roma zu koordinieren und zu perfektionieren.
Es ging darum, ein weltweites Exempel „auf 1000 Jahre" zu statuieren, einmalig in seiner Brutalität und Grausamkeit, wie es die Weltgeschichte bisher nicht gesehen hatte. Der deutsche Imperialismus wollte mit dem industriellen Völkermord vor allem das ideologische Programm der „Ausrottung der Juden, Zigeuner und slawischen Untermenschen" in die Tat umsetzen, die „Herrenmenschenmoral" zementieren und insgesamt mit seinem System von KZs und Vernichtungslagern die Herrschaft über die Völker mittels Furcht und Schrecken aufrechterhalten.
Ende 1941/Anfang 1942 waren die ersten Todesfabriken, deren einzige Funktion der Massenmord war, errichtet.
Diese Lager waren zweigeteilt. Der erste Teil der Vernichtungslager bestand aus der Rampe an den Bahngleisen (nach Chelmno wurden die Menschen in Lastwagen gepfercht transportiert), wo die zur Vernichtung bestimmten Menschen ankamen, aus dem jüdischen „Sonderkommando", das mithelfen sollte, die ankommenden Opfer zu beruhigen, und die Kleider, Wertsachen etc. der Ermordeten sortieren mußte. Die Wertsachen wurden dann in den Viehwaggons verstaut und zurück ins „Reich" geschickt.
Filip Müller, überlebender Häftling des „Sonderkommandos" vom Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, schildert im Film „Shoa", wie er in das „Sonderkommando" gezwungen wird:
„Wir befanden uns... in dem Verbrennungsraum des Krematoriums im Stammlager in Auschwitz. Und da wurden wir von diesem Verbrennungsraum herein gejagt in einen großen Raum. Und wurde uns befohlen, wir sollten die Leichen ausziehen. Ich guck mich um in dem Raum. Seh ich da einige hundert Leichen. Sie waren angezogen. Zwischen ihnen, durcheinander, lagen Koffer, Bündel, und hier und her hab ich gesehen zerstreute ... solche blauviolette Kristalle. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, um was es ging. Das ist so, als wenn man einen Schlag, einen Blitz im Kopf bekommt ... Jetzt wenn wir einige ausgezogen haben, müßten wir dann die Öfen beschicken. " (Claude Lanzmann, „Shoa", 49/82-83)
Der zweite Teil der Lager, der vom ersten durch Stacheldraht und Sichtschutz abgetrennt war, bestand aus den Gaskammern, den Krematorien und dem Teil des „Sonderkommandos", der den zur Ermordung Bestimmten die Haare scheren, Kranke und Kleinkinder zu den Gaskammern transportieren, die Goldzähne aus den Mordopfern herausbrechen, die Gaskammern reinigen und die Verbrennung der Leichen durchführen mußte. Selbst aus den Körpern der Mordopfer in den Vernichtungslagern schlug das deutsche Monopolkapital noch Profit heraus: Das Zahngold wurde eingeschmolzen, die Haare für die Rüstungsproduktion verwendet.
Die jüdischen Häftlinge wurden von der SS für diese „Sonderkommandos" aus den ankommenden Transporten ausgewählt. Die jüdischen „Sonderkommandos" wurden von der SS zu der Beteiligung an der schrecklichen Vernichtungsmaschinerie mit der Androhung gezwungen, ansonsten sofort ermordet zu werden. Die SS ließ die „Sonderkommandos" vor allem in der Anfangszeit nur wenige Tage oder Wochen leben; dann wurden sie ermordet und durch jüdische Häftlinge aus den neu ankommenden Transporten ersetzt.
Die SS-Lagerführung benötigte immer mehr Arbeitskräfte, die direkt aus den Todestransporten auch nach handwerklichen Fähigkeiten ausgesucht wurden, um die für das reibungslose Funktionieren der fabrikmäßigen Todesmaschinerie nötigen Arbeiten zu verrichten. Einige, vor allem spezialisierte Facharbeiter, mußten deshalb als Tischler, Schmiede, Schneider oder Schuster in den Todeslagern arbeiten. Die erzwungene Beteiligung an der bestialischen Vernichtungsmaschinerie - ohne offen Widerstand dagegen leisten zu können, weil jede auch noch so kleinste Widerstandshandlung die eigene Ermordung, meist auch die des gesamten „Sonderkommandos" bedeuten konnte -, tagtäglich der sich im ganzen Lager ausbreitende schreckliche Geruch von verbrannten Leichen - vor allem das führte zu einer großen Demoralisierung bei vielen Häftlingen. In Treblinka beendeten in den ersten Monaten jeden Tag Dutzende von Häftlingen ihr Leben selbst. Apathie, völlige Hoffnungslosigkeit bei den Häftlingen waren in dieser unvorstellbaren Hölle vorherrschend.
Um beide Bereiche des Vernichtungslagers war elektrisch geladener Stacheldraht gezogen. Überwacht wurden die Lager durch SS oder (meist ukrainische oder lettische) Hilfstruppen der SS, die auf Wachtürmen mit MGs postiert waren, und durch SS und Hilfstruppen innerhalb des Lagers.
Jeder noch so kleine Widerstand der an der Todesrampe ankommenden Häftlinge verzögerte oder stoppte kurzfristig die Vernichtungsmaschinerie, ja wenn er sich zu massenhaftem Widerstand ausweitete, konnte er auch den Sieg über die SS bedeuten. Um das zu verhindern, sollte der Transport die Häftlinge weitgehend körperlich und psychisch kaputtmachen. Doch die Nazis entwickelten weitere Methoden, um die Vernichtung immer weiter zu steigern, ein in seiner Bestialität noch nicht dagewesenes System, eine Mischung von Täuschung und brutalem Terror.
Die SS wandte „Zuckerbrot und Peitsche" gegen die ankommenden, durch den Transport in den Viehwaggons extrem geschwächten Häftlingen an. An der Rampe spielte zumindest in Sobibor Musik, Häftlinge des jüdischen „Sonderkommandos" mußten die Wertsachen der ankommenden jüdischen Menschen abtransportieren. Auch damit wurde die Lüge des „Arbeitslagers" suggeriert. Ein SS-Mörder erklärte in „freundlichem" Ton, daß hier ein „Arbeitslager" sei, daß sie aber, bevor sie „arbeiten" könnten, sich zuerst einmal waschen müßten. Oft stand auch noch gut sichtbar ein Auto des „Roten Kreuzes" in der Nähe, um die Ankommenden noch mehr zu täuschen. Der Vernichtungskomplex war geschickt getarnt und nicht als solcher zu erkennen.
Die täuschende „Ansprache" der SS an der Rampe von Sobibor beschreibt Ada Lichtmann, eine Überlebende des Vernichtungslagers:
„Wir hörten Wort für Wort, wie Oberscharführer Michel, auf einem kleinen Tisch stehend, die Menschen überzeugend beruhigte; er versprach ihnen, daß sie nach dem Bade alle ihre Sachen wieder zurückerhielten, und sagte, es sei an der Zeit, daß Juden produktive Glieder der Gesellschaft würden. Gegenwärtig werde man alle in die Ukraine befördern, wo sie leben und arbeiten könnten. Die Ansprache weckte Vertrauen und Begeisterung unter den Menschen. "
(zit. n. A. Rückerl, „Nationalsozialistische Massentötungen durch Giftgas", 66/175)
Die „Begrüßung" war verknüpft mit brutalem Terror. Bewaffnete SS-Leute und ukrainische Hilfstruppen prügelten auf die Häftlinge ein, hetzten sie im Laufschritt zum Vernichtungskomplex, damit für sie keine Zeit blieb, das eigentlich Unvorstellbare, was mit ihnen geschehen sollte, zu durchschauen. Alle, die sich in irgendeiner Art und Weise wehrten, wurden sofort ermordet.
Den SS-Terror auf dem Weg zu den Gaskammern in Treblinka schildert Abraham Goldfarb, ein Überlebender aus Treblinka:
„Auf dem Weg zu den Gaskammern standen an beiden Seiten des Zaunes Deutsche mit Hunden. Die Hunde waren darauf abgerichtet, Menschen anzufallen; sie bissen die Männer in die Genitalien und die Frauen in die Brüste und rissen Fleischstücke heraus. Die Deutschen schlugen mit Peitschen und Eisenstangen auf die Menschen ein, um sie anzutreiben, so daß sie schnell in die ,Duschen' drängten ... Die Deutschen trieben die rennenden Opfer an mit Rufen wie: Schneller, schneller, das Wasser wird kalt, und andere müssen auch noch unter die Duschen!' Um den Schlägen zu entkommen, rannten die Opfer so schnell sie konnten zu den Gaskammern... " (zit. n. 66/181)
Es gab als „Umkleideräume" getarnte Räume oder Plätze, wo die Häftlinge ihre Kleider geordnet hinlegen mußten. Es schien, als sollten sie das deshalb machen, um nach dem „Bad" ihre Sachen wiederzufinden. In Sobibor bekamen die Häftlinge teilweise auch Quittungen für abgegebene Wertsachen und Gepäckscheine zur noch besseren Täuschung. Mehrere Schilder in verschiedenen Sprachen suggerierten den Häftlingen, daß sie wirklich „zum Bad" gingen. Kurz vor der Ermordung in den Gaskammern hielt ein SS-Mann, bevor er den Gashahn aufdrehte, noch einmal eine zur Täuschung bestimmte Rede. Die Gaskammern selbst sahen Duschräumen täuschend ähnlich. Dann wurden die Häftlinge meist mit brutaler Gewalt, Peitschenschlägen, Schüssen und bissigen Hunden in die Gaskammern gepfercht und ermordet.
Tausende Menschen waren noch nicht vernichtet, da rollten schon die nächsten Viehwaggons auf den Rampen an. Diese bestialische Vernichtung lief wie „am Fließband", fast ohne Pause.
Chelmno war das erste Vernichtungslager, das die Nazis errichteten (Ende 1941). Als Lagergelände diente ein altes Schloß. Die Wachmannschaft bestand aus 150 bis 180 SS-Männern sowie 10 bis 15 Gestapo-Leuten. Das Lager lag, wie auch Belzec, Sobibor und Treblinka, in Polen. Zwischen Dezember 1941 und April 1943 sowie zwischen April 1944 und Januar 1945 wurden dort mehr als 300000 hauptsächlich jüdische Menschen durch Giftgas in LKWs mit Gaskammern - die schon die „Einsatzgruppen" der SS zur Ermordung von Hunderttausenden von Juden in der Sowjetunion „benutzt" hatten - bestialisch ermordet. 50 Menschen wurden in einen der umgebauten Wagen gepfercht. Zwei bis drei dieser Mörder-Wagen waren von den „Einsatzgruppen" abgezogen und nach Chelmno gebracht worden. Waren die Häftlinge durch die Autoabgase ermordet, wurden die Leichen in denselben Wagen in den 4 km entfernten Wald gefahren, wo das jüdische „Sonderkommando" sie in Erdgruben verbrennen mußte. Das jüdische „Sonderkommando" bestand aus 30 bis 40 Häftlingen.
Belzec wurde Ende 1941/Anfang 1942 erbaut. Es war von den Ausmaßen her das kleinste „reine" Vernichtungslager der Nazis (265 Meter breit, 275 Meter lang). Von Mitte März bis Ende November 1942 wurden in Belzec 600 000 Menschen durch Giftgas ermordet, hauptsächlich jüdische Bevölkerung (72/213). Sie wurden fabrikmäßig vernichtet. Auf einem Nebengleis fuhren die Viehwaggons mit den Häftlingen direkt ins Lager, wo diese in fest installierten Gaskammern durch Giftgas aus Automotoren ermordet und in direkt daneben errichteten Gruben vergraben und später (bis Frühjahr 1943) dort verbrannt wurden. Laufend wurden von den Nazis in allen Vernichtungslagern „Experimente" mit Unterstützung von Chemikern, Verbrennungsexperten usw. ausgeführt, um die Vernichtung zu steigern.
Ein Ergebnis dieser barbarischen „Forschung" war: Ab Juli wurden in Belzec größere Gaskammern installiert, um die Vernichtung zu steigern. Sechs Gaskammern wurden gebaut, in denen 1500 Menschen, ein Transport von 15 Viehwaggons, auf einmal ermordet werden konnten (66/183).
Die Wachmannschaft des Lagers war auch hier nur klein, setzte sich aus 40 SS-Leuten und 80 Mann ukrainischer Hilfstruppen zusammen, die zuvor in SS-Lagern ausgebildet worden waren und von sogenannten „Volksdeutschen" geleitet wurden.
Das Vernichtungslager Sobibor lag wie Belzec in Ostpolen. Das Lager war im März 1942 an der Bahnlinie der Ortschaft Sobibor entlang gebaut worden. Das Gesamtlager war etwa 600 Meter lang und 400 Meter breit. Das Vorlager mit Bahnrampe, Wache, Lagerleitung und Verwaltung beherbergte auch die Unterkünfte der meisten der knapp 30 SS-Leute sowie der etwa 120 ukrainischen Wachleute.
Im Lager I befanden sich hauptsächlich die Werkstätten und Unterkünfte des jüdischen „Arbeitskommandos". Lager II bildete das sogenannte „Auffanglager" mit Entkleidungsbaracken und Lagerschuppen für Wertgegenstände und Lebensmittel sowie Büros und SS-Unterkünften. Streng davon isoliert und nur durch einen 3 Meter breiten und etwa 150 Meter langen, mit Stacheldraht eingezäunten Weg (genannt „Schlauch") erreichbar, war das Lager III, der eigentliche Vernichtungssektor mit den Gaskammern und Massengräbern und einer Wohnbaracke für die dort arbeitenden jüdischen Häftlinge.
In neuen größeren Gaskammern, die im Herbst 1942 gebaut wurden, konnten 1200 bis 1300 Menschen ermordet werden. Als weitere technische Verbesserung der fabrikmäßigen Vernichtungsmaschinerie ersetzte eine Schmalspurbahn von 300 bis 400 Meter Länge mit 6 Loren und einer kleinen Diesellokomotive die anfangs von den Häftlingen gezogenen Karren. Die Kranken, Behinderten, Kleinkinder und Säuglinge konnten mit der Bahn direkt zu den Erschießungskommandos transportiert werden. Alle Leichen aus den Gaskammern wurden nun mit der Lorenbahn zu ausgeschachteten Gruben transportiert und auf großen Eisenrosten über offenem Feuer tagsüber und auch nachts verbrannt.
Insgesamt wurden die bis zur Liquidierung des Lagers Ende Oktober 1943 in Sobibor vernichteten Menschen im Gerichtsprozeß von Hagen (Prozeß gegen 12 SS-Leute, der am 6. September 1965 begann) auf 250 000 geschätzt. Genosse Alexander Pecerskij, der den Aufstand des „Sonderkommandos" leitete und überlebte, hat dies als „unverschämte Lüge" gebrandmarkt. Er ging auf Basis von Zählungen der Transporte durch die zur Arbeit ausgesuchten Lagerhäftlinge von über einer halben Million aus (77/49).
In Sobibor umfaßte das jüdische „Sonderkommando" etwa 600 Häftlinge, davon etwa ein Viertel Frauen.
Treblinka bestand von Juni 1942 bis November 1943. Auch in diesem Vernichtungslager hatten die Nazis nur eine relativ kleine Mördertruppe zur Bewachung, 30 SS-Männer und ca. 200 Mann ukrainische Hilfstruppen. Das jüdische „Sonderkommando" bestand aus 500 bis 1200 Häftlingen.
Treblinka war das „reine" Vernichtungslager mit der höchsten industriellen Vernichtung. Ab August 1942 wurden in Treblinka neue Gaskammern gebaut. Insgesamt konnten jetzt 4 600 statt 600 Menschen auf einmal durch Giftgas ermordet werden (Rückerl, Adalbert etc. (Hrsg.), „Nationalsozialistische Massentötungen durch Giftgas", Frankfurt/Main 1986, S. 185). Durch geringere Höhe der neuen Gaskammern konnte die Ermordung der Opfer beschleunigt werden. Auch die Verbrennung der Leichen in einer bestimmten Zeit wurde in Treblinka im Vergleich zu Chelmno, Belzec und Sobibor weiter gesteigert. Auf riesigen Rosten (50 Meter lang und 25 Meter breit), die auf gemauerten Sockeln lagen, wurden auf einmal bis zu 3 000 Leichen verbrannt (72/216).
800000 bis 900 000 Menschen, vor allem die jüdische Bevölkerung aus den jüdischen Ghettos von Wilna, Warschau und Bialystok, wurden dort in eineinhalb Jahren vernichtet (66/191). Doch selbst diese Bestialität wurde vom Nazifaschismus noch übertroffen - durch das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, der widerlichsten Barbarei, die der Nazi-Faschismus hervorgebracht hat.
Errichtung von Vernichtungslagern im KZ Majdanek und im KZ Auschwitz-Birkenau 1941
Um den Völkermord an der jüdischen Bevölkerung, den Sinti und Roma zu steigern, errichteten die Nazis weitere Vernichtungslager, die sich von Chelmno, Belzec, Sobibor und Treblinka unterschieden:
Der Lagerkomplex Auschwitz-Birkenau und auch das Lager Majdanek-Lublin waren nicht immer „normale" KZs, sondern hatten ab Ende 1941 eine Doppelfunktion, waren gleichzeitig auch Vernichtungslager.
Im KZ Majdanek-Lublin, das direkt neben der Stadt Lublin lag, wurde ein Vernichtungslager errichtet, das direkt an das KZ angegliedert war. Es bestand aus Gaskammern und Krematorien. Insgesamt wurden in Majdanek-Lublin von Oktober 1941 bis Juli 1944 über 360 000 Menschen von den Nazis ermordet, davon ca. 160 000 infolge von Hunger, Krankheit, Prügel, Folter etc., d. h. nicht durch das Vernichtungslager (55/133). Ungefähr 200000 wurden durch Giftgas ermordet, aber auch durch riesige barbarische Massenexekutionen wie z. B. im November 1943, wo an einem Tag in Majdanek-Lublin 18 000 jüdische Häftlinge (zusammen mit den Exekutionen in einigen Nebenlagern von Majdanek am selben Tag 42 000) von der SS erschossen, dann teilweise bei lebendigem Leibe verscharrt wurden (55/141).
Der Lagerkomplex Auschwitz wurde in Polen in der Nähe der Stadt Oswiecim von der SS bewußt auf sumpfigem Land errichtet, wo es nur ungenießbares Wasser und ungesunde Luft gab, und bestand auf dem Höhepunkt seiner Ausdehnung aus insgesamt 50 Lagern (72/146ff). Er war ab 1942 das Zentrum des KZ-Systems der Nazis.
Die wichtigsten Lager dieses Komplexes waren das sogenannte Stammlager (Auschwitz 1), das KZ Auschwitz-Birkenau mit dem direkt angegliederten Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau (Auschwitz II), die ca. 3 km vom Stammlager entfernt lagen, und das IG-Farben-KZ Monowitz (Auschwitz III) (43/22). Die Wachmannschaft für den gesamten Lagerkomplex Auschwitz bestand aus 3 000 SS-Männern.
Im Stammlager Auschwitz waren im Durchschnitt ca. 20 000 Häftlinge eingesperrt. Dort saß der Kommandant des gesamten Lagerkomplexes Auschwitz, Höß, sowie die Führung der SS-Wachmannschaften, die „Verwaltung" des ganzen Lagerkomplexes. Das Stammlager war ein „reines" Nazi- KZ.
Das KZ Monowitz diente dazu, den IG-Farben-Komplex zur Herstellung kriegswichtiger Rohstoffe, wie synthetisches Benzin und Gummi, aufzubauen und am laufen zu halten. 25 000 Sklaven mußten dort ständig unter brutalsten Bedingungen arbeiten. Insgesamt mußten über 300 000 Häftlinge in Monowitz Sklavenarbeit leisten, wenigstens 30000 wurden dort durch die Sklavenarbeit oder die SS ermordet (65/10).
Das KZ Auschwitz-Birkenau bestand aus mehreren Teilen. Es gab dort einen riesigen stadtähnlichen KZ-Komplex, bestehend aus mehreren durch Stacheldraht voneinander getrennten Frauen- und Männerlagern und ein Lager nur für Sinti und Roma sowie zeitweise ein sogenanntes „Tschechisches Familienlager", in dem Frauen, Männer und Kinder aus der Tschechoslowakei bis zu ihrer Vernichtung eingepfercht wurden. Mitte 1943 betrug die „Belegstärke" in Auschwitz-Birkenau 150000 Häftlinge (74/21).
Das KZ Auschwitz wird in Berichten von überlebenden Häftlingen im Vergleich zu anderen KZs als „wahre Hölle" bezeichnet. An dem extrem hohen Prozentsatz der in einem Monat erfolgten Ermordungen wird deutlich, was damit gemeint ist. In Dachau lag dieser nach 1938 bei 3 bis 4 Prozent (46/104), in Buchenwald 1943 ca. 8,5 Prozent (37/142), im ganzen Lagerkomplex Auschwitz hingegen Februar 1943 über 25 Prozent (46/140), d. h. mehr als ein Viertel der Häftlinge wurde jeden Monat ermordet. Länger als 3 bis 6 Monate konnte ein Häftling bei extremster Unterernährung meist nicht überleben.
Das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau - das bestialischste Massenmordinstrument des Nazifaschismus
Der wichtigste Teil des Lagers Auschwitz-Birkenau war für die Nazis das Vernichtungslager, das am höchsten industrialisierte, das mit dem ausgeklügeltsten - und ständig verbesserten - Vernichtungssystem ausgerüstet war.
Ab September 1941 wurden im Stammlager Auschwitz mit ersten Ermordungen durch Giftgas begonnen. Januar 1942 wurden dann in Auschwitz-Birkenau zwei Bauernhäuser zu Gaskammern umgebaut (von den Nazis „Bunker I und II" genannt) und dort Menschen vernichtet. Bis zu 2000 Menschen konnten dort auf einmal durch Giftgas ermordet werden. Das System von Täuschung und Terror funktionierte so wie in den „reinen" Vernichtungslagern, Chelmno, Belzec, Sobibor und Treblinka, war aber perfekter organisiert.
Systematisch wurde die Vernichtungsmaschinerie von Auschwitz-Birkenau ausgebaut. Eine mehrere hundert Meter lange Rampe wurde errichtet, die direkt ins Vernichtungslager führte. Dort kamen die Todestransporte in Viehwaggons an. Die Menschen, die sofort ermordet werden sollten, wurden selektiert und zu Vernichtungsfabriken getrieben, die seit März/April 1943 zusätzlich zu „Bunker 1 und II" ihre mörderische Funktion aufgenommen hatten: Vier riesige hochtechnisierte Vernichtungskomplexe mit als „ Umkleideräume" getarnten riesigen Hallen, Gaskammern und integrierten Krematorien. (Diese Todesfabriken wurden von den Nazis „Krematorien II - V" genannt)
Allein in die beiden Gaskammern der Todesfabriken II und III konnten jeweils 2 000 bis 3 000 Menschen auf einmal gepfercht werden, in die Gaskammern der Vernichtungsanlagen IV und V insgesamt 3 000 Menschen. Die Ermordung wurde mit dem Giftgas Zyklon B durchgeführt, das schneller wirkte als die Motorabgase. Nachdem die Menschen ermordet waren, wurde das Giftgas durch Ventilatoren, die durch Elektromotoren angetrieben wurden, aus den Gaskammern abgesaugt, die Leichen mit Aufzügen vor die Krematorien - die zeitweise Tag und Nacht in Betrieb waren - im selben Gebäude gebracht und dort sofort vernichtet. Es wurden auch öfters in riesigen Gruben neben den Todesfabriken Leichen der Ermordeten verbrannt. Durch diese Mord-Techniken wurde der Vernichtungsprozeß noch weiter gesteigert als in Treblinka.
Alfred Wetzler, der im „Sonderkommando" von Auschwitz-Birkenau war, berichtete nach seiner gemeinsamen Flucht mit Rudolf Vrba 1944 über den Vernichtungskomplex in Auschwitz-Birkenau:
„Derzeit sind in Birkenau 4 Krematorien in Betrieb. Zwei größere I und II, zwei kleinere III und IV. Die Krematorien der Type 1 und II bestehen aus drei Teilen. A der Ofenraum, B die große Halle, C die Vergasungskammer. Aus der Mitte des Ofenraumes ragt ein riesiger Kamin in die Höhe. Ringsum sind ... Öfen ... Daneben ist die große Vorbereitungshalle, die so ausgestattet ist, daß sie den Anschein erweckt, als ob man in einer Halle einer Badeanstalt wäre. Sie faßt 2 000 Personen und es soll sich angeblich darunter eine ebenso große Wartehalle befinden. Von hier geht eine Tür und einige Treppen führen hinunter in die etwas tiefer gelegene schmale und sehr lange Vergasungskammer. Die Wände dieser Kammer sind durch blinde Duschanlagen markiert, was einen riesigen Waschraum vortäuscht ... Von der Gaskammer führt durch die Halle ein Gleispaar zum Ofenraum. Die Vergasung wird nun so vorgenommen, daß die Unglücklichen in die Halle B gebracht werden, wo ihnen gesagt wird, daß sie in das Bad geführt werden. Dort müssen sie sich auskleiden. Hierauf werden sie in die Gaskammer gedrängt. Um diese Menge in die Kammer einpferchen zu können, werden öfters Schüsse abgegeben, um die sich bereits in der Kammer Befindlichen dazu zu veranlassen, daß sie sich zusammendrängen. Wenn schon alles in der Kammer ist, wird die schwere Tür verschlossen. Kurze Zeit wird dann gewartet, vermutlich darum, daß die Temperatur in der Kammer auf eine gewisse Höhe steigen soll, dann steigen SS-Männer mit Gasmasken auf das Dach, öffnen die Klappen und schütten aus Blechdosen ein Präparat in Staubform in die Kammer. Die Dosen tragen die Aufschrift Zyklon zur Schädlingsbekämpfung'... Nach 3 Minuten ist in der Kammer alles tot... Die Kammer wird dann geöffnet, gelüftet und das Sonderkommando führt die Leichen auf flachen Feldbahnwagen zum Ofenraum, wo die Verbrennung stattfindet. " (zit. n. 66/228 f.)
Auf dem Höhepunkt des Massenmordes von Auschwitz-Birkenau konnten theoretisch in 24 Stunden 60 000 Menschen ermordet werden (74/153). Im Juni 1944 wurden in 24 Stunden 24000 ungarische Juden vernichtet (74/170).
In den KZs des Lagerkomplexes Auschwitz und im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau wurden von November 1941 bis Ende 1944 nach polnischen und sowjetischen Schätzungen von 1945, nach Aussagen u. a. von Höß, dem Kommandanten von Auschwitz, und nach Zählungen von Häftlingen zwischen 2,5 und 4 Millionen Menschen von den Nazis ermordet.
Das Vernichtungslager von Auschwitz-Birkenau war das bestialischste Massenmordinstrument, das der Nazifaschismus hervorgebracht hat.
Gegen die Verharmlosung der Naziverbrechen in Auschwitz:
Der Bericht der sowjetischen Kommission von 1945 und der Bericht Rudolf Vrbas über die Zahl der Ermordeten in Auschwitz
In den letzten Jahren wurde die Zahl der in Auschwitz ermordeten Menschen, wie sie in den Nürnberger Prozessen festgestellt wurde, nicht nur von den Nazis selbst, sondern auch von „hochoffizieller" Seite in Frage gestellt. Es wurde 1990 an der Todesrampe von Auschwitz-Birkenau die Tafel entfernt, die die Zahl der im Lagerkomplex Auschwitz Ermordeten mit ca. 4 Millionen angab, „neue Zahlen" wurden präsentiert. Die westdeutschen Medien stürzten sich auf diese Zahlen, auch von westdeutschen Historikern wurde und wird behauptet, daß die Zahl der Ermordeten „aufgrund neuer Forschungsergebnisse" bei 1 bis 1,3 Millionen liege (taz, 18. 7. 90). Diese Zahlen werden aufgrund von erhalten gebliebenen Statistiken der Nazis errechnet und als „wissenschaftlich gesichert" präsentiert. Das ist ein unverschämte Lüge und Demagogie. Die reaktionären Demagogen suggerieren: Nur das, was die Nazis an Dokumenten übriggelassen haben, stellt die geschichtliche Wahrheit über die Zahl der Mordopfer von Auschwitz dar! Sie verschweigen bewußt, daß es einen Himmler-Befehl gab, alle Dokumente über die Zahl der Transporte in die Vernichtungslager zu beseitigen, sie verschweigen bewußt, daß die Nazis alles versucht haben, sämtliche Beweise ihrer Völkermordverbrechen zu vernichten und die Dokumente, die die genaue Zahl der Mordopfer von Auschwitz dokumentieren, entweder zerstört oder nie angefertigt haben.
Mit diesem Manöver werden alle Mordopfer in Auschwitz, über die es heute keine Nazi-Dokumente gibt, bei den „neuesten Berechnungen" aus der geschichtlichen Wahrheit herausoperiert! Mit dieser Methode wird die Zahl der in Auschwitz Ermordeten relativiert.
Aussagen von ehemaligen Häftlingen oder SS-Mördern sowie Untersuchungen von Historikern werden ignoriert bzw. als falsch hingestellt, wie z. B. von
· Rudolf Vrba, Mitglied des „Sonderkommandos" in Auschwitz-Birkenau, der von 2,5 Millionen gezählten Ermordeten ausgeht,
· dem Nazi-Mörder und Lagerkommandanten von Auschwitz, Höß, der die Zahl der Ermordeten mit 3 Millionen bis Dezember 1943 in einer eidesstattlichen Erklärung vom 5. 4. 1946 für den Nürnberger Prozeß gegen die Nazi-Hauptkriegsverbrecher angab, („Nürnberger Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher", hier 17 / Beweisstück PS-3868),
· dem Leiter der Lager-Gestapo in Auschwitz, Grabner, der am 16. 9. 45 zu Protokoll gab, daß es bis Oktober 1943 mindestens 3 Millionen Ermordete waren (47/79),
· sowie der sowjetischen Kommission zur Untersuchung der Nazi-Verbrechen im Lagerkomplex Auschwitz von 1945, die in ihrem Bericht von 4 Millionen Ermordeten bis zur Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee ausgeht.
Genüßlich nützen die Neonazis die Relativierung der Nazi-Verbrechen aus und triumphieren. Die Tendenz der Berichterstattung in den westdeutschen Medien über Auschwitz wird immer eindeutiger: Es war gar nicht so schlimm.
Gegen diese Verharmlosung der Naziverbrechen wollen wir Auszüge der Argumentation von Rudolf Vrba und der sowjetischen Kommission im Wortlaut wiedergeben. Wir wollen diese vergessenen Dokumente in Erinnerung rufen, die die Zahl der direkt von der Rampe Ermordeten in ihre Untersuchung miteinbeziehen und versuchen - soweit es möglich ist - die ungefähre Zahl der in Auschwitz Ermordeten zu schätzen.
Die sowjetische Kommission zu den Ermordeten im Lagerkomplex Auschwitz
Vor ihrem Rückzug versuchten die Deutschen, sorgfältig alle Spuren ihrer scheußlichen Verbrechen in Auschwitz zu verwischen und zerstörten alle Dokumente, durch die die ganze Welt die genaue Zahl der in Auschwitz umgebrachten Menschen erfahren konnte. Aber die riesigen Einrichtungen, die zur Vernichtung von Menschenleben von ihnen im Lager errichtet worden waren, die Aussagen von Auschwitz-Gefangenen, die durch die Rote Armee befreit worden sind, die Aussage von 200 Zeugen, aufgefundene Dokumente und andere wesentliche Beweismittel genügen, um die deutschen Henker der Ausrottung, Vergasung und Verbrennung von Millionen von Menschen im Auschwitz-Lager zu überführen. In den fünf Krematorien allein mit ihren 52 Retorten konnten die Deutschen seit deren Fertigstellung die folgende Anzahl von Gefangenen vernichten:
Im Krematorium Nr. 1, das 24 Monate lang bestand, konnten monatlich 9000 Leichen verbrannt werden, was eine Gesamtsumme von 216 000 während der ganzen Dauer des Bestehens ergibt.
Die entsprechenden Ziffern sind: Krematorium Nr. 2 19 Monate, 90 000 Leichen im Monat, Gesamtzahl 1 710 000 Leichen. Krematorium Nr. 3 18 Monate, 90 000 Leichen im Monat, Gesamtzahl 1.620.000 Leichen. Krematorium Nr. 4 17 Monate, 45.000 Leichen im Monat, Gesamtzahl 765000 Leichen. Krematorium Nr. 5 18 Monate, 45 000 Leichen im Monat.
Die Gesamtfassungskraft der fünf Krematorien war 279 000 Leichen im Monat mit einer Gesamtzahl von 5121 000 Leichen für die ganze Dauer ihres Bestehens.
Da die Deutschen auch eine große Zahl von Leichen auf Scheiterhaufen verbrannten, muß man die Fassungskraft der Einrichtungen für die Vernichtung von Menschen in Auschwitz tatsächlich höher veranschlagen als diese Zahl vermuten läßt. Aber auch wenn man berücksichtigt, daß einzelne Krematorien nicht voll gearbeitet und daß sie zeitweise stillgelegen haben mögen, hat die Technische Kommission festgestellt:
Im Laufe des Bestehens des Lagers Auschwitz haben die deutschen Henker dort nicht weniger als 4 000 000 Staatsangehörige der UdSSR, Polens, Frankreichs, Jugoslawiens, der Tschechoslowakei, Rumäniens, Ungarns, Bulgariens, Hollands, Belgiens und anderer Länder umgebracht.
(Quelle: „Nürnberger Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher", hier: 19/260-261)
Auszüge aus der Erklärung von Rudolf Vrba für den Eichmann-Prozeß
Zusammenfassend sei gesagt, daß meine statistischen Angaben, die im April 1944 den Vertretern der zionistischen Organisationen in der Tschechoslowakei übergeben wurden, auf folgendem beruhten:
a) Auf unmittelbarer Beobachtung der Züge und der Zahl der Wagen;
b) auf Rücksprache mit denjenigen Angehörigen der Transporte, die nicht unmittelbar nach der Ankunft getötet wurden, sondern als Häftlinge im Lager Auschwitz beibehalten wurden;
c) auf dem Umstand, daß ich Zugang zu Unterlagen der sogenannten Wirtschaftsabteilung hatte, die sich mit dem Eigentum der getöteten Personen befaßte;
d) auf Berichten der Schreibstube des Quarantänelagers in Auschwitz, zu denen ich Zugang hatte;
e) alle diese Zahlen wurden durch unmittelbare Information von seiten jener Häftlinge überprüft, die in den Gaskammern und in den Krematorien von Auschwitz arbeiteten und die genauen Zahlen kannten, da sie mit den Leichen der getöteten Personen zu tun hatten.
Auf der Grundlage von Informationen, die in der oben angegebenen Weise gesammelt und überprüft wurden, wurden während des Krieges meine statistischen Unterlagen zusammengestellt; sie bildeten einen Teil des Materials der Anklage beim Nürnberger Prozeß unter der Dokumentennummer NG 1061.
Gemäß diesen statistischen Unterlagen belief sich die Zahl der in Auschwitz getöteten Personen bis zum 7. April 1944 auf ungefähr 1750000, wobei der höchstmögliche Fehler ungefähr zehn Prozent nicht übersteigt.
Ich möchte darauf hinweisen, daß diese statistischen Angaben nur Zahlen bezüglich der in Auschwitz in der Zeit bis zum 7. April 1944 getöteten Personen enthalten und daß die Zahl, die sich aus meinen statistischen Unterlagen ergab, keine Personen einschloß, die nach dem 7. April 1944 getötet wurden, im wesentlichen Ungarn, die in meiner Statistik nicht aufgeführt waren, da ihre Ausrottung erst im Mai 1944 begann, also mehr als einen Monat nach meiner Flucht aus Auschwitz. Das Ergebnis der ungarischen Transporte belief sich auf etwa 400 000 getötete Personen, was die Zahl der in Auschwitz getöteten Personen auf 2150000 ansteigen läßt. Darüber hinaus haben 400000 Häftlinge Auschwitz durchlaufen, und aus offiziellen Statistiken aus der Nachkriegszeit geht hervor, daß von diesen 400 000 Häftlingen ungefähr 50 000 noch lebten, so daß die Totenliste von Auschwitz etwa die Zahl 2500000 ergibt. Diese Zahl von 2500000 errechnet sich aus dem Endwert meiner statistischen Unterlagen im April 1944, wozu die bekannte Zahl von 400 000 Ungarn kommt, die im Mai, Juni und Juli 1944 getötet wurden, dazu die offizielle Zahl von etwa 350 000 registrierten Häftlingen, die in Auschwitz umgekommen sind.
Daher beläuft sich auf Grund meiner Berechnungen die endgültige Zahl der Toten im Konzentrationslager Auschwitz auf 2 500 000. Schließlich möchte ich noch darauf hinweisen, daß der Lagerkommandant von Auschwitz, Rudolf Höß, zwei Jahre nach dem Krieg, also 1947, verhaftet und vor ein Gericht gestellt wurde. Vor diesem Gerichtshof erklärte Rudolf Höß, dem die Vergasung der Ankömmlinge unterstand, ihm sei verboten gewesen, irgendwelche statistischen Unterlagen über die Zahl der Menschen, die eintrafen, zu behalten, da er, ohne irgendwelche Durchschläge seiner Berichte einzubehalten, nur nach Berlin zu meiden hatte. Soweit er dies aber auf Grund seiner Erinnerung und seiner Schätzung angeben könne, habe die Zahl der Opfer in Auschwitz 2 500 000 betragen.
So haben meine Schätzungen der Zahl der Toten durch Rudolf Höß, obwohl sie unabhängig voneinander und unter Benutzung verschiedener Methoden vorgenommen wurden, nichtsdestoweniger übereingestimmt ...
Rudolf Vrba
Israelische Botschaft, London, 16. Juli 1961
(Quelle: Rudolf Vrba, „Ich kann nicht vergeben", 81/312-313)
II. MERKMALE DES HERRSCHATS- UND SPITZELSYSTEMS IN DEN KZs UND VERNICHTUNGSLAGERN
Die SS-Wachmannschaften - Teil des Nazistaatsapparates
Der systematisch erzeugte Hunger, prügelnde und mordende SS-Leute, das System von Täuschung und Terror - all das war Teil des Herrschaftssystems der Nazis in den KZs und Vernichtungslagern. Doch die Nazis entwickelten noch weitere Methoden und Mittel, um ihre Herrschaft in den KZs aufrechtzuerhalten. Um Widerstand leisten zu können, mußten die Häftlinge ihren Feind und alle seine wichtigsten Methoden genau kennen.
Die direkte Bewachung der Häftlinge in den KZs und die Überwachung und Durchführung des fabrikmäßigen Völkermordes in den Vernichtungslagern übernahmen vor allem die SS-Wachmannschaften. Sie waren militärische Spezialtruppen des Nazifaschismus, Teil des nazifaschistischen Staatsapparates, die mit modernen Waffen zur Aufstandsbekämpfung ausgerüstet waren. Sie waren der direkte und hauptsächliche Feind des antinazistischen Kampfes der Häftlinge. Es gab ab 1941/42 in einigen Lagern bis zu einigen hundert Mann Hilfstruppen, die sich vor allem aus ukrainischen und lettischen pronazistischen Kräften zusammensetzten. Sie standen unter dem Befehl der SS, wurden von ihnen ausgebildet und zur Bewachung und Ermordung der Häftlinge eingesetzt. Die Hilfstruppen wurden von der SS verachtet. Die SS betrachtete sie als ihre Diener und ließ sie das auch spüren. Deshalb hatten viele Mitglieder dieser Mördertruppen auch einen gewissen Haß auf die SS-Wachmannschaften.
Die SS-Mörder nannten sich selbst treffend „Totenkopfverbände". Etwa 40 000 SS-Leute standen den Nazis für alle Lager zur Verfügung. Wie alle SS-Mitglieder (außer den zwangsrekrutierten KZ-Häftlingen in der SS-Einheit „Dirlewanger") waren es Freiwillige, moralisch verkommene Elemente, die sich vom Nazifaschismus vor allem Reichtum durch Ausplünderung anderer Völker erhofften und für Geld zu den schlimmsten Verbrechen bereit waren. Sie waren durch und durch korrupt und bestechlich. Die „Erziehung" der SS-Mörder lief ungefähr so ab: Bevor jemand zu den SS-„Totenkopfverbänden" kam, mußte er durch die „Schule" der tagtäglichen „Praxis" der Allgemeinen SS - diese bestand aus Mord, Vergewaltigung etc. und der ideologischen Bearbeitung durch den nazistischen Chauvinismus und Rassismus. Bewährte er sich, wurde er ausgewählt und zur speziellen „Ausbildung" der SS-Wachmannschaften geschickt, die zumeist im KZ Dachau stattfand. Vor allem dort wurde diesen SSlern mit Hilfe eines auf die Spitze getriebenen preußischen Kasernenhofdrills ihre besonders bestialische Mord- und Folterlust und alle anderen Eigenschaften anerzogen, die sie für ihren „Dienst" in den KZs und Vernichtungslagern brauchten. Nur die brutalsten, gehorsamsten und „besten" Mörder, die allerübelsten Henkersknechte wurden dafür genommen.
