zurück zu Literatur über die Sowjetunion
W. B. Bland
'Lenins Testament', 1922-23
Stimmt die Behauptung, dass Lenin 1922 der Russischen Kommunistischen Partei riet,
Stalin vom Posten des Generalsekretärs zu entfernen?
"Im Dezember 1922 schrieb Wladimir Iljitsch (Lenin - Verf.) in einem Brief an den Parteitag...
ein politisches Dokument von herausragender Wichtigkeit, das in der
Parteigeschichte unter dem Namen 'Lenins Testament' bekannt wurde. ...
Wladimir Iljitsch schrieb:'...Ich schlage vor, dass die Genossen einen Weg finden,
Stalin aus dieser Position (des Generalsekretärs der Kommunistischen Partei der
Sowjetunion - Verf.) zu entfernen.'"
(N.S. Chruschtschow: Geheimrede vor dem 20. Parteitag der KPdSU, in: Russi-
sches Institut, Columbia Universität, Hrsg.: 'Die Anti-Stalin-Kampagne und der
internationale Kommunismus. Eine Dokumentenauswahl', New York 1956, SS. 6,7).
Einführung
Chruschtschows obige Darstellung ist nur in einem einzigen Detail ungenau. Lenin 'schrieb'
dieses Dokument, das unter der Bezeichnung 'Lenins Testament' bekannt wurde, nicht, son-
dern er diktierte es einer seiner Sekretärinnen - Lidja Fotjewa*. Seine Echtheit ist jedoch nie
angezweifelt worden.
Der betreffende Abschnitt in Lenins Brief liest sich wie folgt:
"Stalin ist zu grob, und diese Schwäche...darf sich ein Generalsekretär nicht leisten.
Aus diesem Grunde würde ich vorschlagen, dass die Genossen sich einen Weg
überlegen sollten, Stalin von diesem Posten zu entfernen."
(W.I. Lenin: Brief an den Parteitag, in: 'Gesammelte Werke', Band 36, Moskau 1966,
S. 596).
Jedoch enthalten Lenins Diktat und auch bestimmte Passagen dieses Briefes einige Merk-
würdigkeiten.
Lenins Einschätzung von Stalin
Eine Merkwürdigkeit, die das Dokument 'Lenins Testament' enthält, besteht darin, dass Le-
nin im gesamten Verlauf seines politischen Lebens bis Ende 1922 Stalin außerordentlich ge-
schätzt hat.
In einem Brief an den Schriftsteller Maxim Gorki beschrieb Lenin schon im Februar 1913
Stalin als 'den fabelhaften Georgier':
"Wir haben da einen fabelhaften Georgier, der sich daran gemacht hat, einen länge-
ren Artikel für 'Prasswischenije'('Aufklärung' - Übers.) zu schreiben, wofür er das ge-
samte österreichische und auch anderes Material gesammelt hat."
(W.I. Lenin, Brief an Maxim Gorki, in: 'Gesammelte Werke', Band 35, Moskau 1966,
S. 84).
Wenig später, im Dezember 1913, bezeichnete Lenin Stalin als den führenden marxistischen
Analytiker der nationalen Frage:
"Die Sachlage sowie die Grundlagen für ein nationales Programm der Sozialdemo-
kratie sind kürzlich in der marxistischen theoretischen Literatur behandelt worden,
wobei Stalins Artikel an herausragender Stelle zu nennen wäre."
(W.I. Lenin, 'Das Nationale Programm der SDAPR', in: 'Gesammelte Werke', Band
19, Moskau 1963, S. 539).
Noch im März 1922 auf dem 11. Parteitag der Russischen Kommunistischen Partei ver-
teidigte Lenin Stalin gegen die Kritik von Jewgeni Preobraschenski* bezüglich der Tatsache,
dass Stalin nicht nur den Posten des Volkskommissars für Nationalitäten, sondern auch den
des Volkskommissars für Staatliche Kontrolle innehatte:
"Die turkestanische, kaukasische und andere Fragen...sind samt und sonders politi-
sche Fragen! Sie müssen gelöst werden. Das sind Fragen, die die Aufmerksamkeit
der europäischen Staaten seit Hunderten von Jahren beschäftigt haben. ... Wir lösen
sie, und wir brauchen einen Mann, zu dem die Vertreter jeder dieser Nationen gehen
können, um mit ihm ihre Probleme in allen Einzelheiten zu besprechen. Wo können
wir einen solchen Mann finden? Ich glaube nicht, dass Genosse Preobraschenski
einen besseren Kandidaten als den Genossen Stalin vorschlagen könnte.
Das gleiche trifft auf die Arbeiter- und Bauerninspektion zu. Das ist ein riesiges Un-
terfangen; aber, um in der Lage zu sein, Nachforschungen anzustellen, brauchen
wir an ihrer Spitze einen Mann, der hohes Ansehen genießt, sonst laufen wir Gefahr,
von kleinlichen Intrigen übermannt zu werden."
(W.I. Lenin, Schlussrede zum Politischen Bericht des Zentralkomitees, 11. Parteitag
der KPR(B), in: 'Gesammelte Werke', Band 33, Moskau 1966, S. 315).
Tatsächlich geschah es auf Lenins Vorschlag hin, dass im April 1922 nach dem Parteitag das
Zentralkomitee Stalin in das höchste Amt der Partei wählte - in das des Generalsekretärs:
"Auf Lenins Antrag hin wählte das Plenum des Zentralkomitees am 3. April 1922 Sta-
lin...zum Generalsekretär des Zentralkomitees."
(G.F. Alexandrow u.a., Hrsg., 'Joseph Stalin. Eine Kurzbiografie', Moskau 1947, SS.
74-75).
"Nach dem Parteitag wählte das Zentralkomitee auf Lenins Vorschlag hin Stalin...
zum Generalsekretär des Zentralkomitees."
(Marx-Engels-Lenin-Institut, 'Lenin', London 1943, S. 183).
"Das neue Zentralkomitee...beschloss, das Amt des Generalsekretärs für die Leitung
des Sekretariats einzurichten und bestimmte Stalin für dieses Amt. Es ist höchst
wahrscheinlich, dass Lenin diese Entscheidung bewirkte."
(R.H. McNeal, 'Stalin. Mensch und Herrscher', hiernach zitiert als 'R.H. McNeal
1988', Basingstoke 1988, S. 67).
"Es ist...allzu phantasiereich, wenn einige sowjetische Historiker, etablierte oder
nicht etablierte, nahelegen, dass Stalin nicht Lenins persönliche Wahl für den Posten
des Generalsekretärs des Zentralkomitees war, für den er im April 1922 bestimmt
wurde."
(A.B. Ulam, 'Stalin. Der Mensch und seine Zeit', London 1989, S. 205).
"Der ganz eindeutig einzige Mann, der das Wissen, die Tüchtigkeit und die Auto-
rität für diese Schlüsselstellung (des Generalsekretärs - Verf.) besaß, war Stalin.
...Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass Lenin die Nominierung unterstützte,
die wahrscheinlich sogar von ihm ausging."
(I. Grey, 'Stalin. Mann der Geschichte', London 1979, S. 159).
Es ist offensichtlich, dass Ende 1922 etwas passiert sein musste, das Lenin veranlasste,
seine Meinung über Stalin, die er bis dahin gehabt hatte, radikal zu ändern.
Lenins Einstellung zu Trotzki
Die Hinweise auf Trotzki in 'Lenins Testament' sind ähnlich merkwürdig. Lenin darin:
"Der Genosse Trotzki...zeichnet sich nicht nur durch herausragende Fähigkeiten
aus. Er ist auch persönlich der qualifizierteste Mann im jetzigen ZK."
(W.I. Lenin, Brief an den Parteitag, in: 'Gesammelte Werke', Band 36, Moskau
1966, S. 595).
Es ist in der Tat ein Wesenszug trotzkistischer Mythologie, dass in der Zeit, als Lenin an
der Spitze der Russischen Kommunistischen Partei stand, das Verhältnis Trotzkis zu Lenin
und der Partei ein Verhältnis 'gegenseitigen Vertrauens' gewesen sein soll, und dass Trotz-
kis Konflikt mit der Partei erst begann, nachdem Stalin die Parteiführung übernommen hat-
te.
Diese Darstellung ist jedoch völlig unzutreffend.
1903:
Trotzkis Biograf Isaac Deutscher*, der ihm sehr zugetan ist, berichtet, dass auf dem 2. Par-
teitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands im Juli-August 1903
"...Trotzki Lenins wortstärkster Gegner war. Er beschuldigte Lenin, den Versuch un-
ternommen zu haben, eine geschlossene Organisation von Verschwörern aufzubau-
en, nicht aber eine Partei der Arbeiterklasse. ...Lenin...wandte sich in gemäßigtem
und überzeugendem Ton an Trotzki. ...Es war alles vergebens. Trotzkis feindselige
Haltung verfestigte sich noch."
(I. Deutscher, 'Der bewaffnete Prophet: Trotzki, 1879-1921', hiernach zitiert als: 'I.
Deutscher 1989 (1)', Oxford 1989, SS. 80, 81).
Kurz nach Ende des Parteitags schrieb Trotzki den 'Bericht der sibirischen Delegation', zu
der er gehörte. In diesem Bericht behauptete er, dass Lenin 'Maximilian Robespierre*
gleicht', obwohl nur in der Weise wie
"...eine gewöhnliche Posse einer Geschichtstragödie ähnelt."
(L.D. Trotzki, 'Wtaroj Sjesd SDAPR, Otschjod Sibirskoj Delegatsu', Genf 1903,
S. 33).
Dazu Deutscher:
"Hatte er sich erst einmal gegen Lenin entschieden, dann kam es ihm nicht mehr
auf die Wortwahl an. Er attackierte dann mit der ganzen Stärke seiner Emotionen
und mit dem Feuer seiner Verwünschungen."
(I. Deutscher 1989 (1), S. 84).
1904:
Im August 1904 veröffentlichte Trotzki seine Broschüre 'Unsere politischen Aufgaben', in der
er Lenins Vorstellungen, dass es unerlässlich sei, eine disziplinierte Partei zu schaffen, die
die arbeitenden Menschen in einer sozialistischen Revolution führen könne, als 'Jakobinis-
mus'** angreift und die Auffassung von einer 'Arbeiterpartei' nach dem Vorbild der westeuro-
päischen sozialdemokratischen Parteien unterstützt:
"Lenins Methoden führen zu Folgendem: Zuerst tritt die Parteiorganisation an die
Stelle der Partei als solcher, dann tritt das Zentralkomitee an die Stelle der Organi-
sation und schließlich tritt eine einzelner 'Diktator' an die Stelle des Zentralkomi-
tees. ...
Ist es denn so schwierig zu verstehen, dass jede ernstzunehmende Gruppe.., wenn
sie vor der Wahl steht, ob sie aus Rücksicht auf die Disziplin sich stillschweigend
zurückziehen oder ohne Rücksicht auf die Disziplin um ihr Überleben kämpfen soll,
zweifellos den letzteren Weg wählen wird...und sagt: Nieder mit jener 'Disziplin', die
die lebenswichtigen Interessen der Bewegung unterdrückt. ...
Diese bösartigen und moralisch abstoßenden Verdächtigungen Lenins, diese flache
Karikatur der tragischen Intoleranz des Jakobinismus...muss jetzt um jeden Preis
liquidiert werden oder die Partei ist von einem vollständigen politischen, moralischen
und theoretischen Verfall bedroht."
(L.D. Trotzki, 'Nos Tâches Politiques', Paris 1970, S. 192).
