Fünfzehntes Kapitel

Die Verteilung der Kampfkräfte der Konterrevolution
am Vorabend der Großen Proletarischen Revolution

 

1.

Die Stoßtruppen der Bourgeoisie

 

Die Provisorische Regierung sammelte die Kampfkräfte zur Zer­schmetterung der Revolution. So rasch auch die Generale die Füh­rung über die Soldaten verloren, verzichtete die Bourgeoisie nicht einen Augenblick auf die Versuche, die Armee zum Kampf gegen die revolutionären Kräfte auszunutzen. Das Schicksal der Revolution wurde durch die Armee entschieden, wo fast 10 Millionen Arbeiter und Bauern unter den Waffen standen. Das verstand die Bourgeoisie ebenso gut wie die Bolschewiki es verstanden. Deshalb führte die Konterrevolution bis zur Oktoberrevolution und noch nach ihr einen so hartnäckigen Kampf um die Armee.

Die Konterrevolution war überzeugt, daß die Nord- und die West­front durch die Propaganda zersetzt seien, aber obwohl sie dies ein­sah, ließ sie die Hände natürlich nicht sinken. Die Generale klam­merten sich immer noch an jede Möglichkeit, die Führung über die Truppen zu behalten. Aber an der Nord- und der Westfront war die Revolution bereits so weit vorgestoßen, daß die Kerenskiregierung und die Militärclique begriffen: hier war ihr Spiel aussichtslos.

Fast ebenso aussichtslos für die Konterrevolution war die Südwestfront. Anders sah es an den übrigen Fronten aus, besonders an der rumänischen. Die kaukasische Front war so weit entfernt, daß sie keine besondere Bedeutung halte.

Die rumänische Front lag weit ab von den Zentren der Revolu­tion und der Industrie. Von einer Bevölkerung umgeben, die nicht die russische Sprache verstand, standen die Soldaten der rumäni­schen Front ihren reaktionären Offizieren Auge in Auge gegenüber. Die bolschewistischen Zeitungen wurden nicht an die Front gelassen, den Soldaten wurde bürgerliches «Lesefutter» geboten. Der Soldat I. I. Wassiljew, der als Mitglied einer Armeedelegation aus Petro­grad kam, schildert folgendermaßen die Zustände an der Front: «Als wir an der rumänischen Front eintrafen, sahen wir, daß das Offizierkorps und die Kompromißler dort fieberhaft eine Offensive vorbereiteten, sie organisierten Sturmbataillone und Todesbataillone. In den Truppenteilen herrschte das alte Regime: keine einzige bolschewistische Zeitung, vielmehr wurde die wildeste Hetze gegen die Bolschewiki betrieben. Diese Hetze ging so weit, daß man das Wort Bolschewik selbst von dem Wort ‚Bolschak', d. h. Großbauer, Kulak, ableitete und behaup­tete, die ‚Bolschewiki' wollten wieder Nikolaus II. auf den Thron setzen1

Die Armeen der rumänischen Front waren von dem revolu­tionären Milieu isoliert und daher für die Ziele der Konterrevolution geeignet.

Aber das war doch nicht das Entscheidende.

Neben der russischen Armee, genauer in ihrem Rücken, standen rumänische Truppenteile. Nur wenig von der Revolution berührt, bildeten sie auf Anordnung des Befehlshabers der Front des Gene­rals Schtscherbatschew, einen Polizeikordon, der «Verdächtige» nicht an die Front ließ. Gemeinsam mit den Kosaken entwaffneten die Rumänen die Truppenteile, die sich gegen ihre Kommandeure er­hoben. Unter der Drohung der rumänischen Maschinengewehre und Geschütze wurden die revolutionären Regimenter mehrmals «zur Vernunft gebracht», wie sich der General Schtscherbatschew zynisch ausdrückte. Die reaktionäre Heeresleitung hoffte, die Armeen der rumänischen Front für den Kampf gegen die Revolution ausnützen zu können. Dorthin strömten die Offiziere, die von den anderen Fronten verjagt waren. Unter dem Schutz der Rumänen formierte der General Schtscherbatschew Stoßtruppen aus Offizieren: einige von ihnen nahmen später auf der Seite der Weißgardisten am Bür­gerkrieg teil.

Trotz alledem kam auch dort die revolutionäre Bewegung zum Durchbruch. Die bolschewistischen Stimmungen wurden durch Truppen hingebracht, die man im August aus Sibirien entsandt hatte. Auch das Kornilow-Abenteuer spielte seine Rolle: es deckte mit einem Schlag den Gegensatz zwischen den Offizieren und der Soldatenmasse auf. Ende September wurde von der rumänischen Front all das berichtet, was sich an den übrigen Fronten schon längst abspielte. So meldet z. B. ein Bericht des Obersten Drosdow­ski, des gleichen, der später bei den Denikintruppen kommandierte, über die Lage bei einem der «zuverlässigsten» Truppenteile der Front: «In das Regiment begannen durch die Zeitung ‚Priboj', das Organ des Helsingforser Komitees der SDAPR bolschewistische Losungen einzudringen. Ich kann keine Maßnahmen gegen die Verbreitung der Zeitung im Regiment ergreifen, da sie auf ge­heimem Wege, durch die Post, in Briefen ins Regiment ein­dringt ... In der letzten Woche ereigneten sich mehrere Fälle der Gehorsamsverweigerung von Einzelnen und Versuche zur massenhaften Gehorsamsverweigerung; es gab Aufreizungen zur Nichtdurchführung rechtmäßiger Anordnungen. Ueber diese Fälle wird eine Untersuchung geführt; die Schuldigen werden vor Ge­richt gestellt werden, aber die Ermittlung der Rädelsführer wird sehr erschwert durch die Beihilfe und Sympathie der Soldaten­masse für sie. Das Gerichtsverfahren gegen sie ruft eine dumpfe Unzufriedenheit bei den Soldaten hervor; sie bezeichnen jede rechtmäßige Forderung, die die Zügellosigkeit zu beschränken sucht, jede Forderung nach Ordnung und Gesetzlichkeit als ,altes Regime' ... Durch die Straflosigkeit, durch die Abschaf­fung der militärischen Gepflogenheiten, der Achtung vor den Vorgesetzten verdorben, erlauben sich die Soldaten in Gesprä­chen mit den Offizieren freche Anschuldigungen, werfen sie ihnen vor, daß sie für den Krieg seien, weil sie hohen Sold empfangen: die Grundstimmung in den Soldatenkreisen ist der Wunsch, nicht mehr zu kämpfen, das fehlende Verständnis, oder vielmehr der fehlende Wille, die Notwendigkeit der Fortsetzung des Krieges zu begreifen2

