Im Kampf für die Durchsetzung der bolschewistischen Linie im Kaukasus
Im Kaukasus war Stalin, der an der Spitze der transkaukasischen Bolschewiki stand, eine der zuverlässigsten Stützen Lenins im Kampf für die Einberufung des III. Parteitags. Stalin war Mitglied des Kaukasischen Bundeskomitees der SDAPR und leitete dessen Arbeit gemeinsam mit dem Genossen Zchakaja. Im Auftrag des Bundeskomitees bereiste Stalin die Bezirke Transkaukasiens (Batum, Tschiatury, Kutais, Tiflis, Baku, die bäuerlichen Bezirke Westgeorgiens), festigte die alten und schuf neue Parteiorganisationen.
Unter der Leitung des bolschewistischen Komitees in Baku, mit Stalin und Dshaparidse an der Spitze, gelang es im Dezember 1904, einen erfolgreichen Streik der Arbeiter von Baku zu organisieren, der vom 13. bis 31. Dezember dauerte und mit dem Abschluß eines Kollektivvertrags zwischen Arbeitern und Erdölindustriellen endete, des ersten Kollektivvertrags in der Geschichte der Arbeiterbewegung Rußlands. Der Bakuer Streik war der Beginn des revolutionären Aufschwungs in Transkaukasien und gleichsam ein Vorbote der Revolution von 1905 in ganz Rußland.
In den Jahren der ersten Revolution in Rußland führten die kaukasischen Bolschewiki einen entschiedenen ideologischen und politischen Kampf gegen die Menschewiki, Sozialrevolutionäre, Nationalisten und Anarchisten. Die wirksamste Waffe der Bolschewiki in diesem Kampf war die Parteiliteratur.
Eine unverzichtbare Voraussetzung für die Herstellung der Parteiliteratur war die vom Kaukasischen Bundeskomitee der SDAPR auf konspirativer Basis betriebene Awlabarer Geheimdruckerei, die in Tiflis vom November 1903 bis April 1906 in Betrieb war. Gedruckt wurden in ihr: Lenins Schriften „Die revolutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft" und „An die Dorfarmut", Stalins Broschüren „Kurze Darlegung der Meinungsverschiedenheiten in der Partei", „Zwei Schlachten" und andere, das Programm und das Statut der Partei, Dutzende von Flugblättern sowie vor allem die Zeitungen „Proletariatis Brdsola" (Der Kampf des Proletariats) und „Proletariatis Brdsolis Purzeli" (Kampfblatt des Proletariats). Die Bücher, Broschüren, Zeitungen und Flugblätter wurden in drei Sprachen gedruckt und hatten Auflagen von je einigen tausend Exemplaren.
Entscheidende Bedeutung für die Verfechtung der Positionen der Bolschewiki im Kaukasus hatte die Zeitung des Kaukasischen Bundes der SDAPR „Proletariatis Brdsola" unter der redaktionellen Leitung Stalins. Fast in jeder Nummer erschienen Artikel Lenins aus dem „Proletari". Andere wichtige Artikel wurden von Stalin geschrieben. In diesen Artikeln trat Stalin als Polemiker hervor, als politischer Führer des Proletariats im Kaukasus, als überzeugter und verläßlicher Verfechter der Leninschen Ideen.
Stalin spielte so eine wichtige Rolle bei der ideologischen Zerschlagung des Menschewismus im Kaukasus und bei der Verteidigung der ideologischen, organisatorischen und politischen Grundlagen der marxistischen Partei.
Mit den beiden „Briefen aus Kutais"33, der Broschüre „Kurze Darlegung der Meinungsverschiedenheiten in der Partei"34 und demArtikel „Antwort an den Sozialdemokrat' „35 verteidigte Stalin die von Lenin in „Was tun?" herausgearbeiteten ideologischen Grundlagen der marxistischen Partei und stellte klar, daß das sozialistische Klassenbewußtsein sich nicht spontan entwickelt, sondern von der marxistischen Partei von außen in die Arbeiterklasse hineingetragen werden muß.