Trotzkis Biograf Deutscher zu diesem Buch:
"Kaum ein anderer menschewistischer** Autor griff Lenin persönlich mit einer sol-
chen Gehässigkeit an. 'Abscheulich', 'zügellos', 'demagogisch', 'schludriger Rechts-
anwalt', 'bösartig und moralisch abstoßend' - dies waren die Beiworte, mit denen
Trotzki jenen Mann bewarf, der ihm erst vor kurzem die Hand der Freundschaft ge-
reicht, ihn nach Westeuropa gebracht und ihn gefördert hatte."
(I. Deutscher 1989 (1), S. 93).
Jedoch war Lenins Kritik an Trotzki ähnlich vernichtend. Im Oktober 1904 schrieb Lenin:
"Kürzlich kam eine neue Broschüre von Trotzki heraus. ...Diese Broschüre ist ein
Haufen unverschämter Lügen."
(W.I. Lenin, Brief an Jelena Stassowa und andere, in: 'Gesammelte Werke', Band
43, Moskau 1969, S. 129).
1909:
Im August 1909 schrieb Lenin:
"Trotzki benimmt sich wie ein abscheulicher Karrierist und Spalter...Er legt der Par-
tei gegenüber Lippenbekenntnisse ab und verhält sich schlimmer als irgendein an-
derer der Spalter."
(W.L. Lenin, Brief an Grigori Sinowjew, in: 'Gesammelte Werke', Band 34, Moskau
1966, SS. 399-400).
1910:
Zwischen März und Juni schrieb Lenin:
"Trotzki brachte den ganzen Geist der schlimmsten Sorte von Aussöhnung zum
Ausdruck, 'Aussöhnung' in Anführungszeichen gesetzt..., womit er den Liquidato-
ren** und Otsowisten** die treuesten Dienste erweist. ... Diese Position...Trotzkis
ist falsch."
(W.I. Lenin, 'Anmerkungen eines Publizisten', in: 'Gesammelte Werke', Band 16,
Moskau 1963, SS. 211, 251).
...und im Dezember 1910:
"Trotzkis Resolution...bringt das eigentliche Ziel der 'Golos'**-Gruppe zum Aus-
druck - die Zentralorgane zu zerschlagen...und mit ihnen die Partei als Organisa-
tion."
(W.I. Lenin, 'Der Zustand der Partei', in 'Gesammelte Werke', Band 17, Moskau
1968, S.23).
"Trotzkis Ruf nach 'freundschaftlicher' Zusammenarbeit der Partei mit den 'Golos'-
und 'Wperjod'**-Gruppen ist abscheuliche Heuchelei und Phrasendrescherei. ...
Trotzki vereint alle Feinde des Marxismus. ... Trotzki vereinigt all jene, denen ideolo-
gischer Verfall am Herzen liegt, all jene, denen die Verteidigung des Marxismus egal
ist. ...
Kampf der Spaltungstaktik und dem prinzipienlosen Abenteurertum Trotzkis!"
(W.I. Lenin, Brief an das Russische Kollegium des ZK der RSDAP, in: 'Gesammelte
Werke', Band 17, Moskau 1963, SS. 20, 21, 22).
...und Ende 1910 sprach Lenin von den
"wohltönenden, aber leeren Phrasen, deren Meister unser Trotzki ist. ...
Trotzki entstellt den Bolschewismus, weil er es nie geschafft hat, sich irgendwelche
genauen Ideen von der Rolle des Proletariats in der Russischen Bürgerlichen Revo-
lution zu machen. ...
Dass Trotzkis Vorstoß einen Versuch darstellt, eine Fraktion zu bilden, ist jetzt für
alle klar geworden. ...
Trotzki...vertritt ausschließlich seine eigenen persönlichen Schwankungen und sonst
nichts. 1903 war er Menschewik. 1904 gab er den Menschewismus auf. 1905 kehrte
er zu den Menschewiki zurück und drosch bloß ultrarevolutionäre Phrasen. ...Bald
schreibt er aus dem Repertoire der einen Fraktion ab, bald aus dem einer anderen,
und dann behauptet er, er stünde über den Fraktionen. ...
Ich bin verpflichtet zu erklären, dass Trotzki nur seine eigene Fraktion vertritt, und
dass er nur bei den Otsowisten und den Liquidatoren ein gewisses Vertrauen ge-
nießt."
(W.I. Lenin, 'Die historische Bedeutung des innerparteilichen Kampfes in Russland',
in: 'Gesammelte Werke', Band 16, Moskau 1963, SS. 375, 380, 389, 391).
1911:
Im Januar 1911 bezog sich Lenin auf Trotzki als
"...Judas Trotzki."
(W.I. Lenin, 'Die Schamröte des Judas Trotzki', in: 'Gesammelte Werke', Band 17,
Moskau 1968, S. 45).
Im September 1911 erklärte Lenin:
"Die 'Trotzkisten...' sind schädlicher als irgendein Liquidator. ...Die Trotzkisten be-
trügen die Arbeiter."
(W.I. Lenin, 'Aus dem Lager der Stolypinschen Arbeiterpartei', in: 'Gesammelte
- 5 -
Werke', Band 17, Moskau 1968, S.243).
Im Oktober 1911:
"Trotzki bringt das Versöhnlertum** konsequenter zum Ausdruck als es irgendein
anderer tut. Wahrscheinlich war er der einzige, der versucht hat, dem Trend ein
theoretisches Fundament zu verleihen. ...
Schon seit dem Frühjahr 1910 betrügt Trotzki die Arbeiter auf eine prinzipienlose
und schamlose Weise, indem er ihnen versichert, dass die Hindernisse für die Ein-
heit grundsätzlich, wenn nicht ganz und gar, organisatorischer Natur seien. ...
Der einzige Unterschied zwischen Trotzki und den Pariser Versöhnlern besteht da-
rin, dass diese Trotzki als einen Fraktionalisten ansehen und sich selbst als nicht-
fraktionell, während Trotzki gegenteiliger Ansicht ist. ...
Trotzki liefert uns eine Fülle von Beispielen für Machenschaften, um eine prinzipien-
lose 'Einheit' herzustellen."
(W.I. Lenin, Die neue Fraktion der Versöhnler oder der Rechtschaffenden', in: 'Ge-
sammelte Werke', Band 17, Moskau 1968, SS. 258, 260, 264, 270).
...und im Dezember 1911:
"Es ist nicht möglich, mit Trotzki über das Wesen der Sache zu streiten, weil er
überhaupt keine Ansichten besitzt. ...In seinem Fall ist es das Beste, ihn als Diplo-
maten kleinsten Kalibers zu entlarven."
(W.I. Lenin, 'Trotzkis Diplomatie und eine gewisse Parteiplattform', in: 'Gesammelte
Werke', Band 17, Moskau 1968, S. 362).
1912:
Die Prager Konferenz vom Januar 1912 erklärte, dass nur die Bolschewiki die Partei darstell-
ten. In seiner Zeitung 'Prawda'**
"...verurteilte Trotzki Lenins Vorstoß zornig und lautstark. Seine Wut kannte im April
keine Grenzen mehr, als die Bolschewiki darangingen, in Petersburg eine Tageszeit-
ung unter dem Namen 'Prawda' herauszubringen. .. Er wetterte gegen den 'Diebstahl'
und die 'Anmaßung'..., die von...'der Gruppe ausging, die nur durch Chaos und Ver-
wirrung gedeiht'".
(I. Deutscher 1989 (1), SS. 198-99).
Im Juli 1912 schrieb Lenin an den Herausgeber der Zeitung:
"Ich würde Euch raten, auf Trotzki über den Postweg wie folgt zu antworten:
'An Trotzki - Wien -: Wir werden auf zersetzende und verleumderische Briefe nicht
reagieren'.
Trotzkis schmutzige Kampagne gegen die 'Prawda' ist ein Haufen von Lügen und
Verleumdungen."
(W.I. Lenin, Brief an den Herausgeber der 'Prawda', in: 'Gesammelte Werke', Band
35, Moskau 1966, S. 41).
Im August 1912 tat sich Trotzkis Gruppe mit den Menschewiki, dem Jüdischen Bund** und
anderen zusammen, um eine anti-bolschewistische Koalition unter dem Namen 'August-
block' zu bilden. Trotzkis Biograf Deutscher dazu:
"Trotzki war das Hauptsprachrohr des Blocks, unermüdlich bemüht, Lenins 'zerset-
zende Arbeit' zu geißeln".
(I. Deutscher 1989 (1), S. 200).
Im November 1912 schrieb Lenin:
"Seht Euch die Plattform der Liquidatoren an! Ihr liquidatorisches Wesen wird
kunstvoll durch Trotzkis revolutionäre Phrasen bemäntelt. "
(W.I. Lenin: 'Die Plattform der Reformisten und die Plattform der Revolutionären
Sozialdemokraten', in: 'Gesammelte Werke', Band 18, Moskau 1968, S. 380).
1914:
Zwischen Februar und Mai 1914 schrieb Lenin:
"Bis jetzt hat Trotzki noch nie eine feste Meinung zu irgendeiner wichtigen Frage
des Marxismus gehabt. ..Zur Zeit befindet er sich in der Gesellschaft der Bundis-
ten und der Liquidatoren."
(W.I. Lenin: 'Das Recht der Nationen auf Selbstbestimmung', in: 'Gesammelte Wer-
ke', Band 20, Moskau 1964, SS. 447-48).
Mai 1914:
"Trotzki gefallen wohltönende und leere Phrasen. ...Wir hatten Recht, wenn wir
Trotzki als einen Vertreter der 'schlimmsten Überbleibsel des Fraktionismus' be-
zeichneten. ...
Trotzki...besitzt keine ideologischen und politischen Konturen. ...
Unter dem Deckmantel des 'Nicht-Fraktionismus' treibt Trotzki die Interessen einer
ausländischen Gruppe voran, die sich dadurch auszeichnet, dass ihr klare Prinzi-
pien fehlen und dass sie keine Verankerung in der Arbeiterbewegung in Russland
besitzt. ...
Es gibt viel Glanz und Getön in Trotzkis Phrasen, aber sie sind inhaltsleer. ...
Witze reißen ist die einzige Art und Weise, um in milder Form auf Trotzkis uner-
trägliche Phrasendrescherei zu reagieren. ...
Trotzki ist sehr darauf bedacht, in der Attitüde des Gelehrten bombastische und
hochtönende Phrasen zu gebrauchen, um historische Erscheinungen in einer Weise
zu erklären, die Trotzki schmeichelt. ...
Trotzki versucht, die Bewegung zu zersetzen und zu spalten. ...
Trotzki vermeidet Fakten und konkrete Hinweise..., weil sie all seine zornigen Aus-
fälle und bombastischen Phrasen...unerbittlich widerlegen.
Ende 1903 war Trotzki ein glühender Menschewik. ...1904/5 verließ er die Mensche-
wiki und bezog eine schwankende Haltung und verbreitete dann seine angeblich
linke Theorie der 'permanenten Revolution'. ...
In der Zeit der Auflösung...bewegte er sich erneut nach rechts, und im August 1912
ging er ein Bündnis mit den Liquidatoren ein. Jetzt hat er sie wieder verlassen, ob-
wohl er inhaltlich ihre protzigen Ideen ständig wiederholt."
(W.I. Lenin, 'Die Zerrüttung der Einheit unter dem Deckmantel von Rufen nach Ein-
heit', in: 'Gesammelte Werke', Band 20, Moskau 1964, SS. 329, 331, 332, 333-34,
345, 346-47).
1915:
Im Juli 1915 erklärte Lenin:
"Wie immer steht Trotzki grundsätzlich in allen Fragen im Widerspruch zu den So-
zialchauvinisten**, in der Praxis jedoch stimmt er mit ihnen in allen Dingen überein."
(W.I. Lenin, 'Die Lage in der russischen Sozialdemokratie', in: 'Gesammelte Werke',
Band 21, Moskau 1964, S. 284).
