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Alliance Marxist-Leninist (Canada):
(Aus 'Alliance! A Revolutionary Communist Monthly', August 2003, Nr. 6, Übersetzung aus
dem Englischen, Bochum 2003))
INHALT:
Einleitung
1. Die Vorwürfe gegen Berija
2. Stalins Deutschlandpolitik
3. Der Wettlauf zur Elbe - die angloamerikanischen Bemühungen um
einen Separatfrieden mit Deutschland
4. Die Atombombe verändert die geopolitischen Gegebenheiten
5. Stalins Gespräche mit Politbüromitgliedern der Sozialistischen Einheits-
partei Deutschlands (SED)
6. Der 'Berija-Plan', um Ulbrichts 'ultralinker' Politik zu begegnen
7. Der Aufstand
8. Die Verhaftung Berijas
Schlussfolgerungen
Einleitung
Fünfzig Jahre danach werden die Aufstände und Unruhen der Arbeiterklasse vom Juni
1953, die in der gesamten Deutschen Demokratischen Republik (DDR), besonders aber
in Berlin, stattfanden, unter Marxisten-Leninisten kontrovers diskutiert: Einige sagen,
dass sie einen 'echten Aufstand der deutschen Arbeiterklasse' darstellten. Andere, An-
hänger der nachstalinschen UdSSR, meinen, dass es sich dabei um 'imperialistische
Provokationen' handelte.
Alliance Marxist-Leninist bezieht dazu folgenden Standpunkt:
1. Es handelte sich um einen echten Widerstand der deutschen Arbeiterklasse
gegen eine revisionistische Bürokratie. Der Revolte ging eine kriminelle ultra'linke'
Politik seitens Walter Ulbricht voraus.
2. Lawrenti Berija, der den marxistisch-leninistischen Flügel des Politbüros
(der KPdSU - Übers.) repräsentierte, unternahm den Versuch, den sektiereri-
schen Ulbricht auf einen Weg zurückzuführen, der von J. W. Stalin vorgezeichnet
worden war.
3. Berija stimmte mit Stalin darin überein, dass der deutsche Staat unter den
besonderen Verhältnissen des Nachkriegseuropas einen Puffer gegen den Impe-
rialismus darstellte.
Die Vorwürfe gegen Berija
Als die Revisionisten, angeführt von N. Chruschtschow, den Staat der UdSSR unter ihre
Kontrolle bekommen hatten, standen ihnen unentschlossene Kräfte (Malenkow, Molotow ..)
im Wege, jedoch leisteten ihnen aufrechte Marxisten-Leninisten wie Lawrenti Berija aktiven
Widerstand.
Nur wenn Berija liquidiert werden konnte, war garantiert, dass der Staat nicht wieder zum
Marxismus-Leninismus zurückkehren konnte. Die Anklage gegen Berija wurde auf einer Ge-
heimsitzung des kompletten Zentralkomitees der KPdSU, B, das vom 2. bis 7. Juli 1953
tagte, etwa vier Monate nach Stalins Tod, aber nur zwei Wochen nach den Auständen vom
16./17. Juni in Ost-Berlin, vorgetragen.
Der Hauptvorwurf betraf die Frage der 'marxistisch-leninistischen Wachsamkeit'. Andere
Vorwürfe bezogen sich auf angebliche 'verräterische Beziehungen zu Tito' und Versuche,
die Beziehungen zu Jugoslawien wieder zu normalisieren (Amy Knight: 'Berija - Stalins
Oberleutnant', Princeton 1993, S. 206). Ein weiterer wichtiger Anklagepunkt betraf Berijas
Eintreten für ein 'Vereinigtes Deutschland'. Berija war es gewesen, der an herausragender
Stelle Ulbrichts sektiererische Politik verurteilt hatte, der 'entrüstet war, als ich (Ulbricht -
Verf.) mich gegen die Politik, die deutsche Frage 1953 betreffend, stellte' (Ebenda, S. 192).
Eine ganze Reihe von Quellen verweist auf die Bedeutsamkeit dieses Vorwurfes:
"Die sowjetische Führung gibt die folgenden Gründe für die Vorwürfe gegen Berija
an: ..., dass er die Schaffung eines vereinigten Deutschlands als einer 'bürgerli-
chen, friedliebenden Nation' sowie die Aufgabe des Status von Ostdeutschland
als eines separaten, sozialistischen Staates vertrat."
(Plenum des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion: 'Über
die Verbrechen und parteifeindlichen Aktivitäten von Berija', 2.-7. Juli 1953, zitiert
nach: 'Iswestija' (Nachrichten), in: Rachel A. Connell: 'Neue Erkenntnisse über Be-
rijas Sturz').
"Neue Berichte bestätigen, dass Berija bereit war, der Neutralität eines wiederver-
einigten Deutschlands zuzustimmen."
(James Richter: 'Neue Erkenntnisse über den ostdeutschen Aufstand von 1953',
Bericht Nr. 3: 'Die Neubewertung der sowjetischen Politik gegenüber Deutsch-
land während des Berija-Interregnums').
Was war Stalins Auffassung über Ost- und Westdeutschland? Wir gewinnen darüber Auf-
schlüsse durch die berühmten Treffen der Staatsoberhäupter der Alliierten in Teheran (No-
vember 1943), Jalta (Februar 1945) und in Potsdam nach dem Kriege (Juli 1945). Hier kon-
ferierte Stalin direkt mit dem britischen Premierminister Churchill und den US-Präsidenten
Roosevelt in Teheran und Jalta und US-Präsident Truman in Potsdam.
Stalins Deutschlandpolitik
Es wird behauptet, dass Stalin über Deutschland barbarische Ansichten hegte. Es wird
beispielsweise behauptet, dass er bei einer Unterhaltung anlässlich eines Banketts auf der
Teheraner Konferenz, als die Rede auf Deutschland kam und die Vermutung geäußert wur-
de, dass ein künftiges Deutschland erneut Osteuropa und Russland angreifen könne, ge-
sagt haben soll:
"Um diese Katastrophe zu vermeiden, ... müssen zwischen 50.000 und 100.000
deutsche Offiziere liquidiert werden."
(K. Eubank: 'Gipfel in Teheran - die nicht erzählte Geschichte', New York 1985,
S. 314f).
Der US-Diplomat und Dolmetscher Charles Bohlen bestätigt, dass Stalins Bemerkung
als Witz gemeint war. Dennoch wurde dieser Witz Stalins in eine 'Tatsache' verwandelt und
verbreitet, dass Stalin die Köpfe von 100.000 deutschen Soldaten verlangt habe. Auch, dass
er für die folgende Teilung Deutschlands in Ost und West verantwortlich gewesen sei. Briti-
sche und US-amerikanische Geschichtsschreiber stellen es als Tatsache hin, dass Stalin
am Ende des Zweiten Weltkriegs die Absicht hatte, Deutschland zu zerstören:
"Stalin und Roosevelt waren beide entschieden für eine Aufteilung Deutschlands,
um es hilflos und machtlos zu halten. Churchill war nicht der Meinung, dass dies
eine wichtige Frage sei."
