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Kapitel III:
An der Spitze der Arbeitermassen in Baku und
im Kampffür die Formierung der
bolschewistischen Partei
(1907-1916)

Die erste russische Revolution endete mit einer Niederlage, da die Klassenkräfte der Revolution noch zu schwach und die notwendige Einheit der Kommunistischen Partei auf revolutionärer Grundlage noch nicht geschaffen war. Vom Ende der ersten bis zum Beginn der zweiten Revolution vergingen zehn Jahre, in deren Verlauf die Bolschewiki beharrlich und unermüdlich die proletarischen und werktätigen Massen organisierten, sie im revolutionären Geist erzogen, ihren Kampf leiteten und den künftigen Sieg der Revolution vorbereiteten.

Die Situation der SDAPR nach der Niederlage der Revolution von 1905 war schwierig. Die Zahl der Parteimitglieder schmolz, insbesondere Intellektuelle kehrten der Partei aus Angst vor der Reaktion den Rücken. In dieser Situation trachteten die Menschewiki, die immer noch in der SDAPR organisiert waren, danach, die revolutionäre illegale Partei zu liquidieren, und wollten auf revolutionäre Forderungen und Losungen verzichten. Sie waren zu Liquidatoren geworden.

Die Bolschewiki standen vor der Aufgabe, in der Zeit des Erstarkens der Reaktion am Ziel des Sturzes des Zarismus festzuhalten, die demokratische Revolution zu Ende zu führen und zur sozialistischen Revolution überzugehen. Doch mußten sie angesichts der veränderten Situation zu einer neuen Taktik übergehen. Es war notwendig, die Angriffstaktik durch eine Verteidigungstaktik zu ersetzen, durch eine Taktik der Sammlung der Kräfte. Die Kader mußten in die Illegalität überführt, die illegale Parteiarbeit organisiert und die illegale Arbeit mit der legalen Arbeit verbunden werden (Gewerkschaften, Genossenschaften, Krankenkassen, Volkshäuser, Clubs, Duma).

Gegen dieses Vorgehen wandte sich ein Teil der Bolschewiki, der die Notwendigkeit dieser Umgehungsmethoden nicht verstand und auf die Ausnutzung legaler Arbeitsmöglichkeiten verzichten wollte. Diese sogenannten Otsowisten gaben in der Konsequenz wie die Liquidatoren den revolutionären Kampf auf, indem sie mit „linken" Phrasen der Loslösung der Partei von den Massen das Wort redeten.

Drei Jahre in Baku: „Unter den Arbeitern der Erdölindustrie ... erfuhr ich zum erstenmal, was es heißt, große Arbeitermassen zu führen"

Für Stalin waren die Jahre von 1907 bis 1917 Jahre des Kampfes für die Festigung der revolutionären illegalen Partei, für die Durchführung der bolschewistischen Linie unter den veränderten Bedingungen nach der Niederlage der Revolution, Jahre der angestrengten Arbeit für die Organisierung und Erziehung der Arbeitermassen und Jahre eines ausgesprochen hartnäckigen Kampfes mit der zaristischen Polizei. Zwischen 1902 und 1913 wurde Stalin siebenmal verhaftet und sechsmal in die Verbannung geschickt, aus der er fünfmal flüchtete. Aus seiner letzten Verbannung, nach Turuchansk, wurde Stalin durch die Februarrevolution 1917 befreit.

Im Juli 1907 begann die Bakuer Periode der revolutionären Tätigkeit Stalins. Nach der Rückkehr vom V. Parteitag der SDAPR (Londoner Parteitag) verließ Stalin Tiflis und ging auf Anweisung der Partei nach Baku, dem größten Industrierevier Transkaukasiens und einem der wichtigsten Zentren der Arbeiterbewegung in Rußland. Er organisierte an führender Stelle den Kampf zur Verdrängung der Menschewiki aus den Arbeitervierteln Bakus (Balachany, BibiEibat, Tschorny Gorod, Bely Gorod), um die Arbeitermassen für die bolschewistische Linie zu gewinnen, und leitete die legalen und illegalen Organe der Bolschewiki - „Bakinski Proletari" (Der Bakuer Proletarier), „Gudok" (Die Sirene) und „Bakinski Rabotschi" (Der Bakuer Arbeiter).

