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W. B. Bland
'Die Zwangsumsiedlungen'
(Vortrag vor der Stalingesellschaft, London, Juli 1993)
Inhalt:
Einführung
Die verpflanzten Nationalitäten
Die Daten der Umsiedlungen
Die Gesamtzahl der Umgesiedelten
Die politischen Veränderungen
Die Gründe für Chruschtschows Auslassungen
Die offiziellen Gründe für die Umsiedlungen
Der Fall der Meskheten
Verletzung marxistisch-leninistischer Prinzipien?
Verletzung der sowjetischen Gesetzlichkeit?
Völkermord?
Der kollektive Charakter der Zwangsumsiedlungsbeschlüsse
Der politische Hintergrund des Verrats
Schlussfolgerung
Biografische Anmerkungen
Bibliografie
Einführung
In seiner Geheimrede an den 20. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 behaup-
tete Nikita Chruschtschow, dass auf Stalins Initiative hin fünf kleinere Nationalitäten
aus ihrer Heimat in andere Regionen der Sowjetunion deportiert worden seien.
"Und noch scheußlicher sind die Handlungen, deren Intiator Stalin war, die
grobe Verletzungen der grundlegenden leninschen Prinzipien der Nationali-
tätenpolitik des sowjetischen Staates darstellten. Wir beziehen uns auf die
Massendeportationen von ganzen Nationen aus ihren Heimatorten. ...
Bereits Ende 1943 ... wurde ein Beschluss gefasst und verwirklicht, die De-
portationen sämtlicher Karatschai aus den von ihnen bewohnten Gebieten
betreffend. Zur gleichen Zeit, Ende Dezember 1943, befiel das gleiche Schick-
sal die gesamte Bevölkerung der Autonomen Republik der Kalmüken. Im
März 1944 wurden alle tschetschenischen und inguschischen Völker depor-
tiert und die Tschetschenisch-Inguschische Autonome Republik wurde liqui-
diert. Im April 1944 wurden alle Balkaren aus dem Gebiet der Kabardisch-
Balkarischen Autonomen Republik in entfernt gelegene Orte deportiert und
die Republik wurde in Autonome Kabardinische Republik umbenannt."
(Russisches Institut der Columbia-Universität, 'Die Anti-Stalin-Kampagne und der
Internationale Kommunismus. Eine Dokumentenauswahl', New York 1956, S. 57).
Die verpflanzten Nationalitäten
Die fünf kleineren Nationalitäten, auf die sich Chruschtschow bezog, waren
1) die Karatschai (1939 etwa 76.000), die Türkisch sprechen, größtenteils sunniti-
sche Moslems und an den nördlichen Abhängen der kaukasischen Berge behei-
matet waren. Eine Karatschaische-Tscherkessische Autonome Republik wurde im Ja-
nuar 1922 für die karatschaischen und tschkessischen (zirkassischen) Völker ge-
schaffen und 1926 geteilt, um gesonderte karatschaische und tscherkessische auto-
nome Regionen einzurichten. Die Karatschaische Autonome Region ( ... ) umfasst
3.800 Quadratmeilen und entsandte drei Vertreter in den (ehemaligen - Übers.)
Nationalitätensowjet. Die Region wurde von deutschen Truppen zwischen August
1942 und Januar 1943 besetzt gehalten.
2) die Kalmüken (etwa 134.000 1939), die Mongolisch sprechen, größtenteils Buddhis-
ten sind und einige Meilen nördlich der kaukasischen Berge, westlich der Wolga,
beheimatet waren. Die Kalmükische Autonome Region (Fläche: 28.000 Quadratmei-
len) wurde im November 1920 gegründet und zur Kalmükischen Autonomen Sozialis-
tischen Sowjetrepublik ( ... ), Hauptstadt Elista, im Oktober 1935 umgebildet. 1937
wählte sie neun Vertreter in den Nationalitätensowjet. Das Gebiet war seit Ende 1942
bis Januar 1943 von den deutschen Truppen besetzt.
3) die Tschetschenen (etwa 408.000 1939) und
4) die Inguschen (etwa 92.000 1939) waren in ethnischer und linguistischer Hinsicht
eng miteinander verwandt. Sie sprachen eine türkische Sprache, waren hauptsäch-
lich sunnitische Moslems und bewohnten die nördlichen Abhänge der kaukasischen
Berge. Die Tschetschenisch-Inguschische Autonome Sozialistische Sowjetrepublik
( ... ), Gebiet 6.000 Quadratmeilen, Hauptstadt Grosny, wurde im Dezember 1936
durch die Zusammenlegung der Tschetschenischen und Inguschischen Autonomen
Region gebildet. Sie entsandte sechs Vertreter in den Nationalitätensowjet (5 Tsche-
tschenen und 1 Inguschen). Die deutschen Truppen besetzten im Herbst 1942 den
westlichen Teil der Republik, wurden jedoch bei ihrem Vormarsch auf Grosny aufgehalten.
5) die Balkaren (etwa 43.000 1939), sprechen Türkisch, waren größtenteils moslemi-
sche Sunniten und an den nördlichen Hängen der kaukasischen Berge beheimatet.
Die Kabarda-Balkarische Autonome Region wurde im Januar 1922 gegründet und im
Dezember 1936 in die Kabarda-Balkarische Autonome Sozialistische Sowjetrepublik,
Fläche 4.800 Quadratmeilen, Hauptstadt Naltschik, umgewandelt. Sie entsandte 1937
vier Vertreter in den Nationalitätensowjet. Das Gebiet wurde zwischen Oktober 1942
und Januar 1943 von deutschen Truppen besetzt.
... (geografische Hinweise).
Tatsächlich wurden jedoch drei weitere kleinere Nationen zu dieser Zeit zwangsweise
umgesiedelt, die Chruschtschow in seiner Geheimrede nicht erwähnte. Bei diesen Na-
tionen handelte es sich um
6) die Wolgadeutschen, die im 18. Jahrhundert unter der Herrschaft von Katharina der
Großen in das Wolgagebiet einwanderten, 1939 382.000 zählten, deutscher Abstam-
mung waren und größtenteils der mennonitischen und evangelisch-lutherischen Re-
ligion angehörten. Sie bewohnten das Wolgagebiet in der Nähe der Stadt Saratow.
