Neuntes Kapitel
Das Kornilow-Abenteuer
1.
Die Vorbereitung zur Militärdiktatur
Die Analyse des Verlaufs der Revolution, wie sie Stalin auf dem 6. Parteitag der Bolschewiki gegeben hatte, wurde bald durch die stürmische Entwicklung der Ereignisse bestätigt.
Die verräterische Taktik der Kompromißler in den Julitagen entfesselte die Kräfte der Konterrevolution. Bestrebt, den Zeitverlust wieder aufzuholen, ging die Bourgeoisie zum offenen Angriff über. Eine Reihe bolschewistischer Zeitungen wurde verboten. Die revolutionären Truppenteile von Petrograd und anderen Garnisonen wurden an die Front geschickt. Man beeilte sich, den Widerstand des Proletariats zu brechen, noch bevor es sich wieder aufraffte. Die Losung der Konterrevolution war: alles wieder auf die Zustände der «guten alten Zeit» zurückzuschrauben.
Die Anhänger der Konterrevolution gingen, durch die Kompromißler in den Julitagen gerettet, nicht nur gegen die Bolschewiki, sondern auch gegen die kleinbürgerlichen Führer sehr energisch vor. Wie Lenin vorausgesagt hatte, wurde nicht nur die Hetze gegen die bolschewistische Partei verschärft, sondern auch gegen alle demokratischen Errungenschaften, darunter auch gegen die Sowjets.
Die Bourgeoisie sprach offen von der Notwendigkeit, die Dinge rückwärts zu wenden, auf eine Bahn, die schon der Vergangenheit des Landes angehörte. Am 20. August erklärte Purischkewitsch in der «privaten Beratung der Mitglieder der Reichsduma», diesem legalen Zentrum der Konterrevolution:
«Solange Rußland keinen Diktator erhält, der mit weitgehenden Machtbefugnissen ausgestattet ist, solange der Oberste Rat nicht aus den besten russischen Generalen besteht, die von der Front verjagt sind, die ihr Leben für das Vaterland eingesetzt haben solange wird es keine Ordnung in Rußland geben.»1
Dieser Diener der Monarchie schwatzte in seinem Jähzorn oftmals sehr viel aus. Auch diesmal lüftete Purischkewitsch das Geheimnis der Bourgeoisie. Rodsjanko, der Vorsitzende der Beratung, beeilte sich, den Fehler des allzu offenherzigen Reaktionärs zu korrigieren: «Ich bin damit entschieden nicht einverstanden und bin der Meinung, daß die Reichsduma, sogar in einer privaten Beratung, am allerwenigsten der Ort ist, um sich auf den Standpunkt der Aufforderung zu irgendeinem Staatsstreich, der Aufforderung zur Aufrichtung irgendeiner Diktatur zu stellen, die bekanntlich niemals durch einen Aufruf errichtet wird, sondern spontan entsteht in dein Augenblick, wo sie zur Notwendigkeit geworden ist. »2
Rodsjanko, der den allzu schwatzhaften und übereiligen Konterrevolutionär zu beschwichtigen suchte, führte ihm gleichzeitig vor Augen, daß man über die Diktatur nicht viel Worte verlieren darf, sondern daß man sie sorgfältig vorbereiten muß.
«Das Land suchte nach einem «Namen»3 - so gab der General Denikin die allgemeine Stimmung der Konterrevolution wieder. Zu einem solchen «Namen» konnte eine Zeitlang der Name Kerenskis werden. Er hatte sehr entschlossen mit den Bolschewiki abgerechnet, die revolutionären Regimenter entwaffnet, die Todesstrafe an der Front eingeführt. Von ihm war auch in Zukunft zu erwarten, daß er die Pläne der Bourgeoisie durchführen werde, er schien auch den verbündeten Imperialisten annehmbar zu sein. Bei seinem Bestreben, die bolschewistische Bewegung zu unterdrücken und sich die Armee gefügig zu machen, verlangte Kerenski von den «Verbündeten» weniger als die weiter rechts stehenden Kandidaten. Buchanan schrieb über Kerenski sehr deutlich:
«Er trat für die Fortsetzung des Krieges bis zum Ende ein, wies aber jeden Gedanken an Eroberung zurück, und während Miljukow den Erwerb Konstantinopels als eines der Kriegsziele Rußlands hinstellte, lehnte er (Kerenski. Die Red.) energisch jede Solidarität mit ihm ab. »4
Mit Kerenskis Hilfe konnte England die Fortsetzung des Krieges erreichen, auch wenn es Konstantinopel, das die «Verbündeten» seinerzeit dem Zaren versprochen hatten, nicht hergab. Aber gegen Kerenski waren die Generale und die Führer der bürgerlichen Parteien. Sie fürchteten den Umstand, daß Kerenski den Sowjets nahestand, und hatten kein Zutrauen zu seinen persönlichen Eigenschaften. Iodsjanko und seine Freunde hielten es für besser, sich auf einen Haudegen zu stützen, statt auf einen Politiker. Es war die Rede vom General Alexejew, man dachte an den Admiral Koltschak, als aber Kornilow zum Höchstkommandierenden ernannt wurde, hörte das Suchen auf. Der «Name» war gefunden. «Kornilow ist ein weit stärkerer Mann als Kerenski; wenn er seinen Einfluß in der Armee festigen könnte und wenn diese zu einer starken Kampfkraft würde, dann wäre er der Herr der Lage»5, schrieb Buchanan.
Die Konterrevolution stellte diesen General eifrig in den Vordergrund.
Kornilow war der Sohn eines zaristischen Beamten und keineswegs ein Bauer und Kosak, für den er sich in seinen Aufrufen an das Volk und die Armee ausgab. Nach Beendigung der Generalstabsakademie diente er im Fernen Osten und in Mittelasien. 1914 befehligte er die 48. Division an der österreichischen Front. In den Augustkämpfen bei Lemberg verlor er 22 Geschütze und viele Gefangene. Der General Brussilow, der damals die 8. Armee befehligte, wollte Kornilow wegen dieser Niederlage sogar absetzen, beließ ihn aber, in Anbetracht seiner persönlichen Tapferkeit, in der Division. Im April 1915, als die österreichisch-ungarische Armee die Russen aus Galizien verjagte, verstand es Kornilow nicht, den Rückzug seiner Regimenter zu organisieren. Die Oesterreicher umzingelten den größeren Teil der Division und forderten ihn auf, die Waffen zu strecken. Kornilow weigerte sich, machte aber auch keinen Versuch, sich durch die Reihen des Feindes durchzuschlagen. Er verließ mit seinem Stab die Division, die er selbst in die Falle hineingeführt hatte, und flüchtete in die Wälder. Nach vier Tagen ergab sich der General den Oesterreichern. Ein Brigadekommandeur der 48. Division, General Popowitsch-Lipowatz, der in den gleichen Kämpfen verwundet wurde, teilte im April 1915 die Wahrheit über das schmähliche Verhalten Kornilows mit. Aber Popowitsch erhielt den Befehl, zu schweigen, und der Oberbefehlshaber der Armeen der Südwestfront, General Iwanow, beantragte sogar eine Auszeichnung für Kornilow. Eine «Siegesmeldung» wurde fabriziert und der Großfürst Nikolai Nikolajewitsch berichtete dem Zaren über die «Heldentat» Kornilows. Später, im Herbst 1916, wurde alles Material über die Kapitulation der Division zusammengesucht und Kornilow mit der Aufforderung zugestellt, sich darüber zu äußern, aber der General schwieg hartnäckig und sandte erst 10 Monate später, als er bereits zum Höchstkommandierenden ernannt war, einen Bericht, der vom Stabschef der 48. Division verfaßt war. Jetzt wagte aber niemand mehr von den alten Sünden des Höchstkommandierenden zu reden.
Kornilow floh aus der Gefangenschaft mit Hilfe eines Lazarett-Sanitäters, den er bestochen hatte. Der General übertrieb stark die Schwierigkeiten seiner Flucht, als er diese am 3. September 1916 einem Mitarbeiter der Zeitung «Nowoje Wremja» schilderte: «Ich sah, wie die Hütte, in die mein Kamerad hineinging, von österreichischen Gendarmen umzingelt wurde, nach wenigen Minuten hörte ich Schüsse: mein Kamerad verwickelte sich in eine Schießerei mit den Feinden, aber die Kräfte waren ungleich, und er fiel.»6
In Wirklichkeit fiel der tschechische Sanitäter Franz Mruak nicht und verwickelte sich auch nicht in eine Schießerei. Er geriet zufällig in die Hände eines Gendarmen, wurde verhaftet und erzählte vor Gericht über die Einzelheiten der Flucht und das Versprechen Kornilows, ihm für seine Hilfe in Rußland 20 000 Goldkronen zu zahlen.