(Martin Kitchen: 'Britische Politik gegenüber der Sowjetunion während des Zwei-
ten Weltkriegs', London 1986, S. 175).
Die Wirklichkeit sah jedoch anders aus: Selbst gerissene Feinde der UdSSR mussten
zur Kenntnis nehmen, in welcher Lage sich die Sowjetunion während der Kriegsjahre be-
fand. Averell Harriman, der US-Botschafter in der Sowjetunion, sprach die Warnung aus,
dass
"... unsere Schwierigkeiten mit den Russen, falls es sie überhaupt gibt, darin be-
stehen werden, dass ihre derzeitigen Absichten gegenüber Deutschland mit Blick
auf die Höhe der Wiedergutmachungszahlungen hartnäckiger verfolgt werden als
wir dies zur Zeit annehmen. .."
(W. A. Harriman & E. Abel: 'Sonderbotschafter bei Churchill und Stalin, 1941-46',
New York 1975, S. 249).
Harriman zweifelte nicht an der Aufrichtigkeit von Stalins Ansichten:
"Harriman war der Auffassung, dass Stalins Furcht vor einem wieder erstarkten
Deutschland echt war: 'Ich glaube sicher, dass seine Befürchtungen ehrlich ge-
meint waren'."
(Ebenda, S. 273).
In Teheran zeigte sich Stalin gegenüber den Teilungsvorschlägen der anderen Alliierten
reserviert:
"Roosevelt sprach davon, Deutschland in fünf Teilstaaten aufzuteilen. ...Chur-
chills ... Pläne gingen nicht so weit. Er stimmte zu, dass Preußen von Deutsch-
land abgetrennt werden sollte. ... Stalin hielt wenig von diesen Gedanken. ...Die
Schwierigkeit, irgendeinen Teil Deutschlands in einen größeren Staatenverband
einzugliedern, bestehe darin, dass dadurch ... nur zur Bildung eines neuen gro-
ßen Nationalstaates ermuntert werde."
(Ebenda, S. 280f).
In Jalta ließ Roosevelt durchblicken, dass die Briten auf einer französischen Rolle in
Deutschland bestünden:
" ...Stalin fragte, ob Roosevelt der Meinung sei, dass Frankreich eine Besatzungs-
zone in Deutschland haben solle. Der Präsident gab zu, dass dies 'keine schlechte
Idee' sei, fügte jedoch hinzu, dass er nur aus Gründen der Höflichkeit dieser Mei-
nung sei. Stalin und Molotow stimmten zu."
(K. Eubank: 'Gipfel in Teheran', New York 1985, S. 475).
Roosevelt war für eine Aufteilung Deutschlands. Dass Stalin sich für die 'vorliegende Ver-
sion' (also Roosevelts Teilungspläne - Übers.) stark gemacht haben soll, ist nicht richtig:
"Die Vorstellung, dass Europa auf der Krim (Jalta) aufgeteilt wurde, ist völlig un-
richtig. ... Die sowjetische Seite äußerte ihre Bedenken darüber, dass eine Auf-
teilung realistisch sei. Das Ergebnis war, dass in Jalta beschlossen wurde, diese
Frage an die Europäische Konsultativkommission zu überweisen."
(W. M. Bereschkow: 'An Stalins Seite. Die Erinnerungen seines Dolmetschers',
New York 1994, S. 275).
Die meisten Diskussion auf der Jalta-Konferenz betrafen die Frage der Wiedergutma-
chungszahlungen. Sowohl die US-amerikanischen als auch die britischen Imperialisten
versuchten, der UdSSR umfangreiche Reparationszahlungen vorzuenthalten. Die UdSSR
war von der faschistischen Aggression verwüstet worden - im Unterschied zu den beiden
anderen Alliierten. Stalin verknüpfte deshalb die Deutschlandfrage in erster Linie mit der
Frage der Wiedergutmachungszahlungen.
Der Wettlauf zur Elbe - die angloamerikanischen Bemühungen um einen Sepa-
ratfrieden mit Deutschland
Zwischen den Konferenzen von Jalta und Potsdam (nach Kriegsende) veränderten zwei
wichtige Dinge die Beziehungen zwischen den 'Großen Drei' untereinander. Das erste
war die territorische Kontrolle über den europäischen Kriegsschauplatz.
Dem russischen Drängen nach Aufbau einer Zweiten Front im Westen war lange Wider-
stand entgegengesetzt worden; als die imperialistischen Großmächte jedoch sahen, dass
der Roten Armee der Durchbruch gen Westen gelungen war und durch Europa auf Deutsch-
land losmarschierte, stimmten sie dem Aufbau einer Zweiten Front zu, was die Lage radi-
kal veränderte. Und auch Nazideutschland änderte seine Taktik:
"Die Naziführung änderte völlig unerwartet ihre Taktik. In einer gewaltigen An-
strengung, den russischen Vormarsch zu stoppen, begann sie, ihre Ameen
von der Westfront abzuziehen und ihren Widerstand gegenüber SHAEF (gemeint:
die Westalliierten - Übers.) zu dezimieren. Ende März standen den Amerikanern
und Briten weniger als 30 Divisionen gegenüber, während über 150 gegen die Sow-
jets im Osten kämpften."
(Carolyn Eisenberg: 'Die amerikanische Entscheidung, Deutschland zu teilen,
1944-49', Cambridge 1997, S. 72).
Hinzukam, dass die Deutschen anfingen, den Amerikanern und Deutschen Vorschläge
für einen Separatfrieden zu unterbreiten. Obwohl dies eindeutig den Protokollen von Jalta
widersprach, reagierten die Amerikaner und Briten positiv:
"Botschafter Harriman hat mir einen Brief ... von Mr. Molotow übermittelt, eine Fühl-
ungnahme seitens Feldmarschall Alexanders (mit der Wehrmachtsleitung - Übers.)
die schon in der Öffentlichkeit bekannt gewordene Möglichkeit betreffend, dass
Teile oder die gesamte deutsche Armee in Italien kapitulieren könnten. In diesem
Schreiben verlangt Mr. Molotow, dass wegen der Nichtbeteiligung von sowjetischen
Offizieren an diesen Gesprächen diese Kontaktaufnahme, die in der Schweiz statt-
finden soll, beendet wird."
(Briefwechsel zwischen dem Vorsitzenden des Ministerrats der UdSSR und dem
Präsidenten der USA sowie dem Premierminister von Großbritannien während des
Großen Vaterländischen Krieges von 1941-45: Präsident Roosevelt an Marschall
Stalin, Brief vom 25. März 1945, Moskau 1957, Band 2, S. 188).