Wenn man diese Dokumente liest, könnte man meinen, es handle sich nicht um Ende September, sondern um die ersten Monate der Revolution. Von der Nord- und der Westfront trafen solche Berichte schon vor der Erhebung Kornilows ein. Dort ging es Ende Septem­ber nicht mehr um «vereinzelte Fälle» und nicht einmal um «Ver­suche zur massenhaften Gehorsamsverweigerung», sondern um die restlose Verweigerung jedes Gehorsams durch die Soldaten. Aber die Verzögerung des Prozesses der Revolutionierung der Massen bedeutete keineswegs seine völlige Verhinderung. Die rumänische Front beschritt, trotz der für die Reaktion günstigen Bedingungen, trotz aller Machenschaften der Generale und der Kompromißler, den gleichen Weg wie die übrigen Fronten.

Die Maßnahmen, die in der Armee von den Sozialrevolutionären und den Menschewiki ergriffen wurden, verfehlten sichtlich ihren Zweck: die Armee entglitt mit wachsender Schnelligkeit der Füh­rung der Generale, die an ihrer Spitze standen. Es bedurfte anderer Mittel, um diesen Prozeß aufzuhalten. Die Frontgenerale, die nicht auf die Dienste der kleinbürgerlichen Kompromißler verzichteten, versuchten es mit einer neuen Maßnahme: sie wollten die in allen Fugen krachende Armee mit Hilfe von Sturmabteilungen zusammen­schweißen.

Schon im Mai hatte der General Brussilow, der Befehlshaber der Südwestfront, den Obersten Jasnikow und den fiktiven Matrosen Batkin nach Petrograd geschickt, um die Bildung von Freiwilligen­bataillonen zur Auffüllung der Front zu beantragen. Der General fand bei den kleinbürgerlichen Führern Unterstützung: am 16. Mai beschloß der Kongreß der Komitees der Südwestfront eine Resolution, in der die Auffüllung der Armee durch Freiwilligen­formationen für notwendig erklärt wurde. Der General Brussilow stimmte der Resolution sofort zu und sandte am gleichen Tage der Delegation die Mitteilung nach, daß die Idee von der Front unter­stützt werde. Wie eilig es die Konterrevolution hatte, geht daraus hervor, daß sie nicht einmal Zeit gefunden hatte, die Delegierten mit Ausweisen zu versehen.

Der Vorschlag Brussilows wurde rasch von anderen Truppen­führern aufgegriffen: schon am 18. Mai ersuchte Denikin den Kriegsminister telegraphisch, eine Delegation von Matrosen der Schwarzmeerflotte in die Reserveregimenter der Petrograder und der Moskauer Garnison zuzulassen, um «... nach einem leidenschaftlichen Appell, jeden, der es wünscht, zum Eintritt in diese Bataillone aufzufordern ... Es ist wün­schenswert, die Aktion noch vor der Rückkehr des Kriegsmini­sters in Angriff zu nehmen, denn jeder Tag ist wertvoll»3, so eilig hatte es Denikin mit der Bildung von Stroßtruppen.

Am 20. Mai, erst vier Tage nach der Initiative, meldete General Brussilow dem Kriegsminister und dem Höchstkommandierenden, daß «die Maßnahmen zur Schaffung von Stoßtruppen an der Front von mir bereits in breitem Ausmaß durchgeführt werden».4

Die Initiative der Frontgenerale rief zunächst einige Zweifel bei dem Höchstkommandierenden, General Alexejew, hervor. Alexejew zweifelte an der Tauglichkeit der neu gebildeten Truppenteile. Aber die Zweifel des Höchstkommandierenden wurden offenbar rasch zerstreut, denn die Aufstellung der Sturmbataillone machte rasche Fortschritte. In Petrograd wurde ein Allrussisches Zentralexekutiv­komitee zur Organisierung der Freiwilligenarmee gebildet, das in den großen Zentren seine Zweigstellen eröffnete.

Die Stoßtruppen wurden von Anfang an aus der Masse der Armee ausgeschieden; sie wurden besser ernährt und versorgt. Die freiwilligen Stoßtruppler behielten ihren bisherigen Rang und Sold, im Falle ihres Todes sollten die Familien Pensionen erhalten. Für die Sturmbataillone galt ein abgeändertes Statut und der Befehl Nr. 1 wurde auf sie überhaupt nicht angewandt. Die Sturmtruppen erhielten eine besondere Fahne - schwarz-rot, wobei die rote Farbe die Revolution symbolisierte und die schwarze die Bereitschaft, zu sterben, - natürlich nicht für die Revolution, sondern für den be­treffenden Kommandeur, denn der Stoßtruppler leistete einen Eid «im Dienst und im Kampf bedingungslos und ohne Protest jeden Befehl der ihm übergeordneten Vorgesetzten auszuführen».

