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Kapitel IV.
Im Kampffür den Sieg der sozialistischen
Oktoberrevolution und an den Fronten
des Bürgerkriegs
(1917-1920)
Mitte Februar 1917 begann in Petrograd der Streik der PutilowArbeiter, der sich rasch auf die meisten Großbetriebe ausdehnte. Am Internationalen Frauentag, dem 23. Februar (8. März), gingen die Arbeiterinnen auf die Straße, um gegen Hunger, Krieg und den Zarismus zu demonstrieren. Sie wurden durch eine erneute Streikaktion in ganz Petrograd unterstützt. Der politische Streik begann in eine allgemeine politische Streikaktion gegen die Zarenherrschaft umzuschlagen. Bald erfaßte die revolutionäre Bewegung das gesamte proletarische Petrograd - politischer Generalstreik, überall Demonstrationen und Zusammenstöße mit der Polizei.
Am Morgen des 26. Februar gingen die Arbeiterinnen und Arbeiter zu Aufstandsversuchen über. Sie entwaffneten die Polizei und bewaffneten sich selbst. Die bewaffneten Auseinandersetzungen endeten jedoch mit einem Blutbad unter den Demonstranten auf dem Snamenskaja-Platz.
Aber mit der Revolution „Schluß zu machen" war für die Reaktion bereits nicht mehr möglich.
Die gegen die Arbeiter eingesetzten Petrograder Truppen verweigerten den Schießbefehl und begannen auf die Seite des aufständischeu Volkes überzugehen. Zaristische Minister und Generäle wurden verhaftet, Revolutionäre aus den Gefängnissen befreit. Es gab noch Widerstandsnester der zaristischen bewaffneten Kräfte, aber der rasche Übergang der Truppen auf die Seite der Arbeiterinnen und Arbeiter hatte das Schicksal der Selbstherrschaft besiegelt.
Als die Nachricht vom Erfolg der Revolution in Petrograd sich in den anderen Städten und an der Front verbreitete, begannen die Arbeiterinnen und Arbeiter sowie Soldaten überall die zaristischen Bürokraten aus ihren Ämtern zu verjagen.
Die bürgerlich-demokratische Februarrevolution hatte den Sieg davongetragen. Sie siegte, weil die Arbeiterklasse die Vorkämpferin der Revolution war und die Bewegung der Millionenmassen der Bauern im Waffenrock -„für Frieden, für Brot, für Freiheit" - leitete. Die Hegemonie des Proletariats bedingte den Erfolg der Revolution.61
„1917 ... lernte ich zum erstenmal verstehen, was es heißt, einer der Führer der großen Partei der Arbeiterklasse zu sein."
Kurz nach dem Sieg der Februarrevolution, ab dem 12. März 1917, war Stalin wieder in Petrograd, der revolutionären Hauptstadt Bußlands. Das Zentralkomitee der Partei beauftragte ihn mit der Herausgabe der „Prawda". Gemeinsam mit Molotow leitete er die Tätigkeit des Zentralkomitees und des Petrograder Komitees der Bolschewiki.
Die Partei der Bolschewiki war eben erst aus der Illegalität hervorgetreten. Viele hervorragende Parteimitglieder waren gerade aus dem Gefängnis entlassen worden oder kehrten aus fernen Verbannungsorten zurück. Lenin befand sich noch in der Emigration in der Schweiz. Die bürgerliche Provisorische Regierung, die im März 1917 unter Mitwirkung der Sozialrevolutionäre und Menschewiki gebildet worden war, versuchte seine Rückkehr mit allen möglichen Mitteln aufzuhalten.
Gleich in den ersten Revolutionstagen entstanden die Arbeiterund Soldatensowjets, die von den bewaffneten Werktätigen als ein Organ der Volksmacht angesehen wurden. Den Menschewiki und Sozialrevolutionären gelang es jedoch zunächst, die Mehrheit der Deputiertensitze zu erlangen.
Die Revolution hatte zwei Machtzentren hervorgebracht:
„Somit ergab sich eine eigenartige Verflechtung von zwei Gewalten, zwei Diktaturen. der Diktatur der Bourgeoisie in Gestalt der Provisorischen Regierung und der Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft in Gestalt des Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten. Es ergab sich eine Doppelherrschaft. " (Ebenda KL, S. 224, H.i.O.)
Diese Situation konnte nicht von Dauer sein. Der Verlauf der Ereignisse forderte, daß die Macht an einer Stelle konzentriert wurde. Dabei sah die Partei der Bolschewiki vorübergehend die Möglichkeit, die Macht durch die Gewinnung der Mehrheit in den Sowjets ohne Bürgerkrieg zu erobern. Dies ergab sich jedoch nur, weil die Arbeiter und Bauern bereits bewaffnet waren und der alte Staatsapparat nach der Februarrevolution und durch die sich abzeichnende Niederlage im imperialistischen Krieg schon stark zerrüttet und teilweise zerschlagen war. Es sollte sich bald zeigen, daß die Reaktion sich wieder formierte und jede Entwicklungsmöglichkeit der Revolution ohne Bürgerkrieg von der Tagesordnung genommen wurde.
In den Artikeln Stalins für die „Prawda" erhielten die Bolschewiki richtungsgebende Anweisungen für ihre Arbeit. Er zeigte auf, daß sich durch den Übergang der Macht in die Hände der Provisorischen Regierung der Charakter des imperialistischen Krieges nicht geändert hatte und dieser auch von Seiten Rußlands weiterhin ein ungerechter Raubkrieg war. Sein Artikel „Über den Krieg" schließt mit der Forderung:
„Aber den Imperialisten die Maske herunterreißen, die wahren Hintergründe des jetzigen Krieges vor den Massen bloßlegen - das eben heißt dem Kriege wirklich den Krieg erklären, den jetzigen Krieg unmöglich machen. " (SW 3, S. 8)62
Stalin, Molotow und andere verfochten mit der Mehrheit der Partei die Politik des Mißtrauens gegen die imperialistische Provisorische Regierung und bekämpften die menschewistisch-sozialrevolutionären Losungen der „Vaterlandsverteidigung". Notwendig war ebenfalls, der halbmenschewistischen Position einer bedingten Unterstützung der Provisorischen Regierung entgegenzutreten, wie sie von Kamenew und anderen Opportunisten vertreten wurde.