In dieser Polemik entlarvte Stalin insbesondere die Versuche Plechanows, Konfusion zu erzeugen, und kennzeichnete dies als ein Wesensmerkmal jeglichen Opportunismus:
„ Verwirrung der Fragen ist ein Charakterzug der Opportunisten. " (SW 1, S. 53)36
In der Anfang 1905 geschriebenen und vom Kaukasischen Bundeskomitee der SDAPR im Mai 1905 illegal auf russisch, georgisch und armenisch herausgegebenen Broschüre „Kurze Darlegung der Meinungsverschiedenheiten in der Partei" übte Stalin scharfe Kritik an den gegen Lenins Buch „Was tun?" gerichteten Artikeln Plechanows. Anknüpfend an die Leninsche Fragestellung zu Spontaneität und Bewußtheit in der Arbeiterbewegung stellte Stalin heraus:
„Es ist klar, jeder, der die spontane Bewegung verherrlicht undanbetet, der reißt, ob er will oder nicht, eine Kluft auf zwischendem Sozialismus und der Arbeiterbewegung, mindert die Bedeutung der sozialistischen Ideologie herab, vertreibt sie aus demLeben und unterwirft, ob er will oder nicht, die Arbeiter der bürgerlichen Ideologie ... "
„Es ist die Pflicht der Sozialdemokratie, das sozialistische Bewußtsein in die spontane Arbeiterbewegung hineinzutragen, die Arbeiterbewegung mit dem Sozialismus zu vereinigen und auf diese Weise dem Kampf des Proletariats sozialdemokratischen Charakter zu verleihen. " (SW 1, S. 83 und S. 85f.) 37
In seinem Artikel „Die Klasse der Proletarier und die Partei der Proletarier" verteidigte Stalin überzeugend die von Lenin in „Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück" dargelegten organisatorischen Grundlagen der marxistischen Partei, unterstützte unmißverständlich die von Lenin formulierte Fassung des § 1 des Statuts, kritisierte entschieden die vom 11. Parteitag der SDAPR angenommene Formulierung Martows und forderte die Korrektur dieses Fehlers auf dem III. Parteitag. Stalin schloß seinen Artikel wie folgt:
„Fragen wir, wen wir als Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands bezeichnen sollen, so kann diese Partei nur eine Antwort geben: denjenigen, der das Parteiprogramm an erkennt, die Partei materiell unterstützt und in einer der Partei organisationen arbeitet. Ebendieser offenkundigen Wahrheit hat Genosse Lenin in sei ner vortrefflichen Formulierung Ausdruck gegeben. " (SW 1, S. 64)38
In seinem Aufsatz „Welche Auffassung hat die Sozialdemokratie von der nationalen Frage?" erläuterte und begründete Stalin die Theorie und das Programm der Partei in der nationalen Frage, unterzog die opportunistische Auffassung einer Trennung des Proletariats nach nationaler Zugehörigkeit einer vernichtenden Kritik und verfocht konsequent den internationalistischen Typus des Aufbaus proletarischer Klassenorganisationen.
„ Vor allem muß daran erinnert werden, daß die in Rußland tätige sozialdemokratische Partei sich Sozialdemokratische Partei Rußlands (und nicht Russische Sozialdemokratische Partei) nennt. Offenkundig wollte sie uns damit zeigen, daß sie unter ihrem Banner nicht nur die russischen Proletarier, sondern die Proletarier aller Nationalitäten Rußlands sammeln, und folglich alle Maßnahmen treffen wird, um die zwischen ihnen errichteten nationalen Schranken niederzureißen. " (SW 1, S. 37) 39
In diesem Artikel trat Stalin erstmals als Theoretiker auf dem Gebiet der nationalen Frage hervor. In Keimform sind hier bereits jene Ideen enthalten, die Stalin 1913 in seiner Arbeit „Marxismus und nationale Frage" entwickelte und tiefgehend begründete. Angesichts des Aufschwungs der proletarischen Bewegung und der Versuche des Zarismus, die verschiedenen Nationalitäten des Kaukasus aufeinanderzuhetzen, um die Revolution zu verhindern, rief das Tifliser Komitee der SDAPR mit den von Stalin im Februar 1905 verfaßten Proklamationen „Es lebe die internationale Brüderlichkeit" und „An die Bürger. Es lebe das rote Banner!" zum internationalistischen Zusammenschluß der Nationalitäten des Kaukasus um das rote Banner des Proletariats auf.