Die Erzählungen Kornilows spielten eine gewisse Rolle. Mangels greifbarer Beweise für die Tapferkeit ihrer Generale «idealisierten» die zaristischen Würdenträger die Flucht Kornilows und schufen ihm, mit Hilfe einer Legende, einen «Namen». Kornilow erhielt das XXV. Armeekorps an der Westfront, wo er sich bis zur Februarrevolution befand. In Petrograd bewies Kornilow, als Befehlshaber des Militärbezirks, während der Aprildemonstration große Entschlußfähigkeit: auf seinen Befehl sollte Artillerie gegen die Arbeiter eingesetzt werden. Die Bourgeoisie wurde sofort auf die «Fähigkeiten» des draufgängerischen Generals aufmerksam. Vielleicht meinte sie, er sei ein ganz guter Kandidat für einen Napoleon. Buchanan, der über die Vorgänge in den Regierungskreisen gut unterrichtet war, erzählte unter Berufung auf Tereschtschenko:
«Die Regierung traf Maßnahmen, um dieser Zumutung (des Sowjets. Die Red.) entgegenzutreten, indem sie die Macht des Generals Kornilow, des Befehlshabers der Petrograder Garnison. stärkte.»7
Als Gutschkow Kriegsminister war, wollte er Kornilow zum Oberbefehlshaber der Nordfront machen. Anfang Mai wurde dieser in die Spitze der 8. Armee an der Südwestfront gestellt. Kornilow, dem es nicht an einer gewissen Tapferkeit mangelte, vermochte eine kleinere Truppe durch sein persönliches Beispiel in den Kampf mitzureißen.
General Brussilow, der während des Krieges Gelegenheit hatte, die militärische Tätigkeit Kornilows zu beobachten, stellte ihm folgendes Zeugnis aus:
«Das ist der Kommandeur einer verwegenen Partisanenabteilung, weiter nichts.»8 Größere Truppenverbände zu führen, war er nicht imstande. Das zeigte sich denn auch während der Junioffensive in der 8. Armee. Kornilow verankerte nicht rechtzeitig den Anfangserfolg, vermochte die Befehle der Frontleitung nicht auszuführen, und die 8. Armee floh in der gleichen Panik wie die übrigen. Die ganze Schuld an dem Mißerfolg wälzte Kornilow auf die Revolution ab. Dabei wurde er von dem Armeekommissar, dem Marineingenieur Stabskapitän Filonenko und besonders von dem Frontkommissar B. W. Sawinkow, einem rechten Sozialrevolutionär, unterstützt.
An Sawinkow kann man besonders deutlich die ganze Geschichte der Partei der Sozialrevolutionäre verfolgen. Sawinkow war Terrorist, Mitglied der Kampforganisation, Teilnehmer an einer Reihe von Attentaten gegen zaristische Würdenträger. Nach der Revolution von 1905 zog sich Sawinkow von der politischen Arbeit zurück und betätigte sich literarisch. Aus seiner Feder stammt der Roman «Das fahle Roß», worin ein ehemaliger Bombenattentäter die Revolution begeifert, wie viele andere Intellektuelle, die nach 1905 vor den Schwierigkeiten des Kampfes zurückschreckten. Am besten charakterisierte sich dieser Abenteurer durch seinen eigenen Wahlspruch: «Es gibt keine Moral, es gibt nur Schönheit». Während des Krieges trat Sawinkow für die imperialistische Losung ein: «Krieg bis zum siegreichen Ende». Nach der Februarrevolution bezog er eine äußerst rechte Stellung unter den Sozialrevolutionären und forderte «eine starke Macht». Buchanan schrieb über ihn: «Sawinkow ist ein leidenschaftlicher Verfechter entschiedener Maßnahmen sowohl zur Wiederherstellung der Disziplin als auch zur Unterdrückung der Anarchie; man erzählt sich von ihm, daß er Kerenski um Erlaubnis gebeten habe, mit ein paar Regimentern in den Taurischen Palast einzudringen und den Sowjet zu verhaften.»9 Sawinkow billigte den Versuch Kornilows, den Bolschewiki die Schuld am Mißlingen der Offensive zuzuschieben. Auch Filonenko half dein General dabei. Wer Filonenko war, kann man aus der nachstehenden Soldatenresolution ersehen: «Die Vollversammlung der Soldaten und Offiziere der 9. Panzerwagendivision hat die Frage des Oberleutnants M. M. Filonenko, zurzeit Kommissar der Provisorischen Regierung beim Hauptquartier, erörtert und folgendes beschlossen: dem Kriegsminister Kerenski, dem Arbeiter- und Soldatensowjet sowie dem Exekutivkomitee des Sowjetkongresses ist zur Kenntnis zu bringen, daß sich die gesamte frühere Tätigkeit Filonenkos, als er Offizier in der Division war, in systematischer Soldatenschinderei äußerte, wobei er den Soldaten gegenüber keine anderen Ausdrücke gebrauchte als ,Trottel', ,Dummkopf' usw. und die Prügelstrafe anwendete gegenüber dem Gefreiten Rasin. Während er Adjutant war, wendete er ohne Erlaubnis des Abteilungskommandeurs die Prügelstrafe an, ausschließlich auf seine Stellung gestützt, darauf, daß niemand wagte, seinen Prügelmethoden, mit denen er stets drohte und die er zynisch propagierte, sowie dem unglaublichsten beleidigenden Vorgehen gegen die Soldaten, die er als minderwertige Wesen betrachtete, entgegenzutreten. Wir sind daher angesichts dieser seiner Tätigkeit der Meinung, daß Filonenko nicht den Posten des Kommissars einer revolutionären Regierung bekleiden darf.»10
Sawinkow und Filonenko meinten, dieser General, der nicht mit dem äußeren Feind fertig werden konnte, werde im Kampf gegen den inneren Feind größere Fähigkeiten an den Tag legen. Die beiden Kommissare setzten die Ernennung Kornilows zum Oberbefehlshaber an der Front durch. Sawinkow schrieb aus diesem Anlaß: «Durch die Ernennung Kornilows zum Oberbefehlshaber der Truppen der Südwestfront ist ein planmäßiger Kampf gegen die ‚Bolschewiki' möglich geworden.»11
Kornilow rechtfertigte das Vertrauen der Konterrevolution. Durch die offene Sympathie der bürgerlichen Elemente ermutigt, ging der General daran, die frühere Knüppeldisziplin in der Armee wieder herzustellen. Er verlangte ultimativ die Einführung der Todesstrafe an der Front. Kerenski gab sofort nach und verfügte am 12. Juli telegraphisch die Einführung der Todesstrafe an der Front.
Kornilow sandte Telegramme an den Ministerpräsidenten Lwow na Kerenski und Rodsjanko, in denen er ultimativ Ausnahmemaßnahmen forderte. Am 9. Juli befahl Kornilow allen Truppenbefehlshabern, diejenigen Formationen, die eigenmächtig ihre Stellung verlassen, mit Maschinengewehren und Geschützen zusammenzuschießen. Das sozialrevolutionär-menschewistische Exekutivkomitee der Südwestfront unterstützte Kornilow und telegraphierte an Kerenski:
«Heute wurde vom Oberbefehlshaber der Südwestfront und dein Befehlshaber der 11. Armee finit Zustimmung der Kommissare und Komitees der Befehl erteilt, auf Flüchtende zu schießen.»12
Die Telegramme und Befehle Kornilows wurden von allen bürgerlichen Zeitungen dienstfertig nachgedruckt. Kornilow wurde in der Presse als ein Mann bezeichnet, der fähig sei, der Revolution Einhalt zu gebieten. Auch die Regierung selbst war nicht abgeneigt, in der Niederschlagung der Revolution weiterzugehen, aber sie fürchtete, die Massen gegen sich aufzubringen. Desto bereitwilliger kam sie dem Anwärter auf die Stellung eines Diktators entgegen.
«Als der General Kornilow zum Höchstkommandierenden ernannt wurde - schrieb der General Denikin in seinen Erinnerungen -, hörte das weitere Suchen auf. Das Land nannte - die einen voller Hoffnung, die anderen mit feindseligem Argwohn - den Namen des Diktators.»13
Nachdem die Reaktion einen «Namen» gefunden hatte, ging sie daran, die öffentliche Meinung zu bearbeiten. In riesiger Auflage wurde eine besondere Broschüre unter dein Titel verbreitet: «Der erste Höchstkommandierende aus dem Volke, Generalleutnant Lawr Georgiewitsch Kornilow». In der Broschüre wurde ausgeführt, daß General Kornilow aus dem Volke stamme und daß das Volk ihn jetzt zu seinem Höchstkommandierenden gewählt habe. Ueber die kriegerischen Heldentaten des Generals verbreitete sich der Verfasser ohne jeden Skrupel. So schrieb er über die Kapitulation der 48. Division, den Oesterreichern sei «ein winziges Häuflein von Menschen, die schattenähnlich waren, in die Hände gefallen - sieben Mann. Unter ihnen befanden sich der schwer verwundete Kornilow und ein verwundeter Sanitäter».14
In Wirklichkeit gerieten, wie durch Dokumente festgestellt worden ist, mehr als 6000 Mann in Gefangenschaft, und Kornilow selbst, der seine Division ihrem Schicksal überließ, ergab sich nach vier Tagen; seine Wunde erwies sich als ganz belanglos. Der Verfasser dieser Lobeshymne war W. S. Sawoiko, der vertraute Freund und Mitarbeiter Kornilows.