Im Rahmen der von Stalin geleiteten Wahlkampagne zur 111. Reichsduma verfaßte er den „Wählerauftrag an die sozialdemokratischen Deputierten", der auf der Bevollmächtigtenversammlung der Arbeiterkurie in Baku am 22. September 1907 verabschiedet wurde. In diesem als Sonderflugblatt veröffentlichten Dokument wurden die Aufgaben der sozialdemokratischen Fraktion festgelegt und allgemeine Hinweise zur Arbeit in bürgerlichen Parlamenten gegeben. In Abgrenzung von opportunistischen Positionen wird dort über das Verhältnis von sozialdemokratischer Dumafraktion und Partei herausgestellt:

„Die sozialdemokratischen Deputierten in der Reichsduma müssen eine besondere Fraktion bilden, die als eine der Parteiorganisationen aufs engste mit der Partei verbunden sein und sich ihrer Führung und den Direktiven des ZK der Partei unterordnen muß. Die Hauptaufgabe der sozialdemokratischen Fraktion in der Reichsduma ist die Förderung der Klassenerziehung und des Klassenkampfes des Proletariats sowohl zur Befreiung der Werktätigen von der kapitalistischen Ausbeutung als auch dazu, daß es der Rolle des politischen Führers gerecht wird, die es in der gegenwärtigen bürgerlich-demokratischen Revolution in Rußland zu spielen berufen ist. " (SW 2, S. 71)47

Anläßlich einer Konferenz der Arbeiter mit den Erdölindustriellen, deren Zweck der Abschluß eines Kollektivvertrages war, führten die Bakuer Bolschewiki unter der Führung Stalins eine große Kampagne durch, die ein Vorbild für die Durchführung der elastischen Leninschen Linie der Verbindung der illegalen mit der legalen Arbeit unter den Bedingungen der Reaktion war.

Stalin scharte einen festen Kern erprobter Bolschewiki um sich: Fioletow, Saratowez (Jefimow), Wazek, Bokow, Malygin, Ordshonikidse, Dshaparidse, Schaumjan, Spandarjan, Chanlar, Memedow, Asisbekow, Kiasi-Mamed und andere. Sie erstritten schließlich den Sieg der bolschewistischen Linie in der Bakuer Parteiorganisation. Unter deren Führung kämpfte das Bakuer Proletariat in den vordersten Reihen der gesamtrussischen revolutionären Bewegung. Im Februar 1908 gründete das Bakuer Komitee der SDAPR einen Selbstschutzstab gegen die Angriffe der sogenannten Schwarzhunderter.

Als Stalin nach seiner Verhaftung am 25. März 1908 in das Bailow-Gefängnis in Baku eingeliefert wurde, arbeitete er dort unter den revolutionären Gefangenen, führte Diskussionen mit Menschewiki und Sozialrevolutionären und organisierte Schulungen marxistischer Werke.

In der Arbeiterbewegung Georgiens gab es zu dieser Zeit auch Strömungen, die den „ökonomischen Terror" predigten, die Zerstörung von Maschinen und die Liquidierung von einzelnen Verwaltern, Fabrikdirektoren etc. Stalin verurteilte diese perspektivlose Form des Kampfes, da sie nur scheinbare Erfolge erzielen konnte und vor allem die Organisierung der Arbeiterklasse untergrub:

...was kann uns die flüchtige Angst der Bourgeoisie und ein hierdurch hervorgerufenes Zugeständnis geben, wenn wir keine starke Massenorganisation der Arbeiter hinter uns haben, die immer bereit ist, für die Arbeiterforderungen zu kämpfen. (...) Indessen sprechen aber allem Augenschein nach die Tatsachen davon, daß der ökonomische Terror das Bedürfnis nach einer solchen Organisation abtötet und den Arbeitern die Lust nimmt, sich zusammenzuschließen und selbständig aufzutreten, da sie ja die Terrorhelden haben, die für sie auftreten können. " (SW 2, S. 102)48

Demgegenüber mußten solche Formen des Kampfes entwickelt werden, welche die selbständige Organisierung der revolutionären Arbeitermassen förderten:

Wir müssen offen gegen die Bourgeoisie auftreten, wir müssen sie die ganze Zeit, bis zum endgültigen Sieg, in Angst halten! Hierfür aber bedarf es nicht des ökonomischen Terrors, sondern einer starken Massenorganisation, die imstande ist, die Arbeiter in den Kampf zuführen. " (Ebenda SW 2, S. 103, H.i.O.)

Stalin unterzog die Ideologie und Praxis der Anhänger des ökonomischen Terrors einer scharfen Kritik, wandte sich jedoch gleichzeitig gegen das bürgerlich-verräterische Verhalten von georgischen Menschewiki, Angehöriger solcher Gruppen bei der Polizei zu denunzieren.49

Die Bakuer Periode war von größter Bedeutung im Leben und Wirken Stalins. Er selbst sagte später über diese Zeit:

„ Drei Jahre revolutionärer Arbeit unter den Arbeitern der Erdölindustrie stählten mich als Kämpfer und einen der Leiter der praktischen Arbeit am Ort. Im Umgang mit so fortgeschrittenen Bakuer Arbeitern wie Wazek, Saratowez, Fioletow und anderen einerseits und im Sturm schwerster Konflikte zwischen Arbeitern und Erdölindustriellen andererseits erfuhr ich zum erstenmal, was es heißt, große Arbeitermassen zuführen. Dort, in Baku, erhielt ich somit meine zweite revolutionäre Feuertaufe. Dort wurde ich ein Geselle der Revolution. " (SW 8, S. 155)50

Teilnahme am Kampf für die selbständige bolschewistische Partei

Nach fast acht Monaten Gefängnishaft wurde Stalin auf zwei Jahre nach Solwytschegodsk im Gouvernement Wologda verbannt. Am 24. Juni 1909 flüchtete er von dort und kehrte zur illegalen Arbeit nach Baku zurück. Stalin unterstützte die Positionen Lenins gegen die Liquidatoren und Otsowisten und trat entschieden gegen sie auf. In den zentralen Presseorganen der Partei erschienen seine „Briefe aus dein Kaukasus"51. Die Zeitung „Bakinski Proletari" veröffentlichte seine Artikel „Die Parteikrise und unsere Aufgaben"52, „Aus der Partei"53 und andere Stellungnahmen, in denen Stalin den Zustand der Parteiorganisationen kritisierte und einen Plan zur Überwindung der Parteikrise entwarf.

Diese Schriften Stalins unterzogen das Liquidatorentum am Beispiel der Tifliser Menschewiki einer vernichtenden Kritik in programmatischen und taktischen Fragen. Der im August 1909 verfaßte Artikel „Die Parteikrise und unsere Aufgaben" analysierte die Loslösung der Partei von den Massen und forderte die Heranziehung der fortgeschrittensten Arbeiterinnen und Arbeiter zu den Parteiorganisationen:

„Notwendig ist, daß die erfahrensten und einflußreichsten fortgeschrittenen Arbeiter in allen örtlichen Organisationen vertreten sind, daß die Angelegenheiten der Parteiorganisation in ihren kräftigen Händen konzentriert werden, daß sie, und niemand anders als sie, in der Organisation die wichtigsten Posten einnehmen, von den praktischen und organisatorischen bis zu den journalistischen. Es ist kein Unglück, wenn sich die Arbeiter, die wichtige Posten innehaben, als ungenügend erfahren und geschult erweisen, mögen sie sogar in der ersten Zeit stolpern - die Praxis und die Ratschläge der erfahreneren Genossen werden ihren Gesichtskreis erweitern und aus ihnen schließlich richtiie Journalisten und Führer der Bewegung machen." (SW 2, S. 137) 54

