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Wie die Kollektivierung durchgeführt wurde Lew Kopelew erinnert sich, 1929/30 (Auszug aus Lew Kopelew: „Und schuf mir einen Götzen, S. 238-245) – mit einem Kommentar des Webmasters

 

Im Herbst und Winter 1929/30 arbeitete ich auf der Eisenbahn­station Osnowa bei Charkow als Leiter und Lehrer der Abend­schule für Halbanalphabeten, an der die Eisenbahndepot-Arbeiter und die Frauen aus der Kantine teilnahmen. Mein Jüng­ster Schüler war ungefähr zehn Jahre älter als ich ...

Es war die Zeit der Kollektivierung der Landwirtschaft. Die »erste bolschewistische Aussaat« wurde vorbereitet. Wir zuge­reisten Agitatoren brachten Zeitungen und Broschüren in die Bauernhäuser; lasen Analphabeten daraus vor und erzählten von der internationalen Lage, von dem unermeßlichen Wohl­stand, den das neue Kolchosleben verheiße .. .

Im Dorf Ochotschaja wurde der neugegründete Kolchos von dem 25jährigen »einäugigen Kommissar« Tscherednitschenko geleitet. Anstelle des rechten Auges hatte er eine wulstige, dun­kelrote Narbe, die sich von der Stirn zur Wange hinzog ...

Er hatte früher in der Fabrik »Hammer und Sichel« als Briga­dier der Modell-Schlosserei gearbeitet, wurde stets ins Parteiko­mitee und in die Komiteeleitung gewählt, war Mitglied des Par­tei-Stadtkomitees. Aber die Fabrik verließ er nicht ... Als er ins Parteikomitee gerufen wurde und erfuhr, er solle aufs Land gehen, wehrte sich Tscherednitschenko anfangs: »Ich mag die Bauern nicht, diese Buchweizenstreuer. Ich hab' kein Vertrauen zu ihnen. Da denkt ja jeder nur an sich, an sein Häuschen weitab von allen anderen und an sein eigenes Geld und Gut. Ich verstehe von ihrer Mistwirtschaft überhaupt nichts, bin von Großvater und Urgroßvater her Proletarier. Kann auch ihre Sprache nicht richtig, obwohl ich einen ukrainischen Namen auf -enko habe.«

Ihm wurde erklärt, derartige Redensarten röchen nach Ab­weichung zum Trotzkismus, er dürfe sich nicht dem großen Vertrauen der Partei widersetzen. Es sei auch nicht einfach eine Ehrung. Als früherer Roter Reiter müsse er begreifen, daß das ein Kampfauftrag sei. Die Front sei jetzt auf dem Dorf, die Lage ungefähr so wie im Bürgerkrieg. Der Klassenfeind erhöbe sein Haupt und zeige seine Zähne ...

Vom ersten Tag an war Tscherednitschenko unumschränkter Diktator, eine Woche darauf hatte er die Kollektivierung kom­plett durchgeführt:

»Bei mir ist Entschlossenheit die Hauptsache. Und der Über­raschungseffekt. Damit keiner erst Krach machen kann. Marsch in den Kolchos ohne Wenn und Aber. Die Pferde und Kühe haben wir in vier Höfen untergebracht. Drei von früheren Ku­laken, einer vom Sowchos. ‚Sow’ das heißt sowjetisch. Also, hilf auch auf sowjetisch mit. Pflüge, Sämaschinen, alles übrige - auch auf einen Haufen. Den Schmied habe ich zum Hauptme­chaniker gemacht. Der Junge gehört zu uns, war bei den Parti­sanen. Brigadiere und Vorarbeiter - alle aus früheren Rotarmi­sten ausgesucht: die können Disziplin begreifen. Habe befoh­len, streng auf die Pferdeburschen und die Frauen, die die Kühe versorgen, aufzupassen. Damit die dort ordentlich füttern und melken, und damit das Vieh auch in die Schwemme getrieben und geputzt wird. Alles wie es sich gehört. Ohne Verspätung, ohne Schwindel! Niemand darf an die Kühe und Pferde heran, die ihm früher selber gehört haben. Man muß den Kollektiven Bewußtsein anerziehen. Wenn alles Gemeinschaftseigentum ist, muß man sich den Privatbesitz abgewöhnen. Wir haben bloß noch nicht genug Platz, um die Schweine, Schafe, Gänse und Hühner gemeinsam zu halten. Das Kleinvieh ist noch wie frü­her bei uns einzeln. Aber dafür haben wir eine Buchhaltung aufgezogen - alles bis zum letzten Küken eingetragen. In ande­ren Dörfern haben sie mit dem Abschlachten angefangen. Wol­len das Vieh lieber umbringen, damit der Kolchos es nicht kriegt. Feinde sind das, Knechtsseelen!«