Der General selbst fand sich in der Politik nicht zurecht. Die gesamte politische Arbeit leistete bei ihm und für ihn Sawoiko, der Sohn eines mit einem Landgut im Gouvernement Podolsk belohnten Admirals. Sawoiko war Adelsmarschall im Kreis Gaisin. Dort kaufte er bei den Polen Güter auf, die zum Zwangsverlauf kamen, ließ die Wälder abholzen und verkaufte das Land an die Bauern. Durch diese Bodenspekulation raffte Sawoiko ein gewaltiges Vermögen zusammen. Während der Revolution von 1905 zwang dieser gerissene Spekulant, der die Zerstörung seines Gutshofes fürchtete, die Bauern der Ortschaft Dunajewzy, ihn mit samt seinen Söhnen unter die Bauern aufzunehmen. Die örtlichen Behörden bestätigten dieses schlaue Manöver nicht, aber es erwies sich auch als überflüssig, da die Bauernbewegung niedergeschlagen wurde. Sawoiko spekulierte dann mit Naphta, er war Vertreter der Firma Nobel und leitender Direktor der Gesellschaft «Emba und Kaspien». Er beschäftigte sich auch mit Bankoperationen und beteiligte sich, gemeinsam mit Protopopow, an der Herausgabe des Schwarzhunderter-Blattes «Russkaja Wolja». Im Mai 1917, nach der Ernennung Kornilows zum Befehlshaber der 8. Armee, trat Sawoiko als Freiwilliger in eines der Regimenter der «Wilden Division» ein, blieb aber beim Armeestab als Ordonnanz Kornilows. Als geschickter Spekulant, der Verbindung zu Presse- und Industriekreisen hatte, entfaltete Sawoiko eine umfassende Reklame. Er veröffentlichte Telegramme an Kornilow, druckte zweifelhafte Dokumente ab, verfertigte Biographien, schrieb die meisten Befehle und Aufrufe des Oberbefehlshabers. Kornilow selbst erzählte später über Sawoiko:
«Er beherrscht glänzend die Feder, deshalb beauftragte ich ihn mit der Abfassung derjenigen Befehle und Schriftstücke, die einen besonders kraftvollen, künstlerischen Stil erforderte. »15
Die «Künste» Sawoikos beschränkten sich nicht auf den Stil. Miljukow schrieb. obwohl er selbst ein Komplize des Kornilowabenteuers war, ganz offen:
«Kornilow verschweigt jedoch, daß sich der Einfluß Sawoikos nicht nur auf den Stil, sondern auch auf den Inhalt der von Kornilow erlassenen politischen Dokumente selbst erstreckte. »16 Die politischen Gefährten Kornilows machten ihm nicht nur Reklame, sondern arbeiteten auch an der ernsthafteren Vorbereitung des Staatsstreiches. In den großen Städten hatten sie schon lange im der Aufstellung ihrer Organisationen gearbeitet. Ueberall wurden Geheimverbände gegründet, in die man vor allein die Offiziere und die Kadetten der Militärschulen hineinzog. Die Hauptstadt wimmelte von Geheimbünden, die zur Unterstützung der Konterevolution von innen her bereitstanden, sobald die bewaffneten Kräfte die Stadt erreichen würden.
Ende Juli wurde in Petrograd das sogenannte «Republikanische Zentrum» organisiert, mit dem Ziel, die Tätigkeit aller Petrograder militärischen Organisationen zusammenzufassen. Die Zusammensetzung dieser Organisation war unbestimmt, sie umfaßte Offiziere, Beamte usw. Der Vorsitzende des Verbandes war ein Ingenieur namens Nikolajewski, hinter dem große Bankiers und Industrielle standen. Sie hatten Angst, in die Organisation einzutreten, versorgten sie aber eifrig mit Geld. Mit Hilfe dieser Gelder gelang es dein «Republikanischen Zentrum», Anhänger zu werben. Denikin erzählt in seinen Erinnerungen, daß das «Republikanische Zentrum» in seiner Militärsektion viele kleinere Militärorganisationen vereinigte. Im Hauptquartier selbst bildete sich unter dem unmittelbaren Schutz des Höchstkommandierenden das Hauptkomitee des Offizierverbandes. Denikin sagt, daß dieses Komitee «keinerlei politische Programme verfocht, sondern sich zum Ziel setzte, in der Armee den Boden und die Kräfte für die Aufrichtung der Diktatur zu schaffen, des einzigen Mittels, das nach der Meinung des Offizierkorps das Land noch retten konnte.»17
Anfang August wurde ein Mitglied des Komitees des Offizierverbandes, der Oberst Sidorin, in das «Republikanische Zentrum» entsandt, um die Kräfte beider Organisationen zusammenzufassen.
Umfassenden Anteil nahm an allen diesen Vorbereitungen die aus Offizieren zusammengesetzte Militärliga, die schon vorher Alexinski gefeiert hatte, als er gegen Lenin seine schmutzige Beschuldigung der Spionage erhob. Die Mitglieder der Liga sandten an den Admiral Koltschak eine Sympathiekundgebung, als ihn die Matrosen aus Sebastopol verjagten.
Das alles waren die Keime der künftigen weißgardistischen Organisationen. Die Kader für die Armee der Konterrevolution wurden ausgebildet.
Aber diese fieberhaften Vorbereitungen für die Militärdiktatur mußten auch politisch verankert werden. Man brauchte ein starkes gesamtrussisches Zentrum, das an die Spitze der Bewegung treten und sie in den Augen der breitesten Schichten rechtfertigen sollte. Die Provisorische Regierung beschloß, fern vom revolutionären Petrograd, in Moskau, eine Reichsberatung einzuberufen. Unter dein Schutz der Sozialrevolutionäre und Menschewiki sollte die Beratung in Moskau das konterrevolutionäre Programm der Regierung bestätigen und ihren Vorstoß gegen die Arbeiter und Bauern billigen.
Die Beratung wurde in Moskau zusammenberufen. Die alte 1-lauptstadt schien der Bourgeoisie ruhiger als das brodelnde Petrograd.
Kurz vor der Reichsberatung, die Lenin als «eine konterrevolutionäre imperialistische Beratung» bezeichnete, fand in Moskau am 3. August der 2. Allrussische Handels- und Industriekongreß statt. Dort versammelte sich die gesamte «Elite» der konterrevolutionären Bourgeoisie. Schon dort sprach man offen von der Notwendigkeit entschlossener Maßnahmen, um die Arbeiter, Bauern und Soldaten zur Räson zu bringen. Um die Stimmung zu schüren, rief Rjabuschinski, einer der größten Kapitalisten, auf dem Kongreß aus: «Wann wird endlich, nicht der Sklave von gestern, sondern der freie russische Bürger aufstehen? Möge er nicht länger zögern, denn ganz Rußland erwartet ihn ... Möge sich die kraftvolle Kaufmannsnatur in ihrer ganzen Größe entfalten. Leute des Handels! Es gilt, die russische Erde zu retten.»18
Auf dem Kongreß hielt der Minister für Handel und Industrie, Prokopowitsch, eine Begrüßungsansprache. Die Kaufleute und Fabrikanten empfingen den linken Kadettenminister mit ironischen Zwischenrufen und Gelächter.
Die Konterrevolution benutzte den Handels- und Industriekongreß zur Schaffung der so genannten «Beratung von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens», die faktisch ein Stab der Konterrevolution war. Dort sammelten sich die wichtigsten Führer der Kadetten, der Oktobristen und der offenen Monarchisten: Rodsjanko, die Generale Alexejew, Brussilow, Kaledin, Judenitsch u. a., Miljukow, Maklakow, Kischkin, insgesamt etwa 300 Personen. Die Sitzungen waren vertraulich. Pressevertreter wurden nicht zugelassen. Am 9. August sandte die «Beratung» ein von Rodsjanko unterschriebenes Telegramm an Kornilow: «In der bangen Stunde schwerer Prüfungen blickt das ganze denkende Rußland voller Hoffnung und Vertrauen auf Sie. Möge Gott Ihnen bei Ihrem großen Werk der Wiedererrichtung einer machtvollen Armee zur Rettung Rußlands beistehen.»19
Die «Beratung» nahm Berichte über die politische, finanzielle, wirtschaftliche und militärische Lage entgegen. Zu den politischen Fragen faßte die «Beratung» eine Resolution mit der Forderung: «Eine einheitliche und kraftvolle Zentralgewalt muß mit dem System der verantwortungslosen Mißwirtschaft von kollegialen Körperschaften in der Staatsverwaltung Schluß machen; die Forderungen der einzelnen Völkerschaften müssen auf das gesetzliche und rechtmäßige Ausmaß beschränkt werden.»20
Die Resolution verlangte weiter, daß die Konstituierende Versammlung in Moskau zusammentreten solle. In der Militärfrage wurde das Programm Kornilows angenommen. Zum Schluß wählte die «Beratung» ein ständiges Büro zur weiteren Organisierung aller gesellschaftlichen Kräfte. Zu diesem Büro gehörten Rodsjanko, Rjabuschinski, Struve, Miljukow, Maklakow, Schingarjow, Schidlowski, Schulgin, Kischkin, Kutler und vom Offizierverband Nowosilzew. Kurz, unter dem Deckmantel einer «Beratung von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens», schlossen sich alle bürgerlichen und Gutsbesitzer-Parteien zusammen. Aus dieser «Beratung» gingen die künftigen großen Organisationen der Konterrevolution hervor, das «rechte» und das «nationale» Zentrum, die später eine bedeutende Rolle in der Konterrevolution Koltschaks und Denikins spielen sollten.