„Ihr Armenier, Tataren, Georgier, Russen! Reicht einander die Hände, schließt euch enger zusammen und gebt auf die Versuche der Regierung, euch zu entzweien, die einmütige Antwort: Nieder mit der Zarenregierung! Es lebe die Brüderlichkeit der Völker! Reicht einander die Hände und, vereint, schart euch um das Proletariat, den wirklichen Totengräber der Zarenregierung - dieses einzigen Schuldigen an den Bakuer Mordtaten. " (SW 1, S. 72)40
Anfang 1905 versuchte die zaristische Reaktion im Kaukasus, eine Pogromstimmung gegen die Armenier zu erzeugen, was auch teilweise gelang. Als Antwort organisierte das Tifliser Komitee der SDAPR eine Demonstration mehrerer tausend Tifliser Arbeiterinnen und Arbeiter sowie Werktätige verschiedener Nationalitäten unter dem roten Banner des Internationalismus. Dadurch gelang es, ein konkret geplantes Pogrom in der Stadt zu verhindern. Stalin wies darauf hin, daß diese ein großer Erfolg war, machte aber gleichzeitig deutlich, daß damit noch nicht die tieferliegenden Ursachen von Pogromen und Pogromhetze beseitigt sind:
„ Heißt dies jedoch, Bürger, daß die Zarenregierung auch in Zukunft nicht danach trachten wird, Pogrome zu veranstalten? Bei weitem nicht! Solange sie am Leben ist, und je mehr sie an Boden verliert, desto häufiger wird sie zu Pogromen ihre Zuflucht nehmen. Das einzige Mittel, die Pogrome aus der Welt zu schaffen, ist die Vernichtung der zaristischen Selbstherrschaft. " (SW 1, S. 75)41
1905: Alles für den bewaffneten Aufstand
Im Januar 1905 begann ein Streik der Arbeiter der Putilow-Werke in Petersburg, der sich schnell zum Generalstreik entwickelte. Die Arbeiterinnen und Arbeiter zogen zum Winterpalais, um dem Zaren ihre Forderungen zu unterbreiten. Doch der Zar gab den Befehl, auf die unbewaffneten Arbeiterinnen und Arbeiter zu schießen: Mehr als 1000 Arbeiterinnen und Arbeiter wurden von den zaristischen Truppen getötet, mehr als 2000 verwundet. Die Empörung über diese Bluttat erfaßte die Arbeiterklasse in ganz Rußland. Streiks und politische Demonstrationen unter der Losung „Nieder mit der Selbstherrschaft" nahmen einen gewaltigen Aufschwung. In Rußland begann die Revolution.
Die Arbeiterinnen und Arbeiter gingen zunehmend von wirtschaftlichen und Solidaritätsstreiks zu politischen Streiks, zu Demonstrationen und stellenweise zum bewaffneten Widerstand gegen die zaristischen Truppen über. Unter diesem Einfluß entwickelte sich auch der Kampf der werktätigen Bauern gegen die Großgrundbesitzer. Es kam zu zahlreichen Bauernunruhen vor allem im europäischen Teil des zaristischen Rußlands. Auch die zaristische Armee geriet nach der Niederlage im Russisch-Japanischen Krieg ins Wanken. Im Juni 1905 brach in der Schwarzmeerflotte ein Aufstand aus. Der Panzerkreuzer „Potemkin" ging auf die Seite der Revolution über. All dies zeugte davon, daß die Bedingungen für einen bewaffneten Aufstand heranreiften.
Die Revolution brachte alle Klassen der Gesellschaft in Bewegung. Der Aufschwung der Revolution stellte die SDAPR vor die Herausforderung, ihre politische Linie und Taktik für den Sturz des Zarismus festzulegen und die praktischen Fragen zu beantworten, vor die sich das Proletariat gestellt sah.