Die Wolgadeutsche-Arbeitskommune wurde im Oktober 1918 gegründet und im Fe-
bruar 1924 in die Wolgadeutsche Autonome Sozialistische Sowjetrepublik ( ... ), Flä-
che 10.500 Quadratmeilen, Bevölkerung etwa 605.500 1939, Hauptstadt Engels, umge-
wandelt.
7) die Krimtataren, die 1939 etwa 202.000 zählten, sprechen die türkische Sprache, wa-
ren größtenteils sunnitische Moslems und lebten auf der Halbinsel Krim. Die Krimsche
Autonome Sozialistische Sowjetrepublik ( ... ), Fläche 10.000 Quadratmeilen, Bevölke-
rung etwa 1.126.800 im Jahre 1939, Hauptstadt Simferopol, wurde im Oktober 1921,
auf der Halbinsel Krim gegründet. Das Gebiet war zwischen 1941 und 1944 von deut-
schen Truppen besetzt.
8) die Meskheten (erst in den späten 50iger Jahren so genannt), die etwa 150.000 zähl-
ten und die sich aus verschiedenen ethnischen Gruppen zusammensetzten, jedoch
allesamt Türkisch sprachen, größtenteils sunnitische Moslems waren, lebten im Süd-
Westen der Georgischen Sozialistischen Sowjetrepublik ( ... ), in der Nähe der türki-
schen Grenze. Das Gebiet wurde nicht von deutschen Truppen besetzt.
... (geografische Hinweise).
Die Daten der Umsiedlungen
Chruschtschows Angaben in seiner Geheimrede an den 20. Parteitag der KPdSU
zufolge waren die Daten der Umsiedlungen folgende:
Ende 1943: Umsiedlung der Karatschai;
Ende Dezember 1943: die der Kalmüken;
März 1944: die der Tschetschenen und Inguschen;
April 1944: die der Balkaren.
(Quelle: Russisches Institut der Columbia-Universität, ebenda, S. 57).
Robert Conquest zufolge waren die Daten der Umsiedlungen der Wolgadeutschen
und der Krimtataren die folgenden:
August 1941: die Umsiedlung der Wolgadeutschen;
Juni 1944: die der Krimtataren.
(Quelle: Robert Conquest, 'Die Killer der Nationen. Die sowjetische Deportation der Nationa-
litäten', London 1970, S. 100).
Conquest zufolge ist das Datum der Umsiedlung der Meskheten nicht bekannt.
(Ebenda). Der amerikanische Historiker Suny macht dazu die folgenden Angaben:
"Mehr als 2.000 wurden im Dezember 1943 in diesen verödeten Gebiete an-
gesiedelt. Vier Jahre später wurden etwa 8.000 moslemische Georgier, die
meskhetischen Türken, ... nach Zentralasien deportiert."
(Ronald G. Suny, 'Die Entstehung der georgischen Nation', London 1989, S. 289).
Die Gesamtzahl der Umgesiedelten
Die Gesamtzahl der zwischen 1941 und 1947 umgesiedelten Personen waren
folgende:
Tschetschenen: 408.000
Wolgadeutsche: 382.000
Krimtataren: 202.000
Meskheten: 150.000
Kalmüken: 134.000
Inguschen: 92.000
Karatschai: 76.000
Balkaren: 43.000
Insgesamt: 1.487.000
Robert Conquest zufolge waren es etwas mehr:
" ... ungefähr 1.650.000."
(Robert Conquest, ebenda, S. 65).
Politische Veränderungen
Die Zwangsumsiedlungen hatten gewisse politische Veränderungen zur Folge:
1. Die Autonome Republik der Karatschai ( ... ) wurde aufgelöst und der größte Teil
ihres Territoriums der Georgischen SSR (Sozialistischen Sowjetrepublik - Übers.) an-
gegliedert.
2. Die Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Kalmüken ( ... ) wurde aufgelöst
und der größte Teil ihres Gebietes der neuen russischen Region von Astrachan ange-
gliedert.
3. Die Tschetschenisch-Inguschische Autonome Sozialistische Sowjetrepublik ( ... )
wurde aufgelöst und der größte Teil ihres Territoriums der neuen russischen Provinz
Grozny angegliedert.
4. Die Kabarda-Balkarische Autonome Sozialistische Sowjetrepublik ( ... ) wurde in
Kabardische ASSR umbenannt, wobei der größte Teil ihres Territoriums der Georgi-
schen SSR angegliedert wurde.
5. Die Wolgadeutsche Autonome Sozialistische Sowjetrepublik ( ... ) wurde aufgelöst
und der größte Teil ihres Gebietes der russischen Provinz Saratow zugeschlagen.
6. Die Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Krim ( ... ) wurde aufgelöst und in
Russische Provinz der Krim umbenannt.
Die Gründe für Chruschtschows Auslassungen
Es stellt sich die Frage, weshalb Chruschtschow auf dem 20. Parteitag die zwangs-
weise Umsiedlung von drei kleineren Nationalitäten nicht erwähnte. Er verurteilt ganz
allgemein als
" ... scheußliche ... brutale Verletzung der grundlegenden leninschen Prinzi-
pien der Nationalitätenpolitik des sowjetischen Staates ... die Massendeporta-
tionen von ganzen Nationen aus ihren Heimatgebieten",
(Russisches Institut der Columbia-Universität, ebenda, S. 57).
..erwähnt jedoch die drei Völker nicht, die auf genau die gleiche Weise umgesiedelt
wurden:
"Chruschtschow erwähnte in seiner Rede ... lediglich die Tschetschenen, Ingu-
schen, Balkaren, Karatschai und Kalmüken als Völker, die gelitten hätten und
erwähnte die Wolgadeutschen, Krimtataren und Meskheten mit keinem Wort."
(Robert Conquest, ebenda, S. 142).
Und doch:
"Chruschtschow hatte deutlich darauf hingewiesen, dass die gesamte Umsied-
lung ein Verbrechen darstelle und rückgängig gemacht werden müsse."
(Ebenda, S. 143).
