zurück
Einleitung
Drei Etappen im Leben und Werk Stalins
Im Leben und Werk des Genossen Stalin müssen drei große Etappen unterschieden werden:
In der Zeitspanne von 1898 bis zum Tod Lenins im Januar 1924 war Stalin in erster Linie ein Praktiker der Revolution. Er hat vor allem unter der Arbeiterbewegung des Kaukasus für die erste russische Revolution, für den Sturz der Diktatur des Zarismus gekämpft. Nach mehreren Jahren der Verbannung entwickelte sich Stalin dann in den Stürmen der sozialistischen Oktoberrevolution 1917 unter Lenins Anleitung selbst zu einem führenden Kader der Kommunistischen Partei und des Proletariats Rußlands. Von wesentlicher Bedeutung war danach hauptsächlich seine dreijährige Tätigkeit als politisch-militärischer Stratege in der Zeit des Bürgerkriegs und der ausländischen Intervention von 1918 bis 1920.In theoretischer Hinsicht war Stalin Spezialist für die nationale Frage und verfaßte vor allem den programmatischen Beitrag „Marxismus und nationale Frage" im Jahr 1913. Ansonsten hat er auf eigenständige Weise im Kern die von Lenin entwickelten Grundlagen popularisiert. Er war also in dieser Zeit nicht hauptsächlich als Theoretiker aktiv, der Bücher von Opportunisten oder anderen bürgerlichen Publizisten durchgearbeitet und widerlegt hat. In gewissem Sinne eine Ausnahme bildete seine Schrift „Anarchismus oder Sozialismus", die in einer Artikelserie in verschiedenen bolschewistischen Zeitungen in Georgien von Dezember 1906 bis April 1907 veröffentlicht wurde. Dennoch wird diese Einschätzung nicht widerlegt, denn Stalin hat nicht die Geschichte des Anarchismus aufgearbeitet, sondern sich drei oder vier Schriften einer Gruppe von Anarchisten aus Tiflis herausgegriffen, die damals populär und Anhänger Kropotkins waren. Diese Bewertung der theoretischen Aktivitäten Stalins in dieser Zeit kann anhand der Bände 1 bis 5 der Werke Stalins, die die Zeitspanne September 1901 bis Ende 1923 umfassen, überprüft werden.
In der Zeitspanne von 1924 bis 1939 war Stalin in Theorie und Praxis der führende Genosse an der Spitze der KPdSU(B), die Diktatur des Proletariats in der Sowjetunion lenkend und richtungsweisend in die kommunistische Weltbewegung eingreifend. Die klare Vorhutrolle, die Stalin nach dem Tod Lenins Anfang 1924 innehatte, hat er nicht einfach aufgrund seiner Stellung in der Kommunistischen Partei als Generalsekretär errungen. Neben seiner praktischen Rolle beim erfolgreichen Aufbau des Sozialismus im Kampf gegen innere und äußere Feinde hat er sich diese führende Stellung in erster Linie durch die Schrift„ Über die Grundlagen des Leninismus" von 1924 geschaffen. Dieses theoretisch-ideologische Werk war ein zentraler Einschnitt, da dies nicht nur um eine Spezialfrage wie die nationale Frage ging, sondern eben um die Grundlagen des Leninismus. Es ging darum, aus dem riesigen Werk Lenins, das Stalin umfassend gekannt und beherrscht hat, das herauszuarbeiten, was wirklich allgemeingültig ist, und gegen die verschiedensten Abweichungen zu verteidigen. Diese Konsolidierung des Leninismus in der KPdSU(B), nicht nur dem Anspruch nach, sondern auch in der Realität, war die entscheidende theoretische Leistung im Leben Stalins. Seine inhaltliche Autorität in dieser Zeitspanne hat sich Stalin also systematisch erkämpft, zunächst vor allem durch die zentrale Schrift „Über die Grundlagen des Leninismus" und dann vor allem durch die unter seiner Anleitung 1938 erstellte „Geschichte der KPdSU(B) -Kurzer Lehrgang",, einschließlich der auch als Einzelausgabe erschienenen Schrift „Über dialektischen und historischen Materialismus".
Daneben haben noch verschiedene Sammelbände von Stalins Schriften, die vor den Gesammelten Werken herausgegeben wurden, in dieser Zeit eine größere Rolle gespielt. Dabei sind hervorzuheben „Auf dem Wege zum Oktober" (mit Schriften vor allem über die Periode vor der Oktoberrevolution 1917, in zwei Auflagen 1925 erschienen), „Über die Opposition" (mit Schriften von 1921 bis 1927, herausgegeben 1928), „Der Marxismus und die nationale und koloniale Frage" (mit Schriften von 1904 bis 1936, in mehreren Auflagen erschienen). Die verbreitetste Sammlung von Werken Stalins war das Buch „Fragen des Leninismus" (mit Schriften von 1924 bis 1939, in elf Auflagen erschienen). Ansonsten wurden von Stalin vor allem theoretische Fragen weiterentwickelt, die Lenin noch nicht so im einzelnen klären konnte, im Verlauf der Praxis der Diktatur des Proletariats in der Sowjetunion wie auch durch die Entwicklung der proletarischen Weltrevolution im Verhältnis zur Revolution in China, zur Revolution in Deutschland und den Revolutionen in anderen Ländern.