Selbstkritisch stellte Stalin 1924 ein kurzzeitiges „Schwanken" im März 1917 fest, das er nach Lenins „Aprilthesen" korrigierte. Auf der Petrograder Stadtkonferenz der Bolschewiki im April 1917 setzte sich Stalin für die Annahme der Linie Lenins ein. In seiner Schrift „Trotzkismus oder Leninismus?" führt er rückblickend dazu aus:
„Ein charakteristisches Merkmal dieser Periode ist die Tatsache, daß nebeneinander, zusammen, zu ein und derselben Zeit sowohl die Diktatur der Bourgeoisie als auch die Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft bestehen (...). Dies war ein gewaltiger Umschwung in der Geschichte Bußlands und eine noch nie dagewesene Wendung in der Geschichte unserer Partei. Die alte, vorrevolutionäre Plattform des direkten Sturzes der Regierung war klar und bestimmt, aber sie entsprach nicht mehr den neuen Kampjbedingungen. Jetzt konnte man nicht mehr direkt auf den Sturz der Regierung hinsteuern, denn die Regierung war mit den Sowjets verknüpft, die unter dem Einfluß der , Vaterlandsverteidiger' standen, und die Partei hätte einen ihre Kräfte übersteigenden Kampf sowohl gegen die Regierung als auch gegen die Sowjets führen müssen. Aber man konnte auch nicht eine Politik der Unterstützung der Provisorischen Regierung betreiben, denn sie war eine Regierung des Imperialismus. Es bedurfte einer neuen Orientierung der Partei unter den neuen Kampfbedingungen. Die Partei (ihre Mehrheit) versuchte tastend zu dieser neuen Orientierung zu gelangen. Sie schlug eine Politik des Drucks der Sowjets auf die Provisorische Regierung in der Frage des Friedens ein und konnte sich nicht entschließen, sofort den Schritt vorwärts, von der alten Losung, Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft, zu der neuen Losung, Macht der Sowjets, zu tun. Diese Politik der Halbheiten war darauf berechnet, den Sowjets Gelegenheit zu geben, an Hand der konkreten Fragen des Friedens das wahre imperialistische Wesen der provisorischen Regierung zu durchschauen und sie dadurch von dieser loszulösen. Dies war jedoch eine zutiefst falsche Position, denn sie erzeugte pazifistische Illusionen, leitete Wasser auf die Mühlen der , Vaterlandsverteidiger' und erschwerte die revolutionäre Erziehung der Massen. Diese irrige Auffassung teilte ich damals mit anderen Parteigenossen und habe mich von ihr erst Mitte April vollständig losgesagt, als ich mich den Thesen Lenins anschloß. " (SW 6, S. 297f.)63
Am 3. April 1917 kehrte Lenin aus langjährigem Exil nach Bußland zurück. Die Nachricht seiner bevorstehenden Ankunft in Petrograd wurde von den fortgeschrittenen Arbeiterinnen und Arbeitern mit großer Begeisterung aufgenommen. Genosse Stalin fuhr Lenin mit einer Arbeiterdelegation bis zur Station Beloostrow entgegen. Die Begrüßung Lenins auf dem Finnländischen Bahnhof in Petrograd gestaltete sich zu einer machtvollen revolutionären Kundgebung.
Einen Tag nach seiner Ankunft trug Lenin auf einer Beratung leitender Funktionäre der bolschewistischen Partei seine berühmten „Aprilthesen" vor, in denen er den Plan für den Übergang von der bürgerlich-demokratischen zur sozialistischen Revolution entwickelte. In diesen Thesen wurden der besonderen Situation der Doppelherrschaft entsprechend verschiedene Übergangsmaßnahmen formuliert, die auf die Gewinnung des entscheidenden Einflusses in den Sowjets durch die Bolschewiki und die Stärkung der Rolle der Sowjets als den Machtorganen der künftigen proletarischen Diktatur gerichtet waren. Auf ökonomischem Gebiet bedeutete dies „nicht , Einführung' des Sozialismus als unmittelbare Aufgabe, sondern augenblicklich nur Übergang zur Kontrolle über die gesamte gesellschaftliche Produktion und die Verteilung der Erzeugnisse durch den Sowjet der Arbeiterdeputierten "64, außerdem Konfiskation aller Gutsbesitzerländereien und Nationalisierung des gesamten Bodens. Auf politischem Gebiet schlug Lenin den Übergang von der parlamentarischen Republik zur Sowjetrepublik vor. Jede Unterstützung der Provisorischen Regierung wurde abgelehnt, insbesondere auch in der Frage des imperialistischen Krieges. Die am 24. April einberufene VII. Gesamtrussischen Konferenz der SDAPR (Bolschewiki) (Aprilkonferenz) legte die „Aprilthesen" ihrer Arbeit zugrunde und stellte die Partei auf deri Übergang zur proletarischen Revolution ein.
Stalin hielt auf der Aprilkonferenz das Referat über die nationale Frage. Er verteidigte das Recht einer Nation, sich loszutrennen, und stellte zugleich klar, daß die Bolschewiki jedoch nicht in jedem Fall auch für eine solche Lostrennung eintreten. Der kommunistische Standpunkt in der Nation tlitätenfrage wurde wie folgt zusammengefaßt:
„a) Anerkennung des Rechts der Völker auf Lostrennung; b) für die Völker, die im Rahmen des betreffenden Staates bleiben, Gebietsautonomie; c) für die nationalen .Minderheiten besondere Gesetze, die ihnen freie Entwicklung sichern; d) für die Proletarier aller Nationalitäten des betreffenden Staates ein einheitlich es untrennbares proletarisches Kollektiv, eine einheitliche Partei. " (SW 3, S. 50)65
Im Mai 1917 wurde das Politische Büro des Zentralkomitees der SDAPR(B) gebildet, zu dessen Mitglied Stalin gewählt wurde. In dieser Phase war die umfassende Arbeit der Partei darauf gerichtet, durch geduldige Aufklärung über die bolschewistische Politik das Paktierertum der Menschewiki und Sozialrevolutionäre zu entlarven und die Mehrheit in den Sowjets zu erobern. Zusammen mit Swerdlow nahm Stalin führenden Anteil an dieser Arbeit. Er schrieb u. a. einen Artikel zur Kommunalwahlkampagne in Petrograd, in dem er die Positionen der Bolsch ewiki erläuterte und aufzeigte, daß nur die Macht der revolutionären Arbeiter, Bauern und Soldaten in der Lage ist, dem „Raubkrieg ein Ende zu machen" und „Hand auf die Profite der Kapitalisten und Gutsbesitzer zu legen "66
Von der Absicht getragen, das massenhafte Verlangen in der Petrograder Arbeiterschaft, dem bevorstehenden Sowjetkongreß ihre Forderungen zu unterbreiten, in organisierte Bahnen zu lenken, organisierte das Petrograder Parteikomitee die historische Demonstration vom 18. Juni 1917. 400.000 Demonstranten marschierten unter den revolutionären Losungen der Bolschewiki: „Nieder mit den zehn kapitalistischen Ministern!", „Alle Macht den Sowjets!"