Dies konnte jedoch nur erreicht werden, wenn diese fortgeschrittenen Arbeiterinnen und Arbeiter systematisch geschult wurden und gleichzeitig ihre Kenntnisse praktisch erprobten:

„Man muß höhere Zirkel, Besprechungen` mit den fortgeschrittenen Arbeitern schaffen, wenn auch nur eine in jedem Bezirk, und Theorie und Praxis des Marxismus systematisch , durchnehmen'- alles dies würde die Lücken der fortgeschrittenen Arbeiter in bedeutendem Maße ausfüllen und aus ihnen künftige Lehrer und ideologische Führer machen. Gleichzeitig müssen die fortgeschrittenen Arbeiter möglichst oft in ihren Werken und Fabriken Referate halten, , sich tüchtig üben' und nicht vor der Gefahr zurückschrecken, vor dem Auditorium ,durchzufallen`. Ein .für allemal muß man die überflüssige Bescheidenheit und Angst vor dem Auditorium beiseite werfen, muß man sich mit Wagemut, mit Glauben an seine Kräfte wappnen: es ist kein Unglück, wenn man zu Anfang vorbeihaut, ein paar Mal stolpert, danach wird man sich gewöhnen, selbständig zu schreiten ... " (Ebenda SW 2, S. 138)

Am 23. März 1910 wurde Stalin in Baku erneut verhaftet und nach halbjähriger Gefängnishaft in die Verbannung nach Solwytschegodsk zurückgeschickt. In der Verbannung setzte sich Stalin mit Lenin in Verbindung und schrieb Ende 1910 einen Brief an das ZK der Partei, in dem er die Leninsche Taktik der Bildung eines Parteiblocks der Anhänger der Aufrechterhaltung und Festigung der illegalen proletarischen Partei in vollem Maße unterstützte. Er umriß einen Plan für die Organisierung der Parteiarbeit in Rußland und verurteilte die „faule Prinzipienlosigkeit"55 Trotzkis aufs schärfste, der eine zentristische Position zwischen Bolschewiki und Menschewiki einnahm, in Wirklichkeit aber die Liquidatoren der illegalen Partei unter den Menschewiki unterstützte.

Im zweiten Halbjahr 1911 begann die Petersburger Periode der revolutionären Tätigkeit Stalins. Am 6. September reiste er illegal von Wologda nach Petersburg. Dort begann er insbesondere den Kampf gegen die Liquidatoren zu organisieren. Nach erneuter Verhaftung drei Tage nach seiner Ankunft wurde Stalin in das Gouvernement Wologda verschickt, von wo ihm im Februar 1912 wieder die Flucht gelang.

Im Januar 1912 fand die Prager Konferenz der SDAPR statt. Dort wurde der menschewistische Block aus der Partei ausgeschlossen und der Grundstein für die Leninsche Partei neuen Typs, die bolschewistische Partei gelegt. Diese kann sich nur festigen, wenn sie sich von opportunistischen Elementen säubert.

Die Bolschewiki hatten schon seit der Zeit der alten „Iskra" beharrlich an der Vorbereitung einer solchen Partei neuen Typs gearbeitet. Die gesamte Geschichte des Kampfes gegen die „Ökonomisten", Menschewiki, Trotzkisten, Otsowisten und Idealisten aller Schattierungen bis hin zu den Empiriokritizisten war von diesem Ziel geprägt. Eine entscheidende Rolle spielten hierbei die Werke Lenins, vor allem „Was tun?" (1902), „Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück" (1904), „Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution" (1905) und „Materialismus und Empiriokritizismus" (1909). Mit diesen Werken wurden die ideologischen, organisatorischen, politischen und theoretischen Grundlagen der bolschewistischen Partei geschaffen.