Die Massen der Soldaten durchschauten rasch den Charakter der neue Formationen, die ohne die Sowjets beschlossen und ge­schaffen wurden. Mehrere Sowjets der Frontzone erklärten sich gegen die Schaffung von Sturmbataillonen. Die Gründe dieser ab­lehnenden Stellungnahme wurden besonders klar in der Resolution des Exekutivkomitees der Arbeiter- und Soldatendeputierten von Pskow dargelegt.

«... Sowohl die Art der Werbung der Freiwilligen selbst; hieß es in der Resolution - als auch die im Statut für sie vor­gesehenen materiellen Vergünstigungen gegenüber ihren ande­ren Kameraden in der Armee, geben den Bataillonen eine beson­ders privilegierte Stellung; das Statut führt eine innere Organi­sation der Bataillone ein, die von der Deklaration der Rechte des Soldaten-Staatsbürgers abweicht; die politischen und strate­gischen Ziele der Bildung der Bataillone, die in dem Statut un­bestimmt formuliert sind, können leicht in einer Weise ausgelegt werden, die nicht den Bestrebungen der revolutionären Demo­kratie entspricht; die isolierte Stellung und die besonderen Auf­gaben der Bataillone schließen auch nicht die Gefahr von Aktionen ihrerseits aus, die nicht mit der in der Armee herrschenden Tendenz im Einklang stehen. . 5

Der Klasseninstinkt ließ die Soldatenmassen nicht im Stich: die Generale enthüllten bald das Geheimnis, durch das die Zweifel des Generals Alexejew zerstreut worden waren. Zwei Tage nach der Liquidierung der Julidemonstration sandte Brussilow, der da­mals schon Höchstkommandierender geworden war, einen Bericht über die Ereignisse an Kornilow, Denikin, Schtscherbatschew und andere. Brussilow schloß mit den Worten:

«Die Ereignisse vollziehen sich mit blitzartiger Schnelligkeit. Der Bürgerkrieg ist offenbar unvermeidlich und kann jede Mi­nute ausbrechen ... Die Zeit ist gekommen, um energisch zu handeln ... Ich bin der Meinung, daß ein wirkliches Mittel zu diesem Zweck die Formierung, oder vielmehr die Auslese er­probter und im Sinne der Disziplin zuverlässiger Truppen ist, die eine Stütze für die Regierung sein könnten, sie anerkennen und bewußt nicht den Weg der Eroberung persönlicher Rechte gehen, sondern im Namen der Rettung des Vaterlandes vor Anar­chie und Zerrüttung handeln würden ...!»6

Die Sturmbataillone wurden nicht zum Kampf gegen den äußeren Feind, sondern gegen die «Anarchie und Zerrüttung» geschaffen, wie die Generale die Revolution bezeichneten.

Auch die kleinbürgerlichen Führer versprachen dem neuen Un­ternehmen ihre Unterstützung. Der Kommissar der Nordfront, Stankewitsch, fügte zu dem Plan Brussilows noch die Anregung hinzu, hinter der Front ein Armeekorps, wenn nicht eine ganze kampf­fähige und zuverlässige Armee zu organisieren.

Die kommenden Führer und Kämpen der Konterrevolution gin­gen rasch an die Durchführung der Direktive des Höchstkomman­dierenden. Der General Schtscherbatschew forderte die Organisie­rung je eines Sturmbataillons für jedes Regiment.

Als der General Kornilow zum Höchstkommandierenden er­nannt wurde, nahm er diese Sache völlig in seine Hände und for­derte, daß das Zentrum für die Formierung von Stoßtrupplern in das Hauptquartier verlegt werde. Zu Beginn des Kornilow-Abenteuers bestanden an den Fronten bereits 33 Sturmbataillone und eine Panzerwagenabteilung: an der Nordfront befanden sich 7 Bataillone; an der Südwestfront 14 Bataillone und 1 Regiment (aus 3 Bataillonen bestehend); an der Westfront 7 Bataillone und eine Panzerwagen­abteilung; an der rumänischen Front 2 Bataillone.

Die Konterrevolution, die die Auflösung und Entwaffnung der Roten Garde forderte, schuf sich ihre eigene weiße Garde.

An der Front terrorisierten die Stoßtruppler die anderen Trup­penteile, entwaffneten die Regimenter und Bataillone, die nicht in den Angriff gehen wollten. Im Hinterland jagten sie Demonstra­tionen auseinander und überfielen die Arbeiterorganisationen. Die Klassentruppen der Konterrevolution übernahmen nicht selten auch die Rolle einer politischen Polizei. Auf Wunsch und Willen der Generale begann ein Krieg innerhalb der Armee selbst. Am 16. Juli 1917 erschoß eines der Sturmbataillone an der Südwestfront ohne Untersuchung und Gericht zwei Arbeiter der 5. Ingenieur- und Bau­abteilung und zwang die ganze Truppe, der Erschießung beizuwoh­nen. Die weiße Garde gab Beispiele des wütenden Terrors, der Er­schießungen ohne Gerichtsurteil, der wildesten Grausamkeit, lange vor dem offenen Bürgerkrieg.