Entgegen amerikanischen Beteuerungen nahm Stalin bei Verletzungen des Jalta-Abkom-
mens (über das versprochene Engagement westalliierter Verbände an der Westfront - Übs.)
kein Blatt vor dem Mund, weil damit eine Gefahr für die sowjetischen Truppen verbunden
war. Er machte den Vorwurf, dass dadurch 'Misstrauen erzeugt' würde:
"Ich muss Ihnen mitteilen ..., dass die Deutschen bereits Nutzen aus den Gesprä-
chen mit den Alliierten Kommandeuren gezogen haben, wonach sie drei Divisionen
aus Norditalien abziehen und an die sowjetische Front verlegen dürfen. Die Aufga-
be aufeinander abgestimmter Operationen, die Schläge gegen die Deutschen vom
Westen, Süden und Osten her beinhalten, so wie dies auf der Krimkonferenz (in
Jalta - Verf.) beschlossen wurde, verfolgt den Zweck, den Feind an Ort und Stelle
zu stellen und ihm das Manövrieren zu erschweren, ihn daran zu hindern, seine
Kräfte dorthin zu verlagern, wo er sie am dringendsten benötigt. Das Sowjetische
Kommando tut dies, Feldmarschall Alexander jedoch nicht. Dieser Umstand ruft
beim Oberkommando Irritationen hervor und erzeugt Misstrauen."
(J. W. Stalin an F. Roosevelt, ebenda, S. 190).
Als Präsident Roosevelt Ausflüchte machte, wurde Stalin noch deutlicher:
"Sie haben völlig Recht, ... dass 'die Angelegenheit jetzt in eine Atmosphäre
der Besorgnis und des Misstrauens hineingeraten ist'. Ich stelle fest, dass sich
aus diesen Separatverhandlungen in Bern (mit den Nazis - Übers.) für die anglo-
amerikanischen Truppen gewisse Vorteile ergeben, ... weil sie so, ohne auf Wi-
derstand zu stoßen, in das Herz Deutschlands eindringen können. Aber warum
dies den Russen vorenthalten und warum sind die Russen, Ihre Verbündeten,
nicht im Vorhinein informiert worden?
Was wir also jetzt erleben, ist, dass die Deutschen tatsächlich den Krieg gegen
Großbritannien und Amerika an der Westfront beendet haben. Gleichzeitig führen
sie den Krieg gegen Russland fort, den Verbündeten von Großbritannien und den
USA."
(Marschall Stalin an Präsident Roosevelt, 3. April 1945).
Stalin war klar, dass das Spiel um die Kontrolle der wichtigsten Industriezentren Deutsch-
lands ging:
"Man kann kaum mit der Ansicht übereinstimmen, dass die Abwesenheit von
deutschem Widerstand an der Westfront nur darauf zurückzuführen ist, dass sie
dort besiegt worden wären. Die Deutschen unterhalten 147 Divisionen an der Ost-
front. ... Sie kämpfen verzweifelt gegen die Russen, um Semlenize zu halten, ei-
nen völlig unbekannten Ort in der Tschechoslowakei, das sie genauso dringend
benötigen wie ein toter Mann einen Breiumschlag; auf der anderen Seite ziehen
sie sich völlig widerstandslos aus solch wichtigen Städten im Herzen Deutschlands
wie Osnabrück, Mannheim und Kassel zurück."
(Marschall Stalin an Präsident Roosevelt, 7. April 1945, S. 198).
Die Atombombe verändert die geopolitischen Gegebenheiten
Die zweite wichtige Veränderung, die zwischen Jalta und Potsdam eintrat, war die Atom-
bombe. Dazu Will Thorp, Stellvertretender Minister im Wirtschaftsministerium der USA:
"Es ist jetzt eine Binsenwahrheit, dass Deutschland keine weitere Aggression
unternehmen kann, solange die 'Großen Drei' verbündet bleiben. Der Kern der
US-Sicherheitspolitik für Europa vor der A-Bombe bestand einfach darin, dass
in Jalta ein Abkommen für die gemeinsame Kontrolle Deutschlands zwischen
den USA und der UdSSR (natürlich zusammen mit einer weniger großen Macht
und mit der noch kleineren Macht Frankreich) besiegelt wurde."
(Gar Alperowitz: 'Die Entscheidung, die Atombombe einzusetzen und die Schaf-
fung eines amerikanischen Mythos', New York 1995, S. 278).
In Potsdam manövrierten die Imperialisten schon anders. Die USA und die Briten wuss-
ten bereits, was passiert war (dass die Atombombe erfolgreich getestet worden war - Übs.)
und dass die UdSSR auf Hilfen für den Wiederaufbau angewiesen war. Dazu Präsident Tru-
man:
"Was man nicht, wenn man an Russland und seine Angst vor einem weiteren
Krieg denkt, vergessen darf, ist, dass die Deutschen 25 Millionen Menschen hin-
schlachteten, die in keiner Weise mit dem Militär verbunden waren. Sie vernichte-
ten jeden von der polnischen Grenze bis nach Moskau und Leningrad."
(Präsident Truman, April 1946, zitiert nach G. Alperowitz: Ebenda, S. 289).
Jetzt jedoch, wo die Russen gezwungen waren, sich in Berlin mühsam durchzukämpfen,
war die UdSSR schon nicht mehr für die skrupellosen Alliierten unentbehrlich. Nachdem die
USA auf Jalta Zusagen, was Reparationen an die UdSSR anging, gemacht hatten, versuch-
ten sie jetzt, die eingegangen Verpflichtungen zu relativieren:
"Die wichtigste Streitfrage in Potsdam bestand darin, ... ob es bei den von Roosevelt
auf Jalta gemachten Versprechungen, wonach die Sowjetunion etwa 10 Milliarden $
an Wiedergutmachungszahlungen erhalten sollten, bleiben sollte. ... Die Position,
die jetzt von der US-Delegation eingenommen wurde, war ein 'Nein'. Die urspüngli-
che Position Roosevelts war einfach fallengelassen worden. ... Obwohl es eine Zeit
gab, da die Kontrolle Deutschlands durch die Rote Armee ausschlaggebend zu sein
gewesen schien, verhielten die USA sich jetzt bei den Verhandlungen ziemlich rück-
sichtslos. Darüber, was denn nun diesen grundlegenden Wandel in Potsdam herbei-
geführt haben könnte, äußerten die US-Führer in privaten Unterhandlungen, dass die
Atombombe sie in die Lage versetzt habe, sämtliche Sicherheitsprobleme - ein-
einschließlich die einstige deutsche Bedrohung - in ihrem Sinne zu lösen."
(G. Alperowitz: Ebenda, S. 281).
