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Kapitel IX:
Für die ökonomische Vernichtung der letzten
Ausbeuterklasse, den Sieg des Sozialismus und die
Fortführung des Klassenkampfs in neuer Form
(1930-1934)

Verschärfung der kapitalistischen Krise zur weltweiten Wirtschaftskrise, Wendung der werktätigen Massen zum Kommunismus. Der Ausweg der Bourgeoisie - Faschisierung und Kriegsvorbereitung

Ende 1929/Anfang 1930, nach dem berüchtigten „Schwarzen Freitag" an der New Yorker Börse, stürzte die kapitalistische Weltwirtschaft in eine tiefe Krise. Diese Krise war nicht einfach eine Wiederholung der alten Krisen, wie Stalin auf dem XVI. Parteitag der KPdSU(B) im Januar 1930 feststellte, da sie nicht nur umfassend war, sondern sich auf dem Boden der allgemeinen Krise des Kapitalismus in seinem monopolistischem Stadium entwickelte.242

Stalin machte klar, daß die Ursachen dieser weltweiten Überproduktionskrise im kapitalistischen System selbst lagen, das vom Widerspruch zwischen dem gesellschaftlichen Charakter der Produktion und privatkapitalistischer Aneignung der Produktionsergebnisse gekennzeichnet ist:

„Ausdruck dieses Grundwiderspruchs des Kapitalismus ist der Widerspruch zwischen dem kolossalen Anwachsen der Produktionskapazitäten des Kapitalismus, die auf die Erzielung eines Maximums kapitalistischen Profits berechnet sind, und dem relativen Rückgang der zahlungsfähigen Nachfrage seitens der Millionenmassen der Werktätigen, deren Lebenshaltung die Kapitalisten ständig in den Schranken des äußersten Minimums zu halten suchen. " (Ebenda SW 12, S. 214, H.i.O.)

Die tiefe Wirtschaftskrise verschärfte nicht nur die Gegensätze zwischen den imperialistischen Ländern, sondern erhöhte auch den Druck der Imperialisten auf die Völker der Kolonien und abhängigen Länder wie auch auf die eigene Arbeiterklasse. Die Antwort waren ein Anwachsen der revolutionären Befreiungskriege wie in China, Indien, Indochina und verschiedenen afrikanischen Ländern sowie eine Hinwendung der werktätigen Massen zum Kommunismus in den imperialistischen Ländern, vor allem in Europa.

Aus dieser Entwicklung zog Stalin in seinem Rechenschaftsbericht die Schlußfolgerung, daß die wirtschaftliche Krise in einer Reihe von Ländern in eine politische Krise umschlagen werde.

Das bedeutet erstens, daß die Bourgeoisie den Ausweg aus der Lage auf dem Gebiet der Innenpolitik in weiterer Faschisierung suchen wird, wozu sie alle reaktionären Kräfte, darunter auch die Sozialdemokratie, benutzen wird. Das bedeutet zweitens, daß die Bourgeoisie den Ausweg auf dem Gebiet der Außenpolitik in einem neuen imperialistischen Krieg suchen wird. Das bedeutet schließlich, daß das Proletariat im Kampf gegen die kapitalistische Ausbeutung und die Kriegsgefahr den Ausweg in der Revolution suchen wird. " (Ebenda SW 12, S. 223)

Die heraufziehende Kriegsgefahr ergab sich dabei nicht nur aus der zwischenimperialistischen Rivalität. Es waren auch offene und versteckte Vorbereitungen für eine Intervention gegen die Sowjetunion im Gange, wie Stalin warnte.

Der Gefahr einer Intervention seitens der Imperialisten entgegen wirkten die Unterstützung der Sowjetunion durch das internationale Proletariat, die wachsende ökonomische wie auch politische und militärische Macht der Sowjetunion und deren Friedenspolitik, die auf die Anbahnung „normaler" diplomatischer Beziehungen und wirtschaftlichen Austausch mit den kapitalistischen Ländern gerichtet war.

Erfolge dieser Friedenspolitik der Sowjetunion waren die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen mit den USA 1933 und der Abschluß von Nichtangriffsverträgen mit Frankreich und der Tschechoslowakei 1935.

Am 30. Januar 1933 errichtete des deutsche Finanzkapital mit Hilfe der NSDAP die faschistische Diktatur. Dadurch verschärften sich vor dem Hintergrund der anhaltenden wirtschaftlichen Depression die Widersprüche des kapitalistischen Weltsystems. Faschisierung und Nationalismus waren ihrerseits Ausdruck der imperialistischen „Krisenbewältigung" und beschränkten sich nicht auf Deutschland. Auf dem XVII. Parteitag der KPdSU(B) Anfang 1934, der sich ein gehend mit der internationalen Lage befaßte, führte Stalin dazu aus:

„Daraus erklärt sich denn auch die Tatsache, daß die herrschenden Klassen der kapitalistischen Länder die letzten Überreste des Parlamentarismus und der bürgerlichen Demokratie, die von der Arbeiterklasse in ihrem Kampf gegen die Unterdrücker ausgenutzt werden können, geflissentlich vernichten oder auf ein Nichts reduzieren, die kommunistischen Parteien in die Illegalität treiben und zu offen terroristischen Methoden der Aufrechterhaltung ihrer Diktatur übergehen.

Chauvinismus und Kriegsvorbereitungen als Hauptelemente der Außenpolitik, Niederhaltung der Arbeiterklasse und Terror auf dem Gebiet der Innenpolitik als notwendiges Mittel zur Stärkung des Hinterlands der künftigen Kriegsfronten - das ist es, was die heutigen imperialistischen Politikerjetzt besonders beschäftigt. " (SW 13, S. 261)243

Die internationale Lage 1934 stand noch vorrangig im Zeichen der Zuspitzung der zwischenimperialistischen Gegensätze. Vor dem Hintergrund der insgesamt wachsenden Stärke der internationalen kommunistischen und Arbeiterbewegung konnte Stalin daher die Zuversicht zum Ausdruck bringen, daß der Krieg die Revolution auslösen und die Existenz des Kapitalismus in einer Reihe von Ländern in Frage stellen werde. (Vgl. ebenda SW 13, S. 262)

Was die Gefahr einer Intervention gegen die Sowjetunion betrifft, tönten zwar aktuell einige japanische Militärs am lautesten wie auch die besonders abgrundtiefen Haßtiraden des deutschen Naziregimes gegen die Sowjetunion und den „internationalen Bolschewismus" unüberhörbar waren, doch durften die Vorbereitungen anderer imperialistischer Staaten nicht ignoriert werden. Stalin warnte daher alle bourgeoisen Kriegstreiber, die sich mit solchen Gedanken trugen:

„Man kann wohl kaum daran zweifeln, daß ein zweiter Krieg gegen die UdSSR zu einer völligen Niederlage der Angreifer, zur Revolution in einer Reihe von Ländern in Europa und Asien und zur Zerschmetterung der Bourgeois- und Gutsbesitzerregierungen dieser Länder führen wird. " (Ebenda SW 13, S. 265)

Für einen solchen Verlauf und Ausgang der bevorstehenden Kämpfe gab es jedoch keine Garantie. Ohne einen starken subjektiven Faktor, ohne ausreichende Bewußtheit und Organisiertheit des Proletariats, ohne eine starke Kommunistische Partei konnte und kann die Revolution nicht erfolgreich sein. Stalin betonte deshalb, daß der Glaube an eine aussichtslose Situation für die Bourgeoisie ein sehr gefährlicher Irrglaube ist:

„Manche Genossen glauben, die Bourgeoisie müsse, sobald die revolutionäre Krise da sei, unvermeidlich in eine ausweglose Lage geraten, ihr Ende sei also bereits vorausbestimmt, der Sieg der Revolution sei dadurch bereits gesichert und sie brauchten bloß auf den Sturz der Bourgeoisie zu warten und Siegesresolutionen zu schreiben. Das ist ein schwerer Irrtum. Der Sieg der Revolution kommt nie von selbst. Man muß ihn vorbereiten und erkämpfen. Ihn vorbereiten und erkämpfen kann aber nur eine starke proletarische revolutionäre Partei. Es gibt Momente, da die Lage revolutionär ist, die Macht der Bourgeoisie bis auf die Grundfesten erschüttert ist, der Sieg der Revolution aber dennoch nicht kommt, da keine revolutionäre Partei des Proletariats vorhanden ist, die genügend Stärke und Autorität besitzt, um die Massen zu führen und die Macht zu erobern. Es wäre unvernünftig zu glauben, daß solche , Fälle' nicht vorkommen können. " (Ebenda SW 13, S. 266)

Auf dem Gebiet der Außenpolitik galt es für die UdSSR vor allem, gestützt auf die Sympathien der Völker und die eigene Stärke, die Kriegspläne der Imperialisten zu durchkreuzen. In seinem Rechenschaftsbericht wies Stalin darauf hin, daß es hier auch darauf ankommt, die Widersprüche zwischen den Imperialisten auszunutzen und die Beziehungen zu den Ländern zu stärken, „die aus diesen oder jenen Motiven nicht an der Störung des Friedens interessiert sind und die Handelsbeziehungen mit einem so korrekten Kontrahenten, wie es die UdSSR ist, ausbauen wollen. " (Ebenda SW 13, S.267)

„Die Verpflichtungen gegenüber dem Weltproletariat ... stellen wir höher" - die internationale Bedeutung des ersten Fünfjahrplans

Die Verwirklichung des ersten Fünfjahrplans, der 1928 in Angriff genommen worden war, war nicht nur ein Projekt der Arbeiterklasse der Sowjetunion zur Umgestaltung ihres Landes, dessen Ökonomie auf eine langfristig lebensfähige Grundlage gestellt werden mußte. Dieses Programm des sozialistischen Aufbaus war auch und vor allem von internationaler Bedeutung, wie Stalin in einer Rede vor Funktionären der sozialistischen Industrie im Februar 1931 hervorhob:

Wir sind hinter den fortgeschrittenen Ländern um 50 bis 100 Jahre zurückgeblieben. Wir müssen diese Distanz in zehn Jahren durchlaufen. Entweder bringen wir das zuwege, oder wir werden zermalmt. Dies zuwege zu bringen, gebieten uns die Verpflichtungen, die wir gegenüber den Arbeitern und Bauern der UdSSR haben. Wir haben aber noch andere, ernstere und wichtigere Verpflichtungen. Das sind die Verpflichtungen gegenüber dem Weltproletariat. Sie fallen mit den Verpflichtungen der ersten Art zusammen. Wir stellen sie jedoch höher. " (SW 13, S. 36).244

Nach der Oktoberrevolution und der Gründung des ersten sozialistischen Staates der Erde sah das internationale Proletariat in diesem zu Recht seine Vorhut. Dieser Rolle gerecht zu werden, sie als Verpflichtung gegenüber den Arbeiterinnen und Arbeitern der ganzen Welt zu erfüllen, mußte für das Proletariat der Sowjetunion und seine Kommunistische Partei an erster Stelle stehen. Anfang 1933 konnte der erste Fünfjahrplan vorfristig umgesetzt werden. Die Sowjetunion war aus einem Agrarland zu einem Industrieland geworden, wie Stalin in seinem Bericht über „Die Ergebnisse des ersten Fünfjahrplans" feststellen konnte .245 Die Industrialisierung des Landes im Eiltempo verlangte den werktätigen Massen große Anstrengungen und auch Opfer ab, aber es ging für sie und für ihren Staat eben letztlich darum, nicht „zermalmt" zu werden, sich gegen die Gefahren der kapitalistischen Umkreisung zu rüsten und gegen sie zu bestehen. Dessen war sich Stalin sehr bewußt, als er in seinem Bericht die Notwendigkeit begründete, „das Land anzupeitschen", um seine wirtschaftliche Zurückgebliebenheit zu überwinden:

„Man muß ein Land, das um 100 Jahre zurückgeblieben ist und dem infolge seiner Zurückgebliebenheit eine tödliche Gefahr droht, vorwärtstreiben. Nur auf diese Weise konnte dem Lande die Möglichkeit gegeben werden, in aller Eile auf der Basis der modernen Technik umzurüsten und endlich die breite Heerstraße der Entwicklung zu betreten.

Wir konnten ferner nicht wissen, an welchem Tage die Imperialisten die UdSSR überfallen und unseren Aufbau unterbrechen würden, daß sie uns aber in einem beliebigen Augenblick, unter Ausnutzung der technischen und wirtschaftlichen Schwäche unseres Landes, überfallen konnten, darüber war kein Zweifel möglich. Die Partei war deshalb gezwungen, das Land anzupeitschen, um keine Zeit zu versäumen, um die Atempause restlos auszunutzen und in der UdSSR rechtzeitig die Grundlagen der Industrialisierung zu schaffen, die die Basis ihrer Macht bilden. Die Partei hatte keine Möglichkeit, zu warten und zu manövrieren, und sie mußte die Politik des maximal beschleunigten Tempos durchführen." (Ebenda SW 13, S. 164f.)

Als sich die Realisierung des ersten Fünfjahrplanes schon abzeichnete, trat Stalin gegen verschiedene negative Erscheinungen und Einstellungen auf, die sich erneut verstärkt hatten und überwunden werden mußten, sollte der weitere wirtschaftliche Aufbau erfolgreich sein. Das „Sparksamkeitsregime" war in manchen Betrieben zum Fremdwort geworden, das Fehlen persönlicher Verantwortlichkeit für den Arbeitsplatz, die mangelnde Sorgfalt von Werktätigen im Umgang mit den Maschinen etc. hatte vielfach Unordnung in der Arbeitsorganisation und unnötigen Verschleiß zur Folge. Tendenzen zur Gleichmacherei behinderten die Entfaltung der Stoßarbeiterbewegung für die Erhöhung der Arbeitsproduktivität. Überdimensionierte Kollegialverwaltungen in den Betrieben entzogen der Arbeit an der Basis die Kräfte und mußten daher durch eine konzentrierte, auf persönlicher Verantwortung beruhende Verwaltung ersetzt werden, wie Stalin forderte. Nach wie vor blieb trotz erster Erfolge die Heranbildung einer eigenen technischen Intelligenz der Arbeiterklasse eine noch zu lösende Aufgabe.246

Die Kollektivierung der Landwirtschaft im erbitterten Klassenkampf gegen die Ausbeuter auf dem Land -„eine außerordentlich tiefgehende revolutionäre Umwälzung"

Im Sommer 1929 waren die Bedingungen herangereift, die es ermöglichten, von der Politik der Einschränkung des Kulakentums und der Verdrängung einzelner seiner Teile zur Politik der Liquidierung des Kulakentums als Klasse überzugehen. Jetzt hatten die Kollektiv- und Sowjetwirtschaften eine gewisse Stärke erreicht und konnten ihre Rolle als Vorbild für die Millionen kleiner Einzelbauern erfüllen, die für die Kollektivierung und gegen die Kulaken mobilisiert werden mußten. Im Kampf für die Realisierung des ersten Fünfjahrplans konnte die materielle Basis für die Kollektivierung geschaffen und die Ausstattung der neuen Großwirtschaften mit technischem Gerät sichergestellt werden.

Am 5. Januar 1930 wurde vom Zentralkomitee der KPdSU(B) die Politik der Liquidierung des Kulakentums als Klasse beschlossen und im Beschluß „Über das Tempo der Kollektivierung und die Hilfsmaßnahmen des Staates für den kollektivwirtschaftlichen Aufbau" festgeschrieben.