In der Zeitspanne von Mitte 1939 bis 1953, also in den letzten 14 Jahren seines Lebens, hat sich Stalin, ganz im Gegensatz zur zunehmenden Lobhudelei, immer mehr, auch auf theoretischem Gebiet, in kollektive Arbeiten eingeschaltet. Bereits der 1938 erschienene „Kurze Lehrgang" ist nicht von Stalin allein geschrieben, sondern unter seiner Anleitung von einer Redaktion einer Kommission des ZK der KPdSU(B) erarbeitet worden. An der Spitze der kollektiven Führung der KPdSU(B) stehend, mußte Stalin in den Leitungskollektiven der Partei viel Energie darauf verwenden, über zwei Millionen Mitglieder bei ihrer Arbeit anzuleiten, und mußte sich während des Zweiten Weltkriegs zum großen Strategen auch auf militärischem Gebiet entwickeln, so daß nicht allzuviel Zeit blieb, theoretische Fragen systematisch zu erforschen. Die Reden, Berichte und Befehle Stalins aus den Jahren des Befreiungskrieges der Sowjetvölker gegen die nazi-faschistischen Räuber wurden im Buch „Über den Großen Vaterländischen Krieg der Sowjetunion" zusammengefaßt, das in fünf Auflagen erschienen ist. In dieser Zeit gab es eine Rote Akademie, es gab Rote Wissenschaftler, theoretische Fragen wurden in kollektiver Arbeit geklärt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in der Sowjetunion fast pausenlos große wissenschaftliche und ideologisch-politische Debatten geführt, 1947 über Fragen der Philosophie, 1948 über solche der Biologie, 1950 über Probleme der Sprachwissenschaft, aber auch über solche der Psychologie, 1951 über Fragen der politischen Ökonomie, die dann zumeist in Lehrbüchern mündeten, die im Kollektiv von Sowjetwissenschaftlern geschaffen wurden. Stalin hat in dieser Zeitspanne mit Diskussionsbeiträgen eingegriffen. Auch die Schriften „Der Marxismus und die Fragen der Sprachwissenschaft" von 1950 und „Ökonomische Probleme des Sozialismus in der UdSSR" von 1952, die im Kampf gegen den aufkommenden Revisionismus innerhalb der KPdSU(B) eine große Bedeutung haben, sind im Grunde Beiträge, mit denen Stalin in konkrete Diskussionen eingegriffen hat. Es besteht eben ein wesentlicher Unterschied zu einem Marx oder Engels, die zwar viele Briefe geschrieben und auch Reden gehalten sowie politische Versammlungen durchgeführt haben, die aber hauptsächlich Wissenschaftler waren und oft den ganzen Tag in Bibliotheken gearbeitet haben. Der konkrete Tagesablauf Stalins hätte dies überhaupt nicht ermöglicht. Stalin hat in dieser Zeit vor allem politische Richtlinien verfaßt, Rückblicke und Perspektiven über die internationale Lage und anstehende Aufgaben dargelegt,
Parteisitzungen geleitet, ausländische Delegationen empfangen und darüber hinaus noch im Rahmen der Kommunistischen Internationale und konkreter Beratungen und Auseinandersetzungen mit einzelnen Kommunistischen Parteien in die kommunistische Weltbewegung eingegriffen.
Machte Stalin keine Fehler?
Bei in Kampf zur Verteidigung Stalins treffen Kommunistinnen und Kommunisten oft auf die Fragen „Glaubt ihr, Stalin hat keine Fehler gemacht?" und „Darf man Stalin nicht kritisieren?".
Es wäre völlig unmarxistisch, davon auszugehen, daß ein an so herausragender Stelle jahrzehntelang kämpfender Genosse wie Stalin, der an so vielen Fronten des Klassenkampfes den Feind unermüdlich geschlagen und die Genossinnen und Genossen sorgfältig erzogen hat, keine Fehler gemacht habe. Gleichzeitig muß jedoch klargestellt werden, daß auch Lenin, Engels und Marx selbstverständlich nicht ohne Fehler, nicht unfehlbar waren, daß prinzipiell kein wesentlicher Unterschied zu diesen besteht.