Der Mißerfolg des Kornilow-Vorstoßes änderte die Form und den Charakter der Errichtung einer militärischen Klassenstütze der Konterrevolution. Aber das Scheitern des Kornilow-Abenteuers be­deutete nicht die Beendigung und nicht einmal eine längere Unter­brechung der fieberhaften Tätigkeit zur Formierung von Stroßtrup­pen. Die Konterrevolution verminderte nur zeitweilig die Heftigkeit ihrer Aktivität, sie suchte vor allem die Kader der weißen Garde zu erhalten. Die Sturmbataillone wurden in andere Bezirke verlegt, für eine Zeitlang mit fremden Regimentern verschmolzen, in an­dere Truppenteile eingegliedert oder einfach umbenannt. Ihre «Um­taufung» erfolgte mit Zustimmung und direkter Unterstützung der Provisorischen Regierung - abermals ein Beweis dafür, daß die Kerenskiregierung mit nicht geringerem Recht als das Zentral­komitee der Kadettenpartei oder das Armee-Hauptquartier als Stab der Konterrevolution galt. Der General Alexejew drahtete genau am gleichen Tage, an dem die Kornilowrevolte liquidiert wurde, an Kerenski: «Innerhalb unserer bewaffneten Kräfte befindet sich ein Kor­nilowsches Sturmregiment, aus drei Bataillonen bestehend, das sich in der kurzen Zeit seiner Existenz durch seine Tapferkeit in den Kämpfen einen Ehrennamen verdient hat. Seine Namensbe­zeichnung und seine in den letzten Tagen erfolgte Ueberführung nach Mohilew (wo sich das Hauptquartier befand. Die Red.) bringt das Regiment in eine äußerst schwierige Situation gegen­über den anderen Truppenteilen der Armee, von denen zu be­fürchten ist, daß sie diesem Regiment unberechtigtes Mißtrauen und Argwohn entgegenbringen werden ... Ich würde es für zweckmäßig halten, diese geistig gefestigte Truppe nicht aufzu­lösen, sondern sie entweder nach Frankreich oder nach Saloniki oder äußerstenfalls an die kaukasische Front zu senden ... »7

Als Antwort auf die Bitte des Generals Alexejew telegraphierte Kerenski am 6. September an das Hauptquartier:

«Ich halte es für notwendig, das Kornilowsche Todesbataillon unverzüglich aus Mohilew zu entfernen. Ich bitte die entspre­chenden Anweisungen zu erteilen.»8

Kerenski forderte nicht einmal die Auflösung dieser Kornilow­-Truppe, sondern empfahl nur ihre Entfernung aus Mohilew. Sieh auf Kerenski stützend, befahl Alexejew, die Kornilow-Truppe in «1. Russisches Sturmregiment» umzutaufen und dieses zur tschecho­slowakischen Division zu kommandieren. Es war dieses von Kerenski gerettete Regiment, das sich nach der Oktoberrevolution zum Don durchschlug und die Grundlage für die Kornilow-Division, den festesten Teil der weißen Armee, bildete. Durch die Liquidierung des Kornilow-Abenteuers wurde die Aufstellung der weißen Kader nur für sehr kurze Zeit verzögert. Unter dem Schutz der Provisorischen Regierung entfaltete die Kon­terrevolution bald wieder eine fieberhafte Tätigkeit. Das Haupt­quartier ließ nicht nur die Sturmbataillone weiter bestehen, sondern suchte sie zu legalisieren, indem es das Zentralexekutivkomitee für die Bildung von Stoßtruppen aus einer nominell-gesellschaftlichen Organisation in eine Abteilung des Generalstabs umwandelte.

Unter dem Schutz der Sozialrevolutionäre und Menschewiki suchte die Konterrevolution sogar in die Reihen der Arbeiter ein­zudringen, um neue Stoßtruppen zu organisieren. Ende September berichtete der Stabschef des Petrograder Militärbezirks, General Bagratuni, an den Stab der Nordfront: «In Petrograd wurde eine Freiwilligen-Abteilung der Obu­chow-Werke formiert. Eine vorzügliche, recht gut zusammen­geschlossene und organisierte Truppe ... Da die Beibehaltung der genannten, durchaus gesunden Truppe sehr wünschenswert erscheint, beantrage ich, sie zwecks endgültiger Ausgestaltung ins Frontgebiet zu senden ... Die Abteilung ist zahlenmäßig etwa 1000 Mann stark.»9

Man wollte die Arbeiterabteilung schnell aus der revolutionären Hauptstadt entfernen, weil man fürchtete, die Bolschewiki könnten sie der Reaktion entreißen. An der Front aber fürchtete man, trotz der wiederholten Versicherungen, die Truppe befinde sich «in vor­züglichem, durchaus gesundem Zustand», daß diese durchaus gesunde Truppe» etwas von der glühenden Atmosphäre des revolutionären Zentrums mitbringen könnte. Die Nordfront lehnte daher entschieden ab, das Arbeiterbataillon zu übernehmen, und forderte seine Auf­lösung. Als äußerstes Zugeständnis schlug der Stabschef der Nord­front die Angliederung des Arbeiterbataillons an die 2. Abteilung kriegsbeschädigter Soldaten vor, die als regierungstreuer Truppen­teil galt. Während aber zwischen den Stäben noch Briefe darüber ge­wechselt wurden, hatte die Revolution der Reaktion das Arbeiter­bataillon bereits entrissen. Auf den Vorschlag des Armee-Haupt­quartiers, ein Regiment aus den Obuchow-Arbeitern zu bilden, wobei das Freiwilligenbataillon. als Grundlage dienen sollte, lief die me­lancholische Antwort ein: «Es ist anzunehmen, daß es gegenwärtig bereits zur Roten Garde gehört».10 Die revolutionären Ereignisse ent­wickelten sich in einem solchen Tempo, daß sie allen Maßnahmen der Konterrevolution zuvorkamen.