Die SS-„Totenkopfverbände" verkörperten die widerlichsten Eigenschaften des Nazifaschismus in sich: rassistisches und chauvinistisches „Herrenmenschentum" war ihnen in Fleisch und Blut übergegangen, ihre bestialische Grausamkeit auch gegen wehrlose Kinder und Greise war berüchtigt, ihre Pedanterie war gepaart mit widerlichstem Sadismus, Zynismus und Hinterhältigkeit, sie zeigten „deutsche Gründlichkeit" auch beim Völkermord. Blinder Kadavergehorsam gegenüber ihren Vorgesetzten, ihrem „Führer" und „Kreativität" und Unberechenbarkeit bei der Erfindung von immer neuen Bestialitäten, bei der „Ausübung" ihres „Dienstes", waren vorherrschend.
Eugen Kogon charakterisiert die SS-„Totenkopfverbände" folgendermaßen:
„Unerbittliche, keiner menschlichen Regung mehr zugängliche Fachleute der Brutalität, die wie die Derwische hinter den wehenden Fahnen ihres Propheten hermarschierten, während rechts und links die Opfer ... zu Tausenden fielen - das war es, was Himmler brauchte, wenn es galt, nicht nur das deutsche Volk im Zaum zu halten, sondern auch der Vielfalt der Welt mit ihren, minderwertigen Rassen' Herr zu werden. "
(Eugen Kogon, „Der SS-Staat", 37156-57)
Mit diesem grausamen Feind waren die Häftlinge konfrontiert. Sie mußten ihn kennen, um ihn wirklich bekämpfen zu können. Es galt die ganze Gefährlichkeit und Stärke der SS zu erkennen, z. B. beim Herauspressen von Geständnissen aus Häftlingen durch systematische Folter. Dabei hatte die SS einige „Erfolge" aufzuweisen. Auch die Anwendung des Geiselprinzips durch die Nazis war eine sehr wirksame Methode, um gegen den Widerstand vorzugehen. Wenn jemand Widerstand leistete, dann wurde nicht nur der Widerstandsleistende von den Nazis ermordet, sondern oft auch die Häftlinge seines ganzen Blocks. Das war jedem Häftling bewußt, das schränkte vor allem den offenen Widerstand enorm ein.
Für die Widerstandsorganisation ging es aber vor allem darum, den Mythos der „Unbesiegbarkeit" der SS zu zerstören, ihre Schwächen zu studieren, die die Häftlinge für ihren Kampf ausnutzen konnten.
Dazu war es nötig, die wichtigsten Typen der SS-Mörder zu kennen und zu unterscheiden. Denn nicht alle SS-Leute waren gleich.
Der in mancherlei Hinsicht gefährlichste Gegner war der Typ des „intellektuellen" SSlers. Besonders dieser Typ wurde zur Führung der Lager, zur selbständigen Organisierung des Herrschaftssystems eingesetzt. Er war besonders „erfinderisch" in dieser Hinsicht. Auch gegen Ende des Krieges war dieser Typ noch weitblickend, diente immer noch vorzüglich seinen Herren, den deutschen Imperialisten. Der Prototyp war Höß, der Kommandant von Auschwitz. Praktisch in jedem Bereich der Lager gab es „kleine Höß".
Zum zweiten Typ gehören der „normale" SS-Mörder, der „Mitläufer". Das soll nicht heißen, daß diese SSler keine Schuld an ihren Verbrechen hätten. Diese Lüge verbreitet der deutsche Imperialismus immer wieder über die Waffen-SS, die angeblich ja nur ihre „Pflicht" getan hätte, in Wirklichkeit aber eine ähnlich üble Mörderbande war, wie die SS-Wachmannschaften, die die Völkermordverbrechen der Nazis mit durchführte. Dieser SS-Typ ist meist erst gegen Ende des Krieges zu den SS-Wachmannschaften gekommen, sah sich selbst nicht als zugehörig zum „SS-Adel" an, gehörte meist zu den niederen SS-Rängen. Er war trotzdem natürlich Todfeind der Häftlinge. Doch vor allem gegen Ende des Krieges, mit der sich abzeichnenden militärischen Niederlage der Nazis, war es möglich, daß vor allem dieser Typ immer bestechlicher wurde, aus Angst weniger Verbrechen beging. Ein anderer SS-Typ war der „Schwankende". Er kam sicherlich nur ganz vereinzelt vor. Er war auch Nazi, aber von besonders grausamen Nazi-Verbrechen - keineswegs von dem „normalen" Terror - teilweise doch etwas angewidert, war kein sadistischer SS-Mörder, wie viele SS-Männer, denen es Freude bereitete, ihre Opfer bestialisch zu quälen. In der Zeit der militärischen Nazi-Siege war dieser Typ kaum bereit, etwas für die Häftlinge zu tun. Erst mit der sich abzeichnenden Niederlage änderte sich das teilweise.
Die SS-Wachmannschaften waren keine perfekt funktionierende Mörderbande. Es war möglich, auch diese Henkersknechte in eine Lage zu bringen, in der sie besiegt werden konnten.
Das Spitzelsystem
Die Nazis wußten genau, daß ihre SS-Mörderbande nicht ausreichte, um die in bestimmten Zeiten bis zu 700000 Häftlinge, die bis zu 95 Prozent aus anderen Ländern kamen, unter Kontrolle zu halten, jeden Widerstand schon im Keim zu ersticken und die geplante Vernichtung von ganzen Völkern, den Juden und Sinti und Roma, reibungslos zu garantieren. Dazu waren weitere Methoden der konterrevolutionären Unterdrückung notwendig.
Eine dieser Methoden war der Aufbau eines verlängerten Arms der SS in den KZs und auch in den Vernichtungslagern, eines ausgefeilten und weitverzweigten Spitzelsystems.
In einem Rundschreiben des SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamtes vom 31. 3. 1944 an die Kommandanten aller KZs heißt es:
„Es hat sich als unbedingt notwendig und überaus wichtig herausgestellt, daß die Häftlinge in den Lagern durch geeignete Mithäftlinge (Spitzel) überwacht werden."
(18/Dokument NO-1554)
Für den Aufbau eines solchen Systems war eine besondere Abteilung der Gestapo in den Lagern zuständig.
Der SS war schnell klar, daß nur Häftlings-Spitzel wirklich Erfolg garantieren konnten. Eugen Kogon schildert sehr anschaulich die verschiedenen Versuche der SS, in den Widerstand einzudringen:
„SS-Führer gingen zuweilen in Häftlingskleidern ins Lager - ein kindischer Versuch etwas in Erfahrung bringen zu wollen, da sie eine Fülle typische Kleinigkeiten des Häftlingslebens nicht beherrschten; sie wurden sofort erkannt und überwacht. Die Folge waren nur verschärfte Aufmerksamkeit der Gefangenen und weiter gesteigertes Mißtrauen. Auch die Verwendung nationalsozialistischer Häftlingsspitzel hat sich für die Gestapo und die SS nicht bewährt. Ehe die Neuzugänge überhaupt das eigentliche Lager, also den Stacheldrahtbereich, betreten hatten, war, wenn sie irgendwie nationalsozialistischen oder verwandten Kreisen angehörten, ihr ‚Steckbrief’ der internen Lagerleitung und den maßgebenden Männern auf seiten der Häftlinge bereits zugeleitet. Zuverlässige Augen und Ohren waren stets vom ersten Augenblick an auf die Neuen` gerichtet, die ja noch stunden- und tagelang Etappen durchlaufen mußten, in denen sie von Häftlingen auf Herz und Nieren geprüft werden konnten. Nationalsozialisten blieben im Lager abgekapselt, bis sie entweder unschädlich gemacht waren oder sich als einwandfrei ungefährlich erwiesen hatten (ein Glück, das nur sehr wenigen zuteil wurde). Erfolge hatte die SS nur mit Spitzeln aus dem Lager selbst..." (37/328)
Unter den besonderen Bedingungen in den Nazi-Lagern, in der nahezu unerträglichen Situation von Hunger, Krankheit, Folter und Mord, schaffte es die SS relativ leicht, Spitzel aus den Reihen der Häftlinge zu „werben". Die Vorstellung, nur wenn man für die SS „arbeitete", sein Leben retten, ja sich vielleicht sogar am Reichtum der SS beteiligen zu können, wirkte vor allem auf „Grüne", von den Nazis als kriminell eingestufte Häftlinge, auf Mitglieder von Ausbeuterklassen, auf Renegaten aus den Reihen sozialdemokratischer Parteien, aber auch auf Renegaten aus kommunistischen Parteien. Vor allem aus diesen Elementen setzten sich die Spitzel zusammen. Besonderen Wert legte die SS auf Spitzel, die ehemalige Antinazisten oder Kommunisten und schon eine Zeit lang im Lager waren. Von diesen Kräften erwarteten sich die Nazis die größten Erfolge, weil diese mit dem Lagerleben und mit dem antinazistischen Widerstand bekannt waren.
Die Nazis gewannen vor allem auch Spitzel durch die Androhung der Ermordung, Repressalien gegen Familienangehörige oder durch Folterungen, nach denen der Häftling vor die Alternative gestellt wurde, entweder für die SS zu spionieren oder weiter gefoltert zu werden. In bestimmten Fällen wurden sogar einzelne Spitzel zu Spezialkursen nach Berlin geschickt, wo sie regelrecht ausgebildet wurden.
Das System von „Teile und Herrsche"
Der Nazi-Führung war klar, daß sie das riesige KZ-Lagersystem nur kontrollieren konnte durch den Aufbau eines Systems von „Teile und Herrsche".
Der SS-Führer Höß, Kommandant von Auschwitz, hat das Ziel eines solchen Systems folgendermaßen formuliert:
„Im KZ wurden diese Gegensätze (zwischen den Häftlingen, A. d. V.) von der Führung eifrigst aufrechterhalten und geschürt, um so ein festes Zusammenschließen aller Häftlinge zu verhindern. Nicht nur die politischen, auch besonders die farbigen Gegensätze (zwischen den Häftlingen mit verschiedenen „ Winkelfarben ", A. d. V. ) spielten dabei eine große Rolle. Keiner noch so starken Lagerführung wäre es sonst möglich, Tausende von Häftlingen im Zügel zu halten, zu lenken, wenn diese Gegensätze nicht dazu helfen würden." (48/47)
Systematisch knüpften die Nazis an alle möglichen schon vorhandenen chauvinistischen und rassistischen Vorurteile bei den Häftlingen an, vor allem gegen die jüdische Bevölkerung, gegen Sinti und Roma und die „slawischen Untermenschen", um die verschiedenen nationalen Gruppen gegeneinander auszuspielen und aufzuhetzen.
Der Antisemitismus und auch der Haß auf Sinti und Roma war in Deutschland am tiefsten verwurzelt, aber auch in anderen Ländern, z. B. im reaktionären Pilsudski-Polen, wurde er von den Herrschenden geschürt und war auch bei Häftlingen aus anderen Ländern vorhanden.
Vor allem die deutschen und die österreichischen Häftlinge wurden von den Nazis rassistisch als „Arier" bezeichnet und entsprechend privilegiert behandelt. Die anderen Häftlinge sollten dadurch gegen sie aufgehetzt werden, es sollte in ihre Köpfe eingebrannt werden: „Seht ihr, die stehen ja auf der Seite der SS."
Vor allem die jüdischen Häftlinge, die Sinti und Roma und auch polnische und sowjetischen Häftlinge wurden als „Untermenschen" bezeichnet und barbarisch gegen sie vorgegangen. Manchmal - wie in Auschwitz - wurde versucht zu suggerieren, daß die Sinti und Roma besser behandelt würden als die anderen Häftlinge, um den Haß auf diese Art und Weise gegen sie zu schüren. Es war ein ausgefeiltes, abgestuftes Hierarchiesystem, das die SS sich schuf - an der Spitze standen die „Arier", am Ende die „Untermenschen". Damit war ein Mittel geschaffen, um eine Häftlingsgruppe gegen eine andere ausspielen zu können. Auch innerhalb der nationalen Gruppen wurden die Gegensätze geschürt. Hauptsächlich politische Widersprüche, aber auch Widersprüche zwischen verschiedenen Schichten und Klassen benutzte die SS, um den Zusammenhalt der einzelnen nationalen Gruppen zu schwächen.
In den KZs bekamen die Häftlinge von Anfang an einen farbigen Winkel auf ihre Häftlingskleidung genäht, und vor allem ab 1938/39 darüber den Anfangsbuchstaben für die von den Nazis eingeteilten „Nationalitäten" (z. B. „P" für polnische Häftlinge oder „R" für sowjetische Häftlinge. Die deutschen Häftlinge bekamen keinen Buchstaben aufgenäht). Das Ziel dieses „Winkelsystems" war vor allem, daß die SS selbst sofort erkannte aus welchem Land der Häftling war, welcher nationalen Gruppe er angehörte und aufgrund welcher angeblicher „Verbrechen" er eingeliefert worden war. Denn entsprechend wurde er von der SS behandelt. Gegen einen jüdischen Häftling mußte entsprechend dem System von „Teile und Herrsche" ja ganz anders vorgegangen werden als gegen einen sogenannten „arischen" Deutschen.
Die wichtigsten „Kategorien", nach denen die Nazis die Häftlinge einteilten, waren folgende:
Für die „Politischen" hatten die Nazis den roten Winkel vorgesehen, für die „Kriminellen" den grünen Winkel. Aber nicht alle „Politischen" waren wirkliche Nazi-Gegner, wie auch nicht alle „Kriminelle" pronazistisch eingestellt waren. Jedoch geht aus eigentlich allen Häftlingsberichten hervor, daß der größte Teil der „Politischen" ehrliche Antinazisten waren, daß sich der größte Teil der Häftlinge mit dem grünen Winkel auf die Seite der Nazis stellten.
Jüdische Häftlinge oder Häftlinge, die die Nazis als „Juden" einstuften, mußten oft zusätzlich einen gelben Winkel tragen. Sinti und Roma mußten meist den schwarzen Winkel tragen - den die Nazis den sogenannten „Asozialen" aufnähten - mit einem großen „Z" darüber, für „Zigeuner", oder auch einen braunen Winkel. Den rosa Winkel mußten die von den Nazis als „Homosexuelle" eingestuften männlichen Häftlinge tragen.
In Form von Querbalken und Punkten gab es noch zusätzliche Kennzeichnungen, die der SS anzeigten, ob ein Häftling z. B. zum zweiten Mal in ein KZ eingeliefert worden war oder ob er schon einmal versucht hatte zu flüchten.
Mit „Zuckerbrot und Peitsche" wurde versucht, einzelne Häftlinge zu korrumpieren. Zuerst ging die SS mit aller Brutalität gegen Häftlinge vor, ließ sie Hunger, Prügel und Folter spüren, die „Peitsche". Dann wurden nach und nach „Zuckerstücke" angeboten. Ein Stück Brot mehr, ein anderes Arbeitskommando oder weniger Prügel von der SS - all das konnte für einen Häftling über Leben und Tod entscheiden. Diese Nazi-Methode war oft erfolgreich, viele Häftlinge ließen sich angesichts der schrecklichen Lebensbedingungen korrumpieren, die Gegensätze konnten weiter verschärft werden.
Die sogenannte „Häftlingsselbstverwaltung"
Die sogenannte „Häftlingsselbstverwaltung" wurde eng und raffiniert mit der Schürung der nationalen und politischen Gegensätze verknüpft, ja diente auch der weiteren Steigerung dieser Gegensätze zwischen den Häftlingen.
Dies erläuterte Himmler im Sommer 1944 vor Generälen der Naziwehrmacht:
„Diese rund 40000 deutschen politischen und Berufsverbrecher ... sind mein ‚Unteroffizierscorps’ für diese ganze Gesellschaft. Wir haben hier sogenannte Capos eingesetzt. Also einer ist verantwortlicher Aufseher ... über 30, 40, über 100 andere Häftlinge. In dem Moment, wo er Capo ist, schläft er nicht mehr bei denen ... In dem Moment, wo wir nicht mehr zufrieden sind, ist er nicht mehr Capo, schläft er wieder bei seinen Männern. Daß er dann von denen in der ersten Nacht totgeschlagen wird, das weiß er ... Weil wir mit den Deutschen allein nicht auskommen, wird es hier also selbstverständlich so gemacht, daß der Franzose ein Capo über Polen, daß ein Pole Capo über Russen, ... daß eben hier nun eine Nation gegen die andere ausgespielt wird. "
(48/32)
In solchen riesigen KZs wie z. B. Buchenwald (1943: 60000), Mauthausen (1944: über 70000) oder auch Auschwitz-Birkenau (Ende 1944: 150 000) war es der SS nicht möglich, jeden einzelnen Block zu überwachen und zu kontrollieren. Deshalb wollten die Nazis die einzelnen Blocks - im Gegensatz zur Bewachung des ganzen Lagerkomplexes durch die SS - von einer „Häftlingsselbstverwaltung" kontrollieren lassen. Nicht nur die SS sollte in den KZs und Vernichtungslagern prügeln, sondern die Häftlinge sollten auch mit prügelnden Häftlingskapos konfrontiert werden, die nach SS-Plan die Baracken im Lager beherrschen, dort ein blutiges Regiment errichten sollten.
Die wichtigsten weiteren Aufgabenbereiche, die die SS dieser „Verwaltung" zugedacht hatte, waren darüber hinaus: Essensausgabe und -verteilung sowie die Übernahme von Aufgaben im Häftlingskrankenbau; Funktionäre dieser „Verwaltung" sollten als Kapos die Häftlinge bei der Sklavenarbeit antreiben; und gegen Ende des Krieges sollten sie einen „Lagerschutz" bilden, den die SS dazu benutzen wollte, Todestransporte in die Vernichtungslager zusammenzustellen und die Häftlinge in die Viehwaggons zu prügeln.
Unter Wahrung der pronazistischen Führung sollten systematisch Sozialdemokraten und vor allem deutsche und österreichische Kommunisten in diese „Verwaltung" von SS' Gnaden eingebunden werden. Diese Teilnahme sollte auch dazu dienen, die Antinazisten vor den anderen Häftlingen zu diskreditieren, sie als SS-Lakaien hinzustellen. Das Kalkül der SS war dabei, die Antinazisten moralisch zu korrumpieren durch ihre Beteiligung an der Macht, durch eine materielle Besserstellung als „Häftlingsfunktionäre". Die Situation zwischen den nationalen und politischen Gruppen der Häftlinge sollte so systematisch verschärft werden, die Häftlinge sollten gegeneinander aufgehetzt und so vom Kampf gegen die SS abgelenkt werden.
II. ANTINAZISTISCHER WIDERSTAND UND DIE ROLLE DER KOMMUNISTISCHEN KRÄFTE
Kampf gegen Spaltung, Demoralisierung und für die Verbesserung der Überlebenschancen in den KZs
Wo fängt Widerstand in KZs und Vernichtungslagern an? Angesichts dieser unvorstellbaren Bedingungen in den Nazi-Lagern, angesichts der Ziele dieses Nazi-Systems, ist unter Widerstand in den Nazi-Lagern etwas anderes zu verstehen als z. B. heute in den Gefängnissen des deutschen Imperialismus.
Mit Hungerstreiks oder ähnlichen Mitteln zu kämpfen, war in den Nazi-Lagern absolut undenkbar. Auch deshalb, weil es in jedem KZ zusätzlich zum täglichen Hunger sogenannte „Stehbunker" gab, in die die Häftlinge zur „Strafe" gepfercht wurden und wo sie die SS verhungern ließ.
Es war nicht daran zu denken, mit den körperlich und geistig völlig erschöpften Häftlingen solche Kampfformen zu entwickeln, wie Sabotage, Flucht oder gar einen bewaffneten Aufstand, ohne die physische Konstitution, die Moral, den Lebenswillen von Häftlingen bis zu einem gewissen Grade aufgerichtet zu haben.
Widerstandsformen, die die Häftlinge physisch und psychisch aufgerichtet, ihre Lebensbedingungen verbessert, Häftlingsleben gerettet haben, waren der erste Schritt im notwendigen Kampf gegen die von den Nazifaschisten maximal betriebene Politik des „Teile und Herrsche", von Folter und Privilegierung, von „Zuckerbrot und Peitsche".
Jede Widerstandsorganisation stand vor der großen Aufgabe, die von den SS-Aufsehern bewußt geschürten nationalen und ideologischen Gegensätze zu überbrücken und zu überwinden. Die antinazistischen Widerstandsgruppen mußten dies durch vorbildhafte internationalistische Haltung und Solidarität zu erreichen versuchen und damit die Achtung der Mitgefangenen verschiedener Nationalität, Sprache und Weltanschauung gewinnen. In zugespitzter Situation mußte bewiesen werden, was es heißt, wirklicher Internationalist zu sein. Folgende grundsätzlichen Probleme stellten sich bei der Verbesserung der Überlebenschancen der Häftlinge, aber auch insgesamt bei jeglicher Form von Widerstand:
Die Frage war, ob sich die Antinazisten an der „Häftlingsselbstverwaltung" beteiligen sollen. Der Kampf innerhalb der „Häftlingsselbstverwaltung" verlangte von den Antifaschisten in höchstem Maße die Fähigkeit, die unversöhnliche revolutionäre Einstellung und Prinzipienfestigkeit mit einem Maximum an Elastizität und Manövrierfähigkeit im Eingehen von Kompromissen, im Anwenden der verschiedensten Kampfformen zu verbinden. Nahmen sie den Kampf um die Führung dieser „Verwaltung" gegen die pronazistischen Kräfte auf, dann gab es die Chance, prügelnde Kapos zu entfernen, eine bessere Verteilung des Essens zu gewährleisten, Häftlinge im Krankenbau zu verstecken oder durch Listenmanipulation in den Schreibstuben diesen oder jenen vor dem sicheren Tod zu retten etc. Durch die Besetzung solcher Posten konnten Möglichkeiten geschaffen und ausgenutzt werden, die die Lebensbedingungen für die Häftlinge und die Bedingungen für den Widerstand verbesserten. Allerdings gab es auch die andere Seite: Wer Funktionen eines Kapo übernahm, hatte dafür zu sorgen, daß die Befehle der SS durchgeführt wurden, also ein vorgeschriebenes Arbeitspensum erledigt, die Nazi-Ordnung eingehalten wurde. Er wurde teilweise auch gezwungen, andere Häftlinge zu prügeln, ja zu ermorden.
Hier immer konkret jegliche Anpassungspolitik, jegliche Kollaboration mit dem Feind, jegliche unzuläßigen Kompromisse zu erkennen und zu vermeiden, sich nicht korrumpieren zu lassen, den unversöhnlichen Haß gegen die Nazis zu bewahren und gleichzeitig nicht solche Kompromisse abzulehnen, die den Häftlingen nützten - vor diese Aufgabe waren auch die kommunistischen Kräfte in der „Häftlingsselbstverwaltung" tagtäglich gestellt. Waren antinazistische Häftlinge in der „Häftlingsselbstverwaltung", konnte versucht werden, Widersprüche innerhalb des Nazi-Systems zu verstärken. Dabei bestand die große Gefahr, selbst ausgenutzt zu werden anstatt auszunutzen. Dagegen gab es nur ein wirksames Mittel: Jeden Schritt, den man macht, vorher mit dem Kollektiv beraten und kollektiv entscheiden, ob dieser Schritt richtig ist.
Notwendig im Kampf innerhalb der KZs waren die scheinbar kleinen Erfolge, der Kampf um das schlichte Überleben im KZ, der Kampf gegen die Nazi-Ideologie und -propaganda, um sich durch ständige Demütigungen und Demoralisierungsversuche nicht unterkriegen zu lassen, der Kampf zur Rettung möglichst vieler Leben. Ohne auf diese Erfolge verzichten zu können, war es dennoch vorrangig notwendig, das große Ganze, die Gesamtsituation im Auge zu behalten, die Konsequenzen der tagtäglichen Praxis genau zu durchdenken und zu hinterfragen und auf die große Aufgabe hin zu orientieren, den Aufstand zu planen und vorzubereiten. Dabei galt es sich immer wieder bewußtzumachen, daß der Kampf innerhalb der KZs und Vernichtungslager des Nazifaschismus ein Teil des weltweiten Kampfes gegen die Nazis war und dem Ziel diente, den Nazifaschismus zu besiegen.
In den „reinen" Vernichtungslagern war nahezu die einzige Möglichkeit, Widerstand zu leisten, das Stoppen der Vernichtungsmaschinerie der Nazis durch einen bewaffneten Aufstand. In Auschwitz, einem Lagerkomplex mit „Doppelcharakter", gab es ein ähnliches Problem: Die Erfolge in der Verbesserung der Bedingungen im Lagerleben konnten den Völkermord an den europäischen Juden, den Sinti und Roma im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau nicht stoppen, nicht einmal bremsen.
Verbesserung der Lebensbedingungen, um die Kampfbereitschaft zu erhöhen, und Rettung von Häftlingsleben in den KZs
In den „normalen" Konzentrationslagern wurde die Aufgabe, die Rettung von Häftlingsleben, die Verbesserung der Überlebenschancen durchzuführen, auf vielfältige Weise organisiert.
Zum einen wurde versucht, der SS Maßnahmen zur Verbesserung der allgemeinen Lebenslage, zur Drosselung der Sterblichkeitsrate abzuringen. Zum anderen wurde versucht, schwache und entkräftete Häftlinge „krank zu schreiben" und für diese zusätzliche Lebensmittel zu organisieren. Eine weitere Aufgabe bestand darin, Häftlinge vor der sicheren Ermordung zu retten, z. B. durch Streichung von der Todesliste, durch Einteilung in bestimmte Arbeitskommandos, durch Verstecken von Häftlingen oder durch Austauschen ihrer Identitätspapiere bzw. Herausoperieren ihrer Kennummern.
Diese Widerstandsformen wurden vor allem durch Häftlinge ausgeübt, die in der „Häftlingsselbstverwaltung" arbeiteten. In den „normalen" KZs hatte dies vor allem positive Auswirkungen.
Ein großes Problem aller dieser Widerstandsformen war, daß die Häftlinge der Widerstandsorganisationen selbst auswählen mußten, daß eben nicht allen Häftlingen geholfen werden konnte. Sie standen somit Tag für Tag vor der riesigen moralischen Belastung, wem soll die Hilfe zukommen, wem nicht? Sie mußten selbst über die Frage von Leben oder Tod entscheiden. Häftlinge, die in der „Häftlingsselbstverwaltung" arbeiteten, mußten die Todeslisten zusammenstellen, mußten entscheiden, wer darauf gesetzt wird und wer nicht. Das ergab Möglichkeiten, Antinazisten und Kommunisten zu schützen, pronazistische Elemente, Spitzel oder prügelnde Kapos auf die Todeslisten zu setzen, um sie so loszuwerden.1
Ein weiteres Problem war, daß selbst die kleinsten Hilfen, wie z. B. Brot teilen, fast alle verboten waren und oftmals mit dem Tod bestraft wurden. Wenn versteckte Häftlinge von der SS gesucht wurden, nicht entdeckt werden konnten, drohten Repressalien für das ganz Lager, z. B. Essensentzug, Erschießung ganzer Blocks. Ein Aufenthalt im Krankenbau barg die Gefahr in sich, auf einen Transport zur Vernichtung geschickt zu werden.
Man kann sich eigentlich gar nicht vorstellen, daß es unter den unvorstellbar barbarischen Bedingungen in den KZs überhaupt möglich war, einen legalen Kampf zu führen. Und doch ging es. Wie war das Verhältnis von legalem und illegalem Kampf in den KZs? Die Drosselung der Sterblichkeitsrate, die Rettung von Häftlingen vor der Ermordung durch Einteilung in bestimmte Arbeitskommandos - all dies war auch ein legaler Kampf gegen die SS durch die antinazistischen Häftlingsfunktionäre, ein Abtrotzen von Zugeständnissen. Andere Maßnahmen zur Verbesserung der Überlebenschancen in den KZs erfolgten unter strengster Illegalität.
Unter den Bedingungen der KZs war an einen kontinuierlichen antinazistischen Widerstand ohne Verbindung des legalen Kampfes mit dem illegalen Kampf nicht zu denken; er war nur möglich auf der Basis illegaler Organisierung. Jede legale Organisation wäre von der SS sofort vernichtet worden. Deshalb war es von Anfang an bei der Schaffung des organisierten Widerstandes von zentraler Bedeutung, daß nur Antinazisten beteiligt werden konnten, die die Grundlagen des illegalen Kampfes schon beherrschten oder ganz schnell erlernen konnten.
Ein Netz von Verbindungen und Kontakten wurde geknüpft nach einem zentralen Grundsatz illegaler Arbeit: „Jeder darf nur soviel wissen, als er für seine Arbeit wissen muß". Es wurde eine Vielzahl von Techniken entwickelt, um dieses Netz vor dem Zugriff der SS und ihrer Spitzel zu schützen. Diese Techniken waren nicht nur für die Organisierung eines bewaffneten Aufstandes wichtig, sondern auch für den Kampf gegen die Demoralisierung, für die Verbesserung der Überlebenschancen der Häftlinge.
Aber ohne Ausnutzung der legalen Möglichkeiten des Kampfes gegen das Nazi-System, die es selbst in den KZs gab, war an die Vorbereitung des bewaffneten Aufstandes nicht zu denken. An einem Beispiel wird das deutlich: Es wurde in vielen KZs versucht, der SS Zugeständnisse abzuringen durch Häftlinge, die in der „Häftlingsselbstverwaltung" arbeiteten. Diese schafften es z. B., den Kampf gegen Typhus aufzunehmen, indem sie die Angst der SS vor dieser ansteckenden Seuche ausnutzten und auf legalem Wege bestimmte Verbesserungen durchsetzen konnten. Dieser legale Kampf diente der Vorbereitung des Aufstandes, denn er richtete die Moral auf, verbesserte die physische Konstitution der Häftlinge. Gleichzeitig schaffte der Kampf in der „Häftlingsselbstverwaltung" Möglichkeiten für den illegalen Kampf, für den Kampf um die Vorbereitung des bewaffneten Aufstandes. Erst dadurch war es möglich, z. B. an Schlüssel für Verstecke oder für die SS-Waffenkammer heranzukommen.
Ein Beispiel dafür ist aus dem Stammlager Auschwitz überliefert. Dort traf sich die Leitung der Kampfgruppe Auschwitz zu ihren illegalen Sitzungen in einem Versteck, das Ernst Burger organisiert hatte, ein führender österreichischer Kommunist in der Leitung der Kampfgruppe Auschwitz, der in der „Häftlingsselbstverwaltung" arbeitete und im Kampf gegen die Nazis Hervorragendes geleistet hat. Dort wurde auch über die Vorbereitungen zum bewaffneten Aufstand debattiert. Dies wird von Hermann Langbein, einem österreichischen Mitglied der Leitung der Kampfgruppe und damaligen Kommunisten, in seinen direkt nach 1945 geschriebenen Erinnerungen so geschildert:
„Im Block 4 ... ist unter der Kellerstiege ... ein Holzverschlag, eng und dunkel ... Der Verschlag hat ein Schloß, und Ernstl (Ernst Burger, A. d. V.) als Blockschreiber hat den Schlüssel. Hier sperren wir uns immer ein, wenn wir mit Jozek und Tadek (zwei polnische Antinazisten, A. d. V.) unsere Besprechungen haben. Zu viert können wir nicht in der Stube sitzen, ohne aufzufallen. Im Lager ist man nirgends allein. Ständig flüstern, ist verdächtig. Wenn wir lauter sprechen, kann ein Vorübergehender was aufschnappen. Auch miteinander spazieren gehen ist nicht gut, vor allem sollen die Spitzel nicht immer einen Österreicher mit demselben Polen zusammen sehen. " (Hermann Langbein, „Die Stärkeren", 46/158)
Der illegale Kampf verstärkte die Wirkung des legalen Kampfes in der „Häftlingsselbstverwaltung", indem er Druck auf die SS ausübte, diese deshalb eher zu einem Zugeständnis bereit war.
Dazu zwei Beispiele: Die Kampfgruppe Auschwitz, in deren Leitung auch die Genossen Klahr und Burger der damals noch revolutionären KPÖ waren, hat im Endeffekt eine positive Widerstandstätigkeit durchgeführt. Ihre wesentlichen Erfolge waren die Verbesserung der Lage der 20 000 Häftlinge und der Rückgang der Sterblichkeitsquote von 14,8 auf 5,2 Prozent im Stammlager Auschwitz. Dies wurde durch falsche Deklaration von Typhusepidemien, durch Beeinflussung insbesondere eines führenden SS-Arztes erreicht, der teilweise von den besonders barbarischen Verbrechen der Nazis angewidert war. Es konnte diesem Nazi abgetrotzt werden, daß nicht jeden Tag im Krankenbau besonders schwache Häftlinge ermordet wurden (45/239).
Die Auschwitzer Kampforganisation hatte, um den Kampf für Verbesserung der Lebensbedingungen zu verstärken, auf illegalem Wege den polnischen Partisanen eine Namensliste führender SS-Leute zukommen lassen, darunter auch SS-Ärzte. Die Partisanen schickten diese Liste nach London. Daraufhin wurden die Mordaktionen und die Namen derjenigen SS-Männer, die die Verbrechen verübt hatten, über den Rundfunksender BBC London verbreitet. Die Widersprüche innerhalb der SS konnten somit verschärft werden. Dadurch ergaben sich mehr Möglichkeiten, die Lebensbedingungen zu verbessern, weil einige SS-Mörder Angst bekamen und die Rache der alliierten Armeen fürchteten (48/64).2 Im Gesamtlager Auschwitz einschließlich Auschwitz-Birkenau schaffte es die Widerstandsorganisation, einen Rückgang der Todesrate von 25,4 Prozent im Februar 1943 auf 10,3 Prozent im April 1943 zu erkämpfen (46/140). Zum Vergleich: In Dachau hingegen wurde die Sterblichkeitsrate schon bei drei oder vier Prozent als hoch betrachtet.
Im Frauen-KZ Ravensbrück leitete die französische Kommunistin und Vertreterin der französischen Widerstandskämpferinnen in der internationalen Widerstandsorganisation Martha Desrumeaux Schulungen über die „Geschichte der KPdSU(B)- Kurzer Lehrgang". Es war ihr gelungen, ein Kapitel dieser Schrift ins KZ zu schmuggeln und dieses versteckt in den Sohlen ihrer Pantoffeln aufzubewahren (57/39).
In Sachsenhausen lief eine Aktion zur Verbesserung der Lebensmittelration unter der Losung „Rote Kuhle" („Kuhle" wurde die Tagesration an Lebensmitteln genannt). Verschiedene Gefangene hatten das Privileg, legal Pakete von draußen zu empfangen. Paketempfänger gaben an dem Tag des Empfangs ihre Lageressensration ab. Die Nahrungsmittel wurden dann an die besonders entkräfteten Häftlinge verteilt. Die norwegischen Gefangenen unterstützen auf diese Weise z. B. die sowjetischen Kriegsgefangenen. In Sachsenhausen wurde die Aktion schließlich von einer SS-Sonderkommission zerschlagen. Ein Teil der daran beteiligten Antinazisten wurde verhaftet und erschossen, darunter der deutsche Kommunist und Lagerälteste Heinz Bartsch (48/212).
Im Krankenrevier waren die Bedingungen relativ gut, das Leben von einzelnen zu retten. Es bestand die Möglichkeit, wenn dort Antinazisten eine Funktion besetzten, von der Arbeit entkräftete Häftlinge einige Tage „krank zu schreiben", damit sie sich wieder etwas erholen konnten. Andererseits konnten kranke Häftlinge, wenn die Widerstandsorganisation rechtzeitig von einer bevorstehenden Selektion erfuhr, davor gewarnt werden, sich krank zu melden (26/152,153).
In den meisten KZs ist es Häftlingsärzten gelungen, Quarantänestationen einzurichten. Das war dadurch möglich, daß die SS große Angst vor ansteckenden Krankheiten hatte. Diese Quarantänestationen ermöglichten es den Antinazisten, gefährdete Häftlinge zu verstecken, denn die SS traute sich nicht in diese Bereiche hinein. Dabei waren die gesuchten Häftlinge der Gefahr der Ansteckung ausgesetzt, aber zumindest einige Zeit auch vor der Ermordung sicher.
Widerstandsorganisationen, deren Mitglieder in der Schreibstube oder im Krankenbau arbeiteten, konnten besonders gefährdete Mith äftlinge dem Zugriff der SS dadurch entziehen, daß sie deren Häftlingsnummer und Personalien mit denen anderer vertauschten, die bereits gestorben waren. In Auschwitz, wo die Gefangenen am Unterarm eine Nummer eintätowiert bekamen, wandte die jugoslawische Ärtzin Najda Persic eine weitere Methode an: ein Unfall wurde vorgetäuscht, die alte Nummer herausoperiert und eine neue eintätowiert (48/218).
Wenn die politische Abteilung der SS einen Suchauftrag nach einem bestimmten Häftling ausgegeben hatte, mußte sie die betreffende Person in diesen riesigen „Stadtvierteln" erst einmal finden. Das gab der Widerstandsorganisation Zeit, die Häftlinge zu warnen und Vorkehrungen zu treffen. Die Informationen von bevorstehenden Ermordungen kamen zumeist über die Häftlinge, die in der Schreibstube arbeiteten. Häufig waren dort deutschsprachige Kommunisten als Schreiber tätig, da sie die Orthographie fehlerfrei beherrschten, wie z. B. der österreichische Kommunist Ernst Burger.
Ein Name wird immer wieder genannt, wenn es um die Rettung von vor allem jüdischen und sowjetischen Häftlingen vor der Ermordung geht:
Robert Siewert, deutscher Kommunist und Kapo im KZ Buchenwald, wurde hochgeachtet und geliebt, weil er ständig sein Leben aufs Spiel setzte, um polnische, jüdische und sowjetische Häftlinge vor Folterungen und Ermordung durch die SS zu retten. Mutig trat er offen gegen die SS auf. Er hatte sich durch diesen ständigen Kampf bei den niedrigen SS-Rängen Respekt verschafft, sie fürchteten ihn irgendwie, obwohl sie die Macht hatten, ihn jederzeit zu ermorden. Er schaffte es z. B., zwei sowjetische Häftlinge vor der sicheren Ermordung zu retten. Diese wurden von zwei SS-Mördern in einer Hütte schrecklich geschlagen. Die Schreie hörte der Genosse Siewert, rannte sofort dorthin, riß die Tür auf und schrie mit aller Kraft: „Was geht hier vor?" Daraufhin stellten die SSler ihre Folterungen ein (37/90f).
Der Genosse Siewert schaffte es, Hunderte von Juden vor den Todestransporten im Oktober 1942 zu retten. Er baute einen Maurerlehrgang auf, in dem diese Häftlinge arbeiten konnten und so gerettet wurden (13/378). Außerdem half er den Kindern in Buchenwald bei ihrem Überlebenskampf gegen die SS. Er war wirklich ein Vorbild an internationaler Solidarität.
Der erste Schutz der Widerstandsorganisationen galt vor allem den Kommunisten und Antinazisten, die Mitglieder der Kampfgruppen waren. Das wird den Widerstandsorganisationen immer wieder von bürgerlichen Historikern vorgeworfen. Es wird behauptet, sie hätten ja nur ihre eigenen Leute retten wollen. Das Ziel war in Wirklichkeit viel umfassender. Die Widerstandsorganisationen sind in mühsamer Kleinarbeit, unter schwierigsten Bedingungen aufgebaut worden. Wären die Widerstandsorganisationen immer wieder zusammengebrochen durch ständige Verhaftung und Ermordung ihrer Mitglieder, dann wäre kontinuierlicher organisierter Widerstand unmöglich geworden. Deshalb legten die Widerstandsorganisationen, die es in irgendeiner Form schon in jedem KZ gab, gleich schützend die Hand vor allen Dingen über die neuankommenden Kommunistinnen und Kommunisten. Die Kader der Widerstandsorganisation wurden deshalb möglichst von den Todeslisten gestrichen und so in die Arbeitskommandos eingeteilt, wie es für den Widerstand am sinnvollsten und effektivsten war.
In Mauthausen wurde 1945 durch Austausch der Identität z. B. der österreichische Kommunist Leopold Kuhn gerettet. Als bekannt wurde, daß er ermordet werden sollte, wurde er ins Krankenrevier aufgenommen. Er bekam die Identität eines Häftlings, der erst 1945 eingeliefert worden war und kurz danach an Typhus verstorben war. Auf diese Weise überlebte Kuhn den Nazifaschismus (54/240f).
Aber es gab nicht nur Erfolge bei der Rettung von kommunistischen Kadern. Kurz vor Ende des Krieges sollten durch eine Austauschaktion in Mauthausen 33 österreichische Kommunisten gerettet werden, die offensichtlich umgebracht werden sollten. Die Nazis hatten nämlich die Parole ausgegeben, alle führenden kommunistischen Kader noch vor Kriegsende zu liquidieren, um den Wiederaufbau der kommunistischen Parteien zu erschweren. Ab 1944 wurde schlimm gewütet, auch die KPD hatte Ernst Schneller, Ernst Thälmann und andere verloren. Deshalb war die Widerstandsorganisation entschlossen, diese 33 zu verstecken, gerade weil es sich um alte, erfahrene Kader handelte. Die betroffenen Genossen selbst schätzten die Lage anders ein, fügten sich diesem mehr oder minder klaren Beschluß nicht, sondern stellten sich, um dem Lager insgesamt Repressalien und Suchaktionen zu ersparen (54/240f). Diese 33 österreichischen Kommunisten wurden am 27. April 1945 ermordet, sie waren die letzten einzeln herausgesuchten kommunistischen Kader, die von der SS umgebracht wurden.