Die Klassiker des wissenschaftlichen Kommunismus haben in ihren Werken, wenn nötig, Selbstkritik geleistet, und sie gehen auch gegenseitig kritisch auf die Schriften ihrer großen Mitkämpfer bzw. ihrer Vorgänger ein. So benannte Lenin seine Fehler in der Gewerkschaftsfrage, in der Frage des Parlamentsboykotts und in anderen Fragen. Stalin hat zu seiner eigenen Arbeit selbst mehrmals kritisch Stellung genommen und verstand es, seine Fehler selbstkritisch und offen einzugestehen und zu korrigieren.
Stalin widmete der Korrektur seiner Fehler in seinen Frühschriften in der Agrarfrage und in der Frage nach den Voraussetzungen des Sieges der sozialistischen Revolution das Vorwort zum ersten Band seiner Werke. Stalin erklärte dort, wie er als theoretisch ungenügend geschulter Praktiker damals weder die Linie Lenins zur Nationalisierung des Grund und Bodens noch die Linie zum sofortigen Hinüberwachsen der bürgerlichen in die sozialistische Revolution vertreten hat. Zudem ging Stalin in seinem Werk „Anarchismus oder Sozialismus?" falsch davon aus, daß der Sieg des Sozialismus in jenen Ländern unmöglich sei, wo das Proletariat wegen ungenügender kapitalistischer Entwicklung noch nicht die Mehrheit der Bevölkerung bildet.
Unter den konkreten Bedingungen der Zeit nach dem Sieg der sozialistischen Oktoberrevolution gingen Lenin, die Komintern und auch Stalin zunächst davon aus, daß in den westlichen Ländern zuerst die imperialistische Kette reißt, auch wenn der Akzent von Stalin eindeutig gegen den europäischen Chauvinismus gesetzt wird.1 Es zeigte sich jedoch spätestens 1923, daß diese Einschätzung zu optimistisch war, weshalb Stalin in „Über die Grundlagen des Leninismus" diese Fehleinschätzung korrigierte und allgemein formulierte:
„Die Kette der imperialistischen Front muß, als Regel, dort reißen, wo die Glieder der Kette am schwächsten sind, und keinesfalls unbedingt dort, wo der Kapitalismus am entwickeltsten ist und wo es soundso viel Prozent Proletarier, soundso viel Prozent Bauern gibt usw. " (SW 6, S. 87f.)2
Diese von Stalin in seinen Frühschriften gemachten Fehler muß man als die Fehler im „Werke eines jungen Marxisten betrachten, der noch nicht zu einem fertigen Marxisten und Leninisten geworden war", wie Stalin selbst später im Vorwort zum Band 1 unterstreicht 3
- Stalin berichtete auch von gewissen kurzzeitigen Schwankungen im März 1917 kurz vor der Ankunft Lenins aus dem Exil in Rußland. Die Mehrheit der KPdSU(B) konnte sich damals nicht entschließen, sofort den Schritt vorwärts zur sozialistischen Revolution, zur neuen Losung „Alle Macht den Sowjets" zu gehen und schlug eine Politik des Drucks der Sowjets auf die imperialistische Provisorische Regierung in der Frage des Friedens ein. Stalin erklärte dazu 1924 selbstkritisch in einer Rede, die in der „Prawda" vom 26. November 1924 veröffentlicht wurde: „Diese irrige Auffassung teilte ich damals mit anderen Parteigenossen und habe mich von ihr erst Mitte April vollständig losgesagt, als ich mich den Thesen Lenins anschloß. " (SW 6, S. 298) 4
Als oppositionelle Gruppierungen in der Partei 1927 diese Schwankungen noch einmal aufgriffen, ging Stalin erneut darauf ein und stellte im August 1927 (veröffentlicht 1928) gegen verleumderische Behauptungen heraus: „Ich habe mich niemals für unfehlbar gehalten und halte mich nicht für unfehlbar. Nicht nur meine Fehler, auch flüchtige Schwankungen habe ich nie verheimlicht. Aber man darf auch nicht verheimlichen, daß ich nie auf meinen Fehlern beharrt und nie, von meinen flüchtigen Schwankungen ausgehend, eine Plattform, eine besondere Gruppe usw. geschaffen habe." (SW 10, S. 54)5
- In „Zu den Fragen des Leninismus" (Februar 1926)6 und in anderen Schriften kritisierte und korrigierte Stalin eine unklare Formulierung in seinem Werk „Über die Grundlagen des Leninismus", deren Mangel darin bestand, die Frage der „Möglichkeit der Errichtung des Sozialismus mit den Kräften eines Landes" zu vermischen mit der Frage, ob der Sieg des Sozialismus in einem Land die vollständige Garantie gegen eine Intervention und Restauration der bürgerlichen Ordnung bedeuten kann ohne siegreiche Revolution in den ändern Ländern. Aufgrund der Diskussion in der KPdSU(B) hat Stalin dann diese Formulierung in seiner Schrift „Die Oktoberrevolution und die Taktik der russischen Kommunisten" (Dezember 1924)7 abgeändert und richtiggestellt, indem er sie in zwei Fragen zerlegte. Im November 1926 betonte Stalin wiederum gegen opportunistische Strömungen in der KPdSU(B): „Ich halte mich durchaus nicht für unfehlbar. Ich denke, es kann für die Partei nur ein Gewinn sein, wenn ein Fehler, den dieser oder jener Genosse begangen hat, von ihm anerkannt und danach korrigiert wird. " (SW 8, S. 312)8
