zurück zu Literatur über die Sowjetunion Baltikum: Annexion oder Machtergreifung der Arbeiter (aus RF 33/89)Durch den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt vorn 23. August 1939 konnte die damals noch sozialistische Sowjetunion ihr Eingreifen in den Il. Weltkrieg um fast zwei Jahre verzögern. Es gelang ihr, die von Weißrussen und Ukrainern bewohnten Teile des polnischen Staates zu befreien, und sie verlangte den Hitlerfaschisten die Erklärung ab, daß diese keine Interessen im Baltikum entwickeln würden. Eine von Gorbatschow eingesetzte Kommission erklärte nun, dieses Vorgehen Stalins gegen das Vordringen der Faschisten habe »die Normen des Völkerrechts ernsthaft verletzt« (»Der Spiegel« 32/89). Die Souveränität der Baltenstaaten sei durch das Zusatzabkommen zum Nichtangriffsvertrag mißachtet worden, indem sie zur sowjetischen Interessenssphäre erklärt wurden. Der Anschluß der Baltenstaaten an die Sowjetunion sei die »Übernahme imperialistischer Methoden« gewesen. Diese Beurteilung durch prominente Vertreter der Sowjetunion bedeutet nichts anderes als eine nachträgliche Absegnung der kapitalistischen Konterrevolution.
zur Geschichte des Baltikums
Im 18. Jahrhundert wurde das Baltikum vom russischen Zarenreich annektiert. Im 19. Jahrhundert entstand eine Industrie, die auf den russischen Markt ausgerichtet war. Im 1. Weltkrieg wurde das Baltikum von deutschen Truppen besetzt, die auch nach Kriegsende unter Waffen blieben und die russische Konterrevolution gegen die Oktoberrevolution unterstützten. Am 14. Dezember 1918 wurde die unabhängige Sowjetrepublik Lettland ausgerufen, die Arbeiter übernahmen die Macht. Ende Mai 1919 wurde die Hauptstadt Riga jedoch' wieder von den Deutschen eingenommen und die Sowjetrepublik liquidiert. In Estland wurde am 29. November 1918 die »Estnische Arbeitskommune« ausgerufen. Nach sechs Wochen siegte jedoch auch hier die Konterrevolution mit deutschen, britischen, finnischen und russischen Militärkräften. Auch die Sowjetrepublik Litauen mußte wieder aufgegeben werden, um den Bestand der Revolution nicht insgesamt zu gefährden. 1919 entstanden die drei bürgerlichen baltischen Staaten. Lenin stellte in diesem Zusammenhang fest, daß »man Rußland vorsätzlich mit einem Ring kleiner Staaten umgeben hat und umgibt, die selbstverständlich zum Kampf gegen den Bolschewismus geschaffen und unterstützt werden«. (Lenin, Werke, Bd. 30, S. 161) 1920 schloß die Sowjetunion mit den Baltenstaaten Friedensverträge, erkannte also gezwungenermaßen den Sieg der Bourgeoisie an. Ihren wichtigsten Absatzmarkt hatte die baltische Industrie damit jedoch verloren; in Estland sank die Zahl der Betriebe bis 1930 um ein Drittel gegenüber der Vorkriegszeit. Die Werktätigen fanden sich nicht mit ihrer Niederlage ab; - so begann am 1. Dezember 1924 in Estlands Hauptstadt Reval ein von der Kommunistischen Partei geführter bewaffneter Aufstand. Aufgrund verschiedener Fehler schlug der Revaler Aufstand jedoch fehl und wurde blutig unterdrückt (siehe Willi Dickhut, »Proletarischer Widerstand gegen Faschismus und Krieg«, Bd. 2, S. 549-552). Sowohl das imperialistische Polen wie Hitlerdeutschland suchten das Baltikum in ihren Einflußbereich zu bekommen. Für die Imperialisten war dies eine der bestgeeigneten Aufmarschbasen gegen die Sowjetunion. Die Sowjetregierung schlug im Interesse des gemeinsamen Kampfes gegen den Faschismus Frankreich und Großbritannien vor, zum Schutz gegen einen deutschen Angriff mit den baltischen Regierungen die Stationierung von Truppen zu vereinbaren - das wurde abgelehnt. Darauf hin schloss die Sowjetunion von sich aus Beistandsabkommen mit Estland (28. 