Dieser Beschluß war keine einfache taktische Änderung der Politik auf dem Land, sondern bedeutete eine Wendung zur Offensive gegen die letzte noch verbliebene Bastion des Kapitalismus im Wirtschaftssystem der Sowjetunion, wie Stalin hervorhob:

Um das Kulakentum als Klasse zu verdrängen, muß man den Widerstand dieser Klasse in offenem Kampf brechen und ihr die Quellen ihrer Existenz und Entwicklung in der Produktion (freie Bodennutzung, Produktionsinstrumente, Pacht, Recht auf Anwendung von Lohnarbeit usw.) entziehen. Das eben ist die Wendung zur Politik der Liquidierung des Kulakentums als Klasse. " (SW 12, S. 161)247

Die Sowjetmacht schaffte die Gesetze über die Zulässigkeit der Bodenpacht und der Beschäftigung von Lohnarbeitern ab und entzog den Kulaken damit die Möglichkeit, fremden Boden und fremde Arbeitskraft auszubeuten. Dort, wo die kleinen Einzelbauern bereit waren, sich zu Kollektivwirtschaften zusammenzuschließen, erhielten sie das Recht, den Boden sowie das Vieh und das sonstige Inventar der Kulakenhöfe zugunsten der Kollektivwirtschaften zu beschlagnahmen.

Es war klar, daß diese eine revolutionäre Umwälzung gewaltigen Ausmaßes darstellte, die nur gegen den heftigsten Widerstand der kulakischen Ausbeuterklasse und gestützt auf die Initiative der Millionen werktätiger Bauern durchgesetzt werden konnte.

Die „Geschichte der KPdSU(B) - Kurzer Lehrgang" gab zu Recht folgende Einschätzung der historischen Bedeutung dieser revolutionären Umwälzung:

„Das war eine außerordentlich tiefgehende revolutionäre Umwälzung, ein Sprung aus einem alten qualitativen Zustand der Gesellschaft in einen neuen qualitativen Zustand, eine Umwälzung, die in ihren Auswirkungen der revolutionären Umwälzung vom Oktober 1917 gleichkam. Die Eigenart dieser Revolution bestand darin, daß sie von oben, auf Initiative der Staatsmacht, mit direkter Unterstützung von unten, durch die Millionenmassen der gegen das Kulaken Joch und für ein freies kollektivwirtschaftliches Leben kämpfen den Bauern, vollzogen wurde. " (KL, S. 380)248

Entsprechend ihrer Natur als Ausbeuter führte die Masse der Kulaken einen erbitterten Kampf gegen die Kollektivwirtschaften, gleichwohl sie die Möglichkeit gehabt hätten, unter Anerkennung der sowjetischen Gesetzlichkeit in eine werktätige Existenz überzuwechseln. Sie hetzten nicht nur in den Dorfversammlungen, sondern gingen zusehends zu Sabotageakten an Maschinen und Inventar der Kollektivwirtschaften über, schlachteten ihr eigenes Vieh, vergifteten Brunnen und ermordeten Aktivisten der Kollektivierung.

Die Hetze und die Provokationen der Klassenfeinde blieben nicht ohne Wirkung. Insbesondere nutzten sie die Fehler örtlicher Parteiorganisationen für ihre konterrevolutionären Ziele aus. Verschiedene Parteiorganisationen hatten das Prinzip der Freiwilligkeit beim Eintritt in die Kollektivwirtschaften verletzt und wollten vom kleinen bäuerlichen Privateigentum unter Auslassung notwendiger Zwischenformen direkt zur kompletten Vergesellschaftung übergehen. Dies führte im Februar 1930 zu gefährlichen Anzeichen ernsthafter Unzufriedenheit unter der Bauernschaft, der die Kommunistische Partei durch Korrektur ihrer Fehler entgegensteuern mußte. (Vgl. ebenda KL, S. 383f.)

Trotz dieser Schwierigkeiten und Rückschläge konnte die Kollektivierungsbewegung weiter erfolgreich entfaltet werden. Hatte 1929 der Anteil der kollektivierten Bauernhöfe erst bei 4 Prozent gelegen, betrug er Ende 1930 rund 24 Prozent. Im Jahr 1931 gingen über 7 Millionen Bauern in die Kollektivwirtschaften, die danach mehr als die Hälfte aller Höfe umfaßten. Ende 1933 waren bereits 65 Prozent aller Höfe kollektiviert. Auf diese entfielen fast drei Viertel der Getreideanbaufläche, weitere 10 Prozent auf die Sowjetwirtschaften.249 Daher konnte Stalin auf dem XVII. Parteitag der KPdSU(B) im Januar 1934 das Resümee ziehen:

„Die Tatsachen besagen, daß unsere Sowjetbauernschaft endgültig die Ufer des Kapitalismus verlassen hat und im Bunde mit der Arbeiterklasse dem Sozialismus zusteuert. " (Ebenda SW 13, S.289)

Die Kollektivierungsbewegung mußte nicht nur gegen den Widerstand der Kulaken durchgesetzt werden. Insbesondere nach dem enormen zahlenmäßigen Erfolg im Jahr 1931 hatte sie zunehmend mit inneren Schwierigkeiten zu kämpfen, die zusammen mit den von den Kulaken und Klassenfeinden gestifteten Schäden zu großen Problemen bei der Getreideversorgung führten.

Konnte Stalin auf dem XVI. Parteitag im Juni 1930 noch feststellen, daß das Getreideproblem in der Hauptsache bereits gelöst war 250, mußte er Anfang 1933 feststellen:

Worin besteht der Hauptmangel unserer Arbeit auf dem Lande im letzten Jahr, im Jahre 1932? Der Hauptmangel besteht darin, daß die Getreidebeschaffung in diesem Jahr unter größeren Schwierigkeiten verlaufen ist als im vorhergehenden Jahr, im Jahre 1931. " (SW 13, S. 193)251

Die Schwierigkeiten der Kollektivwirtschaften waren sehr ernster Natur. Dort saßen jetzt die Einzelbauern von gestern, die noch keine Erfahrung mit der Bewirtschaftung, Organisation und Leitung eines kollektiven Großbetriebes hatten.

In der „Geschichte der KPdSU(B) - Kurzer Lehrgang" wird dazu ausgeführt:

„Infolge dieser Umstände zeigten sich in der ersten Zeit in der Arbeit der Kollektivwirtschaften ernste Mängel. Es stellte sich heraus, daß in den Kollektivwirtschaften die Arbeit noch schlecht organisiert und die Arbeitsdisziplin schwach war. In vielen Kollektivwirtschaften wurde der Ertrag nicht nach den geleisteten Tagewerken, sondern nach der Zahl der Esser verteilt. Häufig kam es so, daß der Faulpelz mehr Getreide erhielt als der fleißige, ehrliche Kollektivbauer. Diese Mängel in der Leitung der Kollektivwirtschaften führten dazu, daß das Interesse der Kollektivbauern an der Arbeit sank, daß viele selbst mitten in der Saison nicht zur Arbeit erschienen, daß ein Teil der Kollektivfelder bis zum Schneefall nicht abgeerntet und die Ernteeinbringung selbst nachlässig durchgeführt wurde, woraus sich riesige Getreideverluste ergaben. Das Fehlen persönlicher Verantwortlichkeit für die Maschinen und Pferde sowie in der Arbeit selbst schwächte die Entwicklung der Kollektivwirtschaften und verringerte ihren Ertrag. " (KL, S. 394)252

Wenn diese Schilderung auch nicht die Folgen dieser dramatischen Verluste näher beschreibt, wird doch deutlich, daß es sich bei der Niederkämpfung der Kulakenklasse und der Errichtung sozialistischer Produktionsverhältnisse auf dem Land in verschiedener Hinsicht, auch bei der Sicherung der Getreideversorgung, um einen Kampf auf Leben und Tod gehandelt hat. Um so größere Bedeutung kam der Durchsetzung der korrekten Massenlinie in Fragen der Kollektivierung zu.