Die Generale ließen sich durch das Fehlschlagen des Versuches, die Obuchow-Arbeiter mit Hilfe der Sozialrevolutionäre und Men­schewiki für die Sturmbataillone zu gewinnen, nicht entmutigen. Die Konterrevolution arbeitete fieberhaft weiter an der Formierung von Sturmbataillonen und schuf Zweigstellen ihrer Formierungs­stäbe in 85 der größten Zentren des Landes, die Frontzone nicht eingerechnet. Ende Oktober hatte die Konterrevolution 40 Sturmbataillone und eine Sturm-Artillerieabteilung zu ihrer Verfügung: mehr als 50 000 ausgezeichnet bewaffnete und verpflegte Kämpfer.

Die Sturmbataillone konnten mit Leichtigkeit gegen jeden belie­bigen Frontteil eingesetzt werden, sie konnten rasch die Knoten punkte besetzen und den Vormarsch der revolutionären Truppen verhindern.

Die gleiche Stellung wie die Stoßtruppler nahmen die Georgs­bataillone ein, zusammengesetzt aus Soldaten, die für ihre Kriegs­verdienste das sogenannte Georgskreuz erhalten hatten. Die batail­lonsweise Organisierung der Georgsritter begann etwa gleichzeitig mit der Aufstellung der Stoßtruppen. Unter dem Gesichtspunkt der unbedingten Unterstützung der Provisorischen Regierung ausge­wählt, entwaffneten die Georgsritter gemeinsam mit den Stoßtrupp­lern die revolutionären Regimenter, trieben während der Kriegs­handlungen die Truppen nach vorn, begleiteten die Marschkom­pagnien. Die Georgsbataillone wurden unter Leitung des Verbandes der Georgsritter formiert, der in vollem Einvernehmen mit dem Hauptquartier arbeitete.

Nach dem Eintreffen Kornilows im Hauptquartier beschloß man, möglichst viele Georgsbataillone aufzustellen. Am 12. August erteilte Kornilow den Oberbefehlshabern der Fronten den Befehl, an jeder Front je ein Reserve-Infanterieregiment aus Georgsrittern zu bilden. Die Georgsregimenter wurden nach Pskow, Minsk, Kiew und Odessa gelegt und zu einer Brigade zusammengefaßt, deren Kommandeur unmittelbar dein General Kornilow unterstand, wäh­rend sich der Brigadestab selbst in Mohilew befand.

Die Georgsbataillone wurden ebenso wie die Sturmbataillone zum Kampf gegen die Revolution geschaffen: das in Mohilew ste­hende Bataillon wirkte am Kornilow-Putsch mit, mehrere andere Bataillone wurden in den entscheidenden Tagen gegen die Oktober­revolution eingesetzt und das Kiewer Georgsbataillon schlug sich nach dem Don durch, wo es zusammen mit dem Kornilow-Regiment den Grundstock für die Freiwilligenarmee bildete.

Die Bourgeoisie und die Sozialkompromißler suchten, um alle Kräfte gegen die Revolution zusammenzufassen, sogar Sturmabtei­lungen aus Kriegsbeschädigten und Frauen aufzustellen. Im Juli bildete sich in Petrograd der «Frauenverband zur Unterstützung der Heimat», der sich an die Frauen mit dem Appell wandte, «Todesbataillone» für den Kampf an der Front zu schaffen. Die bürgerliche Presse griff den Appell auf und begann eine äußerst heftige Agitation dafür. Schon im ersten Monat schrieben sich etwa 300 Frauen für die Bataillone ein. Die Frau Kerenskis erklärte, daß sie als Krankenschwester an die Front gehe.

Der Lärm um die Frauen-Todesbataillone legte sich jedoch rasch, denn der unmittelbare Kampfwert der Frauenabteilungen war sehr gering. Daran konnte weder die bürgerliche Presse noch die Unter­stützung des Hauptquartiers, noch die Teilnahme der bekanntesten Vertreter der Konterrevolution an der Bewegung etwas ändern. Die ganze Frauenbewegung erschöpfte sich in der Bildung eines einzigen Bataillons, und am 17. Oktober beschloß die Hauptverwaltung des Generalstabs, die Anwerbung von Frauen einzustellen und die be­reits organisierten Abteilungen aufzulösen.

Das einzige Bataillon, das gebildet wurde, kam überhaupt nicht an die Front; dort betätigten sich nur einige kleine Abteilungen, und auch sie reichlich erfolglos. Dafür nahm das Bataillon in den Tagen der Oktoberrevolution an der Verteidigung des Winterpalastes teil.

Die Aufstellung von Bataillonen und Regimentern aus Invaliden oder Kriegsbeschädigten, wie sie sich selbst nannten, vollzog sich mit weniger Geräusch, aber mit dem gleichen Ergebnis.

Die wenigen Abteilungen, die man aufzustellen vermochte, nah­men am Kampf an der Front nur geringen Anteil, wurden aber von der Konterrevolution ausgiebig innerhalb des Landes verwendet.

2.
Das Offizierkorps

 

Die Konterrevolution betrachtete die Sturmabteilungen als eine Kraft, mit deren Hilfe sie die zerbröckelnde Armee zusammenhalten und die sie im Bedarfsfall zum Kampf gegen die Revolution im Hinterland einsetzen wollte. In der Armee selbst suchte die Reak­tion sich vor allem die Unterstützung des Offizierkorps zu sichern.