Und: Man kann Chruschtschow wohl kaum als jemanden ansehen, der den Wunsch
gehabt haben konnte, Stalins angebliche Verbrechen zu übertünchen.
Tatsächlich sagte der Sekretär des Präsidiums des Obersten Sowjet der UdSSR,
Alexander Gorkin*, in einer Rede vor dem Obersten Sowjet im Februar 1957, der
" ... zu den Unterzeichnern der ursprünglichen Deportationserlasse gehört
hatte":
(Ebenda, S. 145).
"Die praktische Umsetzung von Maßnahmen zur Wiederherstellung der natio-
nalen Autonomie dieser Völker erfordert eine gewisse Zeit ...
Die Umsiedlung der Bürger der genannten Nationalitäten, die den Wunsch ge-
äußert haben, in die früheren Wohnorte zurückzukehren, muss auf organisier-
te Weise vorgenommen werden."
(A. Gorkin, in: 'Prawda', 12. Februar 1957, in: Robert Conquest, ebenda, S. 146).
Auch kann die Tatsache, dass Chruschtschow es unterließ, in seiner Geheimrede drei
der umgesiedelten Völker zu erwähnen, auf die Unkenntnis ihrer Umsiedlung zurück-
geführt werden. Ein veröffentlichter Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjet der
UdSSR vom August 1941 beinhaltete nämlich:
"Das Staatliche Verteidigungskomitee hat Anweisung gegeben, unverzüglich
die Umsetzung der Wolgadeutschen vorzunehmen."
(Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjet der UdSSR, 28. August 1941, in:
'Bulletin des Obersten Sowjet der UdSSR', Nr. 38, 2. September 1941, in: Robert
Conquest, ebenda, S. 63).
Und ein ähnlicher veröffentlichter Erlass vom Juni 1946 besagte:
" ... während des Großen Vaterländischen Krieges wurden die Tschetschenen
und Krimtataren in andere Regionen der UdSSR umgesiedelt."
(Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjet, 25. Juni 1946, in: 'Iswestja', 26. Juni
1946, in: Robert Conquest, ebenda, S. 47).
Wodurch unterschieden sich dann aber die nichterwähnten Wolgadeutschen, Krim-
tataren und Meskheten von den erneut umgesiedelten Nationalitäten?
Sie unterschieden sich nur durch die Tatsache, dass die Chruschtschowrevisionisten
es den erwähnten Völkern erlaubten, in ihre ursprünglichen Heimatgebiete zurück-
zukehren, während dies den nichterwähnten Völkern nicht gestattet wurde:
"Zwei der unterdrückten Republiken tauchten nicht mehr auf. ... 1964 kam
ein Erlass heraus, wonach die Wolgadeutschen öffentlich rehabilitiert wurden,
ohne dass sie das Recht erhielten, in ihre alten Siedlungsgebiete zurückzu-
kehren. Das heißt, dass die Beschuldigungen letzten Endes zurückgenommen
wurden; die Strafe jedoch in Kraft blieb. Vom zeitlichen Zusammenhang her
scheint die Rehabilitierung mit Chruschtschows Bemühen verbunden gewesen zu
sein, mit Westdeutschland zu einer Verständigung zu gelangen. ...
Erst 1967 wurden die Beschuldigungen gegen die Krimtataren ... in einem Er-
lass zurückgenommen. ...
Wie bei den Wolgadeutschen war die Zurücknahme der Beschuldigungen ge-
gen die Krimtataren ... nicht mit einer Aufhebung der offiziellen Strafen ver-
bunden. ...
Schließlich befreite ein unveröffentlichter Erlass des Obersten Sowjet vom
31. Oktober 1956 die Meskhten von der Kontrolle durch das MWD (den staatli-
chen Sicherheitsdienst - Übers.), ohne dass sie das Recht zur Rückkehr erhiel-
ten."
(Robert Conquest, ebenda, SS. 179, 183, 185ff).
Die offiziellen Gründe für die Umsiedlungen
Die offiziell angegebenen Gründe für die Umsiedlungen waren Gründe der
staatlichen Sicherheit.
In sieben von acht Fällen (d.h. in allen Fällen mit Ausnahme des der Meskheten)
wurde den umgesiedelten Völkern vorgeworfen, während des Zweiten Weltkriegs
Massenverrat begangen zu haben. Die Maßnahme der zwangsweisen Umsiedlung
in diesen Fällen wurde nicht als Massenbestrafung, sondern als präventive Maßnah-
me bezeichnet, um die Notwendigkeit einer Massenbestrafung zu vermeiden:
"Nach glaubwürdigen Informationen, die den Militärbehörden zugegangen
sind, gibt es unter der deutschen Bevölkerung im Wolgagebiet Tausende und
Zehntausende von Saboteuren und Spionen, die auf ein bloßes Zeichen von-
seiten Deutschlands hin in dem von den Deutschen bewohnten Gebiet an der
Wolga Sobatageakte ausführen sollen.
Niemand von den Deutschen im Wolgagebiet hat die sowjetischen Behörden
von der Existenz einer solch großen Zahl von Saboteuren und Spionen unter
den Deutschen berichtet, was nur bedeuten kann, dass die deutsche Bevölke-
rung an der Wolga Feinde des sowjetischen Volkes und der sowjetischen Be-
hörden in ihren Reihen verbirgt.
Für den Fall, dass Sabotageakte auf ein Signal von Deutschland aus von deutschen
Saboteuren und Spionen in der Wolgadeutschen Republik oder in den
benachbarten Gebieten ausgeführt werden sollten und dass Blutvergießen
stattfinden sollte, wäre die sowjetische Regierung verpflichtet, nach den Ge-
setzen, die für die Kriegszeit Geltung haben, Strafmaßnahmen gegen die ge-
samte deutsche Bevölkerung an der Wolga zu ergreifen.
Um derlei unerwünschte Ereignisse dieser Art zu vermeiden und um Blutver-
gießen zu verhindern, hat es der Oberste Sowjet der UdSSR als notwendig be-funden,
die gesamte deutsche Bevölkerung, die an der Wolga lebt, in andere
Gebiete zu verlagern."