„Gegen den Strom schwimmen" - Kampf gegen das Abweichen vom Prinzip der Freiwilligkeit bei der Kollektivierung

Die Kampagne für die Kollektivierung mußte gegen die rechte Abweichung in der KPdSU(B) mit Bucharin an der Spitze in Gang gebracht werden, welche im Kern die Interessen der Kulaken vertrat und die revolutionären Möglichkeiten der armen und werktätigen Bauernschaft verneinte.

Als sich die ersten Erfolge einstellten und zu Beginn des Jahres 1930 die Zahl der Kollektivwirtschaften sprunghaft anstieg, ließen sich viele Parteiarbeiter dazu hinreißen, die Kollektivierung künstlich zu forcieren. Sie ignorierten die praktischen Bedingungen vor Ort und veranlaßten die werktätigen Bauern teilweise durch Zwang, in die Kollektivwirtschaften zu gehen, unabhängig davon, inwieweit sie auf einen solchen Schritt tatsächlich vorbereitet waren.

In dieser trügerischen Atmosphäre rascher Erfolge entstand eine „linke" Überspitzung, wonach vielfach nicht auf das Artel, das nur die hauptsächlichen Produktionsmittel in kollektives Eigentum überführte, Kurs genommen wurde. Diese Form entsprach jedoch der überwiegend vorhandenen Bereitschaft und Bewußtheit bei der Masse der werktätigen Bauern beim Wechsel in die Kollektivwirtschaft. Statt dessen drangen manche übereifrige Parteifunktionäre darauf, die Organisationsform der Kommune zu installieren, in der sämtliche Produktionsmittel einschließlich Wohngebäude und Geflügel vergesellschaftet wurden.

Als sich die Nachrichten über solche Verstöße gegen die Parteilinie in alarmierender Zahl häuften, reagierte das Zentralkomitee der KPdSU(B) und hielt die verantwortlichen Parteikader an, das Prinzip der Freiwilligkeit bei der Kollektivierung einzuhalten und diese entsprechend den örtlichen Bedingungen und dem Bewußtseinsstand der werktätigen Bauern durchzuführen.

Auf Beschluß des Zentralkomitees erschien am 2. März 1930 der Artikel Stalins „Vor Erfolgen von Schwindel befallen", der im Kampf gegen diese Abweichungen eine wichtige propagandistische Rolle spielte. Stalin griff dort diejenigen Kader scharf an, welche die schwierige und langwierige Vorbereitungsarbeit für die Organisierung der Kollektivwirtschaften durch bürokratisches Dekretieren ersetzten und sich an Erfolgsmeldungen berauschten, die nur auf dem Papier existierten.253

Stalin erläuterte in diesem Artikel, worin die Kunst der Führung besteht:

„Die Kunst der Führung ist eine ernste Sache. Man darf nicht hinter der Bewegung zurückbleiben, denn zurückbleiben heißt sich von den Massen loslösen. Man darf aber auch nicht vorauseilen, denn vorauseilen heißt die Massen verlieren und sich isolieren. Wer die Bewegung führen und zu gleicher Zeit die Verbindung mit den Millionenmassen bewahren will, der muß den Kampf an zwei Fronten führen - sowohl gegen die Zurückbleibenden als auch gegen die Vorauseilenden. " (Ebenda SW 12, S. 175)

In dem vier Wochen später erschienen Artikel „Antwort an die Genossen Kollektivbauern" hob Stalin hervor, daß eine Offensive im Klassenkampf ohne Befestigung der eroberten Positionen zum Scheitern verurteilt ist. Daher war der Kampf gegen die „linken" Überspitzungen in einer Situation, in der ein von diesen begünstigter und von den Klassenfeinden geschürter Unmut unter den Bauern in erheblichem Umfang verbreitet war, in gewisser Hinsicht von entscheidender Bedeutung, auch wenn die rechte Gefahr die Hauptgefahr war und blieb. Hierzu stellte Stalin fest:

„Die Besonderheit des gegenwärtigen Moments besteht darin, daß der Kampf gegen die Fehler der , linken' Überspitzer bei uns eine Vorbedingung und eine eigenartige Form des erfolgreichen Kampfes gegen den rechten Opportunismus ist. " (SW 12, S. 191)254

Auf dem XVI. Parteitag, der im Juni 1930 stattfand, charakterisierte Stalin die „linke" Abweichung als ein Wiederaufleben trotzkistischer Traditionen in der Praxis der Partei. Er wandte sich entschieden gegen Stimmen, die meinten, man hätte den „linken" Überspitzern nicht entgegenzutreten brauchen, sie nicht zur Ordnung rufen und ihre Fehler bekämpfen müssen:

„So können nur Leute reden, die unbedingt mit dem Strom schwimmen wollen. Es sind die gleichen Leute, die nie imstande sein werden, sich die Leninsche Linie zu eigen zu machen - gegen den Strom zu schwimmen, wenn die Lage es erfordert, wenn die Interessen der Partei es erfordern. " (SW 12, S. 313) 255

„Es wäre irrig zu glauben, daß mit den Kollektivwirtschaften auch schon alles für die Errichtung des Sozialismus Notwendige gegeben sei"

Bereits Ende 1929, als die Kollektivierungsbewegung erst am Anfang stand, wies Stalin darauf hin, daß mit der Errichtung der Kollektivwirtschaften zwar die Frage des Eigentums an den Produktionsmitteln entschieden ist, aber damit noch keineswegs die Elemente des Klassenkampfes aus den Kollektivwirtschaften verschwunden sind. Dieser Klassenkampf beruhte auf der noch in gewissem Umfang vorhandenen Ungleichheit zwischen den Kollektivbauern und insbesondere auf den fortexistierenden Überbleibseln individualistischer und kulakischer Mentalität eines mehr oder minder großen Teils der Mitglieder der Kollektivwirtschaften. Der Klassenkampf in den Kollektivwirtschaften kann zwar nicht mit dem Klassenkampf außerhalb der Kollektivwirtschaften gleichgesetzt werden, der als Kampf auf Leben und Tod mit der Klasse der Kulaken stattfand, seine Notwendigkeit zu leugnen hätte jedoch auf Dauer den Erfolg der Kollektivierung in Frage gestellt. Stalin beschrieb das Ziel des Kampfes in den Kollektivwirtschaften wie folgt:

„Es wäre irrig zu glauben, daß mit den Kollektivwirtschaften auch schon alles, für die Errichtung des Sozialismus Notwendige gegeben sei. Erst recht irrig wäre es zu glauben, daß die Mitglieder der Kollektivwirtschaften schon Sozialisten geworden seien. Nein, man wird noch viel arbeiten müssen, um den Kollektivbauern umzumodeln, um seine individualistische Mentalität umzuformen und aus ihm ein wirkliches, schaffendes Mitglied der sozialistischen Gesellschaft zu machen. " (SW 12, S. 145)256

Die Aufgabe, innerhalb der Kollektivwirtschaften den Kampf gegen Fehlentwicklungen zu führen, stellte sich in vollem Umfang, als sich die Kollektivwirtschaften als vorherrschende Wirtschaftsform auf dem Lande durchgesetzt hatten, was so manchen selbstzufriedenen Funktionär dazu verleitete, sich vorrangig mit den eigenen Erfolgsstatistiken zu befassen und die Dinge dem Selbstlauf zu überlassen. In seiner Rede „Über die Arbeit auf dem Lande" auf dem Vereinigten Plenum des ZK und der ZKK im Januar 1933 hob Stalin daher nochmals nachdrücklich hervor:

„Die Kollektivwirtschaften sind ebenso wie die Sowjets eine gewaltige Errungenschaft unserer Revolution, eine gewaltige Errungenschaft der Arbeiterklasse. Die Kollektivwirtschaften und die Sowjets stellen jedoch nur Organisationsformen dar, zwar sozialistische, aber dennoch nur Organisationsformen. Alles hängt davon ab, welcher Inhalt in diese Form gegossen wird. " (SW 13, S.202)257

Allenthalben versuchten ehemalige Kulaken in den Kollektivwirtschaften Fuß zu fassen und dort ihre antikommunistische Wühlarbeit fortzusetzen. Daher bestand bei mangelnder Wachsamkeit durchaus die Gefahr, daß die kulakischen Elemente ihre antisozialistischen und gegen die Diktatur des Proletariats gerichteten Auffassungen und Ziele durchsetzen konnten und die Kollektivwirtschaften die Farbe wechselten. Eine ganze Reihe von Parteiarbeitern hatte noch nicht verstanden, daß sich mit der veränderten Taktik der Klassenfeinde auch die Taktik des Kampfes gegen sie ändern mußte. Darauf machte Stalin ausdrücklich aufmerksam:

Man sucht den Klassenfeind außerhalb der Kollektivwirtschaften, man sucht ihn in der Gestalt von Leuten mit tierischer Physiognomie, mit riesigen Zähnen, mit feistem Nacken und einem Stutzen in der Hand. Man sucht den Kulaken, wie wir ihn von den Plakaten her kennen. Aber solche Kulaken sind schon längst von der Bildfläche verschwunden. Die Kulaken von heute und ihre Tellerlecker, die heutigen sowjetfeindlichen Elemente auf dem Lande - das sind größtenteils , stille', , honigtriefende' Leute, beinahe, Heilige'. Man braucht sie nicht weit von der Kollektivwirtschaft zu suchen, sie sitzen in der Kollektivwirtschaft selbst und bekleiden dort die Posten von Lagerverwaltern, Wirtschaftsleitern, Rechnungsführern, Sekretären usw. Sie werden niemals sagen: Nieder mit den Kollektivwirtschaften'. Sie sind für' die Kollektivwirtschaften. Aber sie betreiben in den Kollektivwirtschaften eine Sabotage- und Schädlingsarbeit, die für die Kollektivwirtschaften üble Folgen hat. " (Ebenda SW 13, S. 205)

Zur Unterstützung des Kampfes gegen kulakische Elemente und Tendenzen beschloß das Zentralkomitee der KPdSU(B) im Januar 1933 die Organisierung von Politischen Abteilungen bei den für die Kollektivwirtschaften arbeitenden Maschinen- und Traktorenstationen. Insgesamt 17.000 Parteiarbeiter wurden zu dieser Arbeit ins Dorf geschickt. Diese besonderen Abteilungen konnten nach zwei Jahren erfolgreicher Arbeit Ende 1934 in gewöhnliche Parteiorgane verwandelt und mit den örtlichen Parteiorganisationen zusammengelegt werden.

„Die klassenlose Gesellschaft kann sozusagen nicht von selbst kommen"

Nach der erfolgreichen Industrialisierung des Landes und der weitgehenden Liquidierung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse auf dem Lande glaubten manche Parteimitglieder, die Klassenkämpfe innerhalb der sozialistischen Gesellschaft seien jetzt mehr oder weniger abgeschlossen. Auf dem XVII. Parteitag der KPdSU(B) Anfang 1934 nahm Stalin zu diesen Fragen Stellung und wies darauf hin, daß noch längst nicht alle Überreste des Kapitalismus aus dem Leben der Gesellschaft verschwunden sind und daher auch von einem Ende des Kampfes gegen diese nicht die Rede sein konnte:

„Kann man jedoch sagen, daß wir bereits alle Überreste des Kapitalismus in der Wirtschaft überwunden haben? Nein, das kann man nicht sagen. Um so weniger kann man sagen, daß wir die Überreste des Kapitalismus im Bewußtsein der Menschen überwunden haben. Das kann man nicht nur deshalb nicht sagen, weil das Bewußtsein der Menschen in seiner Entwicklung hinter ihrer ökonomischen Lage zurückbleibt, sondern auch deshalb, weil immer noch die kapitalistische Umwelt besteht, die bestrebt ist, die Überreste des Kapitalismus in der Wirtschaft und im Bewußtsein der Menschen in der UdSSR zu beleben und aufrechtzuerhalten, und gegen die wir Bolschewiki immer unser Pulvertrocken hallen müssen. " (SW 13, S. 310)258

Sowenig man die noch verbliebenen kapitalistischen Elemente in der Ökonomie sich selbst überlassen durfte, wollte man nicht Gefahr laufen, daß sie sich erneut belebten und verstärkten, sowenig konnte man erwarten, daß die bürgerliche Ideologie sich schon nach und nach verflüchtigen würde. Im Gegenteil, diese Überreste des Kapitalismus in den Köpfen der Menschen waren weitaus zählebiger als die ökonomischen Formen der alten Gesellschaft und wurden nicht nur von den konterrevolutionären und reaktionären Elementen in der Sowjetunion selbst aktiv weiter verbreitet, sondern erhielten auch Nahrung durch die Einwirkungen der kapitalistischen Umkreisung. Ohne den bürgerlichen Auffassungen und Ideologien den Kampf anzusagen, sie allseitig bloßzustellen und ihnen die kommunistische Ideologie, den proletarischen Internationalismus, die kommunistisehe Moral, Erziehung usw. entgegenzusetzen, werden diese wiedererstarken und den Sozialismus unterhöhlen.

Stalin stellte in diesem Zusammenhang heraus, daß der Nationalismus im Bewußtsein der Menschen tiefe Wurzeln hat und daher besonders schwer zu beseitigen ist.

„Ich habe von der Zählebigkeit der Überreste des Kapitalismus gesprochen. Zu bemerken ist, daß die Überreste des Kapitalismus im Bewußtsein der Menschen auf dem Gebiet der nationalen Frage viel zählebiger sind als auf irgendeinem anderen Gebiet. Sie sind zählebiger, weil sie die Möglichkeit haben, sich im nationalen Gewand gut zu maskieren. " (Ebenda SW 13, S. 320)

Der Kampf gegen bürgerliches Bewußtsein und bürgerliche Ideologie unter den werktätigen Massen war daher eine vorrangige Aufgabe der Kommunistischen Partei, war aber auch in den Reihen der Kommunisten selbst unerläßlich. Die Partei war gegen die bürgerlichen Einflüsse keineswegs gefeit, wie Stalin hervorhob:

„Man darf die Partei nicht als etwas von den sie umgebenden Menschen Losgelöstes betrachten. Sie lebt und wirkt innerhalb des sie umgebenden Milieus. Kein Wunder, daß nicht selten von außen ungesunde Stimmungen in die Partei eindringen. " (Ebenda SW 13, S. 309)

Es war demzufolge notwendig, das theoretische Niveau der Kader systematisch zu heben, das in großem Maße unter der Überlastung der Parteifunktionäre mit rein praktischer Arbeit litt, und gegenüber dem Wiederaufleben von Ideen und Auffassungen der zerschlagenen antileninistischen Gruppen wachsam zu bleiben.