Die Kirche in Ochotschaja diente für die Bewohner mehrerer Dörfer. Der Priester, ein junger Propst, fuhr oft im Landkreis herum, besuchte kranke Gemeindemitglieder und andere Amts­brüder. Tscherednitschenko sprach zornig, aber mit Hochach­tung von ihm:

»Ein pfiffiger Pope, ach, und wie pfiffig! Sehr klug sogar, kann man sagen. Ein richtiger Politiker, der Hundesohn. Hält eine Linie ein, daß man an ihn nicht heran kann. Predigt sogar für die Kolchose. Beweist, daß sie sozusagen dem Gebot des Evangeliums entsprechen. Damit es weder Reiche noch Arme geben soll und damit alle zusammen wie Brüder und Schwe­stern und so weiter. Aber heimlich agitiert er, der Hund - in der Predigt, in Gesprächen und durch seine Kader. Er hat seine alten Weiber in militärischer Ordnung - da kann unsere Agit­prop nur neidisch werden. Und seine Agitation ist ganz raffi­niert: In die Kolchose sollten alle gehen, die ein bißchen reicher sind, sonst würden sie nach Sibirien geschickt. Aber die Dorfar­men, die Landarbeiter, brauchten nicht hin - sie würde die Re­gierung nicht anfassen. Sie seien so was wie sowjetische Adlige. Das ist vielleicht ein Lump! Was der sich da ausgedacht hat!«

... Eines Abends ging Tscherednitschenko mit einigen Akti­visten zu dem Priester. Sie drängten ins Haus, ohne sich die Schuhe abzustreifen und die Mützen abzunehmen, polterten direkt ins Eßzimmer. Der Hausherr trat ihnen ruhig, sogar freundlich entgegen.

»Treten Sie ein, meine unerwarteten, aber hochgeehrten Gä­ste. Setzen Sie sich bitte. Verschmähen Sie nicht ein Gläschen Tee mit Konfitüre.«

»Wir sind nicht hergekommen, um mit dir Tee zu süffeln.«

Tscherednitschenko klappte einen Zipfel seines Uniformmantels hoch, zog aus seiner Reithose eine Pistole und warf sie von der einen Hand zur anderen. »Weißt du, was das ist?«

Die Pfarrersfrau, die wie angewurzelt beim Samowar stand, stöhnte leise. Der Priester blieb ungerührt.

»In Waffen kenne ich mich nicht aus. Aber es ist scheinbar ein Browning.«

»Richtig geraten. Sieben Schuß drin. Und alle sieben kriegst du in deinen Wanst, wenn du nicht morgen noch vor Tag aus dem Dorf verschwindest. Ich hab' nur ein Auge, aber ich sehe weit. Also, verschwinde, daß es im ganzen Kreis nicht mehr nach dir stinkt!« ...

Am Morgen fuhr der Priester ab. Fast bis zum Bahnhof gelei­teten ihn weinende Frauen.

Nach Stalins Artikel „Schwindligwerden vor Erfolgen“ begann man in den Nachbardörfern, die in Gemeineigentum übernom­menen Kühe den Eigentümern zurückzugeben. Mancherorts traten ganze Familien wieder aus dem Kolchos aus - Moskau hatte es erlaubt! - und forderten ihre Pferde, ihre Pflüge, Eggen und das Saatgetreide zurück.

Tscherednitschenko erlaubte, die Kühe denen wiederzuge­ben, die es »sehr wollten«, und »noch kein richtiges Bewußt­sein« besäßen. Aber nicht einmal den Gedanken an einen Aus­tritt aus dem Kolchos ließ er zu.

»Übereilung? Übertreibung? Übergriffe? Na, vielleicht kam so was mal vor. Dort, in Moskau, kann man das besser beurtei­len. Sollen wir deswegen jetzt etwa auch das Erledigte rückgän­gig machen, vielleicht die Kulaken-Fettwänste wieder zurück­transportieren?«

In Ochotschaja begann nun auch eine »Meuterei«. Eine Schar von Frauen belagerte die Pferdeställe und Scheunen des Kol­chos.

