zurück zur Großen Sowjet-Enzyklopädie III. Bevölkerung (E. Dawydow)EINWOHNERZAHL Nach der Einwohnerzahl steht die UdSSR an dritter Stelle in der Welt und wird nur von Indien und China übertroffen. Die Zählung vom 17. Januar 1939 erfaßte 170467186 Einwohner. Nachdem (1939-40) die Westgebiete der Ukrainischen und der Belorussischen SSR, Bessarabien, die Nordbukowina und die baltischen Staaten Lettland, Estland und Litauen Teile der UdSSR geworden waren, erhöhte sich die Bevölkerungszahl der UdSSR um fast 23 Mill. Menschen. Somit zählte die Bevölkerung der Sowjetunion im Jahre 1940 etwa 193 Mill. (ohne Berücksichtigung des natürlichen Bevölkerungszuwachses der UdSSR in den Jahren 1939-40).
NATÜRLICHE BEVÖLKERUNGSBEWEGUNG
In der UdSSR nimmt die Bevölkerung viel schneller zu als in den kapitalistischen Ländern. Dies ist bedingt durch den Sieg des Sozialismus, durch die Abschaffung der menschlichen Ausbeutung, durch die systematische Hebung des Wohlstandes und des kulturellen Niveaus der Werktätigen, durch die unermüdliche gesundheitliche Betreuung des Sowjetmenschen, die ihren Ausdruck in einem weitverzweigten Netz von Krankenhäusern, Sanatorien und Kurorten findet, weiterhin durch Maßnahmen zum Schutz der Mütter und Kinder, durch strenge Beachtung der Vorschriften für Unfallverhütung in den Industriebetrieben, durch Verbesserung der sanitären Verhältnisse in den Siedlungen, durch Förderung des Sports usw. Von 1926 bis 1939 wuchs die Bevölkerung der UdSSR (in den Grenzen von Anfang 1939) von 147,028 Mill. auf 170,467 Mill. an, d. h. um 23,439 Mill. oder um 15,9%. In derselben Zeit stieg die Einwohnerzahl des ganzen kapitalistischen Europa von 367 auf 399 Mill., d. h. um 32 Mill. oder um 8,7%. Somit ist das Tempo der Bevölkerungszunahme in der UdSSR anderthalb- bis zweimal größer als in den kapitalistischen Ländern. Diese schnellere Bevölkerungszunahme in der UdSSR im Vergleich mit den kapitalistischen Ländern ist die Folge des schnelleren natürlichen Bevölkerungszuwachses, d. h., die Geburten überwiegen die Sterbefälle. In der Tat überstieg die Geburtenzahl im Jahre 1938 die Sterbefälle um 97,5%. In England war im gleichen Jahre die Geburtenzahl um 31% höher als die Zahl der Sterbefälle, in Deutschland um 68%, in den USA um 66%. In Frankreich starben in diesem Jahre mehr Menschen, als geboren wurden, und zwar 6%. Großes Interesse verdienen folgende Daten, die Moskau betreffen:
Tab. 1. Das Verhältnis zwischen der Zahl der Geburten und der Sterbefälle (in %) 1880 108,1 1890 109,5 1900 114,9 1910 134,0 1920 58,9 1935 148,5 1938 195,0 In den Jahren vor der Revolution betrug die höchste Ziffer des Geburtenüberschusses 34%. Nach dem starken Absinken in den Bürgerkriegsjahren beginnt ein schneller Anstieg: 1938 kamen auf 100 Todesfälle bereits 195 Geburten. Dasselbe Bild läßt sich auch in anderen Städten beobachten. In Leningrad entfielen 1913 auf 100 Sterbefälle 130 Geburten, 1938 dagegen 195. In Charkow sind die entsprechenden Zahlen 131 und 217, in Minsk 165 und 252 usw. Sehr bezeichnend sind Vergleichszahlen über den natürlichen Zuwachs in einigen Industriezentren der UdSSR und in Deutschland.
Tab. 2. Natürliche Zunahme auf 1000 Einwohner 1937 Sowjetische Städte Ishewsk 18,7 Gorki 15,9
Deutsche Städte Essen 6,5 Bochum 6,1 Duisburg 8,3 Mülheim 5,0 Magdeburg 0,1
Somit übertrifft die natürliche Bevölkerungszunahme in den Industriezentren der Sowjetunion um ein Vielfaches die Zunahme in den Industriezentren Deutschlands. Ein Vergleich der Geburtenhäufigkeit in einigen Großstädten der UdSSR und der kapitalistischen Länder ergibt folgendes Bild:
Tab. 3. Mittlere Geburtenzahl auf 1000 Einwohner 1938 Moskau 28,5 Leningrad 27,4 Kiew 27,4 Charkow 27,7 Baku 33,9
1936 New York 13,5 London 13,6 Paris 11,5 Berlin 14,1
In den Großstädten der UdSSR ist also die Geburtenhäufigkeit 2-3mal größer als in den großen kapitalistischen Städten. In der UdSSR sind die Voraussetzungen geschaffen, die ein schnelles Anwachsen der Bevölkerung begünstigen: ärztliche Kinderbetreuungsstätten, die systematisch die körperliche Entwicklung der Kinder beobachten und ihnen kostenlos ärztliche Hilfe zuteil werden lassen; ferner Krippen, Kindergärten u. dgl., finanzielle Hilfe für kinderreiche Familien, Verleihung von Orden und Medaillen an kinderreiche Mütter, Abtreibungsverbot (Gesetz 1936) u. a. Bezeichnend für die große Geburtenhäufigkeit ist der lohe Anteil der jüngeren Jahrgänge an der Bevölkerung der UdSSR.
Tab. 4 Altersmäßige Zusammensetzung der Bevölkerung nach der Zählung von 1939 (ohne die Bevölkerung des Hohen Nordens)
Dir Altersgruppen bis einschließlich 19 Jahre stellten somit im Jahre 1939 45,1% der Gesamtbevölkerung der UdSSR. In England dagegen betrug nach Angaben von 1937 die Bevölkerung im Alter bis zu 19 Jahren nur 29,9% der Gesamtzahl. In Frankreich 1936 = 30,8%, in USA 1931 = 36,6%, Deutschland 1933 = 30,4%. Der prozentuale Anteil der jungen Jahrgänge in der UdSSR ist also anderthalbmal so groß wie in den kapitalistischen Ländern. In der Sterblichkeit stand das zaristische Rußland an erster Stelle unter den großen kapitalistischen Ländern. 25-30% der Kinder starben im Alter bis zu einem Jahr, und in bestimmten Jahren waren es bis zu 40%. Die mittlere Lebensdauer in Rußland war gleichfalls kürzer. In der UdSSR erfolgt ein systematisches Absinken der Sterblichkeit. Von 1892 bis 1913 (d.h. in 21 Jahren) sank die Sterblichkeit in Rußland nur um 6%, dagegen wurde sie von 1913 bis 1934 (gleichfalls 21 Jahre) um 44% niedriger. Es ist hierbei zu beachten, daß dieser Zeitraum auch die Jahre des ersten Welt- und des Bürgerkrieges einschließt, als die Sterblichkeit sehr hoch war, so dass die Senkung der Sterblichkeit in der Hauptsache in die Jahre nach dem Ende des Bürgerkrieges fällt, d. h. in einen Zeitraum von 12 bis 13 Jahren. Eine derart schnelle Herabsetzung der Sterblichkeit gibt es in keinem kapitalistischen Land. Von 1913 bis 1933 sank die Sterblichkeit in Deutschland nur um 25%, in England um 11%, in Frankreich um 11% und in Japan um 8%. Engels schrieb in einem Brief an Lange: „Die Menschheit möchte sich rascher vermehren, als die moderne bürgerliche Gesellschaft für eine Schranke der Entwicklung zu erklären, die fallen muß" (Marx und Engels, Briefe, 4. Auflage, 1931, S. 163, Deutsch: Ausgewählte Briefe von Marx und Engels, Berlin 1950, S. 162). Das bedeutend schnellere Anwachsen der Bevölkerung in der UdSSR im Vergleich mit den kapitalistischen Ländern wird durch diese Erklärung von Engels zutreffend unterstrichen. Schon in den ersten beiden Jahrzehnten seines Bestehens zeigte der erste sozialistische Staat der Welt, daß hier die Zunahme der Bevölkerung viel schneller vor sich geht als in der kapitalistischen Welt. Die weitere Entfaltung der sozialistischen Wirtschaft und der sozialistischen Kultur sichert eine noch schnellere Bevölkerungszunahme.
