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Kapitel XI:
Stalins Rolle im Rahmen der kollektiven Arbeit der
KPdSU(B) während des Befreiungskriegs
gegen das nazifaschistische Deutschland (1939-1945)


Vorbemerkung

Die veröffentlichten Reden und Schriften Stalins aus diesem Zeitraum beschäftigen sich hauptsächlich mit den Fragen des Kampfes für die Zerschlagung der nazi-faschistischen Aggressoren und Okkupation.

Ein sehr großer Teil der Tätigkeit Stalins ist selbstverständlich nicht in diesen Veröffentlichungen sichtbar. Denn es geht um die von Stalin durchgeführte konkret-praktische militärische Leitung sowie auch die Leitung der gesamten ideologischen, politischen und wirtschaftlichen Arbeit an der Spitze des Kollektivs der KPdSU(B) und des Sowjetstaats in einer Zeit äußerster Kraftanstrengung.

Bei den Veröffentlichungen aus diesem Zeitraum handelt es sich in erster Linie urn Reden und Befehle Stalins zum Kampf gegen die Nazi-Faschisten. 290 Nach seiner höchst bedeutsamen Rede vom 3. Juli 1941 hat sich Stalin regelmäßig in den Kriegsjahren zu folgenden Anlässen öffentlich an die Werktätigen der UdSSR und darüber hinaus an die gesamte fortschrittliche Weltöffentlichkeit gewandt:

- zum Jahrestag der Oktoberrevolution;

- zum Jahrestag der Gründung der Roten Armee (23. Februar 1918);

- zum 1. Mai, dein Kampftag der internationalen Arbeiterklasse.

Die Reden und Befehle Stalins waren herausragende Orientierungspunkte: Sie enthalten jeweils die entscheidenden Eckpunkte zur Einschätzung der Lage, gerade auch in den so schwierigen ersten Monaten nach dem Überfall des deutschen Imperialismus. Sie geben klare Handlungsanleitungen und bringen die Aufgaben verständlich und überzeugend auf den Punkt. Daß Stalin in diesen Reden, die von Millionen Kämpferinnen und Kämpfern mit größter Gespanntheit aufgenommen und durchdacht wurden, mit angemessenen Worten, prägnant und treffsicher die wirklich entscheidenden Punkte behandelt hat, macht viel von deren kaum zu überschätzenden Bedeutung aus.

Der nachfolgende Teil über die Zeit von 1941 bis 1945 versucht, einige Hauptaspekte aus dem gigantischen Krieg der Sowjetunion gegen den nazi-faschistischen deutschen Imperialismus vor allem anhand der Ausführungen und Akzentsetzungen in den Beiträgen Stalins aus dieser Zeit darzustellen. Dabei muß bewußt sein, daß viele Beiträge Stalins auch in den Beschlüssen des Politbüros, des ZKs und der Sowjetregierung in dieser Zeit eingeflossen sind und Stalin auch in verschiedenen Formen in die ideologischen Kämpfe in dieser Zeit eingegriffen hat, ohne namentlich in Erscheinung zu treten.

Zuvor soll jedoch ein kurzer Überblick über die komplizierte Phase von 1939 bis 1941 gegeben werden, aus der keine Schriften von Stalin veröffentlicht sind.

Überblick über die internationale Situation und die Lage der UdSSR vom Sommer 1939 bis zum Sommer 1941

Die Regierung der Sowjetunion war bestrebt, einer weiteren Entfesselung des von den faschistischen Achsenmächten ausgehenden Krieges durch Beistandspakte mit verschiedenen Staaten vorzubeugen. Aber diese Politik fand keine Unterstützung bei den Regierungen Englands und Frankreichs, die statt dessen ihre „München Politik" fortführten und unter dem Vorwand der „Nichteinmischung" die faschistischen Aggressoren bei ihrem Vormarsch weiter ermunterten.

Im März 1939 okkupierte das nazi-faschistische Deutschland die Tschechoslowakei vollständig. Im Mai 1939 unternahm Japan provokatorische Angriffe an der Grenze der Mongolischen Volksrepublik. Die japanisch-mandschurischen Truppen wurden jedoch im Raum von Halchyn Gol von den Verbänden der Roten Armee geschlagen.

Die Regierungen Englands und Frankreichs betrieben gegenüber der UdSSR aber eine verlogene Politik. Sie verzögerten auf jegliche Weise die Verhandlungen über die Organisierung einer kollektiven Abwehr der faschistischen Aggressoren, indem sie selbst keine wirklichen Verpflichtungen übernahmen, der Sowjetunion aber einseitige Verpflichtungen auferlegen wollten. Zur Entfesselung des Krieges durch das nazi-faschistische Deutschland trugen auch die im Sommer 1939 geführten englisch-deutschen Geheimverhandlungen hei, deren Ziel der Abschluß eines umfassenden antisowjetischen Abkommens über die Aufteilung der Einflußsphären im Weltmaßstab war.

Als alle Bemühungen der UdSSR gescheitert waren, Abkommen mit England und Frankreich zur Isolierung des nazi-faschistischen Deutschlands zu schließen, mußte die Sowjetunion Maßnahmen treffen, um die englisch-französischen Pläne zu durchkreuzen, die darauf gerichtet waren, die Sowjetunion zu isolieren und sie unter ungünstigen Bedingungen in einen kriegerischen Konflikt mit Deutschland zu verwickeln.

Um eine unmittelbare Aggression des nazi-faschistischen deutschen Imperialismus zu verhindern bzw. wenigstens hinauszuzögern, blieb der sowjetischen Regierung schließlich keine andere Wahl, als das Angebot der deutschen nazi-faschistischen Regierung anzunehmen und im August 1939 einen gegenseitigen Nichtangriffsvertrag zu schließen. Dadurch gewann die sozialistische UdSSR weitere Zeit für die Vorbereitung ihrer militärischen Abwehrkräfte auf den drohenden Überfall durch das imperialistische Deutschland, insbesondere auch für den weiteren Aufbau von Industriekapazitäten im östlichen Teil der UdSSR.

Am 1. September 1939 überfiel das nazi-faschistische Deutschland Polen. Mitte September 1939 hat die nazi-faschistische Wehrmacht einen Großteil Polens besetzt. Nach 17 Tagen war Polen besiegt.

Der französische und englische Imperialismus, die mit Polen offiziell verbündet waren, erklärten dein nazi-faschistischen Deutschland zwar offiziell den Krieg, den sie faktisch jedoch nicht führten. Durch diesen so genannten „Komischen Krieg", bei dem im Westen keine offenen Kampfhandlungen gegen die nazi-faschistische Wehrmacht durchgeführt wurden und der bis Mai 1940 dauerte, gaben sie Deutschland zu verstehen, daß es bei einem Angriff gegen die Sowjetunion keine Bedrohung durch Frankreich oder England zu befürchten habe. Der „Komische Krieg" war die Fortsetzung der „München-Politik" mit dem Versuch, den Raubkrieg des nazifaschistischen Deutschland gegen die Sowjetunion zu lenken.

Nach der Kapitulation der polnischen Regierung am 17. September 1939 überschritten sowjetische Truppen auf Befehl der Sowjetregierung die sowjetisch-polnische Vorkriegsgrenze und besetzten das westliche Belorußland und die westliche Ukraine. Die belorussische und ukrainische Bevölkerungsmehrheit in diesen Gebieten begrüßte die Rote Armee als Befreierin. Längs der Westgrenze dieser Gebiete, die 1919 von den polnischen Machthabern annektiert worden waren, also 150 bis 200 Kilometer weiter, begann die Rote Arniee mit dein Bau von Verteidigungsstellungen. Diese Grenze war im wesentlichen identisch mit der auf der Versailler Konferenz 1919 festgelegten Linie, die in der Geschichte als „Curzon-Linie" bekannt ist. Somit wurden das westliche Belorußland und die westliche Ukraine, die 1919 von den polnischen Machthabern annektiert worden waren, wieder mit Sowjet-Belorußland und der Sowjet-Ukraine vereinigt. Die Vorverlegung der sowjetischen Truppen war legitim und militärisch richtig. Sie erfolgte in Übereinstimmung mit den Interessen des Kampfes aller Völker gegen die nazi-faschistischen Aggressoren. Damit wurde zunächst verhindert, daß ganz Polen unter das Joch der Nazi-Faschisten geriet.291

Kurz danach schloß die Sowjetregierung mit den baltischen Staaten Beistandspakte ab, in denen vorgesehen war, in Estland, Lettland und Litauen Garnisonen der Sowjetarmee zu stationieren und sowjetische Flugplätze und Marinestützpunkte anzulegen.

Im Sommer 1939 ermunterten sowohl der deutsche Imperialismus als auch die westlichen imperialistischen Mächte die finnische Reaktion zu Provokationen gegen die sozialistische UdSSR. Die finnische Regierung lehnte die Vorschläge der UdSSR ab, die darauf abzielten, die UdSSR und vor allem Leningrad zu sichern. Die finnische Regierung wies den Vorschlag der UdSSR zurück, die finnische Grenze auf der Karelischen Landenge einige Dutzende Kilometer zurückzuverlegen, obwohl sich die Sowjetunion bereit erklärte, Finnland statt dessen ein doppelt so großes Territorium in SowjetKarelien abzutreten. Ebenso verweigerte die finnische Regierung dem Vorschlag der UdSSR die Zustimmung, einen Beistandspakt abzuschließen. Durch diese und andere feindselige Handlungen und Provokationen an der sowjetisch-finnischen Grenze kam es durch Finnland am 30. November 1939 zum Krieg gegen die Sowjetunion, der von der bürgerlichen Propaganda als „Beginn der Bildung einer antisowjetischen Einheitsfront" gefeiert wurde. Mit großem Tamtam wird die Sowjetunion aus dem Völkerbund ausgeschlossen. Am 12. März 1940 ist der Widerstand der finnischen Armee gebrochen. Die Grenzen der UdSSR im Nordwesten, darunter bei Leningrad, wurden vorverlegt, und die Sicherheit der UdSSR war gefestigt. Das spielte bei der Verteidigung der Sowjetunion gegen die nazifaschistische Aggression eine große Rolle, da das nazi-faschistische Deutschland und seine finnischen Helfershelfer ihre Offensive im Nordwesten der UdSSR nicht dicht bei Leningrad, sondern von einer Linie, die fast 150 Kilometer nordwestlich von Leningrad verlief, starten mußten. Nach der finnischen Kapitulation im März 1940 wurde der Krieg mit einem Friedensvertrag beendet, der die sowjetische Verteidigungslinie bestätigte.292

Im April 1940 besetzten die deutschen nazi-faschistischen Truppen Dänemark und Norwegen. Mitte Mai 1940 überfielen sie die Niederlande, Belgien, Luxemburg und schließlich Frankreich, das bereits im Juni 1940 kapitulierte.

Mit den baltischen Staaten waren zwar Pakte abgeschlossen worden, doch standen dort noch keine Sowjettruppen, welche die Verteidigung hätten übernehmen können. Mitte Juni 1940 rückten Sowjettruppen in Estland, Lettland und Litauen ein. Dies stieß bei breiten werktätigen Massen auf Zustimmung und Unterstützung. Den Arbeiterinnen und Arbeitern sowie anderen werktätigen Massen dieser Länder gelang es daraufhin, die reaktionären Machthaber zu stürzen, denen es 1918-1919 vor allem auch mit Unterstützung der Armee der deutschen Imperialisten gelungen war, in Litauen, Lettland und Estland die Sowjetmacht zu stürzen. Im Juli 1940 wurden die Litauische, die Lettische und die Estnische Sozialistische Sowjetrepublik gebildet, die sich dann mit den in der UdSSR zusammengeschlossenen anderen Sowjetrepubliken vereinigten. Im Juni 1940 schlossen sich auch Bessarabien und die Nordbukowina der UdSSR an.

