zurück zu Literatur über die Sowjetunion Während des Umbruchs wächst noch einmal die Begeisterung, neue Lebensformen zu erproben: Jugend- und Arbeitskommunen Ein Bericht von Klaus Mehnert, 1930 (Quelle: Klaus Mehnert, Die Jugend in Sowjetrussland. Berlin 1932, S. 74f und 193ff.)
Eine bedeutende Rolle spielte in jener Zeit die Errichtung von Kommunen. Viel Geld und Energie wurde darauf verwandt, in solchen Wohnheimen Jugendlicher die kommunistische Form des Gemeinschaftslebens zu verwirklichen. Heute sind diese Bestrebungen in den Hintergrund gerückt. Man ist nüchterner geworden. Man gibt offen zu, daß es wenig Sinn hat, jetzt schon auf kleinen Inseln das letzte Stadium der sozialen Entwicklung, den Kommunismus, vorwegzunehmen, während ringsherum das ganze Land sich noch in der Liquidation des NEP, in den allerersten Anfängen des Sozialismus befindet. Die Schaffung von Kommunen ist trotz des großen Eifers, mit dem man sie betrieb, mehr eine Verlegenheitsaufgabe gewesen. Deren bedarf es heute nicht mehr. Seit dem Herbst 1928 hat der Komsomol ebenso wie das ganze russische Volk eine höchst konkrete und eindeutige Auf gabe, die die Anspannung aller seiner Kräfte fordert die Erfüllung des Fünfjahrplans. In diesem jüngsten Stadium des sozialistischen Aufbaues fällt der Jugend eine besondere Rolle zu, und das Gigantische des Unternehmens, das Militärische seiner Ausführung, kommt dem Wesen der Jugend stark entgegen. Die Idee der Planwirtschaft, der Gedanke, in einem Jahrfünft die technische Entwicklung des kapitalistischen Westens »einzuholen und zu überholen„, der Wille zur Autarkie, zur Unabhängigkeit vom Ausland, berauschte die darbenden Massen. Gleichsam als wäre der Anschluß an den Bürgerkrieg aufs neue gefunden, so verschwand die unheroische Bürgerlichkeit der NEP-Zeit. Die Traditionen des Bürgerkrieges, Kampflust und kriegerische Stimmung, flammten wieder auf. Das Graue, Alltägliche, Unheldische ... das in Rußland in unzähligen Komsomolzen den Eindruck erweckt hatte, man habe im NEP die Ideale der Revolution verraten, das war mit dem Beginn des Fünfjahrplans endgültig überwunden. Alle schlummernden Kräfte wurden zu neuem Leben erweckt, und als ich in jenem ersten Jahr der »Pjatiletka«'' durch die Sowjetunion fuhr, war jede einzelne Phase des staatlichen, wirtschaftlichen und auch persönlichen Lebens bis hinein in das ferne Sibirien vom Fünfjahrplan erfüllt ... [Dabei stieg die Anziehungskraft der Kommunen noch einmal an, wie ein Beispiel von 1930 zeigt:] Ein stetiges Wachstum der Jugendkommunen ist offensichtlich. Die Zahl ihrer Mitglieder hat schon eine sechsstellige Ziffer erreicht, allein in Leningrad leben gegen 10000 Studenten kollektiviert. Von wesentlich größerer Bedeutung für die gegenwärtige Entwicklung in der Sowjetunion als die Studentenkommunen sind die Kommunen, die sich an den industriellen Werken bilden. Auch hier ein Beispiel: Auf einer Dampfmühle im Nordkaukasus arbeitete ein junger Bursche, Sorokin. Aus den Zeitungen las er vom Bau des »Autostroj«, der Automobilfabrik der Sowjetunion. Der Wunsch erwachte in ihm, dort mitzuarbeiten. Er besuchte in der nächsten Stadt technische Kurse und organisierte unter den Studenten eine Stoßbrigade. Nach Kursschluß meldeten sich alle zweiundvierzig Absolventen, angesteckt von dem Enthusiasmus Sorokins, zum Autostroj. Am 18. Mai 1930 trafen sie ein. Zweiundzwanzig unter ihnen bildeten unter der Führung von Sorokin eine Arbeitskommune, jeder gab seinen Lohn in eine gemeinsame Kasse, aus der alle Ausgaben bestritten wurden. Es war eine ausgesprochene Jugendkommune, niemand war über zweiundzwanzig Jahre alt. Achtzehn gehörten dem Komsomol an, einer der Partei, drei waren parteilos. Der jugendliche Enthusiasmus, mit dem sie sich an die Arbeit machten, ihr Ehrgeiz und ihre Unermüdlichkeit fielen bald den anderen Arbeitern auf die Nerven. Auch der Direktor schikanierte sie und hetzte sie überall herum, statt sie, wie es ihr Wunsch war, an einer einzigen Stelle geschlossen einzusetzen. Da gelang es Sorokin, die Absetzung des Direktors durchzudrücken. Der Nachfolger hatte mehr Verständnis für die Kommune. Sofort meldete sie sich auf einen besonders schwierigen Posten, an dem der Plan nur zu 30 Prozent erfüllt war. Ein Sumpfgelände mußte trockengelegt werden. Sie arbeitete bis an die Knie im Wasser stehend. Vier Kommunarden, darunter die einzige Frau der Kommune, traten aus, sie waren den Strapazen nicht gewachsen. Die achtzehn Übriggebliebenen aber hatten sich zu einer festen, kampffrohen Schar zusammengeschweißt und arbeiteten wie die Wilden. Es herrschte unter ihnen eine eiserne Disziplin. Sie beschlossen sogar, jeden, der länger als zwei Stunden die Arbeit versäumt, aus der Kommune zu werfen. Ein Kommunarde, der sich tatsächlich dieses Vergehens zu Schulden kommen ließ, wurde, obgleich alle ihn gern hatten, mitleidlos ausgeschlossen. Bald war der Plan zu 200 Prozent erfüllt. Der Ruhm der Kommune Sorokin drang in die entferntesten Winkel des Werkes. Jetzt wurde sie systematisch an allen schwierigen und unbefriedigenden Punkten eingesetzt. Überall riß sie die anderen Arbeiter mit, so etwa wie einst im Kriege das Erscheinen einer ruhmgekrönten Jagdstaffel Zuversicht und Kampflust an die gefährdeten Frontabschnitte brachte. Es kam vor, daß die Kommunarden von den 24 Stunden des Tages 20 arbeiteten. Diese angespannte gemeinsame Tätigkeit schloß sie eng aneinander. Es gelang ihnen, zwei Zelte zu beschaffen, wo sie gemeinsam wohnen und essen konnten. So entwickelten sie sich zu einer Vollkommune. Das Beispiel zündete. Als Sorokin und seine Kameraden kamen, hatte es auf dem ganzen Werk 68 Stoßbrigaden mit 1691 Udarniki gegeben, die einzige Kommune bildeten sie selbst. Ein halbes Jahr später, im Herbst 1930, bestanden schon 253 Brigaden, darunter sieben Kommunen. Im Frühjahr 1931 stieg die Zahl der Stoßbrigaden weiter auf 339, die der Udarniki auf 7023, die der Kommunen auf dreizehn. In Anerkennung seiner Verdienste erhielt der Brigadier Sorokin den Orden der Roten Fahne ... |