(Präsidium des Obersten Sowjet der UdSSR: Erlass vom 28. August 1941, in:
Bulletin des Obersten Sowjet der UdSSR', Nr. 38, 2. September 1941, in: Robert
Conquest, ebenda, S. 62).
"Während des Großen Vaterländischen Krieges ... schlossen sich viele Tsche-
tschenen und Krimtataren, auf Veranlassung deutscher Agenten, den Freiwilli-
geneinheiten, die von den Deutschen und zusammen mit deutschen Truppen,
die gegen die Rote Armee kämpften, organisiert wurden, an. Auch auf Veran-
lassung der Deutschen bildeten sie Banden von Saboteuren für den Kampf gegen
die sowjetischen Behörden im Hinterland, während die breite Masse der
Bevölkerung der Tschetschenisch-Inguschischen und Krimschen ASSR keine
Gegenmaßnahmen gegen diese Verräter des Vaterlandes ergriff.
Im Zusammenhang damit wurden die Tschetschenen und Krimtataren in an-
dere Regionen der UdSSR verlegt."
(Präsidium des Obersten Sowjet der UdSSR: Erlass vom 25. Juni 1946, in: Robert
Conquest, ebenda, S. 47).
Chruschtschow selbst streitet ab, dass diese Umsiedlungen aus Sicherheitsgründen
vorgenommen worden waren:
"Diese Deportationsmaßnahmen wurden durch keinerlei militärische Erwägun-
gen diktiert."
(Russisches Institut der Columbia-Universität, ebenda, S. 57).
Viele antisowjetische Historiker billigen diese Ansicht, wonach Stalin ein durch und
durch bösartiger Mensch gewesen sei, der morgens aufwachen konnte, um zu sagen:
"Was kann ich heute tun, was richtig gemein ist? Ah - ich weiß! Ich könnte die
Tschetschenen - die loyale sowjetische Bürger sind - nach Kasachstan umsie-
deln!"
Aber diese Theorie beinhaltet eine ganze Reihe von Problemen für die antisowjeti-
schen Historiker, die uns bereitwillig versichern, dass der Sozialismus so schrecklich
war, dass jeder vernünftige sowjetische Bürger die Nazis mit offenen Armen willkom-
men hieß.
Die Wahrheit liegt zwischen diesen beiden Extremen. Während es in allen sowjeti-
schen Nationalitäten einzelne Verräter gab, gab es auch einige wenige Nationen,
die sich des Massenverrates schuldig gemacht hatten.
In einem offiziellen sowjetischen Lehrwerk zum sowjetischen Recht heißt es:
"Vor dem Hintergrund der patriotischen Begeisterung, die die Nationen des
Sowjetlandes gegen den gemeinsamen Feind entflammte, ... hoben sich auf
seltsame Weise die schrecklichen, verbrecherischen und verräterischen Akte
einiger kleinerer, rückständiger Nationen ab, die dem Feind zu Hilfe kamen -
in der Hoffnung, von ihm einige 'Privilegien' auf Kosten anderer Nationen der
Sowjetunion zu erhalten. Diese Akte verlangten nach notwendigen und außer-
gewöhnlichen Maßnahmen durch den sowjetischen Staat im Interesse der
UdSSR als Ganzer."
(Robert Conquest, ebenda, S. 81, Ilja D. Lewin, Hrsg., 'Sowjetisches Staatsrecht',
Moskau 1947).
Alexander Dallin* erinnert sich, dass zu Beginn des deutsch-sowjetischen Kriegs
" ... unter einigen der kaukasischen Bergbewohnern Revolten ausbrachen.
Diese Revolten, die unter den Tschetschenen und Karatschai und damit in
den moslemischen Gebieten ausbrachen, bereiteten den Boden für einen
Regimewechsel vor. ...Unter dem Eindruck des deutschen Ansturms und
angesichts der fehlenden Unterstützung durch die einheimische Bevölke-
rung zog sich die Rote Armee kampflos aus Rostow in die Großkaukasi-
schen Berge zurück. ...
In der Region Karatschai bereiteten die moslemischen Bergbewohner den
Deutschen einen aufrichtigeren Empfang als in den meisten anderen besetz-
ten Gebieten. Die Deutschen ... gaben die Bildung einer freiwilligen Reiter-
schwadron für den gemeinsamen Kampf mit der Deutschen Wehrmacht be-
kannt. ...
Während der gesamten Besetzungzeit gab es keinerlei Anzeichen irgendei-
nes anti-deutschen Widerstands in dem Gebiet der Karatschai. ...
Nach der Eroberung der Krim (durch die Deutschen - Verf.) wurden sie und
andere tatarische 'Freiwillige' in militärischen Hilfseinheiten zusammenge-
fasst, um auf deutscher Seite zu kämpfen."
(Alexander Dallin, 'Deutsche Herrschaft in Russland, 1941-1945: Eine Studie der Be-
satzungspolitik', London 1981, SS. 244, 246, 258).
Robert Magidoff:
"Die Deutschen wurden praktisch von der gesamten Bevölkerung der Krim
und den ... moslemischen Gebieten des Nordkaukasus willkommen geheißen.
.. Die Balkaren waren Moslems und im Unterschied zu den Christen kollabo-
rierten sie massenhaft mit dem Feind."
(Robert Magidoff, 'Der Kreml gegen das Volk. Die Geschichte des Kalten Bürger-
kriegs in Stalins Russland', New York 1953, SS. 20, 22).
Und Alexander Werth:
"Die moslemischen Balkaren waren entschiedener pro-deutsch als die größ-
tenteils nicht-moslemischen Kabardiner. Obwohl die Deutschen nicht sehr tief
in die Tschetschenisch-Inguschische ASSR (südlich von Grosny) eindrangen,
scheinen diese beiden Völker aus ihrer Sympathie für die Deutschen kein
Hehl gemacht zu haben. ...
Insgesamt ... taten sich die Tataren in dieser Beziehung besonders negativ
hervor. Sie hatten unter deutscher Obhut eine Polizeieinheit aufgestellt und
waren in der Gestapo überaus aktiv."
(Alexander Werth, 'Russland im Krieg, 1941-1945', London 1964, SS. 579f, 838).