Der sozialistischen UdSSR ging es militärisch mit all diesen Maßnahmen darum, den drohenden ungehinderten Vormarsch der Truppen der deutschen Imperialisten überall, wo das nur möglich war, Schranken zu setzen und starke Verteidigungsstellungen aufzubauen. Hätte die Sowjetunion nicht so gehandelt, hätten die nazifaschistischen Truppen sofort im ersten Sturm ganz Polen besetzt, das Baltikum genommen und auch dort ihre Terror-Herrschaft errichtet und ihre Greueltaten verübt. Beim Überfall auf die Sowjetunion wäre es ihnen wahrscheinlich gelungen, Moskau und Leningrad einzunehmen. Die Befreiung von den nazi-faschistischen Truppen und der Sieg über den deutschen Imperialismus wären wesentlich langwieriger und schwieriger gewesen und hätten noch wesentlich größere Opfer gekostet.

Nachdem die deutsche Wehrmacht im März 1941 Bulgarien besetzt hatte, überfiel sie am 5. April zusammen mit italienischen und ungarischen Truppen Griechenland. Zeitgleich begann der nazifaschistische Angriff auf Jugoslawien.

Vom 15. bis 20. Januar 1941 tagte die XVIII. Unionskonferenz der KPdSU(B). Die Konferenz verlief im Zeichen der weiteren Verstärkung der Verteidigungsmacht der Sowjetunion.

Am 6. Mai 1941 wurde Stalin durch Erlaß des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR zum Vorsitzenden des Rates der Volkskommissare ernannt.

Im Mai 1941, also kurz vor dem Überfall der deutschen Imperialisten auf die Sowjetunion, ließ Stalin im theoretischen Organ der KPdSU(B) „Bolschewik" seinen Brief „Über Engels' Artikel Die Auswärtige Politik des russischen Zarentums` veröffentlichen, den er bereits im Juli 1934 an die Mitglieder des ZK der KPdSU(B) geschrieben hatte. Darin warnt er vor der Unterschätzung des deutschen Imperialismus.293

Aufgrund der Beschlüsse des XVIII. Parteitags der KPdSU(B) hatten das ZK der KPdSU(B) und die Sowjetregierung die Plankommission beauftragt, mit der Ausarbeitung des Generalwirtschaftsplans der UdSSR für 15 Jahre zu beginnen. Die friedliche sozialistische Aufbauarbeit wurde jedoch durch den Überfall der nazifaschistischen Wehrmacht auf die UdSSR jäh unterbrochen.

Der Überfall der nazi-faschistischen Armee des deutschen Imperialismus auf die sozialistische Sowjetunion im Juni 1941

Am 22. Juni 1941 fiel das nazi-faschistische Deutschland in die sozialistische Sowjetunion ein, nachdem es fast ganz Europa mit Krieg und Terror überzogen und in sein Hinterland verwandelt hatte. Der Überfall fand mit einer gewaltigen Kriegsmaschinerie von viereinhalb Millionen Soldaten, 4.300 Panzern, 50.000 Geschützen und 4.000 Flugzeugen statt. Im Troß der nazi-faschistischen Wehrmacht folgten die mörderischen Einsatzgruppen aus SS-, Gestapo- und Polizei-Henkern, die hinter der Front in enger Zusammenarbeit mit der deutschen Wehrmacht die rassistische Ermordung vor allem der sowjetischen Jüdinnen und Juden sowie der sowjetischen Roma organisierten und durchführten.

Rund ein halbes Jahr vor dem Überfall definierten die deutschen Nazi-Faschisten ihr imperialistisches Kriegsziel im Plan „Fall Barbarossa": Vernichtung des Sowjetstaats, Besetzung des Landes, Plünderung und Besitzergreifung seiner Rohstoff- und Lebensmittelquellen, Aushungerung und Ermordung von Millionen Sowjetbürgern, Ausbeutung und Versklavung der Überlebenden, systematische Verschleppung zur Zwangsarbeit. Zur Umsetzung der nazifaschistischen Pläne des Vernichtungskriegs gegen die sozialistische Sowjetunion wurden vor dem Überfall Befehle der deutschen Wehrmacht erlassen, die „rücksichtsloses Durchgreifen gegen bolschewistische Hetzer, Freischärler, Saboteure und Juden" forderten sowie straflose Ermordung von Partisanen und verdächtigen Personen. Am 6. Juni 1941 erließ das Oberkommando den berüchtigten „Kommissarbefehl", mit dem die Vernichtung nicht nur der Politkommissare der Roten Armee, sondern auch aller Funktionäre der KPdSU(B) und des Sowjetstaats angeordnet wurde.

Der Krieg bildete einen Wendepunkt in der Entwicklung des Sowjetlandes, die Periode des friedlichen Aufbaus war zu Ende, es begann die Periode des Befreiungskrieges der Völker der Sowjetunion gegen die nazi-faschistische Aggression. Gleich nach dem Überfall wurde am 30. Juni 1941 das Staatliche Verteidigungskomitee gebildet, in dessen Hand nun die Macht der Diktatur des Proletariats konzentriert war. Zum Vorsitzenden des Komitees und zum Volkskommissar für Verteidigung wurde Stalin ernannt, der damit an der Spitze der Streitkräfte der UdSSR stand, um den Kampf der Völker der Sowjetunion gegen den deutschen Imperialismus zu führen. Grundlegende politisch-ideologische und militärische Orientierung für den Kampf gegen die nazi-faschistischen Räuber waren neben dem Aufruf des ZK der KPdSU(B) vom 22. Juni 1941, verlesen durch den Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten Molotow, die Direktive des ZK der KPdSU(B) und des Rates der Volkskommissare vom 29. Juni 1941 und die Rundfunkrede Stalins vorn 3. Juli 1941.

Die Rundfunkrede Stalins vom 3. Juli 1941: „Die faschistische Hitlerarmee kann und wird geschlagen werden ..."

Trotz des heldenhaften Widerstands der Roten Armee, die sich mit allen Mitteln verteidigte, gelang es den deutschen Truppen innerhalb von zehn Tagen, mehrere Hundert Kilometer in sowjetisches Gebiet vorzudringen, Litauen, einen großen Teil Lettlands, den westlichen 'Feil Belorußlands und einen Teil der Westukraine zu besetzen, Hunderttausende Sowjetsoldaten zu töten oder gefangenzunehmen. Die deutschen Imperialisten waren überzeugt, in ein bis zwei Monaten mit dem Staat der Diktatur des Proletariats „fertig zu sein".

Zwölf Tage nach dem Überfall des nazi-faschistischen deutschen Imperialismus, am 3. Juli 1941, wandte sich Stalin in einer Rundfunkansprache direkt an die gesamte Bevölkerung der sozialistischen Sowjetunion, an die Kämpferinnen und Kämpfer der Roten Armee und der Kriegsmarine. Der Leninschen These folgend, daß der sozialistische Staat nur dann stark ist, wenn die Massen alles wissen und alles beurteilen können, schilderte Stalin offen und ehrlich die harte Wahrheit über die ernste Lage der Sowjetmacht, über das Ausmaß der drohenden Gefahr, und entwickelte die Grundzüge des zu entfaltenden Befreiungskriegs, darunter auch des Partisanenkampfes.

Stalin warf gleich zu Beginn die brennende Frage auf:

Wie konnte es geschehen, daß unsere ruhmvolle Rote Armee den faschistischen Truppen eine Reihe unserer Städte und Gebiete überlassen hat? Sind die faschistischen deutschen Truppen denn etwa in Wirklichkeit unbesiegbare Truppen, wie das die großmäuligen faschistischen Propagandisten unermüdlich in die Welt hinausposaunen? Natürlich nicht! Die Geschichte zeigt, daß es keine unbesiegbaren Armeen gibt und nie gegeben hat ... Diese (faschistische deutsche, A. d. V) Armee ist auf dem europäischen Festland noch auf' keinen ernsten Widerstand gestoßen. Erst auf unserem Gebiet stieß sie auf ernsten Widerstand. Und wenn im Ergebnis dieses Widerstands unsere Rote Armee die besten Divisionen der faschistischen deutschen Armee geschlagen hat, so bedeutet das, daß die faschistische Hitlerarmee ebenfalls geschlagen werden kann und geschlagen werden wird... " (SW 14, S. 236f.)294

Stalin nannte dann die wichtigsten Gründe, welche die Besetzung eines Teils des Sowjetlandes durch die nazi-faschistischen deutschen Truppen erklären. Der deutsche Imperialismus begann seinen räuberischen Eroberungs- und Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion unter den denkbar günstigsten Bedingungen. Die nazifaschistische Armee war bereits vollständig mobilisiert und konnte auf zweijährige Kriegserfahrungen aufbauen, während die sowjetischen Truppen erst mobilisiert und an die Grenzen verschoben werden mußten. Das nazi-faschistische Deutschland verfügte zudem zur Zeit des Überfalls auf die Sowjetunion über fast das gesamte Wirtschaftspotential Europas - mit Ausnahme Englands -, denn schließlich hatte es bereits die großen Industrieregionen Westeuropas besetzt: Österreich, Tschechoslowakei, Polen, Dänemark, Norwegen, die Niederlande, Belgien, Luxemburg und Frankreich. Mit den besetzten Ländern, eingerechnet die verbündeten Satelliten Italien, Finnland, Ungarn und Rumänien, verfügte es über eine industrielle Basis, die eine annähernd zweimal so hohe Produktionsleistung aufwies wie die UdSSR. Die sowjetische Rüstungsindustrie befand sich zwar im Prozeß der Anwendung moderner Techniken der Kriegsproduktion, aber die Massenfertigung etwa von Panzern und Flugzeugen war noch nicht organisiert. Unter dem Druck der zahlenmäßig überlegenen Kräfte und technischen Kampfmittel des Feindes, der den Vorteil eines vom konkreten Zeitpunkt her überraschenden Überfalls ausnutzte und den 1939 geschlossenen Nichtangriffspakt einfach zerriß, war die Sowjetarmee gezwungen, sich ins Landesinnere zurückzuziehen. Nachdem die Nazi-Faschisten mit ihrem Überfall auf die UdSSR den 1939 geschlossenen Nichtangriffsvertrag gebrochen hatten, ging Stalin auch auf die brennende Frage ein, welche die demokratische Weltöffentlichkeit bewegte und sogar innerhalb der Kommunistischen Parteien zu Unsicherheiten geführt hatte:

„Man könnte fragen. Wie konnte es geschehen, daß sich die Sowjetregierung auf den Abschluß eines Nichtangriffspakts mit solchen wortbrüchigen Leuten und Ungeheuern wie Hitler und Ribbentrop eingelassen hat? Ist hier von der Sowjetregierung nicht ein Fehler begangen worden? Natürlich nicht! Ein Nichtangriffspakt ist ein Friedenspakt zwischen zwei Staaten. Eben einen solchen Pakt hat Deutschland uns im Jahre 1939 angeboten. Konnte die Sowjetregierung ein solches Angebot ablehnen? Ich denke, kein einziger friedliebender Staat kann ein Friedensabkommen mit einem benachbarten Reich ablehnen, selbst wenn an der Spitze dieses Reiches solche Ungeheuer und Kannibalen stehen wie Hitler und Ribbentrop. (...)