All dies zeigt, daß Stalin, ebenso wie die anderen Klassiker des wissenschaftlichen Kommunismus, sich selbst nie als unfehlbar betrachtete und auch nie von anderen eine solche Haltung sich gegenüber erwartete oder verlangte. Andererseits darf man es sich mit der Kritik auch nicht zu leicht machen. Für die grundlegenden Schriften Stalins gilt gleichermaßen, was Lenin bereits über solche Hauptwerke wie die Grundschrift von Engels „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates" sagte: „Es ist das eines der grundlegenden Werke des modernen Sozialismus, worin man zu jedem Satz Vertrauen haben, worin man sich darauf verlassen kann, daß kein einziger Satz aufs Geratewohl ausgesprochen, daß jeder auf der Grundlage eines riesigen historischen und politischen Materials niedergeschrieben ist."9
Deswegen wird es häufig so sein, daß leichtfertige Kritiker Stalins, statt Fehler Stalins aufzuzeigen, vor allem ihre eigenen Fehler und Schwächen bloßlegen werden. Lenin schrieb über solche leichtfertigen Kritiker wie Ines Armand, nachdem diese Engels des Opportunismus in der Frage des Generalstreiks bezichtigt hatte: „Ich habe in meinem Leben allzu oft mit angesehen, daß Engels unüberlegt des Opportunismus bezichtigt wurde, und verhalte mich äußerst mißtrauisch dagegen: Versuchen Sie nämlich erst einmal zu beweisen, daß Engels unrecht hatte!! Das können Sie nicht! ... Nein. Nein. Engels ist nicht unfehlbar. Marx ist nicht unfehlbar. Aber um ihre,Fehler ` nachzuweisen, muß man anders zu Werke gehen, wirklich, ganz anders. So aber haben Sie tausendmal unrecht. "10
Lenin stellte sich bei seiner Verteidigung der großen Lehrmeister des Kommunismus also nicht einfach auf den Standpunkt: Marx und Engels sind unfehlbar, also ist jede Kritik von vornherein falsch. Lenin stellte vielmehr klar, daß gerade eine Kritik an Marx und Engels im Zusammenhang mit dem ideologischen Klassenkampf gesehen werden muß, mit den Verleumdungen und unbewiesenen theoretischen Anwürfen der Opportunisten. Daher ist es völlig richtig, von vornherein erst einmal „äußerst mißtrauisch" gegen die „Kritiker" der Klassiker des wissenschaftlichen Kommunismus zu sein und vor allem auf Beweisen zu bestehen und jede unüberlegte und unseriöse Kritik als „tausendmal falsch" zurückzuweisen. Stoßen wir beim Studium der Texte der Klassiker des wissenschaftlichen Kommunismus auf Probleme, so ist die einzig richtige Haltung, zunächst und vorrangig diese Probleme als die eigenen Probleme, als Probleme des eigenen Unverständnisses und des eigenen ungenügenden Niveaus anzusehen und nicht unbedingt als die Probleme von Marx, Engels, Lenin und Stalin. Selbstverständlich enthalten die Werke Stalins auch Passagen, die zumindest aus heutiger Sicht nicht ohne Erläuterung und Debatte verständlich sind. Das gilt - sei angemerkt - ähnlich auch für das Studium der Werke von Marx, Engels und Lenin. Wie bereits gezeigt, erläuterte Stalin selbst an einigen Beispielen, daß er seine Texte nicht für Formalisten geschrieben hat, daß durchaus hier und da etwas modifiziert und erklärt, ja ergänzt und hinzugefügt werden muß. Gerade diese Herangehensweise sollte die Herangehensweise auch an jene Passagen in den Werken Stalins sein, die möglicherweise kontrovers diskutiert werden können. Drei Beispiele seien hier angeführt:
- In seinem letzten großen Beitrag zum wissenschaftlichen Kommunismus, seiner Schrift „Ökonomische Probleme des Sozialismus in der UdSSR", diskutiert Stalin ein Problem aus der Interpretation der Schrift „Über den dialektischen und historischen Materialismus", in der er von „voller Übereinstimmung" des Charakters der Produktionsverhältnisse mit dem Stand der Produktivkräfte geschrieben hat11 und erläutert diesen Gedanken gegen eine wortwörtliche Interpretation gerichtet wie folgt: „Die Worte völlige Übereinstimmung` dürfen nicht im absoluten Sinne aufgefaßt werden. Sie dürfen nicht so aufgefaßt werden, als gäbe es im Sozialismus überhaupt kein Zurückbleiben der Produktionsverhältnisse hinter dem Wachstum der Produktivkräfte. (...) Sie sind so aufzufassen, daß es im Sozialismus gewöhnlich nicht zu einem Konflikt zwischen den Produktionsverhältnissen und den Produktivkräften kommt, daß die Gesellschaft die Möglichkeit hat, die zurückbleibenden Produktionsverhältnisse rechtzeitig mit dem Charakter der Produktivkräfte in Übereinstimmung zu bringen. " (SW 15, S. 342)'12