Bekämpfung der Nazi-Propaganda und Organisierung von gemeinsamen Veranstaltungen, um den
Lebenswillen aufrechtzuerhalten
Das tägliche Siechtum, die ständigen Beschimpfungen, das Gegeneinanderausspielen der Häftlinge miterleben zu müssen, zehrte an den Nerven und untergrub die Moral. Spannungen und Streitereien waren an der Tagesordnung, viele ließen sich zu Bütteln der Nazis machen, andere wurden apathisch, gaben sich auf, begingen Selbstmord. Gegen diese tiefe Demoralisierung, gegen die Spaltung, die Wirkung der Nazipropaganda bei den Häftlingen, das Gegeneinanderaufhetzen der Häftlinge durch die SS wurde der Kampf aufgenommen.
Das Stück Brot, das man geteilt hat, aufbauende Gespräche untereinander, Singen von Liedern etc. - all diese Dinge waren wichtig im Kampf gegen das System von „Teile und Herrsche" der SS. Um dies anpacken zu können mußte ein Häftling nicht unbedingt Mitglied einer Widerstandsorganisation sein. Wichtig war dabei auch das Vorbild, woran sich andere ein Beispiel nehmen konnten. Nichtorganisierte, Einzelpersonen, Christen oder z. B. die polnischen Pfadfinder kämpften gegen die Demoralisierung und Spaltung.
Einen speziellen und - soweit bekannt - einzigartigen Beitrag zur Bekämpfung des nazistischen Antikommunismus, für den Zusammenschluß der Häftlinge leistete eine Gruppe sowjetischer Kriegsgefangener in Buchenwald mit Unterstützung der illegalen Leitung der sowjetischen kommunistischen Gruppe. Sie schrieben Episoden aus der Geschichte der Sowjetunion nieder. Das Ziel dieser Referate beschreiben die Mitglieder der illegalen sowjetischen Widerstandsorganisation, die Genossen Nikolai Kjung und Stepan Baklanow:
„Das Hauptziel dieser Arbeit bestand darin, den ausländischen Kameraden die sowjetische Wirklichkeit zu zeigen und die faschistische Propaganda zu entlarven." (13/418)
Ab 1943 gaben sie sogar eine Zeitung heraus. Die Redaktion, deren Sekretär Eugen Jalzew war, fertigte handschriftlich jeweils zwei Exemplare von vier bis sechs Seiten nachts in einem Lagerraum an. Insgesamt erschienen 26 Nummern der „Kampfblätter"! Das war eine fast unglaubliche Leistung.
Es wird in vielen Berichten geschildert, daß vor allem sowjetische Kriegsgefangene, die in die KZs kamen, teilweise begeistert empfangen wurden. In Buchenwald kamen am 18. 10. 1941 die ersten 2 000 Kriegsgefangenen an. Der Plan der SS war es, diese von den anderen Häftlingen vollständig zu isolieren. Doch das gelang nicht. Ihre Ankunft hatte eine Welle von Solidarität ausgelöst. Sie wurden begeistert empfangen, es wurde Brot, Lebensmittel und Zigaretten für die Kriegsgefangenen organisiert (48/97).
Vor allem die spanischen Interbrigadisten, unter denen die Kommunisten führend waren, setzten sich ganz besonders für den internationalen Zusammenschluß der Häftlinge ein. Aus Mauthausen wird das folgendermaßen geschildert:
„Die spanischen Republikaner waren es, die als erste Solidarität im internationalen Rahmen übten, sie nahmen mit den sich im Lager befindlichen Interbrigadisten Verbindung auf und unterstützten diese."
(Hans Marsalek, „Die Geschichte des Konzentrationslagers Mauthausen", 54/257)
Eine weitere sehr wichtige Aufgabe der Widerstandsorganisationen war es, den Lebenswillen der großen Masse der Gefangenen aufrechtzuerhalten. Es galt, den Gefangenen wenigstens für ein paar Minuten am Tag oder einige Stunden in der Woche eine Atempause zu verschaffen, sie das zermürbende Lagerleben kurzzeitig vergessen zu lassen. Um den Lebenswillen, den Willen zum Widerstand zu stärken, wurden im kleinen Rahmen die verschiedensten Zusammenkünfte und Veranstaltungen organisiert. Die Widerstandsorganisationen organisierten Musikveranstaltungen, Schulunterricht vor allem für Kinder, Diskussionen, Feiern z. B. zum 1. Mai oder zum Jahrestag der Oktoberrevolution und politische Schulungen.
Der Leitspruch der Organisation „Mury", aufgebaut von polnischen Pfadfinderinnen im Frauenlager Ravensbrück, war:
„Die Pfadfinderinnen werden überleben und anderen beim Überleben Hilfe leisten." (48/160)
„Mury" stellte auch Kontakte zu Pfadfinderinnen anderer Nationen her. Die polnischen Pfadfinderinnen bauten regelrecht ein Bildungssystem für Kinder aus Polen auf. Es wurde richtiggehender Unterricht in Klassen geleistet.
Bei all dem muß bewußt sein, daß selbst die kleinsten Zusammenkünfte fast alle verboten waren und mit dem Tod bestraft wurden. Immer wieder wurde versucht, der SS das eine oder andere Zugeständnis abzuringen, um z. B. ein Konzert legal veranstalten zu dürfen. Dies wurde gegen Ende des Krieges und durch die damit einhergehende zunehmende Demoralisierung der SS leichter.
Bei illegal organisierten Veranstaltungen oder Zusammenkünften gab es auch Mißerfolge. Schlimm war, daß in Buchenwald bei der Feier nach der Ermordung Ernst Thälmanns auch ein Nazi-Spitzel dabei war. Er verriet die anwesenden und es kam zu umfangreichen Verhaftungen.
In Sachsenhausen fand ein Häftling unter Stoffresten ein ziemlich zerissenes Buch in polnischer Sprache. Es stellte sich heraus, daß es Stalins „Fragen des Leninismus" war. Das Buch wurde in andere Sprachen übersetzt und war Grundlage für die Schulungstätigkeit der Kommunisten in Sachsenhausen (75/188).
Eine besondere Art von legaler Veranstaltung organisierten Rotarmistinnen im KZ Ravensbrück. Nachdem sie sich geweigert hatten, Befehle der SS durchzuführen, mußten sie zur Strafe den ganzen Tag auf der Lagerstraße marschieren, ohne Essen zu bekommen.
„Seht euch das mal an - die Rote Armee marschiert!" - riefen mehrere Häftlinge. Viele Häftlinge strömten aus den Blocks und sahen wie 500 Rotarmistinnen das Strafexerzieren in eine Kundgebung gegen die Nazis umwandelten. Sie marschierten kämpferisch durch das KZ, in geschlossenen Reihen und sangen ein antifaschistisches sowjetisches Lied:
„Steh auf, steh auf, du Riesenvolk! Heraus zur großen Schlacht! Den Nazihorden Widerstand! Tod der Faschistenmacht! Es breche über sie der Zorn wie finstre Flut herein. Das soll der Krieg des Volkes, der Krieg der Menschheit sein!" (57/62)
Zurückweisung von Bestechungsversuchen
Nicht nur durch die schlechten Lebensbedingungen versuchte die SS, die Moral der Häftlinge zu untergraben. Gezielt wurde versucht, durch sogenannte Vergünstigungen Gefangene, vor allem auch politische Gefangene, zu korrumpieren und zu Bütteln der SS zu machen.
Eine Methode war das Prämiensystem der SS. Die SS verteilte Prämienscheine, direkt Lebensmittel oder Zigaretten an Gefangene als Auszeichnung für angeblich besonders gut geleistete Arbeit. Ziel war es auch hier, die Häftlinge gegeneinander auszuspielen und die so „Belohnten" auf die Seite der SS zu ziehen oder sie zumindest in den Augen der anderen Häftlinge herabzusetzen.
Häftlinge, die diese Prämien ablehnten, waren im allgemeinen hoch geachtet und erwarben sich das Vertrauen der anderen Mithäftlinge. Denn jedem Gefangenen war klar, was es im Vernichtungslager oder KZ bedeutete, eine zusätzliche Essensration abzulehnen. Zu bedenken ist aber auch, daß eine zusätzliche Lebensmittelration, die an einen besonders geschwächten Gefangenen abgegeben wurde, ein Leben retten konnte. So mußte genau überlegt werden, was in einem bestimmten Fall den größeren Nutzen für den Widerstand brachte.
Im Vernichtungslager Sobibor erwarb sich der sowjetische Kriegsgefangene und militärische Leiter des Aufstandes von Sobibor, Alexander Pecerskij, das Vertrauen der anderen Gefangenen, indem er zweimal eine als Bestechung gemeinte Belohnung eines SS-Wächters für schnelle Arbeit, zunächst Zigaretten, später Brot und Margarine, mit ironischem Unterton ablehnte:
„Danke, die Rationen, die wir bekommen, reichen mir völlig." (59/16)
Auf Befehl Himmlers wurden ab 1943 in vielen Männer-KZs Bordelle auch für die Häftlinge errichtet.
Eugen Kogon schildert den Zweck dieser Nazi-Methode:
„ Von Seiten der SS war der Zweck der Übung, die politischen Häftlinge, die den Vortritt bekamen, zu korrumpieren, zu bespitzeln und sie von der Politik abzulenken."
(Eugen Kogon, „Der SS-Staat", 37/214)
Im KZ Buchenwald fällte die Widerstandsorganisation den richtigen Beschluß, die Bordelle nicht zu benutzen (37/214).
Weigerung, andere Häftlinge zu schlagen oder zu ermorden
Was jedoch die Moral, vor allem auch der Widerstandskämpferinnen und -kämpfer, hauptsächlich untergrub, war die Beteiligung der Häftlinge an diesem Lagerbetrieb bis hin zur Beteiligung am Schlagen und an der Ermordung von Häftlingen im Auftrag der SS. Dies demoralisierte unter Umständen mehr als das Lagerdasein und das Zusehenmüssen beim Siechtum, Foltern und Sterben.
Wenn ein SS-Mann einen Häftling aufforderte, einen Mithäftling zu schlagen oder zu ermorden, mußte der Häftling bei Verweigerung mit seinem Todesurteil rechnen.3 Das galt auf jeden Fall für polnische und jüdische Gefangene - deutsche Kommunisten sind einige Male mit dem Leben davongekommen.
Nach der Ermordung eines kommunistischen Kaders, der sich geweigert hatte zu schlagen, war erstens insgesamt der Widerstandskampf geschwächt, weil ein wichtiger Kader fehlte, und zudem wurde, wenn der Kader zuvor in der „Häftlingsselbstverwaltung" gearbeitet hatte, sein Platz dann vielleicht mit einem pronazistischen Häftling besetzt. Dennoch haben sich die konsequenten Antinazisten geweigert, andere Häftlinge zu schlagen, und so den Kampf gegen das System von „Teile und Herrsche" vorangetrieben. Denn nur durch eine solche konsequente Weigerung konnten die Antinazisten ein Vorbild im Kampf gegen die Spaltung der Häftlinge geben.
In Dachau und in Buchenwald haben die Widerstandsorganisationen ohne Wenn und Aber den Beschluß gefällt, prinzipiell keine Mithäftlinge zu schlagen.
Einem deutschen Häftling in Mauthausen wurde befohlen, 150 Kranke zu erschießen. Er verweigerte den Befehl und wurde dann selbst erschossen (48/224).
In die Geschichte der Widerstandsorganisationen aller Länder sind jene Kommunistinnen und Kommunisten eingegangen, wie der deutsche Kommunist Karl Wagner in Dachau, die sich auch unter Androhung der Ermordung weigerten, andere Häftlinge zu schlagen.
Jüdische Häftlinge, die gezwungen wurden, in den Gaskammern und Krematorien zu arbeiten, haben sich wiederholt geschlossen geweigert, diese schreckliche Tätigkeit durchzuführen. Nicht alle Fälle sind bekanntgeworden. Am 22. Juli 1944 leisteten 400 Juden Widerstand, die mehr als drei Wochen vorher aus Korfu (Griechenland) nach Auschwitz-Birkenau gebracht worden waren und schon erfahren haben dürften, zu welcher „Arbeit" sie da eingeteilt waren. Auch sie wurden in der Gaskammer ermordet (48/200).
Neben diesen Maßnahmen im Kampf gegen die Demoralisierung erhielt die Moral auch durch die Erfolge der Widerstandsgruppen - soweit sie nach außen erkennbar oder spürbar waren bzw. überhaupt als Folge der Aktivität des Widerstands verstanden wurden - Auftrieb. Der Mut, die Standhaftigkeit und Selbstlosigkeit der einzelnen Widerstandskämpferinnen und -kämpfer waren zudem Vorbild und Ansporn für andere, sich am Kampf gegen die Nazis zu beteiligen.
Karl Wagner, der wegen seiner Mitgliedschaft in der KPD 1934 in das KZ Dachau eingeliefert wurde und dann Lagerältester im Dachauer Außenlager Allach war, lieferte ein Beispiel, wie er sich trotz dieser Funktion nicht den SS-Schergen beugte.
Wagner war der SS schon lange ein Dorn im Auge, weil er sich konsequent und geschickt für die Belange seiner Mithäftlinge einsetzte. Um Wagner vor den Augen der Häftlinge in die Knie zu zwingen, wurde ein Appell einberufen. Wagner berichtet über den Befehl des Lagerkommandanten Jarolin:
„Plötzlich schrie Jarolin: ‚Lagerältester!` und sämtliche Lagerinsassen mußten - wie das üblich war - seinen Ruf wiederholen und weitergeben. Ich hatte keine andere Wahl, ich mußte mich bei Jarolin melden. Dieser hatte in der Zwischenzeit den gefürchteten Bock herbeischaffen lassen. Ein sowjetischer Häftling wurde aufgeschnallt. Jarolin gab mir den Befehl: ‚Schlagen!'.“ (Karl Wagner, „Ich schlage nicht", 76/80)
Der Schriftsteller Edgar Kupfer-Koberwitz, ebenfalls Häftling in Dachau, berichtet beeindruckt von Wagners Reaktion:
„Wagner zögerte keinen Augenblick mit der Antwort. Ich schlage nicht!' erwiderte er entschlossen. Und er blieb auch dabei, als Jarolin die Pistole zog und Wagner damit rechnen mußte, wegen Befehlsverweigerung an Ort und Stelle erschossen zu werden. Doch er zeigte sich unbeeindruckt. Statt dessen riß er die Lagerältestenbinde vom Arm und warf sie auf den Prügelbock. Damit hatte er für alle sichtbar in einer beispiellosen Tat sein Amt aus Protest gegen den unzumutbaren Befehl niedergelegt. (76/80)
Karl Wagner erhielt sechs Wochen Dunkelarrest und 25 Stockhiebe zur Bestrafung.
Er war Vorbild für andere deutsche politische Häftlinge, die sich auch weigerten zu schlagen. Karl Wagners standhafte Haltung sprach sich wie ein Lauffeuer herum, drang bis ins Hauptlager Dachau und hat insgesamt einen sehr positiven Eindruck hinterlassen - ein wichtiger Beitrag im Kampf gegen die Demoralisierung.
Arbeitsverweigerung und Sabotage in der Rüstungsproduktion
Sobald im Verlauf des Krieges deutlich wurde, daß die Nazi-Blitzsiege so nicht weitergehen, der Krieg länger als geplant dauern würde, wurden in steigender Zahl Häftlinge zur Sklavenarbeit in den Rüstungsbetrieben abkommandiert, weil den Nazis Arbeitskräfte fehlten.
Für die Häftlinge bedeutete das, direkt für die Kriegsziele der Nazis und die Weltherrschaftspläne des deutschen Imperialismus eingesetzt und ausgenutzt zu werden.
Dies stellte die Widerstandsorganisationen vor die Frage: Wie konnte die Rüstungsproduktion möglichst effektiv behindert werden? Die Verweigerung der Arbeit wurde von der SS regelmäßig mit Erschießungen und grausamen Strafen beantwortet. Die Alternative war, in der Rüstungsproduktion zu arbeiten und dort Sabotage zu leisten. Dabei waren die Widerstandsorganisationen mit dem großen Problem konfrontiert, ob man sich bei einer Erfolgsquote der Sabotagetätigkeit von vielleicht fünf oder zehn Prozent zur Beteiligung an der Herstellung von V-2-Raketen, von Maschinengewehren und Munition zwingen läßt. Man mußte sich der Gefahr bewußt sein, daß die Grenze zwischen Widerstand und Kollaboration nicht mehr so klar zu ziehen war, da es sein konnte, daß eine wirksame Sabotage nicht möglich sein würde und man letztendlich den Nazis half.
Diese Frage mußte konkret in der jeweiligen Situation beantwortet werden. Dabei kam es vor allem darauf an, wie man die Möglichkeiten einschätzte, die Massen der Häftlinge zu mobilisieren. Eine offensive Weigerung der Minderheit der bewußten Antifaschistinnen und Antifaschisten hätte an sich noch keine großen Auswirkungen auf die Rüstungsproduktion gehabt.
Wenn die Widerstandsorganisationen also die Absicht und den Plan hatten, andere Hunderttausende mitzuorganisieren, aber keine Möglichkeit sahen, diese zur offenen Konfrontation mit der SS zu mobilisieren, konnte die Arbeitsverweigerung nicht die Hauptkampfform sein. Daher schleusten die Widerstandsorganisationen ihre Kader in die Kommandos zur Arbeit in den Rüstungsbetrieben ein, um dort die Sabotage zu organisieren.4
Gegen Ende des Krieges gewann die Sabotage an Bedeutung. Verstärkt wurden KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter zur Arbeit in den Rüstungsbetrieben herangezogen, und damit boten sich den Widerstandsorganisationen mehr Möglichkeiten. Auch die zunehmende Demoralisierung der Nazis in dieser Zeit wirkte sich vorteilhaft aus. Kein KZ-Häftling, kein Zwangsarbeiter wollte den Nazis mehr helfen, den Krieg zu verlängern, und die Sabotageaktionen nahmen gegen Kriegsende sprunghaft zu. Die Sabotage umfaßte eine breite Palette von Aktionen: vom Langsam-Arbeiten und Ausschuß-Produzieren bis hin zum Herstellen von Waffenteilen, die zwar die Qualitätskontrolle passierten, beim Einsatz aber versagen mußten.
Für die Häftlinge selbst hatte die Sabotagetätigkeit politisch und moralisch große Bedeutung. Sie wußten, daß sie damit Teil des weltweiten Kampfs gegen den Nazifaschismus waren.
Eine sehr wichtige Aufgabe der Widerstandsorganisationen war die Sabotage der V-2-Raketen. Die in Dora in der ersten Hälfte 1944 hergesellten V-2-Raketen hatten eine Ausschußquote von ca. 80 Prozent. Es ist sehr umstritten, inwieweit diese hohe Quote ein Erfolg der Widerstandsorganisation war oder inwieweit nicht auch eine gewisse technische Unreife der unter großem Zeitdruck produzierten Raketen eine Rolle spielte (48/333).
Auch sonst kann man über die Effektivität der Sabotage nur schwer allgemeine Aussagen machen. Tatsächlich gibt es einzelne Beispiele, wo die Produktion fast vollständig zum Erliegen kam, so z. B. in den Heinkel-Flugzeugwerken, wo 1943 von 120 hergestellten Flugzeugen keines benutzbar war. Dies ist zumindest zum Teil das Ergebnis der organisierten Sabotagetätigkeit von 200 sowjetischen Kriegsgefangenen und 200 politischen Häftlingen aus Oranienburg.
In den Gustloff-Werken (Buchenwald) gab es vielfältige Sabotage. Der überlebende Häftling Robert Leibbrand gibt folgende Schilderung:
„Gemeinsam mit den Kameraden der Arbeitsstatistik wurden bei der Arbeitsvermittlung nazihörige und unsichere Facharbeiter ausgeschaltet und in die wichtigsten Spezialfunktionen zuverlässige, auch zu einem persönlichen Risiko bereite Antifaschisten aller Nationen eingesetzt ... Schon bei den Planungen wurden mehr Maschinen, Werkzeuge und Material bestellt, als für die vorgesehene Produktion erforderlich war... , Versehentlich' liefen in einem Fall die Bestellungen für ein längst wieder aufgegebenes Produktionsvorhaben noch monatelang weiter und belasteten mehrere Lieferfirmen mit Zehntausenden vergeudeten Arbeitsstunden ... Durch Überspitzung von Kompetenzstreitigkeiten zwischen einzelnen Instanzen der überbürokratisierten Werkleitung entstanden oft monatelange Verzögerungen." (48/328)
In den Gustloff-Werken sank die Produktion von 55 000 Gewehren im Monat vor Beginn der Sklavenarbeit auf einige tausend, von denen drei Viertel von der Wehrmacht zurückgewiesen wurden. Gleichzeitig wurden dabei große Mengen wichtiger Rohstoffe und Maschinen verschwendet (so wurden allein in Halle 1 der Gustloff-Werke 400 kg Bronze versteckt) (22/249,252). Die mit monatlich 10000 Stück geplante Pistolenproduktion blieb zwei Jahre lang in der Probephase und konnte nie aufgenommen werden. Ob der Produktionsrückgang vollständig auf Sabotage beruhte oder inwieweit auch andere Ursachen eine Rolle spielten (wie Nachschubprobleme, mangelhafte Rohstoffe oder Korruption der Nazis), läßt sich auch hier nicht feststellen.
Aber in den meisten anderen Fällen, bei denen überhaupt Zahlen vorliegen, betrug der Ausschuß um 20 oder 30 Prozent. Das war einerseits eine beachtliche Leistung der Widerstandsorganisation, die mit hohem Risiko und auch großen Opfern verbunden war.
Dies bedeutete aber auch, daß die übrige Produktion wirklich den Kriegszielen der Nazis diente, daß die Häftlinge Tonnen von Waffen, Munition und Ausrüstungsgegenständen für die Nazis herstellten.
Angesichts der Situation gegen Ende des Krieges, als die Rüstungsproduktion zu großen Teilen von 500 000 KZ-Häftlingen und 12 Millionen Zwangsarbeitern und Zwangsarbeiterinnen durchgeführt wurde, ist gerade in der sozialistischen Sowjetunion diskutiert worden, was es für die schnellere Beendigung des Krieges und damit des Nazi-Völkermordes bedeutet hätte, wenn jeder Häftling, auf Leben und Tod, die Sklavenarbeit für die Rüstung verweigert hätte.
Es läßt sich natürlich im nachhinein schwer sagen, ob die Losung einer systematischen Arbeitsverweigerung in der Rüstungsproduktion Erfolg gehabt hätte. Der organisierte Widerstand hat diese Losung nicht ausgegeben. Es gab lediglich nur vereinzelt Versuche, die Arbeit in der Rüstungsproduktion zu verweigern. Daß dies nicht von
vorneherein aussichtslos war, zeigen mehrere Beispiele von erfolgreicher Weigerung, die überliefert sind.
Die Zeugen Jehovas, eine relativ kleine Gruppe in den KZs, weigerten sich geschlossen, auch gegen Ende des Krieges, in der Nazi-Armee zu „dienen" oder in der Kriegsproduktion zu arbeiten. Diese zutiefst religiöse Gruppe hielt mit äußerster Konsequenz an ihrer Ideologie fest, die ihr verbot, an Krieg und Kriegsproduktion teilzunehmen. Sie waren konsequente Pazifisten. Diese Gruppe wäre nie aus den KZs geflohen, hätte sich nie an einem Aufstand beteiligt. Sie wurde von der SS hauptsächlich in ihren Haushalten eingesetzt.
Im KZ Sachsenhausen konnte der Widerstand dieser Gruppe selbst durch Erschießungen nicht gebrochen werden. Höß, der spätere Kommandant von Auschwitz, versuchte zu Beginn des Nazi-Überfalls auf Polen die Zeugen Jehovas in die Nazi-Armee zu zwingen. Nach jeder Weigerung ließ er zehn von ihnen erschießen. Nachdem die SS vierzig ermordet hatte, gab Höß auf, weil klar war, die noch lebenden Zeugen Jehovas würden sich weiterhin weigern (48/188).
Sieben Rotarmistinnen, darunter Maria Klugmann, weigerten sich im KZ Ravensbrück, in der Nazi-Rüstungsproduktion zu arbeiten. Daraufhin zwang die SS sie drei Tage und drei Nächte bei eisiger Kälte im Freien zu stehen. Am ersten Tag starb eine Rotarmistin, am zweiten Tage wurde eine Rotarmistin bewußtlos. Die anderen fünf waren schwer unterkühlt. Doch das schwächte ihre Kampfkraft nicht. Sie hielten weiter durch. Der Kampfgeist dieser sowjetischen Kriegsgefangenen beeindruckte die anderen Häftlinge, es entwickelte sich eine gewisse Solidarisierung. Deshalb gab die SS-Lagerleitung auf. Die Rotarmistinnen hatten sich erfolgreich gegen die Sklavenarbeit in der Kriegsproduktion gewehrt (57/136-138).
Situation und Widerstand der Häftlinge mit dem „Rosa Winkel" in den Nazi-KZs
Nach der Nazi-Ideologie waren die „arischen" (das waren für die Nazis vor allem Deutsche, Österreicher und auch Niederländer) männlichen Homosexuellen5 „Entartete", die den „deutschen Volkskörper vergifteten", die „deutsche Rasse zugrunde richteten". Die Mehrheit sollte umerzogen" werden, was durch Einlieferung in ein KZ, durch Kastration, schreckliche „medizinische Behandlung" oder durch Sklavenarbeit erreicht werden sollte. Antihomosexuelle Propaganda wurde geschickt mit antisemitischer Propaganda verknüpft. Alfred Rosenberg, einer der Chefideologen der Nazis, hatte schon 1930 öffentlich männliche Homosexualität als „jüdisch" gebrandmarkt und die Ermordung dieser „Entarteten" gefordert (78/96).
Weibliche arische" Homosexuelle wurden von den Nazis zwar auch als „entartet" angesehen und verfolgt, aber nicht systematisch in KZs eingeliefert, wie das bei den männlichen Homosexuellen der Fall war.
Männliche Häftlinge
Der große Teil derjenigen, die in den Nazi-KZs den „Rosa Winkel" tragen mußten, waren Homosexuelle, ein relativ kleiner Teil der Häftlinge waren Männer, die als homosexuell denunziert" worden waren, es in Wirklichkeit aber nicht waren.6
Es gab selbstverständlich auch inhaftierte homosexuelle Antinazisten, wie z. B. Mitarbeiter des „Instituts für Sexualforschung" in Berlin oder der „Bund für Menschenrechte".
Aber ein Teil der inhaftierten „Rosa Winkel"- Häftlinge waren pronazistische Elemente, die von „Kameraden" denunziert worden waren, die wirklich oder nur angeblich homosexuell waren, meist aus der SA oder der HJ (z. B. im KZ Lichtenburg) (78/279).
In vielen Berichten von ehemaligen Häftlingen wird geschildert, daß die SS Homosexuelle - die genau wie die anderen Häftlinge dem brutalen Lageralltag ausgesetzt waren - im Vergleich z. B. zu den „Politischen" besonders brutal und oft prügelte und sie in besonders schwere Zwangsarbeitskommandos einteilte (50/342, 344). Die SS entwickelte auch eine Reihe von speziellen bestialischen „Methoden" gegen sie:
Eine der besonderen Foltermethoden, die sich die SS speziell für männliche Homosexuelle ausgedacht hatte, waren das Verbrühen der Hoden durch kochendes Wasser (30/116). Wurde ein Häftling dabei erwischt, daß er im Schlaf die Hände unter die Decke nahm oder mehr als ein dünnes Hemd im Bett an hatte, wurde er vor der Baracke auch im Winter mit eiskaltem Wasser übergossen und eine Stunde stehen gelassen, was zumeist zu einer Lungenentzündung und zu einem schrecklichen Tod führte (30/36). So sollte nach der Vorstellung der SS die Homosexualität „vernichtet" werden.
Pseudomedizinische „Experimente", d. h. bestialische Folterungen durch Nazi-Ärzte, wurden in großem Ausmaß an Homosexuellen durchgeführt. In Buchenwald z. B. wurden dafür fast ausschließlich Homosexuelle mißbraucht (62/156). Vor allem die „Einpflanzung von Hormonen", um die für die Nazis „Entarteten" wieder „normal" zu machen, praktizierten die SS-Mörder im „weißen Kittel", was schreckliche Torturen für die Häftlinge bedeutete und meist zu einem grausamen Tod führte (37/285).
Brutale Zwangskastrationen wurden zu Tausenden unter völlig unhygienischen Bedingungen durchgeführt, woran viele Häftlinge starben. Die Nazis versuchten, Häftlinge mit dem „Rosa Winkel" in den KZs dazu zu bringen, sich „freiwillig" kastrieren zu lassen. Die SS verkündete, daß der Häftling, der sich „freiwillig" kastrieren ließe, bei „guter Führung" entlassen werden würde. Das war natürlich gelogen. Zwar wurden diese Häftlinge zum Schein aus dem Lager transportiert, aber nicht entlassen, sondern in die SS-Einheit „Dirlewanger" gesteckt und als Kanonenfutter im Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion eingesetzt (30/141).
Aufgrund dieser besonderen Bedingungen, zusätzlich zum „normalen" KZ-Alltag, war die Todesrate bei den Häftlingen mit dem „Rosa Winkel" z. B. wesentlich höher (60 Prozent) als bei den „Politischen" (41 Prozent) (78/273).
Die vollständige Isolierung von den anderen Häftlingen wurde in einigen KZs durchgeführt. Bekannt ist eine solche Isolierung aus Dachau 1939/40, Sachsenhausen 1939/40 und 1944/45 und aus Flossenbürg 1940/41 (50/335). Dort mußten die homosexuellen Häftlinge in Baracken hausen, die vom übrigen Lager isoliert waren. Kontakt mit anderen Häftlingen aufzunehmen war so nur sehr schwer möglich. In einigen KZs war es den homosexuellen Häftlingen bei Androhung von Ermordung verboten, mit anderen Häftlingsgruppen zu sprechen.
Von 1933 bis 1944 wurden etwa 50000 Männer wegen angeblicher oder wirklicher Homosexualität verurteilt, gegen Hunderttausende wurde ermittelt. Nach Auswertung der noch vorhandenen Nazi-Quellen kommt man auf 15000, die in die KZs abtransportiert wurden (78/265). Sehr wahrscheinlich liegen die Zahlen wesentlich höher.
Widerstand
Über Widerstand von dieser Gruppe in den Nazi-KZs ist nur wenig bekannt. Wahrscheinlich auch deshalb, weil nur wenige dieser Häftlinge nach 1945 in Westdeutschland Bücher oder Artikel über ihre Lagerhaft geschrieben haben. Denn der Paragraph 175 war nach 1945 in Westdeutschland nach wie vor „Gesetz", Homosexuelle wurden weiter verfolgt. Doch trotz der ungeheuer schwierigen Lage der nicht nazistisch eingestellten „Rosa Winkel"- Häftlinge gab es Widerstand. Folgende Widerstandshandlungen sind dokumentiert:
Gegen die Demoralisierung. Im KZ Sachsenhausen sang eine Gruppe von Häftlingen regelmäßig das Lied „Die Moorsoldaten", um sich moralisch wieder aufzurichten (78/293). Im KZ „Moorlager Neusturm" wurde Kabarett und Theater gespielt, Häftlinge halfen sich gegenseitig bei der brutalen Zwangsarbeit (78/299).
Flucht aus den KZs. Aus dem KZ Sachsenhausen ist bekannt, daß vier Häftlinge zu flüchten versuchten, aber alle wieder gefaßt und ermordet wurden (78/287, 289, 290). Im KZ Flossenbürg versuchte ein tschechischer Häftling zu flüchten. Seine Flucht wurde aber von der SS entdeckt, auch er wurde ermordet (30/67). Aus Nazi-Dokumenten geht hervor, daß 0,4 Prozent der inhaftierten und von den Nazis registrierten „Rosa Winkel"- Häftlingen die Flucht gelungen ist (50/351). Geht man davon aus, daß es ca. 15000 registrierte Häftlinge in allen KZs gab, kommt man auf 60 erfolgreiche Fluchten.
Abhören von antinazistischen Sendern. Aus dem KZ Sachenhausen ist bekannt, daß eine Gruppe von Häftlingen mit dem „Rosa Winkel" Nachrichten von Radiosendern aus anderen Ländern erhalten und weitergegeben hat (78/310).
Weibliche Häftlinge
Einzelne homosexuelle Frauen wurden ab 1935 mit der Begründung „Lesbierin" in KZs eingeliefert; z. B. ins KZ Moringen und nach Ravensbrück. Viele Frauen, die wegen ihrer Homosexualität in die KZs eingeliefert wurden, mußten den schwarzen Winkel für „Asoziale" tragen.
Prügel, Einlieferung in ein KZ-Bordell oder eine Strafkompanie, wo besonders brutale Zwangsarbeit geleistet werden mußte, und ähnliche „Methoden" wurden von der SS gegen weibliche homosexuelle Häftlinge angewandt (69/244,247).
Frauen im Widerstand
In den meisten Konzentrationslagern gab es zusätzlich extra Frauenlager, so z. B. in Auschwitz-Birkenau ab August 1942 zunächst mit einer Belegstärke von 8 000 Frauen. Zeitweise waren in diesem Lager mehrere 10000 Frauen zusammengepfercht (43/122,125).
Eines der wenigen „reinen" Frauenkonzentrationslager war das Konzentrationslager Ravensbrück. Das Lager wurde im Mai 1939 errichtet, seine Vorläufer waren die Lager Moringen und Lichtenfelde.
In Ravensbrück waren Frauen aus 23 Nationen inhaftiert. Insgesamt gingen ca. 132 000 bis 133 000 Frauen durch die Hölle von Ravensbrück, 92 000 bis 93 000 wurden dort von den Nazis ermordet. Die Lebensbedingungen waren in den Frauenlagern im wesentlichen die gleichen wie in den übrigen Konzentrationslagern.
Die Frauen übten die gleichen Widerstandsformen aus, wie sie für die Männer-KZs beschrieben wurden. So gab es z. B. in Ravensbrück einen von den sowjetischen Genossinnen gebauten Sender. Bei der Verweigerung von Zwangsarbeit und bei der Sabotagearbeit in der Rüstungsindustrie haben die Antifaschistinnen und Kommunistinnen Hervorragendes geleistet.
Die Frauen spielten bei dem Aufstand im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau eine herausragende Rolle. Besonders erwähnt sei hier Roza Rabota, eine jüdische Antinazistin, die mit anderen Frauen gemeinsam den Sprengstoff aus einer Munitionsfabrik geschmuggelt hatte. Sie wurde denunziert, von den Nazis grausam gefoltert und schließlich hingerichtet. In Ravensbrück haben die weiblichen Häftlinge eine illegale Widerstandsorganisation aufgebaut.
Widerstandsorganisation in Ravensbrück
Bis 1943 bildeten sich in Ravensbrück verschiedene nationale Widerstandsgruppen. Im Februar 1943 schlossen sich die verschiedenen nationalen Gruppen zu einem internationalen Widerstandskomitee zusammen. Die Mitglieder des internationalen Widerstandskomitees waren fast ausschließlich Kommunistinnen (22/117). Eine führende Rolle bei der Organisierung des internationalen Widerstands spielte ab ihrer Einlieferung in Ravensbrück im Herbst 1943 die österreichische Kommunistin und Interbrigadistin Mela Ernst (83/177).
Frauen aus folgenden Ländern waren im internationalen Widerstandskomitee vertreten: Sowjetunion, Frankreich, Tschechoslowakei, Norwegen, Österreich, Belgien, Polen, Jugoslawien und Deutschland.
Zur Situation und zum Widerstand der weiblichen Häftlinge
Zwangsabtreibungen
Schwangere jüdische und slawische Frauen wurden bei Bekanntwerden der Schwangerschaft in der Regel sofort zur Ermordung in die Gaskammern nach Auschwitz verschickt. Nichtjüdische Frauen dagegen wurden zur Zwangsabtreibung, die bis zum 9. Monat durchgeführt wurde, nach Ravensbrück überstellt.
Entweder wurde die Abtreibung mit brutalen Methoden im Krankenbau betrieben, oder die Schwangeren mußten besonders schwere Arbeiten leisten und bekamen regelmäßig extra brutale Schläge. Das hatte meist den Tod von Mutter und Kind zur Folge (26/118,119).
Um das Leben der Mutter zu retten, wurden Schwangerschaften vor der SS verheimlicht. Mit Hilfe und unter dem Schutz der anderen Häftlinge brachten die Frauen die Kinder zur Welt. Die Säuglinge selbst hatten im Lager Ravensbrück in der Regel keine Überlebenschancen. Entweder verhungerten sie oder sie wurden von der SS ermordet. Dennoch ist es Antinazistinnen in seltenen Fällen gelungen, Säuglinge zu retten.
Medizinische Experimente
In Auschwitz wurden Zwangssterilisationen an Frauen und Männern mit Röntgenstrahlen durchgeführt. Vor allem Juden und Sinti und Roma waren dabei die Opfer der Nazis. Die Frauen mußten sich zusätzlich einer besonders schmerzhaften Prozedur unterziehen. Es wurden ihnen giftige Substanzen direkt in die Gebärmutter eingespritzt. Kaum eine Frau hat das überlebt (37/206).
In Dachau wurden Frauen benutzt, um Experimente zur „Wiedererwärmung erstarrter Körper von noch Lebenden" durchzuführen. Die Frauen wurden gezwungen, paarweise nackt fast erfrorene Häftlinge aufzuwärmen. Dies geschah unter den Augen der SS, die dabei ihre verkommenen sexuellen Bedürfnisse befriedigte (37/202).
Dies sind nur zwei Beispiele von unzähligen Bestialitäten der SS-Mörder im weißen Kittel.
Im Sommer 1943 ist es vier Polinnen in Ravensbrück mit Hilfe von sowjetischen Kriegsgefangenen gelungen, vor der unmenschlichen Behandlung zu fliehen und sich innerhalb des KZs zu verstecken. Bei ihrer Flucht konnten sie in den Block der Rotarmistinnen fliehen. Diese tauschten mit ihnen die Kleidung. Getarnt als sowjetische Häftlinge konnten sie den Block vor den Augen der SS verlassen.
Eine solche Aktion gelang nochmals im Frühjahr 1945, die für das Experiment ausgewählten Polinnen wurden durch Häftlinge im Krankenrevier gewarnt. Es ist gelungen, sie bis zur Befreiung durch die Rote Armee zu verstecken (57/83,84).
Zwangsprostitution
In einigen KZs wurden Bordelle für die SS, aber auch für die Häftlinge eingerichtet (z. B. Buchenwald, Auschwitz-Birkenau).
In Ravensbrück wurden die Frauen für die Bordelle von Wanda, einer ehemaligen Prostituierten, die den grünen Winkel trug, ausgesucht, den SS-Offizieren nackt vorgeführt und schließlich auf die verschiedenen Bordelle verteilt (39/85,86).
Den Frauen in den Bordellen erging es noch schlechter als denen in den „normalen" KZs. Sie bekamen noch weniger zu essen, hatten einen Sechzehn-Stunden-Tag mit zwei halbstündigen „Essenspausen", beim geringsten Versuch eines Protestes bekamen sie Prügel. Von den SS-Männern wurden sie zur Befriedigung der perversesten und sadistischsten Gelüste mißbraucht (53/124,125).
Die Frauen kamen nach wenigen Wochen als menschliche Wracks in das Frauen-KZ Ravensbrück zurück, und die Ermordung in den Gaskammern war ihnen so gut wie gewiß.
Aber die Schergin Wanda entging ihrer Strafe nicht: Vier Frauen (die Namen sind uns leider nicht bekannt), die aus den Bordellen zur Vernichtung ins KZ Ravensbrück übersandt worden waren, spürten Wanda im November 1944 in der Wäscherei auf und erschlugen sie (53/143).
Im Anschluß an die gerechte Hinrichtung von Wanda gelang es einigen Frauen während eines Fliegeralarms, den Spind von Wanda aufzubrechen und die gehorteten Schätze, Nahrungsmittel, Kleider und Decken, in Besitz zu nehmen. Geschickt schafften sie es, die Beutestücke in ein Zelt zu bringen, in dem polnische und ungarische Jüdinnen unter verheerenden Bedingungen nur auf einer dünnen verfaulten Strohschicht hausen mußten. Die ca. 3 000 jüdischen Frauen waren zur Vernichtung in den Gaskammern bestimmt.
Die Schätze Wandas waren angesichts der vielen Frauen praktisch nur ein „Tropfen auf dem heißen Stein". Aber für die jüdischen Frauen war es besonders wichtig zu erfahren, daß es inmitten der Hölle, in der sie lebten, auch noch Solidarität ihnen gegenüber gab (53/159-169).
Anja Lundholm, eine jüdische Antifaschistin, die bei dieser Aktion dabeigewesen ist, berichtet darüber:
„Die Frau mit dem Kopftuch schaut uns an, als seien wir Abgesandte einer anderen Welt. Der angestrengte Ausdruck ihres Gesichts macht einer momentanen Entspannung Platz, die sie auf eigenartige Weise verschönt. Die Sätze, die sie in schnellem Polnisch hervorstößt, verstehen wir nicht.
Sie läßt uns sagen, übersetzt Lydia, daß unser Besuch sie glücklich macht, nicht nur der Sachen wegen, die sie so gerecht wie möglich verteilen wird. Glücklich in erster Linie, daß sie der - Lydia überlegt, wie sie das Wort ins Deutsche übertragen kann -, der Menschlichkeit begegnet. Gerade hier, inmitten totaler Hoffnungslosigkeit. "
(Anja Lundholm, „Das Höllentor, Bericht einer Überlebenden", 53/169)
Rettung der Kinder
In Ravensbrück gab es sehr viele Kinder, die zum Teil mit ihren Müttern eingeliefert worden sind. Wieviele Kinder insgesamt das Lager durchliefen, ist nicht bekannt. Die Anzahl der Kinder im Lager über mehrere Jahre hinweg schwankte zwischen 100 und 400.