Marschall Schukow bemerkt, dass Stalin in Potsdam tatsächlich trotz des Drucks seitens
der Imperialisten, keiner Teilung Deutschlands zugestimmt habe:
"Die Frage einer Aufteilung Deutschlands in drei Teilstaaten, nämlich in Süd-
deutschland, Norddeutschland und Westdeutschland, die zum zweiten Mal von
der US-amerikanischen und britischen Delegation aufgeworfen worden war, wurde
sodann sehr ernsthaft diskutiert. Als sie das erste Mal auf der Jaltakonferenz zur
Sprache kam, war sie von der sowjetischen Delegtion schon zurückgewiesen wor-
den. ... In Potsdam wies Stalin sie erneut zurück: 'Wir sind gegen diesen Vorschlag,
weil er der Natur widerspricht. Deutschland sollte nicht zerstückelt werden; es sollte
in einen friedlichen, demokratischen Staat verwandelt werden.' ...Ich muss schon
sagen, dass Stalin hier sehr unnachgiebig den geringsten Versuch seitens der US-
und der britischen Delegation zurückwies, zum Nachteil Polens, der Tschechoslo-
wakei, Ungarns und des deutschen Volkes Beschlüsse zu fassen. Er hatte eine
besonders scharfe Auseinandersetzung mit Churchill ..."
(G. Schukow: 'Erinnerungen und Betrachtungen', Moskau 1984, Band 2, SS. 447,
449f).
Gegen Ende der Potsdamer Konferenz war deutlich geworden, dass die Amerikaner ent-
schlossen waren, im westlichen Teil Deutschlands sich eine imperialistische Präsenz zu
sichern. Dies bedeutete, dass von nun an die Gefahr einer Teilung des deutschen Staates
bestand.
Ein Ziel der Imperialisten bestand zunächst darin, den Umfang der Entschädigungsleist-
ungen für die UdSSR zu begrenzen, indem sie darauf bestanden, dass sämtliche Repara-
tionen den jeweiligen Besatzungszonen entnommen werden sollten. Auf diese Weise sollte
die UdSSR von den Industriegürteln an der Saar und Ruhr abgeschnitten werden.
Molotow wies darauf hin, dass der größte Teil des Reichtums Deutschlands sich in den
von den Imperialisten zu besetzenden Zonen befand. Jedoch vergeblich. Der Hintergedan-
ke dieser 'getrennten' Reparationsentnahmen war die Teilung Deutschlands:
"In Anbetracht der amerikanischen Absichten bestand der heikelste Punkt der
Reparationspläne, darin, dass sie eine Bedrohung für die deutsche Einheit be-
deuteten. ... ."
(C. Eisenberg: Ebenda, S. 114).
Trotz der zwielichtigen Taktik der Imperialisten waren die Sowjets unter Stalins Führung
entschlossen, einen einheitlichen deutschen Staat zu bewahren. Dazu machten sie sogar
'Zugeständnisse', die so weit gingen, dass die US-amerikanische Seite dadurch in eine
schwierige diplomatische Position geriet:
"In einem persönlichen Schreiben an General Eisenhower beschrieb Botschafter
Walter Bedell-Smith (in Moskau - Übers.) das Unbehagen der US-Delegation. Als
er beobachtete, dass Molotow anfing, Zugeständnisse zu machen, gab er zu Be-
denken, dass 'die Schwierigkeit, in der wir uns befinden, die ist, dass wir trotz un-
serer offiziellen Positionen, wir weder den Wunsch noch die Absicht haben, in die
deutsche Vereinigung auf irgendeiner Grundlage, der die Russen zustimmen könn-
ten, einzuwilligen'."
(Ebenda, S. 359).
Molotow wies darauf hin, dass
" ... die Frage der Schaffung einer Regierung für die Westzonen bereits von den
USA beschlossen worden ist."
(Ebenda, S. 357).
1948
" ... hatten die Amerikaner und Briten beschlossen: Es wird zwei Deutschlands ge-
ben. Die östliche Zone wird für die absehbare Zukunft den Russen überlassen, die
westlichen jedoch werden einen separaten Staat bilden. Gemeinsam entwarfen die
beiden Mächte konkrete Pläne, um Westdeutschland zu einer Realität werden zu
lassen."
(Ebenda, S. 363).
Die Imperialisten gingen jetzt daran, die zusammen mit der sowjetischen Führung ausge-
arbeiteten Pläne noch stärker zu sabotieren. Sie kritisierten den gemeinsamen Plan nach
Einführung einer Viermächtewährung. In diesem angespannten politischen Klima machten
die sowjetischen Vertreter der Stadt Berlin und der sowjetischen Zone den Amerikanern
ein wertvolles Geschenk: Marschall Sokolowski, der sowjetische Repräsentant in der Alliier-
ten Kontrollkommission, trat dafür ein, den Ausschuss zu vertagen und verließ die Sitzung.
Dies war der willkommene Vorwand für US-General L. Clay, die Währungsvorschläge seines
Landes nicht mit den Russen abstimmen zu müssen.
Die Spannungen nahmen weiter zu, als der sowjetische General Dratwin am 1. April
1948 zwischen den westlichen Zonen und Berlin eine Verkehrsblockade errichtete. Diese
Aktion spielte einmal mehr den Amerikanern direkt in die Hände. Sie hatten jetzt einen
Grund, nicht mehr die Alliierte Kontrollkommission anrufen zu müssen. Dieser Bluff wurde
zum Propagandacoup der Berliner Luftbrücke. In der Zwischenzeit warf General Clay den
Sowjets vor, einen eigenen ostdeutschen Separatstaat schaffen zu wollen - eine falsche
Behauptung, auf die sich der Stellvertretende Außenminister Lovett gerne berief. Dazu C.
Eisenberg:
"Dies schob den Sowjets die Schuld für die Teilung Deutschlands in die Schuhe."
(Ebenda, S. 396).
Stalin jedoch fuhr auch in dieser Situation fort, für die Wiedervereinigung Deutschlands
zu arbeiten, wie aus seinem Brief an Senator Henry Wallace hervorgeht:
"Trotz der Unterschiede in den Wirtschaftssystemen und Ideologien ist die Ko-
existenz dieser Systeme sowie die friedliche Beilegung von Meinungsverschieden-
heiten zwischen den USA und der UdSSR nicht nur möglich, sondern auch ab-
solut notwendig."
(Ebenda, S. 405f).
Am 14. Juli 1948 wurden die Vorschläge in der sowjetischen Note nach Wiederaufnah-
me der Vereinigungsgespräche bei gleichzeitiger Lockerung der Blockade für den Verkehr
zu und von Berlin abgelehnt. Auch danach noch traf sich Stalin mit den drei westlichen
Botschaftern Walter Bedell Smith (USA), Frank Roberts (Großbritannien) und Yves Cha-
taigneau (Frankreich) zu Gesprächen. Er bot ihnen eine sofortige Aufhebung der Blocka-
de an, falls die Gespräche zur Vereinigung Deutschlands wieder aufgenommen werden
würden (C.Eisenberg: Ebenda, S. 429f). Vergeblich, und wieder einmal mehr lieferte der
sowjetische Vertreter in Berlin, General Sokolowski, den willkommenen Vorwand:
"Er übernahm die Rolle des Saboteurs, indem er die in Moskau in Aussicht
gestellten Zugeständnisse wieder in Frage stellte. ...Das russische Verhalten
enttäuschte General Robertson, der es 'fantastisch' fand, wie Stalin seine
ursprüngliche Haltung geändert hatte."
