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Kapitel VI:
Kampffür den Leninismus und für die Unterstützung
des Aufbaus der jungen Kommunistischen Parteien
(1924-1925)
Über Lenin
Am 21. Januar 1924 starb Lenin, der Begründer der Partei der Bolschewiki, in Gorki bei Moskau. Mit ihm verloren die Arbeiterklasse der Sowjetunion und das internationale Proletariat ihren bedeutendsten Theoretiker und politischen Führer.
Auf der Trauersitzung des 11. Sowjetkongresses am 26. Januar hielt Stalin die Rede „Zum Tode Lenins" und legte im Namen der Partei einen feierlichen Schwur ab, der jeden Kommunisten und jede Kommunistin auf zentrale Grundsätze des Wirkens Lenins verpflichtet:
- Die Mitgliedschaft in der Partei, den Namen „Mitglied der Partei" hochzuhalten und in Reinheit zu bewahren;
- die Einheit der Partei wie den eigenen Augapfel zu hüten; - die Diktatur des Proletariats zu schützen und zu festigen;
- mit allen Kräften das Bündnis der Arbeiter und Bauern zu festigen;
-die Union der Republiken, das freiwillige Bündnis der Völker der Sowjetunion, zu festigen und zu erweitern;
- die Rote Armee für die Verteidigung der Diktatur des Proletariats zu stärken;
- den Grundsätzen der Kommunistischen Internationale die Treue zu bewahren.136
Zwei Tage später erläuterte Stalin auf einer Gedenkveranstaltung der Kremlkursanten anhand eigener Erinnerungen an wichtige Episoden der Parteigeschichte persönliche Charakterzüge und ideologische Grundsätze Lenins, die ihn als hervorragenden Parteiführer auszeichneten.
Stalin hob als ersten Eindruck von Lenin dessen ausgeprägte Bescheidenheit in der Diskussion und im Umgang mit den anderen Parteimitgliedern hervor. Lenin verzichtete in seinen Reden und Diskussionsbeiträge auf Effekthascherei und große Gesten, sondern setzte auf die Überzeugungskraft durchdachter Argumente, auf die Kraft der Logik. Im innerparteilichen Kampf mit den Menschewiki waren die Devisen Lenins: kein Lamentieren bei Niederlagen, keine Überheblichkeit nach politischen Siegen. Lenin rechnete stets mit der Meinung der Mehrheit der Partei, ohne deren Gefangener zu werden, wenn ihr die prinzipielle Basis fehlte. Prinzipienfestigkeit in der Politik stand für ihn an erster Stelle, da nur so die Grundinteressen des Proletariats gewahrt werden können. Schonungslos polemisierte Lenin gegen die selbstgefälligen Kritiker des „Chaos der Revolution". Vertrauen auf die schöpferischen Kräfte der Massen, deren praktische Erfahrungen auszuwerten und alles dafür zu tun, die spontane Bewegung in bewußte Bahnen zu lenken, war dagegen seine revolutionäre Maxime. Lenin hatte wie kein anderer Parteiführer einen Scharfblick für Wendepunkte der Revolution, besonders in Zeiten revolutionärer Explosionen, wie Stalin anhand der dramatischen Ereignisse im Oktober 1917 schildert. Lenin erwies sich, in Stalins Worten, als Genius der Revolution.137
Als Lenin starb, stellten sich die bewußtesten Arbeiterinnen und Arbeiter, die noch nicht in der Partei waren, die Frage nach ihrem Verhältnis zur Kommunistischen Partei. Tausende von Anträgen auf Aufnahme in die Partei gingen in kurzer Zeit beim Zentralkomitee der KPR(B) ein. Dieses griff die Initiative der Arbeiterinnen und Arbeiter auf und organisierte das Leninische Parteiaufgebot, das - auf der Basis individueller Prüfung der Aufnahmeanträge - zur Aufnahme von mehr als 240.000 neuen Mitgliedern führte. Dadurch verbesserte sich die soziale Zusammensetzung der KPR(B) deutlich. Der Anteil der Arbeiterinnen und Arbeiter unter den Parteimitgliedern stieg auf 55 Prozent, wie Stalin in seinem organisatorischen Bericht an den XIII. Parteitag feststellte.138 Gleichzeitig warnte er entschieden davor, die Frage der Quantität über die Frage der qualitativen Zusammensetzung der Partei zu stellen:
„Die größten Parteien können zugrunde gehen, wenn sie sich übernehmen, zu vieles erfassen und sich dann unfähig erweisen, das Erfaßte festzuhalten, zu verdauen. Urteilen Sie selbst. In unserer Partei gibt es etwa 60 Prozent politisch Ungeschulter. 60 Prozent politisch Ungeschulter - das war vor dem LeninAufgebot, und nach dem Lenin-Aufgebot werden es, fürchte ich, etwa 80 Prozent sein. Ist es nicht an der Zeit, Genossen, halt zu machen? Ist es nicht an der Zeit, sich auf die 800 000 Mitglieder zu beschränken und scharf und bestimmt die Frage der Verbesserung der qualitativen Zusammensetzung der Partei, der Unterweisung des Lenin-Aufgebots in den Grundlagen des Leninismus, der Erziehung dieser Mitglieder zu bewußten Leninisten auf die Tagesordnuny~ zu setzen? Ich denke, daß es an der Zeit ist. " (SW 6, S. 229) 139
Die überragende Bedeutung der Schrift „Über die Grundlagen des Leninismus"
Den Genossinnen und Genossen des „Lenin-Aufgebots" widmete Stalin seine Schrift „Über die Grundlagen des Leninismus", die als Abschrift seiner Vorlesungen an der Swerdlow-Universität von April bis Mai 1924 in der „Prawda" erstmals veröffentlicht wurden. So diente diese Schrift unmittelbar dazu, besonders die neuen Parteimitglieder zu schulen und theoretisch auszubilden. Gleichzeitig ging es Stalin auch grundsätzlich darum, den Leninismus gegen die sich verschärfenden Angriffe der Opportunisten zu verteidigen, die nach Lenins Tod mit Lenin-Zitaten jonglierend versuchten, den Leninismus zu attackieren.
„Über die Grundlagen des Leninismus" stellt die bis heute beste Darlegung der Grundzüge der Theorien Lenins, insbesondere seines Beitrags zur Weiterentwicklung der Marxismus dar. Die Schrift enthält die Darlegung der Prinzipien der leninistischen Partei neuen Typs, behandelt die historischen Wurzeln, die Methode und die Theorie des Leninismus, als Theorie des Imperialismus und der proletarischen Revolution, die Beiträge Lenins zur Frage der Diktatur des Proletariats, zur Bauernfrage, zur nationalen Frage und zu Fragen der Strategie und Taktik. Das abschließende Kapitel ist dem Arbeitsstil gewidmet.
Die Grundlagen des Leninismus in einer gut 100 Seiten umfassenden Schrift erschöpfend darzulegen, ist selbstredend nicht möglich. Daher sagte Stalin einleitend - mit vielleicht etwas zu großer Bescheidenheit -, daß seine Vorlesungen „im besten Fall nur ein gedrängter Konspekt der Grundlagen des Leninismus sein "140 können. Sie sind in der Tat nicht mehr, aber auch nicht weniger als eine grundsätzliche Einführung und Orientierung für das Studium der Theorie des wissenschaftlichen Kommunismus in der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution. Diese Schrift ist zugleich eine konzentrierte Abrechnung mit den Hauptthesen des Revisionismus der II. Internationale und richtet sich dabei gegen die damals besonders stark hervortretende Abart des Sozialdemokratismus, den Trotzkismus, als dem aktuellen ideologischen Gegner im innerparteilichen Kampf in der KPR(B).
Die theoretischen Beiträge Lenins haben den Marxismus bereichert und weiterentwickelt, fallen aber nicht mit den Lehren des wissenschaftlichen Kommunismus insgesamt zusammen. Stalin kam es darauf an, das Besondere und Neue in den Werken Lenins darzulegen (Siehe S. 62). Dabei gab Stalin eine präzise und gültige Definition des Leninismus:
„Der Leninismus ist der Marxismus der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution. Genauer. Der Leninismus ist die Theorie und Taktik der proletarischen Revolution im allgemeinen, die Theorie und Taktik der Diktatur des Proletariats im besonderen. " (S. 63)
Die Methode des Leninismus, die Stalin nach dessen historischen Wurzeln behandelte, ist keineswegs nur eine formale Angelegenheit. Die Methode bestimmt die Herangehensweise an die Fragen der Revolution. Stalin erinnert an die von Lenin formulierten Kriterien einer wirklichen revolutionären Selbstkritik (einen Fehler offen zugeben, seine Ursachen aufdecken, die Umstände, die ihn hervorgerufen haben, analysieren, die Mittel zur Behebung des Fehlers sorgfältig prüfen) und führt aus, daß die Erfordernisse der Einheit von Theorie und Praxis, der Einheit von Wort und Tat, der Umstellung der gesamten Parteiarbeit auf revolutionäre Art zwingend verbunden sind und kulminieren in der Selbstkritik der proletarischen Parteien, ihrer Schulung und Erziehung anhand der eigenen Fehler. (Siehe S. 77f.)
Lenin betrachtete die revolutionäre Theorie nicht als Dogma, wie Stalin betonte. Nur so war es möglich, die marxistische Theorie den neuen epochalen Bedingungen des Imperialismus entsprechend weiterzuentwickeln und die überkommenen Losungen der verknöcherten Parteien der 11. Internationale über Bord zu werfen.
„Gerade dieser kritische und revolutionäre Geist durchdringt von Anfang bis zu Ende die Methode Lenins. " (S. 78)
Nicht zuletzt angesichts der gewaltigen neuen Herausforderungen, vor denen der sozialistische Aufbau in der Sowjetunion stand, hob Stalin die Bedeutung der Theorie für die proletarische Bewegung hervor.