Im gleichen Monat ging er auf die
"...hochtrabende Phraseologie ein, mit der Trotzki stets den Opportunismus recht-
fertigt. ...Der phrasendreschende Trotzki hat sogar schon in den einfachen Fragen
vollständig die Orientierung verloren."
(W.I. Lenin, 'Die Niederlage der eigenen Regierung im Imperialistischen Krieg', in:
'Gesammelte Werke', Band 15, Moskau 1964, S. 275).
...und verurteilte gleichzeitig Trotzkis Unterstützung für
"...die Parole 'Weder Sieg noch Niederlage'. ...
Jeder, der für die Parole 'Weder Sieg noch Niederlage' ist, ist bewusst oder unbe-
wusst ein Chauvinist; ...er ist ein Gegner proletarischer Politik, ein Parteigänger der
derzeitigen Regierungen, der herrschenden Klassen. ...
Jene, die für die Parole 'Weder Sieg noch Niederlage' eintreten, befinden sich tat-
sächlich auf der Seite der Bourgeoisie und der Opportunisten, denn sie glauben
nicht an die Möglichkeit internationaler revolutionärer Aktionen durch die Arbeiter-
klasse gegen ihre eigenen Regierungen."
(W.I. Lenin, 'Die Niederlage der eigenen Regierung im Imperialistischen Krieg', in:
'Gesammelte Werke', Band 21, Moskau 1964, SS. 278, 279, 280).
Zwischen Juli und August 1915 wies Lenin darauf hin, dass
"...die Liebhaber von Phrasen..wie Trotzki... - im Gegensatz zu uns - die Friedens-
parole verteidigen."
(W.I. Lenin, 'Die Beurteilung der 'Friedens'-Parole', in: 'Gesammelte Werke', Band
21, Moskau 1964, S. 288).
...und dass
"...Trotzki in Russland...die Einheit mit der opportunistischen und chauvinistischen
Gruppe 'Nasche Sarja'** verteidigt."
(W.I. Lenin, 'Sozialismus und Krieg', in: 'Gesammelte Werke', Band 29, Moskau
1964, S. 312).
Im November 1915 schrieb Lenin:
"Trotzki...wiederholt seine 'originelle' Theorie aus dem Jahre 1905 und weigert sich,
sich ein paar Gedanken dazu zu machen, weshalb das Leben im Laufe der letzten
zehn Jahre diese großartige Theorie überholt hat.
Von den Bolschewiki hat Trotzkis ursprüngliche Theorie den Ruf nach einem ent-
schiedenen proletarischen revolutionären Kampf und den nach der Eroberung der
politischen Macht durch das Proletariat ausgeliehen, während sie von den Mensche-
wiki die 'Verneinung' der Rolle der Kleinbauern übernahm. ...
Trotzki hilft tatsächlich den sozial-liberalen Politikern in Russland, die unter der 'Ver-
neinung' der Rolle der Kleinbauern die Weigerung verstehen, die Bauern zu mobili-
sieren."
(W.I. Lenin, Über die zwei Linien in der Revolution', in: 'Gesammelte Werke', Band
21, Moskau 1964, SS. 419, 420).
1916:
Im März 1916 schrieb Lenin an Henriette Roland-Holst:
"Worin bestehen unsere Differenzen mit Trotzki?...Kurz - er ist ein Kautskianer**."
(W.I. Lenin, Brief an Henriette Roland-Holst, in: 'Gesammelte Werke', Band 43, Mos-
kau 1969, SS. 515-16).
...und noch im gleichen Monat erklärte Lenin:
"Trotzki...ist mit Leib und Seele für Selbstbestimmung, in seinem Fall jedoch...ist es
eine leere Phrase."
(W.I. Lenin, 'Das Friedensprogramm', in: 'Gesammelte Werke', Band 22, Moskau
1964, S. 167).
Lenin im Juni 1916:
"Unabhängig davon, was subjektiv die 'guten' Absichten Trotzkis und Martows* sein
mögen, objektiv unterstützt ihre Schwammigkeit den russischen Sozialimperialis-
mus."
(W.I. Lenin, 'Die Diskussion zur Selbstbestimmung zusammengefasst', in: 'Gesam-
melte Werke', Band 22, Moskau 1964, S. 360).
1917:
Im Februar 1917 schrieb Lenin an Alexandra Kollontai* bzw. an Inessa Armand*:
"Was für ein Schwein dieser Trotzki ist - linke Phrasen und ein Bündnis mit den
Rechten...!!...Er sollte entlarvt werden."
"Trotzki ist kaum angekommen und schon paktiert dieser Schuft mit dem rechten
Flügel von 'Nowi Mir'**. ...Da habt Ihr Euren Trotzki!! Er bleibt sich immer treu: win-
det sich, schwindelt, gibt sich als Linker aus und hilft den Rechten."
(W.I. Lenin, Brief an Alexandra Kollontai bzw. an Inessa Armand, in: 'Gesammelte
Werke', Band 35, Moskau 1966, S. 285 bzw. S. 288).
Im April 1917 berichtete Lenin an die Petrograder Stadtkonferenz der SDAPR:
"Trotzkismus: 'Kein Zar, aber dafür eine Arbeiterregierung'. Das ist falsch."
(W.I. Lenin, Schlussbemerkungen. Debatte über die gegenwärtige Situation, Petro-
grader Stadtkonferenz der SDAPR, in: 'Gesammelte Werke', Band 24, Moskau 1966,
S. 150).
Im Mai 1917 trafen sich die Bolschewiki mit der 'Stadtteil-Organisation', in der Trotzki Mit-
glied war, um die Möglichkeit eines Zusammenschlusses zu erörtern. Auf dem Treffen erklär-
te Trotzki:
"Ich kann mich nicht als Bolschewisten bezeichnen. ...Man kann von uns nicht ver-
langen, den Bolschewismus anzuerkennen. ...Der alte Fraktionsname ist unange-
bracht. "
(L.D. Trotzki, Rede vor der Meschrajontsji**-Konferenz, in: Institut für Marxismus-
Leninismus: 'Gegen den Trotzkismus. Lenins Kampf und der Kampf der KPdSU
gegen den Trotzkismus. Eine Dokumentensammlung', Moskau 1972, S. 122).
Am 15. Dezember 1917 unterzeichnete die neue revolutionäre Regierung Sowjetrusslands
mit Deutschland einen Waffenstillstand, und am 22. Dezember begannen in Brest-Litowsk
die Verhandlungen für einen Friedensvertrag. Trotzki, der die sowjetische Delegation leitete,
hatte folgenden Plan:
"Wir unterbrechen den Krieg und unterschreiben keinen Friedensvertrag - wir lösen
das Heer auf."
(I. Deutscher 1989 (1), S. 175).
Lenin war strikt gegen Trotzkis Plan:
"Lenin sprach sich...ruhig und diskret gegen meinen Plan aus."
(L.D. Trotzki, 'Lenin', New York 1925, S. 135).
...und:
"Trotzki...traf mit Lenin eine private Vereinbarung. ...Was würde passieren, fragte
Lenin besorgt, wenn sie (die Deutschen - Verf.) beschließen, die Feindseligkeiten
wieder aufzunehmen? Lenin war zu Recht davon überzeugt, dass das eintreten wür-
de. Trotzki nahm dieses Risiko auf die leichte Schulter, aber erklärte sich bereit, den
Friedensvertrag zu unterschreiben, falls sich Lenins Befürchtungen als berechtigt er-
weisen sollten."
(I. Deutscher 1989 (1), S. 375).
Am 9. Februar verkündete Trotzki vor der Friedenskonferenz, dass
"...obwohl Russland von der Unterzeichnung eines formellen Friedensvertrages Ab-
stand nehme, es den Kriegszustand mit Deutschland, Österreich-Ungarn, der Türkei
und Bulgarien für beendet erkläre und Anordnungen erlassen habe, die russischen
Streitkräfte an allen Fronten vollständig aufzulösen."
(J.L. Magnes, 'Russland und Deutschland in Brest-Litowsk', New York 1919, S. 132).
Trotzkis Delegation verließ sodann die Friedenskonferenz und kehrte nach Petrograd zurück.
Am 15. Februar 1918 nahm Deutschland, wie Lenin es vorausgesehen hatte, die militärischen
Operationen gegen Sowjetrussland wieder auf.
Am 18. Februar 1918 wies das Zentralkomitee seine Delegation an, sofort einen Friedensver-
trag zu unterzeichnen.
Am 23. Februar 1918 unterbreitete die deutsche Regierung neue Friedensbedingungen, die
wesentlich härter waren als die alten. Der Friedensvertrag von Brest-Litowsk wurde am 23.
März 1918 formell unterzeichnet.
Dazu bemerkte Lenin auf dem 7. Parteitag der RKP (Russischen Kommunistischen Partei -
Übers.) im März 1918:
"Was ich vorausgesagt habe, ist jetzt eingetroffen: Statt des Brester Friedens haben
wir jetzt einen sehr viel demütigenderen Frieden, und die Schuld dafür liegt bei den-
jenigen, die sich geweigert haben, den vorherigen Friedensvertrag zu unterschrei-
ben."
(W.I. Lenin, Politischer Bericht des Zentralkomitees, 7. Außerordentlicher Parteitag
der RKP, in: 'Gesammelte Werke', Band 27, Moskau 1965, S. 102).
In dem Vorwort von 'Gegen den Trotzkismus'..., einer von den sowjetischen Revisionisten
1972 herausgegebenen Schrift, heißt es dazu:
"In der Frage des Brester Friedensvertrags bezog Trotzki einen anti-leninistischen
Standpunkt und setzte die neu entstandene Sowjetrepublik auf kriminelle Weise
einer tödlichen Gefahr aus. Als Leiter der sowjetischen Delegation bei den Friedens-
gesprächen schlug er die Anweisungen des Zentralkomitees der Partei und die der
Sowjetregierung in den Wind. Am entscheidenden Punkt der Gespräche erklärte er,
Die deutsche Armee startete eine Offensive und eroberte weite Gebiete. Das führ-
te dazu, dass von der deutschen Regierung sehr viel härtere Friedensbedingun-
gen unterbreitet wurden."
(Vorwort: Institut für Marxismus-Leninismus, 'Gegen den Trotzkismus...', aaO.,
SS. 13-14).
Die 'Große Sowjetische Enzyklopädie', die 1974 von den sowjetischen Revisionisten her-
ausgegeben wurde, ist ähnlicher Ansicht:
"Nicht weniger abenteuerlich und demagogisch war die Haltung von L.D. Trotzki
(Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten der RSFSR zu der Zeit), der
vorschlug, den Krieg für beendet zu erklären und die Armee aufzulösen, jedoch
nicht den Friedensvertrag zu unterzeichnen. ...
Kurz bevor Trotzki, der Leiter der sowjetischen Delegation, nach Brest abreiste,
kamen er und Lenin, der Vorsitzende des Rates der Volkskommissare, darin über-
ein, die Verhandlungen bis zur Vorlage eines Ultimatums, nach dem der Friedens-
vertrag unterschrieben sollte, mit allen Mitteln hinauszuzögern.
Am 28. Januar unterbreitete Trotzki die abenteuerliche Erklärung, dass Sowjet-
russland den Krieg beenden und seine Armee demobilisieren, den Friedensver-
trag jedoch nicht unterschreiben würde. ...Trotzki weigerte sich weiterzuverhan-
deln, und die sowjetische Delegation verließ Brest-Litowsk."
('Große Sowjetische Enzyklopädie', Band 4, New York 1974, SS. 66, 67).
1920:
Im Dezember 1920 schrieb Lenin:
"Ich habe mich veranlasst gesehen, meine 'Differenzen' mit dem Genossen Trotz-
ki ausführlich darzulegen, weil er bei dem so umfassenden Thema wie das der
'Rolle und Aufgaben der Gewerkschaften' eine Reihe von Fehlern gemacht hat, die,
wie ich meine, das eigentliche Wesen der Diktatur des Proletariats berühren."