(Ebenda, S. 437).
Die Teilung Deutschlands in zwei Staaten diente dem imperialistischen Ziel der Schaf-
fung einer Pufferzone für ihre Progaganda des Kalten Krieges. Dadurch sollten die 'ent-
zweienden Absichten der Kommunisten' unterstrichen werden. Stalins Anliegen war es
gewesen, die Absicht zu vereiteln. Die Deutsche Demokratische Republik (DDR) wurde
schließlich doch im Oktober 1949 gegründet. Dennoch gibt es gute Gründe anzunehmen,
dass es Stalin darauf ankam, einen einheitlichen deutschen Staat wiederherzustellen.
Stalins Gespräche mit Politbüromitgliedern der Sozialistischen Einheitspartei
Deutschlands (SED)
Eine Gruppe deutscher 'Kommunisten', die von der ehemaligen Kominternführung (unter
Georgi Dimitroff) ausgesucht worden waren ('Gruppe Ulbricht') und zu der fast durchweg
Revisionisten zählten, kehrte im Frühjahr 1945 nach Deutschland zurück. Nur zwei
spätere Politbüromitglieder, Wilhelm Zaisser und Rudolf Herrnstadt, die in der Sowjet-
armee eine Rolle gespielt hatten, wurden direkt mit Billigung Stalins mit nach Deutsch-
land geschickt. Nach Bildung der KPD, unter Führung von Wilhelm Pieck, Walter Ul-
bricht und Anton Ackermann und der SPD (Ost) unter der Führung von Otto Grotowohl
schlossen sich beide Parteien im April 1946 zur 'Sozialistischen Einheitspartei Deutsch-
lands(SED) zusammen. Stalin hatte mit ihrer Führung mehrere Zusammenkünfte, bei de-
nen die deutsche Frage diskutiert wurde.
Im Jahre 1951/52 verließen Tausende Bürger der DDR über die noch offene innere deut-
sche Grenze in Berlin ihr Land. Im Mai 1952 wurde deshalb die frei passierbare Ost-West-
Grenze in Deutschland von der DDR-Regierung bewacht und stärker befestigt. 1952 gingen
mehr als 232.000 DDR-Bürger in den Westen.
Stalin missbilligte eindeutig die Politik der revisionistischen DDR-Führung. Er warnte vor
einem zu schnellen Tempo bei der Kollektivierung der Landwirtschaft; er warnte vor einer
Entfremdung der Intelligenz und der kleinbürgerlichen Schichten im Allgemeinen. Er hielt
den DDR-Führungen auch vor, dass es nicht richtig sei, nicht mehr auf einen vereinigten
deutschen Staat hinzuarbeiten. Er war auch der Meinung, dass man die DDR nicht schon
als sozialistischen Staat bezeichnen sollte. Er benutzte, ganz im Unterschied zur DDR-
Führung später im Juli auf der Zweiten Parteikonferenz der SED, die Formulierung 'Anfän-
ge des Sozialismus', von denen man aber in der Öffentlichkeit kein großes Aufhebens ma-
chen sollte (Dokumente über die Gespräche Stalins u.a. mit den führenden deutschen Po-
litbüromitgliedern: http.//www.allianceml.com/STALIN-TXT/STALINTOULBRICHT.htm).
"Ihr solltet Euren Arbeitern sagen: 'Wir sind erst gerade mit dem Sozialismus an-
gefangen. Dies ist noch nicht der vollständige Sozialismus, weil Ihr viele private
Kapitalisten habt. Aber es ist der Beginn des Sozialismus, ein kleines Stückchen
Sozialismus und ein Weg hin zum Sozialismus. Ihr solltet beweisen, dass Ihr den
Arbeitern näher seid als die Adenauer-Regierung."
(http://www.allianceml.com/STALIN-TXT/STALINTOULBRICHT.htm).
Um der Abwanderungswelle besonders bei der Intelligenz entgegenzuwirken, trat Stalin
für die Einführung größerer Lohnunterschiede zwischen einfachen Arbeitern und Ingenieu-
ren ein:
" ...Letztens hieß es, dass das Verhältnis zwischen den Löhnen der Arbeiter
und denen von Ingenieuren und technischem Personal 1:1,7 war. Dies ist absolut
falsch. Dadurch gefährdert Ihr Eure gesamte Industrie. ... Der Ingenieur befasst
sich mit geistiger Arbeit. Er braucht eine Wohnung, anständiges Mobiliar; er soll-
te nicht hinter einer Scheibe Brot herrennen müssen. Er sollte einen Lebensstan-
dard genießen, der einer Person, die geistige Arbeit verrichtet, angemessen ist."
(Ebenda).
Stalin bestand auf einer Kollektivierung der Landwirtschaft auf freiwilliger Basis:
"Die reichen Bauern müssen eingekreist werden und Ihr solltet Kollektivfarmen
um sie herum schaffen. Bei uns wurden die Kollektivfarmen gleichzeitig mit der
Enteignung der Kulaken aufgebaut. Ihr braucht das nicht so zu machen. Lasst
Eure Kulaken nur mulmig dasitzen; lasst sie nur alleine. Hinzukommt, dass Ihr
arme Bauern in Euren Dörfern habt, die ganz in der Nähe der Kulaken wohnen.
Sie sollte man für Produktionsgenossenschaften gewinnen. ...Ihr werdet selbst
erleben, dass sich die Bauern jene Kollektivwirtschaften ansehen werden und
wie sich dort das Leben auf neue Weise entwickelt. Ich habe festgestellt, dass
Ihr in Eurer Politik die Bauern nicht hoch einschätzt. ...Zwingt niemand einzutre-
ten; wenn sie wollen - gut; wenn nicht - zwingt sie nicht."
(Ebenda).
Stalin trat energisch für die deutsche Einheit ein:
"Ihr solltet auch in Zukunft weiter für die deutsche Einheit werben. Das ist für
die Erziehung der Menschen in Westdeutschland von großer Bedeutung. Jetzt
ist es eine Waffe in Eurer Hand und Ihr solltet sie immer in der Hand behalten.
Auch wir müssen weiterhin Vorschläge für die deutsche Einheit machen, um die
Amerikaner zu entlarven."
(Ebenda).
Diese Vorschläge sind recht konkret und unzweideutig. Aber schon unmittelbar nach
Stalins Tod (Anfang März 1953, falls man hier von einem natürlichen 'Tod' sprechen kann
- Übers.) verfolgte Ulbricht eine ultra'linke' Politik, was auch dem US-Diplomaten N. Spen-
cer Barnes nicht entgangen war, der dies am 30. April 1953 dem US-Außenministerium
mitteilte (C. Ostermann, Hrsg.: 'Aufstand in Ostdeutschland 1953', Budapest 2001, S. 75).