Von Stalin erschien ein Demonstrationsaufruf in der „Prawda", in dem er das Vorgehen der Reaktion gegen die Anarchisten anprangerte, zugleich aber deren zersplitterte Aktionen verurteilte. 67
Auf dem 1. Allrussischen Sowjetkongreß am 20. Juni 1917 wurde Stalin zum Mitglied des Zentralexekutivkomitees der Sowjets gewählt.
Nach den Julitagen 1917, als die Provisorische Regierung gegen die revolutionäre Arbeiterschaft und die Bolschewiki zurückschlug, übernahm Stalin in enger Verbindung mit Lenin, der per Haftbefehl gesucht in die Illegalität gezwungen worden war, die Leitung des Zentralkomitees. In dessen Auftrag organisierte er das Zentralorgan der Partei, das zu dieser Zeit unter verschiedenen Namen erschien wie „Rabotschi i Soldat" (Arbeiter und Soldat) oder „Rabotschi Putj" (Der Arbeiterweg). Stalin wandte sich entschieden dagegen, daß sich Lenin den Gerichten der Konterrevolution stellte, wie es in verräterischer Weise von Kamenew, Rykow und Trotzki gefordert wurde.
Mit der Entwaffnung der Sowjets durch die Konterrevolution war die Doppelherrschaft zu Ende. Die Losung „Alle Macht den Sowjets!" war damit hinfällig. Auf der Tagesordnung stand jetzt vielmehr die Errichtung der Diktatur des Proletariats durch den bewaffneten Aufstand, wie Lenin analysierte."68
Unter diesen veränderten Kampfbedingungen fand im Juli/August 1917 der illegal tagende Vl. Parteitag der SDAPR(B) statt, der in Abwesenheit von Lenin unter der Leitung von Stalin und Swerdlow durchgeführt wurde. Stalin erstattete den Rechenschaftsbericht des Zentralkomitees und hielt das Referat über die politische Lage und die Aufgaben der Partei im Kampf um die Eroberung der Diktatur des Proletariats.
Durch die weitere Verschärfung der sozialen Widersprüche war die Revolution „unmittelbar an die Notwendigkeit sozialistischer Umgestaltungen herangekommen ". (SW 3, S. 160)69 Dies war nicht mehr durch die Gewinnung der Mehrheit in den Sowjets zu erreichen. „Sturz der Diktatur der imperialistischen Bourgeoisie - das muß jetzt die aktuelle Losung der Partei sein. Die friedliche Periode der Revolution ist zu Ende. Angebrochen ist die Periode der Schlachten und Explosionen. " (Ebenda SW 3, S. 164)
Stalin trat Trotzki und seinen Anhängern entgegen, die den Sieg des Sozialismus in Rußland für unmöglich hielten und den Parteitag darauf festlegen wollten, die revolutionäre Initiative in Rußland von der Entwicklung der Revolution im Westen abhängig zu machen:
„Die Möglichkeit ist nicht ausgeschlossen, daß gerade Rußland das Land sein wird, das den Weg zum Sozialismus bahnt. Bisher hat noch kein einziges Land unter Verhältnissen des Krieges eine solche Freiheit genossen wie Rußland, und kein einziges Land hat versucht, die Arbeiterkontrolle über die Produktion durchzuführen. Außerdem ist die Basis unserer Revolution breiter als in Westeuropa, wo das Proletariat ganz allein der Bourgeoisie von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht. Bei uns dagegen werden die Arbeiter von den ärmsten Schichten der Bauernschaft unterstützt. Schließlich funktioniert der Staatsapparat in Deutschland ungleich besser als der unvollkommene Apparat unserer Bourgeoisie, die ja selber dem europäischen Kapital tributpflichtig ist. Man muß die überlebte Vorstellung fallen lassen, daß nur Europa uns den Weg weisen könne. Es gibt einen dogmatischen Marxismus und einen schöpferischen Marxismus. Ich stehe auf dem Boden des letzteren. " (Ebenda SW 3, S. 172f.)
Diese programmatischen Ausführungen Stalins haben sich als richtig erwiesen. Rußland zeigte der Welt als erstes Land den Weg zum Sozialismus.
Nachdem die russische Bourgeoisie die ganze Macht im Staate an sich gerissen hatte, trachtete sie nun danach, eine unverhüllte konterrevolutionäre Diktatur zu errichten. In Absprache mit Kerenski, dem Vorsteher der Provisorischen Regierung, unternahm der General Kornilow einen Putschversuch mit dem Ziel, eine Militärdiktatur zu errichten und den Zarismus wiederherzustellen. Die Bolschewiki und die hinter ihnen stehenden revolutionären Volksmassen erwiesen sich als die einzige Kraft, die imstande war, diesen Vorstoß der Konterrevolution niederzuschlagen.
In diesem Kampf erwachten die Sowjets zu neuem Leben; der Einfluß der Bolschewiki in den Sowjets stieg enorm. Am Tag nach dein Sieg über Kornilow, am 3 1. August, erklärte sich der Petrograder Sowjet für die Politik der Bolschewiki. Die Phase der Bolschewisierung der Sowjets begann. Erneut rückte die Losung „Alle Macht den Sowjets!" auf die Tagesordnung, jetzt jedoch als Losung des Aufstands der von den Bolschewiki geleiteten Sowjets gegen die Provisorische Regierung.70
Während der Zeit, die Lenin in der Illegalität zubrachte, hielt Genosse Stalin die Verbindung auf schriftlichem Weg aufrecht und besuchte ihn zweimal in seinem Versteck in Rasliw.