(W.I. Lenin, 'Die Gewerkschaften, die gegenwärtige Situation und Trotzkis Fehler',
in: 'Gesammelte Werke', Band 32, Moskau 1965, S. 22).
1921:
Im Januar 1921 kritisierte Lenin Trotzki scharf wegen Vernachlässigung der Parteiaufgaben
und Fraktionismus:
"Das Zentralkomitee richtet eine Gewerkschaftskommission ein und wählt Trotzki
hinein. Trotzki weigert sich, in der Kommission mitzuarbeiten und vergrößert schon
allein durch diesen Schritt seinen ursprünglichen Fehler, was dann in der Konse-
quenz zum Fraktionismus führt."
(W.I. Lenin, 'Die Parteikrise', in: 'Gesammelte Werke', Band 32, Moskau 1965,
S. 45).
...und noch im gleichen Monat kritisierte er ihn wegen seines Vorschlags, die Gewerkschaf-
ten zu 'militarisieren':
"Die Thesen des Genossen Trotzki haben ihn in eine Sackgasse geführt. Jener Teil
davon, der richtig ist, ist nicht neu und wendet sich darüberhinaus gegen ihn. Und
der Teil, der davon neu ist, ist gänzlich falsch. ...
Die politischen Fehler des Genossen Trotzki...lenken die Aufmerksamkeit unserer
Partei von den wirtschaftlichen Aufgaben ab. ...
All seine Thesen, seine ganze Broschüre sind voller Fehler."
(W.I. Lenin, 'Noch einmal zu den Gewerkschaften. Die aktuelle Situation und die
Fehler von Trotzki und Bucharin', in: 'Gesammelte Werke', Band 32, Moskau 1965,
SS. 74, 85, 90).
1922:
Trotzkis Biograf Deutscher beschreibt einen weiteren Konflikt zwischen Lenin und Trotzki
aus dem Jahre 1922, als Trotzki sich weigerte, den Posten eines Stellvertretenden Vor-
sitzenden im Rat der Volkskommissare zu übernehmen:
"Im April 1922 ereignete sich ein weiterer Vorfall, der viel dazu beitrug, dass das
Verhältnis zwischen Lenin und Trotzki sich noch weiter verschlechterte. Am 11.
April...lehnte es Trotzki rundweg und ziemlich überheblich ab, dieses Amt anzu-
nehmen. Die Weigerung und die Art und Weise, in der sie ausgesprochen wurde,
verärgerte Lenin.
Während des ganzen Sommers 1922...hielt die Verstimmung zwischen Lenin und
Trotzki an. ...
Am 11. September...lehnte Trotzki erneut den Posten ab. ...Am 14. September
traf sich das Politbüro und Stalin legte ihm eine Resolution vor, die für Trotzki sehr
unangenehm war. Sie konfrontierte ihn mit dem Vorwurf der Vernachlässigung sei-
ner Pflichten. Die Umstände des Falles wiesen darauf hin, dass Lenin Stalin dazu
veranlasst haben musste, diese Resolution zu entwerfen oder, dass Stalin zumin-
dest dem seine Zustimmung gegeben haben musste."
(I. Deutscher, 'Der unbewaffnete Prophet Trotzki, 1921-29', hiernach zitiert als
'I. Deutscher 1989 (2)', Oxford 1989, SS. 35, 65-66).
Es ist ganz offensichtlich, dass Ende 1922 etwas eingetreten sein musste, dass Lenin
veranlasste, die Meinung, die er bis dahin von Trotzki hatte, radikal zu ändern.
Die 'Georgische Abweichung'
Im Juli 1921 spielte Stalin in einer Rede vor der Tifliser Organisation der Kommunistischen
Partei Georgiens auf das Aufkommen des Nationalismus in Transkaukasien an:
"Der Nationalismus - ob in Georgien, Armenien oder in Aserbaidschan - ...hat in
den vergangenen Jahren in den transkaukasischen Republiken entsetzlich zuge-
nommen und stellt ein Hindernis für gemeinsame Anstrengungen dar. ...
Offensichtlich hat das dreijährige Bestehen von nationalistischen Regierungen in
Georgien (Menschewiki), Aserbaidschan (Mussawatisten**) und Armenien (Dasch-
naks**) seine Spuren hinterlassen."
(J.W. Stalin, 'Die anstehenden Aufgaben des Kommunismus in Georgien und
Transkaukasien', in: 'Werke', Band 5, Moskau 1953, S. 97).
Aus diesem Grunde schlug Lenin vor, Armenien, Aserbaidschan und Georgien zeitweilig
in einer Föderation zu vereinigen. Am 28. November 1921 schrieb Lenin an Stalin, dass
"...eine Föderation transkaukasischer Republiken im Prinzip absolut richtig ist
und unbedingt geschaffen werden sollte."
(W.I. Lenin, Notiz an J.W. Stalin vom 28. November 1921, in: 'Gesammelte Wer-
ke', Band 33, Moskau 1973, S. 127).
"Diese Vereinigung ( zu einer transkaukasischen Föderation - Verf.) war von Lenin
vorgeschlagen worden."
('Große Sowjetische Enzyklopädie', Band 9, New York 1975, S. 495).
Am 29. November 1921
"...wurde dieser Vorschlag...vom Politbüro...einstimmig angenommen."
(J.W. Stalin, Beitrag zur Diskussion des Organisationsberichts des Zentral-
komitees, 12. Parteitag der RKP, in: 'Werke', Band 5, Moskau 1953, S. 234).
Er wurde außerdem von den drei darauffolgenden Beschlüssen des Zentralkomitees be-
stätigt:
"Das Zentralkomitee hat bei drei Gelegenheiten die Notwendigkeit der Erhaltung
der Transkaukasischen Föderation bestätigt."
(J.W. Stalin, ibid., S. 257).
Daraufhin wurde
"...die Transkaukasische Föderation - die Föderative Union der Sozialistischen
Sowjetrepubliken Transkaukasiens - am 12. März 1922 gegründet. ...Im Dezember
1922 wurde die Föderative Union in die Transkaukasische Föderative Sowjetrepub-
lik umgewandelt. ...Die Transkaukasische Föderation existierte bis 1936. In Über-
einstimmung mit der 1936 verabschiedeten Verfassung der UdSSR traten die Ar-
menische, die Aserbaidschanische und die Georgische Sozialistische Sowjetre-
publik der UdSSR als Unionsrepubliken bei."
(Hinweis auf: J.W. Stalin, 'Werke', Band 5, Moskau 1953, S. 421).
Stalin erinnerte den 12. Parteitag der Kommunistischen Partei Russlands im April 1923
daran, weshalb die Bildung der Transkaukasischen Föderation als notwendig erachtet
worden war:
"An einem Ort wie Transkaukasien...ist es unmöglich, auf eine besondere Auto-
rität zur Gewährleistung des nationalen Friedens zu verzichten. Wie Ihr wisst, ist
Transkaukasien ein Land, wo es noch unter dem Zaren Massaker zwischen den
Tataren und Armeniern gab und Kriege zwischen den Mussawatisten, den Dasch-
naks und den Menschewiki. Um diesem Hader ein Ende zu bereiten, musste eine
Autorität zur Gewährleistung des nationalen Friedens geschaffen werden, d.h. eine
höchste Instanz. ...Und deshalb...wurde eine Föderation von Republiken und ein
Jahr später...eine Union von Republiken gebildet."
(J.W. Stalin, Beitrag zur Diskussion des Organisationsberichts des Zentralkomi-
tees, 12. Parteitag der RKP, in: 'Werke', Band 5, Moskau 1953, S. 232).
"Schon sehr früh war Transkaukasien ein Schauplatz von Massakern und Hader,
und unter den Menschewiki und den Daschnaks war es ein Schauplatz des Krie-
ges...
Aus diesem Grunde hat das Zentralkomitee bei drei Gelegenheiten die Notwendig-
keit der Erhaltung der Transkaukasischen Föderation als ein Organ für den natio-
nalen Frieden betont. ...
Das Problem besteht darin, dass der Verband der Transkaukasischen Föderation
Georgien seine in gewisser Weise bevorzugte Position nimmt, die es durch seine
geografische Lage haben könnte. ...Georgien besitzt einen eigenen Hafen - Batu-
mi - über den Waren aus dem Westen hereinströmen; Georgien verfügt in Tiflis über
einen Eisenbahnknotenpunkt, den weder die Armenier noch die Aserbaidschaner
umgehen können. ...Wenn Georgien eine eigene Republik bliebe, wenn es nicht
Teil der Transkaukasischen Föderation wäre, dann könnte es sowohl an Armenien,
das auf Tiflis angewiesen ist, als auch an Aserbaidschan, das von Batumi abhängig
ist, so etwas wie ein kleines Ultimatum stellen.
Es gibt da noch einen anderen Grund. Tiflis ist die Hauptstadt von Georgien, die
Georgier stellen jedoch dort nicht mehr als 30% der Bevölkerung, die Armenier
nicht mehr als 35%, und dann kommen noch all die anderen Nationalitäten. ...
Wenn Georgien eine eigene Republik wäre, dann könnte die Bevölkerungsstruktur
in gewisser Weise verändert werden. ...Gab es da nicht in Georgien einen berühm-
ten Erlass...,um die Bevölkerungsstruktur zu verändern, um die Zahl der Armenier
in Tiflis Jahr für Jahr zu verringern, um ihre Zahl unter die der Georgier fallen zu
lassen, um so Tiflis zu einer wahrhaft georgischen Hauptstadt zu machen?"
(J.W. Stalin, Bericht über nationale Momente in Partei- und Staatsangelegenheiten,
12. Parteitag der RKP, in: 'Werke', Band 5, Moskau 1953, SS. 256, 257, 258-59).
Jedoch sowohl vor als auch nach ihrer Gründung wurde die Transkaukasische Föderation
von einer Gruppe georgischer Nationalisten innerhalb der Kommunistischen Partei Geor-
giens mit Polikarp ('Budu') Mdiwani* und Filipp Makharadse* an der Spitze, die sich als
die 'georgischen Abweichler' einen Namen machten, bekämpft:
"Der Kampf, den die Gruppe georgischer Kommunisten mit Mdiwani an der Spitze
gegen die Direktive des Zentralkomitees die Föderation betreffend führt, reicht bis
in jene Zeit zurück (Ende 1921 - Verf.)."
(J.W. Stalin, Beitrag zur Diskussion des Organisationsberichts des Zentralkomi-
tees, 12. Parteitag der RKP, in: 'Werke', Band 5, Moskau 1953, S. 234).
"Die national-abweichlerische Opposition in den Reihen der Kommunistischen
Partei Georgiens bildete und formierte sich 1921. Im Verlauf des gesamten Zeit-
raums von 1921-1924 führten die georgischen nationalen Abweichler einen erbitter-
ten Kampf gegen die leninsche und stalinsche Nationalitätenpolitik unserer Partei."
(L.P. Berija, 'Geschichte der bolschewistischen Organisationen in Transkaukasien',
London 1939, S. 167).
Später schlossen sich viele der 'georgischen Abweichler' der trotzkistischen Opposition an:
"Im Jahre 1924 schloss sich eine große Zahl von nationalen Abweichlern der dama-
ligen trotzkistischen parteifeindlichen Opposition an."
(L.P. Berija, ibid., S. 167).