Ulbricht begann mit der 'Sozialisierung' Ostdeutschlands. Durch die Art, wie diese forcier-
te Sozialisierung durchgeführt wurde, entfremdete sie fast sämtliche Bevölkerungsschich-
ten, einschließlich die Arbeiterklasse und die Bauernschaft dem Sozialismus. Es handelte
sich hier bei der von der revisionistischen SED-Führung verfolgten Politik um eine klare Ab-
kehr von Stalins Ratschlägen. Der sowjetische Vertreter in Ostberlin, Semjonow, gab für
diese Orientierung grünes Licht:
"In einer Denkschrift vom 2. Mai 1953 machte Semjonow ... innerhalb des sowje-
tischen Establishments Außenminister Wjatscheslaw Molotow den Vorschlag,
dass, weil die 'Sozialistische Einheitspartei Deutschlands und die demokratischen
Kräfte in der DDR inzwischen so sehr erstarkt und gereift sind, dass sie in der La-
ge sind, eigenständig die Führung im Land zu übernehmen', die Aufrechterhaltung
der direkten politischen Kontrolle durch die Sowjetunion erheblich verringert wer-
den könne. ... Deshalb brauche man Semjonow zufolge nichts anderes zu tun als
'noch günstigere Bedingungen für den sozialistischen Aufbau in der DDR zu schaf-
fen'."
(C. Ostermann: Arbeitspapier Nr. 11, 'Die Vereinigten Staaten, der ostdeutsche
Aufstand von 1953 und die Grenzen des Rollback', http://wwics.si.edu/index.cfm?
topic_id=1409&fuseaction=library.document&id=441).
Ulbricht stellte sicher, dass eine Resolution des Zentralkomitees über höhere Arbeitsnor-
men verabschiedet wurde und wies an,
"alle notwendigen Schritte einzuleiten, um den Missbrauch auf dem Gebiet der
Arbeitsnormen zu beenden ... und jene von Bedeutung ... um im Durchschnitt
um wenigstens 10% bis zum 1. Juni 1953 zu erhöhen."
(A. Baring: 'Aufstand in Ostdeutschland vom 17. Juni 1953', Cornell 1972, S. 21f).
Diese Strategie der Gruppe Ulbricht in der SED wurde von Berija scharf zurückgewiesen,
weil dadurch der Nährboden für eine Revolte, die in die Hände der Imperialisten spielen wür-
de, bereitet wurde. Seit Stalins 'Tod' war Chruschtschow entschlossen, die UdSSR in eine
den USA gegenüber untergeordnete Position zu manövrieren und Ulbrichts Politik fügte sich
exakt in diese Strategie ein.
Der 'Berija-Plan', um Ulbrichts 'ultralinker' Politik zu begegnen
Berija unternahm nach Stalins 'Tod' den Versuch, eine marxistisch-leninistische Linie im
Bereich der Außenpolitik fortzusetzen. Am 27. Mai 1953 traf sich das Präsidium des Sow-
jetischen Ministerrats, um die Situation in Ostdeutschland zu beraten. Der Ministerrat warn-
te vor einer bevorstehenden Krise und machte dafür die unrichtige Politik der SED verant-
wortlich. Das verabschiedete Dokument ist unter dem Namen 'Berija-Dokument' bekannt
geworden. (Anweisung des Ministerrats der UdSSR über 'Maßnahmen zur Gesundung der
politischen Situation in der DDR', 2. Juni 1953, Nr. 7576-rs, Moskau, http://wwics.si.edu/
index.cfm?topic_id=1409&fuseaction=library.document&id=26760).
Das 'Berija-Dokument' (Ulbrichts Wortwahl) stellte den Rückzug von der ultra'linken' Posi-
tion 'des beschleunigten sozialistischen Aufbaus' dar. Es ging jedoch nicht so weit wie Be-
rija dies eigentlich beabsichtigt hatte, besonders was die deutsche Frage anging:
"Meinungsunterschiede im Präsidium verhinderten, dass die führenden Politiker
zu einem Beschluss kommen konnten. ... Molotow berichtet, dass Berija ihn noch
einmal versuchte davon zu überzeugen, die Wiedervereinigung zu akzeptieren; als
dies jedoch erfolglos blieb, zog er seinen Vorschlag zurück. ...Malenkow war
für die Wiedervereinigung eines neutralen Deutschlands, weil er eine deutsche
Teilung als künstlich und als zur geschichtlichen Entwicklung Deutschlands im
Widerspruch stehend ansah. ... "
(Ebenda).
Obwohl das 'Berija-Dokument' in seiner Schlussfassung nicht genau das war, was Berija
sich erhofft hatte, enthielt es dennoch eine vernichtende Kritik an der Politik der SED-Führ-
ung. Es stellte unumwunden fest, dass die Situation durch die schwerwiegende Entfrem-
dung der deutschen Arbeiter, Bauern und Intelligenz, durch eine 'falsche politische Linie' ge-
schaffen worden sei. Dadurch sei eine 'sehr unbefriedigende politische und wirtschaftliche
Situation' entstanden:
"Als Ergebnis dieser falschen politischen Linie ... ist eine ernste Unzufriedenheit
in breiten Teilen der Bevölkerung, bei Arbeitern, Bauern und in der Intelligenz, mit
den von der DDR-Führung getroffenen politischen und ökonomischen Maßnahmen
entstanden. Dies findet seinen deutlichsten Ausdruck in der Massenflucht von Bür-
gern der DDR nach Westdeutschland. ...Im Verlauf von vier Monaten allein waren
es 1953 120.000. Viele dieser Flüchtlinge sind Arbeiter. ...Es ist bemerkenswert,
dass sich darunter ... 2.718 Mitglieder und Kandidaten der SED und 2.610 Mitglie-
der der FDJ (Freie Deutsche Jugend) befinden."
('Maßnahmen zur Gesundung der politischen und wirtschaftlichen Situation in der
DDR', 2. Juni 1953, ebenda).
Es wird in dem Dokument betont, dass die SED-Führung nach der Zweiten Parteikonfe-
renz von Mitte 1952 (auf der 'der beschleunigte Aufbau des Sozialismus in der DDR' von
der Gruppe Ulbricht in der Parteiführung propagiert und durchgesetzt wurde - Übers.) eine
ultra'linke' Politik verfolgt habe. Die als unrichtig verurteilte Politik habe auch eine Be-
schleunigung des Industrialisierungstempos vorgesehen, eine forcierte Kollektivierung in
der Landwirtschaft sowie eine restriktive Verteilung von Lebensmittelkarten an 'Mitglieder
der freien Berufe':
"Die sozial-ökonomischen Maßnahmen, die ergriffen wurden, ... beinhalteten: die
beschleunigte Entwicklung der Schwerindustrie, obwohl sie über einen Mangel an
Rohmaterialen zu klagen hatte; die rigide Einschränkung der privaten Initiative,
was den Interessen breiter Kreise von Kleineigentümern sowohl in der Stadt als
auch auf dem Lande Schaden zufügte; die Zurückrufung von Lebensmittelkar-
ten für sämtliche privaten Unternehmer und Angehörigen freier Berufe; insbeson-
dere der überhastete Aufbau von landwirtschaftlichen Genossenschaften bei
Fehlen der dafür erforderlichen Grundlagen, was zu ernsten Versorgungsschwie-
rigkeiten der Bevölkerung mit Fertigwaren und Lebensmitteln führte; ein schar-
fer Rückgang des Wechselkurses der Mark; der Ruin einer großen Zahl von
kleinen Handwerksbetrieben, von Heimarbeitern und anderen.