BEVÖLKERUNGSBEWEGUNG
Ungeachtet der niedrigen Bevölkerungsdichte im zaristischen Rußland und der großen unbesiedelten Landflächen gab es seit dem Ende des 19. Jh. eine beträchtliche Anzahl von Auswanderern. So wanderten 1891-1900 etwa 594000 Menschen aus Rußland nach Amerika aus, und 1900 bis 1909 waren es über 1,4 Millionen. In Deutschland befanden sich 1911/12 gegen 308000 russische Saisonarbeiter in der Landwirtschaft. Dieser Auswandererstrom ist ein sehr beredtes Zeichen für die wirtschaftliche Rückständigkeit des zaristischen Rußland. Es ist zu betonen, daß außer den wirtschaftlichen Ursachen die Auswanderung aus Rußland auch durch politische, rassische und religiöse Verfolgungen hervorgerufen wurde. In noch größerem Umfange als die Auswanderung ins Ausland vollzog sich eine elementare Bevölkerungsbewegung im Inneren des Landes. Ein mächtiger Strom von Abwanderern ging aus den dicht besiedelten Bezirken, in der Hauptsache aus dem zentralen Schwarzerdegürtel („verarmtes Zentrum"), und ebenso aus dem Westen und Südwesten der Ukraine nach dem Süden und Südosten des Europäischen Rußland, in die Steppengebiete der südlichen Ukraine, Nordkaukasiens und des Wolga-Landes, seit dem letzten Viertel des 19. Jh. jedoch meist in die Gebiete jenseits des Ural, nach Sibirien und in den Fernen Osten. Im zentralen Schwarzerdegebiet, wo sich auf dem Lande bis zur Oktoberrevolution leibeigenschaftsähnliche Verhältnisse erhalten hatten, die eine Hauptursache für die große Rückständigkeit bildeten, sammelte sich eine dichte Bevölkerung an, die weder auf dem verarmten Lande noch in der unbedeutenden Industrie des Gebietes Arbeitsmöglichkeiten fand. Die bäuerliche Bevölkerung war nach einer Äußerung Lenins bereit, „nicht nur nach Sibirien, sondern bis ans Ende der Welt zu wandern" (Lenin, Werke, Bd.XV, S.524; deutsch: ebenda, Moskau 1941, S. 666). Die Zahl der überschüssigen Arbeiter belief sich im Europäischen Rußland am Ende des 19. Jh. auf mehr als 6Mill. Menschen. Allein in nur 15 Gouvernements zogen mehr als 2 Mill. aus der Landwirtschaft fort und nahmen Saisonarbeiten an. In der Umsiedlungspolitik der zaristischen Regierung können zwei hauptsächliche Zeitabschnitte hervorgehoben werden. Bis zu den 90er Jahren des 19. Jh. bereitete die Regierung der Übersiedlungsbewegung alle nur möglichen Schwierigkeiten, da sie bestrebt war, die billigen Arbeitskräfte für die Gutswirtschaft der Zentralbezirke im Europäischen Rußland zu halten. Aber seit den 90er Jahren förderte die Regierung die Umsiedlung in die Gebiete jenseits des Ural und versuchte hierdurch, ein wenig die Schärfe des geringen Landbesitzes und der Landlosigkeit zu mildern, wobei die Interessen der Gutsbesitzer nicht berührt wurden. Gleichzeitig sollte die anwachsende Agrarbewegung unschädlich gemacht werden. In welchem Maße der Wanderungsstrom in die Gebiete jenseits des Ural anwuchs, ist aus folgenden Daten ersichtlich:
Tab. 5. Umsiedlung in die Gebiete jenseits des Ural (in 1000 Menschen)
Eine nicht geringe Rolle in der Umsiedlungspolitik der zaristischen Regierung spielten Russifizierungsbestrebungen in den nationalen Randgebieten. Ein bemerkenswerter Zug der Umsiedlungsbewegung war die Rückwanderung. Gedrängt durch die Not und fortgerissen durch den elementaren Zug in die „freien Länder", waren die Bauern, als das letzte Brot verzehrt war, häufig nicht imstande, die zugewiesenen Ländereien zu halten (häufig in der unwegsamen Taiga oder in wasserlosen Wüsten, die bewässert werden mußten), und kehrten zurück oder gerieten in Abhängigkeit von den Alteingesessenen. Nach Angaben Lenins (Werke, Bd. XV, S. 532; deutsch: ebenda, Moskau 1941, 5.675) richteten sich von 1552439 Umsiedlern in den Jahren 1906 bis 1908 nur 564.041 auf den zugewiesenen Parzellen ein, während 284.984 Menschen zurückwanderten. Die übrigen 703 414 Menschen verkamen oder wurden von örtlichen Alteingesessenen abhängig. Gleichzeitig mit der Übersiedlung in unerschlossene oder wenig besiedelte Gebiete vollzog sich eine Bewegung der Landbevölkerung in die Städte, sowohl innerhalb der Gebiete selbst als auch in die Nachbargebiete. Diese zwei Wanderungsströme, die in ihren sozialwirtschaftlichen Folgen verschiedenartig sind, spiegelten die zwei Entwicklungstendenzen des Kapitalismus in Rußland wider. Zur Rolle der Kolonisation im Entwicklungsprozeß des Kapitalismus in Rußland sagt Lenin: „Es ist daher klar, daß man die Zunahme der industriellen Bevölkerung nur dort in ihrer reinen Gestalt beobachten kann, wo wir ein bereits besiedeltes Gebiet vor uns haben, in dem alles Land bereits besetzt ist. Wenn die Bevölkerung eines derartigen Gebietes vom Kapitalismus aus der Landwirtschaft vertrieben wird, bleibt ihr kein anderer Ausweg, als entweder in die industriellen Zentren oder in andere Länder abzuwandern. Die ganze Sachlage verändert sich jedoch von Grund aus, wenn wir es mit einem Gebiet zu tun haben, in dem noch nicht alles Land besetzt, das noch nicht völlig besiedelt ist. Wenn die Bevölkerung eines solchen Gebietes aus der Landwirtschaft eines besiedelten Bezirks verdrängt wird, so kann sie in unbewohnte Teile des Gebietes übersiedeln und sich der Bestellung neuen Bodens widmen. Es ergibt sich eine Zunahme der landwirtschaftlichen Bevölkerung, und dieses Wachstum kann sich (während eines bestimmten Zeitraums) ebenso rasch und sogar rascher vollziehen als das Wachstum der industriellen Bevölkerung. In diesem Falle stehen wir vor zwei verschiedenen Prozessen: 1. Entwicklung des Kapitalismus in dem altbesiedelten Land oder Landteil; 2. Entwicklung des Kapitalismus auf neuem Boden': der erste Prozeß drückt die Weiterbildung eines bereits bestehenden Kapitalismus aus; der zweite - die Entstehung neuer kapitalistischer Verhältnisse auf neuem Gebiet. Der erste Prozeß bedeutet Entwicklung des Kapitalismus in die Tiefe, der zweite in die Breite" (Lenin, Werke, Bd. III, S. 438; deutsch: ebenda, Wien-Berlin 1929, S. 519). Die Art der Bevölkerungsbewegung in den verschiedenen Bezirken Rußlands war vom Charakter und der Richtung ihrer Wirtschaft abhängig. Lenin führt in seiner Arbeit „Die Entwicklung des Kapitalismus in Rußland" folgende Daten über die Bevölkerungsbewegung in den einzelnen Bezirken des Europäischen Rußland von 1863 bis 1897 an (s. Lenin, Werke, Bd. III, 5.439; deutsch: ebenda, Wien-Berlin 1929, S. 521) Tab. 6