Um diese Aufgabe zu lösen, wurde im April 1905 der III. Parteitag der SDAPR nach London einberufen. Zum Parteitag waren alle Organisationen der Partei eingeladen, sowohl die der Bolschewiki als auch die der Menschewiki. Die Menschewiki lehnten jedoch die Teilnahme am III. Parteitag ab und beschlossen, ihre eigene Konferenz, faktisch einen eigenen Parteitag, einzuberufen.
Der III. Parteitag legte als grundlegende taktische Linie der Bolschewiki in der bürgerlich-demokratischen Revolution fest: Die Revolution wird nur dann siegen, wenn das Proletariat an ihre Spitze tritt und es als Führer der Revolution versteht, das Bündnis mit der Bauernschaft zu sichern; wenn die liberale Bourgeoisie isoliert wird; wenn sich die proletarische Partei an der Organisierung des Aufstands gegen den Zarismus aktiv beteiligt; wenn infolge des siegreichen Aufstands eine provisorische revolutionäre Regierung gebildet wird, die fähig ist, die Konterrevolution vollständig zu unterdrücken und eine Konstituierende Versammlung einzuberufen; wenn die SDAPR bei vorliegenden günstigen Bedingungen nicht darauf verzichtet, an der provisorischen revolutionären Regierung teilzunehmen und die Revolution zu Ende zu führen.
Die Konferenz der Menschewiki legte als taktische Linie fest: Da die Revolution eine bürgerliche ist, könne nur die liberale Bourgeoisie die Revolution führen. Das Proletariat solle sich nicht mit der Bauernschaft verbünden, sondern sich der liberalen Bourgeoisie annähern. Im Falle eines siegreichen Aufstands dürfe sich die Sozialdemokratie nicht an einer provisorischen revolutionären Regierung beteiligen, da diese durch ihre revolutionäre Haltung die liberale Bourgeoisie abschrecke und damit die Revolution zum Scheitern bringe.
Zwei Monate nach dem Parteitag, im Juli 1905, veröffentlichte Lenin sein grundlegendes Werk „Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution", in dem er die Taktik der Menschewiki entlarvte und die marxistische Taktik in der Periode der bürgerlich-demokratischen Revolution begründete, den Unterschied zwischen demokratischer und sozialistischer Revolution herausarbeitete und die Grundprinzipien des Übergangs von der demokratischen zur sozialistischen Revolution, von der revolutionärdemokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft zur Diktatur des Proletariats formulierte.
Das Kaukasische Bundeskomitee nahm entschieden Partei für die Beschlüsse des III. Parteitags der SDAPR. Stalins Flugblätter aus dem Jahr 1905 „Der bewaffnete Aufstand und unsere Taktik", „Die provisorische revolutionäre Regierung und die Sozialdemokratie", „Die Reaktion verstärkt sich" und andere zeugen davon, daß Stalin und die Bolschewiki Transkaukasiens die Leninsche Linie der Hegemonie des Proletariats in der demokratischen Revolution entschieden verteidigten, die Notwendigkeit des bewaffneten Aufstands konsequent propagierten und die Taktik der Menschewiki vernichtend kritisierten. So schrieb Stalin in dein Artikel „Der bewaffnete Aufstand und unsere Taktik", in dem er die große Bedeutung der technischen Vorbereitung des bewaffneten Aufstands, der Organisierung bewaffneter Einheiten, der Waffenbeschaffung und dergleichen mit der Forderung der Führung des Proletariats in der demokratischen Revolution verband:
„ Damit das Proletariat die kommende Revolution für die Zwekke seines Klassenkampfes nutzbar machen könne, damit es eine demokratische Ordnung errichten könne, die den nachfolgenden Kampf um den Sozialismus am meisten erleichtere, - dafür ist es notwendig, daß das Proletariat, um das sich die Opposition schart, nicht nur im Zentrum des Kampfes stehe, sondern auch der Führer und Leiter des Aufstands werde. Gerade die technische Führung und die organisatorische Vorbereitung des allrussischen Aufstands bilden jene neue Aufgabe, die das Leben dem Proletariat gestellt hat. Will nun unsere Partei der wirkliche politische Führer der Arbeiterklasse sein, so kann und darf sie sich der Erfüllung dieser neuen Aufgaben nicht entziehen. " (S W 1, S. 115)42
Im Herbst 1905 erstreckte sich die revolutionäre Bewegung über das ganze Land. Im Oktober 1905 erfaßte eine mächtige politische Streikbewegung Betrieb um Betrieb, Stadt um Stadt, Gebiet um Gebiet und entwickelte sich zum Generalstreik in ganz Rußland.