„ Die Theorie kann zu einer gewaltigen Kraft der Arbeiterbewegung werden, wenn sie sich in untrennbarer Verbindung mit der revolutionären Praxis herausbildet, (...) denn sie, und nur sie, kann der Praxis helfen zu erkennen, nicht nur wie und wohin sich die Klassen in der Gegenwart bewegen, sondern auch, wie und wohin sie sich in der nächsten Zukunft werden bewegen müssen. " (S.79)
Die revolutionäre Theorie ist keine ausgedachte Konstruktion, sondern spiegelt die realen historischen Erfahrungen der Arbeiterbewegung wider, die sie wissenschaftlich verallgemeinert. Stalin gab auch hierzu eine sehr wichtige Definition:
„Die Theorie ist die Erfahrung der Arbeiterbewegung aller Länder, in ihrer allgemeinen Form genommen. " (S. 79)
Als weiteren zentralen Punkt griff Stalin die Kritik der „Theorie" der Spontaneität heraus, die Anbetung dessen, was ist. Die Theorie der Spontaneität ist die Theorie der Herabminderung der Rolle des bewußten Elements in der Bewegung, die Ideologie der „Nachtrabpolitik", „die logische Grundlage jeder Art von Opportunismus", wie Stalin feststellt (S. 81, H.i.O.) Diese Ideologie der Nachtrabpolitik und des Opportunismus war nicht nur eine russische Erscheinung, sondern war kennzeichnendes Merkmal der Parteien der 11. Internationale, die schließlich im Nachtrab der chauvinistischen Kriegshetze als sozialchauvinistische „Vaterlandsverteidiger" endeten (Siehe S. 82). Der Leninismus dagegen besagt, daß sich die Partei nicht einfach der spontanen Bewegung anpassen darf, sondern ihr vorangehen und die Massen planmäßig auf das Niveau der Bewußtheit heben muß.
Für die Auseinandersetzung mit den Trotzkisten, die die Möglichkeit des sozialistischen Aufbaus, gestützt auf die eigenen Kräfte, bestritten und ablehnten, waren Stalins Darlegungen zu Lenins Theorie des Imperialismus und der proletarischen Revolution auch von aktueller Bedeutung. Früher hielt man den Sieg der Revolution in einem Land für unmöglich, „jetzt muß man von der Möglichkeit eines solchen Sieges ausgehen" (S. 94), erklärte Stalin. Die Ungleichmäßigkeit der Entwicklung der verschiedenen imperialistischen Länder, die Gesamtheit der Widersprüche des Imperialismus und das Anwachsen der revolutionären Bewegung in allen Ländern der Welt können auch in einem Land eine revolutionäre Situation entstehen lassen, die das Proletariat erfolgreich nutzen kann, um auf dem Weg der gewaltsamen Revolution den bürgerlichen Staatsapparat, die bürgerliche Armee, den bürgerlichen Beamtenapparat, die bürgerliche Polizei, zu zertrümmern (S. 103).
Den Sieg der Revolution sichern kann das Proletariat jedoch nur, wenn es anstelle der Diktatur der Bourgeoisie seine eigene bewaffnete Macht setzt, wie Stalin im Kapitel „Die Diktatur des Proletariats" herausstellt:
„Die Bourgeoisie besiegen und ihre Macht niederwerfen, das vermag die Revolution auch ohne die Diktatur des Proletariats. Aber den Widerstand der Bourgeoisie unterdrücken, den Sieg behaupten und weiterschreiten zum endgültigen Sieg des Sozialismus kann die Revolution nicht mehr, wenn sie nicht auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung ein spezielles Organ in Form der Diktatur des Proletariats als ihre wichtigste Stütze schafft. " (S.96)
Die Charakterisierung der Diktatur des Proletariats als ein Instrument der proletarischen Revolution macht deutlich, daß sie keinen Selbstzweck vorstellt, sondern ein unverzichtbares Mittel ist, den vollständigen Sieg des Sozialismus zu erreichen, um perspektivisch zum Kommunismus, zur klassenlosen Gesellschaft vorwärtsgehen zu können.
Die historische Phase des Übergangs zum Kommunismus ist ein „,zäher Kampf, ein blutiger und unblutiger, gewaltsamer und friedlicher, militärischer und wirtschaftlicher, pädagogischer und administrativer Kampf"(S. 99) 141 gegen den sich vervielfachenden Widerstand der gestürzten Ausbeuter, die mit dem Weltimperialismus im Bunde stehen, gegen das Erbe des Kapitalismus auf allen Gebieten, gegen die Macht der Gewohnheit, wie Stalin mit wichtigen Zitaten aus Schriften Lenins hervorhebt. Daher muß sich die Arbeiterklasse an der Macht auf einen langfristigen Kampf gegen die innereund internationale Konterrevolution einrichten:
„Es erübrigt sich wohl nachzuweisen, daß die Erfüllung dieser Aufgaben in kurzer Zeit, die Durchführung alles dessen in ein paar Jahren ein Ding der Unmöglichkeit ist. Deshalb darf man die Diktatur des Proletariats, den Übergang vom Kapitalismus zum Kommunismus nicht als eine schnell vorübergehende Periode mit einer Reihe von, hochrevolutionären `Akten und Dekreten betrachten, sondern man muß sie als eine ganze historische Epoche betrachten, die ausgefüllt ist mit Bürgerkriegen und äußeren Zusammenstößen, hartnäckiger organisatorischer Arbeit und wirtschaftlichem Aufbau, Angriffen und Rückzügen, Siegen und Niederlagen. Diese historische Epoche ist notwendig, nicht nur uni die wirtschaftlichen und kulturellen Voraussetzungen für den vollständigen Sieg des Sozialismus zu schaffen, sondern auch, um dem Proletariat die Möglichkeit zu geben, erstens sich selbst zu erziehen und zu stählen als diejenige Kraft, die fähig ist, das Land zu verwalten, und zweitens, die kleinbürgerlichen Schichten umzuerziehen und umzumodeln in einer Richtung, die die Organisierung der sozialistischen Produktion sicherstellt. " (S. 99)
Die Bauernfrage, die nationale Frage und die Strategie und Taktik, die Stalin anschließend behandelt, sind gegenüber der Frage der Diktatur des Proletariats untergeordnete Fragen. Sie sind untergeordnet in dem Sinne, daß die Antwort auf ihre Lösung nicht unabhängig davon gegeben werden kann, wie die Macht der Arbeiterklasse, die Diktatur des Proletariats, erkämpft und gefestigt werden muß.
Stalin machte klar, daß die Arbeiterklasse Rußlands ohne einen starken Verbündeten wie die Masse der ausgebeuteten und werktätigen Bauernschaft niemals hätte siegen können, ebenso wie sie die Macht nicht behaupten würde können, ohne die Masse der Bauern auf ihre Seite zu ziehen, indem sie ihrer großen Masse eine Perspektive als Bauern beim Aufbau der neuen sozialistischen Gesellschaftsordnung bietet oder den Übergang in andere von Ausbeutung befreite Tätigkeiten eröffnet.
Die Erweiterung der nationalen Frage aus einer Einzelfrage der nationalen Unterdrückung dieser oder jener europäischen Nation wie Irland oder Finnland zur Weltfrage der Befreiung der unterdrückten Völker und Nationen der abhängigen Länder und Kolonien vom Joch des Imperialismus wird von Stalin gerade als eine der großen Leistungen des Leninismus herausgestellt. Weder hätte die Oktoberrevolution ohne die Unterstützung der vom Zarismus geknechteten Nationen und Nationalitäten die Macht behaupten können, denen sie die nationale Befreiung brachte, noch kann das internationale Proletariat ohne das Bündnis mit den unterdrücken Völkern den Sieg erringen.
Eine Kommunistische Partei, die es nicht versteht, der gegebenen Etappe der Revolution entsprechend, sei es die der demokratischen oder der sozialistischen Revolution, das strategische Ziel und die Hauptkräfte der Revolution wie ihre Reserven richtig zu bestimmen, ist zum Scheitern verurteilt, wie Stalin gerade anhand der auf prinzipiellen Grundlagen entwickelten Leninschen Strategie in den verschiedenen Abschnitten der russischen Revolution vor Augen führte. Ebensowenig wie es ihr ohne richtige Anwendung der Prinzipien der taktischen Führung gelingen kann, die strategischen Ziele zu erreichen. Dazu ist es erstens notwendig, die noch zögernden und illusionsbehafteten Massen der Werktätigen durch eigene politische Erfahrungen von der Unausweichlichkeit der proletarischen Revolution und der richtigen Linie der Kommunistischen Partei zu überzeugen. Zweitens kommt es darauf, jenes besondere Kettenglied zu ergreifen, um die anstehenden Aufgaben entscheidend vorwärtszubringen.
Ein zentrales Kapitel der Schrift ist das über die Kommunistische Partei. Es basiert auf den grundlegenden Werken Lenins über den Parteiaufbau wie „Was tun?" und „Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück" und faßt in konzentrierter Form die Erfahrungen der Partei der Bolschewiki zusammen. In sechs Abschnitten, die sich jeweils mit einem der charakteristischen Merkmale der Partei neuen, Leninschen Typs befassen, entwirft Stalin das Bild einer revolutionären, gegen Imperialismus und Opportunismus gleichermaßen unversöhnlichen Kampfpartei.
„Die Partei muß vor allem Vortrupp der Arbeiterklasse sein. " (S. 150, H.i.O.) Mit Hilfe der revolutionären Theorie muß die Partei weiter sehen als die Arbeiterklasse, sie muß das kämpfende Proletariat führen, darf sich nicht den Augenblicksinteressen anpassen, sondern muß versuchen, das Bewußtsein des Proletariats und der werktätigen Massen zu heben. Aber die Kommunistische Partei muß auch Teil der Klasse sein, will sie die Verbindung zu den werktätigen Massen nicht verlieren.
Will die Kommunistische Partei „wirklich den Kampf der Klasse leiten, so muß sie zugleich auch der organisierte Trupp ihrer Klasse sein" (S. 153, H.i.O.). Gegen einen hochgerüsteten Feind wie den Imperialismus kann die Partei nur bestehen, wenn sie selbst eine organisierte Einheit darstellt und in ihren Reihen nach den Regeln des demokratischen Zentralismus arbeitet, der die disziplinierte Durchführung einmal gefaßter Beschlüsse, die Unterordnung der Minderheit unter die Mehrheit und die Leitung der Partei durch ein autoritatives Zentrum beinhaltet. Nur so wird die Partei in der Lage sein, das Proletariat nicht nur in der Offensive zu leiten, sondern auch in den Zeiten der Defensive den notwendigen Rückzug zu organisieren.