Die Tabelle zeigt drei verschiedene Arten der Bevölkerungsbewegung. In den Industriegouvernements läßt sich ein schnelleres Anwachsen der Stadtbevölkerung bei einer verminderten Zunahme der ländlichen Bevölkerung beobachten. Es ist dies ein Gebiet der industriellen Zuwanderung. Die Bevölkerung, die aus anderen Bezirken kommt, und ein bedeutender Teil der örtlichen Landbevölkerung setzen sich in den Städten fest. Als Folge nimmt der Anteil der Stadtbevölkerung in diesem Zeitraum von 14,1 % auf 21,1 % zu. Ein wichtiges Zuwanderungszentrum, vor allem der Landbevölkerung, ist auch die dritte Gouvernementsgruppe (neurussische, östliche und an der unteren Wolga). Das schnelle Anwachsen der Stadtbevölkerung läßt sich hier durch das Emporkommen der Seestädte und durch die Entstehung des großen Bergbaureviers am Ende des 19. Jh. (Donez-Becken) erklären. Ein ganz anderes Bild ergibt sich im zweiten – rein agrarischen – Gebiet mit seiner rückständigen Landwirtschaft, wo sich leibeigenschaftliche Zustände als Grundlage erhalten haben. In diesem Gebiet ist die Bevölkerungszunahme im Zusammenhang mit der Abwanderung in andere Gebiete am geringsten. Hier ist auch der prozentuale Anteil der Stadtbevölkerung am niedrigsten. Diese Zustände erhielten sich im wesentlichen bis zur Oktoberrevolution. Die Lage ändert sich grundlegend nach dem Sieg des Sozialismus in der UdSSR. Die Beseitigung der Arbeitslosigkeit in der Stadt, die sozialistische Umgestaltung der Landwirtschaft und der steigende Wohlstand der Kolchosbauern auf dieser Grundlage brachten die starke Bevölkerungsumsiedlung im Innern des Landes zum Stillstand. In seinem Bericht an den XVIII: Parteitag der KPdSU(B) sagte Stalin: „Jetzt handelt es sich schon nicht mehr darum, arbeitslose und obdachlose Bauern... irgendwie in der Industrie unterzubringen und ihnen aus Mitleid Arbeit zu geben ... Jetzt kann es sich nur darum handeln, den Kollektivbauern nahezulegen, unserer Bitte nachzukommen und uns für die wachsende Industrie alljährlich wenigstens 1,5 Mill. Junger Kollektivbauern zur Verfügung zu stellen.“ (Stalin, Fragen des Leninismus, 11. Aufl., S. 586; deutsch: ebenda, Berlin 1951, S. 704/705) Unter den Bedingungen einer sozialistischen Wirtschaft geht die Umsiedlung planmäßig vor sich, da sie in den Händen des Sowjetstaates ein Mittel ist, die Verteilung und den Austausch der Arbeitskräfte zwischen den einzelnen Zweigen der Volkswirtschaft und den Bezirken des Landes rationell zu gestalten. Die planvolle Verteilung der Arbeitskräfte ist durch die Natur der sozialistischen Planwirtschaft selbst bedingt und ist einer der Hauptfaktoren bei der rationellen Verteilung der Produktionskräfte, von denen die Bevölkerung die wichtigste und entscheidende ist. Im Programm der KPdSU (B) heißt es: „Die unbedingt erforderliche maximale Ausnutzung aller im Staat vorhandenen Arbeitskräfte zur planmäßigen Entwicklung der Volkswirtschaft, die richtige Verteilung und der Austausch sowohl zwischen den Territorialgebieten als auch zwischen den einzelnen Zweigen der Volkswirtschaft sind als nächste Aufgabe der Wirtschaftspolitik der Sowjetregierung in Angriff zu nehmen" (Programm und Statut der KPdSU (B), 1938, S. 36). Der Sowjetstaat kann sich nicht mit dem Zustand abfinden, daß riesige Flächen gleichsam ungenutzt bleiben, die häufig überreich an Naturschätzen, von großer volkswirtschaftlicher Bedeutung sind. Außerdem ist die Erschließung der industriellen Vorräte und der großen Landflächen in Kasachstan, West- und Ostsibirien, im Fernen Osten und in anderen Teilen des Landes ohne den Zustrom von Arbeitskräften von außerhalb unmöglich. Gleichzeitig hiermit stellt die Mechanisierung der landwirtschaftlichen Arbeiten und die Erhöhung der Arbeitsproduktivität in den Gebieten des Europäischen Teiles eine bedeutende Menge von Arbeitskräften frei, die für die Erschließung und Industrialisierung der brachliegenden Flächen verwendet werden können. Die planmäßige Umsiedlung begann im Jahre 1925. Von 1926 bis 1939 siedelten mehr als 3 Mill. Menschen in die Gebiete jenseits des Ural, nach Sibirien und in den Fernen Osten um. Im Zusammenhang hiermit nahm die Bevölkerung in den genannten Gebieten um 33% zu, während die Zunahme in der gesamten Union in diesem Zeitraum nur 15,9% betrug. Im Gebiet Swerdlowsk wuchs die Bevölkerung um 53% an, im Gebiet Nowosibirsk gleichfalls um 53%, im Gau Chabarowsk um 136% usw. Infolgedessen stieg der Anteil des Fernen Ostens an der Bevölkerung der UdSSR von 0,8% im Jahre 1926 auf 1,4% im Jahre 1939, der Anteil Ostsibiriens von 2,5% auf 3,1% usw. Ebenso siedelten etwa 1,7 Mill. Menschen aus den dicht bevölkerten Landesteilen in die mittelasiatischen Republiken um, so daß dort die Bevölkerung um 38% zunahm. Abgesehen von der Umsiedlung nach dem Osten vollzog sich ein Zuzug auch in die Industriezentren des Europäischen Teils der UdSSR. So kamen in derselben Zeit 3,5 Mill. Menschen in das Gebiet Moskau, in das Gebiet Leningrad 1,3 Mill. und in das Gebiet Gorki 350000 Menschen. Im Gebiet Stalino (Ukraine) nahm die Bevölkerung um 91% zu, im Gebiet Woroschilowgrad um 37% usw. Der dritte Umsiedlungsstrom ging nach dem Norden. Trotz des verhältnismäßig bescheidenen Anteils dieses Stromes an der allgemeinen Umsiedlungsbewegung hat er doch große volkswirtschaftliche Bedeutung, da er die unerläßliche Voraussetzung für die Besitzergreifung des Hohen Nordens ist, wo die Zahl der Bevölkerung früher ganz unbedeutend war. So zählte man auf dem Territorium des heutigen Gebietes Murmansk vor 1917 etwa 10000 Einwohner und noch 1928 nur rund 22000, dagegen waren es 1939 schon 291200. Hier entstanden jenseits des Polarkreises sehr bedeutende Industriezentren wie Murmansk und Kirowsk. Die Bevölkerungszunahme in dem genannten Gebiet vollzog sich auf Kosten einer Bevölkerungsabnahme in den Bezirken, aus denen die Umsiedler kamen. In der Tat nahm die Gesamtzahl der Einwohner in den Gebieten Rjasan, Orjol, Woronesh, Tambow, Pensa, Kuibyschew, Kalinin, Smolensk, Jaroslawl, Wologda und in der Mordwinischen ASSR von 1926 bis 1939 um 5,5 Mill. Menschen ab. Während des ersten und zweiten Fünfjahrplans trug die Umsiedlung im Zusammenhang mit der gesteigerten industriellen Bautätigkeit in den östlichen Gebieten vorwiegend industriellen Charakter. In den letzten Jahren vor dem zweiten Weltkrieg gewann auch die landwirtschaftliche Umsiedlung große Bedeutung. Auf die Notwendigkeit der Umsiedlung von Kolchosbauern aus den landarmen in landreiche Gebiete weist der Beschluß des ZK der KPdSU (B) und des Rates der Volkskommissare vom 27. Juni 1939 „Über Maßnahmen zum Schutz des vergesellschafteten Bodens der Kolchose vor der Verschleuderung" hin. Allein im Jahre 1939 wurden über 10000 Bauernwirtschaften mit mehr als 35000 Menschen nach dem Osten umgesiedelt. Der zweite Weltkrieg (1941-45) bewirkte mit der Verlagerung von Industriebetrieben aus den Westgebieten, die sich unter zeitweiliger Besetzung befanden oder Kriegshandlungen zu befürchten hatten, eine bedeutende Umsiedlung der Bevölkerung nach dem Osten. Diese Tatsache wirkte sich besonders in der erhöhten Bevölkerungszunahme der Großstädte und Industriezentren in den Ostgebieten aus. Ein Teil dieser Bevölkerung wurde hier ansässig.