Das Leben der Kinder in Ravensbrück zu retten, bedeutete einerseits eine zusätzliche Belastung für die Frauen. Andererseits war die Betreuung der Kinder eine wichtige Aufgabe der Frauen, die sie davon abhielt, zu resignieren und aufzugeben. Sie spielte eine wichtige Rolle im Kampf gegen die Demoralisation.
Die SS ließ die Kinder in der Regel nur am Leben, wenn sie als vollwertige Arbeitskräfte einsetzbar waren. So setzten die Frauen das Alter der Kinder auf 14 Jahre nach oben. Das bedeutete dann für die Mütter oder die jeweilige Betreuerin, daß sie die Fabrikarbeit für zwei Personen machen mußte. Denn die Kinder unter 14 Jahren waren nicht in der Lage, der Arbeitshetze bei der Zwangsarbeit standzuhalten.
Andererseits wurde das Alter der Kinder auch herabgesetzt, wenn die Häftlinge eine Möglichkeit sahen, die Kinder vor der Zwangsarbeit zu verschonen, und gleichzeitig sicher war, daß sie dann nicht in den Gaskammern ermordet würden.
Für die Kinder wurde Unterricht gehalten, Spielzeug gebastelt und Kleidung angefertigt. Dies war unter den schwierigen Bedingungen des KZs eine riesige Aufgabe. Wenn die SS eine Frau dabei erwischte, so drohten ihr brutale Strafen oder gar die Ermordung.
Ende 1944 ist es dem Block der Rotarmistinnen gelungen, das Leben von 13 Kindern zwischen drei und fünf Jahren zu retten. Die Kinder blieben nie ohne Aufsicht und hatten einen festen Tagesablauf: Waschen, Dauerlauf (in der Baracke), Mittagsschlaf, Deutschunterricht etc. Um die Kinder vor den Schikanen der SS-Aufseherinnen zu bewahren, lernten sie auf Kommando stramm stehen und niemals zu antworten, wenn die SS sie etwas fragte. Die Rotarmistinnen wurden Ende April zusammen mit den Kindern auf einen der Todesmärsche geschickt, als das Lager evakuiert wurde. In der Nacht vom 28. auf den 29. April gelang es den Rotarmistinnen, sich zusammen mit den Kindern vom Zug der „Evakuierten" abzusetzen und sich zur Roten Armee durchzuschlagen (57/138ff).
Zum Widerstand von Sinti und Roma in den Nazi-KZs und Vernichtungslagern
Von Anfang an wurden die Sinti und Roma von den Nazis rassistisch verfolgt. 1933, nach dem Machtantritt, wurde die Hetze und Diskriminierung verstärkt. Dabei konnten sie auf verschiedene, schon bestehende, gegen Sinti und Roma gerichtete Gesetze und die entsprechende rassistische Stimmung in der Bevölkerung aufbauen.
In den Kommentaren zu den rassistischen „Nürnberger Gesetzen" von 1935 wurde dann von den Nazis juristisch festgelegt, daß „Juden und Zigeuner artfremden Blutes sind". Die ganze Kette rassistischer Maßnahmen, der Demütigung, Verfolgung und Vertreibung aus Schulen und Arbeitsstellen, wurde ähnlich wie gegen die jüdische Bevölkerung auch gegen Sinti und Roma angewandt.
Schon 1936 wurden Tausende Sinti und Roma, vor allem Erwachsene, unter anderem ins KZ Dachau und ab Sommer 1938 ins KZ Mauthausen deportiert (40/19).
Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde die Verfolgung auf fast alle besetzten Länder ausgedehnt, wurden Sinti und Roma grausam verfolgt, interniert und ermordet. 1939 wurde die systematische Deportation aller Sinti und Roma nach Polen beschlossen (65/173).
Im Mai 1940 begannen unter der Leitung Eichmanns die ersten größeren Deportationen dorthin. Etwa 3 000 Sinti und Roma aus verschiedenen Gebieten Deutschlands wurden über Sammellager in die Ghettos und Konzentrationslager in Polen gebracht. Über die Hälfte dieser Deportierten wurde später durch Zwangsarbeit, Hunger, Erschießungen und Giftgas ermordet. 1941 folgten weitere Transporte, u. a. aus dem besetzten Österreich.
Schon im Januar 1942 wurden im Vernichtungslager Chelmno 5 000 Sinti und Roma durch Giftgas ermordet (64/27).
Ein Einschnitt bei der Verfolgung der Sinti und Roma durch die Nazis stellte Himmlers „Auschwitz-Erlaß" im Dezember 1942 dar, worin der Plan des Völkermords, der Vernichtung aller Sinti und Roma, festgeschrieben ist. Dieser Plan wurde auch unverzüglich umgesetzt, schon nach einigen Wochen waren über 10 000 Sinti und Roma nach Auschwitz-Birkenau deportiert worden (64/20).
Von den in Europa lebenden Sinti und Roma wurden von den Nazis ungefähr 500 000 ermordet.
Die Situation der Sinti und Roma
In fast allen KZs gab es Sinti und Roma, ihre Lebensbedingungen waren besonders schlecht und machten Widerstand sehr schwierig. Die SS versuchte, sie möglichst vollständig von den übrigen Häftlingen zu isolieren, sowohl räumlich, als auch durch Schürung von Ressentiments und Vorurteilen bei den anderen Gefangenen. So wurden sie immer in extra Lagerabschnitten untergebracht, mußten den schwarzen Winkel tragen (den Winkel für sogenannte „Asoziale") und zusätzlich ein „Z" für „Zigeuner". Normalerweise wurden sie keiner Arbeitskolonne mit anderen Gefangenen zugeteilt, in Auschwitz-Birkenau wurden sie überhaupt nur innerhalb ihres Lagerabschnitts eingesetzt. Damit versuchte die SS den Eindruck zu erwecken, die Sinti und Roma müßten nicht oder nur leicht arbeiten.
In Auschwitz-Birkenau kam noch hinzu, daß die Familien zusammengelassen wurden, was von der SS als Privileg dargestellt wurde. Gegenüber den Sinti und Roma diente dies jedoch dazu, ihnen eine vermeintliche Sicherheit vorzutäuschen, zusätzlich war es ein Mittel der Demoralisierung, wie der Sinto Hans Braun, ein Überlebender des Lagers, berichtet:
„Sie dachten sich, die Sinti lassen wir mit den Kindern zusammen, weil man ... unsere Gefühle abtöten wollte ... Jetzt stirbt ein kleiner Junge bei dir oder ein Mädchen, das ist noch viel schlimmer zu ertragen, als wenn du es nicht siehst. Das war ihre Methode, uns Sinti kaputtzumachen. " (Ulrich König, „Sinti und Roma unter dem Nationalsozialismus – Verfolgung und Widerstand", 40/123)
Von einer Bevorzugung konnte in Wirklichkeit keine Rede sein. 1944 war die Sterblichkeit im angeblich bevorzugten „Familienlager" in Auschwitz-Birkenau die höchste im ganzen Lagerkomplex. Die SS hielt die Lebensbedingungen so schlecht, daß allein von März bis September 1943 ca. 7000 Sinti und Roma verhungerten und Krankheiten erlagen. Über 13 000 der ca. 22 000 Sinti und Roma in Auschwitz-Birkenau wurden auf diese Weise ermordet.
In vielen anderen KZs mußten Sinti und Roma Sklavenarbeit leisten (u. a. für Siemens, Messerschmitt, Daimler-Benz).
Besonders häufig waren Sinti und Roma von grausamen Folterungen durch Nazi-Ärzte betroffen, die als „medizinische Experimente" getarnt waren. Auch Zwangssterilisationen wurden in diesem Zusammenhang in großem Umfang durchgeführt.
Widerstand von Sinti und Roma in den KZs und Vernichtungslagern
Aus vielen KZs und Vernichtungslagern ist bekannt, daß Sinti und Roma Widerstand leisteten. Wie bei den anderen Häftlingsgruppen gab es dabei die unterschiedlichsten Formen, von der Abwehr der Demoralisierung durch gemeinsame Verteilung der Lebensmittel, Kinderbetreuung, kulturelle Veranstaltungen usw. über Flucht und Durchbrechen der Isolation, der Rettung von Leben und Hilfe für andere Gefangene bis zur offenen bewaffneten Revolte.
Oft wird berichtet, daß sie großen Wert auf gegenseitige Aufrichtung und Solidarität legten. Dabei verweigerten sie oft die Befehle der SS und riskierten schwerste Strafen.
Aus Ravensbrück ist bekannt, daß sich viele Sinti- und Roma-Frauen weigerten, andere Häftlinge zu schlagen, „weil diese Gefangene wie sie selbst" seien. Der Vater des Sinto Anton Franz rettete in einem Arbeitslager 40 bis 50 kriegsgefangenen Rotarmisten und Polen das Leben, indem er als Vorarbeiter die Meldelisten fälschte und Essen und Medikamente für sie besorgte.
Verschiedene Male gelang es Sinti und Roma, Kassiber und Nachrichten aus KZs herauszuschmuggeln. Immer wieder haben Sinti und Roma mit Hilfe ihrer Sprache Botschaften weitergegeben, in dem Bewußtsein der Gefahr der Todesstrafe. So endet z. B. ein unzensierter Brief einer Sintezza aus dem KZ Auschwitz mit den Worten: „Extra Gruß von Baro Naßlepin, Elenta und Marepin", was „große Krankheit, Elend und Not" bedeutet.
Sinti schmuggelten auch Briefe mit Listen von Deportierten und KZ-Häftlingen aus Auschwitz, die dann vervielfältigt wurden und so die Nachrichten über die Verbrechen in den Lagern verbreiten halfen.
Aus Auschwitz sind 42 Fluchten von Sinti und Roma bekannt, darunter waren viele Jugendliche zwischen 15 und 16 Jahren. Ebenso gab es Fluchten aus anderen Lagern, u. a. Mauthausen, Dachau und Sachsenhausen.
Immer wieder wird von der offenen Auflehnung gegen die SS berichtet.
Im Nazi-Lagertagebuch des österreichischen KZ Lackenbach, wo überwiegend Sinti und Roma untergebracht waren, heißt es am 8. Februar 1942 unter anderem:
„Am heutigen Tage weigerten sich die Zigeuner, zur festgesetzten Stunde den Schlafraum aufzusuchen, weil durch das herrschende Tau- und Regenwetter Stroh und Bettzeug vollkommen durchnäßt waren." (40/126)
Die Gefangene Simone Saint-Clair berichtet, daß am 23. November 1944 in Ravensbrück eine Revolte stattfand, wo sich die Sinti und Roma während des Appells nicht „in die Disziplin fügten", weil ihre Kinder in die Todeslager abtransportiert worden waren.
Der Augenzeuge Michal Chodzko berichtet vom verzweifelten Widerstand einer Reihe von Müttern am 6. September 1944 in Treblinka, die sich gegen die Ermordung ihrer Kinder durch die SS zur Wehr setzten: Die Frauen kämpften mit den SS-Schergen, um ihnen die Kinder zu entreißen, und wurden erschossen.
Der Kampf gegen die Liquidierung des „Zigeunerlagers" in Auschwitz-Birkenau
Anfang April 1944 sollte das sogenannte „Zigeuner-Familienlager" liquidiert und alle Gefangenen durch Gas ermordet werden. Als Tadeusz Joachimowski, Schreiber im „Zigeunerlager", davon erfuhr, informierte er vertraute Sinti und Roma, und es wurde beschlossen, Widerstand zu leisten.
Tadeusz Joachimowski berichtet über den Widerstand der Sinti und Roma:
„Am ungefähr 5. April '44 blieben noch am Leben neuntausend (9 000) Zigeuner, und diese neuntausend Zigeuner wollte Mengele vergasen lassen. Da ich diesen Bescheid von dem ehemaligen Lagerführer und Rapportführer SS-Mann Bonigut zu wissen bekam, er mich darauf vorbereitete, besprach ich diese Angelegenheit mit mir vertrauten Zigeunern, und - wir beschlossen, daß sie sich zur Wehr setzen sollen. Um das aber natürlich zu ermöglichen, mußten sie sich bewaffnen. Sie taten es. Die Waffen erlangten sie in dem Effektenlager, und als der Tag der Vergasung ankam, ... stellten sich die Zigeuner zur Wehr, indem sie sagten, daß sie sich so ohne alles nicht hinaustreiben lassen werden, sie werden sich wehren, und bei dieser Gelegenheit werden auch verschiedene von den SS-Männern daran glauben müssen. Nach den Anzeichen, die die SS-Männer hinterher zeigten, wurden sie in solcher Weise schockiert, daß sie späterhin diese Aktion abbrachen, sie fuhren unverrichteter Dinge wieder zurück, und die Zigeuner wurden damals gerettet. "
(40/130)
Ab Mai 1944 wurden daraufhin verschiedene große Gruppen, vor allem junge und „gesunde" Sinti und Roma, ins Stammlager und in andere Lager überstellt, insgesamt mindestens 3 000. Zurück blieben einige tausend Sinti und Roma, vor allem Ältere, Kranke und Kinder, von denen die SS keinen Widerstand erwartete. Sie wurden im August 1944 in den Gaskammern ermordet.
Doch trotz aller dieser Maßnahmen der SS leisteten auch die restlichen Sinti und Roma - bevor sie ermordet wurden - gegen die SS erbitterten Widerstand.
Verschiedene Häftlinge, die in Verbindung mit dem Lager der Sinti und Roma in Auschwitz standen oder im „Sonderkommando" arbeiteten, berichten, es seien stundenlang Schreie wie „Mörder" und „Verräter" zu hören gewesen, Schüsse seien gefallen und im Lagerabschnitt wären am nächsten Morgen überall zerschlagenes Geschirr und Blutspuren zu sehen gewesen. Die SS war mit aller Brutalität vorgegangen, hatte praktisch jeden einzelnen in die Gaskammern treiben müssen (u. a. mit Einsatz von Flammenwerfern) und war trotzdem z. B. von Sinti-Frauen mit bloßen Händen attackiert worden. Viele hatten sich im Lager versteckt. Auch hier wurden zum Widerstand Waffen benutzt und einzelne SS-Posten entwaffnet. Ein pronazistischer Kapo wurde von den Sinti und Roma erschlagen. Einige SSler verloren daraufhin die Nerven und mußten ausgewechselt werden (40/130, 131,132).
Der Widerstand der Sinti und Roma trug dazu bei, den Mythos der Unbesiegbarkeit der SS und der Nazi-Wehrmacht zu zerstören. Er war Bestandteil des weltweiten antinazistischen Kampfes, der den Nazifaschismus schließlich besiegte. (Alle Fakten, soweit nicht anders gekennzeichnet, nach 40)
Konsequenter Kampf gegen die Spitzel in den eigenen Reihen
Die effektivste Methode der Nazis, in die Widerstandsorganisationen einzudringen, war ihr Spitzelsystem.
Deshalb war Wachsamkeit und entschlossene Härte des Widerstandes nicht nur gegen die SS und die ukrainischen oder lettischen Hilfstruppen notwendig, sondern auch gegen diejenigen aus den eigenen Reihen, die auf einmal an der Seite der Nazis standen, sich durch Privilegien bestechen und kaufen ließen, zu Verrätern wurden.
In den KZs galt es, Spitzel zu enttarnen, die dann meist von der SS fallengelassen und hingerichtet wurden, weil sie unbrauchbare Mitwisser waren. Eine weitere Möglichkeit des Kampfes gegen die Spitzel bestand darin, enttarnte Denunzianten in die Vernichtungslager oder auf Transport in andere KZs zu verschicken. Ein Problem dabei war, daß diese Spitzel dann vielleicht ihre dreckige „Arbeit" in den anderen Lagern weiter ausüben konnten. Die Liquidierung von Spitzeln war in KZs die effektivste Methode zur Bekämpfung des SS-Spitzelsystems, denn nur so war gesichert, daß die Spitzel wirklich keinen weiteren Schaden mehr anrichten konnten - auch nicht in anderen Lagern.
In „reinen" Vernichtungslagern war die Liquidierung die einzige Möglichkeit, Spitzel unschädlich zu machen. „Auf Transport schicken" war nicht möglich, weil es aus Vernichtungslagern heraus eigentlich keine Transporte gab. In Sobibor wurde z. B. ein Spitzel mit dem Spitznamen „Berliner", der einen Fluchtversuch verraten hatte, von der Widerstandsorganisation liquidiert.
Die Liquidierungen wurden auf eine sehr präzise und beeindruckende Weise durchgeführt, es gab eine gut funktionierende Arbeitsteilung. Wenn sowjetische Genossen zum Beispiel einen deutschen Spitzel enttarnt hatten, informierten sie die deutschen Genossen. In Buchenwald entdeckten sowjetische Genossen, daß ein deutscher Blockältester ein Spitzel war. Er hatte eine Liste von antifaschistischen Häftlingen angelegt. Die sowjetischen Genossen alarmierten die deutschen Kommunisten. Der Spitzel wurde dann von der deutschen kommunistischen Organisation liquidiert, um nicht den Eindruck zu erwecken „Russen schlagen Deutsche tot". Wenn deutsche oder österreichische Häftlinge durch ihre Arbeit in der „Häftlingsselbstverwaltung" erfahren hatten, daß ein sowjetischer Häftling ein Spitzel war, informierten sie darüber die sowjetischen Genossen, die dann die Liquidierung des Spitzels übernahmen, damit auch hier nicht der Eindruck erweckt wird, Deutsche hätten einen sowjetischen Häftling erschlagen. Unter Berücksichtigung der nationalen Spaltungspolitik der Nazis wurden Spitzelprobleme jeweils im Rahmen der nationalen Gruppe, der der Spitzel angehörte, gelöst.
Es wurde versucht die Liquidierungen als Selbstmord oder Unfall zu tarnen, um nicht die Nazis auf die bestehende Widerstandsorganisation aufmerksam zu machen. Das war relativ leicht möglich, weil ein Selbstmord oder ein Unfall unter den Bedingungen in den KZs oder Vernichtungslagern nichts Besonderes war und deshalb kaum Verdacht bei der SS erweckte.
In Bergen-Belsen wurde ein enttarnter Spitzel erhängt, um einen Selbstmord vorzutäuschen. In Auschwitz-Birkenau liquidierte die sowjetische Widerstandsorganisation 1944 einen Spitzel, der darauf angesetzt war, weitere Fluchten zu verhindern. Seine Hinrichtung wurde als Arbeitsunfall getarnt. In Buchenwald wütete 1941 ein Spitzel besonders schlimm, ein weißrussischer Emigrant, der Hunderte von Häftlingen an die SS verraten hatte, insbesondere sowjetische Häftlinge. Eugen Kogon schildert den Kampf der Widerstandsorganisation gegen diesen Spitzel:
„Dieser Gestapoagent, der mehrere hundert Häftlinge zu Tode gebracht hat, scheute auch nicht davor zurück, jedermann in der gemeinsten Weise zu denunzieren, mit dem er einmal irgendeinen, wenn auch ganz nebensächlichen Streit gehabt hatte ... Ihn einmal allein zu überraschen, so daß er etwa erschlagen hätte werden können, war lange Zeit nicht möglich, da ihm die SS ihren besonderen Schutz angedeihen ließ. Sie machte ihn am Ende zum tatsächlichen Leiter der Häftlingsschreibstube. In dieser Stellung ... behinderte (er) in vielem die positive Ausnützung der Einrichtungen der Häftlingsselbstverwaltung. In den ersten Tagen des Jahres 1942 fühlte er sich endlich einmal krank; er war unklug genug, sich zum Häftlingskrankenbau zu begeben. Damit lieferte er sich seinen Gegnern selbst aus. Mit Erlaubnis des Lagerartztes Dr. Hoven ... wurde Kushnir sofort für infektionskrank erklärt, isoliert und bald darauf durch Giftinjektion getötet. Ich erinnere mich noch, welch erleichterndes Aufatmen durch das ganze Lager ging, als sich mit Blitzeseile die Nachricht verbreitete, um 17.10 Uhr sei Kushnir-Kushnarew gestorben. "
(Eugen Kogon, „Der SS-Staat", 37/328 f.)
Die Liquidierung von Nazi-Spitzeln wurde in vielen Fällen in KZs bewußt mit einer Art Gerichtsverfahren verbunden. Trotz des großen Risikos sind die Spitzel in einzelnen Fällen vor ihrer Hinrichtung noch vernommen worden. In Gusen, einem Nebenlager von Mauthausen, und Bergen-Belsen gab es dafür ein fünfköpfiges Gericht. Das Risiko, ein solches Gerichtsverfahren zu organisieren, wurde eingegangen, um Fehlurteile, die in einer so angespannten Situation vorkommen, zu vermeiden, um durch die Vernehmung der Spitzel an Informationen zu gelangen und auch, um Geschwätz und Gerüchten vorzubeugen, es würden leichtfertig Urteile gefällt oder man wolle sich nur unliebsamer Personen entledigen.
Trotz eines unermüdlichen Kampfes gegen die Spitzel gelang es den Nazis mit Hilfe ihres Spitzelapparates in die Widerstandsorganisationen einiger KZs einzudringen und daraufhin Verhaftungen und Ermordungen durchzuführen.
In Sachsenhausen gelang den Nazis der größte Einbruch in eine kommunistische Widerstandsorganisation. Dort hatte die Lagergestapo über 200 Spitzel eingesetzt. Als im März 1944 ein Radio und Flugblätter der Widerstandsorganisation gefunden wurden, setzte eine umfangreiche Spitzeltätigkeit ein, geführt von einer „Sonderkommission" der SS. Es konnten zwar noch einige Gegenmaßnahmen der Widerstandsorganisation eingeleitet werden (z. B. schafften es Häftlinge, die in der „Häftlingsselbstverwaltung" arbeiteten, einige Berichte der Spitzel zu lesen), aber dennoch war der Erfolg der Nazis sehr groß:
Über 160 Häftlinge wurden verhaftet, 27 zumeist kommunistische Häftlinge wurden am 11. Oktober 1944 erschossen, 103 noch im
selben Monat auf Transport ins KZ Mauthausen geschickt. Darunter war auch Ernst Schneller, früheres Politbüromitglied der KPD und der führende Kopf der deutschen kommunistischen Organisation in Sachsenhausen (48/227f).
In Buchenwald war bei der Feier wegen der Ermordung Ernst Thälmanns auch ein Nazi-Spitzel dabei. Er verriet die Anwesenden und es kam zu Verhaftungen, u. a. wurden österreichische, sowjetische und auch deutsche Kommunisten, u. a. der Genosse Robert Siewert, verhaftet und teilweise auch gefoltert. Alle hielten der Folter stand (48/134).
In Dora wurde gegen den Widerstand besonders viele Spitzel eingesetzt, weil dort die V-Raketenproduktion durchgeführt wurde und sich eine breite Sabotagetätigkeit entwickelt hatte. Durch Spitzeltätigkeit wurde im November 1944 die Widerstandsorgansiation hart getroffen. Vor allem ein Spitzel tat sich besonders hervor. Er schaffte es, daß er von der illegalen Widerstandsleitung als Blockältester im sowjetischen Block eingesetzt wurde. Er organisierte Provokationen, indem er andere Häftlinge zum Widerstand ermutigte. Nachdem er sich durch eine Unachtsamkeit selbst enttarnte, holten die Nazis zum Schlag aus. 400 Verhaftungen wurden durchgeführt, Folterungen begannen und viele Hinrichtungen. Zwischen dem 10. und 21. März wurden 118 Häftlinge auf dem Lagerplatz durch Erhängen ermordet (48/333f).
Widerstand von Häftlingen gegen ihre unmittelbar bevorstehende Ermordung
Manchmal wird die Frage gestellt, warum es nicht häufiger zu Aufständen von Häftlingen, besonders von zur Vernichtung bestimmten Häftlingen, gekommen war, vor allem auch in den Vernichtungslagern vor den Gaskammern, da das Zahlenverhältnis zwischen Wachmannschaft und Gefangenen für letztere doch relativ günstig war. Wer so fragt, übersieht, daß sich ein Großteil der Häftlinge, besonders nach den unerträglich qualvollen Transporten in die Lager, in einem körperlichen Zustand befand, der fast jeden Gedanken an Widerstand ausschloß. Er unterschätzt das Herrschaftssystem der SS in den Lagern, ihre unberechenbare, tierische Brutalität, die kombiniert war mit Zuckerstückchen, das Schüren von Widersprüchen zwischen den unterschiedlichen Gruppen und Nationalitäten der Häftlinge sowie ihr Netz von Spitzeln, das die Organisierung eines Aufstands und die Bewaffnung der Häftlinge in einem KZ fast undenkbar machte.
Für die zur Ermordung durch Giftgas bestimmten jüdischen Transporte in die Vernichtungslager waren die großangelegten Täuschungsmanöver der SS, neben dem Terror der SS, von besonderer Bedeutung. Viele Juden in den Ghettos, die in die Vernichtungslager deportiert wurden, glaubten nicht einmal den Berichten einzelner geflohener Häftlinge, weil die Völkermordaktion einfach zu ungeheuerlich klang und für sie unfaßbar war. Selbst vor den Gaskammern scheinen viele noch aufgrund der beruhigenden Ansprachen der SS-Lagerkommandeure und der ein Arbeitslager vortäuschenden Umgebung geglaubt zu haben, daß sie zum Duschen geführt werden, um dann anschließend zum Arbeitseinsatz eingeteilt zu werden.
Obwohl Häftlinge des jüdischen „Sonderkommandos" und die Widerstandsorganisationen in den Vernichtungslagern unter Todesgefahr versuchten, Kontakt mit den ankommenden, zur Vernichtung bestimmten Häftlingen aufzunehmen, kam es immer wieder zu solch schrecklichen Szenen, wie sie Richard Glazar, ein Überlebender des „Sonderkommandos" in Treblinka bei der Ankunft eines Todestransportes im Vernichtungslager Treblinka beschreibt:
„Es geschah gelegentlich, daß jemand aus einem Transport fragte: Wo sind wir, was wird mit uns geschehen?' und jemand von uns zischte: Dem Tod entgegen geht ihr - wehrt euch! Los, wir alle! ... ` Dann schauten sie ihn mißtrauisch und befremdet an, wie einen Narren, falls sie überhaupt inmitten des Tumults, in der Sorge um ihre Kinder, Frauen, Mütter, Koffer und Ranzen imstande waren zu schauen. " (Richard Glazar, „Die Falle mit dem grünen Zaun", 28/37)
Doch das SS-Herrschaftssystem von Terror und Täuschung war nicht perfekt. Es gab Widerstand von zur Ermordung bestimmten Häftlingen. Er trug dazu bei, den Mythos der Unangreifbarkeit, der Unbesiegbarkeit der SS zu zerstören, denn oftmals wurden noch einige SS-Mörder mit in den Tod genommen. Dieser Widerstand war für die anderen Häftlinge Vorbild, auch wenn er mit der Ermordung der Häftlinge endete, eine ungeheure moralische Kraftquelle, um weiterkämpfen zu können. Für die Vorbereitung von bewaffneten Aufständen waren diese Widerstandsaktionen deshalb ganz zentral.
Die Nazis schickten alle Juden aus den im „Deutschen Reich" liegenden Konzentrationslagern in die Vernichtungslager nach Polen. Als im Oktober 1942 auch die jüdischen Häftlinge des KZs Sachsenhausen für einen Transport nach Auschwitz-Birkenau zusammengetrieben werden sollten, gab es Widerstand und einen Fluchtversuch, der von zwölf überlebenden Mitgefangenen verschiedener Nationalität bezeugt wurde. In deren Bericht heißt es:
„Ende Oktober 1942 wurde der Rest von 500 bis 600 Juden nach Auschwitz transportiert. Die Tatsache, daß ihnen sämtliche Privatsachen abgenommen wurden, veranlaßte die jüdischen Häftlinge zu der berechtigten Annahme, daß sie den Weg zum Krematorium gehen sollten. Die Tapfersten unter ihnen durchbrachen den Ring der Blockführer, schlugen sie nieder und stürmten durch das Lager mit dem Ruf: , Wir lassen uns nicht abschlachten! Wir wollen im Kampf sterben!' Das geschah gerade während des Appells, also angesichts sämtlicher Häftlinge des Lagers. Lagerführer Sauer erkannte die Gefahr der Situation und beruhigte die jüdischen Häftlinge. " („Bericht über das Konzentrationslager Sachsenhausen", 8/34)
Kontakte mit SS-Leuten, insbesondere auch das Ausnützen der Widersprüche bei der SS, in den letzten Kriegsmonaten, haben als Informationsquelle für die Widerstandsorganisationen eine sehr große Rolle gespielt, gerade auch für die Verhinderung der Liquidierung ganzer Lager.
Im KZ Ebensee, einem Außenlager von Mauthausen, wollte die SS im Mai 1945, kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs, alle Häftlinge ermorden. Doch die Widerstandsorganisation, die einige Waffen besaß und dadurch an Selbstbewußtsein gewonnen hatte, beschloß, dagegen Widerstand zu leisten. In der Nacht vom 4. zum 5. Mai gab der SS-Lagerkommandant in der Schreibstube, wo einige Mitglieder der Widerstandsorganisation arbeiteten, bekannt, daß die Häftlinge am Morgen des 5. Mai in die Bergwerksstollen gehen sollten, angeblich zum Schutz vor den anrückenden US-Truppen. Doch die Widerstandsorganisation hatte in Erfahrung gebracht, daß in Wirklichkeit die Stollen gesprengt und so die Häftlinge ermordet werden sollten. In derselben Nacht entfaltete die Widerstandsorganisation eine Debatte unter den Häftlingen, um sie davon zu überzeugen, daß sie nicht in die Stollen gehen durften, weil die SS die Stollen sprengen und die Häftlinge so ermorden wollte.
Der Morgen des 5. Mai begann wie immer mit dem Lagerappell. Bewaffnete SS hatte sich vor den Häftlingen aufgebaut. Der Lagerkommandant forderte die Häftlinge auf, in die Stollen zu gehen. Massenhaft erschollen daraufhin Rufe: „Nein! Nein!" Der Lagerkommandant war völlig überrascht und verwirrt. Er gab auf, und am Nachmittag verließ die SS den Lagerbereich. Die Häftlinge hatten gesiegt. (48/406).
Andere überlieferte Aktionen von Häftlingen, um die eigene Ermordung zu verhindern, fanden bei deren Ankunft auf der Rampe, direkt vor den Gaskammern in den Vernichtungslagern, in Chelmno, Treblinka, Sobibor, Belzec und Auschwitz-Birkenau statt oder wurden von einem der jüdischen „Sonderkommandos" durchgeführt.
Aus dem Vernichtungslager Chelmno ist bewaffneter Widerstand des jüdischen „Sonderkommandos" überliefert. Mitte Januar sollte das Lager liquidiert werden, weil die Rote Armee immer weiter vorrückte. 20 der 40 jüdischen Häftlinge des „Sonderkommandos" waren von der SS schon ermordet worden. Die letzten 20 Häftlinge, die in eine Zelle gepfercht worden waren, sollten in Fünfergruppen ermordet werden. Als die ersten fünf jüdischen Häftlinge zur Ermordung aus ihrer Zelle auf den Hof des Lagers geführt werden sollten, packten sie einen SS-Mörder, entwendeten ihm seine Pistole und zogen ihn in ihre Zelle. Sie eröffneten das Feuer auf die SS und ergaben sich nicht. Nach der Aussage eines SSlers zündeten die Häftlinge das ganze Gefängnis an und kamen dabei um (66/143f).
In Belzec weigerte sich eine Gruppe von Juden aus Polen bei der Ankunft, den Waggon zu verlassen. Ein anderes Mal wollte sich eine Frau mit einer Rasierklinge zur Wehr setzen; jedesmal wurden die Rebellierenden erschossen.
Da einige Häftlinge aus der seit 1942 arbeitenden Vernichtungsmaschinerie Treblinka ausbrechen konnten, liegen konkretere Berichte über bewaffnete Widerstandsaktionen vor.
Als am 26. August 1942 ein junger Jude von einem ukrainischen Hilfspolizisten daran gehindert wurde, sich von seiner Mutter zu verabschieden, soll er diesen mit seinem Messer verletzt haben. Nicht nur er, sondern der ganze aus Kielce stammende Transport wurde daraufhin erschossen (1/726).
Ein junger Jude namens Meir Berliner, der am 11. September 1942 aus einem Warschauer Transport zur Arbeit im „Sonderkommando" Treblinka eingeteilt worden war, mußte mitansehen, wie seine Frau und sein Kind in die Gaskammer geführt wurden. Mit dem Aufschrei „Ich kann nicht mehr anders", stürzte er sich daraufhin auf den SS-Unterscharführer Max Biala und erstach ihn mit seinem Messer. Als Racheakt der SS-Henker wurden daraufhin zusammen mit ihm mehr als 100 jüdische Häftlinge seines „Arbeitskommandos" grausam getötet (38/323f).
Als gegen Ende 1942 etwa 2 000 Juden aus Grodno nach Treblinka gebracht wurden, leisteten sie massiv Widerstand, als sie sich ausziehen und in die als Bad getarnten Gaskammern gehen sollten. Sie stürzten sich auf die SS-Wächter und kämpften mit Messern und Flaschen. Sie warfen sogar eine Handgranate, so daß drei SS-Leute schwer verletzt wurden und mehrere Wochen im Krankenhaus behandelt werden mußten. Shmuel Willenberg hat im Jahr 1948 zu Protokoll gegeben, daß nach dieser Revolte alle 2000 erschossen wurden (Shmuel Willenberg, „Revolt in Treblinka", 84, zit. n. 48/305).
Als das „Sonderkommando" nach der Liquidierung von Belzec im November 1942 nach Sobibor gebracht wurde und merkte, daß dort dieselbe Vernichtungsmaschinerie eingerichtet war, setzte es sich mit allem Greifbarem zur Wehr. Die darauf vorbereitete SS erstickte diesen Widerstandsversuch im Maschinengewehrfeuer (48/305).
Am 30. April 1943 rebellierten Deportierte aus Wlodawa bei der Ankunft auf der Rampe von Sobibor und konnten einige SS-Männer und ukrainische Wachen verwunden, bevor sie getötet wurden. Auch Deportierte aus Minsk haben im September desselben Jahres auf der Rampe Wachmänner mit Steinen, Töpfen und Flaschen beworfen (1/476f).
Aus Auschwitz-Birkenau ist die Rebellion einer größeren Zahl jüdischer Häftlinge im Entkleidungsraum vor der Gaskammer bekanntgeworden. Am 23. Oktober 1943 wurden 1700 Juden, die den Warschauer Ghetto-Aufstand überlebt hatten, nach AuschwitzBirkenau zur Vernichtung deportiert. Sie waren aufgrund ihrer Erfahrungen beim Ghetto-Aufstand politisch sehr bewußt, und ihr Schicksal in Auschwitz blieb ihnen nicht verborgen.
Nachdem etwa zwei Drittel - vorwiegend Männer -- in der Gaskammer in Polen hingerichtet worden waren, so der Lagerkommandant Rudolf Höß in einer eidesstattlichen Versicherung, die am 14. März 1946 vor dem Nürnberger Kriegsverbrechertribunal verlesen wurde, „ brach bei dem noch im Auskleideraum befindlichen letzten Drittel eine Meuterei aus. Drei oder vier der SS-Unterführer betraten mit ihren Waffen den Raum, um das Ausziehen zu beschleunigen. Dabei wurde die Lichtleitung abgerissen, die SS-Männer überfallen, einer erstochen und alle ihrer Waffen beraubt. Da es nun in diesem Raum völlig dunkel war, entstand eine wüste Schießerei der am Ausgang befindlichen Posten und der drin befindlichen Häftlinge. Bei meinem Eintreffen ließ ich die Türen schließen, den Vergasungsvorgang der ersten zwei Drittel beenden und ging dann mit Handscheinwerfern und den Posten in den Raum und wir drängten die Häftlinge in eine Ecke, wo sie dann einzeln herausgeführt und in einem Nebenraum des Krematoriums mit Kleinkaliber auf meinen Befehl erschossen wurden. " (18/Dokument NO-1210)
Der berüchtigte SS-Rapportführer Schillinger starb an den ihm zugefügten Verletzungen, SS-Unterscharführer Emmerich wurde schwer verwundet. Schillinger soll im Entkleidungsraum eine Frau angegriffen haben. Diese wehrte sich und konnte ihm seine Pistole entreißen (48/295).
Anfang April 1944 sollte das sogenannte „Zigeuner-Familienlager" liquidiert und alle Gefangenen durch Gas ermordet werden. Die Sinti und Roma beschlossen, sich zu wehren, die Liquidierung konnte zunächst verhindert werden, weil die SS damit nicht gerechnet hatte. Erst im August 1944, nach der Verlegung einiger tausend vor allem junger und „gesunder" Sinti und Roma, führte die SS ihre Mordaktion durch. Auch diesmal leisteten die Zurückgebliebenen, vor allem Ältere, Kranke und Kinder, erbitterten Widerstand.
Die sowjetischen Häftlinge in den KZs des Nazi-Faschismus
Die barbarische Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen während des Zweiten Weltkrieges, genauer vom 22. Juni 1941 bis zum Mai 1945, war keine isolierte Aktion, sondern Bestandteil der von den Nazis konsequent durchgeführten barbarischen Kriegsmethoden gegen die sozialistische Sowjetunion.
So wurde schon im Mai 1941 in einer Regierungsbesprechung vorgesehen, daß in der Sowjetunion „zweifellos zig Millionen Menschen verhungern", „viele 10 Millionen ... überflüssig werden" (56/747f).
Das sogenannte „Oberkommando der Wehrmacht` gab den berüchtigten „Kommissarbefehl" aus, mit dem die Vernichtung nicht nur politischer Kommissare der Roten Armee, sondern auch aller Funktionäre des Staates und der Partei, „fanatischer Kommunisten", aller Juden, aller Angehörigen der Intelligenz angeordnet wurde:
„Die Truppe muß sich bewußt sein:
1. In diesem Kampf ist Schonung und völkerrechtliche Rücksichtnahme diesen Elementen gegenüber (gemeint sind politische Funktionäre der Sowjetunion, A. d. V.) falsch. Sie sind eine Gefahr für die eigene Sicherheit und die schnelle Befriedung der eroberten Gebiete.
2. Die Urheber barbarisch asiatischer Kampfmethoden sind die politischen Kommissare. Gegen diese muß daher sofort und ohne weiteres mit aller Schärfe vorgegangen werden.
Sie sind daher, wenn im Kampf oder Widerstand ergriffen, sofort mit der Waffe zu erledigen."
(25/116)
Das ist der Hintergrund für das ungeheure Ausmaß der Vernichtung sowjetischer Kriegsgefangener:
5,7 Millionen Rotarmisten gerieten in Gefangenschaft. 3,3 Millionen wurden ermordet, davon 2 Millionen allein bis zum Februar 1942, also in 8 Monaten (56/747f.)
Bis zum 7. Oktober 1941 „erledigte" die deutsche Wehrmacht selbst diese Vernichtung sowjetischer Gefangener mittels Hunger, Kleiderentzug, fehlender Unterkunft oder durch Massenhinrichtungen. Danach übernahm Heydrichs SD und seine berüchtigten „Einsatzkommandos" die Selektion aus den Gefangenenlagern in die KZs.
Von den in die KZs Eingelieferten überlebten das erste Jahr keine 10 Prozent:
· in Auschwitz waren von fast 10000 Kriegsgefangenen im Mai 1942 nur noch 186 am Leben,
· in Sachsenhausen waren von 20500 im November 1941 nur noch 2 500 am Leben,
· in Mauthausen waren von 5333 am 1. Januar 1942 nur noch 467 am Leben (46/166),
· in Buchenwald wurden im selben Zeitraum mindestens 7000, wahrscheinlich aber 9 500 sowjetische Kriegsgefangene ermordet,
· in Dachau wurden ca. 10000 ermordet (37/257),
· im KZ Sandbostel ca. 46 000 (86/240ff).
In Auschwitz alleine waren von 13700 von den Nazis eingelieferten sowjetischen Kriegsgefangenen (ohne die Zahl der zugegeben Geflohenen und in andere KZs Überstellten) beim letzten Appell am 17. 1. 1945 ganze 96 Gefangene übriggeblieben (10/45).
Die erste „Erprobung" von Zyklon-B zur Ermordung durch Giftgas erfolgte an sowjetischen Kriegsgefangenen im September 1941: Im Block 11 wurden in Auschwitz so 600 Gefangene ermordet.
Das ist der Hintergrund, vor dem der Kampf und Widerstand der sowjetischen Gefangenen in den KZs gesehen werden muß. Dabei spielte der allgemeine Kriegsverlauf durchaus eine große Rolle: In den Anfangsmonaten erfolgte die größte Vernichtung durch die Nazis, während ab Ende 1942, als die Nazis eine Niederlage nach der anderen hinnehmen mußten, sowjetische Kriegsgefangene vermehrt als Arbeitskräfte gebraucht wurden.
Die wenigen sowjetischen Kriegsgefangenen, die unter diesen barbarischen Verhältnissen überlebten, überleben konnten, leisteten die vielfältigsten Formen des Widerstandes. Relativ zahlreich sind die Fluchtversuche. Nach Angaben des Bundes der Kriegsveteranen in der UdSSR gab es im März 1942 eine Massenflucht von 120 Gefangenen aus Auschwitz (19/27).