- Als die opportunistische Opposition vereinzelte Äußerungen Lenins über die Diktatur einer Partei ausnutzte und diese so auslegte, als handle es sich um die Frage Diktatur des Proletariats oder Diktatur der Partei, stellte Stalin klar, daß es Lenin darum ging, daß nur eine Partei die Diktatur (und er meinte in der Tat die Diktatur des Proletariats) führen kann und nicht mehrere Parteien, daß dies der Sinn seiner polemisch verkürzten Formulierung gewesen ist. Wir sind überzeugt, daß diese Interpretationen Stalin völlig richtig sind und daß die Klarstellung der einzelnen, für sich genommenen nicht klaren oder falschen Fonnulierung Lenins insbesondere gerade dann nötig ist, wenn Formalisten daraus theoretisch falsche Positionen konstruieren oder Opportunisten diese für ihre Zwecke nutzen wollen.
-Nehmen wir schließlich noch die heute, nach der Restauration des Kapitalismus in der ehemals von Lenin und Stalin geführten Sowjetunion gewichtige Frage nach der Möglichkeit der „Entartung der Kommunistischen Partei". Der Sache nach ist beim Studium der gesamten Werke Stalins im Grunde klar, daß er die theoretische Möglichkeit der „Entartung" der Kommunistischen Partei einräumt, diese nicht abstreitet, sondern deutlich formuliert. Dabei trennt er diese Frage analytisch richtig von der aktuellen Propaganda der opportunistischen Opposition, die sehr konkret zu einem bestimmten Zeitpunkt von einer „Entartung" der Führung der Partei oder der Partei als Ganzes ausging oder sie für die unmittelbare Zukunft für real möglich hielt. In dieser Polemik gegen derartiges konterrevolutionäres Geschwätz gibt es Formulierungen Stalins, welche die „Entartung" der Kommunistischen Partei für die Gegenwart und unmittelbare Zukunft ausschließen. In einer Situation, in der Trotzki 1923, ohne konkrete Anhaltspunkte zu nennen, vor der „Gefahr der Entartung der alten Garde" der KPR(B) gewarnt hatte, entgegnete Stalin deshalb in einem damals in der „Prawda" veröffentlichten Beitrag völlig richtig, er sei „ ... keineswegs der Meinung, daß die alten Bolschewiki vor der Gefahr der Entartung absolut gesichert seien (...). Die Möglichkeit einer solchen Gefahr, die eventuell eintreten könnte, kann und muß zugegeben werden. Aber bedeutet das denn, daß die Gefahr real vorhanden ist? Ich denke, das bedeutet es nicht. Auch Trotzki selbst hat ja keinerlei Tatsachen angeführt, die von der Gefahr einer Entartung als einer realen Gefahr zeugen würden. " (SW 5, S. 337)'13
Gegen die „Smena-Wech-Leute", eine Strömung der neuen Bourgeoisie in der Sowjetunion, die 1925 behauptete, „die Kommunistische Partei werde zwangsläufig entarten", polemisierte Stalin in seinem politischen Rechenschaftsbericht an den XIV. Parteitag der KPdSU(B) 1925:
„Ich will die Behauptung von der Entartung unserer Partei nicht widerlegen. Es lohnt sich nicht, eine Dummheit zu widerlegen. Unsere Partei entartet nicht und wird nicht entarten. " (SW 7, S. 297)14
Stalin begründete dies im Anschluß wie folgt:
„Unsere Kader, die jungen wie die alten, wachsen in ideologischer Hinsicht. Es ist unser Glück, daß es uns gelungen ist, Lenins Werke in mehreren Auflagen erscheinen zu lassen. Jetzt liest man, lernt und beginnt zu begreifen. Nicht nur die Führer, sondern auch die Durchschnittsmitglieder der Partei beginnen zu begreifen, und lassen sich nichts mehr vormachen. Mit Geschrei über Entartung wird man jetzt niemand mehr einschüchtern. Die Leute werden sich selbst ein Urteil bilden. Man kann schreien, soviel man will, man kann versuchen, mit Zitaten bange zu machen, soviel man will, unsere einfachen Parteimitglieder werden sich das anhören und sich selbst ein Urteil bilden, weil sie jetzt Lenins Werke zur Hand haben. (Beifall.) Diese Tatsache ist eine der Hauptgarantien dafür, daß unsere Partei den Weg des Leninismus nicht verlassen wird. " (Ebenda)
In einer Zeit, in der die Massen der einfachen Parteimitglieder selber Lenin studiert hatten, ideologisch gewachsen waren und sich nichts mehr vormachen ließen, war die Gefahr der Verbürgerlichung der Kommunistischen Partei eben nicht sehr groß und kein aktuelles reales Problem. In der zunehmenden kommunistischen Bewußtheit sah Stalin zu Recht eine Hauptgewähr dafür, daß die Kommunistische Partei den kommunistischen Weg weitergehen würde.