Für die Vorbereitung des Aufstandes leistete Stalin eine umfassende organisatorische wie auch publizistische Arbeit. Er beriet sich mit den Vertretern der Gebietsorganisationen, um die Kampfaufgaben für die einzelnen Gebiete festzulegen. In verschiedenen Artikeln, die in der Parteipresse veröffentlicht wurden, erläuterte Stalin die Notwendigkeit der Machtergreifung durch die Arbeiterklasse und die revolutionäre Bauernschaft und die Losung „Alle Macht den Sowjets!".71
Auf seiner Sitzung am 16. Oktober wählte das Zentralkomitee ein Parteizentrum mit Stalin an der Spitze zur Organisierung des herannahenden Aufstands. Das Parteizentrum war der führende Kern des Revolutionären Militärkomitees beim Petrograder Sowjet und leitete praktisch den gesamten Oktoberaufstand. Auf dieser Sitzung wurde auch die Resolution Lenins über die Unumgänglichkeit des bewaffneten Aufstandes angenommen und von Stalin gegen Kamenew und Sinowjew verteidigt. Kamenew und Sinowjew wandten sich gegen den Aufstand und traten sogar in der Presse offen gegen den Aufstand auf.72 Den bolschewistischen Plan, den Angriff selbständig auf den für einen erfolgreichen Aufstand günstigsten Tag festzulegen, lehnten sie ab mit der Begründung, man müsse den Angriff der konterrevolutionären Regierung abwarten. Stalin sagte dazu in einer Rede auf der Sitzung des Zentralkomitees am 16. Oktober:
„ Was Kamenew und Sinowjew vorschlagen, führt objektiv dazu, daß es der Konterrevolution ermöglicht wird, sich vorzubereiten und zu organisieren. Wir würden endlos zurückweichen und die Revolution verlieren. Weshalb sollten wir uns nicht die Möglichkeit sichern, den Tag des Aufstandes und die Bedingungen selbst zu wählen, um der Konterrevolution keine Gelegenheit zu geben,sich zu organisieren? " (SW 3, S. 359)73
Am Morgen des 24. Oktober verbot Kerenski die Herausgabe des Zentralorgans der Partei, des „Rabotschi Putj", und entsandte Panzerautos zum Gebäude der Redaktion und der Zeitungsdruckerei. Auf Anweisung Stalins wurden die Panzerautos durch den Aufmarsch von Rotgardisten und revolutionären Soldaten zum Rückzug gezwungen. Unter verstärkter Bewachung konnte dann um 11 Uhr der „Rabotschi Putj" mit dem von Stalin verfaßten Leitartikel „Was brauchen wir?" erscheinen, der zum Sturz der Provisorischen Regierung aufrief:
„Nach dem Sieg der Februarrevolution blieb die Macht in den Händen der Gutsbesitzer und Kapitalisten, der Bankiers und Spekulanten, der Wucherer und Marodeure. Hierin liegt der verhängnisvolle Fehler der Arbeiter und Soldaten, hier ist die Ursache allen heutigen Übels im Hinterland und an der Front. Dieser Fehler muß unverzüglich korrigiert werden. Der Augenblick ist gekommen, wo weiteres Zögern die ganze Revolution mit dem Untergang bedroht. " (SW 3, S. 365)74
Die Revolution begann in der Nacht vom 24. auf den 25. Oktober, nachdem im Stadtzentrum revolutionäre Truppen zusammengezogen worden waren. In der Nacht kam Lenin beim Stab des Aufstands im Smolny an und wurde von Stalin über die getroffenen Maßnahmen und den Gang des begonnenen Aufstands informiert.75 Lenin nahm die unmittelbare Leitung des Aufstands in die Hand.
Eine lebendige Schilderung der Ereignisse gab Stalin ein Jahr später in dem „Prawda"-Artikel „Der Oktoberumsturz":
„Am 24. Oktober vertrieben die Kommissare des Revolutionären Militärkomitees die Vertreter der Provisorischen Regierung gewaltsam aus einer ganzen Reihe wichtigster Staatsinstitutionen, so daß sich diese Institutionen nunmehr in den Händen des Revolutionären Militärkomitees befanden und der gesamte Apparat der Provisorischen Regierung desorganisiert war. Im Laufe dieses Tages (des 24. Oktober) gingen alle Regimenter in Petrograd, die gesamte Garnison, entschlossen auf die Seite des Revolutionären Militärkomitees über - mit Ausnahme lediglich einiger Offiziersschulen und einer Panzerautoabteilung. Das Verhalten der Provisorischen Regierung verriet Unentschlossenheit. Erst am Abend ließ sie durch Stoßbataillone die Brücken besetzen, nachdem es ihr gelungen war, einige von ihnen aufzuziehen. Als Antwort hierauf brachte das Revolutionäre Militärkomitee Matrosen und Wiborger Rotgardisten zum Einsatz, die die Stoßbataillone abdrängten, sie auseinanderjagten und die Brükken selber besetzten. Damit hatte der offene Aufstand begonnen. Eine ganze Reihe unserer Regimenter wurde ausgeschickt mit dem Auftrag, das ganze Stadtviertel, in dem sich der Stab und der Winterpalast befanden, einzukreisen. Im Winterpalast tagte die Provisorische Regierung. Der Übergang der Panzerautoabteilung auf die Seite des Revolutionären Militärkomitees (am 24. Oktober in später Nachtstunde) beschleunigte den günstigen Ausgang des Aufstandes. Am 25. Oktober wurde der Sowjetkongreß eröffnet, dem das Revolutionäre Militärkomitee denn auch die eroberte Macht übergab. Am 26. Oktober frühmorgens, nach der Beschießung des Winterpalastes und des Stabes durch die Aurora` und nach einem Feuergefecht zwischen Sowjettruppen und Offiziersschülern vor dem Winterpalast, ergab sich die Provisorische Regierung. (SW 4, S. 134)76
Stalin wurde Mitglied des ersten Rates der Volkskommissare, der nach dem Sieg der Oktoberrevolution auf dem 11. Allrussischen Sowjetkongreß gewählt wurde.
Seit den ersten Tagen des Bestehens der Sowjetmacht bis zum Jahr 1923 war Stalin Volkskommissar für die Angelegenheiten der Nationalitäten. Er leitete unmittelbar die Arbeit der Partei und der Sowjetmacht zur Lösung der nationalen Frage in der Sowjetunion. Die Arbeiter und Bauern gingen daran, anstelle der zaristischen Kolonien Sowjetrepubliken zu errichten, wie die Ukrainische und die Belorussische Sowjetrepublik und die Sowjetrepubliken Transkaukasiens und Mittelasiens. Daneben wurden für die zahlreichen Nationalitäten des Sowjetlandes autonome Republiken und Gebiete aufgebaut.