Was haben wir durch den Abschluß des Nichtangriffspakts mit Deutschland gewonnen? Wir haben unserem Lande für anderthalb Jahre den Frieden gesichert sowie die Möglichkeit, unsere Kräfte zur Abwehr vorzubereiten, falls das faschistische Deutschland es riskieren sollte, unser Land trotz des Pakts zu überfallen. Das ist ein bestimmter Gewinnfür uns und ein Verlust für das faschistische Deutschland.

Was hat das faschistische Deutschland durch die wortbrüchige Zerreißung des Pakts und den Überfall auf die UdSSR gewonnen und was hat es verloren? Es hat dadurch für kurze Zeit eine gewisse vorteilhafte Lagefür seine Truppen erzielt, hat aber in politischer Hinsicht verloren, da es sich in den Augen der ganzen Welt als blutiger Aggressor entlarvt hat. Es ist nicht zu bezweieln, daß dieser kurzfristige militärische Gewinn für Deutschland nur eine Episode ist, während der gewaltige politische Gewinn für die UdSSR ein ernster Faktor von langer Dauer ist, auf den gegründet sich entscheidende militärische Erfolge der Roten Armee im Krieg gegen das faschistische Deutschland entfalten müssen. " (Ebenda SW 14, S. 237f.)

Stalin appellierte in seiner Rede eindringlich, die ganze Größe der Gefahr, die dem Sowjetland droht, zu begreifen. Es galt Schluß zu machen mit der sorglosen Gelassenheit und der Stimmung des friedlichen Aufbaus, die in der Vorkriegszeit durchaus zu verstehen waren, in der gegenwärtigen Zeit aber, wo der Krieg die Lage von Grund auf verändert hat, verderblich waren: Es ging um Leben und Tod des Sowjetstaates, um Leben oder Tod der Völker der SowjetLtniOn; es ging darum, ob die Völker der UdSSR frei sein oder in Versklavung geraten sollen. Es galt, das gesamte Land, die Arbeit und die Anstrengungen aller Sowjetbürgerinnen und Sowjetbürger auf den Krieg umzustellen, auf eine neue Art zu arbeiten, die kein Erbarmen mit dem Feind kennt.

In seiner Rundfunkansprache entwickelte Stalin einen Plan für die Vernichtung der deutschen Wehrmacht mit Hilfe der Konzeption der aktiven Verteidigung, uni in möglichst kurzer Zeit das Übergewicht der nazi-faschistischen Truppen zu beseitigen, das diese sich durch den Überfall verschafft hatten: Bei einem erzwungenen Rückzug von Truppenteilen der Roten Armee darf dem Feind keine einzige Lokomotive, kein einziger Waggon, kein Kilogramm Getreide, kein Liter Treibstoff überlassen werden. Was nicht abtransportiert werden kann, muß unbedingt vernichtet werden. Innerhalb kürzester Frist ist die gesamte Wirtschaft auf die Rüstungsproduktion umzustellen. Panikstimmungen, Defätismus, das Verbreiten von Gerüchten, alles das muß entschieden bekämpft werden.

Tatsächlich gelang es den Werktätigen der Sowjetunion aus den bedrohten Bezirken Tausende Werke und Fabriken abzutransportieren und im Osten des Landes wiederaufzubauen. Millionen Menschen wurden aus den frontnahen Gebieten evakuiert. Im Osten der Sowjetunion wurden neue Städte und Ortschaften erbaut. Diese gigantische Evakuierungsleistung zeitgleich mit den militärischen Anstrengungen war eine wesentliche Voraussetzung für den Sieg über das nazi-faschistische Deutschland.

In seiner Rundfunkrede entwickelte Stalin auch die Grundzüge des sich entfaltenden Partisanenkriegs und rief in den vom Feind okkupierten Gebieten auf:

"zur Entfachung des Partisanenkriegs überall und allerorts, zur Sprengung von Brücken und Straßen, zur Zerstörung der Telefonund Telegrafenverbindungen, zur Niederbrennung der Wälder, der Versorgungslager und der Trains. In den okkupierten Gebieten müssen für den Feind und alle seine Helfershelfer unerträgliche Verhältnisse geschaffen werden, sie müssen auf Schritt und Tritt verfolgt und vernichtet und alle ihre Maßnahmen müssen vereitelt werden. " (Ebenda SW 14, S. 241)

Gegen Ende seiner Rundfunkrede hob Stalin hervor, daß der antifaschistische Befreiungskrieg der Völker der Sowjetunion „kein gewöhnlicher Krieg" war; sondern ein umfassender Volkskrieg gegen die nazi-faschistischen deutschen Truppen.295 Das Ziel war nicht nur der Schutz der UdSSR und die Befreiung der zeitweilig okkupierten Teile, sondern auch die Unterstützung aller anderen Völker Europas, die unter dem Joch des deutschen Nazi-Faschismus stöhnten. Dies brachte Stalin deutlich zum Ausdruck:

„Unser Krieg für die Freiheit unseres Vaterlandes wird verschmelzen mit dem Kampf der Völker Europas und Amerikas für ihre Unabhängigkeit, für die demokratischen Freiheiten. Das wird die Einheitsfront der Völker sein, die für die Freiheit, gegen die Versklavung und die drohende Unterjochung durch die faschistischen Armeen Hitlers eintreten. " (Ebenda SW 14, S. 241f.)

Diese historische Rede Stalins wurde im ganzen Land im Radio übertragen, von den Partisaninnen und Partisanen in den bereits von den deutschen Nazi-Faschisten besetzten Teilen des Landes in Form von Flugblättern heimlich vervielfältigt und verbreitet. Die Rede hatte enorme Wirkung auf die Mobilisierung der Massen im antifaschistischen Krieg, denn sie zeigte die Hindernisse auf, die es zu überwinden galt, und gab konkrete Handlungsanleitungen. Diese Rede führte allen deutlich vor Augen, daß es in diesem Kampf auf Leben und Tod darum gehen mußte, die sowjetische Bevölkerung für den Befreiungskrieg gegen den Nazi-Faschismus maximal zu mobilisieren.

Das Scheitern der „Blitzkriegstrategie" der nazi-faschistischen Armee angesichts der aktiven Verteidigung der Roten Armee

Der Verlauf der Kampfhandlungen in der Anfangsphase war für die Rote Armee niederdrückend. Die nazi-faschistische Wehrmacht war bis in das Donezbecken eingedrungen, blockierte Leningrad und bedrohte akut Moskau, die Hauptstadt der UdSSR.

Die Kämpfe um Moskau waren das zentrale Ereignis in der ersten Periode des Krieges. Moskau war für die Nazi-Faschisten der Inbegriff des Bolschewismus und sollte unbedingt eingenommen werden. Auf Beschluß des Verteidigungskomitees wurde am 20. Oktober 1941 über Moskau der Belagerungszustand verkündet. Es wurde beschlossen, einen Teil der Partei- und Staatsorgane sowie wichtige Industriebetriebe von Moskau nach Kuibyschew zu evakuieren. Die 210 größten Betriebe waren bereits evakuiert worden. In dieser Situation entschied Stalin in Moskau zu bleiben als Signal der Zuversicht, daß Moskau gegen den nazi-faschistischen Angriff gehalten werden kann. Zusammen mit den Mitgliedern des Politbüros, des Staatlichen Verteidigungskomitees, der obersten Leitung der Roten Armee sowie Teilen des Regierungs- und Militärapparats, deren Anwesenheit für die operative Leitung der Sowjetunion und der Roten Armee unbedingt erforderlich war, blieb er in Moskau.

In dieser zugespitzten Situation wurde am 6. November 1941 im belagerten Moskau dennoch nicht auf die jährliche Festveranstaltung des Moskauer Sowjets der Deputierten der Werktätigen gemeinsam mit den Parteiorganisationen der Stadt verzichtet. Die Parade der Roten Armee am 7. November aus Anlaß des 24. Jahrestags der Oktoberrevolution fand ebenfalls statt. Beide Veranstaltungen demonstrierten Stärke, Ruhe und Zuversicht in einer Zeit, als die Nazi-Faschisten schon herumposaunten, daß sie eine Nazi-Parade in Moskau vorbereiten würden. Dies hinterließ nicht nur bei den Verteidigerinnen und Verteidigern Moskaus, sondern auch bei der sowjetischen Bevölkerung in den besetzten Gebieten und in der gesamten UdSSR gewaltigen Eindruck.

Das Referat auf der Festsitzung hielt Stalin. Er zog zunächst ein Fazit der vergangenen vier Kriegsmonate und beschrieb die aktuelle, ungemein bedrohliche Lage. Im Anschluß analysierte er die Gründe für das Scheitern der nazi-faschistischen „Blitzkriegstrategie", die beim Überfall auf die westeuropäischen Länder so erfolgreich gewesen war. Der deutsche Imperialismus hatte sich verrechnet.

Zum einen war es der Sowjetunion gelungen, die Gefahr eines Separatfriedens des US- und des englischen Imperialismus mit dem nazi-faschistischen Deutschland abzuwenden. Am 12. Juli 1941 schloß England mit der UdSSR das „Abkommen über ein gemeinsames Vorgehen im Kampf gegen Deutschland".296 Zum anderen zerschlugen sich die Spekulationen der deutschen

Imperialisten, daß gleich nach dem ersten ernsten Schlag und nach den ersten Mißerfolgen der Roten Armee Konflikte zwischen den Arbeitern und Bauern ausbrechen und Streitigkeiten zwischen den Völkern der UdSSR beginnen würden, daß es zu Aufständen kommen und die Sowjetunion in ihre Bestandteile zerfallen würde.297

Als Gründe für die bisherigen Niederlagen der Roten Armee und für die Notwendigkeit eines zeitweiligen Rückzugs in das Landesinnere verwies Stalin unter anderem auf die fehlende zweite Front der Alliierten in Westeuropa. Dadurch mußte die deutsche Wehrmacht ihre Kräfte nicht zersplittern und konnte sich auf die Sowjetunion konzentrieren. Außerdem hatte die Rote Armee noch einen Mangel an Panzern und Flugzeugen.

Aber am 6. Dezember 1941 ging die Rote Armee zur Gegenoffensive über und zerbrach die Zange der nazi-faschistischen Truppen um Moskau, die sich zu schließen begann. 40 Tage lang griff die Rote Armee ununterbrochen an. Die deutschen Truppen konnten schließlich den Angriffen nicht länger standhalten und begannen, sich in Unordnung zurückzuziehen. Die sowjetische Gegenoffensive vor Moskau bedeutete das endgültige militärische Scheitern des „Blitzkriegs".

Entscheidend war: Die sozialistische UdSSR hatte dem Ansturm der zu diesem Zeitpunkt größten Armee der Welt standgehalten!

„Vorbei ist es mit dem Geschwätz von der Unbesiegbarkeit der deutschen Truppen"

Die Winteroffensive der Roten Armee 1941/42 war erfolgreich. Vor Moskau waren die deutschen Truppen auf ihrem mörderischen Eroberungszug zum ersten Mal gestoppt worden und gezwungen, zum Rückzug überzugehen. Die sowjetischen Truppen hatten die Armee der Nazi-Faschisten bis 700 Kilometer von der Wolga und dem Stalingrader Gebiet zurückgeworfen und ein rund 500.000 Quadratkilometer großes Gebiet befreit.