BEVÖLKERUNGSVERTEILUNG
Als Erbe aus der zaristischen Zeit erhielt die UdSSR eine äußerst ungleichmäßige Bevölkerungsverteilung, die die allgemeine Ungleichmäßigkeit in der Verteilung der Produktivkräfte und der wirtschaftlichen Nutzung des Landes widerspiegelte. Während im Europäischen Rußland die mittlere Bevölkerungsdichte 25 Menschen pro km2 überstieg, war sie in Sibirien (einschließlich des Fernen Ostens) geringer als 1 pro km2. Die Veränderungen, die in der Verteilung der Produktivkräfte als Folge des sozialistischen Aufbaus hervorgerufen wurden, mußten sich natürlich auch auf die Bevölkerungsverteilung auswirken. Es wurde bereits die schnelle Bevölkerungszunahme in den östlichen und nördlichen Bezirken der UdSSR erwähnt. Selbstverständlich bleibt infolge der riesigen Ausdehnung dieser Gegenden die Bevölkerungsdichte im Vergleich mit den stärker besiedelten Landesteilen bei weitem niedriger. Die Veränderungen, die bei der Bevölkerungsverteilung vor sich gingen, sind erst ein Anfang im Prozeß der Schaffung einer rationelleren Bevölkerungsverteilung in Übereinstimmung mit der Rolle und der Bedeutung der einzelnen Bezirke im allgemeinen volkswirtschaftlichen System der UdSSR. F Nach der Zählung von 1939 ballten sich 48% der Bevölkerung auf 6% des Flächenraumes der UdSSR zusammen, während dagegen auf zwei Dritteln der Fläche nur 6% der Bevölkerung wohnten. Am dichtesten besiedelt ist der größere Südabschnitt des Europäischen Teils der UdSSR von der oberen Wolga bis zur Küste des Schwarzen Meeres. Hier sinkt in der Regel die Bevölkerungsdichte nicht unter 25 Menschen pro km2. Innerhalb dieses Hauptgebietes gibt es ebenfalls große Unterschiede im Besiedlungsgrad der einzelnen Bezirke. Durch die höchste Volksdichte zeichnet sich der Westteil der Waldsteppenzone mit den benachbarten Randgebieten der Waldzone im Norden und der Steppenzone im Süden aus. Es ist der Bezirk der ältesten Besiedlung des Landes und das Ausgangszentrum seiner politischen und wirtschaftlichen Besitzergreifung. Am weitesten nach Norden greift dieses Hauptgebiet der Bevölkerung im Bereich des Industriezentrums mit den Gebieten Moskau und Iwanowo, dem überwiegenden Ostteil des Gebietes Kalinin und dem Süden der Gebiete Jaroslawl und Kostroma. Nach Süden reicht es am weitesten mit dem Donez-Becken. In der Regel schwankt hier die Dichte zwischen 50 und 100 Einwohner pro km2. In einigen Bezirken steigt sie auf 100 und mehr an. Je nach der Entfernung von diesem Hauptsiedlungsgebiet nimmt die Bevölkerung ab. So schwankt die Dichte in der Nordhälfte des Gebietes Gorki, im Norden und Nordosten des Gebietes Jarosiawl, im Westen des Gebietes Wologda, im Südwesten des Gebietes Leningrad und im Süden der Karelo-Finnischen SSR zwischen 10 und 25 Menschen auf 1 km2 mit einzelnen Stellen dichterer Besiedlung. Dasselbe Bild ergibt sich auch südlich und östlich dieser Hauptsiedlungszone des Landes. An der Küste des Schwarzen Meeres, in Nordkaukasien, im westlich der Wolga liegenden Teil des Gebietes Stalingrad, schließlich im äußersten Osten des Europäischen Teils an den Westhängen des Ural (Gebiet Molotow) und im Gebiet Tschkalow fällt die Dichte gleichfalls auf 10-25 Menschen pro km2 mit einzelnen Abschnitten dichterer Besiedlung (25-50 je km2). Im äußersten Südosten des Europäischen Teils, in der Halbwüstenzone an der unteren Wolga, schwankt die Dichte zwischen 1 und 10 Menschen und sinkt in einigen Bezirken auf weniger als 1 pro km2. Im Norden des Europäischen Teils ist die Bevölkerungsdichte gering. So beträgt die mittlere Dichte im Gebiet Archangelsk 1,8 pro km2, im Gebiet Murmansk 2,1 und in der ASSR der Komi 0,9. Wenn man jedoch hier die bedeutende Bevölkerungszusammenballung in den großen Städten (Archangelsk, Murmansk) berücksichtigt, so ist die Dichte im restlichen Raum noch geringer. Im Gebiet Archangelsk konzentriert sich die Hauptmasse der Bevölkerung (außer Archangelsk) am Lauf der Dwina und an der Eisenbahn Archangelsk-Wologda. Der überwiegende Teil des Gebietes ist sehr schwach bevölkert, gewöhnlich unter 1 pro km2. Im äußersten Norden des Gebietes Archangelsk, an der Küste des Barents-See (im Nationalen Kreis der Nenzen), kommen auf einen Menschen im Durchschnitt 8-10 km2. In der ASSR der Komi ballt sich der größte Teil der Bevölkerung im Süden zusammen, vorzugsweise in den Flußtälern. Im Gebiet Murmansk wohnen 89:% der Bevölkerung in den Städten (Murmansk, Kirowsk u. a.). Die übrigen Gegenden sind äußerst schwach besiedelt. Der riesige Flächenraum des Asiatischen Teils der RSFSR ist bei weitem geringer besiedelt als der Europäische Teil. Hier befanden sich in den Vorkriegsjahren (bis 1941) auf einer Fläche, die rund 56% der UdSSR umfaßt (ohne Ural), weniger als 9% der Gesamtbevölkerung. In der Regel sinkt die Dichte mit zunehmender Entfernung von Westen nach Osten. In Westsibirien ist die südliche Waldsteppen- und Steppenzone der Westsibirischen Tiefebene am dichtesten besiedelt. Hier schwankt die Dichte zwischen 10 und 25 Menschen pro km2. Unter der Sowjetherrschaft nahm die Dichte besonders im Kusnezker Becken zu. „n Ostsibirien und im Fernen Osten konzentriert sich die Bevölkerung vorwiegend auf einen schmalen Streifen an der Sibirischen Eisenbahn, wo die Dichte annähernd 10-25 beträgt. Am dichtesten besiedelt sind hier die Bezirke in der Umgebung von Krasnojarsk und Irkutsk, an den Unterläufen der Bureja und Seja und in der Hanka-Niederung bei Wladiwostok. In der Zone, die weiter von der Sibirischen Eisenbahn entfernt ist, wird die Besiedelung immer dünner. Die gesamte riesige Fläche Nordasiens weist eine äußerst geringe Bevölkerung auf. In der Jakutischen ASSR beträgt die mittlere Dichte 0,13 Menschen pro km2. Der Kern der Bevölkerung liegt vor allem im Becken der mittleren Lena, wo sie ihre Nebenflüsse Wiljui und Aldan aufnimmt, und hier erreicht die Dichte 1-10 pro km2. Der Bezirk Jakutsk und die Aldan-Goldfelder heben sich besonders hervor. Das ganze übrige Gebiet des Hohen Nordens ist sehr schwach besiedelt. So entfallen auf der Tschuktschen-Halbinsel auf einen Menschen etwa 30-40 km2. Dasselbe gilt für den Norden des Gebietes Tjumen (Nationaler Kreis der Jamal-Nenzen), des Gaus Krasnojarsk (Nationaler Kreis Taimyr und der Ewenken) usw. Die Bevölkerung des Hohen Nordens siedelt in der Hauptsache in den Tälern der großen sibirischen Ströme Ob, Jenissei, Lena, Chatanga, Jana, Indigirka, Kolyma, Anadyr u. a. Im Süden des Asiatischen Teils der UdSSR, in Kasachstan und in den mittelasiatischen Republiken, ist das Dichtebild der Bevölkerung außergewöhnlich bunt. In Kasachstan sitzt die Hauptmasse der Bevölkerung in den Randgebieten des Nordens, Ostens und Südens, wobei sich die Südbezirke mit Ackerbau und künstlicher Bewässerung durch die höchste Dichte auszeichnen. Das ganze übrige Kasachstan mit seinem trockenen Klima, den weiten Wüsten und Halbwüsten ist äußerst schwach besiedelt. Erst unter der Sowjetmacht entstanden in Mittelkasachstan bedeutende Bevölkerungsverdichtungen im Zusammenhang mit der Schaffung neuer Industriezentren. In den mittelasiatischen Republiken ballt sich die Bevölkerung in den Oasen zusammen. Hierdurch erklärt sich der außerordentliche Wechsel in der Volksdichte der einzelnen Bezirke. So erreicht sie bei einer mittleren Dichte von 15,3 pro km2 in der Usbekischen SSR, in den bewässerten Bezirken des Feraga-Tales 100-200 und sogar noch mehr, während sie in den Wüsten- und Gebirgsweidenbezirken auf 1 pro km2 abfällt. Bei einer mittleren Dichte von 10,3 pro km2 in der Tadschikischen SSR steigt diese in den Flusstälern (Serawschan u. a.) auf 70-100. dasselbe bunte Bild bietet die Volksdichte in der Turkmenischen und in der Kirgisischen SSR. Infolge des gebirgigen Reliefs zeichnet sich die Dichtekarte der Bevölkerung in den transkaukasischen Republiken durch einen auffallenden Wechsel aus. Am dichtesten ist die Grusinische SSR bevölkert, in erster Linie West-Grusinien, wo allerdings sehr hohe Dichte in den niederen Teilen neben fast völliger Menschenleere in den Hochgebirgsregionen vorkommt. Während in der Grusinischen SSR die mittlere Dichte 50 Menschen pro km2 beträgt, steigt sie im Bezirk Kutaissi auf 90-100 an. Weniger dicht ist Ost-Grusinien besiedelt, wo außerdem auch geringere innere Unterschiede in der Volksdichte festzustellen sind. Hier ist Kachetien am stärksten besiedelt. In der Armenischen SSR weist der Westteil die dichteste Besiedlung auf mit dem Kessel von Jerewan, dem Arax-Tal, mit der Leninakan- und Lori-Steppe u. a. Von den transkaukasischen Republiken hat die Aserbaidschanische SSR die geringste Dichte, wobei die Bezirke mit Bewässerungsackerbau in der Kura-Niederung am stärksten bevölkert sind, ebenso wie die Niederung von Lenkoran und der Bezirk Baku.