Die Partei ist nicht die einzige Organisation der Arbeiterklasse, aber sie muß die „höchste Form der Klassenorganisation des Proletariats" (S. 156) sein. Wenn es nicht gelingt, die Massenorganisationen des Proletariats und der anderen Ausgebeuteten und Unterdrückten im Kampf gegen die Bourgeoisie miteinzubeziehen, wird eine erfolgreiche Vorbereitung der sozialistischen Revolution unmöglich. Dabei kommt es darauf an, die Mittel der Überzeugung anzuwenden, da nur so den parteilosen Massen und ihren Organisationen die Linie der Kommunistischen Partei möglichst nahegebracht werden kann und sie freiwillig die politische Führung der Partei anerkennen.
Die Partei ist das Instrument des Proletariats zur Eroberung der Macht in der proletarischen Revolution, und nach dem Sieg der Revolution das Instrument zur Festigung der Diktatur des Proletariats (Siehe S. 158). Nur die Kommunistische Partei wird in der Lage sein, im entscheidenden Moment alle Kräfte des Proletariats zu konzentrieren, um in einer revolutionären Situation die Herrschaft der Bourgeoisie gewaltsam zu stürzen. Ebensowenig kann es der Arbeiterklasse an der Macht ohne ihre Vorhut gelingen, die Bourgeoisie mittels der Diktatur des Proletariats niederzuhalten und mit den Traditionen des Kapitalismus auf allen Gebieten zu brechen, die kleinbürgerlichen Schichten und auch sich selbst umzuerziehen und die Macht der Gewohnheit zu besiegen.
Die Partei kann nur bestehen, wenn sie „eine mit der Existenz von Fraktionen unvereinbare Einheit des Willens " (S. 160) darstellt. Würde die Partei es zulassen, daß sich in ihren Reihen verschiedene Fraktionen mit eigener Disziplin und letztlich verschiedene Zentren herausbilden, wäre sie weder imstande, sich gegen die Repression der Bourgeoisie zu behaupten, noch eine prinzipienfeste politische Linie durchzuführen. Das revolutionäre Proletariat kann nur eine Zentrale haben, mehrere Zentralen bedeuten, keine Zentrale zu haben. Die Geschlossenheit der Partei und die Einheit ihres Handelns kann nur durch eiserne Disziplin aller Parteimitglieder gewährleistet werden. Diese kommunistische Disziplin „schließt Kritik und Meinungskampf in der Partei nicht nur nicht aus, sondern setzt sie vielmehr voraus " (S. 160).
Schließlich geht Stalin auf den Kampf gegen den Opportunismus innerhalb der Kommunistischen Partei ein, auf die Opportunisten als Quelle der Fraktionsmacherei, und kommt zu dem Schluß: „Die Partei wird dadurch gestärkt, daß sie sich von opportunistischen Elementen säubert. " (S. 162) Stalin erklärt, daß das Proletariat weder unter den Bedingungen des Kapitalismus noch unter denen der Diktatur des Proletariats eine nach außen abgeschlossene Klasse ist.
Demzufolge dringen auf die eine oder andere Weise auch kleinbürgerliche Elemente in die Partei ein, wobei in den imperialistischen Ländern den Vertretern der Arbeiteraristokratie als Agenten der Bourgeoisie in der Arbeiterbewegung besondere Bedeutung zukommt. Diese Kräfte wie überhaupt das Wirken der allgegenwärtigen bürgerlichen Ideologie sind eine Basis für den Opportunismus und eine Quelle der Zersetzung der Partei von innen heraus. Deshalb ist der ideologische Kampf gegen den Opportunismus in der Partei eine unerläßliche Aufgabe. Es muß darüber hinaus bewußt sein, daß die opportunistischen Elemente nicht im Rahmen der Kommunistischen Partei bleiben dürfen. Die Entwicklung und Festigung der Partei kann nur über die - ideologisch begründete und nachvollziehbare - Entfernung dieser Elemente aus der Partei vor sich gehen.
Abschließend beleuchtete Stalin in seiner Schrift zwei besondere Merkmale des Arbeitsstils kommunistischer Kader, den „russischen revolutionäre(n) Schwung", das Gegengift gegen Routine und Denkfaulheit, und die „amerikanische Sachlichkeit" (S. 164), das Gegengift gegen phantastische Projektemacherei. Nötig ist also die Vereinigung dieser beiden Merkmale des leninistischen Arbeitsstils.
Mit der Veröffentlichung von „Grundlagen des Leninismus" wurde deutlich, daß Stalin auch auf theoretischem Gebiet zu einem herausragenden Führer des sowjetischen wie des internationalen Proletariats geworden war.
Trotzkismus oder Leninismus?
Im Mai 1924 fand der XIII. Parteitag der KPR(B) statt, der sich auch mit der internationalen Lage befaßte. Kurz danach stellte Stalin in einer Zusammenfassung der Ergebnisse des Parteitages fest, „daß wir im verflossenen Jahr Gelegenheit hatten, eine Reihe von Versuchen zu beobachten, Westeuropa in seiner Innenpolitik unverhüllt faschistisch zu machen "142. Damit einher gingen Versuche Frankreichs und Englands, eine neue Intervention gegen die Sowjetunion anzuzetteln. Diese Offensiven der Imperialisten verschärften jedoch die Krise in Europa und riefen den Widerstand der werktätigen Massen hervor. Das wachsende Ansehen der Sowjetunion angesichts der Erfolge des sozialistischen Aufbaus und ihre Unterstützung für die kommunistische und Arbeiterbewegung in anderen Ländern spielte hierbei eine wichtige Rolle.
Die Bourgeoisie mußte daher, wie Stalin in seinem Artikel „Zur internationalen Lage" analysierte, „ von der Politik des Frontalangriffs zur Politik der Kompromisse" 143 übergehen. Die „Pazifisten" und „Demokraten" traten in den Vordergrund; zur Sowjetunion wurden diplomatische Beziehungen aufgenommen.
Stalin warnte davor, diese sog. „Ära des Pazifismus" als lang andauernd anzusehen (Siehe ebenda SW 6, S. 253), da die entscheidenden Kämpfe um die Diktatur des Proletariats noch bevorstanden. Ferner existierte nicht nur der Antagonismus zwischen Deutschland und der Entente weiter, sondern schwelten auch zunehmend Widersprüche zwischen Frankreich, England und Amerika, da„ das Gesetz von der ungleichmäßigen Entwicklung der imperialistischen Länder und von der Unvermeidlichkeit imperialistischer Kriege" (Ebenda SW 6, S. 260f.) mehr denn je in Kraft blieb. Auch war mit dem Aufrücken der Sozialdemokraten in die Regierung verschiedener Länder keineswegs die „Demokratie" ausgebrochen, sondern die Bourgeoisie stützte sich bei der Faschisierung sowohl auf die Sozialdemokratie als auch auf die faschistischen Parteien. Unter der Deckung der regierenden Sozialdemokratie konnten sich die faschistischen Kräfte weiter sammeln und festigen.
Stalin wies in seinem Artikel auch auf die Schwächen des subjektiven Faktors in den westlichen kapitalistischen Ländern hin. Dies betraf die kommunistischen Parteien, deren verantwortliche Kader größtenteils aus den alten sozialdemokratischen Parteien stammten und die ideologisch noch nicht endgültig mit diesen gebrochen hatten. Der Prozeß der endgültigen Herausbildung wirklich bolschewistischer Parteien im Westen hatte erst begonnen. (Siehe ebenda SW 6, S.263)
Auf dem XIII. Parteitag erstattete Stalin den organisatorischen Bericht des Zentralkomitees144, in dem er eine Vorwärtsentwicklung des inneren Lebens der Partei konstatierte, sich aber zu 90 Prozent systematisch mit den Mängeln der Arbeit im Verhältnis zu den Massenorganisationen und den Organen des Staatsapparates, bei der sozialen Zusammensetzung der Partei und ihrer Organe, mit den Defiziten bei der Ausbildung der Parteimitglieder usw. befaßte.
Stalin lenkte die Aufmerksamkeit darauf, den kommunistischen Einfluß in den Massenorganisationen zu stärken und sich insbesondere darüber im klaren zu sein, wie wenig die Kommunistinnen und Kommunisten auf verschiedenen Ebenen des Staates vertreten waren. Er machte deutlich, daß der Anteil der Arbeiterinnen und der werktätigen Bäuerinnen in den Partei- und in den Sowjetorganisationen bei weitem noch nicht ihrem Anteil an der Bevölkerung entsprach. Die grundlegenden Tatsachen und die daraus resultierenden Aufgaben legte Stalin anhand umfangreicher Zahlenangaben dar. Und es gelang ihm in diesem organisatorischen Bericht auf überzeugende Weise, aus nüchternen Zahlen lebendige Aufgaben abzuleiten.
Die grundlegende ideologische Auseinandersetzung, welche Stalin in dieser Zeit führen mußte, war der Kampf gegen den Trotzkismus, dessen Ausgang für die Weiterführung der Revolution von entscheidender Bedeutung war. Mit seiner Rede „Trotzkismus oder Leninismus?", die er am 19. November 1924 auf dem Plenum der kommunistischen Fraktion des Zentralrats der Gewerkschaften der Sowjetunion hielt und die am 26. November 1926 in der „Prawda" abgedruckt wurde, ging Stalin in die Offensive.