Die Reichsberatung wurde am 12. August eröffnet. Die Zusammensetzung der Reichsberatung selbst bestimmte auch deren konterrevolutionäres Wesen. Von den Reichsdumas aller vier Legislaturperioden waren 488 Mann anwesend, von den Sowjets und öffentlichen Organisationen 129. Die Stadtdumas erhielten 129 Sitze, die Semstwos 118, die Handels- und Industriekreise sowie die Banken 150, die wissenschaftlichen Organisationen 99, Heer und Flotte 177, die Geistlichkeit 24, die nationalen Organisationen 58, die Bauern 100, die Genossenschaften 313, die Gewerkschaften 176 usw. Es versammelten sich die alten Generale und die Spitzen des Offizierkorps, die kadettischen Professoren, Bischöfe, Staatsbeamten, Genossenschaftler. Es fanden sich auch die Vertreter der Bourgeoisie ein mit Rjabuschinski an der Spitze, dem gleichen Rjabuschinski, der den Volksmassen Hunger und Elend angedroht hatte, falls sie nicht auf ihre Forderungen verzichten würden.
Die Bolschewiki beschlossen, die «Reichsberatung» durch eine Deklaration zu entlarven und sie dann zu verlassen. Die sozialrevolutionär-menschewistische Leitung des Zentralexekutivkomitees der Sowjets schloß jedoch die Bolschewiki aus der Delegation aus, weil sie fürchtete, die Kundgebung der «Einigung aller lebendigen Kräfte des Landes» könne durch sie gestört werden.
Die bolschewistische Partei beschloß, zur Entlarvung und Bekämpfung der konterrevolutionären «Reichsberatung» einen eintägigen Generalstreik in Moskau zu organisieren. Unter den gegebenen Verhältnissen war dies die zweckmäßigste Kampfform. Das Zentralkomitee der bolschewistischen Partei forderte die Arbeiter in seinem Aufruf auf, keinerlei Straßenaktionen zu veranstalten und sich nicht provozieren zu lassen, da die Bourgeoisie solche Aktionen ausnutzen könnte, um mit Waffengewalt über die Arbeiterklasse herzufallen. Die Moskauer Proletarier folgten begeistert dein Aufruf der Partei. Trotz des Widerstandes der sozialrevolutionär-menschewistischen Mehrheit des Moskauer Sowjets, die den Streik verbot, legten am Tage der Eröffnung der Reichsberatung in Moskau, den 12. August, mehr als 400 000 Mann die Arbeit nieder. Die Bourgeoisie konnte sich sinnfällig überzeugen, hinter wein die Arbeiterklasse in Wirklichkeit stand. Die Kampfbereitschaft der Moskauer Proletarier mäßigte den Eifer der Vertreter der Bourgeoisie. Sie waren vor den revolutionären Stürmen Petrograds in das «ruhige» Moskau geflüchtet, aber auf den Straßen des «friedlichen Moskaus erreichte sie der gleiche revolutionäre Sturm.
Der Umsturz zugunsten der Militärdiktatur wurde für den Augenblick der Eröffnung der Reichsberatung vorbereitet. Die Presse hob Kornilow in den Himmel, streute ihm Weihrauch. Die Offizierschüler, die am Großen Theater, wo die «Beratung» tagte, Wache standen, wurden mit scharfen Patronen versehen. Kosaken wurden von der Front nach Moskau beordert.
Die Reden auf der Reichsberatung enthüllten die wahren Absichten der Bourgeoisie. Hier gab nicht mehr Kerenski den Ton an. Als er auf die Juliereignisse anspielte und allen drohte, die ihre Hand, «sei es von links oder von rechts», nach der Macht ausstrecken, hatten diejenigen, die zum Schlag gegen die Revolution rüsteten, nur ein zweideutiges Lächeln für ihn übrig. Die hysterischen Drohungen Kerenskis vermochten die Bourgeoisie nicht zu schrecken. Sie hatte genügend überzeugende Beweise dafür in der Hand, daß der «Sozialist» Kerenski Mittäter bei dem geplanten Gewaltstreich gegen die Revolution war.
Der wirkliche Führer aller reaktionären Kräfte dieser Zusammenrottung war Kornilow. Er traf zwei Tage nach der Eröffnung der «Beratung» in Moskau ein. Auf dem Alexander-Bahnhof wurde lein General ein äußerst feierlicher Empfang bereitet. Kornilow wurde auf Händen getragen. «Im Glauben an Sie sind wir alle, ist ganz Moskau einig»21, so begrüßte ihn der Kadett Roditschew.
Die Millionärin Morosowa fiel vor Kornilow auf die Knie. Kornilow drohte in seiner Rede offen mit dein Fall Rigas, deutete an, daß er den Deutschen den Weg auf Petrograd öffnen werde und forderte die Wiederherstellung der Disziplin in der Armee, die Uebertragung der Befehlsgewalt auf die Vorgesetzten und die Hebung des Ansehens der Offiziere. Der Anwärter auf die Stelle eines Diktators verlangte die Einführung der Todesstrafe nicht nur an der Front, sondern auch im Hinterland, die Militarisierung der Eisenbahnen, der Fabriken und Werke, die für den Heeresbedarf arbeiteten.
Das Programm der Diktatur war nicht die Schöpfung Kornilows allein. An seiner Aufstellung hatten auch Sawinkow und Filonenko bereits Ende Juli im Hauptquartier mitgearbeitet. Zum ersten mal hatte Kornilow sein Programm Kerenski am 3. August, zum zweiten mal in erweiterter und verbesserter Form am 10. August eingehändigt. Aber Kerenski zögerte mit der Antwort.
«Dort wurde eine ganze Reihe von Maßnahmen dargelegt - so erklärte Kerenski sein Zaudern -, die in ihrer großen Mehrheit durchaus annehmbar waren, aber so redigiert und so begründet wurden, daß ihre Veröffentlichung die entgegen gesetzten Folgen gezeitigt hätte.»22
Unmittelbar vor der Reichsberatung übten die Kadetten einen Druck auf Kerenski aus. Am 11. August morgens erklärte ihm F. Kokoschkin, die Partei der «Volksfreiheit» werde ans der Regierung austreten, wenn das Programm Kornilows nicht angenommen würde. Eine neue Krise wurde dadurch vermieden, daß die Provisorische Regierung am gleichen Tage den Forderungen Kornilows vom 3. August im wesentlichen zustimmte. Was wogen nach alledem die Drohungen Kerenskis gegen die «Anschläge» auf die Macht? Der Führer der «revolutionären Demokratie», wie ihn die Kompromißler nannten, nahm von vornherein an der Vorbereitung der Konterrevolution teil.
Am ausführlichsten entwickelte auf der Reichsberatung der General Kaledin das Programm der Konterrevolution. Der Hetman der Kosakentruppen forderte frech: «1. Die Armee muß außerhalb der Politik stehen, alle Meetings und Versammlungen mit ihren Parteikämpfen und Streitigkeiten sind zu verbieten. 2. Alle Sowjets und Komitees müssen, sowohl in der Armee als auch im Hinterland, abgeschafft werden. 3. Die Deklaration der Rechte des Soldaten muß revidiert und durch eine Deklaration seiner Pflichten ergänzt werden. 4. Die Disziplin in der Armee muß durch die entschlossensten Maßnahmen gehoben und gefestigt werden. 5. Das Hinterland und die Front bilden ein einheitliches Ganzes, das die Kampffähigkeit der Armee sichert; alle zur Festigung der Disziplin an der Front erforderlichen Maßnahmen müssen auch im Hinterland angewandt werden. 6. Die disziplinarischen Befugnisse der Vorgesetzten müssen wiederhergestellt, den Führern der Armee muß die volle Macht gewährt werden.»23
Unter anderem betonte Kaledin in seiner Rede, daß die Kosaken die gleichen Kosaken, die man so oft der Konterrevolution beschuldigte - am 3. bis 5. Juli die Regierung gerettet hätten. Mit soldatischer Offenheit plauderte Kaledin auf der Moskauer Beratung aus, daß es gerade die «sozialistischen» Minister waren, die am 3. Juli die Kosaken zu Hilfe riefen. Und niemand wagte es, Kaledin entgegenzutreten, niemand erhob Protest, als er die Menschewiki und Sozialrevolutionäre verhöhnte. Von dem Kosakenhetman entlarvt, krümmten sich die Kompromißler ängstlich, aber sie schwiegen. «Ein Kosakengeneral hat ihnen ins Gesicht gespuckt, sie aber wischten sich bloß ab und sagten: Es regnet»24,
schrieb Lenin über diese Rede Kaledins.
Auf der Beratung sprachen Tschcheidse, Zereteli, Plechanow, die ihre alten Kompromißlerrezepte präsentierten. Kornilow, Kaledin, Rodsjanko rüsteten sich, die Revolution im Blute des Proletariats zu ertränken, die Kompronißler aber riefen nach wie vor zur Koalition mit den Totengräbern der Revolution auf, Zereteli drückte auf der Tribüne dem Kapitalisten Bublikow die Hand. Die Generale und Kaufleute klatschten diesem moralischen Sturz eines «Sozialisten» Beifall und begrüßten das Bündnis der Menschewiki mit den Kornilowleuten. Sowohl unmittelbar vor, als auch während der Moskauer Beratung führte die Bourgeoisie hinter den Kulissen Verhandlungen mit
Kornilow, um die Beseitigung der Provisorischen Regierung und die Uebernahme der Macht in ihre eigenen Hände vorzubereiten. Aber der Streik der Moskauer Arbeiter hatte der Reaktion gezeigt, daß eine sofortige Aktion gegen die Revolution etwas verfrüht war. Miljukow erschien am 13. August bei Kornilow mit dem Vorschlag, noch zu warten. Das gleiche wiederholte er gegenüber Kaledin. Beide Generale stimmten zu. Die Reichsberatung erfüllte nicht die Hoffnungen ihrer Veranstalter. Der Plan des Staatsstreichs scheiterte. Es zeigte sich, daß die Volksmassen auf der Hut waren. Die Reaktion entschloß sich, ihre Kräfte in jeder Hinsicht und besser vorzubereiten.