Unter dem unmittelbaren Eindruck der Februarrevolution hatten die Generale versucht, durch die Bildung gemeinsamer Komitees für Offiziere und Soldaten, die Massen der Armee unter ihrem Einfluß zu behalten.

Daraus wurde jedoch nichts. Der Befehl Nr. 1 verfügte, daß die Komitees lediglich aus den Vertretern der Mannschaften gebildet werden sollten, wodurch er die Stellung der Offiziere innerhalb der Armee mit einem Schlage untergrub.

Die Konterrevolution fand nun einen anderen Weg. Beim Haupt­quartier wurde ein Hauptkomitee des Verbandes der Offiziere vor Armee und Flotte gebildet, angeblich um die Berufsinteressen des Offizierkorps zu verteidigen. In Wirklichkeit wurde der Verband zu einer der stärksten politischen Organisationen der Konterrevo­lution. Er ermutigte die Offiziere, die in den stürmischen Tagen der Revolution die Fassung verloren hatten, gab ihnen eine politische Orientierung, unterstützte diejenigen materiell, die aus den Regi­mentern verjagt worden waren. Als Hauptaufgabe seiner Tätigkeit bezeichnete der Verband in seinem Statut «den Kampf gegen jegliche Propaganda einzelner Personen oder Gruppen, die die Unterwühlung der Grundlage von Armee und Flotte bezweckt, und die Bekämpfung von Aktionen einzelner Personen oder Gruppen, die die Unterwühlung der Grundlage von Armee und Flotte bezwecken ... ».11

Der Kampf gegen die Bolschewiki wurde zum Mittelpunkt der Tätigkeit des Verbandes. Das Hauptkomitee des Offizierverbandes versandte Tausende von Aufrufen und Resolutionen für den Kampf gegen die «bolschewistische Anarchie». Die der bolschewistischen Partei nahe stehenden Offiziere wurden zu Feinden des Volkes, zu Verrätern erklärt und auf schwarze Listen gesetzt. Das Hauptkomi­tee sandte an alle Armeen die telegraphische Aufforderung, ihm Listen der bolschewistischen Offiziere zu senden.

Hervorzuheben ist, daß der Verband, also formell eine gesell­schaftliche Organisation, sich unmittelbar an die Stabschefs wandte, ohne dabei seine politischen Aufgaben zu verbergen: das Hauptkomitee war überzeugt, daß die Personen, an die es sich wandte, schon auf Grund ihrer Stellung die Auffassungen des Verbandes teilen mußten. Als der Stab der 6. Armee anscheinend daran zwei­felte, hielt ihm das Hauptkomitee eine Standpauke:

«Das Hauptkomitee des Offizierverbandes kann nur sein Erstaunen über Ihre Weigerung ausdrücken, ihm Mitteilungen über die Offiziere zu machen, die sich durch bolschewistische Tätigkeit entehrt haben.»12

Gleichzeitig sandte das Hauptkomitee eine Abschrift dieser Stand­pauke an das Hauptquartier zur Kenntnisnahme, um die Heeres­leitung auf den widerspenstigen Armeestab aufmerksam zu machen. Ueberhaupt besaß der Verband im Hauptquartier außerordentlichen Einfluß. Kein politisches Dokument verließ das Hauptquartier ohne die vorherige Meinungsäußerung des Hauptkomitees. So drahtete das Komitee der 12. Armee, das keineswegs bolschewistisch war, an das Hauptquartier:

«Nach uns zugehenden Mitteilungen werden alle auch nur irgendwie demokratischen Entwürfe, die ins Hauptquartier ge­langen, von dort unter engster Mitarbeit des Offizierverbandes in entstellter Form zurückgesandt.»13

Das Hauptkomitee verwandelte sich in ein gesetzgebendes Organ beim Hauptquartier. Es war kein Zufall, daß der Vorsitzende des Verbandes General Alexejew war, der ehemalige Stabschef unter Nikolaus II.

Der Verband terrorisierte die Offiziere, drohte jedem den Boy­kott an, der sich weigerte, ihm beizutreten. Durch diese Maßnahmen gelang es dem Verband, einen großen Teil der Offiziere zu erfassen und als ein starkes Organ der Konterrevolution aufzutreten. Es gab kein reaktionäres Unternehmen, sei es in der Armee oder im Hinterland, an dem der Offizierverband nicht den aktivsten Anteil nahm. Als es um die Wiedereinführung der Todesstrafe ging, ha­gelte es seitens des Verbandes förmlich Telegramme, Drohungen, Petitionen, Berichte, Briefe, in denen die sofortige Einführung der Todesstrafe gefordert wurde. Als es galt, dem General, der zum Diktator ausersehen war, Autorität' zu schaffen, betätigte sich der Verband als Agitator, versandte die Lebensbeschreibung des Generals, richtete Begrüßungstelegramme an ihn und versprach ihm seine allseitige Unterstützung. Dies alles geschah im Namen sämt­licher Offiziere, obwohl ein Teil von ihnen keineswegs die reaktio­näre Politik des Verbandes unterstützte und manche schon lange sogar mit den Kompromißlern gebrochen hatten.