Stalin legte vor dem 12. Parteitag dar, dass die Furcht vor einem großrussischen Chauvinis-
mus ganz offensichtlich nicht der Grund für die 'georgische Abweichung' war, da die 'georgi-
schen Abweichler' den Beitritt Georgiens zur Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken als
unabhängiger Staat unterstützten:
"Es gab und gibt immer noch eine Gruppe von georgischen Kommunisten, die nichts
dagegen haben, wenn Georgien der Unionsrepublik beitritt, die aber dagegen sind,
wenn dieser Beitritt über die Transkaukasische Föderation erfolgt. ..
Diese Stellungnahmen weisen darauf hin, dass in der nationalen Frage die Haltung
gegenüber den Russen in Georgien von zweitrangiger Bedeutung ist, denn diese
Genossen, die Abweichler (wie sie genannt werden), haben nichts dagegen, wenn
Georgien der Union direkt beitritt, d.h., sie fürchten sich nicht vor einem großrussi-
schen Chauvinismus, weil sie meinen, das seine Wurzel auf die eine oder andere
Weise ohnehin beseitigt worden sind oder dass er nicht von entscheidender Bedeut-
ung ist."
(J.W. Stalin, Bericht über nationale Momente in Partei- und Staatsangelegenheiten,
12. Parteitag der RKP, in: 'Werke', Band 5, Moskau 1953, S. 257).
Er sah die Ursache für die 'georgische Abweichung' in dem Wunsch der georgischen Natio-
nalisten, die geografischen Vorteile, die ein eigenstaatliches Georgien besitzen würde,
nicht zu verlieren, Vorteile, die sie sich zunutze machen wollten:
"Es sind diese geografischen Vorteile, die die georgischen Abweichler nicht ver-
lieren wollen...,die unsere Abweichler dazu veranlassen, gegen die Föderation
zu sein. ...Sie wollen die Föderation verlassen, und das wird ihnen legale Mög-
lichkeiten schaffen, um unabhängig bestimmte Operationen auszuführen, die
sie in eine vorteilhafte Lage bringen, deren Nutzung die Georgier dann voll gegen
Aserbaidschan und Armenien ausspielen könnnten. All dies würde den Georgiern
in Transkaukasien eine privilegierte Position verschaffen. Darin liegt die ganze
Gefahr. ...
Die georgischen Abweichler...drängen uns auf den Weg, ihnen bestimmte Privilegien
auf Kosten der Armenischen und Aserbaidschanischen Republik einzuräumen.
Aber auf diesen Weg können wir uns nicht einlassen, denn er würde den siche-
ren Tod...für die Sowjetmacht im Kaukasus bedeuten."
(J.W. Stalin, Bericht über nationale Momente in Partei- und Staatsangelegenhei-
ten, 12. Parteitag der RKP, in: 'Werke', Band 5, Moskau 1953, SS. 258, 261).
Die 'georgischen Abweichler', die zwar im Zentralkomitee der Kommunistischen Partei
Georgiens die Mehrheit hatten, bildeten nur eine kleine Minderheit innerhalb der Kommu-
nistischen Partei Georgiens insgesamt:
"Die Mdiwani-Gruppe besitzt in ihrer eigenen Georgischen Kommunistischen
Partei keinerlei Einfluss. ... Die Partei hat zwei Parteitage abgehalten: der erste
fand Anfang 1922 statt und der zweite Anfang 1923. Auf beiden Parteitagen traf
die Mdiwani-Gruppe und ihre Idee, die Föderation zurückzuweisen, auf den ener-
gischen Widerstand in der eigenen Partei. Auf dem ersten Parteitag erhielt Mdi-
wani von insgesamt 122 Stimmen etwa 18 und auf dem zweiten von 144 ungefähr
20."
(J.W. Stalin, Beitrag zur Diskussion des Organisationsberichts des Zentralkomi-
tees, 12. Parteitag der RKP, in: 'Werke', Band 5, Moskau 1953, SS. 234-35).
Aber auch nachdem die Transkaukasische Föderation gegen den Widerstand der 'georgi-
schen Abweichler' gegründet worden war, taten diese alles in ihrer Macht Stehende, um
das Funktionieren der Föderation zu hintertreiben:
"Mdiwani und seine Anhänger, die im Zentralkomitee der Georgischen Kommunis-
tischen Partei über eine Mehrheit verfügten, verlangsamten in der Praxis die Bildung
der wirtschaftlichen und politischen Union der Transkaukasischen Republiken
und setzten im Prinzip alles daran, Georgien in der Isolation zu halten."
(Hinweis auf: W.I. Lenin: 'Gesammelte Werke', Band 45, Moskau 1970, S. 750).
"Die Mdiwani-Gruppe, zu der dann Makharadse und seine Anhänger stießen,
wehrten sich gegen die Einschränkung der georgischen Unabhängigkeit und
unternahmen alles in ihrer Macht Stehende, um die Umsetzung der Direktiven
der Unionsregierung zu verhindern."
(R.G. Suny, 'Die Bildung der georgischen Nation', London 1989, S. 215).
"Die Georgier sabotierten nach besten Kräften die getroffenen Maßnahmen...,
um die wirtschaftliche Vereinigung der drei Republiken zu verwirklichen. Sie
postierten Grenzschützer an den Grenzen zur Republik, verlangten Aufenthalts-
erlaubnisse etc.."
(M. Lewin, 'Lenins letzter Kampf', London 1969, S. 45).
Auf dem 12. Parteitag der Kommunistischen Partei Russlands im April 1923 warf Grigori
('Sergo') Ordschonikidse*, der Erste Sekretär des Transkaukasischen Gebietskomitees,
"...den 'Abweichlern' Mdiwani und Makharadse eine ganze Reihe unsauberer Akti-
vitäten vor: die Weigerung, Zollschranken abzubauen, den Verkauf eines sow-
jetischen Schiffs an Ausländer, Verhandlungen mit der Ottomanischen Bank
oder die Schließung der georgischen Grenze für hungernde Flüchtlinge aus dem
Nord-Kaukasus und der Wolga-Region. ...Aber was noch bedeutsamer war, er
verurteilte die georgische Regierung, weil sie es unterließ, eine umfassende Bo-
denreform durchzuführen und die adligen Landbesitzer ein für allemal zu entmach-
ten."
(R.G. Suny, aaO., S. 218).
Die Politik der Beibehaltung der Transkaukasischen Föderation wurde fortgesetzt, und es
wurden Vorbereitungen getroffen, die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken zu schaf-
fen. Am 6. Oktober 1922 beschloss das Zentralkomitee der Russischen Kommunistischen
Partei,
"...Transkaukasien als Einheit in die Union aufzunehmen."
(R.G. Suny, aaO., S. 216).
Jedoch:
"...bestand die georgische Führung in Tiflis darauf, dass Georgien gesondert ein-
trat. ...Von Tiflis aus telegrafierten die georgischen Führer nach Moskau ihren Pro-
test und kritisierten hitzig das autoritäre Wesen des Transkaukasischen Gebiets-
komitees der Partei."
(R.G. Suny, aaO., S. 216).
"Die Georgier...protestierten gegenüber Moskau und verlangten die Auflösung der
Föderation. Auf diese Forderung antwortete Stalin am 16. Oktober im Namen des
Zentralkomitees und teilte mit, dass sie einstimmig zurückgewiesen worden sei."
(R. Ripes, 'Die Entstehung der Sowjetunion', Cambridge, USA 1964, S. 274).
Danach schickte eine Gruppe von 'georgischen Abweichlern' mit Kate Tzintzadse* und
Sergej Kawtaradse* an der Spitze ein weiteres Protesttelegramm direkt an Lenin, in dem
sie Ordschonikidse massiv angriffen. Lenin wies den Protest scharf zurück und verteidigte
Ordschonikidse in seinem Antworttelegramm vom 21. Oktober 1922:
"Ich muss mich über den unanständigen Ton des Telegramms von Tzintzadse und
anderen wundern. ...Ich war eigentlich sicher, dass alle Meinungsverschiedenheiten
durch die Plenumsresolutionen des ZK durch meine indirekte Beteiligung und durch
die direkte von Mdiwani ausgeräumt worden waren. Deshalb verurteile ich entschie-
den die Beleidigungen gegen Ordschonikidse und bestehe darauf, dass Euer Streit
in einem anständigen und loyalen Ton vor dem ZK-Sekretariat der RKP ausgetragen
wird."
(W.I. Lenin, Telegramm an K.M. Tzintzadse und S.I. Kawtaradse, 21. Oktober 1922,
in: 'Gesammelte Werke', Band 45, Moskau 1970, S. 582).
Nachdem sie Lenins Zurückweisung erhalten hatten, trat der Block 'georgischer Abweichler',
zu dem neun der elf Mitglieder des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Georgiens
gehörten, aus Protest zurück:
"Mit Lenins Wut konfrontiert und von den Führern der Zentrale ins Abseits gestellt,
unternahm das Georgische Zentralkomitee einen einmaligen Schritt: Am 22. Okto-
ber trat es als solches zurück. Ordschonikidse ernannte umgehend ein neues Zen-
tralkomitee mit Leuten, die mit den Moskauer Positionen übereinstimmten, die
Leute um Mdiwani und Makharadse jedoch eskalierten ihren Protest."
(R.G. Suny, aaO., S. 216).
Am 25. November beschloss das Politbüro des Zentralkomitees, eine Kommission mit Felix
Dserschinski, dem Volkskommissar für Innere Angelegenheiten, an der Spitze nach Geor-
gien zu schicken,
"...um sich umgehend mit den Äußerungen von Mitgliedern des Zentralkomitees
der Georgischen Kommunistischen Partei, die zurückgetreten waren, zu beschäf-
tigen, und um Maßnahmen zu treffen, um die Eintracht in der Georgischen Kom-
munistischen Partei wiederherzustellen."
(Hinweis zu: W.I. Lenin, 'Gesammelte Werke', Band 45, Moskau 1970, SS. 656-
57).
Dserschinski erstattete Lenin am 12. Dezember 1922 über die Erkenntnisse der Kommis-
sion Bericht und erwähnte auch, dass
"...die Kommission beschlossen habe, die Mitglieder des ehemaligen Georgischen
Zentralkomitees nach Moskau zu zitieren, welche für alles verantwortlich gemacht
wurden."
(M. Lewin, aaO., S. 68).
Dann, in den letzten Dezembertagen 1922, änderte Lenin, der der Urheber des Projekts der
Transkaukasischen Föderation gewesen war, und der die 'georgischen Abweichler' verurteilt
und Ordschonikidse gegen ihre Attacken in Schutz genommen hatte, plötzlich seine Posi-
tion in diesen Fragen. In dem Dokument, das als 'Lenins Testament' bekannt wurde, und
das er seiner Sekretärin Maria Woloditschewa am 30. Dezember diktierte, geht er davon
aus, dass der Vorwurf des 'georgischen Nationalismus', der gegen die 'georgischen Abweich-
ler' erhoben worden war, 'imaginärer Natur' und das Produkt eines 'großrussischen Chauvi-
nismus aufseiten von Dserschinski' sei:
"Genosse Dserschinski, der sich in den Kaukasus begeben hatte, um das 'Ver-
brechen' jener 'nationalistischen Sozialisten' zu untersuchen, tat sich dort dadurch
hervor, dass er sich dort in echt russischer Manier zeigte (jederman weiß, dass
Leute anderer Nationalitäten, die russifiziert worden sind, diese russischen Attitü-
den übertreiben)."
(W.I. Lenin, 'Die Frage der Nationalitäten oder die "Autonomisierung"', in: 'Gesam-
melte Werke', Band 36, Moskau 1966, S. 606).
Lenin machte jedoch in erster Linie Stalin für diese 'fehlerhafte Politik großrussischen Chau-
vinismus' verantwortlich. Er soll angeblich erklärt haben, dass es nötig sei,
"...den Nichtrussen vor dem Ansturm jenes urtypischen Russen, jenes großrussi-
schen Chauvinisten, jenes Halunken und Tyrannen zu verteidigen. ...