NATIONALE ZUSAMMENSETZUNG DER BEVÖLKERUNG IN DER UdSSR
Die Sowjetunion ist ein Staat mit vielen Nationalitäten. Die zaristische Regierung unterdrückte grausam zahlreiche Völker, die im Gebiet des Russischen Kaiserseiches lebten, vernichtete alle Elemente ihres staatlichen Lebens, hemmte die Entwicklung ihrer nationalen Kultur und war bestrebt, sie zu russifizieren. Erst unter den Bedingungen des sowjetischen sozialistischen Aufbaus erhielten diese Völker durch die folgerichtige Anwendung der LeninStalinschen Nationalitätenpolitik die Möglichkeit, ihren eigenen Staat aufzubauen und ihre Kultur zu entwickeln, die sozialistisch in ihrem Inhalt und national in der Form ist. Die territorialen Umgestaltungen nach der Zählung von 1939 brachten wesentliche Veränderungen in der nationalen Zusammensetzung der Bevölkerung mit sich. Durch die Angliederung der Westukraine (November 1939), der Nordbukowina (Juni 1940) und der Transkarpaten-Ukraine (heute Transkarpaten-Gebiet, Juni 1945) an die UdSSR mit einer überwiegend ukrainischen Bevölkerung wurde die Zahl der Ukrainer erheblich größer.
Tab. 7. Die nationale Zusammensetzung der Bevölkerung (in den Grenzen vom 17. Januar 1939, ohne Bevölkerung des Hohen Nordens) Nationalität - 1000 Menschen - Prozent Russen - 99019,9 - 58,41 Ukrainer - 28070,4 - 16,56 Belorussen - 5267,4 - 3,11 Usbeken - 4844,0 - 2,86 Tataren - 4300,3 - 2,54 Kasachen - 3098,8 - 1,83 Juden - 3020,1 - 1,78 ' Aserbaidshaner - 2274,8 - 1,34 Grusinier (Georgier) - 2248,6 - 1,33 Armenier - 2151,9 - 1,27 Mordwinen - 1451,4 - 0,86 Tschuwaschen - 1367,9 - 0,81 Tadshiken - 1229,0 - 0,72 Kirgisen - 884,3 - 0,52 Völkerstämme Dagestans - 857,4 - 0,50 Baschkiren - 842,9 - 0,50 Turkmenen - 811,8 - 0,48 Polen - 626,9 - 0,37 Udmurten - 605,7 - 0,36 Mari - 481,3 - 0,28 Komi - 408,7 - 0,24 Osseten - 354,5 - 0,21 Griechen - 285,9 - 0,17 Moldauer - 260,0 - 0,15 Karelier - 252,6 - 0,15 Kara-Kalpaken - 185,8 - 0,11 Koreaner - 180,4 - 0,11 Kabardiner - 164,1 - 0,10 Finnen - 143,1 - 0,08 Esten - 142,5 - 0,08 Letten und Lettgaller ....- 126,9 - 0,07 Bulgaren - 113,5 - 0,07 Adygen - 88,0 - 0,05 Abchasen - 59,0 - 0,03 Chakassen - 52,6 - 0,03 Oiroten - 47,7 - 0,03 Kurden - 45,9 - 0,03 Iraner - 39,0 - 0,02 Litauer - 32,3 - 0,02 Chinesen - 29,6 - 0,02 Tschechen und Slowaken - 26,9 - 0,02 Araber - 21,8 - 0,01 Assyrer - 20,2 - 0,01 Sonstige - 2983,3 - 1,76 Nach vorläufigen Daten gab es zu Beginn des zweiten Weltkrieges in der UdSSR 36,5 Mill. Ukrainer. Nach der Rückgliederung Bessarabiens an die Sowjetunion (Juni 1940) stieg die Zahl der Moldauer stark an, die die Mehrheit in diesem Gebiet bilden, in dem es auch zahlreiche Ukrainer gibt. Im westlichen Belorußland, das im November 1939 an die Sowjetunion angegliedert wurde, zählte man 5 Mill. Einwohner, meist Belorussen. Zu Beginn des Krieges (1941) gab es in der UdSSR etwa 8,7 Mill. Belorussen. In allen diesen Bezirken hatten die Juden einen bedeutenden Anteil an der Bevölkerung (vor allem in den Städten). Bei der Bevölkerungsstatistik der baltischen Republiken ist anzugeben, daß 1935 in Lettland etwa 1,5 Mill. Letten, in Litauen 1936 rund 2 Mill. Litauer und in Estland 1930 ungefähr 1 Mill. Esten wohnten. Die UdSSR ist der größte slawische Staat der Welt. Im Jahre 1939 bildeten die Ostslawen (Russen, Ukrainer und Belorussen) über 78% der Landesbevölkerung. Die Russen gehören zu den größten Völkern der Erde sowohl nach ihrer Zahl als auch nach ihrer Bedeutung in der modernen Menschheitsgeschichte. Sie haben einen Anteil von mehr als 58% an der Bevölkerung der gesamten Sowjetunion (1939) und etwa 75% an der Bevölkerung in der RSFSR. Die Verbreitung der russischen Sprache reicht noch weiter. Da das russische Volk bedeutend früher als andere Völker in der UdSSR zu einer Nation mit mächtigem Staatswesen und hoher Kultur wurde, spielte es in der Geschichte unserer Heimat, in der Schaffung und Festigung der Sowjetunion eine führende Rolle.
Tab. 8. Nationale Zusammensetzung der Bevölkerung in den autonomen Republiken der RSFSR (1933)
Autonome Republiken - Vorherrschende Nationalitäten (in % derBevölkerung)
- Autonome Republiken an der Mittleren Wolga und im Ural-Vorland -
Tatarische ASSR - Tataren = 50,4, Russen = 41,8 Mordwinische ASSR - Mordwinen = 37,4, Russen = 57,3 ASSR der Mari - Mari = 51,4, Russen = 43,6 ASSR der Tschuwaschen - Tschuwaschen = 80, Russen = 15,8 Baschkirische ASSR - Baschkiren =23,5, Russen = 39,9, Tataren = 17,3 Udmurtische ASSR - Udmurten = 52,3, Russen = 43,3 ASSR der Komi - Komi = 92,3, Russen = 6,1
- Autonome Republiken Nordkaukasiens - Dagestanische ASSR - Dagestanische Völker = 64,5, Russen = 12,5 Nord-OssetischeASSR - Osseten = 84,2, Ukrainer = 6,8, Russen = 6,6 Kabardinische ASSR - Kabardiner = 60, Russen = 10,7
- Autonome Republiken Sibiriens – Burjat – Mongolische ASSR – Burjaten = 43,8, Russen = 52,7 Jakutische ASSR – Jakuten = 81,6, Russen = 10,4
Der Moskauer Staat, die Zelle des künftigen Bußland, bildete und festigte sich im Zwischenstromland der Wolga und Oka. Von hier aus nahm die Ausbreitung der Russen nach Norden, Süden und Osten - nach dem Ural, Sibirien und dem Fernen Osten - ihren Anfang. In der RSFSR gibt es Gebiete, wo die Russen 95-99% der Gesamtbevölkerung bilden. Innerhalb des großen russischen Siedlungsgebietes, im Mittleren Wolgaland und im Ural-Vorland, wohnen in dichtem Zusammenhang viele Völker, die erst unter der Sowjetherrschaft ein eigenes Staatswesen in Form nationaler Autonomie schufen. Da die Besetzung dieser Gebiete durch die Russen einer früheren Zeit (15.-16. Jh.) angehört, ist das russische Element hier gleichfalls stark vertreten. Ein anderes Bild ergibt sich in den autonomen Territorien in den südlichen Grenzräumen des Europäischen Teils der RSFSR, in Nordkaukasien, wohin die Russen erst am Ende des 18. bis Anfang des 19. Jh. gelangten. Hier bilden die örtlichen nationalen Gruppen den überwiegenden Teil der Bevölkerung.