Vielleicht noch wichtiger war aber: Der Mythos der Unbesiegbarkeit der nazi-faschistischen Armee war nun zerschlagen worden. Die Rotarmisten und Rotarmistinnen, die Partisaninnen und Partisanen hatten anhand ihrer eigenen Erfahrungen erlebt, wie es mit der „Unbesiegbarkeit", der angeblichen „Tapferkeit" der nazi-faschistischen Soldaten und -Offiziere bestellt war. Am 1. Mai 1942 erklärte Stalin daher zurückblickend:

Vorbei ist es mit dem Geschwätz von der Unbesiegbarkeit der deutschen Truppen, das es zu Beginn des Krieges gegeben hat und hinter dein sich die Angst vor den Deutschen verbarg. (. ..) Die Erfahrung des Krieges hat unseren Rotarmisten davon überzeugt, daß die sogenannte Tapferkeit des deutschen Offiziers eine sehr relative Sache ist, daß der deutsche Offizier Tapferkeit zeigt, wenn er es mit wehrlosen Kriegsgefangenen und mit der friedlichen Zivilbevölkerung zu tun hat, daß ihn aber die Tapferkeit verläßt, wenn er der organisierten Kraft der Roten Armee gegenübersteht. " (SW 14, S. 274f.)298

Ebenso betonte Stalin am 1. Mai 1942, daß in der Einstellung der Kämpferinnen und Kämpfer der Roten Armee eine Wandlung eingetreten war: Verschwunden waren die Gutmütigkeit und die Sorglosigkeit gegenüber dem Feind, die in den ersten Monaten des Krieges unter den Rotarmisten zu verzeichnen waren. Die von den nazifaschistischen deutschen Eindringlingen an der sowjetischen Bevölkerung und an den sowjetischen Kriegsgefangenen verübten Bestialitäten und Plünderungen hatten die Rotarmisten härter und schonungsloser gemacht, hatten den für den Sieg über den Feind erforderlichen Haß erzeugt. (Siehe ebenda)

„Kein deutscher Soldat kann sagen, erführe einen gerechten Krieg"

Auch wenn es vor Moskau gelungen war, den Vormarsch der nazifaschistischen Armee zu stoppen, blieb die Lage der Sowjetmacht extrem schwierig. Nach sieben Monaten Krieg mit Deutschland hatte die sozialistische Sowjetunion 4 Mio. Rotarmistinnen und Rotarmisten, 8.000 Flugzeuge und 17.000 Panzer verloren. Dies entsprach in etwa der Ist-Stärke der Sowjetmacht vom Juni 1941. Mehr als die Hälfte der sowjetischen Kohle- und Stahlproduktion war in die Hände der nazi-faschistischen Besatzer gefallen, ebenso die großen Getreidefelder der Ukraine. Die Widerstandsbewegung gegen die deutschen Besatzer in anderen europäischen Ländern war erst im Entstehen begriffen. Militärische Unterstützung durch die westlichen alliierten Mächte war vorläufig nicht in Sicht. Die Sowjetmacht hatte 1941/42 tatsächlich „Augenblicke einer verzweifelten Lage", als sie große Teile des Landes vorläufig aufgeben mußte, weil kein anderer Ausweg vorhanden war. 299

Stalin legt in dieser Situation im Februar 1942 dar, daß die erheblichen Erfolge der nazi-faschistischen Armee zwar gewaltige taktische, aber keine strategischen Erfolge waren. Es galt, die aktuellen und kurzfristigen, zugunsten des deutschen Imperialismus wirkenden Momente, insbesondere den Vorteil des Überfalls, gegen die zukünftigen und langfristigen, zugunsten der Sowjetmacht wirkenden Momente gegeneinander abzuwägen. Stalin legte in seinem Befehl des Volkskommissars für Verteidigung vom 23. Februar 1942 dar, daß auf lange Sicht Faktoren entscheidend waren wie die Festigkeit des Hinterlandes, die Moral der Armee, die Quantität und Qualität der Divisionen, die Bewaffnung der Armee sowie die organisatorischen Fähigkeiten des Kommandobestandes der Armee.3oo

Als größte Stärke bezeichnete Stalin die Gerechtigkeit des Kriegsziels der Roten Armee und daher auch deren moralische Überlegenheit gegenüber der nazi-faschistischen deutschen Armee:

„Kein deutscher Soldat kann sagen, erführe einen gerechten Krieg, denn er muß unbedingt sehen, daß er gezwungen wird, Krieg zu. führen, uni andere Völker auszurauben und zu unterdrücken. Der deutsche Soldat hat kein erhabenes und edles Kriegsziel, das ihn begeistern und auf das er stolz sein könnte. Und umgekehrt, jeder beliebige Kämpfer der Roten Armee kann mit Stolz sagen, daß er einen gerechten, einen Befreiungskrieg, einen Krieg für die Freiheit und Unabhängigkeit seines Vaterlands.führt. " (Ebenda SW 14, S. 266)

Eine Schwäche der deutschen Wehrmacht war auch, daß deren rassistische Theorie und mörderische Praxis der rassistischen Ausrottungspolitik dazu geführt hatten, daß alle freiheitsliebenden Völker zu Feinden des nazi-faschistischen Deutschlands geworden waren. Eine Stärke der Roten Armee war demgegenüber, daß sie sich mit allen freiheitsliebenden Völkern im Kampf gegen die nazifaschistische Barbarei zusammenschließen konnte, weil sie für die Gleichberechtigung aller Völker und Nationen kämpfte und jede Äußerung von Rassismus in der Sowjetunion gesetzlich bestraft wurde. (Vgl. ebenda SW 14, S. 267)

In seinem „Befehl des Volkskommissars für Verteidigung" vom 1. Mai 1942 betont Stalin, daß die Rote Armee über alles verfügt, was sie für den Sieg über den Feind braucht, daß es nur noch an einem fehlte: an der Kunst, die in immer größerem Umfang produzierten technischen Kampfmittel restlos zu meistern. Gerade darauf kam es jetzt entscheidend an .301

„Wer sind sie also, unsere Feinde, die deutschen Faschisten?"

Diese Frage behandelte Stalin in verschiedenen seiner Reden. Die deutschen Faschisten, die sich als „Nationalsozialisten" bezeichnen, fiihrte Stalin aus, sind die ärgsten Imperialisten, die fremde Länder annektieren und sie aufs brutalste unterdrücken und ausbeuten. Die Hitler, Goebbels, Ribbentrop, Himniler und die anderen Machthaber des nazi-faschistischen Deutschland waren die Kettenhunde des deutschen Finanzkapitals, die deren Interessen über alle anderen Interessen stellten. Sie hatten die Sklavenarbeit wieder eingeführt und ein Leibeigenschaftsregime wiederhergestellt.302 Stalin prangerte die kaum zu fassenden Verbrechen der nazi-faschistischen Aggressoren an:

Die hitlerschen Schurken haben es sich zur Regel gemacht, die Sowjetkriegsgefangenen zu martern, sie zu Hunderten zu morden, Tausende von ihnen eines qualvollen Hungertodes sterben zu lassen. Sie vergewaltigen und morden die Zivilbevölkerung der okkupierten Gebiete unseres Landes, Männer und Frauen, Kinder und Greise, unsere Brüder und Schwestern. Sie haben es sich zum Ziel gesetzt, die Bevölkerung der Ukraine, Belorußlands, des Baltikums, der Moldau, der Krim und des Kaukasus zu versklaven oder auszurollen. Nur gemeine Halunken und Schufte, jeder Ehre bar, auf das Niveau der Tiere gesunken, können sich schuldlosen und wehrlosen Menschen gegenüber solche Scheußlichkeiten erlauben. Aber das ist nicht alles. Sie haben Europa mit Galgen und Konzentrationslagern bedeckt. Sie haben das niederträchtige , Geißelsystem ` eingeführt. Sie erschießen und hängen völlig unschuldige, als ,Faustpfand ` genommene Bürger, weil man irgendein deutsches Vieh daran gehindert hat, Frauen zu vergewaltigen oder friedliche Bürger auszuplündern. Sie haben Europa in ein Völkergefängnis verwandelt. Und das nennen sie die , Neuordnung Europas'. Wir kennen die Schuldigen an diesen Gemeinheiten, die Träger der Neuordnung Europas', alle diese neugebakkenen Generalgouverneure und einfachen Gouverneure, Kommandanten und Unterkommandanten. Ihre Namen sind Zehntausenden von gequälten Menschen bekannt. Diese Henker sollen wissen, daß sie der Verantwortung für ihre Verbrechen nicht entgehen und der strafenden Hand der gequälten Völker nicht entrinnen werden. " (SW 14, S. 292)303

Die Genossinnen und Genossen der KPdSU(B) mit Stalin an der Spitze kämpften in jener Zeit nicht nur an der militärischen und politischen Front, sondern lenkten die Aufmerksamkeit der kommunistischen und antifaschistischen Kräfte auch auf die ideologischen Aufgaben. So wurde 1942 vom Marx-Engels-Lenin-Institut in Moskau die Schrift „Marx und Engels über das reaktionäre Preußentum" herausgegeben. Darin wird nachgewiesen, daß der Nazi-Faschismus alle besonders reaktionären Züge des Preußentums, ja alles zutiefst Reaktionäre der „deutschen Ideologie" und der deutschen Geschichte überhaupt übernommen, konzentriert und auf die Spitze getrieben hat. Angesichts der Beteiligung der großen Mehrheit der deutschen Bevölkerung an den Verbrechen der Nazi-Faschisten sind die Aussagen von Marx und Engels über die Mitschuld der deutschen ausgebeuteten und unterdrückten Massen an den Verbrechen der herrsehenden Klasse und über die Verpflichtung eines künftigen sozialistischen Deutschlands, diese Verbrechen so weit wie möglich wiedergutzumachen, von besonderer Bedeutung.304

Mitten in den gigantischen militärischen Schlachten des Krieges gegen die nazi-faschistische Armee wurde in der Sowjetunion auch eine wichtige philosophische Diskussion geführt. Basierend auf der von Stalin 1938 vorgelegten Arbeit „Über den dialektischen und historischen Materialismus" leistete diese Debatte eine tiefgehende Kritik am dritten Band der „Geschichte der Philosophie", der 1943 vom Institut der Philosophie der Akademie der Wissenschaften herausgegeben worden war. Diese Diskussion wurde dann 1944 in beeindruckender Weise im „Bolschewik", dem theoretischen Organ der KPdSU(B), zusammengefaßt. In zwei Artikeln richtete sich der „Bolschewik" scharf gegen die beschönigende Einschätzung der deutschen Philosophie, besonders gegen die Unterschätzung des reaktionären preußisch-militaristischen und deutsch-chauvinistisehen Inhalts im philosophischen System Hegels. Diese Diskussion war von besonderer Wichtigkeit auch für die Genossinnen und Genossen der KPD, da darin ein Herzstück der „deutschen Ideologie" sehr präzise und mit genauer Kenntnis attackiert wurde: die deutsche reaktionäre Staatsphilosophie.305

Probleme der Anti-Hitler-Koalition - Der Kampf für die „Zweite Front"

Für die sozialistische UdSSR und Stalin stellte sich eine zweifache Aufgabe:

Zum einen mußte gegenüber Zweiflern klargemacht werden, daß aufgrund der Gesamtlage des weltweiten Kampfes gegen den Faschismus die Widersprüche zwischen den Imperialisten von Seiten der Sowjetunion ausgenutzt werden konnten und ausgenutzt werden mußten. Angesichts der weltweiten Bedrohung durch die deutschen und japanischen Aggressoren war eine vorübergehende Koalition auch mit reaktionären und imperialistischen Staaten möglich und richtig. Stalin führte dazu aus:

Es wäre lächerlich, den Unterschied in der Ideologie und in der Gesellschaftsordnung der Staaten zu leugnen, die der englisch-sowjetisch-amerikanischen Koalition angehören. Aber schließt dieser Umstand die Möglichkeit und die Zweckmäßigkeit des gemeinsamen Vorgehens der Mitglieder dieser Koalition gegen den gemeinsamen Feind aus, von dem ihnen Versklavung droht? Er schließt sie zweifellos nicht aus. Mehr noch: Die entstandene Gefahr diktiert den Mitgliedern der Koalition gebieterisch die Notwendigkeit des gemeinsamen Vorgehens, um die Menschheit vor dem Rückfall in Barbarei und mittelalterliche Bestialitäten zu retten. " (SW 14, S. 289)306

Zum anderen mußte bewußt sein, daß zu keiner Zeit dieses Bündnisses die antagonistischen Widersprüche zwischen den Imperialisten und der sozialistischen Sowjetunion verschwunden waren. Die aus diesen Widersprüchen entspringende Todfeindschaft zwischen Imperialismus und Sozialismus wurde 1939 bis 1941 lediglich nicht in Form von direkten kriegerischen Handlungen zwischen imperialistischen Ländern wie den USA und Großbritannien und dem Land des Sozialismus ausgetragen, weil andere Widersprüche, die zwischen den imperialistischen Großmächten USA und England auf der einen Seite, Deutschland und Japan auf der anderen Seite, in den Vordergrund traten.307 Die Volksmassen mußten über die wahren Absichten und Ziele dieser Imperialisten aufgeklärt werden, um Illusionen in diese zeitweiligen Verbündeten vorzubeugen bzw. bereits entstandene Illusionen und rechtsopportunistische Vorstellungen zu zerschlagen.

In der Frage der „Zweiten Front" zeigte sich deutlich die Problematik einer zeitweiligen Koalition der sozialistischen UdSSR mit imperialistischen Staaten, die ihre eigenen Ziele verfolgten.

An die Adresse der verbündeten USA und Englands gerichtet, hat Stalin in seinen Reden seit dem deutschen Überfall auf die UdSSR immer wieder das Fehlen einer zweiten Front in Europa kritisiert. So nannte er in seiner Rede zum 24. Jahrestag der Oktoberrevolution am 6. November 1941 als einen der Gründe für die zeitweiligen militärischen Mißerfolge, daß es in Europa keine zweite Front gegen die nazi-faschistischen deutschen Truppen gab .308 Trotz der Abkommen zu einer gemeinsamen Koalition und Verpflichtung zur gegenseitigen Hilfe im Krieg gegen die faschistischen Staaten eröffneten England und die USA weder 1941, noch 1942, noch 1943 die zweite Front. Damit erleichterten sie die Lage der deutschen Armee bedeutend und bürdeten die Hauptlast der militärischen Abwehr und des Krieges gegen die Nazi-Faschisten der Roten Armee auf. Dahinter stand letzten Endes die Absicht, daß nach dem Sieg über das nazi-faschistische Deutschland der eigentliche Todfeind der Imperialisten aller Länder, der erste sozialistische Staat der Welt, die Sowjetunion, um so leichter vernichtet werden konnte.309 Erst aufgrund des immer rascheren Vorstoßens der Roten Armee nach Westen eröffneten die USA und England schließlich im Juli 1944 durch die Invasion in Frankreich die Zweite Front.

„Es ist an der Zeit, mit dem Rückzug Schluß zu machen. Keinen Schritt zurück!"

Wegen des Fehlens einer zweiten Front in Westeuropa konnte die deutsche Wehrmacht ihre ganzen Reserven und Truppen ihrer Verbündeten an die sowjetisch-deutsche Front schicken. 240 Divisionen des nazi-faschistischen Deutschland und seiner verbündeten Satellitenstaaten marschierten gegen die Sowjetunion auf, während in Nordwesteuropa nur 25 deutsche Divisionen stationiert waren. Das Jahr 1942 wurde das schwerste Kriegsjahr für die Sowjetmacht.

Im Sommer 1942 begann die deutsche Wehrmacht den Vormarsch auf Stalingrad, eine der größten sowjetischen Industriestädte mit damals 500.000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Stalingrad sollte überrannt werden, um dann der Wolga entlang zu ziehen und Moskau einzukreisen. Am 28. Juli 1942 wandte sich Stalin an die Rotarmistinnen und Rotarmisten mit den klaren Worten:

"Es ist an der Zeit, mit denn Rückzug Schluß zu machen. Keinen Schrill zurück! Das muß jetzt unsere Hauptlosung sein. Jede Stellung, jeder Meter sowjetischen Territoriums muß bis zum letzten Blutstropfen verteidigt werden, man muß sich an jeden Fußbreit sowjetischen Bodens klammern und ihn bis zum letzten hallen.' "310

Diese Anweisung wurde in allen Kompanien verteilt und studiert. Die sowjetische Presse diskutierte sie in ihren Leitartikeln. In den Kampfpausen fanden Parteiversammlungen der Mitglieder der KPdSU(B) statt, in denen über die Rede Stalins und die führende Rolle der Kommunistinnen und Kommunisten bei der Verteidigung der Stadt diskutiert wurde.

Über ein Gebiet von 100.000 Quadratkilometern standen 6 Mio. Soldaten und -Offiziere der nazi-faschistischen Armee mitsamt ihren verbündeten rumänischen Truppen rund 5 Mio. Rotarmisten gegenüber. Nach einem Monat schwerster Kämpf gelang es der deutschen Wehrmacht, an einzelnen Stellen zur Wolga durchzubrechen und die Stadt in mehrere Teile zu zerschneiden. Großmäulig trafen die Nazi-Faschisten Vorbereitungen für ihren angeblich kurz bevorstehenden Sieg in Stalingrad. In den deutschen Tageszeitungen wurden für die Siegesmeldung täglich Seiten reserviert.

Am 14. September 1942 begannen in Stalingrad die 143 Tage währenden Straßenkämpfe, bei denen die Rotarmistinnen und Rotarmisten buchstäblich um jedes Haus, um jede Etage kämpften. Angesichts der zugespitzten Kämpfe richtete Stalin am 5. Oktober 1942 einen Befehl an die Kommandierenden der Stalingrader Front, worin es hieß:

„Alle Maßnahmen zur Verteidigung Stalingrads sind zu ergreifen, Stalingrad darf nicht dem Feind überlassen werden!' 311

Stalingrad - der Umschwung

Nach vier Monaten Nazi-Offensive beschloß die Führung der KPdSU(B), daß die Rote Armee bei Stalingrad zur Gegenoffensive übergehen soll. Das war keine Entscheidung mit siegessicherem Ausgang. Im Gegenteil: Das Scheitern der Gegenoffensive hätte verheerende Wirkung auf den gesamten Krieg gegen NaziDeutschland und seine Verbündeten gehabt. Sorgfältig wurden alle Faktoren, die Gesamtsituation an der Front, Anzahl, Ausstattung,

Zustand der Nazi-Truppen und der eigenen bewaffneten Kräfte bei Stalingrad analysiert.312

Am 19. November 1942 ging die Rote Armee zur Gegenoffensive über. Es gelang ihr, die nazi-faschistischen Truppen bei Stalingrad einzukesseln. Am B. Januar 1943 wurden die eingekesselten deutschen Truppen zur Kapitulation aufgefordert. Nach Ablehnung des Angebots wurden die deutschen Truppen vernichtet - Stalin erinnerte im Februar 1942 an Gorkis Worte: „Wenn der Feind sich nicht ergibt, wird er vernichtet."313 Am 2. Februar 1943 hörte die Heeresgruppe der nazi-faschistischen Wehrmacht bei Stalingrad auf zu existieren. Dies war ein Freudentag für die gegen den Nazi-Faschislnus kämpfenden Kräfte der ganzen Welt, für die Partisaninnen und Partisanen, für die gemarterten Häftlinge in den KZs und Vernichtungslagern, für die gequälte Bevölkerung in den besetzten Ländern Europas.

Nach Moskau war die Schlacht von Stalingrad der zweite strategische Gegenangriff der Roten Armee. Mehr noch: Es war der Wendepunkt des gesamten Zweiten Weltkriegs zugunsten der gegen den Nazi-Faschismus kämpfenden Kräfte, der dann im Juli/August 1943 mit dein Sieg in den Kämpfen am Kursker Bogen südlich von Moskau vollendet wurde.

War die Schlacht bei Stalingrad ein Vorbote des Untergangs der faschistischen deutschen Armee, so führte die Schlacht bei Kursk sie vor die Katastrophe. " (S W 14, S. 324)314

Ursachen für die Niederlagen der nazifaschistischen Truppen

Nach dem Sieg in Stalingrad warf Stalin in seiner Rede zum 25. Jahrestag der Roten Armee die Fragen auf: Woher diese großen Mißerfolge der Deutschen? Wo liegen die Ursachen dieser Mißerfolge? Stalin analysierte, daß die kurzfristig wirkenden Vorteile der nazi-faschistischen Wehrmacht sich bereits weitgehend erschöpft hatten. Die deutsche Armee war trotz aller Anstrengungen nicht mehr in der Lage, die ihr zugefügten Verluste an Material und Soldaten auszugleichen. Dagegen entwickelte sich die Rote Armee sehr rasch sowohl personell als auch materiell.

Wie Stalin ausführte, hatte die nazi-faschistische Armee inzwischen auch ihren Vorsprung an Kampferfahrung aufgebraucht, während die Rote Armee zu einer kampferfahrenen Armee wurde. Ein entscheidender Unterschied war, daß die Rote Armee es wirklich verstand, aus ihren Erfahrungen und gerade auch aus ihren anfänglichen Fehlern zu lernen:

Im Verlauf des Krieges wurde die Rote Armee zu einer kampferfahrenen Armee, sie lernte es, den Feind unfehlbar zu schlagen unter Berücksichtigung seiner schwachen und starken Seiten, wie es die moderne Kriegswissenschaft fordert. Hunderttausende und Millionen von Kämpfern der Roten Armee wurden zu Meistern ihrer Waffe (...) Zehntausende von Kommandeuren der Roten Armee wurden zu Meistern der Truppenführung. Sie lernten es, persönlichen Wagemut und Kühnheit mit der Kunst zu vereinen, die Truppen auf dem Schlachtfelde zu führen. Sie machten sich von der törichten und schädlichen Taktik der zusammenhängenden Linien frei und stellten sich fest auf den Boden der Taktik des Manövrieren. " (SW 14, S. 305f.)315

Der richtigen Strategie und der elastischen Taktik der Roten Armee stand die fehlerhafte Strategie der nazi-faschistischen Armee gegenüber, die dem nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen hatte:

„Ihre Strategie ist fehlerhaft, denn sie unterschätzt in der Regel die Kräfte und Möglichkeiten des Gegners und überschätzt die eigenen Kräfte. Ihre Taktik ist schablonenhaft, denn sie ist bestrebt, die Ereignisse an der Front mit dem Maße dieses oder jenes Paragraphen der Dienstvorschrift zu messen. Die Deutschen sind in ihren Operationen pünktlich und genau, wenn die Lage es gestattet, den Forderungen der Dienstvorschrift nachzukommen. Darin liegt ihre Stärke. Die Deutschen werden hilos, sobald die Lage kompliziert wird und diesen oder jenem Paragraphen der Dienstvorschrift , nicht mehr entspricht, sondern einen selbständigen Entschluß erheischt, der in der Dienstvorschrift nicht vorgesehen ist. Darin liegt ihre Hauptschwäche. " (Ebenda SW 14, S.306)

Das war auch eine treffende Charakterisierung einer von preußischem Untertanengeist und Kasernenhofdisziplin entscheidend mitgeprägten „typisch deutschen" Mentalität.