2.
Die Bourgeoisie beginnt den Bürgerkrieg
Kornilow reiste in das Hauptquartier zurück, das sich von dieser Zeit an in den Mittelpunkt aller konterrevolutionären Absichten und Pläne verwandelte. Dort sammelten sich aus allen Gegenden die Vertreter des alten Regimes und versprachen den Generalen ihr Geld und ihre Unterstützung. Auf Kornilow stellten sich die Ententevertreter ein, die sich bereits überzeugt hatten, daß sie durch ihre Mitwirkung an der Palastverschwörung vom Februar die russische Armee für sich nicht gerettet hatten. Jetzt hofften sie, durch die Teilnahme an der Verschwörung Kornilows das russische Heer an der Front zu halten, damit der Krieg fortgesetzt werde. Die Verschwörung Kornilows wurde offen vorbereitet und zur Reife gebracht. Um die Aufmerksamkeit von ihr abzulenken, setzte man das Gerücht von einem geplanten Aufstand der Bolschewiki in Umlauf. In den bürgerlichen und kleinbürgerlichen Zeitungen wimmelte es von Andeutungen und «Mitteilungen» über eine bolschewistische Verschwörung. Das Kadettenblatt «Rjetsch» nannte sogar den Tag der Aktion - den 27. August - genau ein halbes Jahr nach Beginn der Revolution. Die Provisorische Regierung, mit Kerenski an der Spitze, arbeitete den Kornilowleuten in die Hand, indem sie die ganze Wucht ihrer Schläge gegen die Bolschewiki richtete. Ein Provokationsplan wurde ausgearbeitet. Man rechnete darauf, daß am Tage der halbjährigen Wiederkehr des Revolutionsbeginns Demonstrationen stattfinden würden. Sollte dies nicht der Fall sein, so sollte der Hetman Dutow mit seinen Kosaken einen bolschewistischen Aufstand «vordemonstrieren». Die Regierung sollte den Befehl zur Niederwerfung dieses «bolschewistischen» Aufstandes erteilen. Dann sollten von Kornilow vorher bereitgestellte Truppen in Petrograd einmarschieren und vor allen Dingen die Partei der Bolschewiki, nebenbei aber auch die Sowjets und überhaupt sämtliche revolutionär-demokratischen Organisationen zerschmettern.
Kornilow hatte eine fertige Liste seiner Regierung. Bei seiner späteren Vernehmung sagte er über die endgültige Zusammensetzung der geplanten Regierung folgendes aus:
«Am 26. August, nach Abschluß der Tagung der Frontkommissare versammelten sich in meinem Arbeitszimmer Filonenko, W. S. Sawoiko und A. F. Aladjin ... Es wurde ein Entwurf für den Rat der nationalen Verteidigung' bestehend aus dein Höchstkommandierenden als Vorsitzenden, A. F. Kerenski als stellvertretenden Minister, N. Sawinkow, dem General Alexejew, dem Admiral Koltschak und M. F. Filonenko aufgestellt. Dieser Rat der Verteidigung sollte eine kollektive Diktatur verwirklichen, da die Aufrichtung einer persönlichen Diktatur als unerwünscht betrachtet wurde. Für die übrigen Ministerposten waren in Aussicht genommen: S. G. Tachtamyschew, Tretjakow, Pokrowski, Graf lgnatiew, Aladjin, Plechanow, G. J. Lwow und Sawoiko. »25
Um die Aufmerksamkeit der Arbeiter und Bauern einzuschläfern, arbeiteten die Verschwörer zwei demagogische Verordnungen aus. Die eine über die Erhöhung des Arbeitslohnes für die Eisenbahner und Postangestellten, um wenigstens deren zeitweilige Neutralität zu erlangen, die andere über den Boden: den aktiven Teilnehmern am Krieg gegen Deutschland wurde die Zuteilung von Land versprochen.
Zum entscheidenden Schlag rüstend, unternahmen die Kornilowleute alles, uni Petrograd mit ihren Anhängern, vor allein aus dem Offizierkorps, zu überschwemmen. Man beschloß, eine besondere Truppenabteilung gegen Petrograd zu entsenden, um die Stadt im geeigneten Augenblick zu besetzen. Bereits am 13. August traf in Mohilew der Kommandeur des III. Kavalleriekorps, General Krymow, ein, der gleiche, der an der «Palastverschwörung» am Vorabend der Februarrevolution teilgenommen hatte. Kornilow betraute Krymow mit der Leitung der Expedition gegen die revolutionäre Hauptstadt. Krymow erhielt den Auftrag, beim Empfang der ersten Nachrichten über eine Erhebung der «Bolschewiki» unverzüglich Petrograd zu besetzen, den Belagerungszustand zu verhängen, die Truppen der Garnison zu entwaffnen, die Sowjets auseinanderzujagen, ihre Mitglieder zu verhaften, Kronstadt zu entwaffnen usw.
Am 19. August wurde die Drohung, die Kornilow auf der Reichsberatung ausgesprochen hatte, wahr gemacht. Riga wurde an die Deutschen ausgeliefert, und der Zugang zu Petrograd lag offen. Selbstverständlich schob das Hauptquartier Kornilows die ganze Schuld auf die Soldaten. Aber Riga ist von den Generalen ausgeliefert worden. Das wird unwiderleglich bewiesen durch das Telegramm des rumänischen Botschafters Diamandi an seinen Regierungschef Bratianu. Der Botschafter telegraphierte über seine Unterredung mit Kornilow «Der General fügte hinzu, daß die Truppen Riga auf seinen Befehl geräumt haben und zurückgegangen sind, weil er es vorzog, Territorium zu verlieren, anstatt die Armee zu verlieren. Der General Kornilow rechnet auch auf den Eindruck, den die Einnahme Rigas auf die öffentliche Meinung machen wird, um die sofortige Wiederherstellung der Disziplin in der russischen Armee zu erreichen.»26
Tatsächlich gab der Fall Rigas Kornilow die Möglichkeit, bei der Provisorischen Regierung erneut und energisch darauf zu drängen, das längst aufgestellte Programm durchzuführen. Namentlich forderte der General, daß ihm der Petrograder Militärbezirk in operativer Hinsicht unterstellt werde. Die Provisorische Regierung ging auf diese Forderung ein, lediglich mit der Einschränkung, daß Petrograd und seine Umgebung der Befehlsgewalt des Hauptquartiers entzogen und unmittelbar dem Kriegsminister unterstellt werden; darauf hatte besonders Kerenski bestanden. Am 24. August fuhr Sawinkow ins Hauptquartier und teilte Kornilow mit, daß die Provisorische Regierung das «Memorandum» des Generals angenommen habe. Sawinkow stimmte der Forderung zu, das III. Kavalleriekorps angesichts «möglicher» Verwicklungen in die Nähe von Petrograd zu überführen. Das III. Kavalleriekorps, dem auch die «Wilde Division» angehörte, setzte sich gegen die Hauptstadt in Marsch.
Die Ereignisse rollten heran, sie nahmen für die Revolution einen drohenden Charakter an. Am 25. August wurde aus dem Hauptquartier ein Telegramm an den Hetman Kaledin in Nowotscherkask gerichtet, das eine berittene Kosakendivision über Moskau nach Finnland beorderte. Das in Finnland befindliche 1. Kaukasische Kavalleriekorps erhielt den Befehl, gegen Petrograd zu marschieren. Von der Front wurden etwa 3000 Offiziere in aller Eile ins Hauptquartier berufen, unter dem Vorwand, neue Typen von Minen- und Bombenwerfern kennen zu lernen. Es wurde ersucht, nur zuverlässige, nach Möglichkeit aktive Offiziere zu entsenden. Den Ankommenden wurde erklärt, es handle sich nicht um Ausbildungsfragen, sondern in Petrograd stehe eine Erhebung der Bolschewiki bevor, Kornilow habe mit Zustimmung Kerenskis Kosakentruppen nach der Hauptstadt entsandt, möglicherweise werde sich Kornilow zeitweilig zum Diktator ausrufen müssen. Allen Offizieren wurde versprochen, daß man je 5 bis 10 Offizierschüler zu ihrer Verfügung stellen würde, sie erhielten Tagegelder und wurden «zur Wiederherstellung der Ordnung» nach Petrograd geschickt. Am 27. August erhielten die Truppen des III. Armeekorps des Generals Krymow den Befehl, im Falle einer Zerstörung der Eisenbahnstrecken in feldmarschmäßiger Ordnung auf Petrograd zu marschieren.