Stalin wies die falschen Positionen Trotzkis zu Fragen der Parteientwicklung zurück. Dieser hatte die Frage der Generationen in der Partei zum Wesen der innerparteilichen Demokratie erklärt, um damit eine Kluft zwischen jungen und alten Parteimitglieder aufzureißen. Demgegenüber stellte Stalin klar, daß die Frage der Selbsttätigkeit und der aktiven Teilnahme der Parteimitglieder an der Führung der Partei das Wesen der Demokratie in der Partei ausmacht. (Siehe ebenda SW 6, S. 208)
Trotzki versuchte, die Bürokratisierung des Parteiapparates als die größte Gefahr hinzustellen, was in Anbetracht der zuvor auf dem Parteitag analysierten Defizite bei der Verbindung der Kommunistischen Partei mit den werktätigen Massen und deren Organisationen die Aufmerksamkeit auf ein in dieser Phase im Vergleich nebenrangiges Problem lenkte. Die größte Gefahr bestand dagegen in der Möglichkeit einer wirklichen Loslösung der Partei von den parteilosen Massen. (Siehe ebenda SW 6, S. 203)
Mit aller Entschiedenheit wurde von Stalin die Einlassung Trotzkis zurückgewiesen, daß die Partei keine Fehler mache:
„Die dritte These ist ebenfalls prinzipiell falsch: Die Partei, erklärt Trotzki, macht keine Fehler. Das stimmt nicht. Die Partei macht nicht selten Fehler. (...) Unsere Aufgabe besteht darin, diese Fehler herauszufinden, ihre Wurzeln bloßzulegen und der Partei und der Arbeiterklasse zu zeigen, welche Fehler wir begangen haben und wie wir diese Fehler in Zukunft vermeiden können. Ohne das wäre eine Entwicklung der Partei unmöglich. Ohne das wäre die Heranbildung von Führern und Kadern der Partei unmöglich, denn sie werden im Kampf gegen ihre eigenen Fehler, in Überwindung dieser Fehler herangebildet und erzogen. " (Ebenda SW 6, S. 203)
Kennzeichnend für Trotzki und seine Anhänger war, daß sie auch nach dem Parteitag auf zurückliegenden Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Partei herumritten und diese aufbauschten, mit dem Ziel, sich nachträglich ins Recht zu setzen. In seiner Rede „Trotzkismus oder Leninismus"145 im November 1924 nahm sich Stalin vor, die Legenden von Trotzki und seinen Gesinnungsgenossen, insbesondere über den Oktoberaufstand 1917 und die Rolle Trotzkis, zu entlarven. Schließlich zeigte Stalin in seiner Rede auf, daß der „ Trotzkismus als eine spezifische, mit dem Leninismus unvereinbare Ideologie" (Ebenda SW 6, S. 290) bekämpft werden muß.
Dies war um so nötiger, als der Trotzkismus nach Lenins Tod unter der Flagge des Leninismus auftrat, weswegen Stalin von einem „neuen Trotzkismus" (Ebenda SW 6, S. 315) spricht.
Zunächst widerlegte Stalin Punkt für Punkt die diversen Legenden aus der Zeit des Oktoberaufstandes, mit denen Trotzki Verwirrung stiften und unter der Hand seine Theorien verbreiten wollte, z. B. mit der Legende, das ZK hätte in der Frage des Aufstandes vor einer Spaltung gestanden, oder mit der Legende über die angebliche besondere Rolle Trotzkis im Oktober 1917. So hatte dieser lancieren lassen, seine sog. amerikanischen Briefe hätten Lenins „Briefe aus der Ferne", womit die Grundlage für Lenins Aprilthesen geschaffen wurden, bereits vorweggenommen. Stalin zeigte anhand Trotzkis damaliger Losung „Weg mit dem Zaren, her mit der Arbeiterregierung!" auf, daß dies eine Revolution ohne die Bauernschaft bedeutet hätte (Siehe ebenda SW 6, S. 299), was eindeutig gegen die Leninsche Linie eines Bündnisses des Proletariats mit der armen, werktätigen Bauernschaft für die Diktatur des Proletariats gerichtet war.
Auf diese Weise war Trotzki bemüht, weiterhin seine Theorie von der sogenannten „permanenten" Revolution zu verbreiten, was Stalin als einen der ideologischen Kernpunkte herausstellte. Diese These bedeutete ein Überspringen der Bauernbewegung und ein Spiel mit der Machtergreifung. Dabei stellte der Trotzkismus aus Gründen der Tarnung die „permanente" Revolution der Oktoberrevolution nicht mehr direkt entgegen, sondern behauptete einfach, diese hätte die trotzkistische Theorie bestätigt. Damit sollte der Leninismus in einen (unbrauchbaren) „ Vorkriegsleninismus " und einen (neuen) „ Oktoberleninismus " (Ebenda SW 6, S. 315) aufgespalten und den Forderungen des Trotzkismus angepaßt werden. Stalin hielt dem entgegen, daß der Leninismus eine in sich geschlossene Theorie darstellt, in welcher der von den Trotzkisten unterstellte Widerspruch nicht existiert.
Als weiteren Kernpunkt des Trotzkismus benannte Stalin das „Mißtrauen gegenüber dem Wesen der bolschewistischen Partei, gegenüber ihrer homogenen Geschlossenheit, gegenüber ihrer Feindschaft gegen opportunistische Elemente ". (Ebenda SW 6, S.312)
Charakteristisch für den Trotzkismus war ferner sein „Mißtrauen gegenüber den Führern des Bolschewismus" (Ebenda SW 6, S. 313), das Bemühen, sie zu diskreditieren, wobei auch hier der Trotzkismus von der offenen Diffamierung Lenins zu versteckteren Formen überging.
Am Ende seiner Rede forderte Stalin, gegen den Trotzkismus vor allem ideologisch in die Offensive zu gehen:
„Die Aufgabe der Partei besteht darin, den Trotzkismus als ideologische Strömung zu begraben. Man spricht von Repressalien gegen die Opposition und von der Möglichkeit einer Spaltung. Das ist Unsinn Genossen. Unsere Partei ist stark und mächtig. Sie wird keine Spaltungen zulassen. Was die Repressalien anbelangt, so bin ich entschieden dagegen. Nicht Repressalien, sondern einen entfalteten ideologischen Kampf gegen den wiederauflebenden Trotzkismus brauchen wir jetzt. " (Ebenda SW 6, S. 319, H.i.O.)
In der Schrift „Die Oktoberrevolution und die Taktik der russischen Kommunisten" 146 die als Vorwort zu Stalins im Januar 1925 erschienenem Buch „Auf dem Wege zum Oktober" entstand, vertiefte er die Polemik gegen den Trotzkismus und entlarvte Trotzkis Theorie der „permanenten Revolution" als Abart des Menschewismus. Stalin zeigte dies insbesondere in der Frage des Bündnisses mit der Masse der werktätigen Bauernschaft, in der Frage des Sieges des Sozialismus in einem Land sowie des Verhältnisses der Oktoberrevolution zur proletarischen Weltrevolution.
Gegen Trotzkis These, daß es unter der Diktatur des Proletariats notwendig zu „feindlichen Zusammenstößen (...) mit den breiten Massen der Bauernschaft"147 kommen müsse, stellte Stalin heraus, daß die Diktatur des Proletariats nur deshalb als eine Macht ins Leben treten konnte, weil sie auf der Grundlage des Bündnisses mit der großen Masse der werktätigen Bauernschaft entstand. Stalin zog daraus die Schlußfolgerung:
„Die permanente Revolution' ist eine Unterschätzung der Bauernbewegung, die zur Verneinung der Leninschen Theorie der Diktatur des Proletariats führt. Die permanente Revolution' Trotzkis ist eine Abart des Menschewismus. " (Ebenda SW 6, S. 329, H.i.O.)
Trotzki trat gegen die Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Land mit der Behauptung auf, daß „eine siegreiche Revolution in Rußland oder England undenkbar ist ohne eine Revolution in Deutschland und umgekehrt"148. Stalin machte zunächst deutlich, daß Lenin bereits vor der Oktoberrevolution dem Opportunismus die Theorie der proletarischen Revolution entgegenstellte und gestützt auf das Gesetz der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung der kapitalistischen Länder in der Epoche des Imperialismus die Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Land begründete. Diese Möglichkeit ist durch den Sieg der Oktoberrevolution Wirklichkeit geworden. Damit stellte Stalin klar, daß Trotzki lediglich die von Lenin widerlegten Thesen des Opportunismus der 11. Internationale wiederkäut und der Trotzkismus auch in dieser Frage eine „Abart des Menschewismus" darstellt.
Doch Stalin blieb dabei nicht stehen und begründete in dieser Schrift den Leninschen Leitsatz vom Sieg des Sozialismus in einem Land und zeigte, daß diese Frage zergliedert werden muß in zwei Seiten, in die innere und die internationale. Die innere Seite - das ist die Frage der Wechselbeziehungen der Klassen innerhalb des Landes, das den Sozialismus aufbaut; die internationale Seite - das ist die Frage der Beziehungen zwischen der Sowjetunion, dem bis dahin noch einzigen Land des Sozialismus, und der kapitalistischen Umwelt. Gestützt auf Lenins Schrift „Über das Genossenschaftswesen"149 arbeitete Stalin heraus, daß die Arbeiterklasse und die werktätigen Massen der Bauernschaft der Sowjetunion völlig mit eigenen Kräften mit den inneren Schwierigkeiten fertig werden können und durchaus imstande sind, ihre eigene Bourgeoisie ökonomisch zu überwinden und die vollendete sozialistische Gesellschaft zu errichten.150 Solange aber die kapitalistische Umkreisung besteht, solange besteht auch die Gefahr der kapitalistischen Intervention gegen die Sowjetunion und der Wiederherstellung des Kapitalismus. Um diese Gefahr auszuschalten, muß die kapitalistische Umkreisung selbst beseitigt werden. Die Beseitigung der kapitalistischen Umkreisung ist aber nur durch den Sieg der proletarischen Revolution mindestens in einigen Ländern möglich. Nur dann kann der Sieg des Sozialismus in der Sowjetunion als völliger, als endgültiger Sieg betrachtet werden. (Siehe ebenda SW 6, S. 334 und S. 356)
Im letzten Abschnitt seines Artikels ging Stalin auf die „Oktoberrevolution als Beginn und Voraussetzung der Weltrevolution" ein und stellte eingangs fest, daß sich die trotzkistische „Universaltheorie" des gleichzeitigen Sieges der sozialistischen Revolution in Europa und der Unmöglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Land nicht nur als vorn Leben überholt erwiesen hat, sondern sich auch gegen den proletarischen Internationalismus und die Leninsche Theorie der proletarischen Weltrevolution richtet.
