zurück zu Literatur über die Sowjetunion Bucharin und Co. - Gorbatschow rehabilitiert Feinde des SozialismusDer schon von Lenin angeprangerte kleinbürgerliche Zug Bucharins brach in vollem Maße hervor, als die Voraussetzungen geschaffen waren, um die von Lenin eingeleitete Phase der Neuen Ökonomischen Politik (NÖP) – die zeitweilige Zugeständnisse an privatkapitalistische Wirtschaften bedeutete – abzulösen durch die sozialistische Industrialisierung und die schrittweise Kollektivierung der Landwirtschaft. Bucharin, der die NÖP ausführlich theoretisch gerechtfertigt hatte, lief Sturm gegen die neue Entwicklung. Als Mitglied des Politbüros der KPdSU trat er zusammen mit anderen offen gegen die Parteiführung auf. Vor dem ZK-Plenum im April 1929 wies Stalin Bucharins Angriffe grundsätzlich zurück. 1. Bucharin vertrat: Die Kapitalisten auf dem Land (die Kulaken, also Großbauern) und in der Stadt werden friedlich in den Sozialismus hineinwachsen. Tatsache ist aber: Der Sozialismus kann nur siegen, wenn die Kapitalisten in Stadt und Land als Klasse mit der Wurzel ausgerottet werden. »Entweder unversöhnlicher Gegensatz der Klasseninteressen oder die Theorie der Harmonie der Klasseninteressen.« [1] 2. Bucharin vertrat: Mit dem Voranschreiten des Sozialismus verschwindet der Widerstand der Kapitalisten. Tatsache ist aber: Mit zunehmender Stärke der Arbeiterklasse verstärkt sich der Widerstand der Kapitalisten. Darum muß die Kampffähigkeit der Werktätigen in Stadt und Land gehoben statt gesenkt werden. Die Schädlichkeit dieser beiden Bucharinschen Theorien besteht »darin, daß sie die Arbeiterklasse einschläfert, die Kampfbereitschaft der revolutionären Kräfte unseres Landes untergräbt, die Arbeiterklasse demobilisiert und die Offensive der kapitalistischen Elemente gegen die Sowjetmacht erleichtert.« [2] 3. Bucharin vertrat: Es gibt nur eine einheitliche Bauernschaft. Darum trat er auch für jedes beliebige Bündnis mit der Bauernschaft ein. Diese Einstellung unterschätzt vollständig die schwankende Haltung der Zwischenschichten und ihre unterschiedliche Zusammensetzung. Mit der armen Hauptmasse der Bauern muß die Arbeiterklasse ein festes Bündnis schließen, mit den Mittelbauern nur eins unter klarer Führung der Arbeiterklasse, um den kapitalistischen Einfluß zurückzudrängen, während die kapitalistischen Kulaken bekämpft werden müssen. . 4. Bucharin vertrat von den beiden Seiten der NÖP nur die eine: die gewisse Freiheit für den privatkapitalistischen Handel. Die wesentliche andere leugnete er aber: die bewußte Beschränkung des kapitalistischen Marktes durch den sozialistischen Staat und die Aufgabe, den kapitalistischen Sektor möglichst schnell einzuschränken. Bucharin leugnet daher die »Gefahr von rechts, ... die den Markt ‚von den Fesseln befreien’ und auf diese Weise eine Ära der vollen Freiheit des privaten Handels eröffnen möchte.« [3] 5. Bei Bucharin »steht im Vordergrund die Normalisierung des Marktes und die Zulassung des freien Spiels der Preise auf dem Markt für landwirtschaftliche Erzeugnisse, die Zulassung der völligen Freiheit des privaten Handels.« [4] Daher lehnte er die notwendige Höherentwicklung der Landwirtschaft durch schrittweise Kollektivierung und deren notwendige technische Ausstattung durch die sozialistische Industrialisierung als Schlüsselfaktor entschieden ab. Er wollte die Kulaken nicht angreifen und die individuelle Bauernwirtschaft fördern. Stalin weist nach: Bucharin ist »ein Theoretiker ohne Dialektik. Also ein scholastischer Theoretiker.« [5] »Ein Sieg der rechten Abweichung in unserer Partei würde die Kräfte des Kapitalismus entfesseln, die revolutionären Positionen des Proletariats untergraben und die Chancen für die Wiederherstellung des Kapitalismus in unserem Lande erhöhen.