Einen besonders beeindruckender Bericht stammt von Konstantin Simonow aus Majdanek:
„Im Mai 1942 hatte eine Gruppe russischer Kriegsgefangener, die in den Wald von Krempets unweit vom Lager geschickt worden war, um Erschossene zu begraben, sieben deutsche Aufseher mit Schaufeln getötet und war geflohen. Zwei dieser Gefangenen wurden erwischt, die 15 übrigen konnten ihren Verfolgern entkommen. Daraufhin wurden die 130 noch im Lager lebenden Kriegsgefangenen (von 1000 im August 1941 gekommenen Gefangenen) in den Block der Häftlinge gebracht. Da sie wußten, daß sie in jedem Fall umkommen würden, beschlossen die russischen Kriegsgefangenen, mit Ausnahme von einigen Dutzend Leuten, auszubrechen. Eines Abends, Ende Juni, nahmen sie alle ihre Decken, legten sie zu je fünf über die Stacheldrähte, stiegen darüber wie über eine Brücke und flohen. Die Nacht war finster: Vier von ihnen wurden getötet, den übrigen gelang die Flucht. Danach wurden die im Lager gebliebenen 50 Gefangenen sofort in den Hof geführt, auf die Erde geworfen und mit Maschinenpistolen getötet. Damit begnügten sich die Deutschen nicht. Immerhin hatte es eine geglückte Flucht gegeben. Sie rüsteten die Stacheldrähte mit elektrischem Strom aus." („Konzentrationslager Dokument F 321", 41/175)
In Buchenwald gab es ab dem 15. März 1943 ein einheitliches Zentrum der im Widerstand tätigen sowjetischen Kriegsgefangenen. In Auschwitz hatte die Kampfgruppe Auschwitz Kontakte zu den organisierten sowjetischen Gefangenen, die sogleich auf die Organisierung eines bewaffneten Aufstandes drängten.
Ein besonderes Problem für die sowjetischen Kriegsgefangenen war es, daß sie bei den anderen Gefangenen mit einer „russen"feindlichen Haltung rechnen mußten; diese war eine Folge der Nazipropaganda gegen die „sowjetischen Untermenschen", die auch im KZ fortgesetzt wurde. Dementsprechend standen die sowjetischen Kriegsgefangenen in der ausgeklügelten Lagerhierarchie mit Juden und Sinti und Roma auf der untersten Stufe, wurden schlechter behandelt als die übrigen Gefangenen (weniger zu essen, schlechtere Kleidung etc.) und bekamen keine Funktionen in der „Häftlingsselbstverwaltung" zugeteilt.
Unter diesen Bedingungen war der Kampf gegen den Antikommunismus unter den Häftlingen und gegen die Demoralisierung in den Reihen der sowjetischen Kriegsgefangenen eine besonders schwierige, aber auch besonders wichtige Aufgabe. In diesem Bereich leisteten sie wirklich Beeindruckendes wie z. B. die Herausgabe einer illegalen Lagerzeitung in Buchenwald.
Die Lagerisolation durchbrechen, die Weltöffentlichkeit über die Naziverbrechen informieren und zu Gegenaktionen aufrufen
Die Nazis versuchten, die Häftlinge von der Außenwelt möglichst vollständig zu isolieren. So ließen sie nur solche Nachrichten von draußen ins KZ gelangen, die in ihrem Sinne waren. Zeitungen waren meist verboten, wenn erlaubt - wie der „Völkische Beobachter" -, dann zensiert. Unerlaubtes Radiohören wurde mit dem Tode bestraft. Die Nazis verbreiteten mit Vorliebe Nachrichten über Erfolgsmeldungen der deutschen Armee oder der Gestapo gegen den antifaschistischen Widerstand.
Es sollte durch die Isolation auch verhindert werden, daß bestimmte Informationen über Greuel in den KZs und Vernichtungslagern die Weltöffentlichkeit erreichten. Besonders die Vernichtung der europäischen Juden und der Sinti und Roma sollte geheimgehalten werden, damit die Opfer ahnungslos blieben, die Ermordung reibungslos über die Bühne gehen konnte.
Gegen diese Ziele der Nazis entwickelte sich Widerstand. Es wurde versucht, sich Informationen über „draußen" zu beschaffen. Das war vor allem wichtig ab 1943, um den wahren Frontverlauf und die Niederlagen der Nazis, die sie den Häftlingen zu verschweigen versuchten, zu erfahren. Jede noch so kleine Information über das Vorrücken der alliierten Truppen erzeugte neue Kräfte bei den Häftlingen, verstärkte ihre Widerstandsfähigkeit. Informationen vom Verlauf der Front waren gerade gegen Ende des Krieges von besonderer Bedeutung für die Vorbereitung eines bewaffneten Aufstandes. Jede Information über Partisanenaktionen in der Nähe eines KZs (Antifaschistische Partisanengruppen gab es z. B. in Polen, der Sowjetunion, Frankreich etc., aber nicht in Deutschland) bewies den Häftlingen die Existenz von Partisanen; daraufhin konnten die Widerstandsorganisationen versuchen, Kontakt aufzunehmen, um Unterstützungsaktionen für die Häftlinge zu organisieren, den gemeinsamen Kampf gegen den Nazifaschismus zu koordinieren. Es wurde auch versucht, die Isolation zwischen den einzelnen KZs zu durchbrechen. Das Ziel war, Erfahrungen im Kampf gegen die Nazis auszutauschen, mehr über die Situation in anderen Lagern zu erfahren oder auch Informationen z. B. über den Frontverlauf auszutauschen. Zudem wurden bei Verschickungen widerstandserprobte Häftlinge in andere Lager geschleust, um dort einen Widerstandskern neu aufzubauen oder schon bestehende Widerstandsgruppen zu stärken.
Ebenso wurde versucht, Informationen über die Greuelherrschaft der Nazis in den KZs und vor allem über die Vernichtung der europäischen Juden an die Weltöffentlichkeit zu bringen, u. a. auch die genauen geographischen Standorte der Vernichtungslager. Dadurch sollte die Behinderung oder sogar die Beendigung des Nazi-Völkermordes in den Todesfabriken durch deren Bombardierung durch die alliierten Armeen ermöglicht werden (siehe Anmerkung zur Problematik der geplanten Bombardierung von AuschwitzBirkenau, S. 192). Die jüdische Bevölkerung in den osteuropäischen Ghettos sollte gewarnt werden, daß die Nazis sie keineswegs zum Arbeitseinsatz bringen wollten, sondern alle Transporte aus den Ghettos in den Vernichtungslagern in Polen endeten.
Das Netz der Nazi-KZs war fast über ganz Europa gespannt: neben den zwanzig Hauptlagern gab es Hunderte von Nebenlagern. Durch diese riesige Anzahl von Lagern kam es auch immer stärker zu Kontakten mit der Zivilbevölkerung und einzelnen Widerstandsgruppen.
Solche Kontakte verliefen in Deutschland zumeist sehr unerfreulich. Die Häftlinge, die in den Bahnhöfen aneinandergekettet transportiert wurden oder aus den KZs auf längeren Fußmärschen durch die Straßen gehen mußten, wurden selbstverständlich von einem großen Teil der deutschen Bevölkerung, gerade auch von der deutschen Bevölkerung in Polen, gesehen beschimpft und bespuckt. Als Beispiel sei nur das Auschwitzer Außenlager Gleiwitz angeführt: Deutsche - die nachher um ihrer gerechten Strafe zu entgehen vor der Roten Armee geflohen sind - streuten den Häftlingen, die jeden Tag barfuß durch die Stadt zur Arbeit laufen mußten, Glasscherben auf die Straße (61/76).
In Rüstungsbetrieben, in denen noch deutsche Meister und Arbeiter eingesetzt waren, die nicht zur Wehrmacht eingezogen wurden, kam es in kleinem Umfang zu Kontakten mit Häftlingen. In sechs oder sieben dokumentierten Fällen wurden diese Kontakte dazu benutzt, um Verbindung mit alten KPD-Genossen aufzunehmen und hier und da Hilfsleistungen zu organisieren. Ansonsten wird in der überwiegenden Mehrzahl der Berichte geschildert, daß solche Kontakte überhaupt nicht stattfanden oder negativ verliefen. Aus diesem Grunde ist es um so wichtiger, die positiven Beispiele herauszustellen. Im Reichssicherheitshauptamt, einer der wichtigsten Zentralstellen, arbeitete die Reinemachefrau Annie Noack, die der Widerstandsorganisation durch Entwendung des Dienstsiegels wesentlich geholfen hat. Ein weiteres Beispiel ist ein Meister eines Rüstungsbetriebes, der es geschafft hat, einem Häftling zur Flucht zu verhelfen und ihn zu verstecken.7
Das Verhältnis zwischen KZ-Häftlingen und der Bevölkerung aller von den Nazis besetzen Länder war dagegen ein ganz anderes: Häftlinge, die durch die Straßen geführt wurden, bekamen Zigaretten zugesteckt oder erhielten moralische Aufrüstung. In einigen Fällen gab es sogar direkte Zusammenarbeit mit Widerstandsgruppen außerhalb der KZs. Die Kampfgruppe Auschwitz hatte regelmäßigen Kontakt zu einer polnischen Widerstandsorganisation, die Widerstandsorganisation in Buchenwald hatte Verbindungen zu belgischen Zwangsarbeitern, die in Waffenfabriken von Sömmerda arbeiten mußten, und bezog diese in ihre Aufstandspläne ein (13/498).
Im Herbst 1942 wurde eine Gruppe jüdischer Kommunisten aus Buchenwald nach Auschwitz-Monowitz verlegt. Diese konnten aufgrund ihrer Einheitlichkeit und Kampferfahrung einen Kern der Widerstandsgruppe in Auschwitz-Monowitz aufbauen, der dann Kontakt zur Kampfgruppe Auschwitz knüpfte (48/93).
Briefe waren ein Mittel zur Durchbrechung der Isolation. Nachrichten wurden mit unsichtbarer Tinte geschrieben, Häftlinge aus anderen Ländern verfaßten Briefe in deutsch und erfanden als Code-Wörter bestimmte Eigennamen, was gerade in Sprachen wie dem Ukrainischen oder Romanes, die Zensoren nicht beherrschten, eine sehr wirkungsvolle Methode war. So gelangten Nachrichten aus den KZs nach draußen, aber auch von außerhalb der KZs nach „drinnen".
Eine weitere Aufgabe war es, die Dokumente der Häftlinge, die in den „Sonderkommandos" arbeiten mußten und wußten, daß sie selbst ermordet werden würden, zu verstecken. Es sind einige dieser Dokumente erhalten geblieben, in denen die Häftlinge alles, was sie erlebt und gesehen hatten, schriftlich festgehalten und in die Gaskammern und Krematorien einzementiert haben. Bei der Untersuchung dieser Lager, an der sich auch überlebende Häftlinge beteiligten, sind diese Dokumente gefunden worden und haben in einer Reihe von Prozessen eine wichtige Rolle gespielt. In Mauthausen hat zum Beispiel ein spanischer Häftling sämtliche Fotos vom Lager, die er für die SS machen mußte, in doppelter Ausführung angefertigt.
Es gibt aus allen KZs Berichte darüber, daß Gefangene Möglichkeiten gesucht haben, sich unzensierte Zeitungen zu organisieren und heimlich Radio zu hören; die günstigste Möglichkeit bot sich Häftlingen, die in Büros der SS arbeiten mußten, in denen Radioapparate standen. Um die Abhängigkeit von dieser unsicheren und nur selten regelmäßig benutzbaren Nachrichtenquelle zu überwinden, wurden einerseits Radios selbst gebaut, andererseits mußten, um über ein zuverlässiges Mittel zur Durchbrechung der Isolation nach außen zu verfügen, Sender gebaut und Funkverbindungen zu den alliierten Armeen oder Widerstandsgruppen außerhalb der Lager hergestellt werden.
Der polnische Häftling Misiewicz organisierte trotz Rückschlägen den Bau eines Radioempfängers. So konnte der Sieg der Roten Armee bei Stalingrad empfangen werden, wodurch die Hoffnung der Häftlinge gestärkt wurde. Misiewicz hat später auch berichtet, daß der Kommunist Ernst Schneller im sogenannten „Polen-Block" untergebracht war und zwischen ihm und vielen seiner polnischen Mithäftlinge ein herzliches Verhältnis bestand (2/129f).
Der Senderbau, eine für die Widerstandsorganisation unter den KZ-Bedingungen schwierige, aber dennoch lösbare Aufgabe, war eine der wichtigsten Formen der Durchbrechung der Isolation. Die KZs waren riesige, sich selbst versorgende Komplexe mit den verschiedensten Werkstätten, und die in den Elektrowerkstätten arbeitenden Häftlinge versuchten sich am Senderbau und haben es geschafft.
In Dora, einem Nebenlager von Buchenwald, wurden beim Senderbau acht Häftlinge entdeckt und erschossen. Als dies in Buchenwald bekannt wurde, mußte die Widerstandsorganisation ihren Sender vernichten, denn die SS durchsuchte das ganze Lager nach weiteren Sendern. Was das bedeutet, nach so langem und mühevollen Zusammensuchen der notwendigen Teile, ist nur schwer vorstellbar. Aber es wurde ein neuer Sender gebaut, der dann in Buchenwald eine sehr große Rolle spielte bei der Herstellung des Kontakts zur US-amerikanischen Armee, die die Häftlinge über diese Funkverbindung zum Durchhalten aufforderte und über die herannahenden USamerikanischen Truppen informierte (48/261).
Um, die Weltöffentlichkeit über die Verbrechen des Nazifaschismus zu informieren, war auch die Flucht ein wichtiges Mittel (siehe dazu das Kapitel „Fluchtversuche einzelner bis zum Massenausbruch", S. 139).
Die dem Vernichtungslager entronnenen Häftlinge waren unter sehr großen Opfern geflohen, um in den Ghettos und anderen Vierteln mit jüdischer Bevölkerung den Aufstand zu propagieren. Einen Aufstand dort zu planen und durchzuführen, war immer noch realistischer als im Vernichtungslager. Zeugen, die z. B. der Hölle von Auschwitz-Birkenau entkommen waren, wirkten glaubwürdiger als ein Brief oder eine Botschaft über einen Sender. Viele glaubten Radio-Meldungen nicht, angesichts der Ungeheuerlichkeit der Naziverbrechen, hielten sie für Übertreibungen oder direkte Fälschungen. Aber auch Zeugen wurde oft nicht geglaubt, zu unvorstellbar war es, was sie erzählten. Die Flucht von Rudolf Vrba und Alfred Wetzler war eine der wichtigsten. Beide hatten Kontakt zur Widerstandsbewegung.
Das Ziel seiner Flucht beschreibt Rudolf Vrba:
„Die Rampe, für Millionen das Symbol von Auschwitz, denn mit Ausnahme der Gaskammern bekamen sie kaum etwas anderes zu sehen. Es war eine riesige kahle Plattform, die zwischen Birkenau und dem Mutterlager (dem Stammlager Auschwitz, A. d. V.) lag und an der Transporte aus allen Teilen Europas heranrollten und Juden heranführten, die noch immer an die Geschichte des Arbeitslagers glaubten ... Dort habe ich acht Monate gearbeitet. Dort habe ich dreihundert Transporte eintreffen sehen und geholfen, ihre ratlosen Insassen auszuladen. Dort habe ich den größten Vertrauensmißbrauch in Aktion gesehen, den die Welt jemals gesehen hat; und dort änderte sich meine Einstellung zur Flucht radikal.
Ich war entschlossen auszubrechen, aber nicht länger, weil ich Freiheit für mich selber erstrebte. Ich wollte diejenigen, die noch kommen sollten, vor dem warnen, was vor ihnen lag, ich wußte, sie würden sich erheben und kämpfen, ebenso wie die Juden des Warschauer Ghettos gekämpft hatten. " (Rudolf Vrba, „Ich kann nicht vergeben", 81/168 f.)
Nach erfolgreicher Flucht in ihre slowakische Heimat erstatteten Rudolf Vrba und Alfred Wetzler dem jüdischen Rat in Zilina im April 1944 einen Bericht über das Vernichtungslager AuschwitzBirkenau mit der genauen geographischen Lage, der als historisches Dokument erhalten geblieben ist.8 Im Juni erreichten die Berichte das internationale Rote Kreuz, die USA und England und wurden so auch der Weltöffentlichkeit bekannt.
Mala Zimetbaum: „Der Tag der Abrechnung ist nahe! Erinnert euch an alles, was sie uns angetan haben!"
Mala Zimetbaum wurde 1920 in Brzesko (Polen) geboren. Seit 1928 lebte sie mit ihren Eltern in Antwerpen (Belgien). Von den Nazis wurde sie 1942 nach Auschwitz verschleppt. Wegen ihrer guten Sprachkenntnisse wurde sie von der SS als Läuferin und Dolmetscherin im Lager eingesetzt.
Mala Zimetbaum nutzte diese privilegierte Stellung, die ihr viel Bewegungsfreiheit innerhalb des Lagers gab, gut aus. Sie transportierte Nachrichten, stellte Kontakte zwischen den Häftlingen her und besorgte Medikamente für die Kranken. Ihre Aufgabe war es auch, Frauen aus dem Krankenbau wieder in Arbeitskommandos einzuweisen; auf diese Weise hatte sie die Möglichkeit, besonders schwache Häftlinge zu schonen. Von ihr bekamen die Häftlinge im Krankenbau auch Meldung darüber, ob wieder eine Selektion anstand. So konnten Gefangene gerettet werden, indem sie schnell aus dem Krankenbau entlassen wurden.
Als die Deportation und die Vernichtung der ungarischen Juden in Auschwitz-Birkenau begann, beschloß Mala Zimetbaum zusammen mit dem Polen Edek Galinski zu fliehen, um die Weltöffentlichkeit über die Vernichtungsmaschinerie der Nazis zu informieren.
Mit SS-Uniformen getarnt, gelang beiden am 24. Juni 1944 die Flucht. Da Mala bei den Häftlingen ein hohes Ansehen genoß, erregte diese Flucht ein großes Aufsehen im Lager. Für viele war es ein Hoffnungsschimmer, denn sie erhofften sich, daß die Vernichtung ein Ende finden würde, wenn nur die Weltöffentlichkeit endlich Bescheid wüßte.
Mala und Edek wurden jedoch noch innerhalb Polens von der SS gefaßt und nach Auschwitz-Birkenau zurückgebracht.
Mala hielt der Folter stand und verriet keine ihrer Fluchthelferinnen.
Als Mala vor den angetretenen Häftlingen erhängt werden sollte, schnitt sie sich die Pulsadern auf. Den SS-Mann, der sie daran hindern wollte, schlug sie ins Gesicht. Den versammelten Frauen rief sie entgegen: „Habt keine Angst! Ihr Ende ist nahe! Ich bin sicher! Ich weiß es! Ich war frei!"
Die SS-Oberaufseherin vom Frauenlager in Auschwitz-Birkenau, Mandel, ordnete an, Mala sofort ins Krematorium zu bringen, sie sollte bei lebendigem Leib verbrannt werden.
Den Häftlingen, die sie zum Krematorium bringen mußten, sprach sie Mut zu und schärfte ihnen ein, nichts zu vergessen: „Der Tag der Abrechnung ist nahe! Erinnert euch an alles, was sie uns angetan haben!"
Fluchtversuche einzelner bis zum Massenausbruch
Eine der effektivsten Formen des Widerstands waren Fluchten. Ob spontan oder organisiert, sie waren immer ein direkter Schlag gegen die Nazis und halfen einzelnen Gefangenen genauso wie ganzen Gruppen, sich aus den Klauen der SS zu befreien. Eine bedeutende Rolle spielte natürlich, vor allem bei spontanen Fluchten, die Sehnsucht nach Freiheit, Familie und nach dem Zuhause. Das Gefühl, die brutale Behandlung in den KZs nicht auszuhalten, und die ständige Bedrohung mit dem Tode waren ein wesentliches Motiv für Fluchten.
Besonders aber der Wunsch, den Kampf gegen den Nazismus und zur Vernichtung der Nazi-Bestie möglichst effektiv und bewaffnet zu führen, trieb die meisten aktiven Gefangenen, vor allem die Mitglieder der Widerstandsorganisationen in den Lagern und die sowjetischen Kriegsgefangenen dazu an, sich für die Flucht zu entscheiden. Die Kampfgruppen in den meisten KZs beauftragten oft ihre Mitglieder mit der Organisierung von Fluchten, um Kontakte mit der Partisanenbewegung außerhalb der Lager aufzunehmen, vorrangig mit dem Ziel der Waffenbeschaffung und schließlichen Befreiung der Häftlinge, aber auch, um bedeutende politische oder militärische Informationen zu erhalten bzw. um Informationen über die Zustände in den Lagern der Öffentlichkeit bekanntzumachen.
Bei den Ausbruchsversuchen mußten extreme Schwierigkeiten überwunden werden, woraus sich erklärt, daß es nur wenige geglückte Fluchten größeren Ausmaßes gab. Das Bewachungssystem der KZs mit der mehrreihigen elektrisch geladenen Stacheldrahtumzäunung, oft kombiniert mit tiefen Wassergräben, den mit Suchscheinwerfern und Maschinengewehrposten besetzten Wachtürmen und die direkte Bewachung durch SS bei Arbeitseinsätzen und Umkreisung durch Postenketten machte eine Flucht nur sehr schwer möglich. Zudem fiel jeder entflohene Häftling durch Bekleidung und kahlgeschorenen Kopf, aus Auschwitz auch durch die im Arm eintätowierte Nummer, sofort auf, wurde bei Bekanntwerden der Fluchtsystematisch von den Nazis und ihren Bluthunden gejagt, fand bei der von der Nazi-Propaganda infiltrierten deutschen Bevölkerung kaum Hilfe und Schutz, während die lokale Bevölkerung um Lager wie Auschwitz und Majdanek auf polnischem Territorium in einem Radius von 50 km vorsorglich evakuiert worden war.
Ein Hauptproblem bei der Organisierung von Fluchten war, daß jede Flucht zu Sanktionen für das ganze Lager, zumindest zu Repressalien führte, zur Isolier- und Hungerhaft für den Lagerblock oder das Arbeitskommando, aus dem die/der Flüchtende stammte, bis hin zur Erschießung von einem Dutzend oder mehr Häftlingen als Vergeltung für einen Geflohenen. Eine andere Abschreckungsmethode war z. B. in Auschwitz, Familienmitglieder des/der geflüchteten Gefangenen in das KZ zu verschleppen und so lange dort einzusperren, bis der/die Geflohene gefunden worden war. Die zu erwartenden Repressalien, die Anwendung des Geiselprinzips waren moralisch ein riesiges Problem und veranlaßten die Widerstandsorganisationen dazu, Fluchtversuche in der Regel sehr einzuschränken. Die Geiselnahme hat sich somit als äußerst wirksame Maßnahme der Nazis zur Verhinderung von Fluchten erwiesen.
Ein weiteres Problem bei Fluchten einzelner war, daß die gefaßten Häftlinge von der SS gefoltert wurden und es möglich war, daß sie wichtige Informationen über die Widerstandsorganisation verrieten. Die Anführer solcher Fluchten trugen deshalb meist Gift bei sich, um unter der Folter nicht weitere Mithäftlinge zu gefährden. Die Diskussion darüber, ob ein Zuvorkommen der . Folterung durch Selbstmord bei den Anführern wichtiger Operationen richtig oder falsch sei, war ja durchaus nicht neu und wurde schon während des Bürgerkriegs in Spanien geführt. Wenn eine Genossin oder ein Genosse an einem Flucht- oder Aufstandsplan beteiligt war, bedeutete ein In-die-Hände-des-Feindes-Fallen, daß sich die übrigen Beteiligten nicht mehr sicher sein konnten, ob und was die Nazis wissen oder nicht wissen. Die Gewißheit aber, die- oder derjenige hat Gift und nimmt es auch angesichts der drohenden Folter vor der sicheren Ermordung, gab ihnen eine gewisse Sicherheit, daß nichts verraten wurde, und somit konnte die Operation nach einem Reserveplan durchgeführt werden.
In den ersten Kriegsjahren wurden die Fluchtversuche in der Regel mit dem Tod bestraft, meist durch öffentliches Erhängen vor den versammelten Häftlingen. Viele zeigten in den letzten Augenblicken vor ihrer Ermordung bewundernswerten Mut und Standhaftigkeit: einige nahmen sich öffentlich selbst das Leben, indem sie ihre Pulsadern aufschnitten, andere, polnische und hauptsächlich sowjetische Häftlinge, riefen kämpferische Losungen wie „Kameraden, gebt nicht auf!", „Die Rote Armee wird unseren Tod rächen!" oder „Lang lebe der Kommunismus!" Als für das Nazi-System der Mangel an Arbeitskräften in den Jahren 1943 bis 1944 spürbar wurde, sind Todesurteile seltener verhängt worden, kaum bei deutschen Gefangenen und meist nur, wenn die Geflohenen offensichtlich Verbindung zur Widerstandsorganisation hatten (22/206).
Trotz dieser Schwierigkeiten und Probleme nahm die Zahl der Fluchtversuche aus den KZs und vor allem aus den weniger scharf bewachten Außenlagern ständig zu, besonders 1943/44 und in der letzten Zeit vor Kriegsende, während der Evakuierungsmärsche. Nach Zeugenberichten und Zählungen der Häftlinge, aber auch gestützt auf Statistiken der SS, die allerdings in den letzten beiden Jahren vor Kriegsende immer unpräziser wurden oder gar nicht mehr geführt worden sind, ergaben geschätzte Hochrechnungen für die Periode von 1933 bis 1945 eine Gesamtzahl von knapp 5 800 Fluchten aus den Konzentrations- und Vernichtungslagern der Nazis, wovon 3500, also etwa 60 Prozent, erfolgreich verliefen (22/239).
Vor Beginn des Krieges gab es aus vielen KZs in Deutschland und auch aus Mauthausen in Österreich nur wenige Fluchtversuche. Viele hatten anfangs noch die Illusion, daß sie früher oder später freigelassen würden, und es gab in dieser Zeit tatsächlich größere Entlassungen, worunter selbst führende kommunistische und sozialdemokratische Kader waren. Zudem waren die Fluchtmöglichkeiten aufgrund der Verhetzung und Einschüchterung großer Teile der Bevölkerung durch die Nazi-Propaganda und der dadurch kaum vorhandenen Hilfsbereitschaft sehr gering. Die KPD entschied damals, daß nur die am meisten gefährdeten Genossen fliehen sollten.
In der Zeit 1933 bis 1939, zumeist in den ersten Jahren, wurden nach Berichten nur 70 Fluchtversuche unternommen, wobei fast 50Flüchtende wieder eingefangen wurden (22/192). Hauptsächlich flüchteten politische Gefangene mit der Hilfe der illegalen kommunistischen Organisation oder anderer antifaschistischer Widerstandsorganisationen. Der kommunistische Reichstagsabgeordnete Hans Beimler konnte in der Nacht des 9. Mai 1933 aus einer schwer bewachten Todeszelle in Dachau flüchten. Die KPD hatte ihrem Genossen Beimler eine Feile für die Gitterstäbe und Bretter zur Überquerung des Stacheldrahtzauns besorgt. Auf der Flucht bis zur Grenze half ihm ein Priester und gab ihm Zivilkleider. Hans Beimler verlor sein Leben als Interbrigadist im Kampf zur Unterstützung der Völker Spaniens am 1. 12. 1936 in der Nähe von Madrid (22/195).
Die Chancen für die Durchführung einer erfolgreichen Flucht standen besser in den KZs in den von den Nazis besetzten Ländern und gegen Ende des Krieges, aufgrund der allgemeinen Kriegssituation, des Näherrückens der alliierten Truppen, besonders der Roten Armee, und des durch die Bombardierungen hervorgerufenen Chaos. Entflohene KZ-Häftlinge konnten eher Hilfe bei der Bevölkerung finden, sich ganz gut unter all die im Land umherirrenden Leute mischen oder sich Partisaneneinheiten anschließen.
Es sind nur wenige Fluchten aus Belzec bekannt. Im März 1942 gelang den Jüdinnen Mina Astman und Malka Talenfeld die Flucht aus einem der ersten Todestransporte. Sie nutzten das Durcheinander beim Eintreffen des Transports, sprangen in einen nahen Graben und warteten dort bis zur Dunkelheit, dann konnten sie fliehen. Im Oktober 1942 gelang eine weitere Flucht aus einem ankommenden Transport. Der jüdische Zahnarzt Bachner aus Krakau schaffte es irgendwie, in eine Latrine zu kommen und sich dort in der Grube für mehrere Tage zu verstecken. Eines Nachts konnte er dann fliehen. Alle drei haben es geschafft, nach ihrer erfolgreichen Flucht in ihre Heimatorte zurückzukehren. Einzelheiten über ihr weiteres Schicksal sind nicht bekannt, leider haben sie den Krieg nicht überlebt. (3/264)
In Bergen-Belsen gelang im Februar 1944 eine besonders spektakuläre Flucht von 40 sowjetischen Kriegsgefangenen. Sie gruben mit Löffeln und Schüsseln einen unterirdischen Tunnel von ihren Baracken bis hinter den Lagerzaun. Dann krochen sie hindurch und entkamen alle (22/223).
Die meisten Fluchtversuche gab es nicht von ungefähr aus dem KZ-Lagerkomplex Auschwitz, dem größten KZ-Komplex, in dem die Häftlinge früher oder später mit ihrer Ermordung rechnen mußten. Die meisten Fluchten unternahmen Polen, dann auch große Gruppen sowjetischer und jüdischer Gefangener. Fluchten wurden oft mit Hilfe der Widerstandsorganisation im Lager vorbereitet, mit dem Ziel, die Weltöffentlichkeit über Auschwitz zu informieren (siehe dazu auch die Flucht von Rudolf Vrba und Alfred Wetzler) oder Verbindung mit den außerhalb des Lagers aktiven Partisanenbewegungen aufzunehmen, der sich die Mehrzahl der erfolgreich Geflohenen im Kampf gegen die Nazi-Bestien anschlossen.
Das in seinem Ausmaß kaum vorstellbare riesige Lager Auschwitz war umringt von einer großen Postenkette, um Fluchten zu verhindern, und somit mußte der zur Flucht Entschlossene zuerst im Lager innerhalb der ersten Postenkette versteckt werden. In bestimmten Verstecken, zum Beispiel Untergrundhöhlen, mußte er 10 bis 14 Tage ausharren, bis der Alarmzustand im Lager aufgehoben, die als Geiseln genommenen Mithäftlinge verhungert und die gegen den Block, aus dem der Entflohene kam, verhängten Repressalien, wie zum Beispiel Erschießungen, beendet worden waren. Dann erst konnte der Häftling versuchen, aus der für den Partisanenkampf ungünstigen Gegend um Auschwitz weiter zu den Partisanen zu fliehen. In der Anfangszeit gab es zwar auch Versuche, sofort am Tag der Flucht den Partisanenstützpunkt zu erreichen. Dies erwies sich allerdings als ungünstig, da die Partisanen dann meist selbst von den Suchaktionen betroffen waren und umgebracht wurden. Einige Male gelang Häftlingen die Flucht, bekleidet mit SS-Uniformen, die sie aus den Lagerbeständen entwendet hatten, manchmal sogar mit SS-Wagen.
Im August 1944 beschloß die Leitung der Kampfgruppe Auschwitz, Ernst Burger zu den Partisanen zu schicken. In den nächsten Wochen war der Vormarsch der Roten Armee zu erwarten. Um die Liquidierung des Lagers zu verhindern, sollte er von außen entsprechende Aktionen im Lager vorbereiten und mit den Aktionen der Partisanen koordinieren. Gemeinsam mit vier polnischen Häftlingen versuchte er, am 27. Oktober zu fliehen. In den Fluchtplan waren zwei SSler einbezogen, die die Häftlinge in Kisten mit Schmutzwäsche nach draußen transportieren sollten, von denen jedoch einer die Flucht verriet. Zwei der Polen gelang es, sich zu vergiften, den anderen ließ die SS sofort den Magen auspumpen. Sie verrieten unter der Folter jedoch niemanden und wurden zusammen mit zwei weiteren Österreichern, die der SSler mitdenunziert hatte, am 30. Dezember 1944 gehenkt. Dies waren die letzten Hinrichtungen im Stammlager Auschwitz (48/291).
In der Nähe von Auschwitz operierten seit 1941 Partisaneneinheiten. Die Partisanengruppe „Sosienki" organisierte ab 1943 Fluchten aus dem KZ Auschwitz. Mehrere Dutzend geflohene Auschwitz-Häftlinge wurden Mitglieder dieser Partisanengruppe und kämpften bewaffnet in der Umgebung von Auschwitz gegen die Nazis (5/152f).
Aus dem Lagerkomplex Auschwitz flohen nach Zählungen und Berichten vor der Evakuierung des Lagers von 1942 bis 1944 etwa 660 Häftlinge, davon konnten rund 400 Menschen erfolgreich fliehen, eine nicht gerade hohe Zahl bei zeitweise bis zu 150 000 Häftlingen (22/200).
Dabei sind jedoch die versuchten Massenausbrüche aus dem Lagerkomplex Auschwitz im Jahre 1942 nicht mitgerechnet. So versuchte eine Gruppe von 90 Frauen, angeführt von französischen Jüdinnen, wegen der unmenschlichen Behandlung durch deutsche kriminelle Häftlingsfunktionäre im Oktober aus einem Arbeitskommando außerhalb des Lagers zu fliehen, sie wurden auf der Stelle getötet. Von 69 sowjetischen Kriegsgefangenen, die im November 1942 bei einem isolierten Arbeitseinsatz die Wachen mit Schaufeln und Brecheisen angriffen, gelang lediglich 4 Häftlingen die Flucht (22/237).
Aus dem KZ Majdanek, aus dem insgesamt nur etwa 150 Fluchten bekanntgeworden sind, kam es im März 1942 zu einer Massenflucht von über 100 sowjetischen Kriegsgefangenen, die in einem Außenlager ohne elektrisch geladenem Stacheldraht arbeiteten. Sie durchschnitten den Draht, töteten die Hunde und vier SS-Leute mit Messern, so daß 98 flüchten konnten. Die etwa 1000 zurückgebliebenen Häftlinge aus diesem Block wurden als Sanktionsmaßnahme erschossen (22/237f).
Aus dem KZ Mauthausen erfolgten insgesamt 635 einzelne Fluchtversuche, hauptsächlich 1944/45, wobei immerhin etwa 470 Häftlingen wirklich die Flucht gelang. Besonders gute Möglichkeiten bestanden im Außenlager Loiblpaß-Karawanken, da in der Umgebung antinazistisch eingestellte Slowenen wohnten und gute Kontakte zu den slowenischen Partisanen hergestellt werden konnten (22/218).
Sowjetische Kriegsgefangene waren es, die im KZ Mauthausen in einer völlig ausweglos erscheinenden Situation einen bewaffneten Angriff mit anschließendem Massenausbruch wagten. Die meisten waren als „Unverbesserliche" vom übrigen Lager streng isoliert worden, weil sie aus Kriegsgefangenenlagern Fluchtversuche unternommen hatten oder bei Sabotagehandlungen ertappt worden waren. Sie wurden durch die SS so schlecht ernährt, daß sie verhungern mußten. Von etwa ursprünglich 4 700 Häftlingen lebten nach knapp einem Jahr Ende Januar 1945 nur noch 570. Höhere sowjetische Offiziere unter Führung des Oberstleutnants Nikolaj Wlassow planten schließlich in der Nacht vom 28. zum 29. Januar 1945 einen Ausbruchsversuch. Sie hatten Verbindung mit der im Hauptlager tätigen illegalen Organisation der Häftlinge herstellen können, die ihnen einen Lagerplan an der Unterseite des Essenskübels in ihren isolierten Block schmuggelten. Doch wenige Tage vor dem Aufstandstermin wurden 25 Häftlinge, darunter die drei Hauptorganisatoren, von der SS erschossen.
Trotzdem wurde der Plan weiterverfolgt und der Ausbruch auf die Nacht vom 1. zum 2. Februar 1945 festgelegt. Zuerst wurde der Blockälteste getötet, ein deutscher Nazihelfer, der für die SS öfters Mörderdienste erledigt hatte. Nach der Ansprache eines sowjetischen Offiziers bewaffneten sich die Häftlinge mit Steinen, Kohlenstücken, Ersatzseifen und zwei Feuerlöschgeräten sowie Brettern und stürmten um 1 Uhr früh die Wachtürme. Die Strahlen aus den Feuerlöschern und der Geschoßhagel behinderten die Wachen an einem gezielten Feuer. Decken und Strohsäcke wurden über den elektrisch geladenen Stacheldraht geworfen, der die Mauer abschloß. Einzelne Häftlinge haben sich als Todeskommando in den elektrischen Stacheldrahtzaun geworfen und einen Kurzschluß hervorgerufen, so daß die anderen über ihre Körper steigend die Umzäunung durchbrechen konnten.
Von den nicht ganz 500 Gefangenen, die sich an dieser Aktion und diesem Ausbruch beteiligt haben, ist es - trotz des Feuers der Wachen, der durch Aushungern reduzierten Kräfte und der Unkenntnis der unmittelbaren Umgebung - 419 vorwiegend sowjetischen Kriegsgefangenen, neben einigen Überlebenden des Warschauer Aufstands, gelungen, den elektrisch geladenen Stacheldraht zu überwinden und aus dem KZ-Bereich zu flüchten. Außer den bereits auf der Flucht Erschossenen wurden alle anderen 75 Häftlinge, die körperlich zu geschwächt waren und deshalb im Lager zurückbleiben mußten, noch in derselben Nacht ermordet. Bei der Verfolgung der Entflohenen bezog die SS nicht nur die Nazi-Wehrmacht und alle paramilitärischen Formationen bis zur Hitler-Jugend ein, sondern auch die Bevölkerung der näheren Umgebung. Bei der nun folgenden „Mühlviertler Hasenjagd" gelang es schon am ersten Tag, 300 Gefangene wieder zu ergreifen und mit Beteiligung der Bevölkerung auf grausamste Weise zu erschlagen und zu Tode zu foltern. Am Ende hat die SS nur mehr 17 Ausgebrochene vermißt. Nur wenige Bauern haben es gewagt, den Flüchtigen Lebensmittel zu geben, nur eine Familie bot zwei sowjetrussischen Aufständischen Unterschlupf und Nahrung bis zur drei Monate später erfolgten Befreiung durch die Rote Armee. (V. Smirnow, „Der letzte Kampf der zum Tode Verurteilten", zitiert nach: 48/298 ff.).
Verbrechen der Nazifaschisten in Polen
Fast ein Viertel (über sechs Millionen) der Bevölkerung Polens fiel dem Naziterror zum Opfer (70/94). Neben der jüdischen Bevölkerung Polens mit 3,4 Millionen Opfern waren insbesondere die Menschen polnischer Nationalität (1939 gab es folgende Nationalitätenstruktur in Polen: 64,6 % Polen, 15,9 % Ukrainer, 3,1 % Juden, 1,9 % Bjelorussen und 0,7 % Deutsche (70/3, Umschlagseite).) der Verfolgung und Vernichtung ausgesetzt. Über eine Millionen von ihnen wurden in KZs und Vernichtungslagern ermordet.
Im Dezember 1941 erließen die Nazis das Gesetz: „Über die Strafrechtspflege gegen Polen und Juden in den eingegliederten Ostgebieten". Unverblümt wurde verkündet:
„Auf Todesstrafe wird erkannt, wo das Gesetz sie androht. Auch da, wo das Gesetz Todesstrafe nicht vorsieht, wird sie verhängt, wenn die Tat von besonders niedriger Gesinnung zeugt..." (72/33)
Schon kurz nach dem Überfall Nazideutschlands auf Polen wurden die ersten großen „Polentransporte" durchgeführt: Im Oktober 1939 begann die Einlieferung in das KZ Buchenwald, ab März 1940 in das KZ Sachsenhausen und ab Juni 1940 nach Auschwitz, das ursprünglich als KZ für Polen gegründet wurde.
Bekannt ist weiter eine Anweisung von Heinrich Himmler vom 11. Januar 1943, durch Massenverhaftungen die KZs mit Arbeitskräften aus Polen zu füllen:
„Ich ordne daher an, daß nun laufend alle bandenverdächtigen proletarischen Elemente männlichen und weiblichen Geschlechts festgenommen und den KL in Lublin, Auschwitz und im Reich zugeführt werden. Die Festnahme muß eine so große sein, daß im GG (sogenannten ‚Generalgouvernement, A. d. V.) in den nicht durch die Arbeit erfaßten Kreisen eine fühlbare Verminderung und damit für die Bandenlage eine spürbare Erleichterung eintritt. Eine Überführung der Verhafteten in Aufenthaltslager oder Zwangsarbeitslager außer den von mir befohlenen KL, verbiete ich.
Die Aktion ist mit größter Beschleunigung durchzuführen ..." (70/244)
In den Großstädten wurden daraufhin wahllos Tausende auf Straßen und Plätzen, aus Kinos, Kirchen und Schulen eingefangen und deportiert.
Der antipolnische Rassismus wirkte sich auf die Situation der Häftlinge aus Polen besonders verschärfend aus. So wird vom KZ Sachsenhausen berichtet:
„Bei den kleinsten Vergehen werden vor allem sowjetische und polnische Häftlinge öffentlich gehängt." (48/165)
Von den KZ-Häftlingen aus Polen wurde auf den verschiedensten Gebieten beeindruckender Widerstand geleistet (siehe z. B. S. 92 und 134). Einen Hinweis auf den Widerstand gibt auch die große Zahl der von der SS wegen Sabotage und Widerstandstätigkeit ermordeten Polen.