Insbesondere mußte auf dem XVII. Parteitag solchen Positionen entgegengetreten werden, die von einem bevorstehenden reibungslosen Übergang zum Kommunismus träumten und darüber räsonierten, man könne beim Übergang zur klassenlosen Gesellschaft den Klassenkampf und die Diktatur des Proletariats abschwächen und dem Staat ein Ende machen:

Es ist klar, daß die klassenlose Gesellschaft nicht sozusagen von selbst kommen kann. Man muß sie durch die Anstrengungen aller Werktätigen erkämpfen und errichten: durch Stärkung der Organe der Diktatur des Proletariats, durch Entfaltung des Klassenkampfes, durch Aufhebung der Klassen, durch Liquidierung der Überreste der kapitalistischen Klassen, im Kampf mit inneren wie mit äußeren Feinden. " (Ebenda SW 13, S. 311)

Die Theorie vom Erlöschen des Klassenkampfes nach der Errichtung vollständiger sozialistischer Produktionsverhältnisse ist reaktionär. Dieser muß fortgeführt und verstärkt werden, gerade auch auf ideologischem Gebiet gegen den Opportunismus, gegen Trägheit und Selbstzufriedenheit, gegen den Bürokratismus, gegen patriarchalisches Bewußtsein, gegen die besonders zähen nationalen Vorurteile usw.

Dabei muß bewußt sein, daß die Verschärfung des Klassenkampfs keineswegs auf das Militärische oder Politische eingeschränkt werden darf, sondern daß das Objekt des Klassenkampfs des Proletariats immer mehr ausgedehnt und „verfeinert" wird, um Bourgeoisie und Kapitalismus wirklich in allen Bereichen - gerade auch im ideologisehen Bereich -zu vernichten.

Die Aufhebung der Klassen wird nicht durch Abschwächung des Klassenkampfes, sondern durch seine Verstärkung erreicht. Ebenso kann das schließliche Absterben des Staates nur vorbereitet werden durch die maximale Verstärkung der Diktatur des Proletariats. Diese Stärkung der Staatsmacht erfolgt nicht durch ein bürokratisches Aufblähen des Staatsapparats, sondern vielmehr durch die Hebung der Bewußtheit und Aktivität der Massen, durch die maximale Vereinfachung der Funktionen der Verwaltung und die immer größere Teilnahme der breiten werktätigen Massen an der Staatsmacht auf immer mehr Gebieten. Damit entfällt mehr und mehr die Notwendigkeit eines speziellen Verwaltungsapparats des Staates. Dieser Bereich des Staates beginnt abzusterben. Die Stärke der Diktatur des Proletariats beruht hier nicht auf dem Ausbau, sondern gerade im Abbau dieser Funktion des Staates. Prinzipiell stellte Stalin über die Frage des Absterbens des Staates fest:

„Wir sind für das Absterben des Staates. Wir sind jedoch gleichzeitig für die Verstärkung der Diktatur des Proletariats, der stärksten und mächtigsten Staatsmacht, die jemals bestanden hat. Höchste Entwicklung der Staatsmacht zur Vorbereitung der Bedingungen für das Absterben der Staatsmacht - so lautet die marxistische Formel. Ist das , widerspruchsvoll'? Ja, es ist , widerspruchsvoll'. Aber dieser Widerspruch ist dem Leben eigen, und er widere iegelt vollständig die Marxsche Dialektik. " (SW 12, S. 323)259

Erst wenn die Diktatur des Proletariats im Weltmaßstab verwirklicht ist, wird in diesem Bereich des Staatsapparats die Notwendigkeit des Ausbaus und der Verstärkung der proletarischen Armee und der Sicherheitsorgane entfallen und diese werden überflüssig.

Die Schwierigkeiten beim sozialistischen Aufbau, beim Kampf gegen die Feinde, bei der Mobilisierung der werktätigen Massen auf die „objektiven Bedingungen" zu schieben, war eine verbreitete Argumentation bequemer Bürokraten. Stalin wies solche Ausflüchte zurück:

„Die Berufung auf die sogenannten objektiven Bedingungen ist nicht begründet. Nachdem die Richtigkeit der politischen Linie der Partei durch die Erfahrung einer Reihe von Jahren bestätigt worden ist und an der Bereitschaft der Arbeiter und Bauern, diese Linie zu unterstützen, kein Zweifel mehr besteht, ist die Rolle der sogenannten objektiven Bedingungen auf ein Minimum zurückgegangen, während die Rolle unserer Organisationen und ihrer Leiter entscheidend, überragend geworden ist. Was aber bedeutet das? Das bedeutet, daß die Verantwortung für die Mißerfolge und Mängel in der Arbeit von nun an zu neun Zehnteln nicht auf die , objektiven' Bedingungen, sondern auf uns selbst und nur auf uns fällt. " (SW 13, S. 325)260

Es war also entscheidend, den subjektiven Faktor zu stärken, nicht nur die werktätigen Massen, sondern auch die Partei selbst zu erziehen. Objektiv waren alle Möglichkeiten gegeben, ausschlaggebend für Erfolg oder Mißerfolg war, ob die Kommunistische Partei eine korrekte Linie hatte und eine richtige Politik durchführte oder nicht, ob sie fähig war, den Klassenkampf auf allen Gebieten zu verstärken und den Opportunismus in den eigenen Reihen zu besiegen. Daher hob Stalin in seiner Parteitagsrede abschließend hervor:

„Man darf also die Partei nicht einlullen, sondern muß in ihr die Wachsamkeit entwickeln, darf sie nicht einschläfern, sondern muß sie im Zustand der Kampfbereitschaft halten, darf sie nicht entwaffnen, sondern muß sie bewaffnen, darf sie nicht demobilisieren, sondern muß sie im Zustand der Mobilisierung zur Verwirklichung des zweiten Fünfjahrplans halten. " (Ebenda SW 13,S. 334)

Treffende Bloßstellung „überheblicher Würdenträger und „unverbesserlicher Schwätzer"

Dem Kampf gegen den Bürokratismus wurde auf dem XVII. Parteitag große Aufmerksamkeit geschenkt. Es waren dabei die „roten" Bürokraten, mit denen sich Stalin in seinem Rechenschaftsbericht vor allem befaßte. Neben unverbesserlichen Bürokraten und Kanzleimenschen, über deren Beseitigung in der KPdSU(B) keine Meinungsverschiedenheiten bestanden, gab es noch zwei Typen von Funktionären, welche die Arbeit hemmten, behinderten und die Parteiarbeit nicht vorwärtskommen ließen:

„Der eine Typ von Funktionären, das sind Leute mit gewissen Verdiensten in der Vergangenheit, Leute, die Würdenträger geworden sind, die glauben, daß die Partei- und Sowjetgesetze nicht für sie, sondern für Dummköpfe geschrieben seien. Das sind dieselben Leute, die es nicht für ihre Pflicht halten, die Beschlüsse der Partei und der Regierung durchzuführen, und die auf diese Weise die Grundlagen der Partei- und Staatsdisziplin zerstören. Worauf rechnen sie, wenn sie die Partei- und Sowjetgesetze verletzen? Sie hoffen, daß die Sowjetmacht sich nicht entschließen wird, sie anzutasten, und zwar wegen ihrer alten Verdienste. Diese überheblichen Würdenträger glauben, daß sie unersetzbar seien und ungestraft die Beschlüsse der leitenden Organe verletzen können. Was soll mit solchen Funktionären geschehen? Man muß sie ohne Schwanken von den leitenden Posten absetzen, ohne Rücksicht auf ihre Verdienste in der Vergangenheit. Man muß sie absetzen, sie auf niedrigere Posten stellen und das in der Presse bekanntmachen. " (Ebenda SW 13, S. 328)

Doch ein Hindernis für eine erfolgreiche Durchführung der Beschlüsse stellten nicht nur solche selbstherrlichen Eminenzen dar, sondern auch subjektiv wohlmeinende Leute, welche die Umsetzung der Parteilinie auf andere Weise torpedierten. Durchaus humorvoll, aber ernst in den Konsequenzen nahm Stalin die unverbesserlichen Schwätzer aufs Korn:

„Jetzt komme ich zu dem zweiten Typ von Funktionären. Ich meine den Typ von Schwätzern, ich möchte sagen, von ehrlichen Schwätzern, von ehrlichen Leuten, die der Sowjetmacht ergeben, aber nicht fähig sind, zu leiten, nicht fähig sind, irgend etwas zu organisieren. Ich hatte im vorigen Jahr ein Gespräch mit einem solchen Genossen, einem sehr geachteten Genossen, aber unverbesserlichen Schwätzer, der imstande ist, jedes beliebige lebendige Unternehmen in Geschwätz zu ersäufen. Hier dieses Gespräch.