Die revolutionäre Hauptstadt war von einem Ring umschlossen. Es schien, daß man alles vorausgesehen hatte. Im Hauptquartier hoffte man auf einen raschen Erfolg. Man nahm an, daß niemand sich zur Verteidigung der Provisorischen Regierung erheben würde. «Niemand wird Kerenski verteidigen. Es handelt sich um einen bloßen Spaziergang, alles ist vorbereitet»27, so schrieb später der General Krasnow über die Stimmung im Hauptquartier während der Kornilowtage. Die Provisorische Regierung war über die Vorbereitungen des Höchstkommandierenden unterrichtet. Kerenski beeilte sich, alle Forderungen Kornilows zu erfüllen, um seine Vorkehrungen zu erleichtern. Ein Zeuge der Ereignisse, der General Alexejew, bestätigte diesen Umstand in einem Brief an Miljukow:
«Die Aktion Kornilows war kein Geheimnis für die Regierungsmitglieder. Diese Frage wurde von Sawinkow, Filonenko und durch ihre Vermittlung mit Kerenski besprochen.»28
Aber das Ausmaß der Bewegung erschreckte den Spießgesellen Kornilows. Kerenski begriff, daß Kornilows Aktion die Massen aufrütteln würde, daß die Armee und die Bauernschaft sich gegen die Konterrevolution erheben würden. Kerenski, die Sozialrevolutionäre und die Menschewiki fühlten, daß die revolutionäre Welle zugleich mit Kornilow auch alle Kompromißler wegspülen würde. Deshalb nahen Kerenski, als er von der Aktion Kornilows benachrichtigt wurde, einen jähen Frontwechsel vor und beschloß, Maßnahmen gegen den «Rebellen» zu ergreifen. Die politische Berechnung der sozialrevolutionär-menschewistischen Verräter war eindeutig: sie wollten zeigen, daß Kornilow gegen ihren Willen auf Petrograd marschiere, sie wollten die Arbeiter überzeugen, daß die Menschewiki und Sozialrevolutionäre die Revolution «verteidigten», sie wollten sich selbst als Revolutionäre hinstellen, um dadurch ihr Ansehen zu lieben. Kerenski hatte auch rein persönliche Beweggründe. Er wußte, daß «das Land einen Namen sucht» und hielt seinen eigenen «Namen» durchaus für geeignet. Schon seit langem beobachtete er mißtrauisch, wie Kornilow in den Vordergrund rückte, er hatte sogar versucht ihn abzusetzen, aber die bürgerlichen Organisationen hatten sich dagegen gewandt. Der englische Botschafter gab eine gute Schilderung von der Rivalität der beiden Anwärter auf die Stelle eines Diktators, als er am 3. September in sein Tagebuch schrieb:
«Kerenski, dem der Kopf in letzter Zeit ein wenig schwindelte, und dem man spöttisch den Namen der kleine Napoleon' gab, bemühte sich aus Leibeskräften, sich in seine neue Rolle hineinzufinden, er nahm gewisse Posen an, die Napoleon bevorzugte und zwang seine beiden Adjutanten, während der ganzen Beratung neben ihm zu stehen. Mir scheint, daß Kerenski und Kornilow einander nicht sehr lieben, aber die wichtigste Garantie für uns besteht darin, daß mindestens im gegenwärtigen Zeitpunkt keiner von beiden ohne den anderen auskommen kann. Kerenski kann nicht auf die Wiederherstellung der Militärmacht ohne Kornilow rechnen, den einzigen Mann, der die Armee in seine Hand nehmen kann. Gleichzeitig kann Kornilow nicht ohne Kerenski auskommen, der trotz seiner sinkenden Popularität der einzige Mann ist, der mit größtem Erfolg zu den Massen sprechen und sie dazu bringen kann, den energischen Maßnahmen zuzustimmen, die im Hinterland ergriffen werden müssen, wenn die Armee eine vierte Winterkampagne durchmachen soll.»29
Kornilow selbst war der gleichen Meinung, daß man eine Zeitlang mit Kerenski rechnen müsse. Der General nahm Kerenski nicht von ungefähr in die Liste seiner neuen Regierung auf. Die politischen Ratgeber Kornilows - Sawoikow, Sawinkow, Filonenko - versicherten ihm, daß ein gemeinsames Vorgehen mit Kerenski möglich sei.
Kerenski hörte von der Vorbereitung der Verschwörung im Hauptquartier, konnte aber die Einzelheiten nicht kennen. Am 22. August erschien bei ihm das ehemalige Regierungsmitglied W. N. Lwow, der ihm erzählte, daß «einige Gruppen des öffentlichen Lebens» eine Umbildung des Kabinetts empfehlen. Auf die Frage Kerenskis, wen Lwow damit meine, spielte dieser auf das Hauptquartier an. Kerenski begriff, daß er mit Hilfe Lwows die Einzelheiten der Verschwörung erfahren könne und beschloß, sich dieser Vermittlung zu bedienen. Am 24. August erschien Lwow bei Kornilow und gab ihm zu verstehen, daß er auf Vorschlag des Ministerpräsidenten gekommen sei; Kerenski wünsche die Meinung des Generals über die Lage im Land zu erfahren. Kornilow beschied den Vermittler für den 25. August zu sich. Am nächsten Vormittag übergab der Höchstkommandierende Lwow folgende Forderungen:
1. Verhängung des Kriegszustandes über Petrograd;
2. Rücktritt sämtlicher Minister, der Ministerpräsident nicht ausgenommen, und Uebergabe der provisorischen Leitung der Ministerien an die stellvertretenden Minister, bis zur Bildung eines Kabinetts durch den Höchstkommandierenden.
Lwow wurde am 26. August um 7 Uhr abends von Kerenski im Winterpalast empfangen. Dieser glaubte nicht an die Erzählung Lwows und ersuchte ihn, die Forderungen Kornilows schriftlich niederzulegen. Dann ließ sich Kerenski um 8.30 Uhr abends durch direkte Leitung mit Kornilow verbinden und forderte auch Lwow auf, dem Gespräch beizuwohnen. Lwow verspätete sich und Kerenski beschloß, mit Kornilow nicht nur in seinem eigenen Namen, sondern auch für den abwesenden Lwow zu sprechen.
«Kerenski: Guten Tag, Herr General. Hier sprechen Wladimir Nikolajewitsch Lwow und Kerenski. Wir bitten zu bestätigen, daß Kerenski entsprechend der von Wladimir Nikolajewitsch überbrachten Information handeln kann.
Kornilow: Guten Tag, Alexander Fedorowitsch. Guten Tag, Wladimir Nikolajewitsch. Ich bestätige erneut die Darstellung der Lage, in der sich das Land und die Armee nach meiner Meinung befinden, die Darstellung, die ich gegenüber Wladimir Nikolajewitsch gemacht habe; ich erkläre erneut, daß die Vorgänge der letzten Tage, und die jetzt bevorstehenden Ereignisse gebieterisch eine völlig eindeutige Entscheidung in allerkürzester Frist erfordern.
Kerenski (für Lwow) : Ich, Wladimir Nikolajewitsch, frage Sie: muß die ganz eindeutige Entscheidung durchgeführt werden, von der ich, wie Sie mich baten, nur Alexander Fedorowitsch streng persönlich in Kenntnis setzen sollte; ohne diese Bestätigung durch Sie persönlich schwankt Alexander Fedorowitsch, mir vollen Glauben zu schenken.
Kornilow: Jawohl, ich bestätige, daß ich Sie gebeten habe, Alexander Fedorowitsch meine dringende Bitte zu übermitteln, nach Mohilew zu kommen.
Kerenski: Ich, Alexander Fedorowitsch, verstehe Ihre Antwort als eine Bestätigung der mir durch Wladimir Nikolajewitsch übermittelten Worte. Es ist mir unmöglich, das heute zu tun und abzureisen, ich hoffe, morgen fahren zu können. Ist Sawinkow erforderlich?
Kornilow: Ich bitte dringend, daß Boris Viktorowitsch zusammen mit Ihnen kommt. Das von mir zu Wladimir Nikolajewitsch Gesagte gilt im gleichen Maße auch für Boris Viktorowitsch. Ich bitte sehr darum, Ihre Abreise nicht länger als bis zum morgigen Tage zu verschieben. Ich bitte Sie, mir zu glauben, daß nur die Erkenntnis des verantwortungsvollen Ernstes der Situation mich zwingt, Sie so dringend zu bitten.
Kerenski: Sollen wir nur im Falle der Aktionen kommen, von denen die Gerüchte sprechen, oder in jedem Fall?
Kornilow: In jedem Fall.
Kerenski: Auf Wiedersehen, wir treffen uns bald. Kornilow: Auf Wiedersehen.»30
Nach Beendigung dieses Gesprächs traf Kerenski auf der Treppe Lwow und bat ihn zu sich. Im Nebenzimmer hielt sich der Gehilfe des Oberkommandeurs der Miliz, Balawinski, verborgen. Kerenski veranlaßte Lwow, seinen Bericht in Anwesenheit des unsichtbaren Zeugen zu wiederholen. Nachdem er auf diese provokatorische Weise eine Bestätigung der Vorschläge Kornilows erhalten hatte, erklärte Kerenski plötzlich Lwow für verhaftet. Er selbst eilte in die Sitzung der Provisorischen Regierung. Der Ministerpräsident berichtete über das Verhalten Lwows, legte alle Telegraphenstreifen der Unterhaltungen vor und verlangte für sich außerordentliche Vollmachten zum Kampf gegen den Kornilowschen Aufruhr. Das Auftreten Kerenskis war für die Kadettenminister ein Blitz aus heiterem Himmel. Alle wußten von der Verschwörung. Alle hatten die Aktion erwartet und vorbereitet, und nun schied plötzlich das Haupt der Regierung aus dem Spiele aus. Die Kadetten bemühten sich, den Konflikt «ohne viel Gerede und Aergernis» beizulegen. Miljukow suchte Kerenski zu beweisen, daß die reale Macht auf seiten Kornilows sei, der patriotisch handle und von allen «lebendigen Kräften des Landes» unterstützt werden müsse. Miljukow und der General Alexejew machten in Besprechungen mit dem Ministerpräsidenten die größten Anstrengungen, um die «Mißverständnisse» zu beseitigen und eine Verständigung zwischen Kerenski und Kornilow zu erzielen. Die Kadettenminister Kokoschkin, Jurenjew, Oldenburg und Kartaschew erklärten abermals ihren Rücktritt, um damit Kornilow die Durchführung seines Planes zu erleichtern.