Die Prager Konferenz ging in ihren Beschlüssen davon aus, daß in naher Zukunft ein revolutionärer Aufschwung unausweichlich werden würde und traf alle Maßnahmen, um die Partei dafür zu wappnen. Es wurde ein bolschewistisches Zentralkomitee gewählt und ein Zentrum zur Leitung der praktischen revolutionären Arbeit in Rußland (Russisches Büro des Zentralkomitees) gebildet. Außerdem wurde die Gründung der Tageszeitung „Prawda" (Die Wahrheit) beschlossen.

Auf dieser Konferenz wurde Stalin, der bereits seit 1910 Bevollmächtigter des Zentralkomitees war, in Abwesenheit als Mitglied in das Zentralkomitee gewählt. Auf Vorschlag Lenins wurde er an die Spitze des Russischen Büros des Zentralkomitees gestellt, dem außerdem die Genossen Swerdlow, Spandarian, Ordshonikidse und Kalihin angehörten.

Im Auftrag Lenins reiste Sergej Ordshonikidse nach Wologda, wo Stalin sich zu dieser Zeit in der Verbannung befand, und informierte ihn über die Beschlüsse der Prager Konferenz. Am 29. Februar 1912 flüchtete Stalin erneut. Während der kurzen Zeit seiner Freiheit bereiste er im Auftrag des Zentralkomitees die wichtigsten Gebiete Rußlands, arbeitete an der Vorbereitung der Maidemonstrationen, schrieb das Flugblatt des Zentralkomitees zum 1. Mai 56 und leitete in Petersburg während der Tage des Proteststreiks gegen das Blutbad an der Lena57 die für fortgeschrittene Arbeiterinnen und Arbeiter bestimmte bolschewistische Wochenzeitung „Swesda" (Der Stern).

Die für die breiten Massen bestimmte, in Petersburg herausgegebene bolschewistische Tageszeitung „Prawda" wurde zu einer mächtigen Waffe für die Vergrößerung des Einflusses der Partei unter den Werktätigen. Stalin war an der Vorbereitung der ersten Nummer beteiligt und leitete die Ausarbeitung der politischen Plattform der Zeitung. Mitglieder der Redaktion waren Molotow, Olminski, Baturin, Swerdlow, Gorki und Samoilowa.

Die „Prawda" trat zugleich mit dem neuen Aufschwung der revolutionären Bewegung ins Leben. Am 22. April 1912 erschien die erste Nummer. Die „Prawda" in diesem Zeitabschnitt, schrieb Stalin anläßlich des zehnjährigen Jubiläums der Zeitung, war „zweifellos der Vorbote der künftigen ruhmreichen Siege des russischen Proletariats "58

Am 22. April 1912 wurde Stalin in Petersburg auf der Straße verhaftet und nach einigen Monaten Gefängnishaft auf drei Jahre in die noch entlegenere Narym-Region verschickt. Doch am ].September flüchtete Stalin abermals und kehrte nach Petersburg zurück. Dort übernahm er die Redigierung der „Prawda" und leitete die Tätigkeit der Bolschewiki in der Wahlkampagne zur IV. Reichsduma. Von der Polizei auf Schritt und Tritt verfolgt, sprach Stalin auf einer Reihe von fliegenden Betriebsversammlungen. Doch es gelang den Petersburger Arbeiterinnen und Arbeitern und ihren Organisationen, Stalin zu schützen und ihn vor der Polizei in Sicherheit zu bringen.