-Ich: Wie steht es bei Ihnen mit der Aussaat?

Er: Mit der Aussaat, Genosse Stalin? Wir haben mobilisiert.

Ich: Nun, und?

Er: Wir haben die Frage scharfgestellt.

Ich: Und was weiter?

Er: Wir haben einen Umschwung erzielt, Genosse Stalin, bald wird ein Umschwung eintreten.

Ich: Aber trotzdem?

Er: Es machen sich bei uns Fortschritte bemerkbar.

Ich: Aber immerhin, wie steht es bei Ihnen mit der Aussaat?

Er: Mit der Aussaat kommen wir vorläufig nicht vorwärts, Genosse Stalin. (...)

Was soll man mit diesen unverbesserlichen Schwätzern tun? Beläßt man sie bei der operativen Arbeit, so sind sie imstande, jedes beliebige lebendige Unternehmen in einer Flut von wäßrigen und endlosen Reden zu ersäufen. Es ist offensichtlich, daß man sie von den leitenden Posten absetzen und ihnen eine andere, nicht operative Arbeit geben muß. Für Schwätzer ist kein Platz in der operativen Arbeit. " (Ebenda SW 13, S. 329f.)

Die Schlußfolgerungen sind klar: Weder überhebliche Bürokraten noch phrasendreschende Desorganisatoren dürfen in verantwortungsvollen Positionen belassen werden. Doch wie können diese Leute und ihr schädliches Treiben oder Nichtstun erkannt werden? Stalin gab in seinem Rechenschaftsbericht darauf folgende Antwort:

„Die richtige Organisierung der Kontrolle der Durchführung ist von entscheidender Bedeutung für den Kampf gegen Bürokratismus und Kanzleiunwesen. (...) Eine gutorganisierte Kontrolle der Durchführung ist jener Scheinwerfer, der uns hilft, den Stand der Arbeit eines Apparats zu jeder beliebigen Zeit zu beleuchten und die Bürokraten und Kanzleimenschen ans Licht zu ziehen. Man kann mit Bestimmtheit sagen, daß neun Zehntel unserer Mängel und Mißerfolge sich aus dem Fehlen einer richtig organisierten Kontrolle der Durchführung erklären. " (Ebenda SW 13, S. 330)

Die Polemik 1931 gegen die Verfälschung der Geschichte des Bolschewismus und über die Fehler der Linken in der deutschen Sozialdemokratie vor 1917

Fragen der Parteigeschichte, insbesondere die Differenzen zwischen der Linie Trotzkis und der Linie Lenins, hatten in der Auseinandersetzung mit dem Trotzkismus wiederholt eine zentrale Rolle gespielt. Den Trotzkisten ging es dabei um nichts anderes, als zu versuchen, sich nachträglich ins Recht zu setzen, um ihren opportunistischen Auffassungen den Anschein größerer Glaubwürdigkeit zu verleihen.

Auch in den ideologischen Kämpfen, die nach dem Ausschluß Trotzkis,aus der Kommunistischen Partei gegen trotzkistisch beeinflußte Abweichungen geführt wurden, mußte von den Bolschewiki die Wahrheit über die Auseinandersetzungen mit den Opportunisten in der Vergangenheit verteidigt werden.

Im Herbst 1930 veröffentlichte die Zeitschrift „Proletarskaja Rewoluzija" einen Artikel eines gewissen Sluzki, in dem die Behauptung aufgestellt wurde, Lenin habe die Gefahr des Zentrismus in der deutschen und überhaupt in der Vorkriegssozialdemokratie, die Gefahr des Versöhnlertums gegenüber dem Opportunismus unterschätzt und hätte im Grunde auf den vollentfalteten Kampf gegen den Opportunismus und den organisatorischen Bruch mit ihm verzichtet.

In einem Brief an die Redaktion der Zeitschrift wandte sich Stalin entschieden dagegen, daß diese Einlassungen Sluzkis zur Diskussion gestellt worden waren und protestierte nachträglich gegen die Veröffentlichung des Artikels, da er feststehende Tatsachen in verleumderischer Weise ins Gegenteil verkehrte.

So führte Stalin an, daß jeder Bolschewik weiß, daß Lenin und die Bolschewiki in den Jahren 1903-1904 eine Linie verfolgten, die auf den Bruch, auf die Trennung von den Opportunisten, sowohl in Rußland als auch in der II. Internationale, insbesondere in der deutschen Sozialdemokratie, gerichtet war, weshalb sich die Bolschewiki in den Reihen der Opportunisten der II. Internationale in den Jahren 1903-1905 den „ehrenvollen Ruf" von „Spaltern" und Desorganisatoren " erworben hatten .261

Bei der Veröffentlichung des Artikels von Sluzki handelte es sich um einen „faulen Liberalismus" (Ebenda SW 13, S. 77), der nichts mit Diskussionsfreiheit zu tun hatte, wie Stalin betonte. „Eine Verleumdung muß man brandmarken, nicht aber zum Gegenstand der Diskussion machen" (Ebenda SW 13, S. 78), das wäre die einzig richtige Antwort gewesen.

Während Sluzki zum einen Lenin des Versöhnlertums gegenüber dem Opportunismus bezichtigte, warf er ihm und den Bolschewiki in einer völlig verdrehten Argumentation zum anderen vor, sie hätten die Linken in der deutschen Sozialdemokratie rückhaltlos unterstützen müssen und zu diesem Zweck auf die Kritik an deren ernsten Fehlern verzichten sollen. Stalin verwies darauf, daß die damaligen Führer der Linken, Parvus und Rosa Luxemburg, 1903 die menschewistische Position in der Frage der Parteimitgliedschaft gegen Lenin unterstützt hatten, der die aktive Mitarbeit in einer Parteiorganisation zur Bedingung der Parteimitgliedschaft machte. Er erinnerte daran, daß die gleichen Führer 1905 Lenins Theorie von der revolutionär-demokratischen Diktatur der Arbeiter und Bauern und des sofortigen Übergangs von der siegreichen bürgerlich-demokratisehen Revolution zur sozialistischen Revolution abgelehnt hatten. Weiter hielt Stalin fest, daß die linken Sozialdemokraten im Westen, insbesondere Rosa Luxemburg, gegen die leninistische Linie des Selbstbestimmungsrechts der Nationen einschließlich des Rechts auf Lostrennung Stellung bezogen hatten.

Daher stellte Stalin heraus, daß Lenin die Linken in der deutschen Sozialdemokratie unterstützte, da sie „große und ernste revolutionäre Taten aufzuweisen" (Ebenda SW 13, S. 83) hatten, daß diese Unterstützung jedoch mit einer solidarischen scharfen Kritik verbunden werden mußte, um sie vorwärts zu drängen. So schlußfolgerte Stalins:

„Ist es nicht klar, daß die Bolschewiki die Linken in Deutschland, die immer wieder zwischen Bolschewismus und Menschewismus schwankten, nicht ohne ernste Vorbehalte, nicht ohne ernste Kritik an ihren Fehlern unterstützen konnten, wenn sie an der Arbeiterklasse und ihrer Revolution nicht Verrat üben wollten? " (Ebenda SW 13, S. 80, H.i.O.)