Dieser Generalstreik, der die Stärke der proletarischen Bewegung offenbarte, zwang den Zaren, ein Manifest zu erlassen, in dem er dem Volk allerlei Freiheiten wie das allgemeine Wahlrecht und die Einführung der bürgerlichen Rechte versprach. In Wirklichkeit war es ein Manöver, um Zeit zu gewinnen, die werktätigen Massen zu verwirren und die Kräfte der Konterrevolution zu sammeln.
Die Bolschewiki erläuterten den werktätigen Massen, daß dieses Manifest ein Betrug sei, und riefen die Arbeiterklasse zum bewaffneten Aufstand auf.
Stalin befand sich zur Zeit des zaristischen „Oktobermanifests" in Tiflis. Er sprach noch am gleichen Tag auf einem Arbeitermeeting. Seine Rede gipfelte in der Losung:
„ Was brauchen wir, um wirklich zu siegen? Dazu sind drei Dinge nötig.- erstens - Bewaffnung, zweitens - Bewaffnung, drittens - Bewaffnung und noch einmal Bewaffnung. " (KL, S. 103) 43
Stalins revolutionäre Arbeit im Kaukasus trug Früchte. Unter seiner Leitung faßte die Vl. Bolschewistische Konferenz des Kaukasisehen Bundes der SDAPR im November 1905 den Beschluß, den Kampf für die Vorbereitung und Durchführung des bewaffneten Aufstands, für den Boykott der zaristischen Duma, für die Entwicklung und Festigung der revolutionären Organisationen der Arbeiter und Bauern zu verstärken, die sich während der Revolution gebildet hatten - der Sowjets der Arbeiterdeputierten, der Streikkomitees, der revolutionären Bauernkomitees. Den Organisationen der Bolschewiki im Kaukasus gelang es, diesen Beschluß in die Tat umzusetzen. Auch Transkaukasien wurde von den Flammen des revolutionären Brandes erfaßt.
Im Dezember 1905 reiste Stalin als transkaukasischer Delegierter zur Konferenz der Bolschewiki nach Tammerfors in Finnland. Auf dieser Konferenz trafen sich Lenin und Stalin zum erstenmal persönlich. Die Konferenz wählte Stalin in die Kommission zur Redaktion der Konferenzresolutionen.
Da zu dieser Zeit der bewaffnete Aufstand in Moskau schon begonnen hatte, beendete die Konferenz rasch ihre Arbeit, und die Delegierten fuhren zu ihren Organisationen zurück, um am Aufstand persönlich teilzunehmen.
Neun Tage führten einige tausend Moskauer Arbeiterinnen und Arbeiter den bewaffneten Kampf. Der Aufstand blieb nicht auf Moskau beschränkt. Zu bewaffneten Aufständen kam es auch in Krasnojarsk, Motochwila, Noworossijsk, Sormowo, Sewastopol, Kronstadt. Auch die vom Zarismus unterdrückten Völker erhoben sich im bewaffneten Kampf. Fast ganz Georgien war im Aufstand. Zu einem großen Aufstand kam es im Donezbecken in der Ukraine. Auch Lettland und Finnland wurden vom Aufstand der bewaffneten Arbeiterinnen und Arbeiter erfaßt.
Alle diese Aufstände wurden jedoch vom Zarismus mit extremer Grausamkeit niedergeschlagen.
Nach der Niederlage der Dezemberaufstände begann die Wende zum allmählichen Rückzug der revolutionären Kräfte. Die Partei bereitete sich auf den IV. Parteitag der SDAPR vor.