Auch Walter Kolarz meint:
"Als die deutsche Armee die nordkaukasische Region besetzt hatte, bekunde-
ten zahlreiche Bergbewohner ihre Feindseligkeit gegenüber dem sowjetischen
Regime. Sie versuchten, den Rückzug der Roten Armee dazu auszunutzen,
um sich von dem, was sie als 'russisches Joch' bezeichneten, zu befreien.
Auch nach zwanzig Jahren sowjetischer Herrschaft hatten sie nicht ihre Über-
zeugung geändert, dass Russlands Feinde ihre Freunde seien. ...
In Tschetschenien schien es so zu sein, dass die moslemische Opposition ge-
genüber dem sowjetischen Regime nie ganz unterdrückt gewesen war. ... Den
Mullahs - mächtige Gegner des sowjetischen Regimes - gelang es sogar, ihre
illegalen Scharia-Gerichte am Leben zu erhalten. ...
Die feindselige Einstellung der Tschetschenen gegenüber dem sowjetischen
Regime fand häufigen Ausdruck. ...
Die Ingushen ... zeigten sich nicht weniger dem Islam gegenüber loyal."
(Walter Kolarz, ebenda, SS. 185, 187).
Alan W. Fisher:
"In den meisten Städten auf der Krim wurde die heranrückende deutsche
Wehrmacht mit Jubel und Rufen wie 'Befreier' von der örtlichen tatarischen
Bevölkerung begrüßt. ...
Manstein* war relativ erfolgreich in seinen Versuchen, die aktive Unter-
stützung der Tataren zu gewinnen. Sowohl nach deutschen als auch nach
nach tatarischen Aussagen konnten die Deutschen zwischen 15 und 20 tau-
send Tataren dazu bewegen, sich in Selbstverteidigungsbataillonen zu orga-
sieren, die teilweise von den Deutschen bewaffnet und in die Berge geschickt
wurden, um Partisaneneinheiten aufzureiben. Aus den verschiedenen kauka-
sischen Völkern wurden über 110.000 Freiwillige rekrutiert und die Kalmüken
steuerten über 5.000 Freiwillige bei. ...
Eine große Anzahl von tatarischen Dorfbewohnern sowie sechs organisierte
tatarische Selbstverteidigungsbataillone kämpften erbittert gegen die sowjeti-
schen Partisanen."
(Alan W. Fisher, 'Die Krimtataren', Stanford, USA, 1987, SS. 153, 155, 159).
"Ein großer Teil der krimtatarischen Bevölkerung betrachtete weder die Re-
gierung in Moskau als ihren 'Souverän' noch die UdSSR als ihr Land. ...
Die tatarische Kollaboration mit den Deutschen nahm folgende Formen an:
Zunächst (im Frühjahr 1942) riefen die Deutschen dazu auf, 'Selbstverteidi-
tungsbataillone' von Tataren gegen die Aktivitäten sowjetischer Partisanen
auf der Krim zur 'Verteidigung' ihrer Dörfer aufzustellen. ... Nach deutschen
Angaben bildeten 15 bis 20 tausend Krimtataren solche militärischen Einhei-
ten. Zweitens gründeten die Tataren mit deutscher Unterstützung örtliche
'Moslemische Komitees', um die Verantwortung für den größten Teil der
nicht-politischen und nicht-militärischen Angelegenheiten zu übernehmen."
(Alan W. Fisher, 'Die Krimtataren, die UdSSR und die Türkei', in: William O.
McCagg jr., & Brian D. Silver, Hrsg., 'Asiatisch-sowjetische ethnische Grenzen',
New York 1979, S. 12).
Adam Giesinger:
"Als die deutschen Truppen Westrussland im Juli und August 1941 über-
rannten, stießen sie auf deutsche Dörfer ... Als deutsche (oder rumänische)
Soldaten in solchen Dörfern ankamen, wurden sie dort als Befreier begrüßt.
... Einige von ihnen (die Sowjetdeutschen - Verf.) ... meldeten sich während
des Krieges freiwillig zu Arbeiten im Reich. ... Einige von ihnen gingen ganz
zu den Nazis über und dienten in den deutschen Streitkräften."
(Adam Giesinger, 'Von Katharina zu Chruschtschow. Die Geschichte der Russland-
deutschen', Battleford, Canada, 1974, SS. 304, 313).
Und Robert Conquest:
"Auch deutsche Berichte bestätigten, dass ein sowjetischer Schriftsteller nicht
übertrieb, als er schrieb, dass prosowjetische Partisanen auf der Krim 'nicht
die Unterstützung der örtlichen Bevölkerung' besaßen."
(Robert Conquest, ebenda, S. 100, Iwan A. Koslow 'Im Untergrund der Krim', Mos-
kau 1948, zitierend).
Der Fall der Meskheten
Die Meskheten stellen insoweit einen Sonderfall unter den verpflanzten Nationa-
litäten dar, als ihre Umsiedlung später als die der anderen Nationalitäten, und
zwar 1947 stattfand, wobei sie nicht des Verrats beschuldigt wurden:
"Den meskhetischen Völkern wurde nie vorgeworfen, mit den Deutschen ko-
llaboriert zu haben."
(S. Enders Wimbush & Ronald Wixman, 'Die meskhetischen Türken. Eine neue
Stimme', in: 'Canadian Slavonic Papers', Band 17, 1975, S. 320).
"Man warf ihnen (den Meskheten - Verf.) nicht vor, dass sie mit den Deut-
schen kollaboriert hätten, die Hunderte von Meilen jenseits ihres Gebietes entfernt
geblieben waren. Tatsächlich wurde die Maßnahme überhaupt
nicht als Strafmaßnahme hingestellt."
(Robert Conquest, ebenda, SS. 48f).
Während des Zweiten Weltkrieges beklagten sich die Alliierten Mächte je-
doch bei verschiedenen Gelegenheiten darüber, dass die Türkei Deutschland
gestattet habe, die Konvention von Montreux von 1936 über die Dardanellen zu verletzen.