Sie brachten ebenfalls einen großen Teil der Bevölkerung gegen die bestehen-
den Behörden auf. Die Sache ist inzwischen so weit gediehen, dass zur Zeit
mehr als 500.000 ha Land vernachlässigt bzw. nicht mehr bearbeitet werden
und die sparsamen deutschen Bauern, die normalerweise ein enges Verhältnis
zu ihrem Land haben, haben damit begonnen, dieses im Stich zu lassen und
sich en masse in Richtung Westdeutschland in Bewegung zu setzen."
(Ebenda).
Hinzukam, dass auf ideologischem Gebiet ernste Fehler begangen wurden, insbeson-
dere was das Verhältnis zum Klerus und zur Intelligenz anging:
"Im Verhältnis zum Klerus sind ernste Fehler gemacht worden, was in der
Unterschätzung des kirchlichen Einflusses in breiten Bevölkerungskreisen
und in rüden bürokratischen Methoden und Verboten zum Ausdruck gekom-
men ist. Die Unterschätzung der politischen Arbeit in Kreisen der Intelligenz
muss auch als ein ernster Fehler bezeichnet werden. ..."
(Ebenda).
In dem Dokument wird unzweideutig gefordert, dass die SED Fehler zugeben sollte
und es werden Vorschläge zu ihrer Abhilfe gemacht:
"All dies beschwört eine ernste Gefahr für die politische Stabilität der Deut-
schen Demokratischen Republik herauf. Um die entstandene Situation zu be-
reinigen, ist es notwendig, den Kurs des beschleunigten sozialistischen Auf-
baus in der DDR, der von der SED beschlossen wurde, als unter den gegebe-
nen Verhältnissen verfehlt anzusehen."
(Ebenda)
In dem Dokument werden die folgenden Maßnahmen zur Gesundung der politischen
und wirtschaftlichen Lage in der DDR vorgeschlagen (Maßnahmen des 'Neuen Kurses'
- Übers.). Es fordert
" ... den Stop der zwangsweise errichteten landwirtschaftlichen Produktions-
genossenschaften, die sich in der Praxis nicht bewähren konnten und Unzu-
friedenheit in der Bauernschaft ausgelöst haben; die Überprüfung aller be-
stehenden landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften und die Auf-
lösung jener, die auf einer nicht freiwilligen Grundlage errichtet wurden sowie
auch jener, die sich als nicht lebensfähig erwiesen haben. ...
Es bezeichnet, die Auspressung und Einengung der mittleren und kleineren
Kapitalisten als eine verfrühte Maßnahme. ... Es fordert, auch an private Unter-
nehmer und an ... Personen der freien Berufe Lebensmittelkarten zu vergeben;
es fordert, den Fünfjahrplan für die Entwicklung der Volkswirtschaft der DDR
zu überarbeiten, mit dem Ziel, das außerordentlich intensive Tempo der Ent-
wicklung der Schwerindustrie abzubremsen und die Produktion von Waren des
Massenkonsums energisch voranzutreiben; es fordert, die vollständige Garan-
tie der Lebensmittelversorgung der Bevölkerung und die Abschaffung des Le-
bensmittelkartensystems in der nahen Zukunft;
es fordert, Maßnahmen zur Stärkung der Rechtssicherheit und der Garantie
der Bürgerrechte zu ergreifen und Abstand vom Gebrauch solcher strenger
Strafmaßnahmen zu nehmen, die nicht unbedingt notwendig sind. Die Akten
von Bürgern, die in der Vergangenheit mit dem Gesetz in Konflikt geraten
sind, sind einer neuerlichen Überprüfung zu unterziehen, mit dem Ziel, Per-
sonen aus der Haft zu entlassen, die aus unzureichenden Gründen vor Ge-
richt gestellt wurden. Angemessene Änderungen diezbezüglicher Art sind
im Strafrecht vorzunehmen. ...
...Besondere Aufmerksamkeit muss der politischen Arbeit unter der Intelli-
genz gewidmet werden, um bei dem Kern der Intelligenz eine Wende in Rich-
tung einer aktiven Teilnahme an der Durchführung von Maßnahmen zur Stabili-
sierung der bestehenden Ordnung zu bewirken. ...
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt und in der nahen Zukunft ist es nötig, die Auf-
gaben des politischen Kampfes zur Wiederherstellung der nationalen Einheit
Deutschlands und zum Abschluss eines Friedensvertrages in das Zentrum
der Aufmerksamkeit bei den breiten Massen des deutschen Volkes, sowohl
in der DDR als auch in Westdeutschland, zu rücken. ...
Die Propaganda, die in letzter Zeit zur Notwendigkeit des Übergangs der DDR
zum Sozialismus betrieben wurde und die die Parteiorganisationen der SED
zu überhasteten Schritten sowohl auf politischem als auch auf wirtschaftlichem
Gebiet verleitet haben, muss als verfehlt angesehen werden. ...
Was das Verhältnis zum Klerus betrifft, so muss mit der Anwendung rein ad-
ministrativer Methoden Schluss gemacht werden. ...Die einfachen Mitglieder
religiöser Jugendorganisationen, insbesondere die der 'Jungen Gemeinde', dür-
fen nicht länger Schikanen ausgesetzt sein, auch um zu erreichen, dass der
Schwerpunkt ihrer Arbeit wieder die politische Arbeit wird."
(Ebenda).
Der Aufstand
Obwohl sich die Ulbricht-Führung sträubte, musste sie doch zumindest einen takti-
schen Rückzug vornehmen. Tatsächlich fand sie sich bereit, die Lebensbedingungen
der Intelligenz und der Mittelschichten umfassend zu verbessern; sie beließ es jedoch,
was die Arbeiterklasse anging, bei der beschlossenen zehnprozentigen Normenerhöhung,
was Verdächtigungen hervorrief (Tatsächlich wird die Rücknahme der Normenerhöhung
in dem 'Berija-Dokument' nicht ausdrücklich gefordert - Übers.). Dieser taktische Rück-
zug der SED-Führung ist unter dem Namen 'Neuer Kurs' bekannt geworden:
"Um die Dinge noch zu verschlimmern, waren es die Arbeiter, die als einzige
soziale Schicht der Bevölkerung von den Zugeständnissen des 'Neuen Kurses'
ausgespart zu bleiben schienen: die willkürliche Heraufsetzung der Arbeitsnor-
men blieb in Kraft."