Die Flammen des Partisanenkrieges

In den von den Nazi-Faschisten besetzten sowjetischen Gebieten kämpften rund 1,1 Mio. bewaffnete Partisaninnen und Partisanen. Das war gemessen an der Bevölkerung der besetzten Gebiete ein hoher Prozentsatz. Beeindruckend war dabei die Unterstützung der Partisaninnen und Partisanen durch die örtliche Zivilbevölkerung, so daß von einer wirklich umfassenden Widerstandsbewegung gegen die nazi-faschistischen Besatzer und Mörder gesprochen werden muß. Stalin wandte sich in seinen Reden und Aufrufen während des Zweiten Weltkriegs immer wieder auch direkt an die Partisaninnen und Partisanen. Darüber hinaus betonte er am 1. Mai 1942 auch die Bedeutung der Partisanenkämpfe in den übrigen besetzten Gebieten Europas für das Voranschreiten der Roten Armee und für die Zerschlagung des Nazi-Faschismus überhaupt:

„Der hitlerische Imperialismus hat weite Gebiete Europas besetzt, aber er hat den Widerstandswillen der europäischen Völker nicht gebrochen. Der Kampf der versklavten Völker gegen das Regime der faschistischen deutschen Räuber beginnt allgemeinen Charakter anzunehmen. In allen okkupierten Ländern ist die Sabotage in Rüstungsbetrieben, die Sprengung deutscher Versorgungslager, die Entgleisung deutscher Militärzüge, die Tötung deutscher Soldaten und Offiziere zu einer alltäglichen Erscheinung geworden. Ganz Jugoslawien und die von den Deutschen besetzten Sowjetgebiete sind von den Flammen des Partisanenkrieges erfaßt. " (SW 14, S. 272)316

Die „zehn Schläge" der Roten Armee zusammen mit den Partisaninnen und Partisanen zur Befreiung der Völker der Sowjetunion und Osteuropas von den nazi-faschistischen Mördern (1944)

Auch 1944 war ein schwieriges Jahr. Noch mußte Leningrad befreit werden. Minsk und Brest und große Teile der Ukraine und Belorußlands waren besetzt, auch Estland, Lettland, Litauen und die Moldauische SSR. Anfang 1944 waren von den 362 Divisionen der nazi-faschistischen Wehrmacht und ihrer Verbündeten 245 an der Ostfront gegen die Sowjetunion eingesetzt. Trotz ihrer Erfolge und der herben Niederlage Deutschlands im Vorjahr durften die gegen den Nazi-Faschismus kämpfenden Kräfte nicht überheblich werden. Es war klar, daß die Nazi-Faschisten - ihre Niederlage und die zu erwartende Bestrafung vor Augen - sich nicht einfach geschlagen geben würden. Stalin warnte wiederholt vor jeder Unterschätzung des Feindes und erklärte, daß der Roten Armee ein harter Kampf gegen einen heimtückischen, grausamen und vorläufig noch starken feind bevorstand, daß dieser Kampf Zeit, Opfer, die Anspannung aller eigenen Kräfte und die Mobilisierung aller Möglichkeiten erfordern würde.317 Am 1. Mai 1944 erklärte Stalin:

„Die deutschen Truppen gleichen jetzt einer verwundeten Bestie, die gezwungen ist, nach ihrer Höhle - an die Grenzen Deutschlands - zurückzukriechen, um ihre Wunden zu heilen. Aber auch eine verwundete Bestie, die sich in ihre Höhle zurückgezogen hat, hört nicht auf eine gefährliche Bestie zu sein. Um unser Land und die mit uns verbündeten Länder vor der Gefahr der Versklavung zu retten, muß man der verwundeten deutschen Bestie auf der Spur folgen und ihr in ihrer eigenen Höhle den Todesstoß versetzen. Bei der Verfolgung des Feindes müssen wir unsere Brüder vom deutschen Joch befreien, die Polen und Tschechoslowaken sowie die anderen mit uns verbündeten Völker Westeuropas, die sich unter der Ferse Hitlerdeutschlands befinden. " (SW 14, S. 351)318

1944 vertrieb die Rote Armee durch zehn vernichtende Schläge, durch gewaltige militärische Operationen die Truppen des deutschen Imperialismus aus der Sowjetunion und aus den besetzten Ländern Osteuropas. Wichtig war dabei auch die Unterstützung durch die Partisaninnen und Partisanen in diesen Ländern, wie in Griechenland, Albanien, Jugoslawien oder Italien.319

„Seid besonders wachsam jetzt, wo ihr euch außerhalb der Grenzen des Heimatlandes befindet!"

Angetrieben vom Ziel der Befreiung und Zerschlagung des NaziFaschismus bezahlte die Sowjetmacht ihre internationalistische Verpflichtung der Befreiung der vom Nazi-Faschismus versklavten Völker Ost- und Südosteuropas mit dem hohen Preis von Millionen ermordeter Rotarmistinnen und Rotarmisten.

Die Verfolgung der bewaffneten Kräfte des Nazi-Faschismus, die sich unter den Schlägen der Roten Armee und der Partisanengruppen mehr und mehr in ihre Höhle zurückzogen, stellte die Sowjetunion vor besondere Anforderungen.

Von der unterdrückten Masse der Werktätigen als Befreierin und Verbündete herbeigesehnt und gefeiert, zogen die herrschenden Klassen der vorn Nazi-Faschismus unterjochten Völker alle Register der Geheimdiplomatie mit den westlichen Alliierten, griffen zu handstreichartigen militärischen Operationen und verstärkten die antikommunistische Demagogie und machten gegen die angeblichen „bolschewistischen Expansionsgelüste" und den angeblich drohenden Verlust der nationalen Eigenständigkeit Stimmung. Um dieser Hetze entgegenzutreten, bekräftigte die Leitung der Roten Armee beim Überschreiten der Grenzen zu anderen Staaten jeweils, daß dort ihr Ziel keineswegs die Etablierung einer Sowjetmacht von außen war.

Ein „Export der proletarischen Revolution", des Aufbaus des Soiialismus, in dem Sinn, daß die Sowjetunion den Sozialismus durch den Zwang ihrer Waffen errichten wollte - wie die antikommunistische Reaktion behauptete -, war und konnte nicht das Ziel der KPdSU(B), der Sowjetunion sein. Ein „Aufzwingen" des Sozialismus durch den Einmarsch der Roten Armee in ein anderes Land ist nicht möglich, weil die proletarische Revolution nur durch den bewußten und organisierten Kampf der Mehrheit der Arbeiterklasse und ihrer Verbündeten eines jeden Landes unter Führung ihrer „eigenen" Kommunistischen Partei durchgeführt werden kann. Diese Aufgabe kann nur die Kommunistische Partei des „eigenen" Landes leisten - mit der möglichst weitgehenden, auf der Grundlage des proletarischen Internationalismus durchgeführten Unterstützung der kommunistischen Kräfte aller Länder -, weil nur sie sich mit den werktätigen Massen wirklich verbinden kann, ihre Sorgen und Nöte ant besten kennt, weil nur sie die Besonderheiten des Klassenkampfes im jeweiligen Land wirklich so berücksichtigen kann, daß der gewaltsame Sturz der Bourgeoisie möglich ist.320

Bereits 1941 hatte Stalin diesbezüglich erklärt:

Wir haben keine Kriegsziele und können keine Kriegsziele haben wie die Eroberung fremder Gebiete oder die Unterwerfung fremder Völker, ganz gleich, ob es sich um Völker und Gebiete Europas oder um Völker und Gebiete Asiens, darunter auch Irans, handelt. (...) Wir haben keine Kriegsziele und können keine Kriegsziele haben wie etwa das Ziel, den slawischen und den anderen unterjochten Völkern Europas, die von uns Hilfe erwarten, unseren Willen und unser Regine aufzuzwingen. Unser Ziel besteht darin, diesen Völkern in ihrem Befreiungskampf gegen die Hitlertyrannei zu helfen und es ihnen dann zu überlassen, sich auf ihrem Boden völlig frei so einzurichten, wie sie das wollen." (SW 14, S.257) 321

Hier konnte nur auf proletarisch-internationalistischer Grundlage, in enger Zusammenarbeit mit den Kommunistischen Parteien der jeweiligen Länder, gemeinsam mit den gegen den Nazi-Faschismus kämpfenden Massenbewegungen den schwankenden Elementen in der Praxis bewiesen werden, daß es der sozialistischen Sowjetunion um die Befreiung und um die Herstellung wirklich demokratischer Verhältnisse ging.

Das Verhalten der einzelnen Rotarmisten spielte dabei keine geringe Rolle. Stalin ermahnte die Rotarmisten am 1. Mai 1945 nochmals, vor den Machenschaften der feindlichen Kräfte auf der Hut zu sein:

„Seid besonders wachsam jetzt, wo ihr euch außerhalb der Grenzen des Heimatlandes befindet! Haltet nach wie vor die Ehre und Würde des Sowjetkriegers hoch!" (SW 14, S. 389)322

Zur Auflösung der Kommunistischen Internationale im Zusammenhang mit der Perspektive unabhängiger volksdemokratischer Staaten nach dem Sieg über den Nazi-Faschismus

Mit dein Wendepunkt bei Stalingrad, mit dem Übergang der Roten Armee zur Gegenoffensive und mit dem Erstarken der bewaffnet gegen die Nazi-Faschisten kämpfenden Kräfte in Jugoslawien, Albanien und anderen Ländern wurde immer klarer, daß sich die von Stalin schon vor dem Zweiten Weltkrieg getroffene Feststellung bestätigen würde, daß der Krieg nicht nur zur völligen Niederlage der Angreifer führen würde, sondern auch zur Revolution in einer Reihe von Ländern in Europa und Asien, zur Zerschmetterung der Herrschaft des Imperialismus und der Reaktion in diesen Ländern.323

Klar war aber auch, daß im Fall des Siegs der Revolution in Ländern wie Bulgarien, Polen, Rumänien, der Tschechoslowakei oder Ungarn es nicht zur Erweiterung der UdSSR um weitere Sowjetrepubliken kommen würde, sondern daß selbständige, unabhängige volksdemokratische Staaten entstehen würden, die unter der Führung der Kommunistischen Partei des jeweiligen Landes stehen würden.324 Damit im Widerspruch stand aber die Tatsache, daß die Kommunistischen Parteien dieser Länder selbst Teil einer übergeordneten Organisation, eines übergeordneten Zentrums waren, der Kommunistischen Internationale, geleitet von deren Exekutivkomitee.

Diese Perspektive vor Augen, beschloß das Präsidium des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale, das unter den Bedingungen des Weltkriegs nicht die Möglichkeit hatte, einen Kongreß der Kommunistischen Internationale einzuberufen, nach eingehender Beratung und Konsultation der einzelnen Kommunistischen Parteien am 15. Mai 1943, die Kommunistische Internationale als leitendes Zentrum der internationalen kommunistischen Bewegung aufzulösen und ihre Sektionen von den aus dem Statut und aus den Beschlüssen entspringenden Verpflichtungen zu entbinden.