Die Kadettenzeitung «Rjetsch» suchte in ihrem Leitartikel vom 29. August alles auf ein einfaches Mißverständnis zurückzuführen; sie stellte sich damit offenkundig auf die Seite Kornilows. Am 30. August erschien die «Rjetsch» mit einer weißen Lücke. Der fertige Leitartikel, in dem sich die Kadetten offen mit Kornilow solidarisierten, mußte in der letzten Minute, nachdem sich die Aussichtslosigkeit des Kornilowputsches herausgestellt hatte, zurückgezogen werden. Der Text des Leitartikels hat sich jedoch im Archiv erhalten. Die Kadetten fragten in diesem Artikel:
«Was soll man auf die Anschuldigung erwidern, die die gegenwärtigen Ereignisse als eine Verschwörung gegen die Revolution hinstellt, mit dem Ziel, sich der Auswüchse der Demokratie zu entledigen? Der General Kornilow ist kein Reaktionär, seine Ziele haben nichts mit den Zielen der Konterrevolution gemein, das geht aus seiner bestimmten Erklärung hervor, die durch die Einfachheit so gut wie irgend möglich den Soldaten charakterisiert, dessen Geist und Herz fern von jeder Hinterlist ist. Der General Kornilow sucht Wege, um Rußland zum Sieg über den Feind und zur Gestaltung des Volkswillens im künftigen Aufbauwerk der Konstituierenden Versammlung zu führen. Es fällt uns um so 1e:chter, uns dieser Formulierung der nationalen Ziele anzuschließen, als wir in den gleichen Ausdrücken schon lange vor dem General Kornilow gesprochen haben . . . Wir fürchten nicht, auszusprechen, daß der General Kornilow die gleichen Ziele verfolgt hat, die wir für die Rettung des Vaterlandes als unerläßlich betrachten.»31
Der Leitartikel der «Rjetsch» rechtfertigt restlos die Charakteristik, die Lenin den Kadetten gegeben hat: «Kornilowleute».
Auch die Ententediplomaten versuchten, die beiden Anwärter auf die Stelle eines Diktators miteinander zu versöhnen: der englische Botschafter Buchanan war über die Verschwörung unterrichtet und unterstützte Kornilow. Mit Wissen Buchanans zogen englische Panzerwagen gemeinsam mit dem III. Armeekorps auf Petrograd.
«Alle meine Sympathien waren auf seiten Kornilows»32, bekannte der Engländer in seinen Memoiren. Die englische Presse suchte sorgfältig, die Teilnahme der Panzerwagen ihres eigenen Landes am Kornilowabenteuer zu verheimlichen. Die offizielle Zeitung «Times» schrieb am 3. Oktober 1917 voller Empörung, die Geschichte mit den Panzerwagen sei eine freie Erfindung und böswillige Verleumdung. Auf Drängen des englischen Botschafters zog die Provisorische Regierung den Redakteur der Moskauer bolschewistischen Zeitung «Sozialdemokrat» wegen «Verleumdung» sogar zur gerichtlichen Verantwortung. Gegenwärtig befindet sich in unseren Händen ein Dokument, das die Verbindung der Engländer finit den Kornilowleuten vollauf bestätigt. Es ist dies das dringende Telegramm eines der führenden Kornilowleute, des Generals Romanowski, vom 28. August: «An den Generalquartiermeister 7. Befehlen Sie unverzüglich dem Kommandeur der britischen Panzerabteilung, sämtliche Kampfwagen, einschließlich der Fiats, mit sämtlichen Offizieren und der Bemannung nach Brovary an den Kommandeur-Leutnant Soames zu senden. Ebenfalls dorthin sind die im Gehöft Dubrowwka befindlichen Kampfwagen zu senden. 6429.»33
Später waren die Imperialisten gezwungen, ihre Teilnahme am Kornilowabenteuer offen zuzugeben. Die amerikanischen Offiziere plauderten in ihrem Streit mit den englischen aus, was diese um jeden Preis geheim halten wollten. Es heißt nicht mit Unrecht, wenn zwei Diebe miteinander streiten, kommt die Wahrheit an den Tag. Der amerikanische Oberst Robins veröffentlichte seine Unterredung mit dem englischen General Knox. Diese Unterredung fand in Petrograd statt, kurz nach dem Scheitern des Kornilowabenteuers. Robins berichtet:
«Er (General Knox. Die Red.) fuhr fort: Sie sollten doch mit Kornilow gehen'; er errötete dabei, weil ihm einfiel, daß mir bekannt war, daß die englischen Offiziere in russischer Uniform auf englischen Tanks dem vormarschierenden Kornilow folgten und beinahe das Feuer auf die Kornilowtruppen eröffnet hätten, als diese sich weigerten, weiter als bis nach Pskow zu marschieren.»34
In den Tagen des Kornilowputsches unternahm der englische General Knox, als Vertreter des englischen Generalstabes bei der Provisorischen Regierung, alles, was in seinen Kräften stand, um dem militärischen Umsturz zum Erfolge zu verhelfen. Und wenn das Kornilowabenteuer zusammenbrach, so ist daran der englische General am allerwenigsten schuld. Kereaski, unterstützt vom Allrussischen Exekutivkomitee der Sowjets, suchte die Verteidigung Petrograds zu organisieren. Aber die einzigen, die den Vormarsch Kornilows wirklich zurückschlagen konnten, waren die Bolschewiki.
3.
Die Niederschlagung des Abenteuers der Generale
Die Partei der Bolschewiki hatte schon seit langer Zeit die Vorbereitungen zum Kornilowputsch verfolgt. Von der Regierung der Kadetten, Menschewiki und Sozialrevolutionäre in die Illegalität getrieben, warnte sie trotzdem die Arbeiterklasse vor dem geplanten Putsch und schlug bereits bei den ersten Nachrichten Alarm. Die Partei wußte, daß die Regierung in die konterrevolutionäre Verschwörung verwickelt war; deshalb rief sie die Massen auf, sich nicht für Kerenski zu schlagen, sondern für die Verteidigung der Revolution, gegen Kornilow und seine Kolonnen.
Die Partei der Bolschewiki mobilisierte alle Kräfte gegen die Kornilowleute.
In einer außerordentlichen Sitzung des Petrograder Komitees der bolschewistischen Partei wurde am 27. August beschlossen, einen ständigen Bereitschaftsdienst im Petersburger Komitee, sowie Bereitschaften der Mitglieder der Stadtbezirkskomitees und der Vertreter der Betriebsbelegschaften in den einzelnen Stadtbezirken einzurichten. In allen Stadtbezirken wurden die Agitatoren zusammengefaßt. Die Partei rief die Arbeiter zum Widerstand auf.
Dein Ruf der Partei folgte die ganze Arbeiterklasse Petrograds, die sich von der verräterischen Rolle der Menschewiki und Sozialrevolutionäre überzeugt hatte. Waren die Abteilungen der Roten Garde bis dahin illegal organisiert und ausgebildet worden, so geschah dies jetzt ganz offen.
Die Bolschewiki traten in das beim Allrussischen Zentralexekutivkomitee der Sowjets geschaffene Komitee für den Kampf des Volkes gegen die Konterrevolution ein, aber unter der Bedingung, daß die Arbeiter bewaffnet und die wegen ihrer Teilnahme an der Julidemonstration Verhafteten freigelassen werden. Diese Bedingungen wurden unverzüglich erfüllt.
Das gleiche Bild boten Moskau und die Provinz, die dein Ruf zum Kampf gegen die Konterrevolution der Generale Folge leisteten. Ueberall begann man, Arbeiterkampfgruppen zu organisieren. In einer Reihe von Orten wurden Revolutionskomitees gebildet. Die Arbeiter verlangten die Freilassung der verhafteten Bolschewiki und die Uebergabe der gesamten Macht an die Sowjets.
Gegen die Kornilowleute wurden Abteilungen der Roten Garde geworfen, vor Petrograd wurden Schützengräben ausgehoben und Drahtverhaue angelegt. In aller Eile wurden Waffen beschafft, Abteilungen formiert, Millionen von Flugblättern gedruckt.
Die Bolschewiki riefen auch die Petrograder Garnison zum Widerstand auf. Die Regimenter der Garnison beantworteten dies mit der Vertreibung der sozialrevolutionär-menschewistischen Kommissare aus ihrer Mitte und ihrer Ersetzung durch Bolschewiki. Zum Schrecken der Sozialrevolutionäre und Menschewiki zeigte sich, daß nicht nur die Petrograder Garnison, sondern auch die Mehrheit der Matrosen der Baltischen Flotte hinter den Bolschewiki standen. Kerenski, der die Gefahr witterte, erklärte pathetisch, daß er sich unter den Schutz der Bolschewiki begebe, worauf die Bolschewiki antworteten, daß sie eine wichtigere Aufgabe zu erfüllen hätten. Unter den Kornilowtruppen setzte die Agitation ein. Die Eisenbahner nahmen das Eisenbahngeleise auseinander und hemmten auf jede Weise das Vorrücken der Kornilowtransporte auf Petrograd.