Stalin schloß seinen Artikel mit der Hervorhebung der gegenseitigen Unterstützung der verschiedenen Abteilungen der proletarischen Weltrevolution:
„In Wirklichkeit braucht nicht nur die Oktoberrevolution die Unterstützung der Revolution in den anderen Ländern, sondern die Revolution in diesen Ländern braucht auch die Unterstützung der Oktoberrevolution, um die Sache der Niederwerfung des Weltimperialismus zu beschleunigen und vorwärtszubringen. " (Ebenda SW 6, S. 358)
Im April 1925 fand die XIV. Parteikonferenz der KPR(B) statt, deren Ergebnisse Stalin in einem Referat vor dem Aktiv der Moskauer Organisation der Partei analysierte.151 Die Parteikonferenz bestätigte die Leninsche Linie von der Möglichkeit des vollen Sieges des Sozialismus in einem Land, wonach die proletarische Diktatur nicht nur imstande ist, die inneren Gegensätze zwischen dem Proletariat und der Bauernschaft aus eigener Kraft zu überwinden, sondern auch eine sozialistische Wirtschaft zu errichten.
Somit trat die Frage in den Vordergrund, in welchen Schritten und mit welchen Mitteln dies erreicht werden konnte. Die Sinowjewleute forderten, vorrangig den Klassenkampf gegen die Kulaken zu eröffnen und ignorierten die Tatsache, daß die Mittelbauern vielfach noch auf der Seite der Kulaken gegen die armen Bauern standen. Ohne aber die Massen der Mittelbauern gewonnen zu haben, war es auch nicht möglich, erfolgreich gegen die Kulaken vorzugehen.
Um auf dem Weg zur Herstellung sozialistischer Produktionsverhältnisse auf dem Land voranzuschreiten, standen zunächst zwei grundlegende Aufgaben an. Zum einen galt es, die bäuerlichen Wirtschaften zunächst mittels der verschiedenen Formen der Genossenschaften in das System des sozialistischen Wirtschaftsaufbaus einzubeziehen. Zum anderen mußte auf politischem Gebiet mit der alten Methode des Administrierens Schluß gemacht werden, um „die Grundsätze der Sowjetdemokratie auf dem Lande einzubürgern. " (Ebenda SW 7, S. 108)
Das andere zentrale Feld des sozialistischen Aufbaus war die Industrialisierung. Die XIV. Parteikonferenz wies die Auffassungen von Sinowjew und Kamenew zurück, wonach die technischökonomische Rückständigkeit des Landes nicht aufzuholen sei. Den Schlüssel für den Erfolg der Industrialisierung bildete dabei die Schwerindustrie, wie Stalin betonte, da ohne diese als Basis zu entwickeln, „weder die Leichtindustrie noch das Verkehrswesen, noch die Brennstoffindustrie, noch die Elektrifizierung, noch die Landwirtschaft in die Höhe gebracht werden können. " (Ebenda SW 7, S. 112)
Über die Gefahren eines Farbwechsels der Kommunistischen Partei
In seiner Rede „Fragen und Antworten"152, die er am 9. Juni 1925 in der Swerdlow-Universität hielt, wies Stalin nachdrücklich darauf hin, daß der Partei drei hauptsächliche Gefahren drohen, ihren kommunistischen Charakter zu verlieren und sich in eine bürgerliche Partei zu verwandeln:
„ Welche Gefahren der Entartung drohen unserer Partei im Zusammenhang mit der Stabilisierung des Kapitalismus, falls diese Stabilisierung lange andauern wird? Gibt es bei uns überhaupt solche Gefahren? Solche Gefahren sind zweifellos als mögliche und sogar reale Gefahren vorhanden. Sie bestehen bei uns unabhängig von der Stabilisierung. Die Stabilisierung macht sie nur fühlbarer. Dieser Gefahren gibt es, wenn man die hauptsächlichsten nimmt, meiner Meinung nach drei: a) die Gefahr des Verlustes der sozialistischen Perspektive beim Aufbau unseres Landes und das damit verbundene Liquidatorentum; b) die Gefahr des Verlustes der internationalen revolutionären Perspektive und den damit verbundenen Nationalismus; c) die Gefahr, daß die Partei ihre führende Stellung einbüßt und die damit verbundene Möglichkeit, daß sich die Partei in ein Anhängsel des Staatsapparates verwandelt. " (Ebenda SW 7, S. 141f.,H.i.O.)
Die Ursachen für die erstgenannte Gefahr sah Stalin in der Mißachtung der inneren Kräfte der Revolution und der Möglichkeit des Siegs des sozialistischen Aufbaus unter Führung des Proletariats im Bündnis mit der großen Masse der Bauernschaft und schlußfolgerte:
„Das ist der Weg des Liquidatorentums und der Entartung, denn er führt zur Liquidierung der Grundlagen und Ziele der Oktoberrevolution, zur Entartung des proletarischen Staates zu einem bürgerlich-demokratischen Staat. " (Ebenda SW 7, S. 142)
Gegen liquidatorische Stimmen, die den „Nutzen" der Unterstützung von Befreiungsbewegungen wie in China in Zweifel zogen und dies als „gefährlich" hinstellten, gegen nationalistische Spießer, die auf einen Schacher mit den Imperialisten aus waren und Zugeständnisse als Gegenleistung für den Verzicht auf die internationale proletarische Revolution erkaufen wollten, hob Stalin im Hinblick auf die zweite Gefahr für einen Farbwechsel hervor:
„Das ist der Weg des Nationalismus (...), der Weg der vollständigen Liquidierung der internationalen Politik des Proletariats, denn Leute, die von dieser Krankheit befallen sind, betrachten unser Land nicht als Teil eines Ganzen, genannt internationale revolutionäre Bewegung, sondern als Beginn und Ende dieser Bewegung, da sie der Meinung sind, daß die Interessen unseres Landes die Interessen aller anderen Länder zum Opfer gebracht werden müßten. (...) Das ist eine nationalistische ,Geistesverfassung` neuer Art, die versucht, die Außenpolitik der Oktoberrevolution zu liquidieren ... " (Ebenda SW 7, S. 145)
Diese nationalistischen Kräfte mißachteten die Perspektiven der internationalen proletarischen Revolution und der nationalen Befreiungsbewegungen in den Kolonien und abhängigen Ländern. Sie verstanden nicht den Zusammenhang zwischen der Entwicklung der Revolution weltweit und der Entwicklung der Diktatur des Proletariats in der Sowjetunion. Vor allem begriffen sie die elementare Forderung des Internationalismus nicht, „der zufolge der Sieg des Sozialismus in einem Lande nicht Selbstzweck sein kann, sondern Mittel zur Entwicklung und Unterstützung der Revolution in anderen Ländern sein muß. " (Ebenda SW 7, S. 145, H.i.O.)
Zur Gefahr, daß die Partei ihre führende Rolle verlieren kann, was notwendig zu ihrer Zersetzung und zum Verlust ihres kommunistischen Charakters führt, erläuterte Stalin:
„ Das charakteristische Merkmal dieser Gefahr ist der Unglaube an die inneren Kräfte der Partei; der Unglaube an die führende Rolle der Partei; das Bestreben des Staatsapparats, die führende Stellung der Partei zu schwächen, sich ihrer Führung zu entziehen; das Nichtbegreifen dessen, daß es keine Diktatur des Proletariats geben kann, ohne daß die Partei die führende Stellung innehat. " (Ebenda SW 7, S. 146)
Der XIV. Parteitag der KPdSU(B)153 im Dezember 1925 befaßte sich ausführlicher als die vorangegangenen Parteitage mit der internationalen Lage. In dem von Stalin erstatteten Politischen Rechenschaftsbericht des Zentralkomitees154 wurden die Gegensätze innerhalb der kapitalistischen Welt und zwischen dieser und der sozialistischen Sowjetunion eingehend analysiert. Als kennzeichnend für die damalige Lage benannte Stalin u. a. die Verschiebung des Zentrums der finanziellen Ausbeutung der Welt von Europa nach Amerika, die relative Stabilisierung in den kapitalistischen Zentren bei gleichzeitigem Anschwellen der Befreiungskämpfe in den Kolonien, die Spaltung Europas in das Lager der Besiegten des Ersten Weltkriegs und das Lager der Sieger, die mittels finanzieller Auspressung der ersteren ihre eigene Krise zu überwinden suchten, und nicht zuletzt die Gegensätze zwischen den Siegerländern, die insbesondere im Hinblick auf die Kontrolle über das Erdöl unter der Oberfläche schwelten.
Von hervorragender Bedeutung war der Gegensatz zwischen der kapitalistischen Welt und dem Land der Sowjets, das zum Anziehungspunkt der Arbeiter des Westens und der unterdrückten Völker des Ostens geworden war. Nach dem Scheitern der Intervention sahen sich die kapitalistischen Länder genötigt, „sich auf eine gewisse Zeitspanne friedlichen Zusammenlebens' mit uns einzulassen" (Ebenda SW 7, S. 250), wie Stalin feststellte, um Zugang zu den Märkten und den Rohstoffquellen in der Sowjetunion zu erlangen.
Zu den Aufgaben der Kommunistischen Partei im Zusammenhang mit der internationalen Lage strich Stalin die zwei zentralen Aufgabengebiete heraus, das Gebiet der internationalen revolutionären Bewegung und das Gebiet der Außenpolitik der Sowjetunion. Er stellte klar, daß die Sowjetunion „die Basis der internationalen Revolution" (Ebenda SW 7, S. 257) ist und daher die Verpflichtung hat, alles für deren Entfaltung zu tun. Davon zu unterscheiden ist das Feld der Außenpolitik des sozialistischen Landes, auf dem es auf der Linie des Kampfes gegen den Krieg und der Sicherung friedlicher „normaler" Beziehungen zu den kapitalistischen Ländern, der Erweiterung des Warenaustausches etc. zu arbeiten gilt.