Tab. 9. Nationale Zusammensetzung der Bevölkerung in den Unionsrepubliken (nach Daten von 1933) Unionsrepubliken / Wichtigste Nationalitäten (in % der Bevölkerung) RSFSR / Russen = 73,4, Ukrainer = 7,8 Ukrainische SSR / Ukrainer = 80, Russen = 9,2, Juden = 5,4 Belorussische SSR / Belorussen = 80,6, Juden = 8,2, Russen = 7,2 Aserbaidshanische SSR / Aserbaidshaner = 6,33, Armenier = 12,4, Russen = 9,7 Armenische SSR / Armenier = 84,4, Aserbaidshaner = 8,2 Grusinische SSR (1939) / Grusinier = 61,Armenier = 11,5, Aserbaidshaner = 5,2 Turkmenische SSR / Turkmenen = 72, Usbeken = 10,5, Russen = 7,5 Usbekische SSR / Usbeken = 76, Russen = 5,6 Tadshikische SSR / Tadshiken = 78,4, Usbeken = 17,9 Kasachische SSR / Kasachen = 5 7, 1, Russen=19,7, Ukrainer = 13,2 Kirgisische SSR / Kirgisen = 66,6, Russen = 11,7,Usbeken = 11 Karelo-Finnische SSR (in den Grenzen der Karelischen ASSR 1939) / Karelier = 23, Russen = 63 Moldauische SSR / Moldauer = 65 Litauische SSR (1936, vor dem Anschluß an die UdSSR) / Litauer = etwa 80, Juden = etwa 7 Lettische SSR (1936, vor dem Anschluß an die UdSSR) / Letten mit Lettgallen = 75,5 (Lettgallen = etwa 15),Russen = 12, Juden = 4,8 Estnische SSR (1941) / Esten = 90,8, Russen= 7,3
Die RSFSR hebt sich in der Sowjetunion dadurch hervor, daß ihre Bevölkerung verschiedenen Volksstämmen angehört. Außer den aufgezählten Nationalitäten (und den Nationalitäten, die in sechs autonomen Gebieten vereinigt sind) gibt es noch viele Volksgruppen, die in Gebieten wohnen, in denen andere Nationalitäten überwiegen. So befinden sich im Hohen Norden der RSFSR viele „kleine Völker des Nordens“, für die eine Reihe von nationalen Kreisen besteht. Diese Völker, die durch die zaristische Regierung fast zum Aussterben gebracht waren, wachsen jetzt zahlenmäßig an und haben große Erfolge in ihrer wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung errungen. Die übrigen Unionsrepubliken zeichnen sich durch größere Gleichmäßigkeit in der nationalen Zusammensetzung ihrer Bevölkerung aus. Hierdurch erklärt es sich, daß es in ihnen weit weniger nationale Territorien gibt als in der RSFSR. Von den 16 autonomen Republiken liegen 12 in der RSFSR und von den 9 autonomen Gebieten gehören gleichfalls 6 zur RSFSR. Im Bereich der Russischen Förderation befinden sich alle 10 nationalen Kreise der Sowjetunion.
STADTBEVÖLKERUNG
Infolge der Industrialisierung der UdSSR nahm die Stadtbevölerung stark zu. Folgende Tabelle gibt eine Vorstellung über das Anwachsen der Stadtbevölkerung in der UdSSR (in den Grenzen von Anfang 1939):
Tab. 10 Jahr / 1000 Menschen / % der Gesamtbevölkerung Zählung vom 9. Februar 1897 / 15825,6 / 14,8 Berechnung vom 1. Januar 1914 / 24686,6 / 17,7 Zählung vom 17. Dezember 1926 / 26314,1 / 17,9 Zählung vom 17. Januar 1939 / 55909,9 / 32,8
In 17 Jahren vor der Oktoberrevolution, von 1897 bis 1914, nahm die Stadtbevölkerung um 8,9 Mill. zu, d. h. durchschnittlich um 520000 im Jahr. Dagegen wuchs sie Bevölkerung in 12 Jahren nach der Oktoberrevolution, von 1926 bis 1939, um 29,6 Mill. an, d. h. um fast 2,5 Mill. im Jahresdurchschnitt. Bei einer Zunahme der Gesamtbevölkerung der UdSSR von 1926 bis 1939 um 15,9% stieg die städtische Bevölkerung um 112,5% an. Um das Wachstumstempo der Stadtbevölkerung in der UdSSR zu veranschaulichen, werden in der Tab. 11 Daten über die Zunahme der Stadtbevölkerung in einigen kapitalistischen Staaten angeführt.
Tab. 11 Land / Jahr / Zunahme der Stadtbevölkerung / % der Zunahme
USA (Städte über 2500 Einwohner) / 1900-1930 / von 30,4 auf 69 Mill. / 127,0 England / 1871-1931 / von 14 auf 32 Mill. / 128,0 Frankreich / 1866-1931 / von 11,6 auf 21,4 Mill. /84,0 UdSSR / 1926-1939 / von 26,3 auf 55,9 Mill. / 112,5 Die USA hatten für eine Zunahme der Stadtbevölkerung um 127% 30 Jahre nötig, England brauchte für 128% 60 Jahre, Frankreich 65 Jahre für 84%, die Sowjetunion dagegen benötigte nur 12 Jahre für ein Anwachsen um 112,5%. Diese schnelle Vermehrung der Stadtbevölkerung kennzeichnet das hohe Tempo der Industrialisierung in der UdSSR. Nach der Anzahl der Stadtbewohner steht die UdSSR jetzt an zweiter Stelle in der Welt hinter den USA. Am 1. Januar 1947 gab es in der Sowjetunion 1380 Städte und 1982 Stadtsiedlungen. Folgende Tabelle vermittelt eine Vorstellung über die Quellen für das Anwachsen der Stadtbevölkerung von 1926 bis 1939.
Tab. 12 Gründe für die Zunahme der Stadtbevölkerung / Mill. Menschen / % Zuzug vom Lande in die Städte / 18,5 / 62,5 Natürliche Vermehrung / 5,3 / 17,9 Umwandlung von Dörfern in Städte / 5,8 / 19,6 Gesamt / 29,6/ 100,0
Vom Lande in die Stadt siedelten 18,5 Mill. Menschen über. In diesem Zeitraum erreichte die natürliche Vermehrung der Landbevölkerung 18,2 Mill., aber da die Dörfer, die zu Städten wurden, 5,8 Mill. Einwohner zählten, verminderte sich die Landbevölkerung um 6,1 Mill. Menschen. Für das zaristische Rußland war eine Konzentration der Städte, namentlich der großen, in einigen Bezirken kennzeichnend, in denen sich der überwiegende Teil der Industrie befand. Die Industrialisierung der Agrarbezirke und das allgemeine Ansteigen der Kultur in der Sowjetunion hatten eine neue Verteilung der Städte zur Folge. Vor allem muß die Zunahme des städtischen Lebens in den nationalen Republiken erwähnt werden. So erhöhte sich von 1926 bis 1939 der Anteil der Stadtbevölkerung (in Prozent): in der Burjat-Mongolischen ASSR von 8 auf 30, in der Baschkirischen ASSR von 6 auf 17, in der Kirgisischen SSR von 12 auf 19, in der Kasachischen SSR von 8,5 auf 28, in der Turkmenischen SSR von 14 auf 33 usw. Diese Zunahme der Stadtbevölkerung, die die Beseitigung der wirtschaftlichen und kulturellen Rückständigkeit in den nationalen Bezirken widerspiegelt, beruht auf der folgerichtigen Verwirklichung der Lenin-Stalinschen Nationalitätenpolitik. Grundlegende Veränderungen vollzogen sich auch in anderen Bezirken des Landes. So wies das Donez-Becken 1926 zahlreiche kleine Siedlungen an den Schächten und nur 8 Städte auf, von denen 4 mehr als 50000 Einwohner und nur eine über 100000 Einwohner zählten. Dagegen gab es nach der Zählung von 1939 im Donez-Becken rund 60 Städte, wobei 13 mehr als 50000 und 5 über 100000 Einwohner hatten. Dasselbe Bild ist im Ural zu beobachten. Hier betrug die Zahl der Stadtbewohner 1914 = 681000, 1926 = 1251000 und 1939 = 3513200. Im Jahre 1926 gab es dort 27 Städte, von denen nur 3 mehr als 50000 und davon 2 über 100000 Einwohner hatten. Die Zählung von 1939 dagegen wies 47 Städte aus, hiervon 11 Städte mit mehr als 50000 und 5 mit mehr als 100000 Einwohnern. Das Kusnezker Becken zählte 1913 nur 24000 Stadtbewohner, 1936 dagegen bereits 770000. Nach der Zählung von 1926 gab es dort keine Stadt mit mehr als 30000 Einwohnern. Im Jahre 1939 waren dort schon 5 Städte mit mehr als 50 000 und 3 Städte mit mehr als 100000 Einwohnern vorhanden. Zugleich mit der Zunahme der Gesamtzahl der Städte wächst auch die Zahl der Großstädte. Diese Tatsache wird durch folgende Tabelle bestätigt:
Tab. 13 Städtegruppen nach der Einwohnerzahl / 1926 / 1939 Über 50000 / 90 / 174 Über 100000 / 33 / 92 Über 250000 / 9 / 28 Über 500000 / 3 / 11
Von 1926 bis 1939 verdoppelte sich die Zahl der Städte mit einer Bevölkerung über 50000 Einwohner, die Städte mit mehr als 250000 Einwohnern nahmen um das 3- und die Städte mit mehr als 500000 Einwohnern fast um das 4fache zu. Ganz besonders muß die Gründung einiger neuer Städte vermerkt werden, deren Bedeutung um so größer ist, als sie meist auf unbewohnten Flächen oder in bisher wenig erschlossenen Bezirken entstanden. Diese Städte werden zu Vorposten und zu Ausgangspunktenderwirtschaftlichen und kulturellen Erschließung der angrenzenden Territorien. Zu den neu entstandenen großen Städten gehören Magnitogorsk im Ural, Igarka und Kirowsk im Hohen Norden, Karaganda in Kasachstan, Magadan an der Küste des Ochotsker Meeres, Stalinsk, Kemerowo, Prokopjewsk u. a. im Kusnezker Becken, Komsomolsk am Amur usw. Die folgende Tabelle vermittelt eine Vorstellung von der Bevölkerung der wichtigsten neuen Städte: Tab. 14 Städte Zahl der Einwohner (in 1000) 1897 1926 1 1939 Stalinsk 3,0 3,9 169,5 Magnitogorsk - - 145,9 Kemerowo 0,5 21,5 133,0 Prokopjewsk - 10,7 107,2 Karaganda - 165,9 Stalinogorsk - 76,2 Berjosniki 7,7 8,8 63,6 Anshero-Sudshensk .... - 29,9 71,1 I,eninsk-Kusnezki 1.0 19,6 82,0 Stalinabad - 3,2 82,5 Kirowsk - 33,9 1) Komsomolsk am Amur 70,7 1) 1935 Zugleich mit der Zunahme der Städtezahl und dem Anwachsen der Stadtbevölkerung änderten sich in grundlegender Weise der Charakter und die Bedeutung, die Funktion und Rolle der Städte im wirtschaftlichen und kulturellen Leben des Landes, ihr äußerer Anblick und die sozialen Bedingungen des städtischen Lebens. In der Vergangenheit gab es viele Städte, die in der Hauptsache eine administrative Rolle bei einer oft sehr bescheidenen wirtschaftlichen Bedeutung spielten. Allgemein bekannt ist der zaristische Typ der abgelegenen Gouvernements- oder Distriktsstadt mit einer großen Zahl von Beamten, Kaufleuten und kleinen Händlern und einer äußerst dünnen Schicht des Proletariats, das gewöhnlich in kleinen Industriebetrieben von örtlicher Bedeutung beschäftigt war. Gleichzeitig mit diesem Stadttyp gab es ländliche Siedlungen mit einer entwickelten Fabrik- oder Heimindustrie, die „Fabrikdörfer". Hierin zeigte sich der eigenartige Entwicklungsgang der Industrie in der zaristischen Vergangenheit. „Wenn", äußerte sich Lenin über dieses Problem, .., die Errichtung von Fabriken auf dem flachen Lande auch mit vielen Unbequemlichkeiten verbunden ist, so sichert sie doch billige Arbeitskräfte. Läßt man den Bauern nicht zur Fabrik, so geht die Fabrik zum Bauern. Infolge der solidarischen Haftung und der Erschwerung des Austritts aus dem Gemeindeverband besitzt der Bauer nicht die volle Freiheit, sich den für ihn vorteilhaftesten Unternehmer auszusuchen, während der Unternehmer es ausgezeichnet versteht, den billigsten Arbeiter aufzufinden" (Lenin, Werke, Bd. III, S. 410; deutsch: ebenda, Wien-Berlin 1929, S. 483). Lenin stellt fest, daß im Jahre 1890 von 103 Industriezentren 63 nur Dörfer mit Fabriken und Heimindustrie waren, in denen sich über ein Drittel des gesamten Industrieproletariats befand. Als Beispiel hierfür kann man die Stadt Orechowo-Sujewo anführen, die ihre Bedeutung als großes Industriezentrum schon am Ende des 18. Jh. erlangt hatte und bereits 1920 etwa 38000 Einwohner zählte. Aber bis 1917 galt sie nicht als Stadt und bestand aus zwei Dörfern, Orechowo und Sujewo. Vollständig geändert hat sich das äußere Aussehen der Städte in der UdSSR. Typisch für die Provinz. des zaristischen Rußland war die abgelegene Stadt, ungepflastert, unbeleuchtet und verschmutzt, die „russische Schildbürgerstadt", die in den Werken der besten russischen Schriftsteller- Gorki, Tschechow u. a. - verewigt worden ist. An ihre Stelle traten gut eingerichtete Städte mit elektrischer Beleuchtung, mit zentraler Wasserversorgung, Rundfunk,. Telephon usw. Besonders bemerkenswert ist die zunehmende Ausrüstung der Städte in einigen Industriegebieten wie dem Ural, dem Donez-Becken, dem Gebiet Iwanowo u. a., die in der Vergangenheit, durch ihre schmutzigen Fabrik- und Schachtsiedlungen eine traurige Berühmtheit erlangt hatten. In den alten Großstädten wurde der Unterschied zwischen dem besser ausgebauten Zentrum, wo die Vertreter der herrschenden Klasse lebten, und den schmutzigen Arbeiterrandbezirken beseitigt. „Ein unvermeidliches Kennzeichen der Großstädte der bürgerlichen Länder sind die Elendsquartiere, die sogenannten Arbeiterviertel am Rande der Stadt, die einen Haufen von dunklen, feuchten Räumen, meist halbverfallenen Kellerräumen darstellen, in denen gewöhnlich die armen Leute hausen, im Schmutz verkommen und ihr Schicksal verfluchen. Die Revolution in der Sowjetunion hat dazu geführt, daß diese Elendsquartiere bei uns verschwunden sind. Sie sind durch neuerbaute, gute und helle Arbeiterviertel ersetzt worden, und in vielen Fällen sehen die Arbeiterviertel besser aus als das Stadtzentrum. (Stalin, Fragen des Leninismus, 11. Aufl., S. 457; deutsch: ebenda, Berlin 1951, S. 553/54 Das Anwachsen der Städte in der UdSSR unterscheidet sich wesentlich von der kapitalistischen Verstädterung, die die Gegensätze zwischen Stadt und Land vertieft. Gleichzeitig mit einem Massenzuzug der Bevölkerung aus dem Dorf in die Stadt vollzieht sich in der UdSSR eine rückläufige Bewegung von qualifizierten Facharbeitern aus der Stadt auf das Land. Hierzu gehören Traktorenführer, Mähdrescherfahrer, Agronomen, Zootechniker, Mechaniker. Ärzte, Lehrer u. a. die Schaffung einer leistungsfähigen sozialistischen Landwirtschaft auf der Grundlage neuzeitlicher Maschinentechnik erfordert als unbedingte Voraussetzung die Aufhebung des Gegensatzes zwischen Stadt und Land. „In ihrer gesellschaftlichen Form wird die Landwirtschaft gleichartig mit der Industrie; die landwirtschaftliche Arbeit verwandelt sich in eine Unterart der industriellen Arbeit; die Verkehrsverbindungen zwischen den Städten und Dörfern nehmen stark zu; das Wachstumstempo in der Produktion der Industrie und Landwirtschaft wird einander bedeutend angeglichen, ebenso wie der materielle und kulturelle Lebensstandart der Werktätigen in Stadt und Land einen Ausgleich findet (aus der Resolution des XVII. Parteitages der KPdSU (B), Stenogr. Protokoll des Kongresses, 1934, S. 669). Die Zunahme des ländlichen Wohlstandes setzt mit der Einführung des elektrischen Stromes, des Telephons und Rundfunks sowie durch Neubau öffentlicher Gebäude usw auch den äußeren Unterschied zwischen der Stadt und dem Dorf herab, das nunmehr des Charakter der „dörflichen Einöde" verliert.