Auf einer Veranstaltung mit Tifliser Arbeitern schilderte Stalin 1926 rückblickend seine Arbeit in der Zeit der unmittelbaren Vorbereitung und Durchführung der Oktoberrevolution:
„Schließlich erinnere ich mich an das Jahr 1917, als ich durch den Willen der Partei, nach meinen Wanderungen durch Gefängnisse und Verbannungsorte, nach Leningrad entsandt worden war. Dort, im Kreise der russischen Arbeiter, in der unmittelbaren Nähe des großen Lehrers der Proletarier aller Länder, des Genossen Lenin, im Sturm der großen Schlachten zwischen Proletariat und Bourgeoisie, unter den Verhältnissen des imperialistischen Krieges, lernte ich zum erstenmal verstehen, was es heißt, einer der Führer der großen Partei der Arbeiterklasse zu sein. " (SW 8, S. 155)77
Über die Weltbedeutung der Oktoberrevolution
Die sozialistische Oktoberrevolution eröffnete nicht nur in Rußland die Perspektive des Aufbaus einer neuen Gesellschaftsordnung, indem sie die Diktatur des Proletariats als Voraussetzung für die sozialistische Umwälzung errichtete. Sie war auch international ein Markstein in der Geschichte, da ihr Sieg weltweit die Epoche der proletarischen Revolution einleitete. Sie setzte endgültig in den kapitalistischen Ländern die sozialistische Revolution auf die Tagesordnung und zeigte den unterdrückten Völkern die Perspektive des antiimperialistischen Befreiungskampfes im Bündnis mit dem internationalen Proletariat und dem Land des Sozialismus. Nach der Oktoberrevolution standen sich weltweit zwei große Lager gegenüber, das Lager des Imperialismus und Kapitalismus und das Lager des Sozialismus und der proletarischen Revolution.
Stalin führte später zum internationalen Charakter der Oktoberrevolution aus:
„Die Oktoberrevolution darf nicht nur als eine Revolution , im nationalen Rahmen' betrachtet werden. Sie war vor allem eine Revolution von internationaler, von Weltbedeutung, denn sie bedeutet eine grundlegende Wendung in der Weltgeschichte der Menschheit, die Wendung von der alten, der kapitalistischen Welt zu der neuen, der sozialistischen Welt. Die Revolutionen der Vergangenheit endeten gewöhnlich damit, daß am Regierungsruder eine Ausbeutergruppe durch eine andere Ausbeutergruppe abgelöst wurde.78 (...) Die Oktoberrevolution unterscheidet sich grundsätzlich von diesen Revolutionen. Sie setzt sich nicht das Ziel, eine Ausbeutungsform durch eine andere Ausbeutungsform, eine Ausbeutergruppe durch eine andere Ausbeutergruppe zu ersetzen, sondern jede Ausbeutung des Menschen durch den Menschen zu beseitigen, alle und jede Ausbeutergruppen zu vernichten, die Diktatur des Proletariats aufzurichten, die Macht jener Klasse aufzurichten, die von allen bisher dagewesenen unterdrückten Klassen die revolutionärste ist, eine neue, klassenlose, sozialistische Gesellschaft zu organisieren. " (SW 10, S. 207) 79
Über die Perspektiven, welche die Oktoberrevolution eröffnet hat, führte Stalin aus:
„Die Oktoberrevolution ist vor allem dadurch bedeutsam, daß sie die Front des Weltimperialismus durchbrochen, die imperialistische Bourgeoisie in einem der größten kapitalistischen Länder gestürzt und das sozialistische Proletariat an die Macht gebracht hat. (...)Das bedeutet, daß die Oktoberrevolution eine neue Epoche eröffnet hat, die Epoche der proletarischen Revolutionen in den Ländern des Imperialismus. " (Ebenda SW 10, S. 208, H.i.O.)
Die neuen revolutionären Perspektiven betrafen jedoch nicht nur die entwickelten kapitalistischen Länder, sondern auch die vom Imperialismus unterdrückten Nationen:
„Die Oktoberrevolution hat den Imperialismus nicht allein in den Zentren seiner Herrschaft, nicht allein in den ,Mutterländern' erschüttert. Sie hat auch einen Schlag gegen das Hinterland des Imperialismus, gegen seine Peripherie geführt und die Herrschaft des Imperialismus in den kolonialen und abhängigen Ländern untergraben. " (Ebenda SW 10, S. 210)
Die Oktoberrevolution stellte damit die Existenz das Weltimperialismus als Ganzes in Frage und verschaffte dem internationalen Proletariat in Gestalt des ersten sozialistischen Landes, das ein Sechstel der Erde umfaßte, eine ungeheuer wichtige Basis für seinen Kampf:
„Sie schuf jenes mächtige und offene Zentrum der internationalen revolutionären Bewegung, wie sie es vorher nie besessen hatte und um das sie sich jetzt zusammenschließen kann bei der Organisierung der revolutionären Einheitsfront der Proletarier und der unterdrückten Völker aller Länder gegen den Imperialismus. " (Ebenda SW 10, S. 213, H.i.O.)
In seiner 1918 erschienenen Schrift „Der Oktoberumsturz und die nationale Frage" beleuchtete Stalin eingehender die Bedeutung der Revolution in Rußland für den Befreiungskampf der unterdrückten Völker:
„Die gewaltige Weltbedeutung des Oktoberumsturzes besteht ja hauptsächlich gerade darin, daß er 1. den Rahmen der nationalen Frage erweitert und sie aus einer Teilfrage, der Frage des Kampfes gegen die nationale Unterdrükkung in Europa, in die allgemeine Frage der Befreiung der unterjochten Völker, Kolonien und Halbkolonien vom Imperialismus verwandelt hat; 2. weitgehende Möglichkeiten und wirkliche Wege für diese Befreiung eröffnet hat, so daß er den unterdrückten Völkern des Westens und des Ostens ihre Befreiung bedeutend erleichtert hat, indem er sie in den allgemeinen Strom des siegreichen Kampfes gegen den Imperialismus einbezog; 3. hierdurch eine Brücke zwischen dem sozialistischen Westen und dem versklavten Osten geschlagen und eine neue Front der Revolutionen aufgebaut hat, eine Front von den Proletariern des Westens über die Revolution in Rußland bis zu den unterjochtenVölkern des Ostens, eine Front gegen den Weltimperialismus. " (SW 4, S. 145f.)80
Aus der internationalen Wirkung der Oktoberrevolution erklärt sich auch die blinde Wut, mit der die Imperialisten der Entente - Frankreich, England, Japan, Amerika - Mitte 1918 mit Unterstützung der konterrevolutionären Kräfte innerhalb Rußlands über den jungen sozialistischen Staat herfielen, wobei die Frontlinie mit den Truppen des deutschen Imperialismus ebenfalls noch auf russischem Territorium verlief.