Anknüpfend an die Resolutionen der XIV. Parteikonferenz beschloß der Parteitag, Kurs auf die Verwandlung der Sowjetunion in ein von den kapitalistischen Ländern unabhängiges Industrieland zu nehmen, und verurteilte den Plan der Sinowjewleute, die Sowjetunion auf dem Niveau eines Agrarlandes zu halten, das sich Maschinen durch die Ausfuhr von Rohstoffen und Lebensmittel verschafft.
In dieser Phase, als es vor allem darum ging, das Bündnis des Proletariats mit der Mittelbauernschaft und der Dorfarmut zu festigen, wurde gegenüber den Kulaken die Linie der „politische(n) Isolierung" und der „wirtschaftliche(n) Zurückdrängung" (Ebenda SW 7, S. 296) verfolgt. Gegen diese Politik der Partei in der Bauernfrage traten zwei Abweichungen auf, die auf dem Parteitag zurückgewiesen wurden. Dies waren zum einen die Sinowjewsche Übertreibung der Kulakengefahr, die dem Zusammenschluß mit den Mittelbauern entgegenstand, und zum anderen die Unterschätzung der kulakisehen Gefahr, die ignorierte, daß der Kulak „der Agent des Kapitalismus im Dorfe" (Ebenda SW 7, S. 291) ist. Noch handelte es sich um Abweichungen, die noch keine festen Formen angenommen hatten. Auf die Frage, welche Abweichung die schlimmere sei, antwortete Stalin:
„So darf man die Frage nicht stellen. Beide sind,schlimmer', sowohl die erste als auch die zweite Abweichung, und falls diese Abweichungen um sich greifen, so sind sie imstande, die Partei zu zersetzen und zugrunde zu richten. " (Ebenda SW 7, S. 292f.)
Es ging darum, beide Fehler zu bekämpfen, so daß sie nicht groß werden und sich zur Linie ausweiten konnten.
Eine wichtige Waffe im innerparteilichen Kampf war die Herausgabe des Sammelbandes „Fragen des Leninismus" Anfang 1926. Dieses Buch enthielt neben der zentralen Schrift Stalins „Über die Grundlagen des Leninismus" die Arbeiten „Die Oktoberrevolution und die Taktik der russischen Kommunisten", „Zu den Ergebnissen der XIV. Parteikonferenz der KPR(B)" und „Fragen und Antworten" und andere, die, wie Stalin in seinem Vorwort zur ersten Auflage schreibt, mit der erstgenannten Schrift „organisch zusammenhängen "155
Für diesen Sammelband verfaßte Stalin die Schrift „Zu den Fragen des Leninismus", in der er die Aufgaben der Diktatur des Proletariats umfassend darlegte und gegen opportunistische Auffassungen verteidigte. Dort wurde eine Bilanz des Kampfes gegen den Trotzkismus gezogen und zugleich deutlich gemacht, daß die sich formierende „neue" Opposition um Sinowjew die Positionen Trotzkis übernommen hatte.
Nachdem Stalin in Abgrenzung zu den trotzkistischen „Permanenzlern" die Idee des Hinüberwachsens der bürgerlichdemokratischen Revolution in die sozialistische Revolution als den Kern der Marxschen Idee der permanenten Revolution herausgestellt hat, ging er auf die wesentlichen Unterschiede zwischen bürgerlicher und proletarischer Revolution ein:
„ 1. Die bürgerliche Revolution beginnt gewöhnlich, wenn mehr oder weniger fertige Formen der kapitalistischen Ordnung vorhanden sind, die schon vor der offenen Revolution im Schoße der feudalen Gesellschaft herangewachsen und ausgereift sind, während bei Beginn der proletarischen Revolution fertige Formen der sozialistischen Ordnung fehlen oder fast fehlen. 2. Die Hauptaufgabe der bürgerlichen Revolution besteht darin, die Macht zu ergreifen und sie mit der vorhandenen bürgerlichen Ökonomik in Einklang zu bringen, während die Hauptaufgabe der proletarischen Revolution darin besteht, nach der Machtergreifung eine neue, die sozialistische Ökonomik aufzubauen. 3. Die bürgerliche Revolution wird gewöhnlich mit der Machtergreifung abgeschlossen, während die Machtergreifung in der proletarischen Revolution erst ihr Anfang ist, wobei die Macht als Hebelfür den Umbau der alten Ökonomik und die Organisierung der neuen benutzt wird. 4. Die bürgerliche Revolution beschränkt sich darauf, die Herrschaft einer Ausbeutergruppe durch die einer anderen Ausbeutergruppe zu ersetzen, und bedarf deshalb nicht der Zertrümmerung der alten Staatsmaschine, während die proletarische Revolution alle und jegliche Ausbeutergruppen von der Macht entfernt und den Führer aller Werktätigen und Ausgebeuteten, die Klasse der Proletarier, an die Macht bringt, weshalb sie nicht ohne die Zertrümmerung der alten Staatsmaschine und deren Ersetzung durch eine neue auskommen kann. 5. Die bürgerliche Revolution kann die Millionenmassen der Werktätigen und Ausgebeuteten nicht für eine einigermaßen lange Periode uni die Bourgeoisie zusammenschließen, und zwar gerade deshalb nicht, weil sie Werktätige und Ausgebeutete sind, während die proletarische Revolution sie gerade als Werktätige und A usgebeutete mit dem Proletariat zu einem dauernden Bund vereinigen kann und muß, wenn sie ihre Hauptaufgabe, die Festigung der Macht des Proletariats und die Errichtung der neuen, der sozialistischen Ökonomik erfüllen will. " (SW 8, S. 19f.)156
Richtungsweisende Thesen und Ratschläge für die KPD und andere Parteien der Kommunistischen Internationale
Nach dem Tode Lenins war Stalin zum anerkannten und führenden Genossen bei der Leitung des Aufbaus des Sozialismus in der Sowjetunion, bei der Fortführung der Leninschen Politik und vor allem bei der Verteidigung des Leninismus gegen alle ideologischen Angriffe geworden. Lenin war jedoch nicht nur der führende Genosse der KPR(B) und des ersten sozialistischen Staates, sondern auch der anerkannte Führer und Berater des internationalen Proletariats. Stalin sah sich auch vor diese schwierige Aufgabe gestellt und übernahm die Verantwortung als ideologisch führender Genosse der KPR(B).
Hinsichtlich des Entwicklungsgangs der Revolution in den entwickelten kapitalistischen Ländern ging Stalin - gestützt auf Lenins Ausführungen dazu 157 - grundsätzlich davon aus, daß eine siegreiche Revolution dort leichter fortzuführen wäre als in Rußland, aber der Weg dahin schwerer werden würde, weil dem Proletariat dort eine erfahrene Bourgeoisie gegenüberstand, die seit Jahrhunderten an der Macht war. 158
Aufgrund der besonderen Bedeutung Deutschlands und der deutschen Arbeiterbewegung für die weitere Entwicklung der Sache der Revolution 159 befaßte sich Stalin wiederholt mit der Situation der revolutionären Bewegung in Deutschland und insbesondere mit der Linie der KPD und bezog Position zu den innerparteilichen Kämpfen. Diese Ausführungen Stalins sind besonders für die kommunistischen Kräfte in Deutschland von besonderer Bedeutung gewesen und sind dies auch heute noch für die Analyse der Geschichte der revolutionären Arbeiterbewegung, besonders der KPD.
Stalins „12 Thesen" zur Bolschewisierung der Kommunistischen Partei
Im Jahr 1925 hatten die 1918/1919 neu gegründeten Kommunistischen Parteien in verschiedenen Ländern bereits eine Fülle von Erfahrungen im revolutionären Kampf gesammelt. Ihr Bestand war bereits weitgehend gesichert. Doch wie sich zeigte, war es nötig, innerhalb dieser Parteien weiter für die Überwindung des Revisionismus der II. Internationale zu kämpfen. Gleichzeitig gab es in vielen dieser Parteien, so auch in der KPD, in den ersten Jahren ihres Bestehens heftige innerparteiliche Kämpfe, lag deren Führung teilweise noch nicht in den Händen eines erprobten Kerns kommunistischer Kader. In der Theorie und Praxis dieser Parteien gab es also noch erhebliche Abweichungen und Fehler, die es im innerparteilichen Kampf, durch Kritik und Selbstkritik sowie durch die Entfernung aller opportunistischen Elemente zu überwinden galt. Dies war die Situation auf der subjektiven Seite.
Objektiv war es so, daß die Zeit der unmittelbaren revolutionären Aktivität breiter Massen der Arbeiterinnen und Arbeiter, die teilweise zugleich die Zeit mächtiger Anstürme gegen die Herrschaft der Bourgeoisie war, in den meisten kapitalistisch-imperialistischen Ländern vorerst vorbei war. Dem Kapitalismus war es gelungen, sich vorübergehend zu stabilisieren. In dieser Situation standen die Kommunistischen Parteien vor der Aufgabe, nicht in Abenteurertum zu verfallen, vor allem aber nicht auf den Weg des Reformismus zu geraten. Es galt, in den Tageskämpfen geduldig und zielstrebig die revolutionären Kräfte des Proletariats für den erneuten Ansturm, für die proletarische Revolution zu sammeln und die Gewinnung von Verbündeten vor allein auf dem Land in Angriff zu nehmen. Die Anforderungen an die Kommunistischen Parteien waren damit nicht geringer geworden.
In dieser Situation formulierte Stalin in einem Gespräch mit einem Vertreter der KPD zwölf richtungsweisende Thesen: „Über die Perspektiven der KPD und über die Bolschewisierung".160 Stalin hat in seinen „12 Thesen" von 1925 faktisch die von Lenin entwickelten und auf dein 1. Kongreß der Kommunistischen Internationale 1919 verabschiedeten „21 Aufnahmebedingungen" der KI auf die Situation und den Zustand einer Reihe Kommunistischer Parteien dieser Zeit, namentlich der KPD, angewandt. Stalin formulierte in seinen „12 Thesen" konzentriert prinzipielle Anforderungen, damit sich eine aus dem Bruch mit dem Revisionismus der II. Internationale hervorgegangene Partei wie die KPD wirklich konsequent zu einer leninistischen Partei neuen Typs entwickeln konnte. Diese Thesen zielen dabei in erster Linie auf die Schmiedung und Festigung eines Führungskerns der Kommunistischen Partei, welcher den wissenschaftlichen Kommunismus theoretisch und ideologisch wirklich meistert und praktisch in der Tat umsetzt. Diese „l2 Thesen" behandeln folgende Punkte:
-Die Kommunistische Partei ist kein Anhängsel der Gewerkschaften, der kommunistischen Gewerkschaftsfraktion, und ebensowenig der im öffentlichen Rampenlicht stehenden Parlamentsfraktion, sondern ist die höchste Form der Klassenvereinigung mit dem Ziel, die proletarischen Organisationen zu führen.