Die Opfer der Nazi-Verbrechen in Polen
| Opfer von Kriegshandlungen: Streitkräfte | 123 000 |
|---|---|
| Zivilbevölkerung | 521 000 |
| In Vernichtungslagern, bei öffentlichen Hinrichtungen, Befriedungsaktionen, Liquidierung des Ghettos | 3577000 |
| In Gefängnissen, Zwangsarbeitslagern, infolge Erschöpfung, schlechter Behandlung, Epidemien | 1268000 |
| Infolge erlittener Mißhandlungen, Erschöpfung, Verletzungen starben nach der Entlassung aus KZs, Zwangsarbeitslagern und Gefängnissen | 521 000 |
| Insgesamt Ermordete | 6028000 |
| Davon jüdische Bevölkerung aus Polen | 3400000 |
| Ferner wurden von den Nazis polnische Frauen und Männer nach Deutschland oder in von den Nazis besetzte Länder zur Zwangsarbeit verschleppt | 2460000 |
| Zwangsweise umgesiedelt wurden von den Nazis außerdem (Nach 90/58f.) | 2478000 |
Der bewaffnete Aufstand als höchste Kampfform
Ziele und Probleme bei der Vorbereitung und Auslösung von bewaffneten Aufständen
Die höchste Kampfform in einem KZ oder Vernichtungslager der Nazis war der bewaffnete Aufstand. In vielen Lagern wurde vom antinazistischen Widerstand darüber diskutiert, ob es möglich ist, einen allgemeinen bewaffneten Aufstand gegen die SS siegreich zu beenden und mit welchem Ziel er geführt werden mußte. Bei dieser Diskussion spielten sicherlich auch bestimmte Regeln von Engels über den bewaffneten Aufstand eine Rolle, die die kommunistischen Kader natürlich kannten. Vor allem ein Hinweis war besonders wichtig: „Nie mit dem Aufstand spielen." Damit meint Engels, daß ein bewaffneter Aufstand nicht aufs Geratewohl begonnen werden darf, sondern möglichst optimal vorbereitet und geplant sein muß. Doch selbst dann bleibt ein unvermeidbares Risiko bestehen. Das zentrale Problem besteht darin, daß keine mathematische Berechnung aufgestellt werden kann, die sagen kann „Der Aufstand führt zu dem und dem Ergebnis". Denn es handelt sich bei den Kräften der Revolution und Konterrevolution um „Größen", die sich ständig ändern können und ändern. Das Kräfteverhältnis ist also nicht statisch, sondern verschiebt sich mehr oder weniger ständig in die eine oder andere Richtung. Deshalb kann vor dem Auslösen eines bewaffneten Aufstandes nicht mit 100 Prozent Sicherheit gesagt werden: „Wenn wir dann und dann losschlagen, werden wir sicher siegen." Engels schlußfolgert daraus: Den Aufstand nur beginnen, wenn auch die Konsequenzen einer möglichen Niederlage durchdacht wurden und den festen Entschluß zum Aufstand nicht erschüttern. Dies beinhaltet eben auch, sich nicht von diesem Risiko davon abhalten zu lassen, indem man die mechanische Überlegung anstellt, daß ein Aufstand nur ausgelöst werden darf, wenn sein Sieg 100 Prozent sicher ist.
Jedoch gelten die Regeln von Engels für den bewaffneten Aufstand von unterdrückten Klassen gegen ihre Unterdrücker, für den Kampf in einem kapitalistischen Land, in dem die Klasse des Proletariatsund seine Verbündeten unter Führung der Kommunistischen Partei gegen die Klasse der Bourgeoisie und ihre Verbündeten kämpfen. Dieser Kampf wird von seiten des Proletariats mit dem Ziel des Sturzes der Bourgeoisie, der Zerschlagung ihres Staatsapparates durch den bewaffneten Kampf, der Errichtung der Diktatur des Proletariats, des Sozialismus und Kommunismus geführt. Das sind ganz andere Bedingungen und Ziele als bei einem bewaffneten Aufstand in einem KZ oder gar einem Vernichtungslager. Deshalb war es notwendig, die Besonderheiten eines Aufstandes in einem nazistischen Lager zu durchdenken, diese Regeln nicht schematisch anzuwenden.
Die Ziele eines solchen Aufstandes waren in den Lagern ganz unterschiedlich.
In „reinen" Vernichtungslagern war ein allgemeiner bewaffneter Aufstand die einzige Möglichkeit, wirklich effektiv Widerstand zu leisten, und konnte nur zum Ziel haben: die Flucht in die Wälder zu den polnischen antinazistischen Partisanen, um das eigene Leben zu retten und um dort gegen die Nazis weiterzukämpfen, und die Zerstörung der Gaskammern und Krematorien, damit die Nazis nicht weiter ungehindert Millionen Menschen vernichten können. Jeder Tag, an dem die Vernichtungsmaschinerie nicht funktionierte, bedeutete, daß Zehntausende nicht ermordet werden konnten. Gerade ab 1943 nach der Vernichtung der 6. Armee der Naziwehrmacht bei Stalingrad, der sich abzeichnenden Niederlage des Nazifaschismus, wurde dies besonders wichtig. Es ging darum, ein Signal im Kampf gegen die nazistische Vernichtungsmaschinerie zu setzen: Sogar in der Hölle der Vernichtungslager ist Widerstand möglich, die SS ist nicht unbesiegbar!
In den Lagern mit„ Doppelcharakter" war die Diskussion ähnlich. Sie ist aus Auschwitz bekannt. Dort stellte sich vor allem ein zentrales Problem, das Rudolf Vrba, slowakischer Jude, Mitglied der Widerstandsorganisation in Auschwitz-Birkenau, schildert:
„Ich war Zeuge folgender Szene: Ein Transport war eingetroffen ... und der SS-Arzt wählte einige Juden von gesundem Aussehen aus dem Transport aus, der vergast werden sollte, was dann auch geschah. Aber der SS-Vertreter wies sie zurück... Ich kann sie nicht nehmen, denn heutzutage krepieren die nicht schnell genug'... So erhöhte die Verbesserung der Lebensbedingungen drinnen im Konzentrationslager die Todesquote in den Gaskammern ... Folglich war meine Vorstellung von der Widerstandsbewegung und ihrer Aufgabe diese: Die Verbesserung ist nur ein erster Schritt. Die Widerstandsbewegung muß sich bewußtmachen, daß es das wichtigste Ziel ist, den Prozeß der Massenvernichtung zu beenden, die Todesmaschinerie abzustellen. "
(zit. n.: Claude Lanzmann, „Show", 49/201 f.)
Insgesamt wurden ca. 100 000 Menschen von der SS für den Lagerkomplex Auschwitz „gebraucht". Alle anderen, die in den Viehwaggons ankamen, wurden selektiert und sofort durch Giftgas ermordet. Überlebten also durch die Verbesserung der Lebensbedingungen im KZ Auschwitz mehr Häftlinge, so wurden von den ankommenden Transporten sofort mehr, zumeist jüdische Menschen im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ermordet.
War dieses Problem nicht bewußt, wurde nur die Situation im Stammlager betrachtet und war das Ziel nur die Verbesserung der Lebensbedingungen in den KZ-Lagern von Auschwitz, dann wurde nicht auf das eigentliche Ziel hingearbeitet, das die Forderung an die Widerstandsorganisation in Auschwitz war und das die jüdischen Häftlinge des „Sonderkommandos" als ihr Ziel begriffen - wobei ihnen durchaus bewußt war, daß ein Aufstand die Liquidierung der gesamtem Lager in Auschwitz bedeuten konnte:
Die Vernichtung der Todesmaschinerie in Auschwitz-Birkenau durch einen bewaffneten Aufstand des jüdischen „Sonderkommandos" mit Unterstützung des gesamten Lagers in AuschwitzBirkenau, verbunden mit einem Aufstand im Stammlager. Es galt, im Zentrum der nazistischen Vernichtungsmaschinerie - wie auch in den„ reinen" Vernichtungslagern - ein Signal zu setzen, was riesige moralische Bedeutung für alle anderen Kämpfenden gegen den Nazifaschismus haben würde: Auch in der Hölle von Auschwitz kann die SS besiegt werden, die bestialische industrialisierte Vernichtung kann behindert oder gestoppt werden!
In einem „normalen" KZ war das Ziel eines Aufstands, möglichst alle Häftlinge vor der Ermordung durch die SS zu retten, durch Flucht in die Wälder zu Partisanen oder zu den nahen alliierten Armeen.
Doch wann sollte ein Aufstand ausgelöst werden? - darum drehte sich die Debatte immer wieder. Die Auslösung eines Aufstands, der ja verbunden war mit einer Flucht von Zehntausenden Häftlingen, war mit Sicherheit in Deutschland ohne Nähe der alliierten Armeen mit der Ermordung der flüchtenden Häftlinge verbunden. Denn die deutsche Bevölkerung war fast nie bereit, einzelne Flüchtlinge aufzunehmen, geschweige denn Zehntausende. Es gab auch keine Partisanen in den Wäldern, zu denen die Häftlinge hätten flüchten können, keinen massenhaften antifaschistischen Widerstand, der die Flüchtenden unterstützt hätte. Die Nazis hätten mit ziemlicher Sicherheit ohne größere Probleme mit Flugzeugen und Panzern sehr schnell ein Massaker unter den fliehenden Häftlingen angerichtet. In Ländern, wo es starke antinazistische Partisanenkräfte gab, wie in Polen oder der Sowjetunion, war das Problem „wohin fliehen" nicht so groß. Doch auch dort mußte zuerst einmal Kontakt zu den Partisanen aufgenommen werden, was ungeheuer schwierig war. Auch mußten die Partisanen überhaupt in der Lage sein, so viele Menschen in den Wäldern zu verstecken.
Aber selbst wenn die Rote Armee schon nahe war, selbst wenn es starke Partisanenkräfte gab, wohin man fliehen konnte, bestand immer noch die Gefahr, daß die SS das Lager im Falle eines bewaffneten Aufstandes liquidiert. Die nötigen Waffen (Giftgas, Flammenwerfer etc.), um ein Blutbad anzurichten, waren auch in den letzten Kriegstagen meistens noch vorhanden.
Die Debatte über dieses Problem fand auch innerhalb der Widerstandsorganisation in Sachsenhausen statt. Führende Häftlinge der Leitung der Kampfgruppe Sachsenhausen antworteten mit Zurückhaltung auf den Aufstandsplan von 700 jüdischen Häftlingen, die von der SS ermordet werden sollten. Die Befürchtung war, daß die SS diesen Aufstand ausnutzen würde, um sämtliche Häftlinge des KZs Sachsenhausen zu liquidieren (15/106).
Das war eine reale Gefahr. So konnte es sein, daß 700 Häftlinge der Auslöser für die Ermordung von 70000 werden. Wird der Aufstand nicht ausgelöst, dann ist sicher, daß die 700 ermordet werden.
Das ist die andere Seite: Wartete man aber ab, bis die alliierten Armeen die Lager befreien, konnte es sein, die SS hatte bis dorthin getreu dem Himmler-Befehl: „Kein Häftling darf dem Feind lebend in die Hände fallen" alle Häftlinge ermordet.
Dieses furchtbare Problem stellte sich vor allem gegen Ende des Krieges, als die Nazis dazu übergingen, die KZs zu „evakuieren", d. h. die Häftlinge auf Todesmärsche und -fahrten zu schicken, wobei mindestens 50 Prozent ermordet wurden. Jeden Tag stellte sich die Frage: Soll man den Aufstand auslösen und so versuchen, die „Evakuierungen" zu beenden, was mit der Gefahr der Liquidierung des gesamten Lagers verbunden war, oder sollte man weiter mit dem Aufstand abwarten und versuchen, die „Evakuierungen" hinauszuzögern, bis die alliierten Armeen nahe genug waren, so daß die Möglichkeit bestand, daß die Mehrheit der SS fliehen würde, oder die Häftlinge selbst Schulter an Schulter mit den alliierten Armeen das KZ befreien konnten? Dieses „Abwarten" konnte aber bedeuten, daß Tag für Tag weiter einige tausend Häftlinge ermordet werden würden.9
„ Wie man es auch macht, es ist mit furchtbaren Folgen verbunden" - diese Vorstellung in den Köpfen der antinazistischen Häftlinge zu verankern, war ein Kalkül der SS, um jeglichen Widerstand zu verhindern und die Häftlinge moralisch zu zerstören.
Die Mentalität „Laßt euch umbringen, kämpft nicht bewaffnet, wehrt euch nicht, sonst gefährdet ihr die anderen" ist nicht nur in den Lagern mit „Doppelcharakter" wie Auschwitz und in den KZs ein Riesenproblem gewesen. Die Nazis haben diese Vorstellung auch außerhalb der Lager bei der Bevölkerung geschürt, indem sie jede Partisanenaktion mit einem Massenmord beantworteten. Die Liquidierung von Heydrich z. B., dem Schlächter der Völker der Tschechoslowakei und einem Organisator des Völkermordes an der jüdischen Bevölkerung in Europa, durch Partisanen in Prag beantworteten die Nazis mit der Auslöschung des tschechischen Dorfes Lidice und seiner Einwohner.
Geplante Aufstände und Aufstandsversuche
Vor allem sowjetische Kriegsgefangene, unter denen viele Kommunistinnen und Kommunisten waren, und Interbrigadisten hatten militärische Erfahrungen, auch im Partisanenkampf. Die sowjetischen Kriegsgefangenen waren oftmals Offiziere der Roten Armee oder der sowjetischen Partisanen, waren militärisch sehr gut ausgebildet, hatten militärisch gegen die Nazis gekämpft und kannten diesen Feind schon ziemlich gut. Die Interbrigadisten sammelten ihre militärische Erfahrung im antifaschistischen Bürgerkrieg gegen die Franco-Faschisten, die vom italienischen Faschismus und vom Nazifaschismus unterstützt wurden.
Diese Erfahrungen waren für die Vorbereitung und Durchführung von bewaffneten Aktionen und bewaffneten Aufständen unschätzbar hoch. Deshalb waren in vielen Kampfgruppen Interbrigadisten und sowjetische Kommunisten für die militärischen Fragen zuständig. Gerade sie waren oftmals führend bei der Vorbereitung und Durchführung von bewaffneten Aufständen.
In Stutthof hat es die Leitung der Widerstandsorganisation in Abwägung der zu erwartenden Repressalien, der Ermordung aller Häftlinge, klar abgelehnt, einen Aufstand vorzubereiten.
Nachdem die kommunistisch geführte Widerstandsorganisation im KZ Salisplis (Kaiserwald) bei Riga, die einen bewaffneten Aufstand plante, aufgedeckt und fast die ganze Leitung der Organisation, u. a. auch der lettische Kommunist Janis Login, der als Kopf der Gruppe genannt wird, zusammen mit 130 weiteren Häftlingen erschossen worden war, wurde der Aufstandsplan nicht mehr weiterverfolgt (22/115).
In Natzweiler gab es einen detailliert vorbereiteten Aufstandsplan, dessen Ausführung durch die „Evakuierungsmaßnahmen" der Nazis verhindert wurde.
In Sachsenhausen und Ravensbrück kam es nicht zu Aufständen, aber die Übernahme des Lagers nach der Flucht der Nazis 1945 - eine durch das im allgemeinen Auflösungszustand hervorgerufene Chaos nicht zu unterschätzende Aufgabe - war von den Kommunistinnen und Kommunisten gut organisiert worden.
In Majdanek-Lublin wurden Ende 1943/ Anfang 1944 Pläne erarbeitet, zusammen mit den Partisanengruppen in der Umgebung das Lager zu befreien. Als Zeitpunkt wurde der Silvestertag festgelegt. Brennende Baracken sollten das Signal zum allgemeinen Aufstand sein. Doch der Plan konnte nicht verwirklicht werden. Die Gründe dafür schildern ehemalige Häftlinge:
„Dieses Vorhaben wurde nicht realisiert, denn mit dem Herannahen der Ostfront wurde Lublin zu einem immer größeren Zentrum der deutschen Truppen. Es fehlte auch an einer direkten Verbindung mit dem Wald, so daß die Lagerführung nicht überrascht und die Häftlinge nicht evakuiert werden konnten. " (29/64)
Dennoch wurde ein Aufstandsversuch am 1. Januar 1944 durchgeführt. Davon ist nur bekannt, daß eine Baracke des Lagers angezündet wurde.
Auch in Mauthausen gab es Aufstandspläne. Im Frühling 1944 trug der französische kommunistische Funktionär Frederic Ricol den Gedanken, einen Aufstand vorzubereiten, an die sowjetische Widerstandsgruppe heran. Es begann die Aufstellung einzelner militärischer Gruppen.
Es gab eine heftige Debatte zwischen französischen, spanischen, sowjetischen und deutschen Kommunisten. Franz Dahlem, Teilnehmer im antifaschistischen Bürgerkrieg in Spanien und nach 1945 führend in der SED tätig, trat unter dem Vorwand konspirativer Gründe massiv dagegen auf, eine internationale antinazistische Kampfgruppe zu schaffen und andere nationale kommunistische Gruppen außer der deutschen an der Leitung dieser Kampfgruppe zubeteiligen (54/306, 316). Das war nicht die Meinung aller deutschen Kommunisten in Mauthausen. Trotz dieser Widerstände konnte aufgrund der vorbildlichen internationalistischen Haltung vor allem der sowjetischen und spanischen kommunistischen Gruppen in Mauthausen eine internationale Kampfgruppe, die auch die Vorbereitungen des Aufstandes organisierte, aufgebaut werden. Ein Aufstand wurde jedoch nicht durchgeführt, die Mehrheit der Leitung der Widerstandsorganisation war dagegen, vor allem weil der Aufstand noch nicht richtig vorbereitet gewesen sei, aber auch weil man die Liquidierung des Lagers so kurz vor Eintreffen der alliierten Armeen nicht riskieren wollte.
Jedoch gab es einen wohl einzigartigen Kampf der Häftlinge nach der Befreiung des Lagers.
Nachdem die SS Anfang Mai 1945 vor dem schnellen Vordringen der Roten Armee und der amerikanischen Truppen in die angrenzenden Wälder flüchtete und das Lager durch die US-Armee befreit wurde, übernahm die internationale antinazistische Organisation das Lager (54/330f). Sofort wurden gefangen genommene SS-Mörder und an Morden beteiligte pronazistische Häftlinge liquidiert. Was dann geschah, beschreiben spanische Genossen aus Mauthausen in einem Bericht, der am 16. Mai 1945, wenige Tage nach der Befreiung von Mauthausen, geschrieben wurde:
„Nach der Besetzung der Waffenkammern, der Garagen und der Lebensmittelmagazine wurden alle Transportmittel beschlagnahmt, Einheiten in die Stadt Mauthausen zur Straßenkontrolle, der Besetzung von Post, Donaubrücke und Landungsplatz entsandt. Das Telegrafenamt war leider ausgefallen. Zu Tagesende war die Sicherheit des Lagers gewährleistet. Zur Verteidigung standen 15 schwere Maschinengewehre, einige Dutzend Panzerfäuste, 80 Maschinenpistolen, Pistolen, einige tausend Handgranaten und mehr als 3 000 Gewehre zur Verfügung. Diese Waffen wurden von 3 500 disziplinierten ... Kameraden bedient ..." (63/163 f.)
In einem Bericht des luxemburgischen ehemaligen Häftlings Jean Brausch über Mauthausen heißt es zum weiteren Ablauf der Ereignisse:
„ Wir bildeten eine Bewachungskette um das Lager. Unten am Bahnhof bewachten zwei Lastwagen voll bewaffneter Häftlinge einen Waggon Zucker. Die Deutschen waren zurück über die Donau gekommen, um sich in den Besitz des Zuckers zu setzen. Es kam zu einem Gefecht, in dem die Häftlinge Sieger wurden. So wagten sich die Deutschen nicht mehr den Berg (auf dem das KZ Mauthausen stand, A. d. V. ) herauf und wir blieben im Lager vor einem Kampf verschont. Jeden zehnten Meter um das Lager lag ein Mann mit einer Flinte oder einem Maschinengewehr. " (11/180)
Der bewaffnete Lagerschutz bestand vor allem aus spanischen Antinazisten und Kommunisten, aus sowjetischen Kriegsgefangenen und Kommunisten unter dem Kommando des sowjetischen Genossen Major Alexander Pirogov (48/401-403).
Im Außenlager des KZ Flossenbürg in Mülsen - St. Micheln kam es in der Nacht vom 1. zum 2. Mai 1944 zum Aufstandsversuch der sowjetischen Kriegsgefangenen, die seit Januar 1944 in der Rüstungsproduktion zur Zwangsarbeit eingesetzt waren. Der unmittelbare Anlaß dürfte eine Kürzung der Lebensmittelrationen und der von dem deutschen Lagerältesten im Auftrag der SS ausgeübte Terror gewesen sein. Die Häftlinge scheinen jedoch nicht nur spontan gehandelt zu haben. Wahrscheinlich bestanden Verbindungen zu sowjetischen Zwangsarbeitern in Leipzig, die dort eine Widerstandsgruppe gebildet hatten.
Die Aufständischen hatten die elektrischen Sicherungen des Hauses entfernt und anschließend im Schlafsaal ihre Strohsäcke aufeinandergeschichtet und angezündet. Durch das Feuer ist das Rüstungswerk für Flugzeuge, in welchem sie arbeiten mußten, weitgehend abgebrannt. Mit selbstgefertigten Messern liquidierten sie im Dunkeln pronazistische Häftlingsfunktionäre. Der Aufstand wurde von der Bewachungsmannschaft mit Waffengewalt niedergeschlagen. In einem Nazi-Bericht, der „Stenographischen Niederschrifteiner Jägerstabs-Besprechung im Reichsluftfahrtministerium" vom 2. Mai 1944 heißt es dazu:
„Die Häftlinge in dem Erla-Werk, der Ausweichstelle Mülsen bei St. Micheln in der Nähe von Zwickau in Sachsen haben eine Keilerei angefangen, die soweit ausgeartet ist, daß sie nachher das Werk angebrannt haben. Sie haben ihre Strohsäcke usw. aufeinandergeschichtet, Feuer gemacht, und das Werk ist ziemlich abgebrannt, so daß angeblich 100 bis 300 Satz Tragflächen durch Brand und Einsturz total vernichtet sind. Die Polizei hat eingegriffen und hat 200 Häftlinge während der Meuterei erschossen, 80 wurden schwer verletzt, 20 sind entwichen. Das ganze Inland ist mobil gemacht worden, der Ausnahmezustand ist verhängt worden." (18/Dokument NOKW-389)
Am 13. Mai 1944 wurden die Anführer des Aufstandsversuches von Mülsen nach Flossenbürg transportiert und mindestens 40 von ihnen zwischen Juni und September 1944 hingerichtet.
Im KZ Buchenwald wurden zwei Aufstandspläne ausgearbeitet, ein Offensivplan und ein Defensivplan. Der Offensivplan sah vor, daß die Häftlinge den Zeitpunkt des Aufstandes aufgrund günstiger Bedingungen selbst bestimmen sollten. Durch die sofortige Inbesitznahme der Waffenarsenale im SS-Bereich sowie in den neben dem KZ gelegenen Gustloff-Werken sollte die Bewaffnung Tausender Häftlinge ermöglicht werden. Nach der Befreiung des Lagers wollten die Häftlinge sich mit dem antifaschistischen Widerstand in der Umgebung von Weimar vereinigen.
Dieser Plan mußte im Sommer 1944 völlig aufgegeben werden. Trotz der vernichtenden militärischen Niederlagen im Osten und der Eröffnung der zweiten Front im Westen bildete sich in Deutschland kein antifaschistischer Massenwiderstand, mit dem sich die Buchenwalder Häftlinge hätten vereinigen können. Außerdem wurden im August 1944 die Gustloff-Werke bei einem Luftangriff der Alliierten zerstört, so daß diese Möglichkeit der schnellen Bewaffnung von vielen Häftlingen wegfiel.
Der Defensivplan war für den Fall ausgearbeitet worden, daß die Nazis das Lager liquidieren. In diesem Fall sollte unabhängig vom Kräfteverhältnis versucht werden, die Lager-SS zu überwältigen und aus dem Lager auszubrechen. Das war die Alternative zur kampflosen Selbstaufgabe. Doch auch der Defensivplan wurde angesichts des Eintreffens der US-Truppen nur teilweise in die Tat umgesetzt. Im KZ Buchenwald gab es am 11. April 1945 im Zusammenhang mit der Befreiung dieses Nazi-Lagers eine bewaffnete Aktion gegen die angesichts der herannahenden US-Truppen noch nicht geflohenen SS-Leute. Durch den internationalen Zusammenschluß der antinazistischen Häftlinge in Buchenwald und im jahrelangen gemeinsamen Kampf wurde diese Aktion vorbereitet.
Die internationale Militärorganisation (IMO) in Buchenwald war sehr gut organisiert und stand unter der Leitung des Internationalen Lagerkomitees (ILK), das sich aus den Vertretern der verschiedenen nationalen kommunistischen Gruppen im Lager zusammensetzte.
Besonders der sowjetische Genosse Nikolaj Simakov, der Leiter der sowjetischen kommunistischen Organisation in Buchenwald, Mitglied des ILK, hatte großen Anteil am Entstehen der IMO. Er drängte, daß neben der sowjetischen militärischen Gruppe weitere militärische Gruppen anderer kommunistischer Gruppen entstehen und daß die Vorbereitung des bewaffneten Aufstandes forciert wird. In vielen Berichten wird geschildert, daß die sowjetische politische Organisation unter Führung von Genossen Simakov durch ihre Entschlossenheit und Kampfkraft Vorbild für die anderen kommunistischen Gruppen war.
850 ausgebildete militärische Kader aus verschiedenen Ländern waren in der IMO organisiert und standen bereit, um loszuschlagen. Es waren Waffen organisiert, es waren zwei Aufstandspläne ausgearbeitet worden.
Als die US-Armee am 11. April 1945 immer näher auf Buchenwald vorstieß, flüchteten die meisten der SS-Männer, auch die meisten SS-Posten von ihren Wachtürmen (37/362). Die Buchenwalder Militärsektion griff zu den Waffen und begann den Angriff auf die Türme, die Lagerumzäunung und das Lagertor. Der Strom des Zaunes wurde unterbrochen und Häftlinge im Lager durch erbeutete Waffen bewaffnet.
In einem Bericht von kommunistischen Kadern direkt nach 1945 beschreibt u. a. Rudi Jahn:
„Am 11. April 1945 wurde das KZ durch die siegreichen Alliierten Truppen mit aktiver Unterstützung der dort eingesperrten Häftlinge befreit." (42/29 f.)
Die Begeisterung bei den 21000 Häftlingen über die Befreiung war riesengroß.
Die Tatsache, daß die US-Truppen zunächst weiter auf Weimar marschieren konnten und die Leitung des Lagers erst zwei Tage später übernahmen, zeigt, welche großartige Leistung die Widerstandsorganisation im KZ Buchenwald vollbracht hat.
Für März 1944 war ein Aufstand in einem Lagerabschnitt von Auschwitz-Birkenau geplant, der als sogenanntes „Familienlager" für die aus Theresienstadt Deportierten für eine Dauer von sechs Monaten eingerichtet worden war. Einigen Häftlingen war bekannt geworden, daß das „Familienlager" liquidiert und die Insassen in die Gaskammern geschickt werden sollten.
Der Widerstand kümmerte sich um dieses Lager, besorgte Essen, Medikamente etc. Da die Nazis dieses Lager liquidieren wollten, entschloß sich die Kampfgruppe Auschwitz zu versuchen, die Gefangenen des „Familienlagers" zum Widerstand gegen ihre Ermordung zu mobilisieren. Es war geplant, die Baracken in Brand zu stecken und damit für die Häftlinge der anderen Lagerabschnitte in Auschwitz-Birkenau ein Signal zu geben. Schmulewski, ein Mitglied der Widerstandsorganisation in Auschwitz-Birkenau, der bereits wußte, daß alle Gefangenen des „Familienlagers" ermordet werden sollen, gab an Rudolf Vrba, der Kontakt zum „Familienlager" hatte, den Auftrag:
„Ich kann unsere Kameraden nicht bitten, ihr Leben für eine verlorene Sache zu opfern. Aber wenn sich die Tschechen erheben, wenn sie es zu einem Kampf treiben ... werden sie auch nicht allein kämpfen. Hunderte von uns, vielleicht Tausende,
werden ihnen zur Seite stehen, und mit ein wenig Glück könnte es uns gelingen, diese ganze schändliche Anlage (die Gaskammern und Krematorien, A. d. V.) zu zerschlagen. Sag ihnen (den Gefangenen im „Familienlager" A. d. V.) das. Sag ihnen, daß sie nichts zu verlieren haben, daß sie kämpfen oder sterben müssen. " (Rudolf Vrba, „Ich kann nicht vergeben", 81/217)
Die Widerstandsorganisation konnte Benzin ins „Familienlager" schmuggeln. Fredy Hirsch, der die größte Autorität im „Familienlager" genoß, weil er durchsetzte, für den Kinderblock eine Art von Schule einzurichten, sollte die Leitung des Aufstands übernehmen. Er hat sich jedoch am Vorabend, am 8. März 1944, durch Gift getötet. Damit mußte auch die Verwirklichung der Pläne unterbleiben, die vom „Sonderkommando" in den Krematorien und in anderen Lagerabschnitten von Auschwitz-Birkenau vorbereitet worden waren.
Im Juli 1944 wurde noch einmal von jüdischen Aktivisten in Auschwitz-Birkenau versucht, weitere Transporte, vor allem aus Theresienstadt, in die Gaskammern zu verhindern. Diesmal planten Ruzena Lauscher und Hugo Lengsfeld einen Aufstand, der jedoch ebenfalls nicht durchgeführt wurde. Am 11. Juli 1944 konnte die SS den Massenmord ungestört durchführen (48/199).
Gegen Ende des Krieges gab es in der von der KP Österreich und der KP Polen mitorganisierten Kampfgruppe Auschwitz heftige Diskussionen über die Frage „Aufstand -ja oder nein?".
Nicht nur Kommunisten, sondern auch sämtliche nichtkommunistischen Mitglieder der Leitung der Kampfgruppe Auschwitz waren mit der ungeheueren moralischen Verantwortung belastet, die Frage „Aufstand - ja oder nein?" zu entscheiden und die Konsequenzen dieser Entscheidung zu tragen.
Wie verlief nun die Debatte in der Kampfgruppe Auschwitz?
Ein Aufstandsplan des sowjetischen Genossen Pilecki für 1943 wurde von der Leitung der Kampfgruppe verworfen (48/290). Ein Aufstandsplan zur Verhinderung der Vernichtung der ungarischen Juden vom Mai 1944, den Häftlinge des jüdischen „Sonderkommandos" vorbrachten, wurde bei der Abstimmung wiederum abgelehnt. (siehe: „Der Aufstand in Auschwitz-Birkenau", S. 166) So kam es mit Ausnahme des bewaffneten Aufstandes des „Sonderkommandos" in Auschwitz-Birkenau bis zum Kriegsende zu keinem Aufstand in Auschwitz. Das Scheitern des Versuchs, durch Flucht die um Auschwitz operierenden Partisanen in den Aufstand miteinzubeziehen, mag für die Ablehnung des Aufstands 1944 auch eine Rolle gespielt haben.
Das wichtigste Argument, das die Mehrheit der Widerstandsorganisation im Stammlager gegen einen Aufstand 1943 und im Mai 1944 angeführt hatte, war die noch nicht nahe genug herangerückte Rote Armee. Mit Sicherheit spielte auch eine mechanische Vorstellung von einem Aufstand eine Rolle, die Vorstellung, daß nur ein perfekter Aufstand Erfolg haben wird, sonst droht dem ganzen Lager die Liquidierung. Die Gefahr, daß es der SS gelingt, einen Aufstand niederzuschlagen, und sie daraufhin beginnt, das Lager zu liquidieren, war jedoch in der Tat immer gegeben. Das Wissen um die einige Kilometer in den Todesfabriken von Auschwitz-Birkenau verstärkt vorangetriebene Vernichtung der ungarischen Juden drängte auch die Mitglieder der Kampfgruppe Auschwitz zum Aufstand.
Aus den Berichten der ehemaligen Mitglieder der Widerstandsorganisation in Auschwitz geht hervor, daß sie an ihren Aufstandsplänen festhielten, dafür Waffen und Sprengstoff beschafften. Sie waren hundertprozentig davon überzeugt, daß es zumindest zu einer Rebellion oder gar zu einem Aufstand kommen würde. Mit Ausnahme der Aktion des „Sonderkommandos", das faktisch gegen die Weisungen der Kampfgruppe Auschwitz handelte, ist dies aber nicht geschehen. (siehe: „Der Aufstand in Auschwitz-Birkenau", S.166)
Weitere gescheiterte Aufstands- und Ausbruchsversuche haben sicherlich stattgefunden, sind aber unbekannt geblieben, weil kein Zeuge überlebt hat.
Alfred Klahr - Ein vorbildlicher proletarischer Internationalist
Alfred Klahr war vor seiner Einlieferung ins KZ Auschwitz Mitglied des ZK der damals noch revolutionären KPÖ. Er kämpfte in der Illegalität in Osterreich gegen die Nazis. Er beschäftigte sich viel mit der nationalen Frage und hat eine hervorragende Arbeit zur Herausbildung einer eigenständigen österreichischen Nation Ende der 30er Jahre geschrieben: „Zur nationalen Frage in Österreich".
In Auschwitz - von den Nazis mit dem gelben Stern versehen - war er Mitglied der Kampfgruppe Auschwitz und arbeitete unermüdlich im Auftrag ihrer Leitung unter jüdischen Häftlingen. Er half ihnen, wo er nur konnte, bei ihrem täglichen Kampf gegen die SS um bessere Lebensbedingungen, um die Rettung möglichst vieler jüdischer Häftlinge vor den Todestransporten in die Vernichtungslager und der Organisierung eines kampfkräftigen, eigenständigen jüdischen Widerstands unter der Leitung der internationalen Kampfgruppe.
Der Genosse Klahr verfaßte 1944, als die Massenvernichtung der europäischen Juden im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ihren Höhepunkt erreicht hatte, eine theoretische Arbeit im Stammlager Auschwitz mit dem Titel „Gegen den deutschen Chauvinismus". Er schrieb diese Arbeit angesichts deutsch-chauvinistischer Vorstellungen und Praxis von einigen deutschen Kommunisten in Auschwitz, angesichts vieler Debatten, die er u. a. mit dem KPD-Mitglied Bruno Baum hatte. Drei Nächte hintereinander versteckte er sich in dem Holzverschlag, der der Leitung der Kampfgruppe Auschwitz als Sitzungsraum diente, und schrieb dort eine hervorragende Arbeit, die bis heute noch hochaktuell ist und von jeder Genossin und jedem Genossen studiert werden sollte.
In dieser Arbeit hat der Genosse Klahr hervorragend die nationale Entwicklung Deutschlands dargestellt, die Rolle des reaktionären Preußentums darin und Besonderheiten des deutschen Faschismus, um klarzumachen, was das für das Eindringen von deutsch-chauvinistischen Ideen in die Arbeiterbewegung bedeutete. Er kritisierte auch den ungenügenden Kampf der KPD gegen den deutschen Chauvinismus, stellte die Mitschuld des deutschen Volkes an den Naziverbrechen heraus und die Notwendigkeit der Wiedergutmachung.
Um den bewaffneten Aufstand vor der möglichen „Evakuierung" oder gar Liquidierung des Lagers doch noch durchführen zu können, beschloß die Kampfgruppe Auschwitz die Flucht von Alfred Klahr und Stefan Bratkowski, einem Kommunisten aus Polen. Die beiden sollten mit der kommunistischen PPR Verbindung aufnehmen, um den Aufstand mit dem Partisanenkampf in der Gegend von Auschwitz zu koordinieren. Die Flucht gelang am 15. 6. 1944. Die beiden Genossen konnten sich bis Warschau durchschlagen, dort wurde Alfred Klahr jedoch von der Gestapo aufgespürt und ermordet.
(Da unseres Wissens diese Arbeit nie von der SED oder KPD veröffentlicht wurde, mußte beim Nachdruck auf die Ausgabe der KPÖ in „Weg und Ziel" (Nr. 1//1957) zurückgegriffen werden! Siehe Alfred Klahr, „Gegen den deutschen Chauvinismus", Verlag Olga Benario und Herbert Baum, Offenbach 1997.)
Die bewaffneten Aufstände der jüdischen „Sonderkommandos" in den Vernichtungslagern
Vom Vernichtungslager Belzec gibt es keine Berichte über Auftandsversuche. In Chelmno kam es zu der geschilderten bewaffneten Aktion, aber zu keinem Aufstand.
Der Aufstand in Auschwitz-Birkenau
Wie schon erwähnt, lautete der Beschluß der Kampfgruppe Auschwitz, keinen Aufstand auszulösen. Das aus über 900 Häftlingen bestehende „Sonderkommando", das die Vernichtungsaktionen an den ungarischen Juden direkt unterstützen mußte und dessen Angehörige sich der Tatsache, daß sie selbst danach auch ermordet würden, voll bewußt waren, beugte sich diesem Beschluß der Kampfgruppe Auschwitz nicht.
Der Aufstand des „Sonderkommandos" war vor allem von Josel Dorebus und Jankiel Handelsmann, zwei jüdischen Kommunisten aus Polen, vorbereitet worden. Als im Mai 1944 die Vernichtung der ungarischen Juden begann, war jedes Mitglied des „Sonderkommandos" bereit zum Aufstand, um diese bestialische Vernichtungsmaschinerie endlich zum Stillstand zu bringen. Die Genossen Dorebus und Handelsmann ergriffen die Initiative, traten an die Kampfgruppe Auschwitz heran und forderten, den Aufstand auszulösen. Das wurde von der Kampfgruppe abgelehnt (48/301).
Ab diesem Zeitpunkt setzte die selbständige Vorbereitung des Aufstandes durch das „Sonderkommando" ein.
Bei der direkten militärischen Vorbereitung war vor allem Roza Robota und drei weitere jüdische Frauen besonders wichtig. Ihre Aufgabe war die Organisierung des Sprengstoffes, der dann in Konservendosen gefüllt und zu Sprengladungen gemacht wurde.
Der Plan des Aufstands war die Zerstörung der Vernichtungsmaschinerie durch das „Sonderkommando", weiterhin zumindest das an das Krematorium II angrenzende Frauenlager mit in den Aufstand einzubeziehen, dort die Baracken mit Benzin - das organisiert werden konnte - anzuzünden und in die angrenzenden Wälder zu flüchten. Der Aufstand sollte während des „Abendappells" ausgelöst werden. Die anwesenden SS-Mörder im Frauenlager sollten überfallen und getötet werden. Doch dieser Plan konnte nicht durchgeführt werden.
Der Aufstand war für den Abend des 7. Oktober 1944 festgesetzt, zu einem Zeitpunkt, als die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung schon bald beendet war. Der Widerstandsorganisation war bekannt geworden, daß die SS an diesem Tag, nachdem sie zuvor schon 200 Häftlinge ermordet hatte, einen weiteren Teil des „Sonderkommandos" ermorden wollte. Deshalb mußte der Aufstand früher als geplant ausgelöst werden. Die SS kam schon gegen Mittag, um die 300 Häftlinge des „Sonderkommandos" im Bereich des Krematoriums III zur Ermordung abzuholen. Salmen Lewental, ein Häftling eines anderen „Sonderkommandos", hat in einem Bericht10 festgehalten, was dann passierte:
„Diese Häftlinge erhoben einen lauten Schrei, warfen sich mit Hämmern und Äxten auf die Wächter, verwundeten einige von ihnen und schlugen die übrigen, womit sie nur konnten, und bewarfen sie einfach mit Steinen." (Salmen Lewenthal, „Gedenkbuch", 51/178)
Andere Berichte gehen davon aus, daß der Aufstand früher als geplant ausgelöst wurde, weil ein Kapo ein Gespräch über den geplanten Aufstand mitbekommen hatte, worauf ihn die Häftlinge liquidierten und zu einem früheren Auslösen des Aufstandes gezwungen wurden (48/303).
Die Häftlinge des Krematoriums III griffen die SS mit selbstgebauten Handgranaten an, sprengten mit Hilfe des Sprengstoffes das Krematorium in die Luft und liquidierten einige SS-Mörder (77/221).
Die SS war verwirrt und kurzzeitig handlungsunfähig. Das nützten die Aufständischen aus und durchschnitten mit selbstgebauten, am Griff isolierten Zangen den elektrisch geladenen Stacheldrahtzaun und brachen aus dem Vernichtungslager aus.
Nach diesem Signal griffen die Häftlinge des Bereiches Krematorium II zu den Waffen, entwaffneten ihre SS-Bewacher und töteten einige. Sie durchschnitten den Stacheldraht zum Frauenlager und nach draußen. Anschließend flohen sie ebenfalls.
Inzwischen hatte die SS es geschafft, schwere bewaffnete Einheiten gegen die Aufständischen einzusetzen. Von den über 600 am Aufstand beteiligten Häftlingen wurden 451 sofort noch in der Nähe der Krematorien ermordet, die anderen später. Es ist nicht bekannt, daß ein Häftling überlebte.
Der Erfolg des Aufstands war die Sprengung des Krematoriums, was zu einer Verringerung der Kapazität der Todesfabrik führte und die Tötung von vier SS-Mördern, 12 wurden verletzt (48/304) - vor allem aber der Beweis, daß selbst im Zentrum der nazifaschistischen Vernichtungsmaschinerie, in der Hölle des Vernichtungslagers von Auschwitz-Birkenau, Widerstand gegen die Nazis möglich war.