In dieser Kampagne war der von Stalin geschriebene „Wählerauftrag der Petersburger Arbeiter an ihren Arbeiterdeputierten"59 von besonderer Bedeutung. Dort wurde an die ungelösten Aufgaben der revolutionären Bewegung des Jahres 1905 erinnert und die Notwendigkeit eines Zweifrontenkampfes gegen die feudal-bürokratischen Zustände und gegen die liberale Bourgeoisie betont, die auf eine Verständigung mit dem Zarismus aus war.

Nach den Wahlen war Stalin mit der Leitung der bolschewistischen Gruppe der Dumafraktion betraut. In dieser Zeit arbeitete er eng mit Swerdlow und Molotow zusammen. Stalin reiste im November und im Dezember 1912 nach Krakau, wo sich auch Lenin aufhielt, zu Beratungen des Zentralkomitees mit Parteiarbeitern. Von Krakau aus begab Stalin sich im Januar 1913 nach Wien, um die Herausgabe verschiedener Schriften Lenins zu organisieren, und kehrte Mitte Februar wieder nach Petersburg zurück.


„Marxismus und nationale Frage" - ein programmatischer Beitrag zur revolutionären Theorie

Während seines Aufenthalts im Ausland verfaßte Stalin die Schrift „Marxismus und nationale Frage", die bedeutendste Stellungnahme der Bolschewiki zur nationalen Frage vor dem Ersten Weltkrieg. Sie stellt eine programmatische Erklärung dar und faßt zugleich die konkreten Erfahrungen der Bolschewiki zusammen. In dieser Arbeit werden die zwei Methoden und die zwei Programme in der nationalen Frage, die des Leninismus und die der Opportunisten der Il. Internationale, einander in scharfer Abgrenzung gegenübergestellt. Damit wurde ein wichtiger Beitrag zur Bekämpfung opportunistischer Auffassungen und nationalistisch-chauvinistischer Konzepte und Dogmen geleistet.

In der Schrift wird die marxistische Theorie von der Nation und den sie kennzeichnenden Merkmalen entwickelt. Stalin formulierte als grundlegende Forderung für eine bolschewistische Lösung der nationalen Frage, daß diese als Teilfrage der proletarischen Revolution begriffen und dieser untergeordnet werden muß. Dabei ist das „Prinzip der internationalen Zusammenfassung der Arbeiter "60 unverzichtbar.

Vor dem Hintergrund des Wiedererstarkens nationalistischer Strömungen in Rußland nach dem Rückschlag von 1905 betonte Stalin:

„In diesem schweren Augenblick fiel der Sozialdemokratie eine hohe Mission zu - dem Nationalismus entgegenzutreten, die Massen vor der allgemeinen , Seuche' zu bewahren. Denn die Sozialdemokratie, und nur sie allein, war dazu imstande, da sie dem Nationalismus die bewährte Waffe des Internationalismus, die Einheit und Unteilbarkeit des Klassenkampfes entgegenstellte. "(Ebenda SW 2, S. 267)

In dieser Schrift wird die noch heute gültige kommunistische Definition der Nation gegeben:

„Eine Nation ist eine historisch entstandene stabile Gemeinschaft von Menschen, entstanden auf der Grundlage der Gemeinschaft der Sprache, des Territoriums, des Wirtschaftslebens und der sich in der Gemeinschaft der Kultur offenbarenden psychischen Wesensart. " (Ebenda SW 2, S. 272)

Stalin macht im weiteren deutlich, daß die nationale Unterdrückung die Entwicklung des Bewußtseins des Proletariats der unterworfenen Nation behindert, da sie von der sozialen Frage ablenkt. Sie steht aber auch der Revolutionierung des Proletariats der unterdrückenden Nation entgegen, wenn dieses sich mit der Unterdrückung anderer Nationen abfindet. Nationale Unterdrückung muß daher unbedingt bekämpft werden:

Darum kämpfen die Arbeiter und werden auch weiter kämpfen gegen die Politik der Unterdrückung der Nationen in allen ihren T'ormerz, von den raffiniertesten bis zu den brutalsten, ebenso wie gegen die Politik der Verhetzung in allen ihren Formen. Darum proklamiert die Sozialdemokratie aller Länder das Selbstbestimmungsrecht der Nationen. (...) Recht auf Selbstbestimmung, das heißt: Die Nation kann sich nach eigenem Gutdünken einrichten. (...) Sie hat das Recht, sich gänzlich loszutrennen. Die Nation ist souverän, und alle Nationen sind gleichberechtigt. " (Ebenda S W 2, S. 283f.)