Ich denke, dass Stalins...Gehässigkeit gegen den bekannten 'nationalistischen
Sozialismus' hier eine fatale Rolle gespielt hat. In der Politik spielt Gehässigkeit
im allgemeinen die schändlichste Rolle."
(W.I. Lenin, 'Die Frage der Nationalitäten oder die "Autonomisierung"', in: 'Gesam-
melte Werke', Band 36, Moskau 1966, S. 606).
Am folgenden Tag, den 31. Dezember 1922, soll Lenin ein Postskriptum ähnlichen Inhalts
diktiert haben, in dem er Stalin als
"...den Georgier beschreibt, der...willkürlich mit Anschuldigungen wie 'nationalis-
tischem Sozialismus' um sich wirft, obwohl er selbst ein echter und wahrer 'natio-
nalistischer Sozialist' und sogar ein vulgärer großrussischer Schläger ist. ...
Die politische Verantwortung für diese echt großrussische, nationalistische Kam-
pagne tragen natürlichen Stalin und Dserschinski."
(W.I. Lenin, 'Die Frage der Nationalitäten oder die "Autonomisierung"', in: 'Gesam-
melte Werke', Band 36, Moskau 1966, S. 606).
Im März 1923 diktierte angeblich Lenin einen Brief an Trotzki, in dem er ihn bat, im Zen-
tralkomitee die Sache der 'georgischen Abweichler' zu vertreten:
"Es ist mir ein ernstes Anliegen, dass du dich für die georgische Sache im ZK
der Partei stark machst. Die Sache wird jetzt von Stalin und Dserschinski 'ver-
folgt', und ich kann mich nicht auf ihre Überparteilichkeit verlassen. Ganz im Ge-
genteil - mir wäre besser zumute, wenn du bereit wärst, die Verteidigung aufzu-
nehmen."
(W.I. Lenin, Brief an L.D. Trotzki, 5. März 1923, in: 'Gesammelte Werke', Band
45, Moskau 1970, S. 607).
Trotzki lehnte es ab, in der Angelegenheit tätig zu werden -
"...weil er krank sei."
(Hinweis auf: W.I. Lenin, 'Gesammelte Werke', Band 45, Moskau 1970, S. 757).
Am folgenden Tag soll er einen Brief an die führenden 'georgischen Abweichler' diktiert
haben, in dem er ihnen seine uneingeschränkte Unterstützung für ihre Sache zusagte
und anbot, sie mit Bemerkungen und einer Rede voranzubringen:
"Ich verfolge Eure Sache mit ganzem Herzen. Ich bin empört über Ordschonikidses
Grobheit und das Zusammenspiel von Stalin und Dserschinski. Ich bereite für Euch
Hinweise und eine Rede vor."
(W.I. Lenin, Brief an P.G. Mdiwani, F.Y. Makharadse und andere, 6. März 1923,
in: 'Gesammelte Werke', Band 45, Moskau 1970, S. 608).
Schließlich darf hinzugefügt werden, dass Trotzkis Bemühungen aus dem Jahre 1923,
das Zentralkomitee dazu zu bewegen, die Linie der 'georgischen Abweichler' zu überneh-
men und die Transkaukasische Föderation aufzulösen, klar zurückgewiesen wurden:
"Trotzkis Antrag im Politbüro vom 26. März, Ordschonikidse zurückzubeordern,
die Transkaukasische Föderation zu dezentralisieren und anzuerkennen, dass
die Minderheit in der Kommunistischen Partei Georgiens nicht 'abweichlerisch'
war, fiel mit sechs zu eins Stimmen durch."
(R.G. Suny, aaO., S. 218).
Ganz offensichtlich musste Ende 1922 etwas eingetreten sein, das Lenin veranlasste,
seine Haltung zu Transkaukasien, die er bis dahin eingenommen hatte, radikal zu ändern.
Und dies war genau zu der Zeit, als etwas eingetreten sein musste, das seine Einstellung
gegenüber Stalin und Trotzki, die er bis dahin hatte, radikal änderte.
Lenins Krankheit
Lenin
"...erkrankte schwer gegen Ende 1921 und war gezwungen, sich mehrere Wochen
lang auszuruhen."
(M. Lewin, aaO., S. 33).
Am 23. April 1922 unterzog sich Lenin einer Operation, bei der ihm eine der Kugeln ent-
fernt wurde, die auf ihn bei dem Mordversuch durch die Sozialrevolutionärin Fanja Kaplan
am 30. August 1918 abgefeuert wurde. (Hinweis zu: W.I. Lenin, 'Gesammelte Werke', Band
33, Moskau 1966, S. 527).
Dann - am 26. Mai 1922
"..war die Katastrophe da: Seine rechte Hand und sein rechtes Bein waren gelähmt
und seine Sprechweise war beeinträchtigt, zeitweilig konnte er gar nicht sprechen.
Er erholte sich nur langsam und mühsam. ..Er sollte nie wieder vollständig seine
Gesundheit zurückerlangen. ...Schon bald stand er wieder in der Öffentlichkeit."
(M. Lewin, aaO., SS. 33, 34).
...und am 16. Dezember ereilten ihn
"..zwei weitere gefährliche Schlaganfälle."
(M. Lewin, aaO., S. XXII)
...und
"...am 23. Dezember...erlitt er eine weitere Attacke dieser Krankheit. ...Am nächs-
ten Morgen stellte er fest, dass wiederum ein Teil seines Körpers, seine rechte
Hand und sein rechtes Bein, gelähmt war."
(M. Lewin, aaO., S. 73).
Am 10. März 1923
"...lähmt ein weiterer Schlaganfall die Hälfte von Lenins Körper und raubt ihm das
Sprechvermögen. Lenins politisches Leben ist zuende."
(M. Lewin, aaO., S.XXIV).
Er starb am 21. Januar 1924.
Die Ärzte, die am 22. Januar die Obduktion an Lenin durchführten, stellten fest, dass
"...die zugrundeliegende Krankheit des Toten eine multiple Arteriosklerose der
Gefäße, basierend auf einer vorzeitigen Abnutzung der Blutgefäße, darstellte.
Die Verengung der Gehirnarterien sowie die Störung der Blutzufuhr im Gehirn
bewirkten eine Erweichung des Gehirngewebes, welche für sämtliche Symptome
der Krankheit (Lähmung, Sprechstörungen) verantwortlich gemacht werden kann."
(R. Payne, Bericht über die pathologisch-anatomische Untersuchung des Körpers
von Wladimir Iljitsch Lenin, in: 'Leben und Tod von Lenin', London 1967, S. 632).
Das umstrittene Dokument, das unter dem Namen 'Lenins Testament' bekannt ist, wurde
zwischen dem 23. und dem 31. Dezember 1922 diktiert, mit einem Zusatz, der vom 4. Ja-
nuar stammt, nachdem Lenin bereits vier Schlaganfälle erlitten hatte, die erheblich seine
Gehirnfunktionen beeinträchtigt hatten. Lenins abrupte Meinungsänderungen zu Stalin,
Trotzki sowie zu Transkaukasien lassen sich deshalb zumindest teilweise auf psycho-patho-
logische Faktoren zurückführen.
Die Rolle von Krupskaja
Lenins bemerkenswerter Meinungswandel zu Stalin, Trotzki und Transkaukasien lässt sich
jedoch nicht vollständig auf psycho-pathologische Faktoren zurückführen.
Obwohl ein Plenumsbeschluss des Zentralkomitees vom 18. Dezember 1922
"...Stalin persönlich für die Beachtung des von den Ärzten für Lenin vorgesehenen
Regimes verantwortlich machte",
(R.H. McNeal 1988, S. 73)
und obwohl
"...er im Grunde zu Lenins Vormund bestellt worden war, sah Stalin von der
ihm anvertrauten Person...nach dem 13. Dezember, dem Tag, als er Lenin zum
letzten Mal sah, nichts mehr",
(R.H. McNeal 1988, S. 73)
da
"...ein strenges Reglement eingerichtet und vereinbart worden war, dass keine
Besucher zugelassen sein sollten. ...Es war Lenin nur gestattet, außer den Ärz-
ten und seinen engsten Angehörigen, seine Sekretärinnen zu sehen. ...Man wollte
ihn so vollständig isolieren wie einen Gefangenen der Peter-und-Paul-Festung."
(R. Payne, aaO., S. 555).
Unter diesen Bedingungen der Isolation spielte Lenins Frau Nadeschda Krupskaja* eine
außerordentlich wichtige Rolle. Ihr Biograf Robert McNeal spricht von einer
"..langen persönlichen Abneigung gegenüber Stalin."
(R.H. McNeal, 'Braut der Revolution. Krupskaja und Lenin', hiernach zitiert als 'R.H.
McNeal 1973, London 1973', London 1973, S. 254).
Nach Lenins Tod im Jahre 1924 beteiligte sich Krupskaja aktiv und offen an der Opposition.
McNeal spricht von ihrer
"..Bereitschaft, sich der Opposition zuzuwenden. ...Krupskaja hielt wirklich zur
Opposition. Dabei ist es schwer, genau zu sagen, wann sie in sie eintrat. ...
Sie entschloss sich tatsächlich, ..ein Protestschreiben gegen die offizielle Politik
zu unterschreiben. Dieses Dokument war das Werk von Sinowjew*. ...Kamenjew*,
Krupskaja und Sokolnikow* - der Volkskommissar für Finanzen - unterschrieben
gemeinsam eine 'Plattform', in der sie..die Führung kritisierten. ...Sie zirkulierte
unter den Mitgliedern des Zentralkomitees sowie unter denen der Zentralen Kon-
trollkommission. ...
Der 14. Parteitag (Dezember 1925 - Verf.) bildete den Höhepunkt der Karriere Krups-
kajas in den Reihen der Opposition. ...Man wies ihr die Rolle zu, die Kritik der Oppo-
sition vorzubringen. ..
Krupskaja gehörte...bis Oktober 1926 zur Opposition. ...Sie unterzeichnete den
wichtigsten politischen Aufruf, den die Trotzki-Sinowjew-Opposition in dieser Zeit
herausbrachte, die 'Erklärung der Dreizehn', zusammen mit einem weiteren Pro-
testschreiben gegen die sowjetische Politik in der Frage des Englischen General-
streiks von 1926."
(R.H. McNeal 1973, ibid., SS. 250, 251, 252, 253, 256).
"Krupskaja stand fest hinter Sinowjew und Kamenjew. ...Sie setzte sich jetzt eifrig
für Sinowjews Auslegung des Leninismus ein und sprach sich gegen die Möglich-
keit des Sozialismus in einem Land aus."
(I. Deutscher 1989 (2), S. 247).
Auf dem 15. Parteitag der KPdSU im November 1926 deutete Stalin an, dass Krupskaja mit
der Opposition gebrochen habe:
"Ist es nicht eine Tatsache, dass die Genossin Krupskaja zum Beispiel dabei ist,
den Oppositionsblock zu verlassen? (Stürmischer Applaus)."
(J.W. Stalin, Beitrag zur Diskussion zum Bericht über 'Die sozialdemokratische
Abweichung in unserer Partei', in: 'Werke', Band 8, Moskau 1954, S. 371).
Jedoch bestätigte Krupskaja dies erst sechs Monate später, im Mai 1927:
"Am 20. Mai 1927..brachte die 'Prawda' eine kurze, undatierte Bemerkung von
Krupskaja an die Redaktion. Darin teilte sie der Partei und der allgemeinen
Öffentlichkeit zum ersten Mal mit, dass sie die Opposition verlassen habe. ..
Worte des Bedauerns äußerte sie in keiner einzigen Frage."
(R.H. McNeal 1973, SS. 261-62).
Später
"...rechtfertigte sie sogar ihre Mitgliedschaft in der Opposition so als ob sie be-
rechtigt gewesen sei."