Der Aufstand in Treblinka
Die jüdischen Häftlinge, die im Vernichtungslager Treblinka arbeiten mußten, wurden nach einer kurzen Zeit ermordet und durch andere ersetzt. Als die SS dazu überging, die „Sonderkommandos" länger am Leben zu lassen, um die Vernichtung in Treblinka zu steigern, verbesserten sich die Bedingungen für die Vorbereitungen und Durchführung eines Aufstandes.
Als Initiatoren des Aufstandes im August 1943 werden der Warschauer Arzt Julian Chorazycki, der slowakische Offizier Zelo Bloch, der Warschauer Kapo Zew Kurland und der aus Polen stammende Lubling genannt.
Eine Verzögerung erlitten die Vorbereitungen, als Zelo Bloch innerhalb Treblinkas vom Lager 1 in das Lager II mit den Gaskammern verlegt wurde. Bloch war bis dahin die anerkannte Führungspersönlichkeit im Widerstand.
Der als Revierarzt eingesetzte Julian Chorazycki war verantwortlich für die Waffenbeschaffung. Er organisierte den Ankauf von Waffen von bestochenen ukrainischen Hilfswachen. Gerade als er von dem Mithäftling Shmuel Rosenberg Geld für einen weiteren Waffenkauf erhielt, tauchte der SS-Mann Kurt Franz auf, der die Geldscheine bemerkte. Chorazycki erklärte, daß er dieses Geld für seine eigene Flucht benutzen wollte und stürzte sich dann mit einem Seziermesser auf den SS-Mann, der den Angriff jedoch abwehren konnte. Im weiteren Verlauf gelang es Chorazycki, Gift zu nehmen. Er wurde dann noch furchtbar gefoltert. Es gelang der SS aber nicht mehr, Informationen aus ihm herauszupressen. Die Mißhandlungen und das Gift führten rasch zu seinem Tod.
Die Führung des Aufstandes wurde danach in andere Hände gelegt: So übernahmen Alfred Galewski aus Lodz, Rudolf Masarek und Stanislaw Lichtblau aus der Tschechoslowakei wichtige Aufgaben der Aufstandsvorbereitung. 60 von etwa 700 Gefangenen waren in den Plan eingeweiht und in Fünfergruppen aufgeteilt.
Stanislaw Kohn, ein Überlebender von Treblinka, beschreibt den ausgearbeiteten Plan:
„Als erstes die Hauptschinder zu fangen und sie erledigen, die Posten zu entwaffnen, die telefonischen Leitungen abzuschneiden, alle Einrichtungen der Totenfabrik zu verbrennen und zu vernichten, damit sie nicht mehr in Gang gesetzt werden können, das Straflager für Polen in Treblinka, das sich in einer Entfernung von 2 km befand, zu befreien, sich mit ihnen zu vereinigen und sich zusammen in die Wälder durchzuschlagen und dort eine starke Partisanengruppe zu bilden. " (38/8)
Bei der Organisierung des Aufstandes spielten die Kinder - die SS hat sich immer Kinder als Schuhputzer oder ähnliches gehalten - eine wichtige Rolle für die Beschaffung der Waffen von der SS. Der vierzehnjährige Edek hatte einen Metallsplitter in das Schloß der Waffenkammer gesteckt, so daß eine Reparatur nötig wurde. Zur Reparatur wurde ein jüdischer Lagerschlosser geholt, der die Gelegenheit nutzte, einen Nachschlüssel zu machen.
Als endgültiger Aufstandstermin wurde nach einigen Verschiebungen der 2. August 1943 festgelegt. Schon in der Frühe suchten die Kinder in den Unterkünften der SS nach Waffen und wurden auch fündig. Die Wachmannschaften wurden abgelenkt und dem vierzehnjährigen Jacek aus Ungarn gelang es, mit dem nachgemachten Schlüssel in das Waffenarsenal zu gelangen. Mit einem Diamanten schnitt er ein Rückfenster aus, um die erbeuteten Waffen hinausreichen zu können, Gewehre, Handgranaten und Munition konnten auf diese Weise beschafft und in einem verabredeten Lager, einer Garage, deponiert werden.
Aus nicht ganz geklärten Gründen mußte der Aufstand um eine Stunde vorverlegt werden.
„Pünktlich um 4 Uhr nachmittags werden zu allen Gruppen Boten mit dem Befehl geschickt, sofort in die Garage zu kommen und Waffen zu holen ... Jeder ... muß die Parole , Tod' angeben, worauf ihm Leben' geantwortet wird. ‚Tod` - ‚Leben`, ‚Tod' – ‚Leben` fallen begeisterte Ausrufe und die Hände fassen nach den heißersehnten Waffen. " (ebenda, S. 9)
Wegen des vorverschobenen Aufstandstermins konnten wahrscheinlich nicht alle Waffen verteilt werden. Mittlerweile besprühte der Desinfektor die Baracken - jedoch diesmal mit Benzin. Um 15.45 Uhr wurde mit einem Schuß das verabredete Signal gegeben.
Was dann geschah, beschreibt Richard Glazar, ein überlebender Häftling aus Treblinka, aus seiner Sicht:
„ Vorne irgendwo bei unseren Wohnbaracken fällt ein Schuß. Danach Stille. Dann explodiert die erste Handgranate, gleich darauf die zweite - die dritte sehe ich auf dem gepflasterten Weg detonieren.
Der Wachmann hinter uns ist nicht mehr zu sehen, auch der am Tor ist verschwunden. Josek und Herschek haben ihre Gewehre: Revolution! Ende des Krieges!' Der zweite Teil der Losung soll die Wachmänner verwirren.
‚Hurra!` Es klingt erst vereinzelt und zaghaft ... Das Rufen wird lauter und erhebt sich über ganz Treblinka. "
(Richard Glazar, „Die Falle mit dem grünen Zaun - Überleben in Treblinka", 28/140 f.)
Überall fingen die Baracken zu brennen an. Schüsse fielen, ein Benzinlager explodierte. 200 Gefangene bewaffneten sich zusätzlich mit Waffen der SS-Wachmannschaften. Teile des Lagerzaunes wurden niedergerissen.
Etwa 200 bis 400 Häftlingen gelang die Flucht. Das Durchschneiden der Telefonleitungen war nicht mehr möglich. So konnte die SS recht schnell Verstärkung aus der Umgebung herbeiholen. Viele wurden ermordet, bevor sie die schützenden Wälder erreichen konnten. Einige wurden später von Mitgliedern des antisemitischen Kampfverbandes „Armia Krajowa" ermordet.11 Viele der Überlebenden setzten ihren Kampf gegen den Nazifaschismus in Partisanenverbänden fort. Auch hier gab es noch viele Opfer. Bekannt sind die Namen von 52 Überlebenden, darunter zwei Frauen.
Es gelang zwar nicht, die Vernichtungsanlage total zu zerstören, jedoch empfindlichen Schaden anzurichten. Nach zwei weiteren Transporten Mitte August stellten die Nazis die Vernichtung ein, im Oktober 1943 liquidierten sie das Lager. Richard Glazar drückt seine Gefühle über die Erfolge des Aufstands aus:
„An jenem glühenden Augustnachmittag schlugen die Flammen von anderswo noch höher empor als üblicherweise vom riesigen Verbrennungsrost in der Nähe der Gaskammern. Der Feuerschein, der sich in jener Nacht über Treblinka ergoß, war anders gefärbt, hatte anderen Ursprung und andere Deutung als in den Nächten zuvor. " (Glazar, Richard, „Die Stimme aus Treblinka", zit. n. 48/311)
Roza Robota: „Seid stark und tapfer!"
Am 7. 10. 1942 explodierte ein Krematorium in Auschwitz-Birkenau. Die Häftlinge des Sonderkommandos" hatten den Aufstand begonnen!
Der Sprengstoff, mit dem das Krematorium in die Luft gesprengt wurde, war von der jüdischen Antinazistin Roza Robota organisiert worden.
Roza Robota war Mitglied der jüdischen Organisation Hashomer Hatzair. Als die Nazis in ihrer Heimatstadt Ciechanow in Polen das Ghetto liquidierten, wurde die 21jährige Roza nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Während ihre Eltern von der SS sofort in den Gaskammern vernichtet wurden, wurde Roza in der Bekleidungskammer zur Zwangsarbeit eingeteilt.
Bald nach ihrer Ankunft nahm die Widerstandsorganisation von Auschwitz-Birkenau Kontakt mit ihr auf. Noah Zabladowicz informierte sie über den Aufstandsplan, der die Sprengung der Krematorien und Gaskammern umfaßte.
Roza wohnte mit Frauen, die sie vom Untergrundkampf in Polen her kannte, in einer Baracke. Diese Frauen waren größtenteils als Zwangsarbeiterinnen in den Rüstungswerken „Union" (Zweigbetrieb der Krupp-Werke) beschäftigt. Sie organisierte eine zuverlässige Truppe von 20 Frauen, die in mühevoller Arbeit und mit viel Raffinesse Sprengstoff aus der Fabrik schmuggelten. Roza selbst transportierte den Sprengstoff zur Widerstandsorganisation, wo er letztendlich bei dem sowjetischen Gefangenen und Sprengstoffexperten Borodin anlangte, der mit Hilfe von Sardinendosen Sprengkörper bastelte.
Roza Robota wurde nach dem Aufstand durch einen Spitzel verraten. Mit ihr wurden drei weitere Frauen aus den Union-Werken verhaftet.
Die SS folterte Roza mehrere Tage lang grausam. Zu Recht vermutete die SS, daß Roza direkten Kontakt zur Widerstandsorganisation hatte. Die Widerstandsorganisation machte sich auch auf das schlimmste gefaßt, denn die Foltermethoden der SS waren berüchtigt.
Mit Hilfe eines jüdischen Gefangenen konnte Noah Zabladowicz Roza in ihrer Todeszelle besuchen. Er fand sie grausam entstellt durch die Folter, aber völlig ungebrochen. Sie hatte niemand verraten, als Kontaktmann hatte sie einen bereits verstorbenen jüdischen Häftling genannt.
Sie schrieb eine Nachricht an die Untergrundorganisation nieder, die unterzeichnet war mit: „Seid stark und tapfer!"
Wenige Tage später wurden Roza Robota, Esther Wajsblum, Eila Gertner und Regina Saphirstein auf dem Apeliplatz gehängt.
(Quelle: Yuri Suhl (Hg.), „They Fought Back, The Story of the Jewish Resistance in Nazi Europe", New York 1968, S. 219-225)
Der Aufstand in Sobibor
Am 23. September 1943 kam in das Vernichtungslager Sobibor ein Transport aus einem Nazi-Lager in Minsk an, der erste aus der Sowjetunion. Unter jenen, die zur Arbeit ausgesucht wurden, befanden sich etwa 70 jüdische Kriegsgefangene, die als Soldaten und Offiziere in den Reihen der Roten Armee bereits gegen die deutschen nazifaschistischen Horden gekämpft hatten und militärische Erfahrung auch im Partisanenkrieg besaßen. Unter ihnen war der 34-jährige sowjetische Offizier Alexander Pecerskij („Sascha" gerufen), der fast zwei Jahre deutsche Kriegsgefangenschaft hinter sich hatte und schon nach drei Wochen Lagerhaft in Sobibor den Aufstand leitete.
Vertrauen auf die eigene Kraft unter Führung von Kämpfern der sowjetischen Roten Armee
Die Ankunft der sowjetischen Kriegsgefangenen erregte im Lager sofort Aufsehen und löste Neugier und Hoffnung aus. Vor ihrem ersten Arbeitseinsatz begannen sie, nach Aufforderung durch den SS-Lagerleiter, ein sowjetisches Lied zu singen, das wie ein Frühlingsdonner im Todeslager von Sobibor einschlug:
„Wenn der Krieg morgen kommt, werden wir morgen marschieren. Wenn die Übeltäter zuschlagen, werden die sowjetischen Völker, vereint wie eins, sich für ihr freies Heimatland erheben." (Alexander Pecerskij, „Revolt in Sobibor", 59/13)
Pecerskij erwarb sich durch sein Verhalten schnell Ansehen bei seinen Mitgefangenen und fiel dadurch auf, daß er eine als Bestechung gedachte Belohnung eines SS-Wächters für schnelle Arbeit (Zigaretten, später Brot und Margarine) mit ironischem Unterton zweimal dankend ablehnte. Als ein Mithäftling bereits am 27. September mit der Aufforderung an ihn herantrat, gemeinsam zu fliehen, antwortete er, daß Fluchten einzelner blutige Repressalien bzw. Ermordung der Zurückgelassenen auslösen würden. Ein Fluchtplan sei nur dann erfolgreich, wenn allen die Gelegenheit gegeben wird, auszubrechen, auch wenn einige sicher umkommen werden. Jüdische Häftlinge aus verschiedenen Ländern, vor allem die etwa 150 weiblichen Gefangenen aus den Frauenbaracken, umringten ihn am nächsten Tag und bestürmten ihn mit Fragen über die Sowjetunion und den Frontverlauf. Als sie wissen wollten, wann der Krieg zu Ende sei und wer gewinnen würde, teilte er alles mit, was er wußte.
Pecerskij berichtete, wie die deutschen Nazitruppen von der Roten Armee der sozialistischen Sowjetunion aus den Vororten Moskaus vertrieben und wie sie in Stalingrad geschlagen wurden, daß die Rote Armee bald den Dnjepr überquere und vorwärtsmarschiere. Alles wurde in Jiddisch, Deutsch, Holländisch und Französisch übersetzt. Besonderen Eindruck machte seine Antwort auf die Frage, warum denn die russischen Partisanen, die bei Minsk Eisenbahnwaggons der Nazis in die Luft sprengten, das Lager nicht angreifen und befreien würden. Pecerskij erwiderte:
„Die Partisanen haben ihre eigenen Aufgaben. Unsere Arbeit wird nicht von irgend jemandem anderen für uns gemacht werden. " (ebenda, S. 20)
Am 29. September trat der 33-jährige polnische Jude Leon Feldhendler („Baruch" gerufen), der schon fast ein Jahr im Lager II arbeitete, im Namen der schon länger im Lager existierenden Widerstandsgruppe an Pecerskij heran. Er forderte Pecerskij auf, die Organisierung und Leitung des Aufstands als Sowjetmensch und erfahrener Militär zu übernehmen. Feldhendler, der den Aufstand bisher moralisch vorbereitete, hatte eine Gruppe von 20 Juden aus der Tschechoslowakei, aus Frankreich, Deutschland und Polen um sich geschart, die von fünf polnischen Juden geleitet wurde. Sie wurden besonders durch das Los der jüdischen Zwangsarbeiter aus dem Vernichtungslager Belzec angefeuert, die etwa Ende Mai 1943 nach Sobibor gebracht und ermordet wurden.
Bei Einhaltung strengster konspirativer Regeln, Treffs mit weiblichen Häftlingen als Deckung benutzend, standen beide bis zum Aufstand am 14. Oktober in täglichem Kontakt miteinander. Die Leitung bestand aus sieben Personen, und insgesamt 30 wußten von dem Plan. Den Aufstandsplan entwickelte Pecerskij in engster Absprache und bis ins Detail mit einem Kommunisten aus Warschau, Shloime Leitman, mit dem er bereits von Minsk her befreundet war, und an dessen Seite er sein Nachtlager in der Baracke hatte. Durch sein entschlossenes und mutiges Auftreten und seine freundliche und ruhige Art, seine gesamte Persönlichkeit hatte Leitman tiefgehenden ideologischen Einfluß und große Ausstrahlungskraft auf seine Mithäftlinge. Pecerskij war also der organisatorische und Leitman der ideologische Führer des Aufstands.
Es gab von verschiedenen Seiten Gerüchte und Warnungen, daß das Lager bald aufgelöst werden solle, was auch die Ermordung der jüdischen Arbeitskommandos bedeutet hätte. Ein ukrainischer Wachmann informierte Pecerskij, daß in Treblinka im August bereits ein Aufstand stattgefunden hatte und nun die Liquidierung von Sobibor bevorstehe. Das gab Auftrieb und beschleunigte die Organisierung des Aufstands. Neben dem hauptsächlichen Motiv für den Aufstand, der Vernichtung von Hunderttausenden von Menschen Einhalt zu gebieten, spielte also auch die unbestreitbare Tatsache eine Rolle, daß das „Sonderkommando" selbst vernichtet werden würde.
Der Aufstandsplan des sowjetischen Rotarmisten Pecerskij
Am Abend des 12. Oktober fand die letzte Leitungsbesprechung statt, auf der Pecerskij seinen Aufstands- und Fluchtplan im einzelnen dem Untergrundkomitee darlegte, das ihn mit einigen zusätzlichen Vorschlägen annahm. Der Plan bezog - trotz großem Mißtrauen - auch zwei jüdische Kapos ein, die eine Art Polizeifunktion im Lager ausübten und daher größere Bewegungsfreiheit hatten. Die Widersprüche der Kapos zu den deutschen SS-Schergen war größer als zu den jüdischen Häftlingen, da sie den Deutschen nicht vertrauten, daß sie am Schluß nicht auch wie alle anderen umgebracht würden und deshalb ebenfalls fliehen wollten. Pecerskij gab den in den Aufstandsplan einbezogenen Kapos deutlich zu verstehen, daß sie bei einem Scheitern unter den ersten sein würden, die getötet werden.
Der genaue Zeitplan und die Verteilung der Aufgaben an jede einzelne Gruppe wurde festgelegt. Der Plan war darauf aufgebaut, daß die SS-Leute in den Werkstätten für sich arbeiten ließen. Die Pünktlichkeit der Deutschen wurde ebenfalls bei der Planung in Betracht gezogen. Die SS-Leute wurden zu genau festgelegten Zeiten einzeln in verschiedene Werkstätten zur Anprobe bestellt, um sie dort zu erschlagen.
Pecerskij stellte seinen Plan nach seinen Tagebuchaufzeichnungen folgendermaßen dar:
„Zuerst müssen wir die Offiziersgruppe erledigen, die das Lager verwaltet. Natürlich einen nach dem anderen, und ohne das leiseste Geräusch. Aber es muß in kurzer Zeit geschehen. Ich meine im Verlauf einer Stunde, nicht länger. In geringerer Zeit werden wir es kaum hinbekommen, und wenn es länger dauert, besteht die große Gefahr, daß sie einen der ihrigen vermissen könnten und Alarm läuten. Die Aufgabe, die deutschen Offiziere zu töten, wird Leuten übertragen, die aus unseren sowjetischen Kriegsgefangenen ausgewählt werden, die ich persönlich kenne und auf die wir uns verlassen können ...
Um 15 Uhr30 wird der Capo Bjetzki mit einer Ausrede drei Leute, die ich ihm nenne, zum Lager II mitnehmen. Diese drei werden die vier Nazis töten, die dort arbeiten. Baruch (Feldhendler) muß dafür sorgen, daß die Offiziere einzeln in den Raum kommen, wo es möglich sein wird, die Hinrichtung auszuführen. Baruch muß auch sicherstellen, daß von dem Augenblick an, wenn die Exekution der Nazis beginnt, niemand erlaubt wird, das Lager zu verlassen. Wenn irgend jemand versuchen sollte, einen Tumult zu machen, muß er sofort stillgestellt oder getötet werden. Die Operation im Lager II muß um 16 Uhr beendet sein.
Um 16 Uhr werden Leute, die für diese Aufgabe bestimmt sind, die Telefondrähte durchschneiden, die Lager II mit den Wachreserven verbinden. Die Drähte müssen an beiden Enden abgeschnitten und versteckt werden, um eine Reparatur zu verhindern.
Genau in diesem Moment wird die Tötung der Offiziere in unserem Lager beginnen. Die Offiziere sollen einzeln in die Werkstätten eingeladen werden. In jeder Werkstatt werden zwei Leute sein, die die Exekution ausführen. Um 16 Uhr 30 muß alles vorüber sein.
Um 16 Uhr30 werden Bjetzki und Genick alle Lagerinsassen so aufreihen, als ob sie sie zur Arbeit mitnehmen, und die Marschkolonne wird zum Ausgang geführt. In der ersten Reihe werden unsere Sowjetmenschen aus dem Osten sein. Sie werden das Waffenarsenal angreifen. Die anderen werden weitergehen und den Angriff decken. Jene, die Waffen ergriffen haben, werden die
Kolonne einholen, über diese hinausrennen, die Wachen am Tor beseitigen und den Wachturm angreifen. " (ebenda, S. 31/32)
Falls dieser Ausbruchsversuch durch das Haupttor verhindert werden würde, gab es nur noch die Alternative, nach Durchschneiden und Überwinden der Stacheldrahtzäune durch die Minenfelder zu entkommen. Der Weg nahe der SS-Unterkünfte erschien Pecerskij am erfolgversprechendsten, da dort höchstwahrscheinlich nur Signalminen deponiert waren. Für alle Fälle sollten zunächst Steine geworfen werden, welche die Minen zum Explodieren brachten. Dann würde der Weg wenigstens teilweise von Minen frei sein.
Der Aufstand wurde am Abend vorher für den 14. Oktober beschlossen, da mehrere SS-Leute in Deutschland im Urlaub waren, darunter auch der Kommandant Reichleitner sowie der gefürchtete Spieß Gustav Wagner. Von den insgesamt 28 SS-Leuten waren lediglich 16 an diesem Tag im Lager, wovon zwei zeitweise abwesend waren.
Der Tag des Aufstands
„Der 14. Oktober war ein schöner, sonniger Tag", so beginnt Pecerskij seine Tagebuchaufzeichnungen über den Aufstandstag.
„Während der Nacht verteilten wir die Messer, die wir gesammelt hatten und ein knappes Dutzend kleiner Äxte, die leicht unter der Jacke verborgen werden konnten und die der Hufschmied für uns hergerichtet hatte. Wer es brauchte, bekam warme Kleidung. Nur die Führer wußten genau, wann und wie wir ausbrechen würden. "
(ebenda, S. 33) Im Lauf der Mittagsstunden wurden die ersten Waffen entwendet, einige Handgranaten, sechs Gewehre und einige Pistolen sowie Munition. Jugendliche und Kinder, die den SS-Leuten die Schuhe putzten und auch für kleinere Reparaturen Zutritt zu den ukrainischen Kasernen hatten, waren mit deren Beschaffung beauftragt worden. Weitere Pistolen sollten den SS-Leuten nach deren Liquidierung abgenommen werden.
Dann lief zunächst alles nach Plan, Schlag auf Schlag:
„Wir töteten sechs SS-Männer in der Schneiderei und Schusterei, wohin wir sie von 16 Uhr an in Abständen von 15 Minuten einzeln zur Anprobe oder zum Abholen eines Kleidungsstückes oder von Schuhen zu kommen gebeten hatten. Vier SS-Männer töteten wir im Sektor II, wohin wir sie ab 15 Uhr30 einzeln in das Magazin gelockt hatten, um einen Ledermantel abzuholen, den wir unter den Sachen der Getöteten gefunden hätten. Dieser Köder erwies sich als sehr gut. Ein Faschist wurde in der Garage getötet. Auf diese Weise wurden von den 14 SS-Männern, die damals die Vernichtung der Menschen leiteten, elf getötet, zwei waren abwesend. " (48/315)
Wie sich nach Zeugenaussagen im Gerichtsprozeß herausstellte, wurde später noch der SS-Scharführer Werner Dubois beim Überfall auf das Waffenarsenal schwer verletzt und zwei andere SS-Leute hatten sich während des Aufstands, als sie Schüsse hörten und einige tote SS-Männer entdeckten, aus Angst verkrochen. Die zwei zunächst Abwesenden waren der Leiter von Lager 1, SS-Oberscharführer Karl Frenzel, und der SS-Mann Erich Bauer.
Ein Jugendlicher lief zwischen Lager 1 und Lager II hin und her und meldete an Pecerskij, wieviele schon jeweils getötet worden waren. Zwei Ukrainer, die während dieser Zeit auf Fahrrädern ankamen, wurden ebenfalls umgebracht. Ein deutsch sprechender Jude aus der Tschechoslowakei namens Schwartz, der als Elektriker zu arbeiten hatte, schaltete Strom und Telefon und damit jede Verbindung vom Lager nach draußen aus.
Soweit konnte der exakt vorbereitete Plan in knapp anderthalb Stunden durchgeführt werden. Dann kam der SS-Mann Bauer
„ unvorhergesehen mit einem LKW von einer Fahrt zurück ins Lager ... Um das Fahrzeug abladen zu lassen, rief er einige Häftlinge, die unmittelbar zuvor den Scharführer Floss ... getötet hatten. Als Bauer dies bemerkte, schoß er auf die Häftlinge. " (ebenda)
Vor allem aber war der Lagerleiter Frenzel, der einzige übriggebliebene SS-Führer, der die ukrainischen Wachen zu einer Aktion gegen die Häftlinge organisieren konnte, nicht, wie vorgesehen, in die Werkstatt gekommen. Aber da es schon kurz nach 17 Uhr war und ein längeres Warten, ohne den gesamten Aufstand zu gefährden, nicht mehr möglich war, wurde auf Veranlassung Pecerskijs vom Kapo Bjetzki mit der Pfeife das Signal zum abendlichen Zählappell gegeben. Zu Feldhendler und den Gefangenen in Lager H wurde ein Bote geschickt, der die Entscheidung über den Beginn des Marsches aller Häftlinge Richtung Haupttor mitteilte. Da zu den einigen Dutzend Häftlingen, die völlig isoliert und streng bewacht im Lager III, dem eigentlichen Vernichtungssektor, arbeiteten, keinerlei Verbindung bestand, wurden sie von vornherein nicht in den Aufstandsplan einbezogen.
Pecerskij beschrieb in seinem Tagebuch, was nach dem Signal im Lager 1 passierte:
„ Von allen Seiten strömten die Leute herbei. Wir hatten vorher schon siebzig Männer ausgewählt, die meisten sowjetische Kriegsgefangene, deren Aufgabe war, die Waffenkammer anzugreifen. Deshalb marschierten sie an der Spitze der Kolonne. Aber alle andern, die nur vermutet hatten, daß etwas vorbereitet war, aber nicht wußten wann und wie, erfuhren es jetzt in der letzten Minute. Sie begannen zu stoßen und drängelten vorwärts, fürchtend sie könnten zurückgelassen werden. In dieser ungeordneten Formation erreichten wir das Tor des Lager I.
Der Kommandant des Wachturmes, ein Deutscher aus dem unteren Wolgagebiet, kam auf uns zu. He, ihr Hurensöhne', rief er, habt ihr nicht die Pfeife gehört? Warum drängt ihr wie eine Herde Vieh vorwärts? Geht sofort auf der Linie, drei in einer Reihe!' Wie auf Kommando wurden als Antwort plötzlich mehrere Beile unter den Jacken hervorgezogen und sausten auf seinen Kopf nieder.
In diesem Moment rückte die Kolonne von Lager II zu uns vor. Mehrere Frauen, durch die unerwartete Szene aufgeschreckt, begannen zu schreien. Ein Gefangener war am Rand eines Ohnmachtanfalls. Ein anderer begann blindlings drauf los zu rennen. Es war klar, daß es unter diesen Umständen unmöglich war, mit den Leuten in einer ordentlichen Kolonne vorwärtszumarschieren. Ich rief daher laut:, Vorwärts, Genossen!
„Rufe wie Donner hallten durch das Todeslager und vereinigten Juden aus Rußland, Polen, Holland, Frankreich, der Tschechoslowakei und Deutschland. Sechshundert bis aufs Blut gepeinigte und gemarterte Menschen stürmten mit einem wilden ‚Hurrah’ für ihr Leben und ihre Freiheit vorwärts. " (Alexander Pecerskij, „Revolt in Sobibor", 59/39)
Der jüdische Häftling Khaim Povroznik aus Polen, der am Aufstand teilnahm, aus Sobibor flüchten und sich in Polen verstecken konnte, bis er von der Roten Armee befreit wurde, berichtet:
„Eine große Gruppe versammelte sich im Lager. In der Mitte stand unser heldenhafter Anführer Saschka. Saschka rief.- Für Stalin, Hurrah! (88/453)
Der Vormarsch der Gefangenen zum Tor des Lagers 1 traf zunächst auf keinen Widerstand, da die am Leben gebliebenen SS-Leute und auch die führungslosen ukrainischen Wächter, selbst auf den das Lager umgebenden Türmen, sich entweder täuschen ließen, nicht sofort kapierten, was vor sich ging oder von den Ereignissen so überrascht waren, daß sie den Kopf verloren.
Erst beim Angriff auf die Waffenkammer und bei ihrem weiteren Vormarsch zum Haupttor wurde die Masse der Aufständischen durch starkes Maschinengewehrfeuer von einem Wachturm aufgehalten. Geplant war auch, mit den ukrainischen Wachen zu sprechen, weil darunter auch welche waren, die ebenfalls fliehen wollten. Dies gelang jedoch nicht, weil einer der Ukrainer zu schießen anfing. Entscheidend für den weiteren Fluchtverlauf war das Auftauchen des SS-Oberscharführers Frenzel, der aus einer Baracke kam, sofort mit einer Maschinenpistole auf die Fliehenden schoß und etwa ein Dutzend ukrainische Wachen um sich scharte, die ebenfalls mit Gewehrschüssen den Massenausbruch aufzuhalten versuchten. Die Häftlinge feuerten aus ihren wenigen Gewehren und Pistolen zurück, warfen Steine und Sand auf die Faschisten. Der Masse wurde jedoch durch das Maschinengewehrfeuer Frenzels und des dazukommenden SS-Manns Bauer der Weg durch das Haupttor abgeschnitten und sie mußten über den Stacheldrahtzaun und in Richtung der Minenfelder fliehen.
Viele wurden erschossen, blieben bereits an den verschiedenen Drahtverhauen tot hängen, noch mehr aber gingen in den Minenfeldern zugrunde. Für die ersten war es faktisch ein Todeskommando, denn sie wußten, daß die Minen hochgehen würden. Damit machten sie jedoch den Nachfolgenden den Weg frei, die dann wußten, wo keine Minen mehr waren, oder ihr Leben dadurch retteten, daß sie über die Körper der auf den Minen liegenden Toten in den nahen Wald fliehen konnten. Pecerskij lief mit seiner Gruppe in Richtung zu den SS-Unterkünften, wobei sich seine Vermutung bestätigte, daß die unmittelbare Umgebung nicht vermint war. Sie durchschnitten den Stacheldraht und konnten mit fast 60 Mann entkommen.
Erfolge des Aufstands von Sobibor
Die lautlose Liquidierung von 11 SS-Henkern und die schwere Verwundung eines SS-Mannes und damit die Ausschaltung fast der gesamten aktiven SS-Lagermannschaft, vor allem der kommandierenden Offiziere bis auf Lagerleiter Frenzel, sicherte den Erfolg des bewaffneten Aufstands von Sobibor und die Massenflucht der Mehrzahl des jüdischen „Sonderkommandos". Von den ukrainischen Wachen wurden 38 entweder getötet oder verwundet; weitere 40 Ukrainer flüchteten anschließend, bevor sie von ihren deutschen Herren zur Rechenschaft gezogen werden konnten.
Bereits zwei Tage nach dem Aufstand, am 16. Oktober 1943, ordnete Himmler persönlich die sofortige Zerstörung des Vernichtungslagers Sobibor an. Als direktes Ergebnis des Aufstands in Sobibor war somit eine Todesmaschinerie, die das Leben von über 500 000 Juden vernichtet hatte und noch weitere Tausende von Leben ausgelöscht hätte, ein für alle mal außer Betrieb gesetzt. Darüber hinaus wurde die Aufnahme der Rüstungsproduktion für die Nazi-Wehrmacht verhindert, die in Sobibor geplant und bereits im Nordsektor des Lagers im Aufbau begriffen war. Mit der Liquidierung des Lagers in Sobibor wurde auch die Auflösung des Vernichtungslagers Treblinka im Oktober 1943 von den Nazis durchgeführt.
Über 400 jüdischen Häftlingen gelang zunächst die unmittelbare Flucht aus dem Lager. Etwa 100 wurden jedoch entweder durch Minen oder von Kugeln in der offenen Zone zwischen Lager und Wald getötet. Über 100 wurden in den vier Tagen Treibjagd durch die SS, die dem Aufstand folgte, eingefangen und erschossen. Alle, die nicht fliehen konnten und nach dem Aufstand noch im Lager waren, etwa 150 jüdische Häftlinge, wurden zusammen mit den unterwegs wieder eingefangenen und zurückgebrachten 30 bis 40 Juden als Racheakt sofort am nächsten Tag von der SS erschossen. Viele der Geflohenen wurden auch von polnischen Kollaborateuren oder Antisemiten, vor allem aus den Reihen der polnischen „Heimatarmee", die unter Leitung der polnischen Exilregierung in England stand, ermordet.
Im Gerichtsprozeß von Hagen wurde geschätzt, daß von den 500 bis 600, die zur Zeit des Aufstands im Lager waren, etwa 50 bis 60 hatten überleben können, wahrscheinlich waren es dreimal soviel. Die Staatsanwaltschaft konnte Anschriften von 32 Überlebenden herausfinden und von mindestens drei weiteren feststellen, daß sie erst nach der endgültigen Befreiung im Jahr 1945 gestorben sind.
Shloime Leitman, der engste Kampfgefährte und Genosse Pecerskijs, mit dem er wie mit einem Bruder, in den Nächten nebeneinander liegend, über alles sprach, mit dem er den Aufstand im Lager bis auf alle Einzelheiten zusammen plante und organisierte, war - außer Sichtweite Pecerskijs - verwundet worden, bevor es ihm gelang, in die Wälder zu flüchten. Er setzte seine Flucht dann noch drei Kilometer fort bis ihm seine Kräfte versagten. Polnische Häftlinge sollen ihm noch geholfen haben, aber genaueres ist dann über sein Schicksal nicht mehr bekannt.
Leon Feldhendler überlebte und konnte zu den polnischen Partisanen fliehen. Nach dem Sieg über die Nazis wurde er jedoch 1945 in einem antisemitischen Pogrom in Polen erschlagen.
Stanislaw Szmajzner, der damals sechzehneinhalb Jahre alt war und die Gewehre für den Aufstand besorgt hatte, gelang ebenfalls die Flucht, und er schloß sich den Partisanen an. Nach dem Sieg über die Nazis verfolgte er den berüchtigten SS-Oberscharführer Wagner, der zur Zeit des Aufstands in Urlaub war, bis nach Südamerika. Nachdem er ihn in seinem Versteck in Brasilien im Jahre 1973 aufgespürt hatte, wurde Wagner tot aufgefunden, angeblich mit einem Messer erstochen; die offizielle Version war Selbstmord.
Alexander Pecerskij gelang es mit seiner Gruppe, den faschistischen Häschern, die etwa eine Woche mit nahezu tausend SS-Leuten, Polizisten, Soldaten der Wehrmacht, unterstützt von der Luftwaffe, die Umgebung des Vernichtungslagers weiträumig durchkämmten, zu entkommen. Am 22. Oktober 1943 schlossen sie sich den sowjetischen Partisanen im Gebiet von Brest-Litowsk in ihrem Kampf gegen die Nazi-Bestie an. Die engen Kampfgefährten Boris Tsibulskij und Alexander Shubajev fielen später im Partisanenkampf, während Arkadi Vaispapir und Semion Rosenfeld zusammen mit Alexander Pecerskij den Tag erlebten, wo sie wieder auf die vorwärtsmarschierende sowjetische Rote Armee stießen und sich ihr anschließen konnten zur Verjagung und Vernichtung der nazifaschistischen Banden.
Grundlegende Merkmale der Aufstände in den Vernichtungslagern
• Wesentlich bei der Vorbereitung des Aufstands war der Kampf gegen Demoralisierung durch die vorbildhafte Haltung der führenden Genossinnen und Genossen, die z. B. Bestechungsversuche durch SS-Leute entschieden zurückwiesen.
• Am entscheidendsten war jedoch die klare Haltung, daß ein Aufstand die selbständige Aufgabe aller Häftlinge im Vertrauen auf die eigene Kraft sein muß - ohne auf die Rote Armee oder Aktionen von Partisanen von außen zu warten.
• Für den Aufstand war maßgeblich die optimale Planung und konspirative Vorbereitung, die entschlossene Durchführung der Befreiung aller Häftlinge des „Sonderkommandos". Das bedeutete auch, Fluchtversuche einzelner und sonstige Aktionen, die den Aufstand gefährden konnten, notfalls auch mit Gewalt zu unterbinden.
• Die notwendige Härte gegen den Klassenfeind zeigte sich bei der Liquidierungsaktion einzelner SSler bzw. wie in Sobibor fast der gesamten anwesenden SS-Führungsmannschaft. Diese Härte zeigte sich, z. B. bei der Liquidierung von Verrätern, auch gegenüber jenen, die sich auf die Seite des Klassenfeindes stellten.
• Der Aufstand in den Vernichtungslagern war möglich, weil das System der Überwachung in den KZs durch die SS eben nicht lückenlos war, weil durchaus Widersprüche zwischen den verschiedenen SS-Ebenen und unter den SS-Schergen, vor allem zwischen den deutschen SSlern und den ukrainischen Gehilfen und Wachmannschaften selbst existierten, die ausgenutzt werden konnten.
Die SS war keine unbestechliche Elitetruppe, sondern eine moralisch verkommene, eitle und korrupte Verbrecherbande, wo jeder raffte und das Beste für sich herauszuholen suchte. Ein wesentliches Moment für den Plan des Aufstands war z. B. in Sobibor, die Gier und den materiellen Bereicherungstrieb der einzelnen SS-Schergen auszunutzen, die die Häftlinge für ihre persönlichen Bedürfnisse benutzten und für sich auch in den Werkstätten arbeiten ließen.
In die Planung wurden bestimmte Verhaltensweisen und auch die für die deutschen SSler typische Pünktlichkeit in Betracht gezogen, um diese KZ-Wächter zu genau festgelegten Zeiten einzeln zu erwischen und erledigen zu können.
Ausgenutzt werden konnten auch die Widersprüche der jüdischen Kapos, die eine Polizeifunktion im Lager erfüllten und Privilegien genossen, zu ihren deutschen SS-Oberherren. Nicht alle Kapos hatten Vertrauen zur deutschen SS, daß diese sie als Belohnung für ihren Einsatz am Leben lassen würde, und wollten deshalb ebenfalls fliehen.
Die Kommunistinnen und Kommunisten - die führende Kraft im organisierten Widerstand
Die Hauptakteure des Widerstandes in den Konzentrationslagern und auch in Vernichtungslagern waren unzweifelhaft die Genossinnen und Genossen der Kommunistischen Parteien der verschiedensten Länder: Jüdische Kommunistinnen und Kommunisten verschiedenster Kommunistischer Parteien, die sowjetischen Genossinnen und Genossen, die Kommunisten der Internationalen Brigaden verschiedener Kommunistischer Parteien - sie alle kämpften durch alle Schwierigkeiten und Fehler hindurch in einer Art und Weise, für die Worte wie „vorbildlich" oder „heldenhaft" kaum passen: Zu abgedroschen wirken solche Worte angesichts der wirklich welthistorischen Bewährungsprobe, die die Kommunistinnen und Kommunisten dieser Zeitspanne zu ertragen hatten. Die Wahrheit ist: Nicht alle haben standgehalten. Und es gab auch Nicht-Kommunisten, unpolitische Opfer des Nazifaschismus, Frauen und Männer, Jugendliche und alte Menschen, die Charaktereigenschaften bewiesen haben, die unauslöschlich festgeschrieben haben, daß der Nazifaschismus weder militärisch noch moralisch „unbesiegbar" ist.
Vielfach werden die in fast allen großen KZs existierenden Widerstandsorganisationen mit einer illegalen KP-Organisation gleichgestellt, auch wenn dies zumindest seit 1939, als immer mehr Häftlinge aus den von den deutschen Nazis überfallenen Ländern in die KZs verschleppt wurden, nicht der Fall war. Diese Organisationen waren zumeist international zusammengesetzte Komitees mit einer gewählten Leitung, in der durchaus auch - auf Basis einer antifaschistischen Volksfrontpolitik - neben Kommunisten auch Sozialdemokraten, Anarchisten, Zionisten oder Christen zusammenarbeiteten. Das illegale Kampfkomitee im Stammlager Auschwitz z. B. hatte von vornherein einen internationalen und über Parteischranken hinausreichenden Charakter, die Initiative für seinen Zusammenschluß ging von einem Funktionär der Polnischen Sozialistischen Partei aus.
Dennoch - die führende Kraft, die Hauptakteure waren die kommunistischen Kräfte aller Länder, die vom Nazifaschismus überfallen worden waren, und die kommunistischen Kräfte aus Deutschland. Diese unbestreitbare Wahrheit - einschließlich der Wahrheit, daß uneingeschränkt die Kommunistischen Parteien dieser Zeitspanne die großartige Leistung der sozialistische Sowjetunion und die Arbeit des Genossen Stalin als einen Ausgangspunkt ihrer gesamten Erziehung und ihrer gesamten politischen Arbeit nahmen - kann nicht hoch genug bewertet werden in einer Zeit, in der der Antikommunismus und insbesondere der Antistalinismus eine ungeheure Verbreitung erfahren haben.
Ein wesentlicher Faktor für die überragende Rolle der kommunistischen Kräfte im Widerstand ist die Tatsache, daß viele, trotz des tagtäglichen barbarischen Lageralltags und des notwendigen und wichtigen Kampfes dagegen, die Perspektive, das große Ziel ihres Kampfes in den KZs und Vernichtungslagern nicht aus den Augen verloren:
Die Vernichtung des Nazifaschismus Seite an Seite mit den Armeen der Anti-Hitler-Koalition, vor allem der Roten Armee, den sowjetischen Partisanen, den Partisanen der anderen von den Nazis besetzten Ländern, den Widerstandsorganisationen der jüdischen Ghettos und den gegen die Nazis kämpfenden Völkern.