Die Festlegung einer richtigen, der Sache des Proletariats dienenden Linie in der nationale Frage erfordert auch unabdingbar die Analyse des historischen Zusammenhangs ihrer Entwicklung:

„Hieraus folgt, daß die nationale Frage nur im Zusammenhang mit den in ihrer Entwicklung betrachteten historischen Bedingungen gelöst werden kann. " (Ebenda SW 2, S. 286) „Noch einmal.- Die konkreten historischen Verhältnisse als Ausgangspunkt, eine dialektische Stellung der Frage als einzig richtige Fragestellung - das ist der Schlüssel zur Lösung der nationalen Frage. " (Ebenda SW 2, S. 291)

Am 23. Februar 1913 wurde Stalin bei einem Konzert verhaftet, das vom Petersburger Komitee der Bolschewiki im Saal der Kalaschnikow-Börse veranstaltet wurde. Diesmal verschickte die zaristische Regierung Stalin auf vier Jahre in die ferne Turuchansk-Region. Stalin lebte dort zunächst in der Siedlung Kostino und wurde dann Anfang 1914, da die zaristischen Gendarmen eine erneute Flucht befürchteten, noch weiter nach Norden in die am Polarkreis gelegene Siedlung Kurejka überführt. Dies war die härtestmögliche Form der Verbannung. Stalin verfaßte dort verschiedene Schriften, unter anderem den Artikel „Über die national-kulturelle Autonomie", die jedoch nicht erhalten geblieben sind.

Im Sommer 1914 begann der imperialistische Weltkrieg. Die sozialdemokratischen Parteien der 11. Internationale übten schändlichen Verrat am Proletariat und am Sozialismus. Den proletarischen Internationalismus endgültig über Bord werfend, gingen sie auf die Seite der imperialistischen Bourgeoisie über. Sie traten nicht nur nicht gegen den Krieg auf, sondern hetzten die Arbeiter und Bauern der kriegführenden Staaten unter der Flagge der „Vaterlandsverteidigung" aufeinander.

Lenin und die Bolschewiki dagegen blieben dem Kampfbanner des proletarischen Internationalismus treu. Nur die SDAPR nahm den Kampf gegen den imperialistischen Krieg auf. In den anderen sozialdemokratischen Parteien verblieben nur zahlenmäßig unbedeutende Minderheiten auf dem Boden des Internationalismus und versuchten gegen die herrschende opportunistische Strömung anzukämpfen. Lenin unterstützte solche Kräfte, wie Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in Deutschland, die noch nicht auf den klaren Positionen der Bolschewiki standen, indem er ihre Fehler kritisierte und ihnen somit half, zu richtigeren Standpunkten zu gelangen.

Weitgehend abgeschnitten von der Welt, getrennt von den Parteizentren stellte sich Stalin auf den Leninschen internationalistischen Standpunkt gegen den imperialistischen Krieg. Er schrieb mehrere Briefe an Lenin zu Fragen des Krieges und sprach auf Versammlungen verbannter Bolschewiki im Dorf Monastyrskoje.

Im Dezember 1916 wurde Stalin wie auch andere Verbannte zur Einberufung in die zaristische Armee nach Krasnojarsk gebracht. Er wurde jedoch freigestellt und anschließend in die Stadt Atschinsk verschickt, die er am 8. März 1917 in Richtung Petersburg verließ, nachdem die Nachricht von der Februarrevolution eingetroffen war.

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