Verläßt man den Rahmen dieser konkreten Polemik, können Formalisten in der Tat solche einzelnen Formulierungen Stalins gegen die theoretischen Analysen Stalins ausspielen - allerdings um den Preis der Verfälschung einer wissenschaftlich-kommunistischen Herangehensweise.15
Man mag darüber streiten, ob Stalin (wie auch Lenin im oben angeführten Beispiel) es uns nicht hätten leichter machen können, indem sie auch in polemischen Situationen immer hundertprozentig exakt alle möglichen Entstellungen und Fehlinterpretationen ausgeschlossen hätten. Aber es ist nun einmal so, daß keine Kommunistin und kein Kommunist der Welt immer sofort und ohne Fehl und Tadel druckreif formulieren, wenn sie oder er polemisiert, und jeder kommunistische Kader hat einen geschulten Kopf auf den Schultern, um diese oder jene Übertreibung in einer Polemik in den richtigen theoretischen Zusammenhang zu stellen. So bleibt nach der Analyse aller Textpassagen Stalins über die mögliche „Entartung"16 der Partei unter dem Strich dreierlei:
1. Stalin hat klar die theoretische Möglichkeit der revisionistischen Umwandlung der Kommunistischen Partei, wenn Revisionisten oder Trotzkisten an die Führung gelangen, eingeräumt.
2. Stalin hat klar die aktuelle Propaganda von der angeblich schon existierenden oder unmittelbar bevorstehenden „Entartung der Kommunistischen Partei" in den 20er und 30er Jahren zu Recht als konterrevolutionäres Geschwätz und Beleidigung der Partei, als Verleumdung zurückgewiesen.
3. In dieser kräftigen aktuellen Polemik Stalins gibt es Formulierungen, die dann falsch würden, wenn sie ohne den eben dargestellten Zusammenhang interpretiert oder gar zur Theorie erhoben würden.
Mit diesem Beispiel wollen wir skizzieren, wie wir ein kommunistisches Studium der Werke der Klassiker des wissenschaftlichen Kommunismus verstehen.
Der Kampf gegen antistalinistische und antikommunistische Vorurteile erfordert Klarheit über Leben und Werk Stalins
Heute ist der Antistalinismus eine, wenn nicht die entscheidende Form des Antikommunismus. Bei fast allen aus der linken, fortschrittlichen Bewegung, die heute Stalin verteufeln, gibt es keine wirkliche Kenntnis über das Werk und das Leben, über Theorie und Praxis von Stalin, ja es gibt geradezu groteske Vorstellungen. Dies soll im folgenden an drei Beispielen verdeutlicht werden.
Besonders bekannt ist der Vorwurf, Stalin habe einen „Personenkult" um seine eigene Person ins Leben gerufen, der Partei aufgezwungen und gefördert. Mit dem demagogischen Schlagwort des „Kampfes gegen den Personenkult" zielte Chruschtschow auf dem XX. Parteitag der KPdSU 1956 darauf ab, Stalin als den führenden Kader der KPdSU(B), der Völker der sozialistischen Sowjetunion und der kommunistischen Weltbewegung zu demontieren, um den Weg frei zu bekommen für die Liquidierung aller revolutionären Errungenschaften, die unter Stalins Führung erkämpft wurden.
Unbestreitbar gab es in der Sowjetunion Übertreibungen und oberflächliche Lobpreisungen Stalins, gab es auch formalistische bis ins floskelhafte gehende Überbewertungen der Verdienste und der Person Stalins. Stalin selbst war jedoch ein Feind jeglichen Personenkults. Stalin hat sehr selbstkritisch von seinen eigenen Leistungen und Fehlern gesprochen und Übertreibungen oder gar Lobhudeleien bekämpft.