Deshalb verlangte die sowjetische Regierung unmittelbar nach dem
Kriege, im Juni 1945, eine Revision der Konvention, um sowjetischen Kräften zu erlauben,
sich an der Verwaltung der Meerenge zu beteiligen sowie die Rück-
gabe bestimmter Grenzgebiete, die sowjetischer Ansicht zufolge nach 'aufge-
zwungenen' Verträgen 1921 von sowjetischem Territorium abgetrennt worden
waren (Keesings Archive der Zeitgeschichte, Band 6, S. 7.737).
Obwohl die Westmächte noch während des Krieges für eine Änderung der Kon-
vention von Montreux eingetreten waren, läutete Churchill* im Februar 1946 in
Fulton (USA - Übers.) das Ende der angloamerikanischen Partnerschaft mit der
Sowjetunion ein, als er dort erklärte:
"Von Stettin an der Ostsee bis Triest am Adriatischen Meer hat sich ein
Eiserner Vorhang über den Kontinent gelegt."
(Keesings Archive der Zeitgeschichte, Band 6, S. 7.771).
Deshalb wies die Türkei 1946 mit Unterstützung der US-Imperialisten die sowje-
tischen Vorschläge für eine gemeinsame Überwachung der Meerenge mit der Be-
gründung zurück, dass
" ... die sowjetische Forderung nach einer Beteiligung an der Verteidigung
der Meerenge mit der türkischen Souveränität nicht vereinbar ist."
(Ebenda, S. 8.102).
In jenem Monat, im August 1946, berichtete der Moskauer Rundfunk über erbeu-
tete Dokumente aus dem Deutschen Außenministerium, aus denen zum Beispiel
hervorging, dass der ehemalige türkische Ministerpräsident Sukru Saracoglu* den
Deutschen im August 1942 mitteilte:
"Als Türke wünsche ich mir leidenschaftlich die Zerstörung Russlands."
(Ebenda, S. 8.076).
Als dann im März 1947 US-Präsident Truman den Kongress um sofortige 'Hilfe'
für die Türkei ersuchte, kommentierte die sowjetische Tageszeitung 'Iswestja':
"Die amerikanische 'Hilfe' für die Türkei zielt offensichtlich darauf ab, das
Land unter die Kontrolle der USA zu bringen."
(Ebenda, S. 8.493).
Es geschah eben zu dieser Zeit, dass die sowjetische Regierung als defensive
Maßnahme die türkischen Meskheten, die an der sowjetisch-türkischen Grenze
lebten, umzusiedeln begann:
"Die Meskheten kann man tatsächlich am besten als türkisch ... beschrei-
ben. Von der Bevölkerung nahm man an, dass sie türkische Sympathien
besaß."
(Robert Conquest, ebenda, S. 48).
Es war gewiss kein Zufall, dass nach dem Tod Stalins und dem Machtantritt der
neuen revisionistischen sowjetischen Führung zu den ersten Änderungen in der
sowjetischen Außenpolitik die Aufgabe der sowjetischen Gebietsansprüche an
die Türkei im Mai 1953 gehörte sowie ihrer Forderungen nach einer Revision
der Konvention von Montreux. (Ebenda, Band 13, S. 13.101).
Verletzung marxistisch-leninistischer Prinzipien?
Chruschtschow zufolge stellten die Umsiedlungen eine Verletzung der marxis-
tisch-leninistischen Prinzipien in der nationalen Frage dar:
"Noch abscheulicher sind jene Handlungen, deren Initiator Stalin war und
die grobe Verletzungen der grundlegenden leninistischen Prinzipien der
Nationalitätenpolitik des sowjetischen Staates darstellen.Wir beziehen uns
auf die Massendeportationen von ganzen Nationen aus ihren Heimatgebie-
ten."
(Russisches Institut der Columbia-Universität, ebenda, S. 57).
Aber Lenin bestand stets darauf, dass
" ... die Interessen des Sozialismus höher stehen als das Recht von Nationen
auf Selbstbestimmung."
(Wladimir I. Lenin, 'Zur Geschichte der Frage des ungünstigen Friedens', Januar
1918, in: 'Ausgewählte Werke', Band 3, Moskau 1967, S. 533).
So auch Stalin:
"Neben dem Recht der Nationen auf Selbstbestimmung gibt es auch das
Recht der Arbeiterklasse, ihre Macht zu festigen und das Recht auf Selbst-
bestimmung unterliegt dem letzteren Recht.. ... Das Recht auf Selbstbestim-
mung kann nicht und darf nicht zu einem Hindernis für die Arbeiterklasse
bei der Ausübung ihres Rechts auf Dikatur werden. Das erste muss dem zwei-
ten weichen."
(Josef W. Stalin, Antwort in der Diskussion zum Bericht über nationale Faktoren
in Partei- und Staatsangelegenheiten, 12. Parteitag der RKP, April 1923, in: 'Wer-
ke', Band 5, Moskau 1953, S. 270).
Es wird somit deutlich, dass wenn es echte Gründe für die Umsiedlungen als im
Interesse der Sicherheit des sozialistischen Staates liegend gab, dass sie dann
vollkommen im Einklang mit den marxistisch-leninistischen Prinzipien in der na-
tionalen Frage waren.
Verletzung der sozialistischen Gesetzlichkeit?
Nach Ansicht vieler revisionistischer sowjetischer Quellen standen die Zwangs-
umsiedlungen im Widerspruch zur sowjetischen Gesetzlichkeit:
"Im Dezember 1943 wurden die Kalmüken aus dem Gebiet ihres Territoriumsentwurzelt
und in östlichen Regionen wieder angesiedelt."
(Große Sowjetische Enzyklopädie, Band 11, New York 1976, S. 365).
"Im März 1944 wurden die Balkaren im Ergebnis der Verletzung der sozialis-
tischen Gesetzlichkeit in den Regionen von Mittelasien und Kasachstan er-
neut angesiedelt."
(Ebenda, S. 320).
Ein offizielles Lehrwerk zum sowjetischen Recht beschreibt jedoch die Umstände,
unter denen Gruppen von Bürgern nach dem Gesetz in andere Teile der Sowjet-
union umgesiedelt werden können, wie folgt:
"Eine Umsiedlung wird von den Staatsorganen der UdSSR vorgenommen
1) zum Zwecke der Umsetzung von Maßnahmen in Verbindung mit der Si-
cherheit und Verteidigung der Staatsgrenzen;
2) zum Zwecke der Neuerschließung von Land für die landwirtschaftliche
Produktion.