(R.H. McNeal 1973, SS. 262-63).
Robert Payne* - ein Biograf Lenins und wortstarker Kritiker Stalins - gibt zu, dass Krups-
kaja in der Zeit, als Lenin krank war, ihre Position ausnutzte, um ihn mit bestimmten 'In-
formationen' einzudecken:
"...Krupskaja...zeigte nicht die geringste Bereitschaft, die Anordnungen der Ärzte
und des Politbüros auszuführen, und so wurde Lenin mit Bruchstücken von In-
formationen versorgt. ...Während er krank daniederlag, war sie die mächtige Per-
son, die für ihn den einzigen Kontakt zur Außenwelt darstellte."
(R. Payne, aaO., SS. 555-56).
Selbstverständlich waren diese ausgewählten 'Informationen' für Stalin ungünstig und rückten
Trotzki und die 'georgischen Abweichler' in ein günstiges Licht, und Krupskajas Biograf muss
zugeben, dass Stalin allen Grund hatte anzunehmen, dass sie Lenins Haltung ihm gegen-
über in den Jahren 1923-24 beeinflusst hat.:
"Es kann sein, dass sie (Krupskaja - Verf.) Lenins Einstellung Stalin gegenüber be-
wusst oder auch sonstwie beeinflusst hat. ..Stalin hatte Recht, wenn er vermutete,
dass dies der Fall war, wie er später andeutete."
(R.H. McNeal 1973, S. 223).
Payne ist da schon deutlicher:
"Krupskaja tat, was sie tun sollte: Sie führte Krieg gegen Stalin."
(R. Payne, aaO., S. 563).
Am 22. Dezember stellte Stalin Krupskaja am Telefon zur Rede, weil sie Lenin gezielt ein-
seitig 'informierte' und drohte ihr an, die Angelegenheit vor die Zentrale Kontrollkommission
zu bringen. Am folgenden Tag schrieb sie an Kamenjew* einen Brief und beschwerte sich
darin über Stalins 'Grobheit':
"Stalin überschüttete mich gestern mit den übelsten Schimpfwörtern bezüglich
einer kurzen Notiz, die mir Lenin gestern diktiert hatte. ...Ich weiß besser als all
die Ärzte, was man Lenin sagen und was man ihm nicht sagen sollte, denn ich
weiß, was ihn aufregt und was ihn nicht aufregt. Und auf jeden Fall weiß ich es
besser als Stalin. ...
Ich mache mir über den einstimmigen Beschluss der Kontrollkommission, mit dem
mir Stalin drohen möchte, keine Illusionen, aber ich habe weder die Zeit noch die
Energie, um mich auf ein so absurdes Theater einzulassen."
(N.K. Krupskaja, Brief an Kamenjew, 23. Dezember 1922, in: M. Lewin, aaO.,
SS. 152-53).
Als Lenin dieser Vorfall zu Ohren kam, schrieb er am 5. März 1923 an Stalin Folgendes:
"Du bist ziemlich grob gewesen, als du meine Frau am Telefon sprachst und sie
beleidigste. ...Was du meiner Frau angetan hast, betrachte ich auch als gegen
meine Person gerichtet. Deshalb frage ich dich, ob du dich dafür entschuldigen
willst oder ob du es vorziehst, die Verbindungen zwischen uns abzubrechen."
(W.I. Lenin, Brief an J.W. Stalin, 5. März 1923, in: 'Gesammelte Werke', Band
45, Moskau 1970, SS. 607, 608).
Lenins Schwester Maria Uljanowa* schrieb an das Präsidium des Gemeinsamen Plenums
des Zentralkomitees und der Zentralen Kontrollkommission von 1926 und erwähnte, dass
"...Stalin angeboten habe, sich zu entschuldigen."
(Hinweis auf: W.I. Lenin, 'Gesammelte Werke', Band 45, Moskau 1970, S. 758).
Die spätere Geschichte des 'Testaments'
Am 18. Mai 1924 schickte Krupskaja das 'Testament' an Lew Kamenjew, der es an Stalin
als Generalsekretär weitergab. Am Tage darauf übergab Stalin das Dokument dem Vorbe-
reitungsausschuss für den nächsten (13.) Parteitag, der für den 23. Mai 1924 geplant war.
Mit 30 zu 10 Stimmen beschloss der Vorbereitungsausschuss, das Dokument nicht zu
veröffentlichen, sondern es in geschlossener Sitzung den Delegierten vorzutragen,
"..mit der Erläuterung, dass Lenin krank gewesen war."
(R.H. McNeal 1988, S. 110).
"Was die Veröffentlichung des 'Testaments' betrifft, beschloss der Parteitag, es
nicht zu veröffentlichen, da es an den Parteitag adressiert war und nicht veröffent-
licht werden sollte."
(J.W. Stalin, Rede vor dem Gemeinsamen Plenum des ZK und der ZKK der KPdSU,
in: 'Werke', Band 10, Moskau 1954, S. 181).
Der Erste Sekretär Nikita Chruschtschow bestätigte in seiner Geheimrede vor dem 20. Par-
teitag der KPdSU im Februar 1956, dass Lenins 'Testament'
"..den Delegierten des 13. Parteitags vorgetragen wurde, die dann die Frage dis-
kutierten, ob Stalin aus dem Amt des Generalsekretärs entfernt werden sollte."
(N.S. Chruschtschow, aaO., S. 7).
Auf dem Parteitag selbst bot Stalin in Anbetracht der Kritik, die gegen ihn in 'Lenins Testa-
ment' erhoben worden war, seinen Rücktritt als Generalsekretär an:
"Diese Frage...wurde von jeder einzelnen Delegation individuell geprüft, und sämt-
liche Delegationen, einschließlich Trotzki, Kamenjew und Sinowjew*, baten mich,
auf meinem Posten zu bleiben.
Was konnte ich machen? Meinen Posten verlassen? Das ist gegen meine Natur.
Ich habe nie irgendeinen Posten verlassen und ich habe kein Recht, dies zu tun.
...Wenn die Partei mir etwas aufträgt, dann muss ich gehorchen."
(J.W. Stalin, Rede vor dem Gemeinsamen Plenum des ZK und der ZKK der KPdSU,
in: 'Werke', Band 10, Moskau 1954, S. 181).
Chruschtschow bestätigt, dass
"...die Delegierten (des 13. Parteitags - Verf.) sich dafür aussprachen, Stalin in die-
sem Amt zu belassen."
(N.S. Chruschtschow, ibid.).
Auf der ersten Sitzung des Zentralkomitees, das auf dem 13. Parteitag gewählt worden war
und auch noch ein Jahr später bot Stalin seinen Rücktritt an, der jedoch jedesmal abge-
lehnt wurde:
"Auf dem allerersten Plenum des Zentralkomitees nach dem 13. Parteitag bat
ich das Plenum, mich von meinen Pflichten als Generalsekretär zu entbinden. ...
Ein Jahr später bat ich das Plenum erneut, mich zu entlassen, aber ich wurde
dazu verpflichtet, auf meinem Posten zu bleiben. - Was konnte ich tun?
(J.W. Stalin, ibid., S. 181).
Im Jahre 1925 veröffentlichte der Trotzkist Max Eastman* das Buch 'Seit Lenin starb',
das Auszüge aus 'Lenins Testament' enthielt. Dazu Stalin im Oktober 1927:
"Es gibt da einen gewissen Eastman, einen ehemaligen amerikanischen Kommu-
nisten, der später aus der Partei ausgeschlossen wurde. Dieser noble Herr, der
sich in Moskau mit den Trotzkisten zusammentat, schnappte dort ein paar Ge-
rüchte und einigen Klatsch über Lenins 'Testament' auf, ging ins Ausland zurück
und veröffentlichte ein Buch mit dem Titel 'Seit Lenin starb', in dem er sein Bestes
gab, um die Partei, das Zentralkomitee und die Sowjetregierung in ein schlechtes
Licht zu rücken, und alles lief letzten Endes darauf hinaus, dass das Zentralkomi-
tee unserer Partei angeblich 'Lenins letzten Willen' 'verheimliche'."
((J.W. Stalin, Rede vor dem Gemeinsamen Plenum des ZK und des ZKK der
KPdSU, in: 'Werke', Band 10, Moskau 1954, SS. 178-79).
In einer im 'Bolschewik' veröffentlichten Stellungnahme vom September 1925 distanzierte
sich Trotzki in aller Öffentlichkeit von Eastman und stritt ab, dass Lenins Brief an den
Parteitag so etwas wie ein 'Testament' darstelle, was den Gepflogenheiten der Partei zu-
widerliefe:
"Gleich an mehreren Stellen seines Buches behauptet Eastman, dass das Zentral-
komitee der Partei eine ganze Reihe besonders wichtiger Dokumente, die von Le-
nin in der letzten Periode seines Lebens verfasst worden waren (es handelt sich
um Briefe zur nationalen Frage, dem sogenannten 'Testament' und andere) vorent-
hielt. Man kann das nur als Verleumdung des Zentralkomitees unserer Partei be-
zeichnen. Aus dem, was Eastman da sagt, kann man ableiten, dass Wladimir
Iljitsch beabsichtigt habe, jene Briefe, die Ratschläge für die interne Organisation
sein sollten, an die Presse zu geben. Das ist tatsächlich völlig unwahr. ...Es ver-
steht sich von selbst, dass all diese Briefe und Vorschläge...den Delegierten zum
12. und 13. Parteitag vorgelegt wurden und natürlich stets einen gewissen Einfluss
auf die Beschlüsse der Partei ausübten, und wenn nicht alle Briefe veröffentlicht
wurden, so deshalb, weil sein Verfasser sie nicht zu veröffentlichen beabsichtigte.
Wladimir Iljitsch hinterließ nicht irgendeinen 'letzten Willen', und allein schon seine
Einstellung zur Partei und das Wesen der Partei selbst schlossen die Möglichkeit
eines solchen 'letzten Willens' aus. Das, was gewöhnlich unter seinem 'Testament'
unter den Emigranten und in der ausländischen bürgerlichen und menschewisti-
schen Presse verstanden wird - und noch dazu in einer völlig entstellten Version -
bezieht sich auf einen Brief von Wladimir Iljitsch, der Vorschläge für die interne
Organisation enthält. Der 13. Parteitag hat sich sehr eingehend mit diesem Brief
befasst, aber auch mit den anderen, und hat dann aus ihm diejenigen Schlussfolge-
rungen gezogen, die den damaligen Bedingungen und Zeitumständen entsprachen.
Das ganze Gerede von der Verheimlichung oder Verletzung eines 'letzten Willens'
ist eine böswillige Erfindung."
(L.D. Trotzki, 'Zu Eastmans Buch 'Seit Lenin starb' ', in: 'Der Bolschewik', Nr. 16,
1. September 1925, S. 68).
Auf einem Gemeinsamen Plenum des Zentralkomitees und der Zentralen Kontrollkommis-
sion der KPdSU im Oktober 1927, brachte die Opposition jedoch 'Lenins Testament' wie-
der auf den Tisch. Dazu Stalin:
"Die Oppositionellen reklamierten hier lautstark - Ihr habt sie gehört - dass das
Zentralkomitee der Partei Lenins 'Testament' 'verborgen' habe. ...Es ist immer
wieder nachgewiesen worden, dass niemand irgendetwas verborgen hat, dass
Lenins 'Testament' an den 13. Parteitag gerichtet war, dass dieses 'Testament'
dem Parteitag vorgetragen wurde (Stimmen: 'Das stimmt!'), dass der Parteitag
einstimmig beschloss, es nicht zu veröffentlichen, weil unter anderem Lenin
selbst nicht wollte, dass es veröffentlicht wurde und auch nicht bat, es zu veröff-
entlichen."