« [6] Darum wurden Bucharin und seine Anhänger aus ihren Funktionen; nicht aber aus der Partei entfernt. Die »rechte Linie« war geschlagen. [1] Stalin, Werke, Bd. 12, S. 28 [2] ebenda S. 35 [3] ebenda S. 39 [4] ebenda S. 53 [5] ebenda S. 61 [6] Stalin, aus »Geschichte der KPdSU (B)«, S. 357 ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- Nachdem Bucharins rechtsopportunistische Linie in der KPdSU zurückgeschlagen worden war, übte er oberflächlich Selbstkritik, um in der Partei zu bleiben. Seine ausgeprägte kleinbürgerliche Denkweise in Form von maßlosem Ehrgeiz, Überheblichkeit und absolut fehlender Bereitschaft zu prinzipieller Selbstkritik führten dazu, daß Bucharin die Fronten wechselte: Aus einem - wenn auch schwankenden - Anhänger des Sozialismus wurde ein erbitterter Feind des Sozialismus. Später beschreibt er diesen Prozeß selbst so »Diese, nackte Logik des Kampfes ging Hand in Hand mit einer gedanklichen und psychologischen Entartung.« [1] Er schloß sich darum mehr und mehr mit allen Elementen zusammen, die gegen den sozialistischen Sowjetstaat intrigierten. Vor allem war das die ehemals von ihm bekämpfte »linke« Opposition der Trotzkisten. Diese wiederum hatten in ihrer hemmungslosen Machtgier und ihrem Haß auf den Sozialismus nicht davor zurückgescheut, mit Hitlerdeutschland zusammenzuarbeiten. Der mit Bucharin zum Tode verurteilte - und heute wieder rehabilitierte - trotzkistische Agent Krestinski, langjähriger Sowjetbotschafter in Berlin, gestand: »Wir schlossen ein Abkommen mit dem General von Seeckt und Hess zu dem Zweck, der Reichswehr bei der Errichtung einer Anzahl Basen zur Spionage auf dem Gebiet der U.S.S.R. behilflich zu sein ... Die Reichswehr verpflichtetesich ihrerseits, uns eine jährliche Subvention von 250000Mark auszuzahlen.« [2] Bucharins Mitverschwörer Rykow sagte in den Moskauer Prozessen zur Aufgabe des neugeschmiedeten »Blocks der Rechten und Trotzkisten«: »Er stellte sich die Aufgabe der gewaltsamen Beseitigung des Sowjetsystems auf dem Wege des Verrats und auf dem Wege der Vereinbarung mit den faschistischen Kräften im Ausland ... Unter den Bedingungen der Zerstückelung der UdSSR, der Lostrennung nationaler Republiken.« [3] Und Bucharin gestand: »Wenn ich praktisch meine programmatische Einstellung formulieren soll, so ist dies in wirtschaftlicher Hinsicht der Staatskapitalismus, der wirtschaftstüchtige Einzelbauer, der Abbau der Kollektivwirtschaften, ausländische Konzessionen, das Aufgeben des Einzelhandelsmonopols und als Ergebnis - die Restauration des Kapitalismus.« [4] Deutlich trat in den Moskauer Prozessen gegen die Verbrecherbande zutage: der »Block« war die »Fünfte Kolonne« der Nazis geworden. Der damalige amerikanische Botschafter in Moskau, Joseph E. Davies, rätselte 1941, nach dem Überfall der Nazis auf die Sowjetunion, warum es dort im Gegensatz zu den Quislingen in Norwegen und den Henleins in der Tschechoslowakei keine entsprechende »Arbeit im Innern« der Sowjetunion durch die Nazis gab. »Während ich über diese Konstellation nachgrübelte, sah ich plötzlich das Bild so vor mir, wie ich es damals hätte sehen sollen. Die Geschichte war in den sogenannten Landesverrats- oder Säuberungsprozessen von 1937 und 1938 dargelegt worden, und ich hatte diesen selbst als Zuhörer beigewohnt. Als ich nun von diesem neuen Gesichtswinkel aus die Verhandlungsberichte und meine eigenen Bemerkungen dazu aus jener Zeit wieder durchlas, fand ich, daß so gut wie alle Kniffe und Umtriebe der deutschen Fünften Kolonne, wie wir sie seither kennengelernt haben ... enthüllt und bloßgelegt worden sind.« [5] Angesichts all dieser Tatsachen wird deutlich, warum die sowjetische Führung unter Stalin schließlich mit aller Härte gegen die Verschwörer und Verräter vorging. Woroschilow, Oberkommandierender der Roten Armee, erklärte: »Es ist für einen Einbrecher leichter, einen Einbruch in ein Haus zu verüben, wenn er einen Helfershelfer hat, der ihn einläßt. Wir haben mit. diesen Helfershelfern aufgeräumt.« [6] [1] Zitiert aus M. Sayers, A. E. Kahn, »Die Verschwörung des Blocks der Rechten und Trotzkisten gegen die Sowjetunion«, S. 328 [2] Joseph E. Davies, »Als USA Botschafter in Moskau«, S. 213 [3] »Prozeßbericht Ober die Strafsache des antisowjetischen )Blocks der Rechten und Trotzkisten(; vollständiger stenographischer Bericht«; Moskau 1938, S. 198 [4] ebenda S. 417 [5] Davies, s.o., S. 211 [6] zitiert nach Davies, s.o., S. 215 |