An den Fronten des Bürgerkrieges und des Kampfes gegen die militärische Intervention der Imperialisten
Gemeinsam mit Lenin führte Stalin den Kampf gegen die Opportunisten in der Partei und gegen die Deserteure der Revolution. Organisierung der Niederwerfung der konterrevolutionären Machenschaften Kerenskis und Krasnows, Brechung der Sabotage der sowjetfeindlichen Beamten und Angestellten, Liquidierung des konterrevolutionären Hauptquartiers und der zaristischen Generalität. Verbot der bürgerlichen Presse, Kampf gegen die konterrevolutionäre ukrainische Rada81, Auseinanderjagung der Konstituierenden Versammlung, Ausarbeitung der ersten Sowjetverfassung im Jahr 1918 - an all diesen entscheidenden Ereignissen nahm Stalin aktiven und führenden Anteil.
Im Auftrag des Zentralkomitees der Partei führte Stalin im Januar 1918 die Beratung mit Vertretern des revolutionären Flügels der sozialistischen Parteien verschiedener Länder Europas und Amerikas durch. Diese Beratungen hatten eine wichtige Rolle im Kampf für die Gründung der III., der Kommunistischen Internationale. Diese wurde im März 1919 in Moskau auf dem 1. Kongreß gegründet, auf dem Delegierte der wichtigsten Länder Europas und Amerikas anwesend waren, trotz Verfolgung und Blockade durch die imperialistischen Länder.
In der für die junge Sowjetmacht äußerst schwierigen Phase während der Brester Friedensverhandlungen mit den deutschen Imperialisten im Februar 1918 verteidigte Stalin gemeinsam mit Lenin und Swerdlow gegen Trotzki, Bucharin und andere Opportunisten den Beschluß des Zentralkomitees über den sofortigen Friedensschluß. Trotzki und seine Anhänger weigerten sich, den Beschluß umzusetzen, verzögerten den Abschluß des Friedensvertrags und setzten damit die Sowjetrepublik weiteren militärischen Schlägen seitens der deutsch-österreichischen Truppen aus.
Der VII. Parteitag im März 1918 bestätigte die Richtigkeit der Leninschen Linie in der Frage des Brester Friedens und verurteilte die Haltung Trotzkis. Der Abschluß des Friedensvertrags gab der Partei die Möglichkeit, Zeit zu gewinnen, die Sowjetmacht zu festigen, das Bündnis des Proletariats mit der Bauernschaft zu erhalten, die Wirtschaft des Landes zu organisieren, die Rote Armee aufzubauen sowie die Widersprüche des fortdauernden Krieges im Lager des Imperialismus zu nutzen.
In der ersten Hälfte des Jahres 1918 formierten sich zwei Kräfte, um auf den Sturz der Sowjetmacht hinzuarbeiten: die ausländischen Imperialisten der Entente und die Konterrevolution innerhalb Rußlands. Diese beiden Kräfte vereinigten sich mit dem Ziel, die Sowjetmacht zu stürzen. Damit endete die Atempause: Es begannen die Intervention und der Bürgerkrieg: das heißt der Krieg der Arbeiter und Bauern der Völker Rußlands gegen die äußeren und inneren Feinde der Sowjetmacht. Die Sowjetregierung erklärte: „Das sozialistische Vaterland ist in Gefahr", und rief das Volk zur Abwehr auf. Die KPR (B) gab die Losung aus: „Alles für die Front!".
In der Situation des Bürgerkriegs und der imperialistischen Intervention erhielt insbesondere in den Randgebieten Rußlands die Lösung der nationalen Frage nicht nur unmittelbare praktische Bedeutung, sondern auch eine äußerste Zuspitzung - sie verband sich direkt mit der Frage des Kampfes gegen den Imperialismus, gegen seine militärische Intervention. Stalin stellte in diesem Zusammenhang heraus:
„In einer Situation, da zwischen dem proletarischen Rußland und der imperialistischen Entente ein Kampf auf Leben und Tod entbrennt, gibt es für die Randgebiete nur zwei Wege: entweder zusammen mit Rußland, und dann - Befreiung der schaffenden Massen der Randgebiete von der imperialistischen Unterdrückung; oder zusammen mit der Entente, und dann - unvermeidlich das imperialistische Joch. Einen dritten Weg gibt es nicht. " (SW 4, S. 31 Of.)82
Die Imperialisten Englands, Frankreichs, Japans, der USA begannen die militärische Intervention ohne Kriegserklärung und landeten ihre Truppen oder unterstützten konterrevolutionäre Aufstände gerade in den Randgebieten Rußlands.
Die Truppen der englischen und französischen Imperialisten landeten in Nordrußland, besetzten Archangelsk und Murmansk und brachten die weißgardistische Konterrevolution an die Macht.
Die Truppen des japanischen Imperialismus landeten in Wladiwostok, annektierten die Küstengebiete und stellten die Herrschaft der Weißgardisten her.
Im Nordkaukasus eröffneten die Generale Kornilow und Denikin mit Unterstützung des englischen und französischen Imperialismus mit einer weißgardistischen Armee den Feldzug gegen die Sowjetmacht.
Am Don zettelten die Generale Krasnow und Mamontow mit geheimer Unterstützung der deutschen Imperialisten einen Aufruhr der Donkosaken an, besetzten das Dongebiet und begannen den Feldzug gegen die Sowjets.
An der mittleren Wolga und in Sibirien organisierten die englischen und französischen Imperialisten eine Meuterei des tschechoslowakischen Korps, das von der Sowjetregierung nach dem Friedensschluß mit Deutschland die Erlaubnis erhalten hatte, durch Sibirien über den Fernen Osten in die Heimat abzureisen. Dies war der Auftakt für den Aufruhr der Kulaken an der Wolga.
Die deutschen Imperialisten fielen in die Ukraine ein und errichteten ein Handlangerregime, trennten mit Unterstützung armenischer und aserbaidschanischer Nationalisten Transkaukasien von Sowjetrußland ab, ließen deutsche und türkische Truppen einmarschieren und besetzten Baku und Tiflis.
Die Sowjetmacht war auf diese Weise von ihren wichtigsten Lebensmittel-, Rohstoff und Brennstoffgebieten abgeschnitten. Es mangelte an Nahrungsmitteln. Die werktätige Bevölkerung der Großstädte, besonders Moskaus und Petrograds, hungerte. Die Arbeiterinnen und Arbeiter in den Städten erhielten nur noch 50 Gramm Brot täglich. Sowjetrußland war vom ukrainischen und sibirischen Getreide abgeschnitten. Es blieb nur ein Gebiet, aus dem Getreide zu bekommen war - der Südosten, das Wolgagebiet und der Nordkaukasus, und der Weg führte die Wolga aufwärts über Zaryzin.