Dieser Weitblick half, auch die schwierigsten Entscheidungen zu treffen, den Kampf zu planen, Aufstände vorzubereiten, mit dem Ziel, den Völkermord der Nazis durch Zerstörung der Vernichtungsanlagen zu behindern oder zu stoppen.
Dafür stehen beispielhaft die jüdischen Kommunisten Josel Dorebus und Jankiel Handelsmann, die führend an der Vorbereitung des Aufstandes im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau beteiligt waren, und der Genosse Leitman aus Polen, der den Aufstand in Sobibor ideologisch vorbereitete und zusammen mit dem Genossen Alexander Pecerskij organisierte. Von Pecerskij ist der Ausspruch überliefert, daß jede Kampffront gegen die Nazifaschisten, ob die Rote Armee, die Partisanen oder auch die Kämpferinnen und Kämpfer in den KZs und Vernichtungslagern ihre eigenen Aufgaben hat, die sie aus eigener Kraft anpacken und lösen muß: „ Unsere Arbeit wird nicht von irgend jemandem anderen für uns gemacht werden. "
Es galt, den Mythos der Unbesiegbarkeit der Nazis zu zerstören und so für den weltweiten Kampf gegen den Nazifaschismus ein Zeichen von ungeheurer moralischen Auswirkung zu setzen: Die Nazis können selbst im Zentrum ihrer Vernichtungsmaschinerie besiegt werden!
Es galt, Fluchten zu den Partisanen vorzubereiten und durchzuführen, um den bewaffneten Kampf gegen die Nazis zu verstärken. Bewußt wurden deshalb von Kommunisten Verbindungen nach außen organisiert, zur illegalen Kommunistischen Partei in Berlin, zu den Partisanen in Polen oder in Slowenien (48/100,101,108 und 16/1011), oder auch versucht, den Widerstand zwischen den einzelnen Lagern durch „Überstellungen" zu koordinieren oder in einzelnen Lagern erst zu initiieren.
Der Kampf der Kommunistischen Parteien und der Komintern für die proletarische Weltrevolution erzog kommunistische Kämpferinnen und Kämpfer zu hervorragenden Internationalisten. Der proletarische Internationalismus bewährte sich in den KZs und Vernichtungslagern, kommunistische Kräfte werden in nahezu allen Berichten an erster Stelle genannt bei dem Zusammenschluß der Häftlinge der verschiedenen Nationalitäten, im Kampf gegen die Spaltung durch die SS, gegen die Nazi-Ideologie. Genossen der KPD wie Robert Siewert, der jüdische Jugendliche im KZ Buchenwald noch schützte, als die jüdischen Häftlinge aus den KZs auf dem Gebiet des damaligen „Deutschen Reichs" schon weitgehend in die Vernichtungslager verschleppt worden waren, werden unvergeßliche Mahnungen im Kampf gegen den deutschen Chauvinismus sein. Es gehört zur ganzen Wahrheit, daß unter den rauchenden Krematorien von Auschwitz, in denen täglich Tausende Leichen ermordeter Menschen verbrannt wurden, ein Genosse der KPÖ, Alfred Klahr, Mitglied des ZK der KPÖ, eine Kritik am deutsch-nationalistischen Denken einiger Genossen der KPD in Auschwitz verfaßt hat. Nur in der Tradition einer solchen proletarisch-internationalistischen Haltung, nur bei Berücksichtigung der Kernpunkte dieser Kritik, können wir wirklich bewußt aus dem Widerstand in den KZs und Vernichtungslagern der Nazis lernen.
Unter den extremen Haftbedingungen in den Nazi-Lagern bewährte sich auch innerhalb der kommunistischen Kräfte die bewußte kommunistische Disziplin. Die Lüge, daß kommunistische Disziplin Kadavergehorsam bedeutet, ist das Greuelmärchen Nummer eins, mit dem die bürgerlichen Ideologen gegen den Kommunismus hetzen. Die revisionistischen Zerrbilder ehemals kommunistischer Parteien, die SED oder die KPdSU, scheinen ihnen Recht zu geben. Alle Merkmale wirklicher kommunistischer Disziplin wurden dort beseitigt, mit Füßen getreten, in ihr Gegenteil verwandelt.
„Kritiker werden einen Kopf kürzer gemacht" - diese Greuelpropaganda wird besonders gegen die Kommunistischen Parteien zu Lebzeiten Stalins verbreitet. Daß es ganz anders war und bei wirklichen Kommunistinnen und Kommunisten immer ist, das zeigt auch die kommunistische Praxis in den KZs und Vernichtungslagern. Gerade die kommunistischen Kräfte waren es, die unermüdlich Debatten organisierten, um die komplizierten Probleme des Kampfes kollektiv zu diskutieren. Die kommunistische Vorstellung von Disziplin betont gegen jegliche bürgerliche Vorstellung von Disziplin:
„Die eiserne Disziplin in der Partei aber ist undenkbar ohne die Einheit des Willens, ohne die völlige und unbedingte Einheit des Handelns aller Parteimitglieder. Das bedeutet natürlich nicht, daß dadurch die Möglichkeit eines Meinungskampfes in der Partei ausgeschlossen wird. Im Gegenteil, die eiserne Disziplin schließt Kritik und Meinungskampf in der Partei nicht nur nicht aus, sondern setzt sie vielmehr voraus. Das bedeutet erst recht nicht, daß die Disziplin ‚blind’ sein soll. Im Gegenteil, die eiserne Disziplin schließt Bewußtheit und Freiwilligkeit der Unterordnung nicht nur nicht aus, sondern setzt sie vielmehr voraus, denn nur eine bewußte Disziplin kann eine wirklich eiserne Disziplin sein. Aber nachdem der Meinungskampf beendet, die Kritik erschöpft und ein Beschluß gefaßt ist, bildet die Einheit des Willens und die Einheit des Handelns aller Parteimitglieder jene unerläßliche Bedingung, ohne die weder eine einheitliche Partei noch eine eiserne Disziplin in der Partei denkbar ist. " (Stalin, „Über die Grundlagen des Leninismus", 1924, Werke Band 6, S.160)
Die bewußte Disziplin, die die Kommunisten sich im Kampf gegen Imperialismus und Faschismus vor ihrer KZ-Haft erworben hatten, bewährte sich während der Folter der Lager-Gestapo, wo es darauf ankam, die Aufstandspläne nicht zu verraten, keinerlei Informationen über die Widerstandsorganisation preiszugeben. Diese Disziplin war wichtig, um die täglich notwendige Kleinarbeit im KZ durchhalten zu können, angesichts des tagtäglichen Terrors der Nazis, um so den Aufstand vorbereiten zu können.
Die kommunistischen Kräfte aller Länder, die in den KZs inhaftiert waren, haben zuvor in ihren Ländern gegen ihre „eigene" Ausbeuterklasse gekämpft, im antifaschistischen Widerstand gegen den Nazifaschismus, die Nazi-Besetzung „ihrer" Länder. Dieser Kampf wurde auf strengster illegaler Grundlage geführt, dort gingen die Kommunistinnen und Kommunisten in die Schule des illegalen Kampfes, lernten die Grundregeln dieses Kampfes, lernten die Verbindung des legalen mit dem illegalen Kampf. Deshalb, und nicht nur wegen ihrer großen Zahl, sondern auch wegen ihrer gemeinsamen ideologischen Basis und ihres Kampfeswillens, wegen der Bewußtheit und Disziplin, zu der sie ihre Partei erzogen hatte, hatten die Kommunistinnen und Kommunisten die günstigsten Voraussetzungen für eine illegale Tätigkeit unter Einhaltung strengster Konspiration.
Auch die kommunistische Entschlossenheit und Härte gegen den Klassenfeind und Feinde in den eigenen Reihen, wie Spitzel oder pronazistische Kapos, bewährte sich. Kommunisten waren in nahezu allen Lagern führend im Kampf gegen die Spitzel. Die Erfahrungen des Kampfes gegen die Spitzel und Agenten des Imperialismus außerhalb der KZs kamen den kommunistischen Kräften zugute.
Eine besonders schwierige Aufgabe war es, die revolutionäre und prinzipienfeste Haltung mit der notwendigen Flexibilität beim Eingehen von Kompromissen zu verbinden.
Es galt, die Widersprüche beim Feind auszunützen, ohne die Grenze zur Kollaboration zu überschreiten. Besonders kommunistische Häftlinge, die in der „Häftlingsselbstverwaltung" arbeiteten, waren ständig damit konfrontiert, ob diese oder jene Handlung zur Abtrotzung besserer Lagerbedingungen noch ein zulässiger Kompromiß war oder schon Kollaboration. Viele Kommunistinnen und Kommunisten haben auch diese Prüfung bestanden, viele kommunistische Gruppen haben durch kollektive Debatte viele richtige Entscheidungen unter schwierigsten Bedingungen getroffen.
Wer Zweifel an der Rolle der kommunistischen Kräfte im Widerstand in den KZs und Vernichtungslagern des Nazifaschismus hat, kann nahezu beliebig Erinnerungen auch nichtkommunistischer Opfer des Nazi-Faschismus lesen - es ist die tausendfach belegte Wahrheit!
Ein wesentliches Merkmal wirklich kommunistischer Kräfte war auch die ernsthafte und ehrliche Zusammenarbeit mit nichtkommunistischen Kräften. Nein, es waren nicht nur die kommunistischen Kräfte, die gekämpft haben. Nein, die Kommunistinnen und Kommunisten haben nicht alles richtig gemacht. Die kommunistischen Kräfte waren der Kern, der führende Teil des gesamten antinazistischen Widerstandes in den KZs und Vernichtungslagern!
Die Ermordung hervorragender Genossinnen und Genossen der Kommunistischen Parteien vieler Länder bedeutete eine gewaltige Schwächung der kommunistischen Kräfte. Die zunächst schleichenden, dann immer offener auftretenden pseudokommunistischen Tendenzen und Kräfte in den ehemaligen kommunistischen Parteien, der heutige Zustand der kommunistischen Kräfte auf der ganzen Welt sind nicht unerheblich auch die Folge der ungeheuren Verluste der Kommunistinnen und Kommunisten durch die Mordorgien des Nazifaschismus!
Der Kampf der Kommunistinnen und Kommunisten heute muß auch aus diesem Grund am gemeinsamen Kampf der Kommunistinnen und Kommunisten vieler Länder gegen den Nazifaschismus anknüpfen.
Anmerkungen:
1 Es gab Verschickungen von pronazistischen Elementen von einem KZ in ein anderes durch Antifaschisten, die in die „Häftlingsselbstverwaltung" eingebunden waren, z. B. in Auschwitz (45/9). Das Problem dabei war, daß diese Elemente dann in einem anderen Lager weiter Häftlinge quälten und ermordeten. Auch hier war der antinazistische Widerstand vor das große Problem gestellt: Verbessern wir unsere eigene Lage, indem wir brutale Mörder in andere Lager schicken?
Umgekehrt nutzten auch antikommunistische, reaktionäre Elemente diese Möglichkeit, um kommunistische und antinazistische Häftlinge loszuwerden. An einem Beispiel wird das deutlich: In Buchenwald spielte eine Gruppe von Sozialdemokraten (deren führender Kopf Schumacher war, der spätere Vorsitzende der antikommunistischen SPD in Westdeutschland direkt nach 1945) eine üble Rolle. Zwei ihrer Mitglieder - Zimmermann und Kapp - nutzten ihre Funktionen, um systematisch KPD-Mitglieder in andere Lager zu verschicken mit dem Kalkül, daß sie dort schon von der SS ermordet werden würden. (48/142)
2 Von der BBC selbst gibt es leider nicht mehr alle Sendungen, aber es existieren die Abschriften, die im Büro von Kurt Georg Kiesinger (1966-69 Bundeskanzler der BRD, 1967-71 Bundesvorsitzender der CDU) im Reichsaußenministerium der Nazis angefertigt wurden. Kiesinger ließ im Reichspropagandaministerium „Feindsender" abhören und leitete diese Abschriften dann an Himmler weiter, um Gegenmaßnahmen zu besprechen. Die Wirkung einer solchen Aktion zur Beeinflussung, zum Ausüben von Druck auf die SS-Leute ist damit also dokumentiert.
3 In Auschwitz hatte die SS einen jüdischen Gefangenen zum Bunker-Kalfaktor gezwungen. Er wurde von den Häftlingen allgemein der „Henker" genannt, da seine Aufgabe unter anderem war, die zum Tode Verurteilten zur Erschießung zur „Schwarzen Wand" zu führen. Dennoch hat er gleichzeitig Großartiges für den Widerstand geleistet. Zum Beispiel hat er es der am Aufstand in Auschwitz-Birkenau beteiligten Roza Robota im Gefängnis, als sie furchtbar gefoltert worden war, kurz vor ihrer Hinrichtung noch ermöglicht, mit der Widerstandsorganisation Kontakt aufzunehmen. Für den Widerstand war es von außerordentlich großer Bedeutung, zu erfahren, ob sie unter Folter Aussagen gemacht hatte, und, wenn ja, wen sie unter der Folter denunziert hatte. Selbst in diesem Extremfall, wenn also ein nichtorganisierter Häftling sich dazu entschlossen hatte, sich nicht zu verweigern und, selbstverständlich unter Zwang, sogar Hilfstätigkeiten bei der Ermordung von Mithäftlingen übernahm, muß man gleichzeitig sehen, daß dieser Häftling der Widerstandsorganisation nachweislich geholfen hat. Deshalb wurde er aufgrund der Aussagen verschiedener Mitglieder der Auschwitzer Kampfgruppe auch nicht verurteilt, als ihm 1962 in Israel der Prozeß gemacht wurde, sondern freigesprochen (35/403).
4 Bei der Arbeit in den Rüstungsbetrieben bestand natürlich auch eine gewisse Chance, an Waffen oder Sprengstoff heranzukommen, was für die Organisierung von Aufständen von Bedeutung war (z. B. beim Aufstand in Auschwitz-Birkenau). Ebenso boten sich hier Möglichkeiten, mit Zwangsarbeitern oder Zivilisten Kontakt aufzunehmen.
5 Heydrich legte in einem Erlaß von 1942 dar, daß männliche „nichtarische" Homosexuelle aus anderen Ländern nicht bestraft werden dürften, sondern nur aus dem „Deutschen Reich" „entfernt" werden sollten. Der Grund: Es ginge ja nicht darum, fremde Volksgruppen" zu stärken, sondern sie zu schwächen (50/329). Der Nazi-Ideologie zufolge wäre ja die Bestrafung und Umerziehung" dieser Homosexuellen eine Stärkung für die „minderwertigen Rassen" gewesen. Ob sich die Praxis" der Nazis immer daran hielt, ist unklar.
6 Man muß sich das vorstellen: Jede noch so abstruse Denunziation eines Mannes als „homosexuell entartet", jede Berührung zwischen Männern, geschweige denn ein Kuß oder eine Umarmung, die bekannt wurde, konnte die Einlieferung in ein KZ bedeuten.
7 Diese Beispiele zeigen nicht, daß die Lage insgesamt positiv war, sondern zerschlagen die Lüge „Es war kein Widerstand möglich in Deutschland", die von bürgerlichen Historikern oder auch Parteien des deutschen Imperialismus bis heute propagiert wird. Das in allen Naturwissenschaften geltende Prinzip, daß ein Gegenbeispiel für die Widerlegung einer Behauptung ausreicht, kann auch auf die Gesellschaftswissenschaft übertragen werden. Ein Gegenbeispiel reicht aus, um die Lüge, daß kein Widerstand, keine Hilfe möglich war, zu widerlegen. Dies - und nicht ein versteckter deutscher Chauvinismus - ist der Grund, warum diese wenigen positiven Beispiele hier angeführt werden.
8 Die Berichte wurden 1944 illegal in Polen herausgegeben. Beide haben später selbst ein Buch über Auschwitz geschrieben: „Ich kann nicht vergeben" von Rudolf Vrba/Alan Bestie (81), „Was Dante nicht sah" von Jozef Lanik (Alfred Wetzler), Verlag der Nation, Berlin 1964.
9 Zur schwierigen Problematik der Entscheidung „Aufstand - ja oder nein?", zum Kampf der Widerstandsorganisationen gegen die Evakuierung der KZs, siehe das Vorwort zum „Bericht des internationalen Lagerkomitees des KZ Buchenwald", Verlag Olga Benario und Herbert Baum, Offenbach 1997.
10 Salmen Lewental schilderte das Leben des „Sonderkommandos" in einem Bericht, den er neben einem Krematorium vergrub. Dieser erschütternde Bericht konnte nach der Befreiung von Auschwitz-Birkenau gefunden und teilweise entziffert werden.
11 Die „Armia Krajowa" („Heimatarmee") der polnischen Exilregierung war eire rechter bis faschistoider, vorwiegend von adligen Vorkriegsoffizieren geführter, faktisch aber von Großbritannien abhängiger Kampfverband.
Anmerkungen
I) Zur Problematik der geplanten Bombardierung von Auschwitz-Birkenau, um die Massenvernichtung der jüdischen Bevölkerung zu stoppen
Der organisierte Widerstand in Auschwitz, eigentlich alle gegen die Nazis eingestellten Häftlinge, sehnten die Bombardierung der Eisenbahngleise und vor allem der Gaskammern und Krematorien im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau herbei, um wenigstens die Todestransporte nach Auschwitz bzw. um die dortige Vernichtungsmaschinerie zu behindern, ja vielleicht sogar stoppen zu können. Diese Bombardierungen sollten vor allem die Vernichtung der über 400 000 ungarischen Jüdinnen und Juden verhindern, die die Nazis zwischen Mai und Juli 1944 durchführten.
Auch Vertreter verschiedener jüdischer Organisationen aus Ungarn traten seit dem Frühjahr 1944 mit derselben Forderung an die westlichen Teilnehmer der Anti-Hitler-Koalition heran. Es ist davon auszugehen, daß auch der Sowjetunion die Forderung der Widerstandsorganisation und der jüdischen Organisationen nach Bombardierung bekannt war. Die Haltung der sozialistischen Sowjetunion zu dieser Problematik ist uns nicht bekannt, wir kennen kein offizielles Dokument dazu.
Doch die Alliierten bombardierten nur Auschwitz-Monowitz, wo kriegswichtige Produkte wie Benzin und Kautschuk synthetisch hergestellt wurden. Die Bahngleise und das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau wurden nicht bombardiert.
Von der militärisch-technischen Seite her wären die Bombardierungen für die britische und amerikanische Luftwaffe auf jeden Fall möglich gewesen. Sie verfügten über Bomber und Jagdflugzeuge, die mit großer Zielgenauigkeit die Bahngleise und die Vernichtungsanlagen in Auschwitz-Birkenau hätten treffen können, ohne daß bei einem Angriff auf das Vernichtungslager zwangsläufig viele Häftlinge umgekommen wären. Schon seit November 1942 waren der Weltöffentlichkeit die nazifaschistischen Massenvernichtungen in Polen bekannt. Erst sehr spät jedoch, im Juni 1944, nach der Flucht von Rudolf Vrba und Alfred Wetzler, die einen ausführlichen Bericht über Auschwitz-Birkenau mit genauer Skizze der Vernichtungsanlagen sowie Angabe der geographischen Lage abgaben, wurde den Alliierten Auschwitz-Birkenau als zentraler Ort des hochindustrialisierten Völkermordes und dessen genaue geographische Lage bekannt. Bis dahin war die Taktik der Verschleierung der Nazis aufgegangen. Die erste Luftaufnahme von Auschwitz-Birkenau, die u. a. deutlich die Vernichtungsmaschinerie erkennen läßt, stammt vom 26.6.44.
Die britische und US-amerikanische Luftwaffe wäre also mit der Kenntnis der genauen Lage des Vernichtungslagers ab Ende Juni 1944 nach der Flucht von Vrba und Wetzler in der Lage gewesen, die Bombardierungen der Bahnanlagen und Eisenbahnbrücken, die nach Auschwitz führten, sowie die Krematorien und Gaskammern im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau durchzuführen.
Zu diskutieren ist, ob die Alliierten der Anti-Hitler-Koalition nicht einen großen Fehler begangen haben, das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau nicht zu bombardieren, wodurch die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung aus Ungarn zum Großteil hätte verhindert oder wenigstens massiv hätte gestört werden können.
Das Hauptziel der alliierten Armeen war die vollständige Niederlage der verwundeten Nazi-Bestie, die auch 1944 nicht nur in Auschwitz weitermordete. Die möglichst schnelle Niederlage der Nazis war die einzige Garantie für die Beendigung sämtlicher Massenvernichtungen der Nazis. Dennoch hätte die Zerstörung der Gleise auf jeden Fall die zeitweise Unterbrechung der Transporte ins Vernichtungslager bedeutet, d. h. konkret, pro Tag zwischen Mai und Juli 1944 hätten die Nazis über 20 000 Menschen weniger in Auschwitz-Birkenau vernichten können. In der Zeit vom 7. Juli bis 20. November 1944 wurde Blechhammer zehnmal von großen amerikanischen Luftverbänden bombardiert. Ein Teil der Eisenbahnlinien nach Auschwitz wurden bei diesen Flügen überquert und hätte bombardiert werden können, ohne die militärischen Zielsetzungen dieser Flüge deshalb aufgeben zu müssen.
Hauptproblem bei der Frage „Bombardierung der Vernichtungsanlagen in Auschwitz-Birkenau -ja oder nein?" war, daß die Gefahr bestand, daß die Nazis einen Angriff der Alliierten dazu ausnutzen könnten, das ganze Lager mit über 100 000 Häftlingen zu liquidieren im Sinne des Himmlerbefehls „Kein Häftling darf lebendig in die Hände des Feindes fallen". Hinterher hätten sie dann behaupten können, die Alliierten hätten das Lager bombardiert und vernichtet.
Das Beispiel der Propaganda-Lüge, Thälmann sei durch eine amerikanische Bombe umgekommen, ist hier sehr lehrreich und wird von den heutigen Kritikern der Nicht-Bombardierung nicht genauer diskutiert. Es war davon auszugehen, daß die Nazis behauptet hätten, das Lager sei durch die Bombenangriffe der Alliierten zerstört worden, so wie sie das später bei den Häftlingen aus dem KZ Neuengamme taten. [10] Andererseits hätte für die Häftlinge im Falle eines Bombenangriffes die Chance einer Massenflucht bestanden. Aufgrund der bis dahin gemachten Erfahrungen wurde es allerdings als sehr unwahrscheinlich eingeschätzt, daß eine Flucht vielen Häftlingen das Leben retten würde.
Diese Problematik vor Augen und mit dem Kalkül der Nazis rechnend hat die Widerstandsorganisation von Auschwitz trotzdem klar gefordert, daß diese Bombardierungen stattfinden müssen, angesichts der drohenden Massenvernichtung von weiteren Hunderttausenden.
2) Über die Debatte zwischen Bruno Baum und Alfred Klahr
Es kommt in Berichten von Häftlingen anderer Nationalität eine große Hochachtung gegenüber deutschen Kommunisten zum Ausdruck. Es wird immer wieder hervorgehoben: Fast alle halfen mit, die Lebensbedingungen in den KZs zu verbessern, deutsche Kommunisten waren eigentlich an allen Widerstandsformen beteiligt. Im antinazistischen Widerstand waren sie in einigen KZs, z. B. in Buchenwald, an führender Position beteiligt - vor allem deshalb, weil sie oftmals in der „Häftlingsselbstverwaltung" arbeiteten und die meiste Erfahrung im Kampf gegen die SS in den Lagern hatten, weil sie schon ab 1933 inhaftiert wurden, die Kommunisten aus anderen Ländern erst ab 1938/39.
Es gab auch einige deutsche kommunistische Kader, die nicht nur hochgeachtet, sondern ungeheuer beliebt waren, von Häftlingen anderer Nationalität wegen ihrer tiefen solidarischen Haltung wirklich geliebt wurden. Drei Namen werden immer wieder genannt: Ernst Schneller, Karl Wagner und Robert Siewert.
Doch es gab bei der internationalistischen Zusammenarbeit zwischen den deutschen Kommunisten und Häftlingen aus anderen Ländern auch Probleme.
Eine Rolle spielte das System der SS, das bewußt die deutschen Häftlinge, auch Kommunisten, in die „Häftlingsselbstverwaltung" steckte, die bewußt die deutschen Häftlinge (die ja nach der Nazi-Ideologie „Arier" waren) privilegiert behandelte im Gegensatz vor allem zu den Juden, den Sinti und Roma, den „slawischen Untermenschen". Dies spürten die Häftlinge anderer Nationalität, und oft verfehlte dieses SS-System nicht seine beabsichtigte Wirkung.
Besonders deutlich wird dies bei Bruno Baum, einem führenden deutschen Kommunisten in der Kampfgruppe Auschwitz, der als Kommunist und auch mit dem „gelben Stern" inhaftiert war. Er hat Hervorragendes im Kampf gegen die Nazis geleistet.
In einem Buch von Bruno Baum über den antinazistischen Widerstand in Auschwitz, das er 1949 schrieb, steht folgendes in einer unfaßbaren Arroganz über jüdischen Widerstand, über die jüdischen Opfer der Nazis:
„Hinzu kamen einige jüdische Gruppen, die sich uns (der internationalen Kampfgruppe Auschwitz, A.d.V) angeschlossen hatten, darunter eine solche von etwa 300 Personen. Durch unsere Losung, nicht kampflos vergasen lassen!' hatten wir sie gewonnen. Sie empfanden es als eine Schande, daß in Auschwitz über vier Millionen Juden -vergast wurden, ohne daß sie, bis auf einen einzigen Fall, Widerstand geleistet hatten... Diese Menschen nahmen wir in unsere Widerstandsorganisation auf, und sie zeigten sich dessen später auch würdig. " (6/83 f.)
Die Fakten sind falsch. In vielen Berichten wird klar, daß es beträchtlichen Widerstand der jüdischen Häftlinge in Auschwitz gab. Der Aufstand des jüdischen Sonderkommandos und viele Angriffe auf die SS-Mörder von jüdischen Häftlingen werden immer wieder genannt. Außerdem verschweigt Bruno Baum, daß ein großer Teil der von den Nazis in Auschwitz ermordeten jüdischen Häftlinge Kinder und Greise waren, von denen selbst kein massiver Widerstand erwartet werden konnte. Diese Kinder und Greise waren Geiseln der Nazis, die sie dazu benutzten, massiven Widerstand der anderen Teile der jüdischen Häftlinge zu erschweren. Die Drohung der Nazis war: „Wenn ihr euch zur Wehr setzt, bringen wir eure Kinder und Großeltern um!"
Eine sicherlich vorhandene Schwäche des jüdischen Widerstands kann man nicht wie Bruno Baum einfach als „Schande" abtun. Wenn man schon als deutscher Kommunist eine Kritik am jüdischen Widerstand vorbringt, dann muß man unbedingt von einer Selbstkritik des Kampfes der KPD gegen die Nazis ausgehen. Denn die KPD hat es trotz 300 000 Mitgliedern und 6 Millionen Wählerstimmen nicht geschafft, den Machtantritt der Nazis zu verhindern, sie hat es nicht geschafft, während des Nazifaschismus in Deutschland nennenswerte Massenaktionen zu initiieren. Doch kein Wort davon bei Bruno Baum. Nicht nur durch das Wort „Schande" kommt seine deutsche Überheblichkeit zum Ausdruck.
„ ... diese Menschen nahmen wir in unsere Widerstandsorganisation auf"
„ und sie zeigten sich dessen später auch als würdig."
In diesem Teil des Zitates wird durch den Gegensatz „diese" - „unsere" ein tiefer Abstand zwischen „alten" Mitgliedern der Widerstandsorganisation und diesen neu aufgenommenen jüdischen Mitgliedern von Baum hergestellt. Dies wird auch durch das „würdig erwiesen" in überheblicher Art und Weise vermittelt: „Wir haben es eigentlich nicht geglaubt, aber es hat sich doch herausgestellt, daß auch jüdische Häftlinge Widerstand leisten können!"
Hier zeigt sich die Auswirkung, die der deutsche Chauvinismus bei deutschen Kommunisten hatte. Eine heftige Debatte zwischen Bruno Baum und österreichischen Kommunisten veranlaßte den österreichischen Genossen Alfred Klahr, seine theoretische Arbeit mit dem Titel „Gegen den deutschen Chauvinismus!" zu verfassen.
[10] Zum Beispiel Neuengamme: Nach der vollständigen Evakuierung des Lagers wurden die Häftlinge auf Schiffe verfrachtet, die in die Ostsee ausliefen. Die Nazis wußten genau, daß jedes Schiff bombardiert werden würde. Schon auf den Schiffen ihr Ende ahnend, versuchte eine Gruppe von Häftlinge in der Lübecker Bucht schwimmend die Alliierten zu erreichen - sie ertranken. Bis auf wenige Gefangene (ein kleines Schiff, dessen Kapitän sich weigerte auszulaufen) kamen dann bei der Bombardierung dieser Schiffe durch die Alliierten alle Neuengammer Häftlinge ums Leben.
Quellen
1) Ainsztein, Reuben, Jewich Resistance in Nazi-occupied Eastern Europe, London 1974
2) Antoni, Ernst, Von Dachau bis Auschwitz, Frankfurt/Main 1979
3) Arad, Yitzhak, Belzec, Sobibor, Treblinka, The Operation Reinhard Death Camps, Indiana University Press, Bloomington and Indianapolis, 1987
4) Auerbach, Helmut, Konzentrationslagerhäftlinge im Fronteinsatz, in: Miscellanea, Stuttgart 1980
5) Auschwitz - faschistisches Vernichtungslager, Warschau 1978
6) Baum, Bruno, Widerstand in Auschwitz, Berlin 1957
7) Benz, Wolfgang, Dimension des Völkermords, München 1991
8) Bericht über das Konzentrationslager Sachsenhausen, Rijksinstituut voor Oorlogsdocumentatie, Amsterdam
9) Bernadac, Christian, Le Camp Des Femmes - Ravensbrück, Paris 1972
10) Brandhuber, Jerzy, Hefte von Auschwitz 4: Die sowjetischen Kriegsgefangenen im Konzentrationslager Auschwitz, 1961
11) Brausch, Jean, Wien-Mödling - Mauthausen und Befreiung, in: Rappel, Luxemburg, 1970, Hefte 3-5
12) Broszat, Martin etc. (Hrsg.) Anatomie des SS-Staates, Freiburg 1965, Band 2
13) Buchenwald-Mahnung und Verpflichtung-Dokumente und Berichte, Frankfurt, 1969
14) Die vergessenen Lager, Dachauer Hefte, Heft 5, November 1989
15) Damals in Sachsenhausen - Solidarität und Widerstand im Konzentrationslager Sachsenhausen, Berlin 1967
16) Das war Buchenwald - ein Tatsachenbericht, Kollektivarbeit einer Anzahl Buchenwald-Häftlinge aus Leipzig, 1945
17) Der Nürnberger Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vom 14. 11. 45 bis 1. 10. 46, Band 32, Nürnberg 1947, Beweisstück PS-3868)
18) Der Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vom 14.11.45 bis 1.10.46, Nürnberg 1949, Dokument Nr. NOKW-389, Nr. NG-2586-E17 und Nr. NO-1210
19) Der Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vom 14.11.45 bis 1.10.46, Nürnberg 1949, Band 39
20) Dimitroff, Georgi, Ausgewählte Schriften, Band 2, 1921-1935
21) Drobisch, Klaus, Widerstand in Buchenwald, Frankfurt/Main 1985
22) Dunin-Wasowicz, Krzysztof, Resistance in the Nazi Concentration Camps 1933-1945, Warszawa 1982
23) Film über Sobibor (USA/Jugoslawien)
24) Fish, R., Schneider, Michael, Iwan der Deutsche, Frankfurt 1989
25) Förster, G., Groehler, 0., Der Zweite Weltkrieg. Dokumente, Berlin 1989
26) Frauen-KZ Ravensbrück, Frankfurt/Main 1982
27) Glazar, Richard, Die Falle mit dem grünen Zaun - Überleben in Treblinka, Frankfurt/Main 1992
28) Glazar, Richard, Die Stimme aus Treblinka, 1973
29) Gryn, Edward, Murawska, Zofia, Das KZ Majdanek, Lublin
30) Heger, Heinz, Die Männer mit dem Rosa Winkel, Hamburg 1972
31) Hofer, Walther, Der Nationalsozialismus, Dokumente 1933-1945, Frankfurt 1957
32) Jantzen, Wolfgang, Sozialgeschichte des Behindertenbetreuungswesens, München 1982
33) Jellonnek, Bernd, Homosexuelle unter dem Hakenkreuz, Paderborn 1990
34) Kaienburg, H., „Vernichtung durch Arbeit" - Der Fall Neuengamme, Bonn 1991
35) Kielar, Wieslaw, Anus Mundi, Krakau 1972
36) Klee, Ernst, „Euthanasie" im NS-Staat, Frankfurt/Main 1983
37) Kogon, Eugen, Der SS-Staat, München 1974
38) Kohn, Stanislaw, Opstand in Treblinka, Amsterdam 1945
39) Komitee der Antifaschistischen Widerstandskämpfer in der DDR (Hrsg.), Die Frauen von Ravensbrück, Berlin 1961
40) König, Ulrich, Sinti und Roma unter dem Nationalsozialismus - Verfolgung und Widerstand, Bochum 1989
41) Konzentrationslagerdokument F 321, Frankfurt/Main 1988
42) KPD (Stadt und Kreis Leipzig) (Hrsg.), Das war Buchenwald - ein Tatsachenbericht, Leipzig 1945
43) Kraus, Ota, Kulka, Erich, Die Todesfabrik Auschwitz, Berlin 1992
44) Kursbuch für die Gefangenenwagen, Mainz 1979
45) Langbein, Hermann etc. (Hrsg), Auschwitz - Zeugnisse und Berichte, Frankfurt/Main 1962
46) Langbein, Hermann, Die Stärkeren, Köln 1982
47) Langbein, Hermann, Menschen in Auschwitz, Wien 1972
48) Langbein, Hermann, ... nicht wie die Schafe zur Schlachtbank, Widerstand in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern, Frankfurt/Main 1980
49) Lanzmann, Claude, Shoa, München 1988
50) Lautmann, Rüdiger (Hrsg.), Seminar: Gesellschaft und Homosexualität, Frankfurt/Main 1977
51) Lewental, Salmen, Gedenkbuch, in: Auschwitz-Hefte, Sondernummer, Auschwitz 1972
52) Lichtenstein, Heiner, Mit der Reichsbahn in den Tod, Köln 1985
53) Lundholm, Anja, Das Höllentor-Bericht einer Überlebenden, Hamburg 1988
54) Marsälek, Hans, Die Geschichte des KZ Mauthausen, Wien 1980
55) Marszalek, J., Majdanek - Geschichte und Wirklichkeit des Vernichtungslagers, Warschau 1981
56) Michalka W. (Hrsg.), Der Zweite Weltkrieg. Analysen, Grundzüge, Forschungsbilanz, München 1989
57) Müller, Charlotte, Die Klempnerkollonne in Ravensbrück, Berlin 1985
58) Müller, Filip, Sonderbehandlung - Drei Jahre in den Krematorien und Gaskammern von Auschwitz, Steinhausen 1979
59) Pechersky, Alexander, Revolt in Sobibor, 1944/45; Yiddish Translation by N. Lurie, Moscow, State Publishing House Der Eines, 1946; English Translation from the Yiddish by Yuri Suhl, in: Yuri Suhl (Hg.), They Fought Back, The Story of the Jewish Resistance in Nazi Europe, New York 1968
60) Pingel, Falk, Häftlinge unter SS-Herrschaft, Hamburg 1978
61) Piper, Francisek, Die Sklavenarbeit der Häftlinge, in: Ausgewählte Probleme aus der Geschichte des KL Auschwitz, Auschwitz 1978
62) Plant, Robert, Rosa Winkel, Der Krieg der Nazis gegen die Homosexuellen, New York 1986
63) Razola, Manuel, Constante, Mariano, Triangle bleu - les republicains espagnols ä Mauthausen, Paris 1969
64) Rose, Romani, Bürgerrechte für Sinti und Roma - Das Buch zum Rassismus in Deutschland, Heidelberg 1987
65) Rose, Romani, Weiss, Walter, Sinti und Roma im „Dritten Reich" - Das Programm der Vernichtung durch Arbeit, Göttingen 1991
66) Rückerl, Adalbert etc. (Hrsg.), Nationalsozialistische Massentötungen durch Giftgas, Frankfurt/Main 1986
67) Scherer, Klaus, „Asozial" im Dritten Reich, Münster 1990
68) Schilling, H.-D., Schwule und Faschismus, Westberlin 1983
69) Schoppmann, Claudia, Nationalsozialistische Sexualpolitik und weibliche Homosexualität, Pfaffenweiler 1991
70) Schumann, W., Nestler, L., Die faschistische Okkupationspolitik in Polen1939-1945, Köln 1989
71) Schwarberg, Günther, Der Juwelier von Majdanek, Göttingen 1991
72) Schwarz, Gudrun, Die nationalsozialistischen Lager, Frankfurt/Main 1990
73) Seeber, Eva, Zwangsarbeiter in der faschistischen Kriegswirtschaft, Berlin 1964
74) Sehn, Jahn, KZ Auschwitz-Birkenau, Warschau 1957
75) Selbmann, Fritz, Die lange Nacht, Halle 1961
76) Solidarität und Widerstand, Dachauer Hefte Nr. 7/91
77) Suhl, Yuri (Hrsg.), They fought back - The Story of Jewish Resistance in Nazi Europe, New York 1968
78) Stümke, H.G., Finkler, R., Rosa Winkel, Rosa Listen, Hamburg 1981
79) The Nazi Concentrations Camps. Proceedings of the Fourth Yad Vashem International Historical Conference, Jerusalem 1984
80) Verbrechen an polnischen Kindern - 1939 - 1945, Warschau 1973
81) Vrba, Rudolf, Ich kann nicht vergeben, München 1964
82) Weinmann, Martin (Hrsg.), Das nationalsozialistische Lagersystem, Frankfurt/Main 1990, 1. Auflage, Arolsen 1949
83) Weinzierl, Erika, Österreichische Frauen in nationalsozialistischen Konzentrationslagern, in: Frauen-Verfolgung und Widerstand, Dachauer Hefte 3/1987
84) Willenberg, Shmuel, Revolt in Treblinka, in: Yad Vashem Bulletin, Nr. VIII/IX, Jerusalem 1961/3
85) Wohl, Tibor, Arbeit macht tot - Eine Jugend in Auschwitz, Frankfurt/Main 1990
86) Voland, K., Borgsen, W., Stalag XB Sanbostel, Bremen 1991
87) Gilbert, Martin, Endlösung, Die Vertreibung und Vernichtung der Juden, Ein Atlas, Hamburg 1982
88) The Black Bock, The Ruthless Murder of Jews by German-Fascist Invaders Throughout the Temporarly-Occupied Regions of The Soviet Union and in the Death Camps of Poland During the War of 1941-1945, New York 1981
89) Weiss, Gabriel, ... And so he survived, Bromley Kent 1984 90) Oder-Neiße - eine Dokumentation, Berlin 1956
Wiedergabe nach der Fassung der Sammlung (Verlag Benario-Baum), mit Rechtschreibung, Hervorhebungen und Verweisen des Originals; Verweise ohne überliefertes Ziel sind markiert.
Fragen zu diesem Dokument
Von wem stammt „Über den Widerstand in den KZs und Vernichtungslagern des Nazifaschismus“ und in welcher Abteilung stand das Dokument?
Als Verfasser nennt die Sammlung Autorenkollektiv. Die Sammlung führte es in der Abteilung Verlag Benario-Baum. Was dort sonst stand – erhalten, außerhalb nachgewiesen oder verloren – zählt das Bestandsverzeichnis Verlag Benario-Baum auf.
Ist der Text gegenüber der Sammlung verändert?
Nein. Wortlaut, Rechtschreibung, Hervorhebungen und Verweise stehen so, wie sie in die Sammlung aufgenommen wurden – 46.273 Wörter, aus dem wiedergegebenen Text ausgezählt. Hinzugekommen sind nur Kopfzeile, Apparat und Zitierbeleg der Edition; von den 46.273 Wörtern ist nichts entfallen.
Wie zitiere ich dieses Dokument?
Autorenkollektiv: Über den Widerstand in den KZs und Vernichtungslagern des Nazifaschismus. Digitalisat: Red Channel Quellenedition, https://www.red-channel.de/mlliteratur/benariobaum/nazi/nazi.htm. In der Randspalte steht der Beleg zum Kopieren bereit; Angaben zu Band und Seite einer Druckvorlage, wo das Dokument sie macht, kommen vor die Adresse /mlliteratur/benariobaum/nazi/nazi.htm.
Seit wann liegt das Dokument unter dieser Adresse?
Das Internet Archive hält die erste Fassung von /mlliteratur/benariobaum/nazi/nazi.htm aus dem Jahr 2006, die letzte mit dem Status 200 von 2006; insgesamt 1 Fassung. Zugrunde liegt die vollständigste erhaltene Fassung, nicht die jüngste. Die Adresse /mlliteratur/benariobaum/nazi/nazi.htm bleibt unverändert, damit jeder Beleg, der sie nennt, wieder aufgeht.
Was bedeuten die 1 gestrichelt unterlegten Verweise im Text?
Dort verlinkte die Sammlung Seiten, von denen keine Fassung mehr existiert, weder auf der Domain noch im Internet Archive. Die Edition lässt die 1 Verweise in „Über den Widerstand in den KZs und Vernichtungslagern des Nazifaschismus“ als Teil des Wortlauts stehen und kennzeichnet sie mit „Ziel nicht überliefert“.