Während die Arbeiterinnen und Arbeiter im Kampf gegen den Zarismus standen, erhoben sie zugleich die Forderung nach der Einheit der Partei, nach der Vereinigung der Partei des Proletariats. Lenin war für die Vereinigung, aber für eine solche Vereinigung, bei der die Meinungsverschiedenheiten in den Fragen der Revolution nicht vertuscht wurden. Im Kampf gegen die Versöhnler forderte Lenin, daß die Bolschewiki mit ihrer Plattform zum Parteitag kommen, damit den Arbeiterinnen und Arbeitern klar werde, welche Positionen die Bolschewiki einnehmen und auf welcher Grundlage die Vereinigung erfolgt.
Im März 1906 wurde Stalin von der Tifliser Organisation der SDAPR zum Delegierten für den Parteitag gewählt. Er nahm im April 1906 am IV. Parteitag der SDAPR in Stockholm teil. An der Seite von Lenin verteidigte er die Linie der Bolschewiki in der Revolution gegen die Menschewiki. In einem Redebeitrag auf dem Parteitag stellte er in einer Antwort an die Menschewiki die Frage mit aller Schärfe:
„Entweder Hegemonie des Proletariats oder Hegemonie der demokratischen Bourgeoisie - so wird die Frage in der Partei gestellt, darin bestehen unsere Meinungsverschiedenheiten. " (SW 1, S. 210)44
Auf dem Parteitag erfolgte lediglich eine formale Vereinigung. Dein Wesen nach blieben Bolschewiki und Menschewiki bei ihren Auffassungen, beide behielten ihre selbständigen Organisationen. Die Menschewiki hatten die Mehrheit im Zentralkomitee und das Zentralorgan der Partei in der Hand. Eine Reihe von Beschlüssen trug menschewistischen Charakter, nur Lenins Formulierung des § 1 des Statuts über die Parteimitgliedschaft wurde angenommen.
Kurz nach dem Parteitag schrieb Stalin den Artikel „Die gegenwärtige Lage und der Vereinigungsparteitag der Arbeiterpartei", der 1906 auf georgisch in einer Broschüre des Verlags „Proletariat" in Tiflis erschienen ist. In ihm gab er eine Analyse der Lehren des bewaffneten Dezemberaufstand, begründete die Linie der Bolschewiki in der Revolution und kritisierte die diesbezüglichen Ergebnisse der menschewistischen Mehrheit des IV. Parteitags. Er legte somit Rechenschaft über die grundlegenden Differenzen auf dem IV. Parteitag ab und begründete die Linie des weiteren Kampfes gegen die Menschewiki.
Stalin befand sich zu dieser Zeit wieder in Transkaukasien. Dort war er führend an der Gründung der ersten Gewerkschaften in Tiflis beteiligt. Es erschienen in Tiflis in georgischer Sprache die legalen Zeitungen der Bolschewiki „Achali Zchowreba" (Neues Leben), „Achali Drojeba" (Neue Zeit), „Tschweni Zchowreba" (Unser Leben) und „Dro" (Die Zeit), die jeweils nach einer Reihe von Ausgaben verboten wurden. Stalin war an der Herausgabe dieser Zeitungen führend beteiligt und veröffentlichte wichtige Artikel in ihnen wie „Marx und Engels über den Aufstand", „Die internationale Konterrevolution", „Der Klassenkampf", „Das Proletariat kämpft, die Bourgeoisie schließt ein Bündnis mit der Regierung".
Im März 1907 erschien in der Zeitschrift „Dro" der von Stalin verfaßte Nachruf „Dem Genossen G. Telija zum Gedenken"45. Dieser kurze Artikel beeindruckt, weil in ihm das Bild eines Revolutionärs gezeichnet wird, in dem die Zeitumstände mitskizziert werden: Aufbruch der revolutionären Arbeiterbewegung, zaristischer Polizeiterror, Gefängnis, Spaltung der Partei in Menschewiki und Bolschewiki.
Genosse Telija hatte Schwankungen, Stalin verschweigt dies nicht. Der in der Arbeiterbewegung und im Gefängnis gestählte Genosse Telija hielt die Ansichten der Menschewiki zunächst für richtig. Indem Stalin dies freimütig schildert, gelingt es ihm überzeugend, eine bestimmte Herangehensweise herauszuarbeiten, die sich jeder kommunistische Kader zu eigen machen muß: Der Konflikt muß in Ruhe durchdacht, die nötigen Dokumente müssen studiert und geprüft, dann aber auch bewertet werden. Genau so gelangte der zeitweilige „Menschewik" Telija zur festen Überzeugung, daß er bewußt seine Kraft für die Bolschewiki einsetzen muß: für ihren Weg des Aufbaus der Kommunistischen Partei und der Vorbereitung der Revolution.