9. 1939), Lettland (5. 10. 1939) und Litauen (15. 10. 1939). Diesem militärischen Einvernehmen folgte der Abschluss von Handelsabkommen. Die demokratischen, antifaschistischen Kräfte wurden durch diese Entwicklung gestärkt, und auf Massendemonstrationen wurde das Verbot aller faschistischer Organisationen und die Vertiefung der Freundschaft mit der Sowjetunion gefordert. Dies erzeugte bei der baltischen Bourgeoisie eine tiefe Angst vor der Revolutionierung der Massen – sie orientierte sich insgeheim auf Hitlerdeutschland. Mit Duldung der Behörden wurden »Freiwillige« geworben, die Finnland im Krieg gegen die Sowjetunion unterstützten - ein direkter Verstoß gegen den Inhalt des Beistandspaktes. Antifaschisten und Kommunisten wurden in wachsender Zahl verhaftet, 1940 wurde ein Militärbündnis mit antisowjetischer Stoßrichtung geschmiedet, für das von Hitlerdeutschland Unterstützung erwartet wurde. Einem Gesandten des litauischen Präsidenten Smetona sagte im Februar 1940 Heinrich Himmler in Berlin zu, Litauen unter den Schutz des Deutschen Reiches zu stellen. 70 Prozent des Exports der baltischen Staaten ging an Hitlerdeutschland, der Faschismus baute seine Positionen zusehends aus. Im März und April 1940 riefen die Kommunistischen Parteien der drei Länder die Werktätigen auf, den Kampf zum Sturz der profaschistischen Regierungen zu verstärken. Im Juni mußten die Regierungen dein Vorschlag der Sowjetunion zustimmen, zusätzliche Kontingente der Roten Armee zu stationieren. Vom 15. bis 21. Juni 1940 fanden im gesamten Baltikum gewaltige Demonstrationen statt, die die bürgerlichen Regierungen zum Rücktritt zwangen. Smetona floh heimlich nach Deutschland. Es wurden Volksregierungen gebildet, die für den 14. und 15. Juli Wahlen ansetzten, aus denen die Volksfrontblocks unter Führung der Kommunisten als Sieger hervorgingen. Am 21. und 22. Juli wurde offiziell die Sowjetmacht durch die obersten gesetzgebenden Organe wiederhergestellt und um Aufnahme in den Staatsverband der UdSSR ersucht. Auf der VII. Tagung des Obersten Sowjet vom 1. bis 7. August 1940 wurde dem entsprochen. Außenminister Molotow erklärte: »Die herrschenden bürgerlichen Gruppen in Litauen, Lettland und Estland haben sich als unfähig erwiesen, die mit der Sowjetunion abgeschlossenen Pakte über gegenseitigen Beistand ehrlich in die Tat umzusetzen ... Die Zahl der Tatsachen, die belegen, daß die Regierungen dieser Länder die ... Pakte ... gröblich verletzen, hatte laufend zugenommen. Angesichts' der bestehenden internationalen Situation war es gänzlich ausgeschlossen, daß wir eine solche Lage weiter hinnehmen konnten.« (Zitiert nach: P. P. Sewostjanow, »Sowjetdiplomatie gegen faschistische Bedrohung 1939-1941«, Verlag Marxistische Blätter, Frankfurt 1984) Was Gorbatschow heute als Verstoß gegen das Völkerrecht' titulieren läßt, war nichts anderes als die proletarisch-internationalistische Unterstützung des Kampfes der baltischen Werktätigen und schob den Faschisten einen Riegel vor. Die erneute Besetzung des Baltikums nach dem faschistischen. Überfall 1941 hat demgegenüber gezeigt, wer »Völkerrecht« und Arbeiterinteressen mit Füßen trat - die Hitlerfaschisten und ihre Helfershelfer! |