In einem Brief vom 16. Februar 1938 an den Verlag ,;Djetisdaf` (Kinderbuchverlag) beim ZK des Komsomol hat sich Stalin zum Beispiel gegen die Veröffentlichung eines ihm zur Begutachtung vorgelegten Buches über seine Person gewandt. In diesem Brief heißt es unter anderem.
„Ich wende mich entschieden gegen die Veröffentlichung der ,Erzählung über Stalins Kindheit'.
Das Buch enthält eine unzählige Menge von unwahren Tatsachenbehauptungen, von Entstellungen, Übertreibungen und unverdienten Lobpreisungen. Die Autoren haben die Liebhaber von Erzählungen irregeführt, sie sind Lügner (vielleicht auch gutwillige Lügner) und Speichellecker. Das ist bedauerlich für die Autoren, aber Tatsache bleibt Tatsache.
Aber das ist nicht der wichtigste Punkt. Der wichtigste Punkt liegt darin, daß das Buch die Tendenz besitzt, im Bewußtsein der sowjetischen Kinder (und der Menschen überhaupt) den Personenkult, den Führerkult, den Kult um unfehlbare Helden zu verankern. Das ist gefährlich und schädlich.“ 17
Und 1946 schrieb Stalin dem Oberst der Roten Armee, Prof. Dr. Rasin, der Stalins Leistungen im Zweiten Weltkrieg nach dem Überfall der Nazi-Wehrmacht des deutschen Imperialismus auf die Sowjetunion überschwenglich lobte:
„Das Ohr verletzen auch die Lobeshymnen auf Stalin - es ist einfach peinlich, sie zu lesen. " (SW 15, S. 58) 18
Eine unterwürfige Haltung und Einstellung gegenüber seiner Person als auch gegenüber anderen Personen lehnte Stalin als nicht kommunistisch ab.
Interessanterweise ließ Stalin eine Reihe seiner Äußerungen, die in verschiedenen Briefen verstreut waren, erstmals 1946 in die Ausgabe seiner Werke mit aufnehmen, um sie als seine Haltung der Öffentlichkeit, den Mitgliedern der KPdSU(B), der Arbeiterklasse und den Völkern der Sowjetunion klarzumachen. Dies war sicher auch eine Warnung an jene hundertprozentigen Lobhudler in der Partei, auch wenn sie wie Chruschtschow noch nicht entlarvt waren, die damit ihre feindlichen Aktivitäten geschickt versteckten und mit ihren widerlichen Übertreibungen dem wirklichen Kampf für die Festigung der Diktatur des Proletariats schadeten.
Um solchen Stimmungen entgegenzutreten wurde erstmals in den seit 1946 herausgegebenen Werken Stalins ein Brief aus dem Jahr 1926 aufgenommen, worin sich Stalin gegen aufkommende Floskeln des Personenkults wendet. Stalin betonte, daß auch er sich nur als Schüler Lenins verstehe und das von andern ebenso erwarte:
„Ich bin dagegen, daß Sie sich als ‚Schüler Lenins und Stalins ` bezeichnen. Ich habe keine Schüler. Bezeichnen Sie sich als Schüler Lenins (...). Aber Sie haben keinen Grund, sich als Schüler des Schülers von Lenin zu bezeichnen. Das ist falsch. Das ist überflüssig. " (SW 9, S. 133)19
Ebenso wurde ein Brief von 1930 erstmals in den 1946 auf russisch herausgegebenen Werken Stalins veröffentlicht, worin es heißt:
„Sie sprechen von Ihrer , Ergebenheit' mir gegenüber. Mag .sein, daß Ihnen diese Worte nur zufällig entschlüpft sind. Mag sein (...). Sollten Ihnen aber diese Worte nicht zufällig entschlüpft sein, so würde ich Ihnen raten, das Prinzip' der Ergebenheit gegenüber Personen über Bord zu werfen. Das ist nicht bolschewistische Art. Seien Sie der Arbeiterklasse; ihrer Partei, ihrem Staat ergehen. Das ist notwendig und gut. Aber verwechseln Sie diese Ergebenheit nicht mit der Ergebenheit gegenüber Personen, mit diesem hohlen und unnützen intelligenzlerischen Phrasengeklingel. " (SW 13, S. 17)20
Stalin brandmarkte also wiederholt den Personenkult als das Werk von Unterwürfigen, wenn nicht sogar von Lügnern und Speichellekkern, als zutiefst dem wissenschaftlichen Kommunismus widersprechend und sehr schädlich für die bolschewistische Arbeit.