Die KPR (B) organisierte hundertausende Werktätige als Freiwillige für die Rote Armee, ging zum Prinzip der allgemeinen Wehrpflicht über, wodurch in kurzer Zeit eine Millionenarmee entstand, und mobilisierte die Petrograder Arbeiterschaft, eine Kampagne zur Entsendung von Arbeitern aufs Land zu starten, um die armen Bauern im Kampf gegen die Kulaken und Getreidespekulanten zu unterstützen.
Stalin wurde vorn Zentralkomitee der KPR (B), mit außerordentlichen Vollmachten ausgestattet, nach dem Süden entsandt und mit der Gesamtleitung der Lebensmittelbeschaffung im Süden Rußlands betraut.
Am 6. Juni 1918 traf Stalin mit einer Arbeiterabteilung in Zarizyn ein.83 Er erkannte, daß Zarizyn der Ort war, gegen den der Hauptstoß der Konterrevolution gerichtet sein würde. Durch die Einnahme Zarizyns wäre die Sowjetrepublik von den letzten Getreideressourcen und vom Bakuer Erdöl abgeschnitten worden, und die Weißgardisten hätten die Möglichkeit erhalten, die Konterrevolution des Dongebiets mit den Armeen Koltschaks und dem tschechoslowakischen Korps zu vereinigen und in gemeinsamer Front gegen Moskau zu marschieren. Zarizyn mußte also um jeden Preis in den Händen der Sowjetmacht bleiben. Nachdem Stalin dafür gesorgt hatte, daß die Stadt von den weißgardistischen Verschwörern gesäubert wurde, in bedeutenden Mengen Lebensmittel aufgebracht und in die hungernden Großstädte geschickt wurden, widmete er sich völlig der militärischen Verteidigung Zarizyns. Stalin setzte die objektiv der Konterrevolution dienenden „Spezialisten" ab, für deren Einsetzung Trotzki verantwortlich war 84, reorganisierte schnell und entschlossen die zersplitterten militärischen Abteilungen, beschleunigte das Eintreffen der Truppenteile Woroschilows aus dem Donezbecken.85 Zarizyn wurde behauptet86, und es gelang den konterrevolutionären „weißen" Truppen nicht, nach Moskau durchzubrechen.
Die erfolgreiche Verteidigung Zarizyns fand zur selben Zeit statt, als der deutsche Imperialismus in der Ukraine scheiterte. Im November 1918 brach die Revolution in Deutschland und ÖsterreichUngarn aus, die zum Sturz der Monarchie führte und den imperialistischen Krieg beendete. Das Zentralkomitee der KPR (B) beauftragte Stalin, zur Unterstützung der aufständischen ukrainischen Arbeiter und Bauern die ukrainische Front zu organisieren. Stalin wurden zwanzig führende Parteiarbeiter, mit Woroschilow an der Spitze, zur Verfügung gestellt. Ende November rückten die aufständischen roten Truppen gegen Petljura vor und befreiten Minsk. Im Westen wurde Charkow befreit.87
Ende 1918 entstand an der Ostfront, die im Feldzug der Entente zur Hauptfront wurde, eine katastrophale Lage. Die KoltschakArmee eilte von Sibirien aus herbei, um sich mit den Truppen des englischen Imperialismus zu vereinigen, die vom Norden her vorrückten. Im Namen des Rats zur Verteidigung forderte Lenin, die Positionen bei Perm zu festigen. Zur Abwendung der Katastrophe entsandte das Zentralkomitee der KPR (B) Stalin und Dzierzynski dorthin.88 Entschlossen brachten sie die Lage bei Perm unter Kontrolle und es gelang, die Verbindung der Armeen Koltschaks mit den Truppen der englischen Interventen und dem tschechoslowakischen Korps zu verhindern. Die Rote Armee richtete nun ihre Schläge gegen die Armee Koltschaks, die sowohl im Süden wie im Norden von ihren Bundesgenossen abgeschnitten war, und brachte ihr Frühjahr 1919 eine ernste Niederlage bei.
Von der Ostfront zurückgekehrt, nahm Stalin am VIII. Parteitag der KPR (B) teil, der vom 18. bis 23. März in Moskau stattfand. Neben den Fragen des Programms der KPR (B), der Kommunistisehen Internationale, der Arbeit der Partei auf dem Lande befaßte sich der Parteitag intensiv mit dem Aufbau der Roten Armee. Hierzu nahm auch Stalin in einer Rede Stellung und trat entschieden dafür ein, „eine streng disziplinierte, reguläre, wirkliche Arbeiter- und Bauernarmee zu schaffen "89.
Im März 1919 wurde Stalin auf Vorschlag Lenins zum Volkskommissar der Staatlichen Kontrolle ernannt (später Volkskommissariat der Arbeiter- und Bauerninspektion) und kämpfte für deren „Demokratisierung und Annäherung an die Arbeiter- und Bauernmassen "90. Diese Funktion, die große Bedeutung für die Heranziehung der Werktätigen zur Verwaltung des Staates hatte, übte Stalin bis April 1922 aus.
Im Mai 1919 rückte General Judenitsch mit Unterstützung finnischer und estnischer weißgardistischer Truppen gegen Petrograd vor, mit dem Ziel, die Rote Armee von Koltschaks Verbänden abzuziehen. Der Vorstoß wurde durch ein englisches Geschwader unterstützt. Gleichzeitig wurde im Rücken der Roten Armee ein Aufstand in den Forts „Krasnaja Gora" und „Seraja Loschad" organisiert. Die Rote Armee kam ins Wanken, und der Feind rückte bis dicht an Petrograd heran. Das Zentralkomitee der KPR (B) entsandte Stalin, um den Kampf gegen die Weißgardisten zu organisieren. Am 19. Mai traf Stalin in Petrograd ein.91 Durch einen kombinierten Vorstoß der Infanterie vom Land und der Flotte vom Meer her wurden die meuternden Forts besetzt und die weißgardistischen Truppen zurückgeworfen. Die Pläne der Entente, Petrograd einzunehmen, waren gescheitert.92 Die Armee Judenitschs wurde zerschlagen, ihre Reste flüchteten nach Estland.
Im Sommer 1919 war Stalin an der Westfront, in Smolensk, tätig93, wo er die Abwehr der Offensive der polnischen Truppen organisierte.
Die im ersten Feldzug geschlagene imperialistische Entente unternahm nach der Niederwerfung der Räte in Bayern, Ungarn, Estland und Lettland im Herbst 1919 den zweiten Feldzug, in den neben den eigenen und den weißgardistischen Truppen auch die Armeen der an Rußland grenzenden kleineren Staaten einbezogen wurden. Der englische Kriegsminister Churchill nannte dies den „Feldzug der vierzehn Staaten".