- Die Kommunistische Partei, besonders ihre führenden Kader, müssen die revolutionären Theorie voll beherrschen, ohne dabei in Akademismus zu verfallen; die Theorie muß daher untrennbar mit der revolutionären Praxis verbunden werden.
- Die Kommunistische Partei stellt ihre Losungen nicht schematisch auf, sondern aufgrund eigener Analysen der konkreten Bedingungen der revolutionären Bewegung im eigenen Land und im internationalen Maßstab, wobei die Erfahrungen der Revolutionen anderer Länder unbedingt mit zu berücksichtigen sind.
- Die Kommunistische Partei hat keine Gewähr, daß ihre Beschlüsse auf jeden Fall richtig sind, auch wenn die Fragen wirklich intensiv studiert und ausführlich diskutiert worden sind. Sie muß daher die Richtigkeit der eigenen Losungen und Direktiven im Feuer des revolutionären Kampfes überprüfen und sich damit jederzeit der Debatte und der Kritik der revolutionären Öffentlichkeit stellen.
- Die Kommunistische Partei muß sich Rechenschaft ablegen über die noch nicht überwundenen sozialdemokratischen Traditionen, die recht tief in Theorie und Praxis vieler kommunistischer, ehemals sozialdemokratischer Parteien verankert waren. Sie muß ihre Arbeit auf revolutionäre Art umstellen und mit opportunistischen Vorstellungen brechen wie „die Bewegung ist alles, das Endziel nichts". Jeder Schritt der Kommunistischen Partei, jede Aktion, muß auf die Revolutionierung der werktätigen Massen, die Hebung des Bewußtseins gerichtet sein.
- Die Kommunistische Partei muß höchste Prinzipienfestigkeit - nicht zu verwechseln mit Sektierertum - mit einem Maximum an Verbundenheit und Kontakt zu den kämpfenden proletarischen Massen - nicht zu verwechseln mit Nachtrabpolitik und Anbiederei - verbinden. Sie muß nicht nur die werktätigen und ausgebeuteten Massen lehren, sie im Kampf führen, ihr Bewußtsein heben, sondern auch von ihnen lernen, ihre brennenden Nöte kennen.
- Die Kommunistische Partei darf sich nicht auf bestimmte Kampfformen beschränken und sich dadurch in ihren Aktivitäten selbst einengen. Vielmehr muß sie es verstehen, alle Formen des Kampfes und der Organisation zu meistern, die Tagesinteressen des Proletariats mit den grundlegenden Interessen der proletarischen Revolution zu verbinden, den legalen mit dem illegalen Kampf zu verknüpfen. Sie muß also eine unversöhnliche revolutionäre Einstellung - nicht zu verwechseln mit revolutionärem Abenteurertum - mit einem Maximum am Elastizität und Manövrierfähigkeit - nicht zu verwechseln mit Anpassungspolitik - verbinden.
- Die Kommunistische Partei darf die eigenen Fehler nicht verhüllen. Sie darf die Kritik nicht fürchten und muß ihre Kader anhand ihrer eigenen Fehler erziehen. Sie muß also darauf hinarbeiten, daß die einmal gemachten Fehler nicht wiederholt werden.
- In die führende Gruppe der Kommunistischen Partei müssen die besten kommunistischen Kämpferinnen und Kämpfer aufgenommen werden. Diese müssen die Wissenschaft der Strategie und Taktik des Leninismus meistern und auf die Bedingungen im eigenen Land anwenden.
-„Die Erreichung einer maximalen Einheitlichkeit als Ziel vor Augen" (Ebenda SW 7, S. 34), muß die Kommunistische Partei sich von zersetzenden opportunistischen Elementen reinigen und systematisch die soziale Zusammensetzung der Organisation verbessern. d. h. den proletarischen Anteil erhöhen gemäß der Leninschen Leitidee, wonach in den Parteiorganisationen auf zwei Intellektuelle acht Arbeiter kommen sollten.161
- Wer wirklich den Imperialismus besiegen und im harten, langandauernden Klassenkampf den Sozialismus aufbauen und bis zum Kommunismus führen will, weiß, daß dies ohne eine sich immer wieder stärkende revolutionäre Disziplin nicht zu realisieren sein wird. Notwendig ist daher für die Kommunistische Partei, eine eiserne Disziplin zu entwickeln, „die auf der Grundlage der ideologischen Einheit, der Klarheit der Ziele der Bewegung, der Einheit des praktischen Handelns und des bewußten Verhaltens der breiten Parteimassen zu den Aufgaben der Partei erwächst" 162
- Ohne die Durchführung ihrer eigenen Beschlüsse systematisch zu überprüfen, besteht die Gefahr, daß sich diese in leere Versprechungen verwandeln und sich jene Kluft zwischen Theorie und Praxis, Wort und Tat auftut, welche für die Parteien der 11. Internationale bezeichnend war.
Die „12 Thesen" zur Bolschewisierung waren eine wichtige Hilfe für die weitere Entwicklung der jungen Kommunistischen Parteien, weil Stalin in diesem Artikel prinzipielle Anforderungen an die Kommunistische Partei äußerst prägnant als Handlungsanleitung auf den Punkt gebracht hat.
„Ich bin entschieden gegen diese gegenseitige Zustimmerei"
Zweifelsohne beinhaltete die Veröffentlichung des Artikels „Über die Perspektiven der KPD und über die Bolschewisierung" auch eine öffentliche Kritik der KPD, aber eine Kritik, die durch die richtungsweisenden „12 Thesen" den Anstoß für die Überwindung der Fehler und eine positive Entwicklung gegeben hat.
Im Anschluß an diesen Artikel machte Stalin in einem internen Brief an einen Genossen der KPD deutlich, daß es völlig falsch wäre, angesichts der bereits erreichten Erfolge der KPD und der Solidarisierung mit deren allgemein richtiger Linie, deren Fehler zu übersehen. Vielmehr betonte Stalin als Pflicht und Ausdruck der Solidarität zwischen Kommunistischen Parteien, daß sie gegenseitig Kritik üben.
„ Was wird aus unseren Parteien werden, wenn wir, sagen wir, im Exekutivkomitee der Komintern zusammenkommen und die Augen vor einzelnen Fehlern unserer Parteien verschließen, uns für eine Parade , des völligen Einverständnisses' und des , Wohlergehens' begeistern und in allem einander zustimmen werden? Ich denke, daß solche Parteien niemals revolutionäre Parteien werden können. Das wären Mumien, aber keine revolutionären Parteien. Mir scheint, daß manche deutsche Genossen zuweilen nicht abgeneigt sind, von uns zu fordern, dem Zentralkomitee der KPD immer nur zuzustimmen, wobei sie selber stets bereits sind, dein Zentralkomitee der KPR(B) in allem zuzustimmen. Ich bin entschieden gegen diese gegenseitige Zustimmerei. " (SW 7, S.38)163
Stalin wandte sich in diesem Brief vehement gegen eine Formalisierung der Beziehungen zwischen Kommunistischen Parteien, indem er Kritik und Selbstkritik als ideologische Grundbedingung der revolutionären Entwicklung Kommunistischer Parteien herausstellte.
„Ich bin entschieden gegen die Politik des Hinausjagens aller andersdenkenden Genossen"
Die konkrete Umsetzung der in den „12 Thesen" formulierten Aufgaben lag in den Händen der einzelnen Kommunistischen Parteien. Insbesondere die hier direkt angesprochene KPD mußte den Kampf gegen den Sozialdemokratismus und die opportunistischen Führer in den eigenen Reihen organisieren. Dies warf die Frage der richtigen Methoden im innerparteilichen Kampf auf. Es galt, einen entschlossenen ideologischen Kampf gegen die opportunistischen Auffassungen und Theorien zu entfalten, die opportunistischen Führer als Träger dieser antileninistischen Auffassungen zu entlarven, um die Mehrheit der Parteimitglieder für die kommunistische Linie zu gewinnen, deren kommunistisches Bewußtsein zu lieben, und die opportunistischen Führer zu isolieren. Es galt, den Vorrang des ideologischen Kampfes vor organisatorischen Maßnahmen zu betonen und im innerparteilichen Kampf die ideologische Zerschlagung der opportunistischen Theorien, die Entlarvung der opportunistischen Führer richtig mit organisatorischen Maßnahmen bis zum Ausschluß aus der Partei zu verbinden.