(J.W. Stalin, Rede vor dem Gemeinsamen Plenum des ZK und des ZKK der
KPdSU, in: 'Werke', Band 10, Moskau 1927, S. 178).
An dieser Stelle bestätigte und kommentierte Stalin öffentlich den Hinweis im 'Testament'
auf seine 'Grobheit' und auf Lenins Vorschlag, ihn als Generalsekretär abzulösen:
"Es wird gesagt, dass Lenin in jenem 'Testament' dem Parteitag in Anbetracht
der 'Grobheit' Stalins vorschlägt, er solle sich mit der Frage beschäftigen, an Stalins
Stelle einen anderen Genossen für das Amt des Generalsekretärs zu bestimmen.
Das ist sicherlich richtig. Ja, Genossen - ich benehme mich grob denen gegen-
über, die auf unverschämte und heimtückische Weise versuchen, die Partei zu
spalten. Das habe ich nicht verheimlicht und verheimliche es auch jetzt nicht.
Vielleicht sollte man den Spaltern gegenüber mehr Milde walten lassen, aber da-
für bin ich ungeeignet. ...
Was jedoch meine politische Linie oder Position angeht, so kann Grobheit mir hier
nicht angelastet werden."
(J.W. Stalin, ibid., SS. 180-81, 182).
Der 15. Parteitag der KPdSU beschloss im Dezember 1927, das 'Testament' in den Partei-
tagsmitteilungen zu veröffentlichen, so dass
"...nach dem 15. Parteitag im Jahre 1927 Lenins 'Testament' unter den aktiven Par-
teimitgliedern etwas stärker bekannt wurde."
(R.A. Medwedjew, 'Lasst die Geschichte urteilen', London 1972, S. 29).
Nach dem Sieg des Revisionismus in der KPdSU nach Stalins Tod im Jahre 1953 zitierte
ihr Erster Sekretär Nikita Chruschtschow ausgiebig aus 'Lenins Testament', als er seine
Geheimrede an den 20. Parteitag im Februar 1956 hielt und Kopien davon wurden
"..an die Delegierten verteilt."
(N.S. Chruschtschow, aaO., S. 6).
Später wurde das 'Testament' in Lenins 'Gesammelten Werken' veröffentlicht.
Schlussfolgerungen
Die Tatsache, dass trotz Lenins hohem Ansehen als führender Marxist in der Welt, seine
Aufforderung im 'Testament', Stalin vom Posten des Generalsekretärs zu entfernen, vom
13. Parteitag der KPdSU zurückgewiesen wurde, sagt viel aus über die Umstände, unter
denen das Dokument schließlich veröffentlicht wurde. Aber sie sagt noch mehr aus über
das hohe Ansehen, das Stalin in der Partei genoss.
Bibliografie
Alexandrow, G.F. u.a., Hrsg., 'Josef Stalin - eine Kurzbiografie', Moskau 1947.
Berija, L.P., 'Zur Geschichte der bolschewistischen Organisationen in Transkaukasien',
London 1939.
Chruschtschow, N.S., Geheimrede an den 20. Parteitag der KPdSU, in: Russisches
Institut, Columbia Universität, Hrsg.: 'Die Anti-Stalin-Kampagne und der Interna-
tionale Kommunismus: eine Dokumentenauswahl', New York 1956.
Deutscher, I. (1), 'Der bewaffnete Prophet: Trotzki, 1879-1921', Oxford 1989.
Deutscher, I. (2), 'der unbewaffnete Prophet: Trotzki, 1921-1929', Oxford 1989.
Grey, I., 'Stalin - Mann der Geschichte', London 1979.
Lenin, W.I., 'Gesammelte Werke', Moskau 1960-70.
Lewin, M., 'Lenins letzter Kampf', London 1969.
Magnes, J.L., 'Russland und Deutschland in Brest-Litowsk', New York 1919.
Marx-Engels-Lenin-Institut: 'Lenin', London 1943.
Medwedjew, R.A., 'Lasst die Geschichte urteilen', London 1972.
McNeal, R.H., 'Braut der Revolution: Krupskaja und Lenin', London 1973.
McNeal, R.H., 'Stalin: Mensch und Herrscher', Basingstoke 1988.
Payne, R., 'Leben und Tod Lenins', London 1964.
Pipes, R., 'Die Entstehung der Sowjetunion', Cambridge (USA) 1964.
Stalin, J.W., 'Werke', Moskau 1952-55.
Suny, R.G., 'Die Entstehung der georgischen Nation', London 1989.
Trotzki, L.D., 'Lenin', New York 1925.
Trotzki, L.D., 'Nos Tâches Politiques', Paris 1970.
Trotzki, L.D., 'Wtaroj Sjesd RSDRP (Otschjet Sibirskoj Delegatsi)', Genf 1903.
Ulam, A.B., 'Stalin - der Mensch und seine Zeit', London 1989.
'Der Bolschewik'
'Große Sowjetenzyklopädie', Band 4, New York 1974.
'Große Sowjetenzyklopädie', Band 9, New York 1975.
Biografische Anmerkungen*
ARMAND, Jelisaweta ('Inessa') F., in Frankreich geborene sowjetische Aktivistin der
Frauenbewegung, 1975-1920, Leiterin der Frauenabteilung beim ZK der KPR(B),
1918-20).
DEUTSCHER, Isaac, polnischstämmiger britischer trotzkistischer Historiker und Journa-
nalist, 1907-67, emigrierte 1939 nach Großbritannien.
DSERSCHINSKI, Felix J., polnischstämmiger sowjetischer marxistisch-leninistischer
Politiker, 1977-1926, Leiter der Tscheka, später der OGPU, 1917-26, Volkskom-
missar für das Nachrichtenwesen und Innere Angelegenheiten, 1921-24, Vorsitzen-
der des Obersten Wirtschaftsrates, 1924-26.
EASTMAN, Max, US-amerikanischer trotzkistischer Autor und Poet, 1883-1969.
FOTIJEWA, Lidja A., 1881- , eine von Lenins Sekretärinnen, 1918-22.
GORKI, Maxim, (eigentlich: Alexander M. Peschkow), sowjetischer marxistisch-leninisti-
scher Schriftsteller, 1868-1936, Präsident der sowjetischen Schriftstellerunion,
1934-36, von revisionistischen Verschwörern ermordet, 1936.
KAMENJEW, Lew B., revisionistischer sowjetischer Politiker, 1883-1936, Volkskommissar
der UdSSR für Handel, 1926-27; Minister für Italien, 1927, Führer der trotzkistischen
Opposition, 1926-28; 1927 aus der KPdSU ausgeschlossen; 1928 wieder aufgenom-
men; Vorsitzender des Hauptkonzessionskomitees, 1929; 1932 erneut aus der Par-
tei ausgeschlossen; 1933 wieder zugelassen; 1934 erneut ausgeschlossen; 1935
wegen Terrorismus inhaftiert; 1936 wegen Landesverrat zum Tode verurteilt und hin-
gerichtet.
KAUTSKY, Karl J., deutscher revisionistischer Politiker, 1854-1938.
KAWTARADSE, Sergej I., nationalistischer georgischer Politiker, 1885-1971, Volkskommis-
sar für Justiz in Georgien, 1921-22; Ministerpräsident Georgiens, 1922-23; Erster
Stellvertretender Staatsanwalt am Obersten Gericht der UdSSR, 1924-28; 1927
aus der Partei ausgeschlossen; 1934 wieder aufgenommen; Stellvertretender Au-
ßenminister der UdSSR, 1941-45; Botschafter in Rumänien, 1945-52.
KOLLONTAI, Alexandra M., sowjetische marxistisch-leninistische Diplomatin, 1872-1952;
Ministerin für Norwegen, 1923-26, 1927-30; Ministerin für Mexiko, 1926-27; Minis-
terin für Schweden, dann dort Botschafterin, 1930-45; Beraterin beim Außenminis-
terium der UdSSR, 1945-52.
KRUPSKAJA, Nadeschda K., Lenins Frau, 1869-1939.
McNEAL, Robert H., US-amerikanischer Historiker, 1930- ; außerordentlicher Professor für
Geschichte an der Universität von Toronto, 1964-69; Professor für Geschichte an der
Universität von Massachusetts, 1969- .
MAKHARADSE, Filipp I., nationalistischer georgischer Historiker und Politiker, 1868-1941;
Präsident von Georgien, 1922-41.
MARTOW, L. (eigentlich: Juli O. Tzederbaum), russischer menschewistischer Führer und
Journalist, 1873-1923; 1920 Emigration nach Deutschland.
MDIWANI, Polikarp ('Budu') G., nationalistischer georgischer Politiker, 1877-1937;
Volkskommissar für die Leichtindustrie und Stellvertretender Ministerpräsident
Georgiens, 1931-36; wegen Trotzkismus aus der Partei ausgeschlossen, 1928,
1931 wieder aufgenommen; 1936 erneut ausgeschlossen; 1937 wegen Landes-
verrat zum Tode verurteilt und hingerichtet.
PAYNE, Robert, in Großbritannien geborener US-amerikanischer Historiker, 1911-83.
ORDSCHONIKIDSE, Grigori ('Sergo') K., sowjetischer marxistisch-leninistischer Politi-
ker, 1886-1937; Erster Sekretär des Transkaukasischen Parteikomitees, 1922-
26; Vorsitzender der Zentralen Kontrollkommission der KPdSU sowie Volkskom-
missar für die Arbeiter- und Bauerninspektion der UdSSR, 1926-30; Vorsitzender
des Volkswirtschaftsrates der UdSSR, 1930-32; Mitglied des Politbüros des ZK
der KPDSU, 1930-37; UdSSR-Volkskommissar für die Schwerindustrie, 1932.
PREOBRASCHENSKI, Jewgeni A., revisionistischer sowjetischer Ökonom, 1886-1937;
Mitglied des Politbüros, Sekretär des Zentralkomitees, Volkskommissar für Finan-
zen, 1921-27; 1927 aus der Partei ausgeschlossen, wegen Landesverrat verurteilt;
starb im Gefängnis, 1937.
ROBESPIERRE, Maximilian F. M. I. de, französischer Revolutionsführer, 1758-94; Leiter
der Jacobinerklubs, 1791-92; Leiter des Komitees für Öffentliche Sicherheit, 1793-
94; 1794 guillotiniert.
ROLAND-HOLST, Henriette, niederländische 'christliche Sozialistin', später Trotzkistin,
Poetin, 1869-1952.
SINOWJEW, Grigori J., sowjetischer revisionistischer Politiker, 1883-1936; Mitglied des
Politbüros des ZK der KPdSU, 1925; 1926 Führer der Leningrader Opposition;
1927 aus der Partei ausgeschlossen; 1928 wieder aufgenommen; 1932 erneut
ausgeschlossen; 1933 wieder aufgenommen; 1935 wegen Terrorismus inhaftiert,
1936 wegen Landesverrat zum Tode verurteilt und hingerichtet.
SOKOLNIKOW, Grigori J., sowjetischer revisionistischer Rechtsanwalt und Ökonom, 1888-
1939; UdSSR-Volkskommissar für Finanzen, 1921-26; Vorsitzender des Ölsyndi-
kats, 1926-28; Botschafter in Großbritannien und Stellvertretender Außenminister
der UdSSR, 1929-34; Stellvertretender UdSSR-Volkskommissar für die Forstindus-
trie, 1934-36; 1936 aus der Partei ausgeschlossen; auf öffentlichem Prozess ange-
klagt wegen Landesverrat und 1937 zu Gefängnishaft verurteilt; starb 1939 im Ge-
fängnis.
TZINTZADSE, Kate M., nationalistischer georgischer Politiker, 1887-1930.
ULJANOWA, Maria I., 1878-1937, Lenins Schwester.