(Ostermann-Papier: 'Studie zu Auslösung, Ausbruch und Niederschlagung des
faschistischen Abenteuers vom 16.-22.Juni 1953, 20. Juli 1953, Papier Nr. 11,
ebenda).
Schon seit dem 2. Juni gab es Anzeichen für Arbeiterunruhen (Bericht von Marschall
Sokolowski, Hochkommissar Semjonow und Pavel Judin, in: C. Ostermann: 'Aufstand
in Ostdeutschland 1953', ebenda, S. 258).
Der plötzliche und überstürzte Rückzug der SED-Parteiführung um Walter Ulbricht,
der für die Arbeiter keine Rücknahme der Normenerhöhungen zur Folge hatte, löste
bald Schwerwiegenderes aus: Am 16. Juni 1953 organisierten Hunderte Ostberliner
Bauarbeiter eine Demonstration und riefen für den nächsten Tag zum Generalstreik
auf. Erst jetzt fand sich die SED-Führung bereit, sich mit der Frage der Normenerhö-
hungen zu beschäftigen. Zu spät. Am Tag darauf, den 17. Juni 1953, brachen Aufstän-
de und Massenproteste aus, an denen sich über zu 500.000 Menschen in 350 Städten
der DDR beteiligten. Der Einsatz sowjetischen Militärs war erforderlich, um den Auf-
stand blutig niederzuschlagen.
Die US-amerikanischen Absichten zur Sabotierung der deutschen Einheit bekamen
Auftrieb. Die Amerikaner enthielten sich jeglicher militärischer Schritte. Die provokative
Ulbricht-Strategie, die sich sowohl gegen die Arbeiterklasse als auch gegen die Bauern-
richtete, gewährleistete nun das Scheitern jeglicher Versuche, zu einem vereinigten
deutschen Staat in nächster Zukunft zu gelangen.
"Die Eisenhower-Regierung erfand eine Strategie der psychologischen Kriegs-
führung, die auf wirksame Weise aus der Instabilität der DDR Nutzen zog ...
und gleichzeitig jede künftige sowjetische Initiative für die deutsche Einheit
und die 'Friedensoffensive' der neuen Führung zu unterminieren gestattete.
... Die amerikanische Antwort auf den Aufstand in Ostdeutschland kann am
besten als eine hervorragende Übung in Sachen 'doppelte Eindämmung' be-
schrieben werden. ... Sie untergrub die Ausnutzung des deutschen Nationalis-
mus durch die Sowjets dadurch, dass sie Moskau und Ostberlin deutlich in der
Defensive hielt und gleichzeitig wies sie den deutschen Nationalismus dadurch
in die Schranken, dass sie die Aussichten auf einen Wahlerfolg von Bundes-
kanzler Adenauer und seiner Politik der Westintergration erhöhte."
(Http://wwics.si.edu/index.cfm?topic_id=1409&fuseaction=library.document&id
=441).
Im Verlauf der Niederschlagung des Aufstands vom 17. Juli 1953 durch das sowjeti-
sche Militär wurden 40 Menschen getötet (Bericht von Marschall Sokolowski, Hoch-
kommissar Semjonow & Pavel Judin, in: C. Ostermann, Hrsg., 'Aufstand in Ostdeutsch-
land 1953', S. 284).
Die Verhaftung Berijas
Andrej Gromyko (langjähriger sowjetischer Außenminister unter Chruschtschow und
Breschnew - Übers.) drückte es so aus:
"Berijas abweisendes Urteil über die DDR reichte aus, um ihn aus der Führung
auszustoßen."
(A. Gromyko: 'Memoiren', S. 317, zitiert nach: Amy Knight: 'Berija - Stalins Ober-
leutnant', Princeton 1993, S. 274).
Molotow wies später die gravierendsten Vorwürfe gegen Berija zurück:
"Was die Vorwürfe anbetraf, Berija sei ein Agent des Auslands gewesen, so wa-
ren sie unzutreffend. Er war der Sowjetunion absolut ergeben."
(Interview mit Molotow, in: Literaturuli Sakartvelo vom 27. Oktober 1989, zitiert
nach: Amy Knight, ebd., S. 274).
Auf der Sitzung des Zentralkomitees vom 2.-7.Juli billigte dieses die Verhaftung Berijas
und seiner Anhänger (die am 26. Juni mit Hilfe von Teilen des Militärs stattgefunden hatte,
wobei davon ausgegangen werden kann, dass Berija sofort danach erschossen wurde -
Übers.).
Die Liquidierung Berijas durch die Chruschtschowrevisionisten hatte Auswirkungen auf
Ostdeutschland:
"In Ostdeutschland (d.h. in den führenden SED-Kreisen - Übers.) wurde nach An-
gaben des SED-Mitglieds Heinz Brandts die Nachricht von Berijas Verhaftung zu-
nächst mit großer Genugtuung aufgenommen - selbst von jenen Parteifunktionä-
ren, die eine Reform befürworteten: 'Wir machten unsere schlechten Scherze über
ihn, ohne auch nur im Entferntesten daran zu denken, dass mit Berijas Sturz sich
die Waagschalen zuungunsten Herrnstadts ... und des neuen Kurses und für Wal-
ter Ulbricht geneigt hatten. Obwohl es nur einigen wenigen Leuten bekannt war,
gehörte Berija zusammen mit Malenkow zu den Hauptinitiatoren des Neuen Kurses,
... so dass die deutschen Reformer jetzt zusammen mit ihren Herren im Kreml
keine Chance mehr besaßen'."
(Amy Knight: 'Berija - Stalins Oberleutnant', Princeton 1993, S. 216).
Rudolf Herrnstadt und sein marxistisch-leninistischer Mitstreiter Wilhelm Zaisser wurden
aus dem Politbüro und dem Zentralkomitee wegen 'parteifeindlichen Verhaltens' ausge-
schlossen, wodurch die Vormachtstellung Ulbrichts und seiner Leute in der SED-Führung
gesichert war. Der Sieg der Revisionisten in der ostdeutschen Partei war damit unum-
kehrbar geworden.
Schlussfolgerungen
Dem ostdeutschen Aufstand vom 17. Juni 1953 ging eine kriminelle ultra'linke'
Politik in der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) voraus. Sie spielte
den Interessen der US-Imperialisten direkt in die Hände. Sie sicherte für die USA
die Existenz eines geteilten Deutschlands und eines militarisierten Westdeutsch-
lands unter Bundeskanzler Konrad Adenauer.
Lawrenti Berija hatte versucht, sich dagegen zu stemmen, war aber wegen des
wachsenden Einflusses der Revisionisten in der Staatsführung der UdSSR nach
Stalins 'Tod' nicht mehr in der Lage, die Politik gegenüber Deutschland wieder
auf den von Stalin vorgezeichneten Weg zurückzuführen.
Es fällt schwer nicht zu erkennen, dass Ulbricht ein bewusster Feind der deut-
schen Arbeiterklasse und ein Verbündeter der sowjetischen Revisionisten war.