„Anarchismus oder Sozialismus?" - ein Beitrag zur Verteidigung der theoretischen Grundlagen der Kommunistischen Partei
In diese Zeit fällt auch Stalins Schrift „Anarchismus oder Sozialismus?", die in den drei letztgenannten Zeitungen von Dezember 1906 bis April 1907 in Fortsetzungen veröffentlicht wurde. Die letzten Fortsetzungen sind nicht mehr erschienen. Das Manuskript ging bei einer Hausdurchsuchung verloren.
In dieser über 80 Seiten umfassenden Schrift entwickelte der junge Stalin Grundgedanken des dialektischen und historischen Materialismus im Kampf gegen die individualistische und idealistische Philosophie der Anarchisten, betonte den Weg der sozialistischen Revolution, die Diktatur des Proletariats und den Weg zur klassenlosen Gesellschaft, aber gerade auch die Rolle der Kommunistischen Parte i.
Anlaß der Schrift war die Auseinandersetzung mit einer Gruppe Tifliser Anarchisten Kropotkinscher Richtung. Ihrem Gehalt nach ist diese Schrift eine Verteidigung der theoretischen Grundlagen des Marxismus, in der in verständlicher und populärer Form erklärt wird, was Dialektik und Materialismus, was historischer Materialismus ist. In gewisser Weise kann sie als Vorarbeit für Stalins grundlegende Arbeit „Über dialektischen und historischen Materialismus" (1938) betrachtet werden, in der die Gesetzmäßigkeiten des dialektischen und historischen Materialismus prägnant erfaßt sind.
Als Delegierter auf dem V. Parteitag der SDAPR in London
Im April und Mai 1907 fand der V. Parteitag der SDAPR in London statt. Stalin war als Delegierter der Tifliser Organisation aktiver Teilnehmer des Parteitags. Der Parteitag besiegelte den Sieg der Bolschewiki über die Menschewiki. Eine der wichtigsten Fragen, in denen sich die Bolschewiki inhaltlich gegen die Menschewiki durchsetzten, war die des Verhältnisses zu den bürgerlichen Parteien. Der Parteitag gab eine bolschewistische Einschätzung aller nichtproletarischen Parteien - der Schwarzhunderter, der Oktobristen, der Sozialrevolutionäre - und formulierte die jeweilige Taktik gegenüber diesen Parteien. Auch in der Frage der Gewerkschaften nahm der Parteitag die Resolution der Bolschewiki an und betonte, daß die Partei die ideologische und politische Führung der Gewerkschaften erlangen muß.
Vom Parteitag zurückgekehrt, veröffentlichte Stalin in Baku den Artikel „Der Londoner Parteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands (Aufzeichnungen eines Delegierten)". In ihm gab er folgende allgemeine Charakterisierung des Parteitags:
Die, faktische Vereinigung der fortgeschrittenen Arbeiter ganz Rußlands zu einer einheitlichen gesamtrussischen Partei unter dem Banner der revolutionären Sozialdemokratie - das ist der Sinn des Londoner Parteitags, das ist sein allgemeiner Charakter. " (SW 2, S. 43)46
Stalin schätzte in diesem Bericht desweiteren die Beschlüsse und Ergebnisse des Parteitags ein. Er verteidigte die ideologischen und taktischen Positionen der Bolschewiki und entlarvte die bürgerlichliberale Linie der Menschewiki in der Revolution und ihre liquidatorische Haltung gegenüber der illegalen Partei. Schließlich zeigte er die Klassennatur des Menschewismus als kleinbürgerliche politische Strömung auf.
Stalin konnte seinen Bericht über den Londoner Parteitag nicht beenden. Die im zweiten Halbjahr 1907 verstärkt einsetzende Bespitzelung und die darauffolgende Verhaftung verhinderten die Fertigstellung des Artikels.
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