Bei der Vorbereitung des Kornilowputsches entfaltete der Offi­zierverband eine riesige Kampagne - an der Verschwörung der Generale nahm er den aktivsten Anteil. Der Verband führte Ver­handlungen mit den Spitzen der Kosaken, sandte seine Vertreter in den Verband der Georgsritter, nahm Verbindungen mit den reak­tionären Organisationen der Bourgeoisie in Petrograd und Moskau auf. Eine Vorstellung von seiner Tätigkeit gibt die Resolution, die auf einer gemeinsamen außerordentlichen Tagung des Hauptkomi­tees mit der Konferenz der Georgsritter am 10. August 1917 an­genommen wurde: «Schon ganz zu Beginn der russischen Revolution wurde von Leuten, die dem Vaterland unbekannt sind und unter Führung von aus Deutschland eingetroffenen ‚Freunden' stehen, der Vor­schlag gemacht, unsern Todfeinden, den Deutschen und Oester­reichern, die ‚Bruderhand' zu reichen. Unsere Feinde haben mit ihren von russischem Blut befleckten Händen die ihnen hin­gestreckte brudermörderische Hand ergriffen, uni ins Land un­serer Väter einzudringen und die Gräber von Millionen Kämp­fern, die in Ehren für Rußland gefallen sind, mit Füßen zu treten. Fünf Monate lang hat unsere Heimat unter der Orgie des Brudermordes gelitten und ist zum Spott für die ganze Welt geworden. ...»14

In diesem patriotischen Pogromstil ging es weiter. Die Resolu­tion schloß mit dem Schwur, daß der Offizierverband kämpfen werde, «bis Rußland, von unserem mächtigen Verband geschirmt, ehren­voll aus der Schmach, siegreich aus den Niederlagen, unver­sehrt in seiner Größe und Freiheit wieder aufersteht».15

Diese Resolution wurde aus dem Hauptquartier an alle Armeen verschickt. Die unfähigen Generale, die die Truppen von Nieder­lage zu Niederlage geführt hatten, schworen, sie würden siegen, wenn man ihnen nur erlaubte, in der Armee die alten Zustände und Verhältnisse der Leibeigenschaft wieder herzustellen. Die käuflichen Intendanturbeamten, die Diebe, die die Soldaten bestohlen hatten, schworen, der Armee ihre Ehre wieder zu geben, wenn man ihnen nur die unkontrollierte Verfügung über die Ration der Sol­daten zurückgäbe.

Das Scheitern des Kornilowabenteuers enthüllte das konter­revolutionäre Wesen des Offizierverbandes und entblößte die Generalsfratze der Führer dieser «demokratischen» Organisation. Durch die Armee, die schon längst mit Unruhe die Tätigkeit des Verbandes verfolgt hatte, wälzte sich eine Welle des Protestes. Zahlreiche Resolutionen forderten, daß man dieses Generalsnest ausräuchere und die Führer des Verbandes gemeinsam mit Korni­low auf die Anklagebank setze.

Die Provisorische Regierung hatte indessen nicht die Absicht, den Verband aufzulösen. Sie wußte, daß die Flut von Resolutionen der Armeekomitees dein Verband keinen Schaden zufügen, daß der Verband standhalten werde. Die Sozialrevolutionäre und Men­schewiki, die zwischen der Heeresleitung und den Massen hin- und herschwankten, aber vor jener mehr zitterten als vor diesen, nah­men die Resolutionen lediglich unter dem Druck der Massen an. Man konnte die Papierflut über sich ergehen und vorbeiziehen lassen. Anders aber war es mit dem Ausbruch des spontanen Has­ses der Soldaten gegen den Offizierverband. Die Proteste der Sol­daten nahmen an manchen Orten die Form schonungsloser Ver­geltungsakte an. Die Soldaten, besonders die Matrosen, erschossen Dutzende der verhaßten Offiziere.

Da kam jedoch die Regierung dem Hauptkomitee des Offizier­verbandes zu Hilfe. In den Archiven hat sich eine Niederschrift eines sehr interessanten Gesprächs erhalten, das der Kabinetts­chef des Kriegsministers, Baranowski, durch direkte Leitung mit dem General Lukomski, einem bekannten Führer der Konterrevolution, führte. Baranowski belehrte den General Lukomski: «Ich halte es für notwendig, persönlich hinzuzufügen, daß ich auf Grund meiner Kenntnis der Tätigkeit des Offizier­verbandes überzeugt bin, daß Kerenski und das Komitee des Offizierverbandes durchaus den gleichen Weg gehen, aber die Methoden unterscheiden sich stark voneinander, und im beson­deren ist der von dem Komitee gewählte Weg geradezu unmöglich und unzulässig, denn er kompliziert nur die Lage und schafft Schwierigkeiten für die Tätigkeit Kerenskis, schadet auch dem Komitee selbst, denn in Petrograd entsteht nicht nur in den demokratischen Organisationen, sondern überhaupt in allen Krei­sen der Eindruck, daß das Verbandskomitee ein sonderbares Spiel treibt und ein Nest der Reaktion ist ... 16

Es zeigte sich also, daß Kerenski, der Führer der «revolutio­nären Demokratie», und das Komitee des Offizierverbandes «durch­aus den gleichen Weg gingen». Was Baranowski mißfiel, war nur der Umstand, daß das Hauptkomitee bei den Vorbereitungen für die Diktatur mit dem Kopf durch die Wand wollte und dadurch «Schwierigkeiten für die Tätigkeit Kerenskis» schuf.