SOZIALE ZUSAMMENSETZUNG DER BEVÖLKERUNG
Die Oktoberrevolution hat die Klassenzusammensetzung der Bevölkerung der UdSSR grundlegend geändert. Nach den Angaben der Zählung von 1939 gliedert sich die Bevölkerung der UdSSR in folgende Gesellschaftsgruppen – einschließlich Familienangehörigen – (Tab. 15): Im Jahre 1913 bertugen die Ausbeutergruppen 15,9% der Gesamtbevölkerung, die Bauern 65,1%, die Arbeiter und Angestellten 16,7% und die übrigen 2,3%. In der UdSSR gibt es keine grundsätzlichen Klassen mehr. Die Ausbeuterklassen sind beseitigt worden, und die sowjetische Gesellschaft besteht aus Werktätigen, den Arbeitern, Bauern und der Intelligenz, deren Natur sich ebenfalls sehr geändert hat. Stalin sagte in seinem Referat über den Verfassungsentwurf der UdSSR: „ Also ist unsere Klasse der Produktionsmittel- und instrumente nicht nur nicht beraubt, sondern im Gegenteil, sie besitzt sie gemeinsam mit dem ganzen Volke … Das bedeutet, daß das Proletariat der Sowjetunion zu einer völlig neuen Klasse, zu der Arbeiterklasse der Sowjetunion geworden ist, die das kapitalistische Wirtschaftssystem abgeschafft, das sozialistische Eigentum an den Produktionsmitteln und -instrumenten verankert hat und die Sowjetgesellschaft auf den Weg zum Kommunismus leitet ... Unsere Bauernschaft ist eine von der Ausbeutung befreite Bauernschaft. Weiter ist unsere Bauernschaft in ihrer erdrückenden Mehrheit eine Kollektivbauernschaft, d. h., sie gründet ihr Schaffen und ihr Vermögen nicht auf Einzelarbeit und auf eine rückständige Technik, sondern auf die kollektive Arbeit und auf eine moderne Technik ... Unsere Sowjetintelligenz ist eine völlig neue Intelligenz, die mit allen Fasern mit der Arbeiterklasse und der Bauernschaft verbunden ist..." Die Sowjetintelligenz ist „jetzt gleichberechtigtes Mitglied der Sowjetgesellschaft, wo sie gemeinsam mit den Arbeitern und Bauern, an demselben Strange ziehend, die neue, die klassenlose sozialistische Gesellschaft aufbaut" (Stalin, Fragen des Leninismus, 11.Aufl., 5.511-512; deutsch: ebenda, Berlin 1951, S. 617, 618, 619).
Tab. 15. Bevölkerungsstruktur (ohne die Bezirke des Hohen Nordens) Gesellschaftsgruppen / Zahl der Bewohner / % Städtische und ländliche Arbeiter / 54 566 283 / 34,19 Städtische und ländliche Angestellte / 29 738 484 /17,54 Kolchosmitglieder / 75 616 388 / 44,61 Genossenschaftlich organisierte Handwerker / 3 388 434 / 2,29 Genossenschaftlich nicht organisierte Handwerker / 1 396 203 / 0,82 Einzelbauern / 3 018 050 / 1,78 Nicht werktätige Bevölkerung / 60 006 / 0,04 Nicht bezeichnete Gruppen / 1 235 124 / 0,73 Gesamt 169 519 124 / 100,0 Als Ergebnis dieser Veränderungen verwischen sich die Grenzen. zwischen der Arbeiterklasse und der Bauernschaft, ebenso zwischen diesen Klassen und der Intelligenz, und die Trennung zwischen diesen sozialen Gruppen wird mehr und mehr überbrückt. Folgende Tabelle gibt Aufschluß über die Verteilung der Arbeiter und Angestellten in den verschiedenen Zweigen der Volkswirtschaft. Tab. 16. Zahl der Arbeiter und Angestellten (in 1000 Menschen) Zweige der Volkswirtschaft 1932 1937 Gesamt 22942,8 26989,5 davon: Industrie 7999,7 10111,7 Bauwesen 2835,1 2023,2 Verkehrswesen 2040,1 2773,8 Landwirtschaft 2857,5 2482,6 Unterricht 1351,1 2303,0 Gesundheitswesen 647,2 1117,6 Handel 1410,8 993,9 Staatliche und öffentliche Unternehmen 1833,5 1743,3 Im Jahre 1938 gab es in der UdSSR 27,8 Mill. Arbeiter und Angestellte. Die Arbeitslosigkeit ist in der UdSSR vollständig beseitigt worden. Der sozialistische Aufbau aller Zweige der Volkswirtschaft bedingt wesentliche Veränderungen in der berufsmäßigen Zusammensetzung der Arbeiterklasse. Vor dem ersten Fünfjahrplan, im Jahre 1927, gab es 740000 Metallarbeiter, und 60000 Metallarbeiter waren noch arbeitslos. Bis 1937 erhöhte sich die Zahl der Metallarbeiter bereits auf 4 Mill., und Arbeitslose gab es in dieser Gruppe nicht mehr. Anfang 1927 zählte man 200000 Bergarbeiter bei 5000 Arbeitslosen. Bis 1937 stieg die Zahl der Bergarbeiter auf 850000 (keine Arbeitslosen mehr). Die Zahl der Fräser wuchs von 1926 bis 1937 auf das Elf-, die Zahl der Feinmechaniker auf das Zehn-, die Zahl der Dreher auf das Siebenfache an usw. Die neue Technik hatte eine Zunahme der hochqualifizierten Fachberufe zur Folge. Im Jahre 1927 gab es rund 30000 bis 40000 Ingenieure und Architekten, deren Zahl sich bis 1937 auf 250000 erhöhte. Im Jahre 1938 arbeiteten in der Landwirtschaft 943000 Traktorenführer, 257000 Führer von Mähdreschern, 40000 Mechaniker usw. In der Verfassung der UdSSR ist festgelegt: „Der Frau stehen in der UdSSR auf allen Gebieten des wirtschaftlichen, staatlichen, kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Lebens die gleichen Rechte wie dem Manne zu" (Art. 122). Die Befreiung der Frau in der UdSSR führte zu ihrer weitgehenden Beteiligung in allen Zweigen der öffentlichen Arbeit. Im Jahre 1913 betrug die Zahl der weiblichen Arbeitskräfte in den Werken und Fabriken der Industrie (einschließlich Lehrlinge) 636000 Menschen. Am höchsten war der Anteil der weiblichen Arbeitskräfte in der Textilindustrie. Von den 636000 weiblichen Arbeitskräften waren 401800 oder 63,1% in der Textilindustrie beschäftigt. In den Jahren des ersten Weltkrieges 1914-1918 stieg die Nachfrage nach weiblichen Arbeitskräften stark an, deren Zahl im Jahre 1917 940000 erreichte. Einer der ersten Schritte der Sowjetmacht war, die Einschränkungen aufzuheben, die für die Frauen in der Gesetzgebung des zaristischen Rußland bestanden. Die Arbeitsgesetzgebung in der UdSSR gewährt Müttern und Kindern Schutz durch bezahlten Urlaub bei Schwangerschaft und Geburt, durch Arbeitsunterbrechung zur Stillung des Säuglings usw. Die Heranziehung von Frauen zum Arbeitsprozeß wird durch die Errichtung von Kinderheimen, Krippen, Kindergärten u. a., ebenso durch die Zunahme der Gemeinschaftsverpflegung sehr gefördert. Die Folge dieser Maßnahmen ist ein bedeutendes Anwachsen der Zahl der weiblichen Arbeitskräfte. Im Jahre 1929 zählte man 3,304 Mill. weibliche Arbeiter und Angestellte oder 27,2% der gesamten Arbeiter- und Angestelltenzahl, 1937 waren es 9,357 Mill. oder 34,7%. Gleichzeitig mit der allgemeinen Zunahme vollzieht sich eine systematische Eingliederung in höchstqualifizierte Arbeitszweige. In der Großindustrie waren im Jahre 1937 3,298 Mill. Frauen (gegenüber 0,939 Mill. im Jahre 1929) beschäftigt; im Unterrichtswesen waren es 1,252 Mill., im Gesundheitswesen 0,725 Mill. usw. Die Zahl der weiblichen Fachleute mit abgeschlossener Hochschulbildung beträgt mehr als 40% aller Fachleute in der Sowjetunion. Im Jahre 1929 waren 12% der weiblichen Arbeitskräfte Hausangestellte gegen nur 1,8% im Jahre 1937. Die Heranziehung von Frauen in solche Produktionszweige wie Kohlenindustrie, Metallurgie, Maschinenbau usw. wird durch die Mechanisierung der Arbeitsprozesse, durch die weitgehende Anwendung von Maschinen, welche die schwere körperliche Arbeit ersetzen, sowie durch eine allgemeine Verbesserung und Gesundung der Arbeitsbedingungen erleichtert. Sehr viele hochqualifizierte Berufe, die der Frau früher verschlossen waren, werden jetzt von ihr erlernt. Einen ehrenvollen Platz nehmen die Frauen in den intellektuellen Berufen ein. Im Jahre 1938 gab es etwa 66000 weibliche Ärzte, fast 60% aller Ärzte im Lande. Unter den Lehrern mit abgeschlossener Hochschulbildung haben die Frauen einen Anteil von mehr als 50%. Im Jahre 1932 betrug der Anteil der Frauen an den Ingenieuren und technischen Industriearbeitern 9,2% und stieg auf 19% im Jahre 1938. Die umfangreiche Teilnahme der Frauen an der öffentlichen Arbeit hat neben einer gesellschaftlichpolitischen auch eine große volkswirtschaftliche Bedeutung, da sie die Arbeitsreserven des Landes erhöht.
E. Dawydow
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