Der Vorsitzende des Dorfsowjets, der Sekretär der Parteizel­le, die Kolchos-Brigadiere und Aktivisten verbarrikadierten sich in der Schule, wurden aber nicht angerührt. Ihre Frauen und Mütter konnten ihnen ungehindert zu essen bringen. Tscherednitschenko und zwei Bevollmächtigte des Kreis-Exe­kutivkomitees spannten einen leichten Wagen des Kolchos an und verließen das Dorf. Im zähen, mit tauendem Schnee ver­mischten Schlamm kamen sie schlecht voran. Ein paar jungen liefen mit Knüppeln hinter ihnen her. Tscherednitschenko schoß in die Luft. Die Jungen blieben stehen. Einer rief:

»Los, hau ab, einäugiger Teufel! Und komm nie wieder! Ban­dit, gottverdammter!«

In der Kreisverwaltung herrschte Panik. Eine Kavallerieein­heit des NKWD mit auf Pferdewagen montierten MGs traf ein. Aus Ochotschaja rief der Bevollmächtigte der GPU an. »Ich spreche aus dem Dorfsowjet. Könnt ihr hören, was das für ein Krach ist? Sie suchen Listen. Haben alle Schränke zer­schlagen. Und auf der Straße haben sie ein Feuer gemacht, ver­brennen alle Papiere, die sie gefunden haben. Nein, mich rührt niemand an. Ich bin in Uniform und habe meine Mauser um. Sie sagen, sie seien nicht gegen die Sowjetmacht, nur gegen die schlechten Kommissare und Übertreiber. Ist Tscherednitschen­ko dort? Auf den haben sie eine Mordswut. Er sollte besser nicht herkommen. Die ganze Kolchos-Leitung sitzt in der Schule. Nein, niemandem ist etwas passiert. Ich übernachte auch dort. Aber ich gehe immer allein heraus. Die Dörfler ach­ten mich. Jetzt haben sie einen Dorfältesten gewählt, einen alten Dorfarmen. Haben sogar eine alte Amtskette mit Adler gefun­den. Die Krone haben sie allerdings mit Siegellack zugeklei­stert ...«

Drei Tage darauf traf in Ochotschaja eine halbe Hundert­schaft berittener Miliz mit einem Maschinengewehr-Wagen ein. Der neugewählte Dorfälteste, der Lagerverwalter und noch einige Männer wurden verhaftet und fortgebracht.

Alle Kolchosbauern wurden auf dem Platz vor der Kirche zusammengerufen, um einen neuen Kolchosvorsitzenden zu wählen. Von Tscherednitschenko wurde nicht einmal mehr ge­sprochen. Das Kreiskomitee entsandte ihn in ein anderes Dorf.

 

Kommentar:

 

Lew Kopelew – weder ein Anhänger Stalins oder des Sozialismus - schildert hier seine Eindrücke über die Kollektivierung der Landwirtschaft.

Aus diesen Eindrücken ist folgendes zu interpretieren:

Die Kollektivierung der Landwirtschaft war ein gewaltiger Prozess der 120 Mio. Menschen miteinbezog – und somit ein schwieriges, aber für das Überleben der Sowjetmacht notwendiges Ereignis. Es ist durchaus logisch, dass während der Kollektivierung Parteikader – in diesem Fall Tscherednitschenko – sich nicht auf die Massen stützen und auf ‚kriminelle, administrative’ Maßnahmen zurückgriffen und einige Bauern in die Kolchose zwangen.

J.W. Stalin verfasste deshalb im März 1930 seinen Artikel "Vor Erfolgen von Schwindel befallen", in dem er dieses Vorgehen kritisierte und nochmals nachdrücklich betonte, daß keinerlei Zwang für den Zusammenschluß in Kollektivwirtschaften ausgeübt worden dürfe, wenn dieser nicht völlig den Sinn verlieren sollte. Mit diesem Artikel führte er einen weiteren Beschluß des Zentralkomitees der KPdSU(B) herbei, der einerseits diese Fehler korrigierte und jeden Kommunisten davor warnte, gegen die Politik der Partei zu verstoßen und sich etwa gegen mittlere Bauern zu wenden, der andererseits eine Reihe von Maßnahmen vorsah, um der Bewegung zur Kollektivierung weiter zu helfen, und der sich gegen noch vorhandene innerparteiliche Kritiker an der Kollektivierung wandte, die meinten, das ganze rentiere sich nicht.

Dementsprechend hatten Bauern, die in die Kolchosen gezwungen wurden, das Recht gehabt, dort wieder auszutreten. Dies löste eine Mobilisierung der Bauern gegen Bürokraten aus, so dass diese ihres Postens enthoben wurden – ähnlich wie es Kopelew in seinen Erinnerungen schildert. Ungewollt beweist Kopelew auch, dass die Kollektivierung somit keineswegs ein bürokratischer Terror gegen die Bevölkerung war, sondern sich auf die Massen stützte und dass auch die Bauernschaft nicht gegen die Sowjetmacht war (Zitat: „Sie sagen, sie seien nicht gegen die Sowjetmacht, nur gegen die schlechten Kommissare und Übertreiber.“).