Die erste Maßnahme wird von den Sicherheitsorganen des Staates durchge-
führt."
(Robert Conquest, ebenda, S. 82, Semen S. Studjentiew, Wiktor A. Wlassow
& Iwan I. Jewtikhiew, 'Staatsrecht der UdSSR', Moskau 1950, zitierend).
Die Umsiedlungen, mit denen wir es hier zu tun haben, wurden aus dem ersten
der beiden genannten Gründe vorgenommen, das heißt aus Gründen der staatli-
chen Sicherheit und zur Verteidigung der Staatsgrenzen und wurden deshalb le-
gal von den Staatssicherheitsorganen vorgenommen.
Völkermord?
Antisowjetische Historiker bezeichnen die Zwangsumsiedlungen oft als 'Völker-
mord'. Dies ergibt sich aus dem Titel von Robert Conquests Buch zu den Umsied-
lungen: 'Die Nationenkiller'.
Tatsächlich jedoch definiert die Konvention der Vereinten Nationen zur Verhinde-
rung und Bestrafung des Völkermordes, die im Dezember 1948 angenommen wur-
de, Völkermord als einen Akt, der
"in der Absicht vorgenommen wird, ganz oder teilweise eine nationale, eth-
nische oder religiöse Gruppe in ihrer Gesamtheit zu zerstören."
(UN-Konvention zur Verhütung und Bestrafung des Verbrechens des Völkermor-
des, Dezember 1948, in: Edmund J. Osmanczyk, 'Die Enzyklopädie der Verein-
ten Nationen und Internationalen Beziehungen', New York 1990, S. 328).
Zwangsumsiedlungen von nationalen Gruppen jedoch können in keiner Weise
mit der Absicht gleichgesetzt werden, sie zu zerstören. Selbst ein so feindseliger
Kommentator wie Robert Conquest muss zugeben:
"Nichts kann hier mit den Schrecken der Gaskammern der Nazis verglichen
werden. Diese Nationen wurden nicht physisch vernichtet."
(Robert Conquest, ebenda, S. 11).
Tatsächlich wurde den umgesiedelten Nationalitäten Land und staatliche Bei-
hilfen gewährt, um sich ein neues Leben in den von ihnen neu besiedelten Ge-
bieten aufzubauen. In dem Erlass des Obersten Sowjet zur Umsiedlung der Wolga-
deutschen hieß es zum Beispiel, dass sie umgesiedelt würden,
"mit dem Versprechen, dass den Migranten Land zugeteilt wird und dass
sie staatliche Beihilfen erhalten, um sich in den neuen Gebieten sesshaft zu
machen."
(Erlass des Obersten Sowjet der UdSSR vom 28. August 1941, in: Robert Con-
quest, ebenda, S. 62f).
Den Tschetschenen und Krimtataren wurde
" ... Land, zusammen mit der nötigen staatlichen Unterstützung zu ihrer wirt-
schaftlichen Einrichtung", gewährt.
(Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjet der UdSSR vom 25. Juni 1946, in:
Robert Conquest, ebenda, S. 47).
Der kollektive Charakter der Zwangsumsiedlungsbeschlüsse
Wie wir gesehen haben, bezeichnet Chruschtschow Stalin als den
"Intitiator"
(Russisches Institut der Columbia-Universität, ebenda, S. 57).
der Umsiedlungen.
Dies kann durchaus der Fall sein, die Beschlüsse zur Umsiedlung waren jedoch
zweifellos kollektiver und nicht individueller Natur.
Robert Conquest führt an, dass der Überläufer General Grigori Tokajew
"Zugang zu dem, was in hohen politischen und militärischen Kreisen ge-
sagt wurde, hatte."
(Robert Conquest, ebenda, S. 99).
Tokajew gibt an,
" ... dass der Sowjetische Generalstab 1940 die Meinung vertrat, dass sich
die Bevölkerung des nördlichen Kaukasus für den Fall eines Krieges als
Risiko erweisen könnte und empfahl, rechtzeitig geeignete Maßnahmen zu
treffen.
Die eigentliche Entscheidung, die Tschetschenen zu deportieren, wurde, To-
kajew zufolge, auf einer gemeinsamen Sitzung des Politbüros und des Ober-
kommandos am 11. Februar 1943 fast ein Jahr, bevor sie durchgeführt wur-
de, getroffen."
(Ebenda).
Tokajew gibt auch beiläufig an, dass
" ... die Operation ausgezeichnet geplant war" ..
(Grigori A. Tokajew, 'Genosse X', London 1956, S. 259).
und dass
"Berija mit der Operation betraut wurde."
(Ebenda, S. 257).
Und obwohl Chruschtschow (einige) der Umsiedlungen drei Jahre nach Stalins
Tod verurteilte, weist Conquest darauf hin, dass zu der damaligen Zeit
"..er (Chruschtschow - Verf.) nicht behauptete, irgendeinen Protest ange-
meldet zu haben."
(Robert Conquest, ebenda, S. 192).
Der politische Hintergrund des Verrats
Wir haben gesehen, dass die mangelnde Loyalität, die zu den Umsiedlungen
führte, ein Massenphänomen war, jedoch nur bei einer kleinen Zahl von Nationen
der Sowjetunion und deshalb nicht als das Ergebnis einer falschen Nationalitäten-
politik auf Seiten der sowjetischen Marxisten-Leninisten angesehen werden kann.
Sogar antisowjetische Historiker räumen ein, dass die sowjetische Nationalitäten-
politik zu Stalins Zeiten insgesamt erfolgreich war:
"Die so genannte Lenin-Stalin-Nationalitätenpolitik war außergewöhnlich
erfolgreich in der Weise, dass sie es einst rückständigen Nationalitäten er-
möglichte sich zu modernisieren."
(William O. McCagg jr. & Brian D. Silver, Hrsg., Einführung zu 'Sowjetisch-asiati-
sche ethnische Grenzen', New York 1979, S. XIV).