Stalin betonte in diesem Zusammenhang: „Der Ausschluß ist nicht das entscheidende Mittel im Kampf gegen die Rechten. Das Wesentlichste ist, die rechten Gruppierungen im Verlaufe eines prinzipiellen Kampfes ideologisch und moralisch zu zerschlagen, wobei die breiten Parteimassen in diesen Kampf hineingezogen werden müssen. Das ist eins der wesentlichsten und wichtigsten Mittel, um die Partei im Geiste des Bolschewismus zu erziehen. Der Ausschluß muß, wenn er wirklich notwendig ist, das natürliche Ergebnis der ideologischen Zerschmetterung des Gegners sein. " (SW 7, s. 57)164
Gerade die KPD hatte in dieser Frage einige nicht unwesentliche Fehler begangen und die rechtsopportunistische Opposition um Brandler und Thalheimer165 ohne ausreichenden vorherigen ideologischen Kampf aus der Partei ausgeschlossen. Diesen Fehler hat Stalin in seinem Brief an den deutschen Genossen ebenfalls deutlich kritisiert:
„Ich bin entschieden gegen die Politik des Hinausjagens aller andersdenkenden Genossen. Ich bin nicht darum gegen eine solche Politik, weil ich mit den Andersdenkenden Mitleid hätte, sondern darum, weil eine solche Politik in der Partei ein Regime des Einschüchterns, eine Regime des Furchteinflößens, ein Regime erzeugt, das den Geist der Selbstkritik und der Initiative tötet. (...) Es ist äußerst traurig, daß unsere deutschen Genossen nicht die Notwendigkeit empfinden, den Repressalien gegen die Opposition eine breite prinzipielle Aufklärungskampagne vorausgehen zu lassen oder sie durch eine solche zu ergänzen, und somit die Erziehung der Parteimitglieder und der Parteikader im Geiste des Bolschewismus erschweren. Brandler und Thalheimer davonzujagen ist nicht schwer, das ist eine leichte Sache. Aber das Brandlerianertum zu überwinden ist eine komplizierte und ernste Angelegenheit; da kann man mit Repressalien allein die Sache nur verderben - hier muß man den Boden tief umpflügen und die Köpfe ernstlich aufklären. " (SW 7, S. 38f.)166
Zum Kampf innerhalb und außerhalb der Gewerkschaften für die Gewinnung der Mehrheit der Arbeiterklasse
In dieser Situation der vorübergehenden Stabilisierung des Kapitalismus, da die Mehrheit der Arbeiterklasse noch vom Reformismus beherrscht war und viele unter dem Einfluß der konterrevolutionären Sozialdemokratie meinten, man könne ohne die Bourgeoisie nicht auskommen, wie Stalin es formulierte167, war die Frage der Mittel und Methoden, wie die breiten Schichten der Arbeiterklasse ideologisch aus den Fängen der lähmenden reformistischen Ideologie gelöst werden konnten, von besonderer Wichtigkeit. Nur wenn es ihnen gelang, den Einfluß der Sozialdemokratie und damit der Bourgeoisie zu brechen, konnten sich die Kommunistischen Parteien des Westens zu wirklichen Massenparteien entwickeln.
Die Mehrheit der Arbeiterklasse betrachtete die von der Sozialdemokratie gelenkten Gewerkschaften als die ihnen am nächsten stehenden Organisationen und ihre Interessenvertreter. Die Kommunisten und Kommunistinnen mußten daher innerhalb der Gewerkschaften propagandistisch und praktisch nicht nur für die unmittelbaren Interessen der Arbeiterinnen und Arbeiter, sondern auch für ihre langfristigen sozialistischen Ziele kämpfen und sie davon überzeugen.
„Diese Aufgabe besteht darin, eine enge Verbindung zwischen den kommunistischen Parteien des Westens und den Gewerkschaften herzustellen. Diese Aufgabe besteht darin, die Kampagne für die Einheit der Gewerkschaftsbewegung zu entfalten und zu Ende zuführen, allen Kommunisten zur unbedingten Pflicht zu machen, in die Gewerkschaften einzutreten, dort eine systematische Arbeit für den Zusammenschluß der Arbeiter zu einer Einheitsfroni gegen das Kapital zu leisten und dadurch die Bedingungen zu schaffen, die es den kommunistischen Parteien ermöglichen, sich auf die Gewerkschaften zu stützen. " (SW 7, S. 88)168
Stalin wies in diesem Zusammenhang darauf hin, daß die Gewerkschaften des Westens im Unterschied zur Entwicklung in Rußland vor 1917 lange vor den Kommunistischen Parteien entstanden. Sie waren daher in der Arbeiterklasse stark verwurzelt, obwohl sie wie in Deutschland unter der Führung reaktionärer sozialdemokratischer Gewerkschaftsfunktionäre standen, welche im Dienste der Bourgeoisie die Entfaltung konsequenter Kämpfe zu unterbinden suchten und antikommunistische Hetze betrieben.
Dies nahmen die sogenannten „Ultralinken" zum Anlaß, unter der Losung „Heraus aus den Gewerkschaften!" gegen die kommunistische Arbeit in den Gewerkschaftsorganisationen zu agitieren. Ihnen hielt Stalin entgegen:
„Diese Leute gedenken, die Gewerkschaften von außen her zu attackieren', da sie diese für einfeindliches Lager halten. Sie begreifen nicht, daß bei einer solchen Politik die Arbeiter diese Leute eben als Feinde betrachten werden. " (Ebenda SW 7, S. 90)
In der KPD traten solche „Ultralinken" zu dieser Zeit als die sogenannte „Scholem-Gruppe" in Erscheinung, die von der Gruppe um Fischer und Maslow versöhnlerisch gegen die Kritik der an der Linie der Kommunistischen Internationale orientierten Mehrheit der Parteiführung in Schutz genommen wurde. Stalin forderte den entschiedenen Kampf gegen diese Strömung, welche der langfristigen revolutionären Arbeit in den Gewerkschaften zur Gewinnung der Arbeitermassen entgegenstand:
„Man sagt, daß es bei den , Ultralinken' ehrliche revolutionäre Arbeiter gibt, die man nicht abstoßen darf und soll. Das ist vollkommen richtig. (...) Wie aber sind diese Arbeiter auf das Bewußtseinsniveau einer leninistischen Partei zu heben? Wie sind sie von den Irrungen zu befreien, in denen sie jetzt infolge der Fehler und Vorurteile ihrer ,ultralinken' Führer befangen sind? Dafür gibt es nur ein Mittel: Das ist das Mittel der politischen Desavouierung der , ultralinken' Führer, das Mittel der Aufdeckung der , ultralinken' Fehler, die die ehrlichen revolutionären Arbeiter irremachen und daran hindern, auf den richtigen Weg zu gelangen. " (S W 8, S. 7)169
Zwei Jahre später, als der Aufschwung der revolutionären Arbeiterbewegung bereits im Gange war, traten rechte Kräfte in der KPD dagegen auf, über den Gewerkschaftsrahmen hinauszugehen und lehnten die Aktivitäten außergewerkschaftlicher Organisierung ab, die von den Arbeitern in den Ruhrkämpfen gegen die reaktionäre Gewerkschaftsführung vorgenommen worden waren. Stalin machte in seiner Rede „Über die rechte Gefahr in der deutschen Kommunistischen Partei" in der Präsidiumssitzung des EKKI im Dezember 1928 eindringlich deutlich, daß die Kommunisten nicht hinter den Arbeiterinnen und Arbeitern zurückbleiben dürfen und daß sie sich unter der Voraussetzung eines revolutionären Aufschwungs, wenn sich die kämpfenden Arbeiterinnen und Arbeiter bereits von den sozialdemokratischen Führern zu lösen beginnen, keineswegs auf die Arbeit in den Gewerkschaften beschränken können.
„Aus der Feststellung, daß wir in den reformistischen Gewerkschaften arbeiten müssen - vorausgesetzt, daß diese Gewerkschaften Massenorganisationen sind -, folgt jedoch keineswegs, daß wir unsere Massenarbeit auf die Tätigkeit in den reformistischen Gewerkschaften beschränken, daß wir zu Sklaven der Normen und Forderungen dieser Verbände werden sollen. Wenn die reformistische Führung mit dem Kapitalismus verwächst (..), die Arbeiterklasse aber gegen den Kapitalismus kämpft, kann man da behaupten, die Arbeiterklasse, mit der kommunistischen Partei an der Spitze, könne den Kampf führen, ohne den bestehenden reformistischen Rahmen der Gewerkschaften bis zu einem gewissen Grade zu sprengen? Es ist klar, daß man das nicht behaupten kann, ohne in Opportunismus zu verfallen. Man könnte sich daher durchaus eine Situation vorstellen, die es erforderlich macht, entgegen dem Willen der Gewerkschaftsbonzen, die sich den Kapitalisten verkauft haben, parallele Massenvereinigungen der Arbeiterklasse zu schaffen. " (SW 11, S. 268)170
In dieser Rede strich Stalin auch nachdrücklich die Gefahren heraus, welche der KPD in ihrem Kampf für die Bolschewisierung drohten, wenn sie weiterhin eine Lage duldete, in der die Fraktion der Rechten und die Gruppe der Versöhnler mit ihren sozialdemokratischen Positionen die Partei von innen heraus zersetzten und ihre Disziplin und Einheit unterminierten.
Über die Aufgaben der Kommunistischen Parteien der unterdrückten Völker des Ostens
Stalin hat in dieser Zeit nicht nur den jungen Kommunistischen Parteien des Westens wichtige Ratschläge und grundlegende Hilfestellungen für ihre Entwicklung zu leninistischen Parteien gegeben, sondern sich ebenso tiefgehend mit den Problemen der kommunistischen Kräfte der Völker des Ostens beschäftigt, um den Kommunistinnen und Kommunisten in den kolonialen und vom Imperialismus abhängigen Ländern eine grundlegende Orientierung über ihre nächsten anstehenden Aufgaben zu geben.
In seiner Rede „Über die politischen Aufgaben der Universität der Völker des Ostens" im Mai 1925 analysierte Stalin drei Gruppen von Kolonien und abhängigen Ländern, je nach Stand der Entwicklung des Kapitalismus und Entwicklungsgrad des Proletariats, und leitete daraus für die kommunistischen Kräfte jeweils die entscheidenden nächsten Aufgaben ab. Für jene kolonialen und abhängigen Länder, die bereits kapitalistisch mehr oder weniger entwickelt sind, formulierte Stalin die nächsten Aufgaben der kommunistischen Kräfte wie folgt:
„ 1. Gewinnung der besten Elemente der Arbeiterklasse für den Kommunismus und Schaffung selbständiger Kommunistischer Parteien.
2. Schaffung eines national-revolutionären Blocks der Arbeiter, Bauern und der revolutionären Intelligenz gegen den Block der paktiererischen nationalen Bourgeoisie und des Imperialismus.
3. Sicherung der Hegemonie des Proletariats in diesem Block.
4. Kampf für die Befreiung der städtischen und ländlichen Kleinbourgeoisie von dem Einfluß der paktiererischen nationalen Bourgeoisie.
5. Sicherung des Zusammenschlusses der Befreiungsbewegung mit der proletarischen Bewegung der fortgeschrittenen Länder. " (SW 7, S. 129)171
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