Fest steht, daß der Kampf gegen den Personenkult, gegen Tendenzen zur Lobhudelei und zur Übertreibung der Rolle Stalins, zu Lebzeiten Stalins energischer und tiefgehender hätte geführt werden und vor allem jene doppelzünglerischen Kräfte wie Chruschtschow und seinesgleichen hätte treffen müssen. Fest steht aber auch, daß es erwiesenermaßen vor allem und an erster Stelle Stalin war, der dieser schädlichen Erscheinung entschieden entgegengetreten ist.
Ein zweites bekanntes Beispiel der Verleumdung des Genossen Stalin besteht darin, ihm zu unterstellen, er hätte jegliche innerparteiliche Diskussion und Kritik sofort erstickt. Stalins Devise sei gewesen, Leute, die nicht seine Linie vertraten oder nicht im richtigen Takt klatschten, sofort aus der Kommunistischen Partei „hinauszujagen".
Unbestreitbar gab es gewisse Tendenzen des Bürokratismus bei einer Reihe von Kadern der KPdSU(B) oder auch in anderen Parteien der kommunistischen Weltbewegung. Wenn jedoch jemand gegen bürokratische Tendenzen in der Kommunistischen Partei gekämpft hat, dann war es Stalin.
Während Stalin die Politik des „Hinausjagens" in der eigenen Partei stets bekämpft hat 21, gab er seine Erfahrungen im innerparteilichen Kampf auch als Ratschläge an andere Kommunistische Parteien weiter, wie etwa in einem Brief an einen Genossen der KPD:
„Ich bin entschieden gegen die Politik des Hinausjagens aller andersdenkenden Genossen. Ich bin nicht darum gegen eine solche Politik weil ich mit den Andersdenkenden Mitleid hätte, sondern darum, weil eine solche Politik in der Partei ein Regime des Einschüchterns, ein Regime des Furchteinflößens, ein Regime erzeugt, das den Geist der Selbstkritik und der Initiative tötet. " (SW 7, S. 38)22
Ein drittes Beispiel für einen völlig unberechtigten Vorwurf, der Stalin von allen offenen Antikommunisten unterstellt wird, aber auch von manchen Pseudomarxisten, ist die revisionistische Phrase „Die Partei hat immer recht" oder „Die Partei macht keine Fehler". Dieses revisionistische Motto wurde durch die SED in Liedform „Die Partei, die Partei, die hat immer recht" in der DDR eingeführt und propagiert. Das war eine groteske Übernahme preußischreaktionärer Auffassungen, die innerhalb der Arbeiterbewegung, leider auch in den Reihen der kommunistischen Kader, zu viele Anhänger hatte.
Stalin hat solchen reaktionären Unsinn niemals vertreten, sondern hat im Gegenteil diese revisionistische Losung entschieden bekämpft und bewiesen, daß diese auf Einschüchterung berechnete Parole völlig dem Geist der bolschewistischen Partei widerspricht, da sie zur Liquidierung von Selbstkritik führen würde. Stalin bekämpfte dieses Motto „Die Partei hat immer recht", das ursprünglich von Trotzki propagiert wurde, um die bolschewistische Partei in eine bürokratische Partei unter seiner Herrschaft umzuwandeln. Er verteidigte zugleich, zum Beispiel in seinem Schlußwort auf dem XIII. Parteitag der KPdSU(B) 1924, das revolutionäre Verhältnis der Kommunistischen Partei zu ihren Fehlern gegen Trotzki:
„Die Partei, erklärt Trotzki, macht keine Fehler. Das stimmt nicht. Die Partei macht nicht selten Fehler. Iljitsch lehrte uns, daß man die Partei an Hand ihrer eigenen Fehler lehren muß, richtig zuführen. Würde die Partei keine Fehler machen, so wäre nichts da, an Hand dessen man die Partei lehren könnte. Unsere Aufgabe besteht darin, diese Fehler herauszufinden, ihre Wurzeln bloßzulegen und der Partei der Arbeiterklasse zu zeigen, welche Fehler wir begangen haben und wie wir diese Fehler in Zukunft vermeiden können. Ohne das wäre eine Entwicklung der Partei unmöglich. Ohne das wäre die Heranbildung von Führern und Kadern der Partei unmöglich, denn sie werden im Kampf gegen ihre eigenen Fehler, in Überwindung dieser Fehler herangebildet und erzogen. " (SW 6, S. 203)23
Die Herausgabe dieser Biographie24 soll ein Beitrag sein, um mit den bürgerlichen und antikommunistischen Vorurteilen aufzuräumen und über Leben und Werk Stalins Klarheit zu schaffen und inhaltsvolle Kenntnisse zu vermitteln, um ein vertiefendes Studium der Originalschriften Stalin 25 zu erleichtern und dazu zu ermuntern.
weiter