In einer Rede, die Stalin 1920 im Kaukasus hielt, sagte er:
"Wenn Russland Euch die Autonomie gewährt, dann werden Euch damit
die Freiheiten, die Euch durch die zaristischen Blutsauger und die tyranni-
schen zaristischen Generäle gestohlen wurden, wieder zurückgegeben. ...
Jedes der Völker, gleich ob Tschetschenen, Inguschen, Ossetier, Kabardi-
ner, Balkaren, Karatschai oder auch Kossacken, die in dem autonomen
Bergland beheimatet sind, sollten ihren eigenen nationalen Sowjet besitzen,
um die Angelegenheiten des jeweiligen Volkes in Übereinstimmung mit
ihren Lebensgewohnheiten und besonderen Eigenarten zu regeln."
(Josef W. Stalin, Bericht zur sowjetischen Autonomie für die Terek-Region, Kon-
gress der Völker der Nordkaukasischen Region, November 1920, in: 'Werke',
Band 4, Moskau 1953, S. 415).
Sogar Robert Conquest muss zugeben:
"Eines der charakteristischen Dinge im Leben der sowjetischen Minderheiten
besteht darin, dass darauf geachtet wird, dass sie ihre eigene sowjetische Li-
teratur entwickeln."
(Ebenda, S. 41).
Diejenigen Nationen, die dem Massenverrat verfielen, unterlagen einem bestimm-
ten Druck - dem des ausländischen Nationalismus (des deutschen oder türkischen)
und, im Fall des Kaukasus, dem der reaktionären Mullahs.
Von besonderer Bedeutung für den Hintergrund des Verrats waren die politischen
Aktivitäten von heimlichen revisionistischen Verschwörern im Nordkaukasus. Auf
dem Verratsprozess im März 1938 gab Wladimir Iwanow* Folgendes zu:
"1929 wurde ich als Zweiter Sekretär in den Nordkaukasus geschickt. Bu-
charin schlug vor, dass ich eine Gruppe der Rechten im Nordkaukasus auf-
bauen sollte. Er fügte hinzu, dass der Nordkaukasus eine sehr wichtige Rolle
in unserem Kampf gegen die Partei und die Sowjetmacht spielen würde."
(Prozessbericht zum Fall des antisowjetischen 'Blocks der Rechten und Trotzkis-
ten', Moskau 1938, S. 118).
Iwanows Aussage wurde in diesem Punkt von Alexej Rybow*, einem weiteren
Angeklagten in diesem Prozess, bestätigt:
"Rybow: 'Das rechte Zentrum widmete dem Nordkaukasus wegen ... seines
spezifischen Charakters und seiner Traditionen besondere Aufmerksamkeit.'
Wyschinski (Anklagevertreter - Übers.): ' ..um dort kulakische Aktionen, ku-
lakische Aufstände zu organisieren?'
Rybow: 'Natürlich.'
(Ebenda, S. 165).
Schlussfolgerung:
DIE ZWANGSUMSIEDLUNGEN VON ACHT KLEINEREN NATIONALITÄTEN DER
SOWJETUNION IN DEN JAHREN 1941-1947 STELLTEN EINE GESETZLICHE MAß-
NAHME IN ÜBEREINSTIMMUNG MIT MARXISTISCH-LENINISTISCHEN PRINZIPIEN
DAR, DIE DURCH BESONDERE UMSTÄNDE VERANLASST WURDE, UM DIE SICHER-
HEIT DER SOZIALISTISCHEN SOWJETUNION ZU GEWÄHRLEISTEN.
Biografische Anmerkungen
Churchill, Winston L. S., britischer Journalist, Historiker und konservativer Politiker,
1874-1965, Innenminister 1910-11, Erster Lord der Admiralität, 1911-15 (Marineminis-
ter), Munitionsminister, 1917, Minister für die Kolonien, 1921-22, Finanzminister, 1924-
1929, britischer Premierminister, 1940-45 und 1951-55.
Conquest, Robert A., britischer Diplomat, Historiker und Dichter, 1917-, Forschungs-
dozent an der London School of Economics, 1956-58, Professor an der Columbia Uni-
versität in New York, 1964-65, Forschungsleiter am Hoover-Institut, Stanford, USA,
1971-78.
Gorkin, Alexander F., revisionistischer sowjetischer Staatsbeamter, 1897-1992, Se-
kretär des Präsidiums des Obersten Sowjet, 1938-57; Vorsitzender des Höchsten Ge-
richts der UdSSR, 1957-72.
Iwanow, Wladimir I., revisionistischer sowjetischer Politiker, 1893-1938, Sekretär für
den Nordkaukasus der KPdSU, B, 1927-31, Volkskommissar für die Holzindustrie,
1937-38; wegen Hochverrats für schuldig befunden und hingerichtet, 1938.
Manstein, Fritz E. von, deutscher Wehrmachtsoffizier, 1887-1973, Feldmarschall, 1942,
Kommandierender an der sowjetischen Front, 1942-43; als Kriegsverbrecher inhaftiert,
1943-53.
Rykow, Alexej I., sowjetischer revisionistischer Politiker, 1881-1938; Vorsitzender des
Obersten Volkswirtschaftsrates der UdSSR, 1918-21; Ministerpräsident der RSFSR der
UdSSR, 1924-30; aus der KPdSU, B 1937 ausgeschlossen; wegen Hochverrats verur-
teilt und hingerichtet, 1938.
Saracoglu, Sukru, bürgerlich-nationalistischer türkischer Politiker, 1887-1953; Finanzmi-
nister,1927-30; Justizminister, 1933-38; Außenminister, 1938-42, Ministerpräsident, 1942-
46, Präsident der Nationalversammlung, 1948-50.
Suny, Ronald G., US-Historiker, 1940-; Dozent an der Columbia-University in New York,
1967-68; University of Michigan, Ann Arbor, 1981-.
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Bulletin des Obersten Sowjet
Große Sowjetische Enzyklopädie, New York 1973-83
Iswestja
Keesings Archive der Zeitgeschichte
Prozessbericht im Fall des antisowjetischen 'Blocks der Rechten und Trotzkisten',
Moskau 1938