Bei Luga, von wo die Kornilowleute zu Fuß auf Petrograd durchstoßen wollten, entstand eine Verzögerung; der Sowjet von Luga lehnte das Ultimatum des Generals Krymow ab und forderte, daß dessen Kosaken bei ihrem Vormarsch auf Petrograd Luga umgehen.
Der entschlossene Widerstand der Werktätigen gegen das Kornilowabenteuer trug Zersetzung in die Truppen der Verschwörer. Am 30. August erschienen Kosaken der Don-Division im Sowjet von Luga mit dem Angebot, den General Krymow zu verhaften und sich den Anordnungen der Provisorischen Regierung zu unterstellen. Der Kommandeur des Armeekorps wurde nur durch das Eintreffen eines Vertreters Kerenskis vor der Verhaftung gerettet; in dessen Begleitung begab sich Krymow sofort nach Petrograd. Krymow, der sich überzeugt hatte, daß die Soldaten jegliches Vorgehen gegen die revolutionären Abteilungen verweigerten, erschoß sich aus Verzweiflung.
Die Offensive der «Wilden Division» endete ebenso wie die Offensive der Kosakenregimenter. Ihr wurde eine mohammedanische Delegation entgegengeschickt.
Die Initiative zur Absendung einer mohammedanischen Delegation stammte von S. M. Kirow. Er arbeitete 1917 in Wladikawkas. Im August 1917 kam Kirow im Auftrag der bolschewistischen Organisation und des Arbeiter- und Soldatensowjets von Wladikawkas nach Petrograd. Während der Kornilowereignisse befand er sich in Moskau. Als Kirow von der Beteiligung der «Wilden Division», in deren Reihen sich auch Abteilungen von Bergvölkern befanden, am Kornilowabenteuer hörte, schlug er dem Moskauer Sowjet vor, die Entsendung einer Delegation des in Wladikawkas befindlichen Zentralkomitees der Bergvölker zu der «Wilden Division» durchzusetzen. Der Moskauer Sowjet setzte sich telegraphisch mit Wladikawkas in Verbindung.
Die Delegation traf ein und klärte die von Kornilow geschickten Soldaten über die wirklichen Absichten ihrer Vorgesetzten auf. Das genügte, uni die «Wilde Division» völlig unschädlich für die Revolution zu machen.
Ein Mißerfolg war den Kornilowleuten auch in Petrograd beschieden. Die schon vorher dorthin gesandten Offiziere amüsierten sich in den Restaurants und gaben das Geld aus, das sie zur Organisierung des Umsturzes bekommen hatten. Denikin schreibt in seinen Erinnerungen: «Der Hauptführer der Petrograder Militärorganisation, Oberst S., wurde lange und vergeblich gesucht. Wie sich herausstellte, war er aus Furcht vor Verfolgungen nach Finnland geflüchtet und hatte die letzten Ueberreste des Geldes der Organisation mitgenommen, ungefähr 150 000 Rubel.»35
Das gleiche erzählt ein anderer Kornilowanhänger, der Kadett Miljukow.
Auch im Hauptquartier selbst trat völlige Zersetzung ein. Es war isoliert und lebte voller Bestürzung seine letzten Tage. Sogar das Georgs-Bataillon lehnte es ab, Kornilow zu unterstützen. An der Front und im Hauptquartier wurden auf Anweisung der Armeekomitees die Generale Denikin, Markow, Lukomski, Romanowski und andere, die offen für Kornilow eingetreten waren, verhaftet.
Die Liquidierung des Kornilowabenteuers näherte sich ihrem Ende. Am 30. August wurde Kornilow durch einen Erlaß der Provisorischen Regierung seiner Stellung als Höchstkommandierender enthoben und wegen Aufruhr vor Gericht gestellt. Den Posten des Höchstkommandierenden übernahm Kerenski, zu seinem ,Stabschef wurde der General Alexejew ernannt, der schon unter dem Zaren Stabschef war, der gleiche General, der während der Reichsberatung mit Kornilow über die Person des Diktators verhandelt hatte. Der Kornilowputsch war gescheitert. Es war den Gutsbesitzern und der Bourgeoisie nicht gelungen, die Revolution zu zerschmettern. Aber der Bürgerkrieg, den die Generale begonnen hatten, veränderte tiefgehend das Kräfteverhältnis.
Lenin schrieb in seiner Bilanz des Kornilowaufstandes:
«Die historische Bedeutung des Kornilowaufstandes besteht gerade darin, daß er den Volksmassen mit außerordentlicher Eindringlichkeit die Augen über eine Wahrheit geöffnet trat, die durch die kompromißlerischen Phrasen der Sozialrevolutionäre und Menschewiki verhüllt wurde und auch jetzt noch verhüllt wird, nämlich: die Gutsbesitzer und die Bourgeoisie mit der Kadettenpartei an der Spitze und die auf ihrer Seite stehenden Generale und Offiziere haben sich organisiert, sie sind bereit, die unerhörtesten Verbrechen zu begehen, und begehen sie schon, sie sind bereit, Riga (und dann auch Petrograd) den Deutschen auszuliefern, ihnen die Front zu öffnen, die bolschewistischen Regimenter den Kugeln preiszugeben, einen Aufruhr anzuzetteln, Truppen mit der ‚Wilden Division' an der Spitze gegen die Hauptstadt zu führen usw. usw. - alles das, um der Bourgeoisie die ganze Macht zu übergeben, um die Macht der Gutsbesitzer im Dorfe wieder zu festigen, um das Land im Blute der Arbeiter und Bauern zu ertränken.»36
Der Massenaufschwung riß auch die Anhänger der Sozialrevolutionäre und Menschewiki mit. Die kleinbürgerlichen Führer zeigten sich sehr geschäftig, um ihre Verbindungen mit dem Kornilowputsch zu vertuschen. Sie suchten durch ihr eifriges Tun und Schaffen die Volksmassen zur Ueberzeugung zu bringen, daß sich auch die Parteien der Kompromißler am Kampf gegen die Konterrevolution beteiligen. Die Führer der Sozialrevolutionäre und Menschewiki traten in die Komitees ein, die die Abwehr gegen Kornilow organisierten, faßten geräuschvolle Resolutionen, beteuerten ihre Treue gegenüber der Revolution.
Aber der Kampf ließ die Kompromißler abseits liegen, ging über ihre Köpfe hinweg. Abermals, wie in den Februartagen, wurden die Sowjets zu Kampf- und Massenorganisationen der Arbeiter und Bauern. Die Sowjets lebten auf und begannen sich breit zu entfalten. Die Macht lag aufs neue bei den Sowjets, die Arbeiter bekamen aufs neue Waffen in die Hand. Abermals entstand eine Situation, in der es möglich wurde, in einem bestimmten Sinne die alte Taktik der Zeit vor den Julitagen wieder anzuwenden. Lenin richtete in der Presse an die Sozialrevolutionäre und Menschewiki den Vorschlag, die ganze Macht in die Hände der Sowjets zu nehmen, unter der Bedingung der vollen Agitationsfreiheit für die Bolschewiki und freier Neuwahlen in die Sowjets. Aber es war nur für sehr kurze Zeit möglich, zur alten Taktik - friedliche Uebergabe der Macht in die Hände der Sowjets - zurückzukehren. Der revolutionäre Rausch der Sozialrevolutionäre und Menschewiki verflog sehr rasch. Sie hatten sich fest an die bürgerliche Regierung angeschlossen und krochen nach der Niederlage Kornilows abermals in den bürgerlichen Stall.
Die Leitung des Staates wurde zeitweilig einem Direktorium übertragen, bestehend aus Kerenski, M. I. Tereschtschenko, dein kürzlich ernannten Kriegsminister A. I. Werchowski, dem Marineminister Werderowski und dem Postminister A. M. Nikitin.
Der letzte Versuch der Bolschewiki, einen friedlichen Uebergang der ganzen Macht in die Hände der Sowjets zu erreichen, endete erfolglos. Aber dieser Versuch zeigte abermals, daß die Macht nur im Aufstand gegen die bürgerliche Regierung und gegen den kleinbürgerlichen Block erobert werden konnte. Die Losung «Alle Macht den Sowjets» trat erneut auf die Tagesordnung. Aber jetzt klang sie anders, denn die Sowjets selbst waren andere geworden.
«Die Losung Alle Macht den Sowjets' - schrieb Stalin - wurde erneut auf die Tagesordnung gesetzt. Aber jetzt bedeutete diese Losung schon nicht mehr dasselbe wie im ersten Stadium. Ihr Inhalt hatte sich grundlegend geändert. Jetzt bedeutete diese Losung den völligen Bruch mit dem Imperialismus und den Uebergabg der Macht an die Bolschewiki, denn die Sowjets waren in ihrer Mehrheit bereits bolschewistisch geworden. Jetzt bedeutete diese Losung, daß die Revolution vermittels des Aufstandes direkt zur Diktatur des Proletariats schritt. Mehr noch, jetzt bedeutete diese Losung die Organisierung und staatliche Gestaltung der Diktatur des Proletariats.»37
Auf der Tagesordnung stand der bewaffnete Aufstand.