Die Kommunistische Internationale war über zwei Jahrzehnte lang die demokratisch-zentralistische internationale Organisationsform, um unter einer gemeinsamen Leitung auf einheitlicher ideologischer, politischer und organisatorischer Basis in den einzelnen Ländern den Aufbau starker Kommunistischer Parteien voranzutreiben. Vor allem in den ersten Jahren nach ihrer Gründung waren die Schaffung eines gemeinsamen Programms, gemeinsamer Grundlagen der Strategie und Taktik, die gemeinsame Beratung der internationalen Lage und der Situation in den einzelnen Ländern auf den sieben Weltkongressen der Komintern, die Leitung und Unterstützung durch die Analysen, das Eingreifen sowie die Kritiken durch das Exekutivkomitee der KI für die einzelnen jungen Kommunistischen Parteien von größter Bedeutung. In vielen Ländern hatten sich auf dieser Grundlage starke Kommunistische Parteien entwickelt, die in der Lage waren, auch unter schwierigsten Bedingungen die Kämpfe der Arbeiterinnen und Arbeiter, insbesondere auch den bewaffneten Kampf gegen den Nazi-Faschismus, zu führen.

In dem Beschluß, der in der „Prawda" veröffentlicht wurde, wird darauf hingewiesen, daß bereits vor dem Zweiten Weltkrieg es immer klarer geworden sei, daß mit der zunehmenden Kompliziertheit sowohl der inneren als auch der internationalen Situation der einzelnen Länder die Lösung der Aufgaben der Kommunistischen Parteien jedes einzelnen Landes durch die Kräfte eines internationalen Zentrums auf unüberwindliche Schwierigkeiten stoßen werde.325 Besonders die unterschiedlichen Aufgaben in Ländern des nazifaschistischen Blocks und in Ländern der sogenannten „Anti-HitlerKoalition" erfordere von den Kommunistischen Parteien, die nationalen Besonderheiten und historischen Bedingungen in jedem Land genauestens zu analysieren und diesen Rechnung zu tragen. Die für die Anfangsperiode zur Vereinigung der sich herausbildenden Kommunistischen Parteien gewählte Organisationsform, heißt es in dem Beschluß, könne sogar zu einem Hindernis für die weitere Stärkung der Kommunistischen Parteien, für die Durchführung ihrer Führungsaufgaben im jeweiligen Land werden. Das war nun eindeutig der Fall im Hinblick auf die Perspektiven nach dem militärischen Sieg über die Nazi-Faschisten, der Entwicklung neuer volksdemokratischer Staaten.

Im Zusammenhang mit dieser komplizierten Situation stand der Zeitpunkt der Auflösung der Komintern auch in Verbindung mit dein Kampf gegen die reaktionäre und nazi-faschistische Demagogie von der Komintern als angebliches „Instrument des SowjetImperialismus". Die Nazi-Faschisten spielten durchaus nicht ungefährlich die antikommunistische Karte aus, um einen Keil in die Anti-Hitler-Koalition zu treiben, um im letzten Moment womöglich doch noch zu einem „Frieden" mit allen oder einigen kapitalistischimperialistischen Mächten der Anti-Hitler-Koalition zu kommen, um sich dann noch mehr auf den Kampf für die „Vernichtung des Bolschewismus" zu konzentrieren. Die Auflösung der Kommunistischen Internationale erleichterte, wie Stalin ausführte, die Entlarvung der Lüge der Nazi-Faschisten, daß die Kommunistischen Parteien angeblich nicht die Interessen der Arbeiterklasse und der anderen ausgebeuteten und unterdrückten Massen des jeweiligen Landes vertreten, sondern auf Befehl von „Moskau" handeln würden.326 Für die Kommunistischen Parteien mußten neue Formen der gleichberechtigten Zusammenarbeit, der Beratung und gegenseitigen Unterstützung geschaffen werden.


Das eigentliche Problem in Deutschland: „Die Hitler kommen und gehen, aber das deutsche Volk, der deutsche Staat bleibt"

Stalin setzte sich wiederholt öffentlich mit der Frage auseinander, welche Kriegsziele die UdSSR in bezug auf Deutschland verfolgt, so in seiner Rede vom 23. Februar 1942:

„In der ausländischen Presse wird manchmal darüber geschwätzt, daß die Rote Armee das Ziel habe, das deutsche Volk auszurotten und den deutschen Staat zu vernichten. Das ist natürlich ein dummes Gefasel und eine törichte Verleumdung der Roten Armee. Solche idiotischen Ziele hat die Rote Armee nicht und kann sie nicht haben. Die Rote Armee setzt sich das Ziel, die deutschen Okkupanten aus unserem Lande zu vertreiben und den Sowjetboden von den faschistischen Eindringlingen zu befreien. Es ist sehr wahrscheinlich, daß der Krieg für die Befreiung des Sowjetbodens zur Vertreibung oder Vernichtung der Hitlerclique uhren wird. Wir würden einen solchen Ausgang begrüßen. Es wäre aber lächerlich, die Hitlerclique mit dem deutschen Volk, mit dem deutschen Staat gleichzusetzen. Die Erfahrungen der Geschichte besagen, daß die Hitler kommen und gehen, aber das deutsche Volk, der deutsche Staat bleibt. " (SW 14, S. 266)327

Dieser letzte Satz wurde später von der SED und anderen gerne zitiert. Worum ging es Stalin aber eigentlich? Wollte er dem „deutschen Volk" bescheinigen, mit der verbrecherischen „Hitlerclique" nichts zu tun zu haben? In Wirklichkeit warf Stalin hier ein sehr schwerwiegendes Problem auf: Das nazi-faschistische Regime konnte und mußte vollständig vernichtet werden. Deutschland als Nation kann aber nicht vernichtet werden. Am 6. November 1942 bekräftigte Stalin diese Position nochmals. Noch deutlicher als im Februar 1942 formulierte er die Aufgabe, nicht nur die Sowjetunion und die anderen unterjochten Völker von der Nazi-Herrschaft zu befreien, sondern auch „den Hitlerstaat und seine Inspiratoren zu vernichten", fügte dem aber hinzu: „Eine solche Aufgabe, wie die Vernichtung Deutschlands, haben wir nicht, denn es ist unmöglich, Deutschland zu vernichten... 328

Das bedeutet: Mit der Weiterexistenz Deutschlands und eines deutschen Nationalstaats mußte man sich auseinandersetzen! Die zu lösende Aufgabe wäre eine viel leichtere gewesen, wenn es nur genügte hätte das Nazi-Regime zu vernichten. Für die antifaschistischen Kräfte weltweit blieb als Problem, daß in bezug auf das deutsche Volk und den deutschen Staat die Lösung nicht in der Vernichtung ihrer Existenz bestehen konnte, sondern tiefgehende Aufgaben der radikalen Entnazifizierung und vor allem auch der Vernichtung der Wurzeln des Nazi-Faschismus, d. h. der Vernichtung des deutschen Imperialismus anstanden.

Daß es mit der Zerschlagung des Nazi-Faschismus nicht getan war, machte Stalin 1944 sehr deutlich:

„Deutschland wird nach seiner Niederlage natürlich sowohl wirtschaftlich als auch militärisch und politisch entwaffnet werden. Es wäre jedoch naiv zu glauben, daß Deutschland nicht versuchen werde, seine Macht wiederzuerlangen und zu einer neuen Aggression zu schreiten. Es ist allbekannt, daß die deutschen Machthaber jetzt schon zu einem neuen Krieg rüsten. Die Geschichte zeigt, daß eine kurze Zeitspanne von zwanzig bis dreißig .Jahren genügt, damit Deutschland sich von der Niederlage erholt und seine Macht wiederherstellt." (SW 14, S. 367)329

Die Krim-Konferenz Februar 1945

Anfang Februar 1945 tagte auf der Krim die Konferenz der Regierungshäupter der drei alliierten Mächte: der UdSSR, der USA und Großbritanniens. Die politischen und militärischen Beschlüsse dieser Konferenz betrafen die Zerschmetterung des Nazi-Faschismus und die Politik gegenüber dem besiegten Deutschland sowie auch politische und wirtschaftliche Probleme des von der nazifaschistischen Aggression befreiten Europas. In der Erklärung von Jalta, an deren inhaltlicher Ausformulierung Stalin maßgeblichen Anteil hatte, heißt es:

„Gemäß dem in gegenseitigem Einvernehmen festgelegten Plan werden die Streitkräfte der drei Mächte je eine besondere Zone Deutschlands besetzen. (...) Wir sind entschlossen, alle deutschen Streitkräfte zu entwaffnen und aufzulösen; den deutschen Generalstab, der wiederholt die Wiederaufrichtung des deutschen Militarismus zuwege gebracht hat, für alle Zeiten zu zerschlagen; sämtliche deutschen militaristischen Einrichtungen zu entfernen oder zu zerstören, die gesamte deutsche Industrie, die für militärische Produktion benutzt werden könnte, zu beseitigen oder unter Kontrolle zu stellen; alle Kriegsverbrecher vor Gericht zu bringen und einer schnellen Bestrafung zuzuführen sowie eine genaue, durch Leistung von Sachwerten erfolgende Wiedergutmachung der von den Deutschen verursachten Zerstörungen zu bewirken; die Nationalsozialistische Partei, die nationalsozialistischen Gesetze, Organisationen und Einrichtungen zu beseitigen, alle nationalsozialistischen und militärischen Einflüsse aus den öffentlichen Dienststellen sowie dem kulturellen und wirtschaftlichen Leben des deutschen Volkes auszuschalten und in Übereinstimmung miteinander solche Maßnahmen in Deutschland zu ergreifen, die für den zukünftigen Frieden und die Sicherheit der Welt notwendig sind. Es ist nicht unsere Absicht, das deutsche Volk zu vernichten, aber nur dann, wenn der Nationalsozialismus und Militarismus ausgerottet sind, wird für die Deutschen Hoffnung auf ein würdiges Leben und einen Platz in der Völkergemeinschaft bestehen. "330

Verlustreiche Kämpfe bis zuletzt - Die Rote Armee hißt die Rote Fahne auf dem Reichstagsgebäude!

Bis Anfang des Jahres 1945 war es der Roten Armee zusammen mit jugoslawischen, tschechoslowakischen, bulgarischen und rumänischen Divisionen und mit Unterstützung der Partisaninnen und Partisanen gelungen, innerhalb kurzer Frist Polen, Ungarn, einen großen Teil der Tschechoslowakei, einen bedeutenden Teil Österreichs zu befreien. Unter den Schlägen der Roten Armee und der anderen bewaffneten Befreiungskräfte zogen sich die nazi-faschistischen Mörder, das Nazi-Besatzungspersonal und die Kollaborateure des Nazi-Regimes Richtung Westen zurück. Am 27. Januar 1945 befreiten die Rotarmistinnen und Rotarmisten 7.000 überlebende Häftlinge in Auschwitz-Birkenau - ihnen bot sich ein alle Vorstellungen übersteigendes Bild des millionenfachen industriellen Massenmords vor allem an der jüdischen Bevölkerung Europas sowie den Sinti und Rorna.