Während die Rote Armee im Osten Koltschak schlug, riß Denikin das Donezbecken an sich und drang in breiter Front in die Ukraine ein. Die Rote Armee erlitt Niederlagen. Denikin kamen die weißgardistischen polnischen Verbände zu Hilfe, die Minsk besetzten. Judenitsch ergriff vor Petrograd erneut die Initiative, während Koltschak sich am Tobol festzusetzen suchte. Die weißgardistischen Regimenter setzten zur Offensive gegen Moskau an.
In dieser bedrohlichen Lage entsandte das Zentralkomitee der KPR (B) die Genossen Stalin, Woroschilow, Ordshonikidse und Budjonny im Oktober 1919 an die Südfront gegen Denikin, die zur Hauptfront wurde. An der Front herrschte Durcheinander und Ratlosigkeit, ein gut durchdachter strategischer Plan fehlte. Stalin wandte sich scharf gegen den Plan des Oberbefehlshabers der Roten Armee, Trotzki, den Hauptstoß gegen Denikin durch das weglose Gelände und die der Sowjetmacht feindlichen Kosakengebiete der Donsteppen zu führen. Stalin forderte statt dessen, daß „der Hauptschlag aus dem Bezirk Woronesh über Charkow und das Donezbecken auf Rostow geführt wird"94. Dieser Plan sicherte das schnelle Vorrücken der Roten Armee durch Gebiete mit proletarischen Zentren, wo die werktätige Bevölkerung die Rote Armee mit Sympathie erwartete und wo ein dichtes Eisenbahnnetz vorhanden war, was die Versorgung der Truppen erleichterte. Gleichzeitig bedeutete dieser Plan die Befreiung des Donezbeckens, eines riesigen Kohlengebietes, wodurch die Versorgung des Landes mit Brennstoff sichergestellt wurde.
Der Plan Stalins wurde vom Zentralkomitee der KPR (B) angenommen, Trotzki wurde von der Leitung der Operationen der Roten Armee an der Südfront entfernt. Unter der Leitung Stalins gelang es, die Umsetzung dieses strategischen Plans Schritt für Schritt zu realisieren. Ein wichtige Bedeutung hatte dafür die Stärkung der politischen und moralischen Führungsrolle der Regimentskommissare. Die Schaffung der von Budjonny, Woroschilow und Schtschadenko geführten Ersten Reiterarmee und deren durchschlagende militärische Erfolge zerschlugen den Nimbus der Unbesiegbarkeit weißgardistischer Eliteeinheiten.95 Im Dezember 1919 konnte Stalin melden: „Die Armeen Denikins rollen unaufhaltsam auf den Bahnen der Armeen Koltschaks in den Abgrund, während unsere Armeen qualitativ und quantitativ von Tag zu Tag stärker werden. "96 Die Realisierung des Stalinschen Plans führte schließlich im Januar 1920 zur völligen Zerschlagung der Armeen Denikins.
Während der kurzen Atempause, die Sowjetrußland durch die Zerschlagung Denikins erhalten hatte, leitete Stalin den Wiederaufbau der durch den Krieg zerstörten Wirtschaft der Ukraine. Im Februar und März stand Stalin an der Spitze der ukrainischen Arbeitsarmee und mobilisierte die ukrainischen Werktätigen Zum Kampf um die Kohle.97
Stalin nahm als Delegierter der KP(B) der Ukraine 98 am IX. Parteitag der KPR (B) teil, der Ende März 1920 in Moskau stattfand. Stalin wurde zum Mitglied des Zentralkomitees gewählt, das auf seiner dem Parteitag folgenden Sitzung Stalin in das Politbüro und das Orgbüro der Partei wählte.
Im April 1920 war die kurze Atempause zu Ende. Die Truppen Polens drangen auf Befehl des konterrevolutionären Nationalisten Pilsudski in das Gebiet der Westukraine ein. Gleichzeitig ging General Wrangel zur Offensive über und bedrohte das Donezbecken. Der dritte Feldzug der Entente gegen die Sowjetrepublik hatte begonnen.99
Im Mai 1920 wurde Stalin als Mitglied des Revolutionären Kriegsrats vorn Zentralkomitee an die Südwestfront gesandt, wo seine Aufgabe darin bestand, die Offensive der polnischen Truppen zum Stehen zu bringen und den Durchbruch der Roten Armee durch die polnische Front zur organisieren.100 Anschließend war Stalin mit der Verteidigung des Südens der Ukraine gegen die Offensive General Wangels betraut. Stalin entwarf einen Plan zur Mobilisierung der Kampfreserven 101, um die Vernichtung der Armeen Wrangels herbeizuführen. Im November 1920 sind Wrangels Truppen geschlagen.
Mit dem Scheitern der Großmachtpläne Pilsudski-Polens und der Vernichtung Wrangels waren die Hauptkräfte der Intervention Ende 1920 vernichtet, auch wenn es noch bis 1922 dauerte, bis mit der Beendigung der japanischen Intervention im Fernen Osten die Periode der ausländischen militärischen Interventionen und des Bürgerkrieges zu Ende war.
Stalin hatte großen Anteil an diesem historischen Sieg der Sowjetmacht - durch seinen herausragenden Einsatz an den entscheidenden und für die Revolution bedrohlichsten Fronten des Bürgerkriegs, durch seinen großen Beitrag bei der Organisierung und Leitung der Verteidigung der Sowjetrepublik wie beim Aufbau der Roten Armee.
Zum 10. Jahrestag der Gründung der Roten Armee im Februar 1928 hob Stalin hervor, worin die grundlegenden Besonderheiten der Roten Armee bestehen, die ihr den Sieg über die zahlreichen Armeen der imperialistischen Interventen ermöglichten:
„Die erste grundlegende Besonderheit unserer Roten Armee besteht darin, daß sie die Armee der befreiten Arbeiter und Bauern ist, die Armee der Oktoberrevolution, die Armee der Diktatur der Proletariats. (...) Die zweite Besonderheit unserer Roten Armee besteht darin, daß unsere Armee eine Armee der Brüderlichkeit der Nationen unseres Landes ist, eine Armee der Befreiung der unterdrückten Nationen unseres Landes, eine Armee der Verteidigung der Freiheit und Unabhängigkeit der Nationen unseres Landes. (...) Schließlich die dritte Besonderheit der Roten Armee. Sie besteht in der Erziehung unserer Armee im Geiste des Internationalismus, in der Festigung dieses Geistes, sie besteht darin, daß der Geist des Internationalismus unsere ganze Rote Armee durchdringt. " (S W 11, S. 21 ff.) 102
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