Mangels anderer Argumente hatte sich Sluzki auf die Behauptung verlegt, es gäbe nicht genügend Dokumente, die den unversöhnlichen Kampf der Bolschewiki gegen den Zentrismus belegen würden. Darauf antwortete Stalin:

Wer, außer hoffnungslosen Bürokraten, kann sich auf papierne Dokumente allein verlassen? Wer, außer Archivratten, begreift nicht, daß Parteien und Führer vor allem auf Grund ihrer Taten geprüft werden müssen und nicht nur auf Grund ihrer Deklarationen?" (Ebenda SW 13, S. 86, H.i.O.)

Also die Einheit von Wort und Tat als Kriterium zu nehmen, ist das Entscheidende. Resolutionen „allein" reichen für die Beurteilung der Politik einer Partei nicht aus, ihre Handlungen und ihre Geschichte müssen ebenfalls einbezogen werden.

Der Artikel Sluzkis war für Stalin im Grund nur der Anlaß, abschließend auf ein weitaus gravierenderes Problem hinzuweisen, nämlich auf die bis dahin unzureichende Arbeit der Parteihistoriker, deren Fehler und Mängel solchen schädlichen wie überflüssigen Debatten Vorschub leisteten. Er forderte daher von der Zeitschrift „Proletarskakaja Rewoluzija":

„Meines Erachtens besteht die Aufgabe der Redaktion darin, die Behandlung der Fragen der Geschichte des Bolschewismus auf die gebührende Höhe zu bringen, das Studium der Geschichte unserer Partei in wissenschaftliche, bolschewistische Bahnen zu lenken, sich mit gesteigerter Aufmerksamkeit gegen die trotzkistischen und alle sonstigen Fälscher der Geschichte unserer Partei zu wenden und ihnen systematisch die Masken herunterzureißen. " (Ebenda SW 13, S. 91)

Diese Aufgabe wurde später im umfassenderen Sinne mit der Herausgabe der „Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki) - Kurzer Lehrgang" verwirklicht.

„Die Revolution ist ein Kampf auf Leben und Tod" - Stalins Unterredung mit dem englischen Schriftsteller H. G. Wells 1934

Im Juli 1934 traf sich Stalin mit dem englischen Schriftsteller H. G. Wells, dem damaligen Präsidenten des internationalen PEN-Clubs, zu einem Gespräch. Angesichts der tiefgehenden Wirtschaftskrise und der Depression der kapitalistischen Welt, tief beeindruckt von Roosevelts „New Deal" in den USA, sah Wells in den USA „eine Planwirtschaft, eine sozialistische Wirtschaft im Entstehen und hielt es für nötig, daß die Kapitalisten von der Sowjetunion lernen und sich den „Geist des Sozialismus" zu eigen machen müßten.

Im Ton höflich, in der Sache hart deckte Stalin in dem Gespräch die illusorischen, dem politischen Gehalt nach reformistischen Ansichten der Schriftstellers Wells auf, verteidigte und erklärte grundlegende Gesetzmäßigkeiten des wissenschaftlichen Kommunismus.

Zunächst machte Stalin deutlich, daß die in den USA unter Roosevelt vorgenommenen Maßnahmen nichts mit Sozialismus oder sozialistischer Planwirtschaft zu tun haben, daß diese vielmehr dazu dienen, einen kapitalistischen Weg aus der Krise zu finden.

Das Gespräch spitzte sich dann auf die Frage der revolutionären Gewalt, auf die Frage der gewaltsamen Revolution zu, denn in diesen Fragen werden die prinzipiellen Differenzen zwischen einer reformistischen Konzeption der Veränderung der kapitalistischen Gesellschaft und der revolutionären Perspektive des gewaltsamen Sturzes der kapitalistischen Ordnung besonders deutlich.

Für H. G. Wells war die „Aufstands-Propaganda" der kommunistischen Parteien „ein Ärgernis", die „Propaganda für den gewaltsamen Sturz des Gesellschaftssystems" hielt er für überholt, da „das System ohnehin zusammenbricht". Stalin antwortete hierauf wie folgt:

„Sie stellen zu Recht fest, daß die alte Welt zusammenbricht. Aber Sie irren, wenn Sie glauben, daß sie von selbst zusammenbricht. Nein, die Ablösung eines Gesellschaftssystems durch ein anderes ist ein komplizierter und langwieriger revolutionärer Prozeß. Es ist nicht einfach ein spontaner Prozeß, sondern ein Kampf es ist ein Prozeß, der sich im Zusammenstoß der Klassen vollzieht. Der Kapitalismus verfault, aber man kann ihn nicht einfach mit einem Baum vergleichen, der so morsch ist, daß er von selbst zu Boden stürzen muß. Nein, die Revolution, die Ablösung eines Gesellschaftssystems durch ein andres, ist immer ein Kampf gewesen, ein mühsamer und ein grausamer Kampf, ein Kampf auf Leben und Tod. Und jedesmal, wenn die Menschen der neuen Welt an die Macht kamen, mußten sie sich der Versuche der alten Welt erwehren, die alte Ordnung gewaltsam wiederherzustellen; diese Menschen der neuen Welt mußten stets auf der Hut sein, stets bereit sein, die Angriffe der alten Welt auf das neue System zurückzuschlagen. " (Ebenda SW 14, S. 16f.)

Und Stalin erläutert die zwingende Notwendigkeit der Anwendung revolutionärer Gewalt angesichts der aktuellen Erfahrung der Arbeiterbewegung mit dem Faschismus:

Was wollen Sie mit den Faschisten machen? Mit ihnen diskutieren? Sie zu überzeugen versuchen? Aber damit erreichen Sie bei ihnen nicht das geringste. Die Kommunisten verherrlichen keineswegs die Anwendung von Gewalt. Aber sie, die Kommunisten, sind nicht willens, sich überrumpeln zu lassen, sie können sich nicht darauf verlassen, daß die alte Welt freiwillig von der Bühne abtritt, sie sehen, daß das alte System sich gewaltsam verteidigt, und deshalb sagen die Kommunisten der Arbeiterklasse: Beantwortet Gewalt mit Gewalt, tut alles, was in euren Kräften steht, uni zu verhindern, daß die alte, sterbende Ordnung euch zermalmt, laßt nicht zu, daß sie Fesseln um eure Hände legt, uni die Hände, mit denen ihr das alte System niederreißen werdet! Sie sehen also, die Kommunisten betrachten die Ablösung eines Gesellschaftssystems durch ein anderes nicht einfach als einen spontanen und friedlichen Prozeß, sondern als einen komplizierten, langwierigen und gewaltsamen Prozeß. " (Ebenda S W 14, S. 17)

Gegen Schluß des Gesprächs erklärte Stalin den Unterschied zwischen Reform und Revolution und ließ dabei keinen Raum für die Verwischung dieses Unterschieds. H. G. Wells fragte, ob denn „ein großer Unterschied zwischen einer kleinen Revolution und einer großen Reform" bestehe und ob „eine Reform nicht eine kleine Revolution" sei. Stalins Antwort:

„Infolge des Drucks von unten, des Drucks der Massen mag die Bourgeoisie gelegentlich unter Beibehaltung des bestehenden sozialökonomischen Systems bestimmte Teilreformen zugestehen. Wenn sie so handelt, kalkuliert sie, daß diese Zugeständnisse nötig sind, um ihre Klassenherrschaft zu erhalten. Das ist das Wesen der Reform. Revolution meint dagegen die Übertragung der Macht von einer Klasse auf eine andere. Deshalb auch ist es unmöglich, eine Reform als Revolution zu bezeichnen. Deshalb haben wir keinen Wandel des Gesellschaftssystems zu erwarten, der sich als unmerklicher Übergang von einem in ein anderes System auf dem Wege der Reform, durch Zugeständnisse der herrschenden Klasse vollzöge. " (Ebenda SW 14, S. 22)

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