Die Rotarmistinnen und Rotarmisten hatten vier Jahre lang im blutigsten und grausamsten Krieg der Weltgeschichte die nazifaschistischen Mörder bekämpft, waren durch von den Nazi-Faschisten völlig niedergebrannte und zerstörte Gebiete gezogen und hatten die Grausamkeiten und Bestialitäten der Nazi-Hänker mit eigenen Augen gesehen. Viele hatten Angehörige oder die ganze Familie verloren. Das von den deutschen Besatzern verübte Grauen, das hunderttausendfache, ja millionenfache Morden rief bei nicht wenigen Rotarmistinnen und Rotarmisten nicht nur Haß, sondern auch allzu verständliche Gefühle von Rache hervor.

Die Rolle und Aufgaben des Kampfes der Sowjetunion, den Unterschied zwischen einer Armee aus bewußten, für ihre Befreiung und für ihre sozialistischen Errungenschaften kämpfenden Rotarmi„tinnen und Rotarmisten und einer chauvinistisch und rassistisch verhetzten mörderischen Raub- und Besatzungsarmee beharrlich zu erklären - das war die einzige Möglichkeit zur Bewußtmachung. Stalin bekräftigte am 6. November 1944:

Die Menschen des Sowjetlandes hassen die deutschen Okkupunten, nicht weil sie Menschen einer fremden Nation sind, sondern weil sie unserem Volk und allen freiheitsliebenden Völkern unermeßliches Unglück und Leid gebracht haben. In unserem Volke gilt das alte Sprichwort: Man prügelt den Wolf nicht, weil er grau ist, sondern weil er das Schaf gefressen hat. "` (SW 14,S. 363)331

Die Rotarmistinnen und Rotarmisten waren in all den von den Nazi-Faschisten unterjochten Ländern von den werktätigen Massen begeistert als Befreier empfangen worden - selbst in den Ländern, die noch bis vor kurzem Verbündete Nazi-Deutschlands gewesen waren wie Rumänien und Bulgarien. Dagegen betrat die Rote Armee, die nun auf deutschem Boden für die Zerschlagung des NaziFaschismus kämpfte, ausgesprochenes Feindesland.

Vor den Kämpfen um Berlin machte Stalin den Rotarmistinnen und Rotarmisten noch einmal bewußt, daß dies keinesfalls ein leichter Kampf werden würde, nicht zu vergleichen war mit irgendeinem anderen europäischen Land, das bisher von der Roten Armee befreit worden war. Denn nun hatten sie es nicht nur - wie im Falle von Ungarn und Rumänien - mit einer pro-nazi-faschistischen Regierung zu tun, sondern mit einer zu übergroßen Teilen auch pro-nazifaschistischen Bevölkerung, die sich durch chauvinistische, durch rassistische, durch antisemitische und antikommunistische Verhetzung, durch Untertanengeist und nicht zuletzt durch Angst davor, für die Mitschuld an den Nazi-Verbrechen zur Rechenschaft gezogen zu werden, gegen den Sturz des Nazi-Faschismus und objektiv gegen ihre Befreiung wehrte. An eine Unterstützung durch eine bewaffnete Erhebung von Teilen der Bevölkerung in Deutschland gegen den Nazi-Faschismus war nicht zu denken. Die auch von Stalin ausgesprochene Hoffnung, daß es schließlich auch in Deutschland zu einem Aufstand gegen die Nazi-Faschisten kommen könnte, hatte sich schon längst zerschlagen.332 Deutschland mußte von den Alliierten besetzt werden.

Nachdem die Fronten des Krieges bis Ende 1944/Anfang 1945 au(Icrhalb Deutschlands verlaufen waren, hatte die Rote Armee nunmehr die Grenzen Deutschlands überschritten. Stalin erklärte:

„Die Hitlerleute pflegten sich damit zu brüsten, daß seit mehr als hundert Jahren kein einziger feindlicher Soldat auf deutschem Boden gestanden und daß die deutsche Armee nur auf fremdem Boden gekämpft habe und kämpfen werde. Jetzt ist dieser Prahlerei ein Ende gemacht. " (SW 14, S. 378f)333

Ende Februar 1945 stand die Rote Armee nach Überquerung der Oder 60 Kilometer vor Berlin. Stalin schärfte daher den Rotarmistinnen und Rotarmisten im Februar 1945 nochmals ein:

„Der volle Sieg über die Deutschen ist nun schon nahe. Aber der Sieg kommt nie von selbst - er wird in schweren Kämpfen und in beharrlicher Arbeit errungen. Der dem Untergang geweihte feind wirft die letzten Kräfte in den Kampf und setzt sich verzweifelt zur Wehr, um der strengen Sühne zu entgehen. Er greift jetzt zu den äußersten und gemeinsten Kampfmitteln und wird das auch weiterhin tun. Es gilt daher, daran zu denken: Je näher unser Sieg, desto größer muß unsere Wachsamkeit, desto stärker müssen unsere Schläge gegen den Feind sein. " (Ebenda SW 14, S. 379)

Zu den hinterhältigen Manövern der nazi-faschistischen Machthaber gehörten auch ihre Versuche, sich an die westlichen Alliierten der Sowjetunion anzubiedern, um im Lager der Verbündeten Zerwürfnisse hervorzurufen.334 Doch vor allem dank des unaufhaltsamen Vorrückens der Roten Armee und der prinzipienfesten Politik der Sowjetregierung schlugen diese Machenschaften fehl.

Der Kampf um Berlin war einer der schwierigsten und erbittertsten Kämpfe, den die Rote Armee führen mußte. Berlin war die am besten befestigte Stadt. Die Rotarmistinnen und Rotarmisten mußten sich nach der verlustreichen Zerschlagung der drei Festungsgürtel um Berlin Viertel um Viertel, Haus um Haus, Stockwerk um Stockwerk gegen den nicht nachlassenden Widerstand der Wehrmacht, der SS, des „Volkssturms", der „Wehrwölfe", der HJ und gegen eine nazi-faschistisch verhetzte Bevölkerung, welche die bewaffneten Nazi-Kräfte in großen Teilen direkt oder indirekt unterstützte, mit riesigen Verlusten vorkämpfen. Bei den Kämpfen um Berlin hatte die Rote Armee insgesamt 300.000 Tote und Verwundete zu beklagen. Am Morgen des 1. Mai 1945 hißten Rotarmisten auf dem Reichstagsgebäude die Rote Fahne. Am 2. Mai 1945 streckten die Reste der Wehrmacht, der SS, des „Volkssturms" und der HJ die Waffen. Am g. Mai 1945 kapitulierte das nazi-faschistische Deutschland bedingungslos. Am 9. Mai 1945 konnte Stalin in seiner Ansprache erklären, daß nach den Jahren der unermeßlichen Entbehrungen und Leiden der historische Tag des Sieges über den deutschen Imperialismus gekommen war.

Die Diktatur des Proletariats und die sozialistische Demokratie
- Entscheidende Grundlagen des Siegs der UdSSR
über den Nazi-Faschismus

Die sozialistische Sowjetunion unter Führung der KPdSU(B) errang den Sieg über den Nazi-Faschismus. Wesentlich für diesen Sieg war ohne Zweifel die moralische Überlegenheit der antifaschistischen Kräfte gegenüber den nazi-faschistischen Besatzern und Mördern. Doch dies war nicht allein ausschlaggebend, wie Stalin bereits im November 1942 festgestellt hatte:

„Ich denke, kein anderes Land und keine andere Armee hätte einem derartigen Ansturm der vertierten Banden der faschistischen deutschen Räuber und ihrer Bundesgenossen standhalten können. Nur unser Sowjetland und nur unsere Rote Armee sind befähigt, einem solchen Ansturm standzuhalten. (..) Und nicht nur ihm standzuhalten, sondern ihn auch zu überwinden. " (SW 14, S. 286)335

Entscheidend war insofern, daß in der Sowjetunion die Diktatur des Proletariats existierte, in der die Arbeiterinnen und Arbeiter im 1iilndnis mit der Masse der werktätigen und ehemals ausgebeuteten Bauern erfolgreich den Sozialismus unter Führung ihrer revolutionären Kommunistischen Partei aufbauten und in der die verschiedenen Nationalitäten gleichberechtigt und in Freundschaft miteinander lebten. Entscheidend war, daß die Werktätigen der Sowjetunion gewillt waren, diese ihre Errungenschaften im Kampf auf Leben und Tod zu verteidigen und die von den Nazi-Faschisten besetzten Länder zu befreien.

Dies ist der tiefere Grund, warum es der Sowjetmacht gelang, eine enge Verbindung des Hinterlands zur Front, eine Verbindung der militärischen, industriellen und landwirtschaftlichen Produktion für die Front mit der Versorgung der Zivilbevölkerung zu leisten. Dies ist der Grund, warum es ihr gelang, das Zusammenwirken der Roten Armee und der Partisanenverbände zu organisieren und eine enge Verbundenheit der Völker der Sowjetunion mit ihrer politischen und militärischen Führung zu schaffen, welche die Grundlage für den Sieg über das nazi-faschistische Deutschland war. Deshalb gelang es auch - trotz der nicht wenigen Fehler der Sowjetmacht, wie Stalin nach der bedingungslosen Kapitulation Nazi-Deutschlands an anderer Stelle formuliert hatte - dem deutschen Imperialismus nicht, einen Keil zwischen die Führung der Kommunistischen Partei und den werktätigen Massen, zwischen den Arbeiterinnen und Arbeitern und den Kollektivbauern, zwischen den verschiedenen Nationalitäten zu treiben.

Die Existenz der Sowjetmacht, ihre moralische Überlegenheit und die Gerechtigkeit ihrer Kriegsziele bedeutete noch lange nicht, daß die Niederlage der deutschen Aggressoren vorprogrammiert oder gar „gesetzmäßig" war, wie dies revisionistische Geschichtsfälscher nach Stalins Tod behaupteten. Vielmehr war es ein Kampf auf Leben und Tod. Die Zukunft der Sowjetmacht hing zeitweilig buchstäblich am seidenen Faden und es ging um einige wenige Kilometer. In diesem Sinn sind auch Stalins grundlegende Ausführungen über den Krieg im Sinn eines „Examens für die Sowjetordnung" zu verstehen:

Die revisionistische These vorn angeblich objektiven „gesetzmäßigen", also objektiv notwendigen Sieg der Sowjetunion, welche die Realität einer harten Probe negiert, verfolgt das Ziel, den subjektiven Faktor, insbesondere den Beitrag Stalins als herausragender und führender Kader der KPdSU(B) bei der Niederwerfung des deutschen Nazi-Faschismus und seiner Verbündeten zu schmälern, die Frage des Sieges loszulösen von der revolutionären Führung, mit der dieser Sieg errungen wurde: durch die revolutionäre KPdSU(B) unter Führung Stalins.

Für die Sowjetunion, erklärte Stalin ein Jahr nach Kriegsende, war der Krieg gegen den Nazi-Faschismus der grausamste und schwerste von allen Kriegen, die es in der Geschichte des Landes je gegeben hat. Aber der Krieg war nicht nur ein Fluch, sondern eine große Schule der Prüfung und eine Bewährungsprobe:

Der Krieg hat alle Tatsachen und Ereignisse im Hinterland und an der Front bloßgelegt, er hat erbarmungslos alle Schleier und Hüllen heruntergerissen, die das wahre Gesicht der Staaten, Regierungen und Parteien verdeckten, und hat sie ohne Maske, ohne Schminke, mit allen ihren Mängeln und Vorzügen auf die Bühne gestellt. Der Krieg brachte eine Art Examen für unsere Sowjetordnung, unseren Staat, unsere Regierung, unsere Kommunistische Partei und zog das Fazit ihrer Arbeit... " (SW 15, S. 39)336

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