Die Regierung konnte nicht und wollte auch nicht auf die Auf­lösung des Verbandes eingehen. Eine solche Maßnahme drohte die ganze Generalität der Armee, die ohnehin Kerenski schon miß­trauisch gegenüberstand, abzustoßen. Der Offizierverband blieb unangetastet. Seine Anführer stellten eine Zeitlang die Sammlung neuer Kader ein, in der Hoffnung, bald wieder eine umfassende politische Tätigkeit entfalten zu können. Unter dem Schutz der Re­gierung verwandelte sich der Offizierverband beim Hauptquartier in eine Art Werbe- und Verteilungsstelle der konterrevolutionären Kräfte. Der Führer des Verbandes, General Alexejew, arbeitete tatkräftig an der Zusammenfassung und Weiterbeförderung von Weißgardisten in die Gebiete des Don und Kuban, um sie dem Kosakenhetman, General Kaledin, zur Verfügung zu stellen. Dele­gierte des Verbandes suchten die einzelnen Armeen auf, wobei sie sich offizielle Aufträge zunutze machten.

In dem Maße, wie die Revolution heranreifte, wurde die Tätig­keit des Verbandes immer reger und offener. Nachdem sie sich von ihrer jüngsten Niederlage erholt hatten, begannen die Offiziere an einzelnen Stellen mit Forderungen im Geiste Kornilows hervor­zutreten. In mehreren Armeen fanden Offizierkongresse statt. Die Truppenführer verlangten eine Verschärfung des Kampfes gegen die Bolschewiki und die Einstellung jeder Hetze gegen die Offi­ziere. Wie kühn die Vertreter des Verbandes wieder auftraten, zeigt die Resolution des Offizierkongresses der 10. Armee: «Da die Hauptursache der allgemeinen Zerrüttung in der Armee das unter den Soldaten ausgestreute Mißtrauen gegen die Offiziere ist, muß die Provisorische Regierung nochmals klar und eindeutig durch einen besonderen Schritt ihr Vertrauen zum Offizierkorps bekunden, das ehrlich seine Pflicht gegen­über der Heimat und der Revolution erfüllt . . . Das Offizier­korps ist nicht ein Feind der Soldaten, sondern ein Freund der russischen Revolution. Der politische Kampf darf in den Reihen der Armee keinen Platz finden, aber den Mitgliedern der Ge­sellschaft steht die Zugehörigkeit zu einer beliebigen politischen Partei frei ... Wir wenden uns an die Provisorische Regierung uni Hilfe durch Durchführung der oben genannten Maßnahmen und durch tatkräftigen Kampf gegen den Bolschewismus. Zu die­sem Zweck sind die einzelnen Truppenteile zu verwenden, die nicht ihre Kampffähigkeit verloren haben, andernfalls wird auch diese neue Großtat des Offizierkorps nicht zum Ziele führen.»17

Die Offiziere spürten, daß die entscheidende Auseinandersetzung herankam und redeten in der Sprache ihres Inspirators in jüngster Vergangenheit, des Generals Kornilow.

Besonders hervorzuheben ist die Tätigkeit des Offizierverban­des in den Offizier- und Fähnrichschulen. Es gab in der alten Armee insgesamt 26 Offizierschulen. Die meisten befanden sich in den großen Zentren: acht in Petrograd, vier in Kiew, je zwei in Moskau und Odessa. Die genaue Zahl der Offiziersschüler ist schwer festzustellen, da sie sich häufig änderte. Im allgemeinen stellte ein einziger Jahrgang der höheren Klassen der Militär­schulen mehr als 3000 Offiziere.

Fähnrichschulen gab es 38. Sie befanden sich in den gleichen Städten wie die Offizierschulen oder in ihrer Nähe. Die Gesamt­zahl der Absolventen aller Fähnrichschulen betrug etwa 19 000 Mann.

Dem revolutionären Einfluß der Soldatenmassen entzogen, bil­deten die Offizier- und. Fähnrichschulen einen äußerst günstigen Boden für die Tätigkeit des Offizierverbandes.

Die Reaktion warb vor allem unter dem Kommandobestand die­ser Militärschulen Anhänger und gewann auf diese Weise rasch auch die Führung über die Masse der Offizierschüler. In den Schulen herrschte eine konterrevolutionäre Stimmung. Sogar die Sozial­revolutionäre und Menschewiki waren in der Minderheit, ganz zu schweigen von den Bolschewiki, deren es dort nur ganz vereinzelte gab. Die Offizierschüler hatten es nicht nötig, ihre Anschauungen unter der Maske von «sozialistischen Parteien» zu verbergen. Die Offizierschüler bildeten die besten Sturmtruppen der Konterrevo­lution und traten als erste mit der Waffe in der Hand der Diktatur des Proletariats entgegen.

3.
Die bürgerlichen nationalen Formationen

 

Die Aufstellung von Stoßbataillonen wurde zwar fieberhaft be­trieben, aber ein paar Dutzend zuverlässiger Abteilungen konnten den ungestümen Gang der Revolution nicht mehr aufhalten. Dies um so weniger, als die Revolution häufig auch in die auserlesenen weißen Bataillone eindrang. In den Materialien des Hauptquartiers haben sich Listen von Truppenteilen erhalten, die aus den Reihen der Todesbataillone ausgestoßen werden sollten, weil sie sich durch die Weigerung, an die Front abzugehen oder einen Kampfbefehl durchzuführen, «mit Schande bedeckt» hatten. Auch Stoßtruppen kamen auf diese Listen.

Zum Kampf gegen die Revolution waren Massenkräfte erforder­lich. Die Reaktion versuchte, sie in den bürgerlichen nationalen Formationen zu finden. Doch die großrussische Reaktion unter­stützte bei weitem nicht alle Formationen der ehemals unterdrück­ten Nationen, sondern nur diejenigen, die die Integrität des kolonia­len Reiches nicht unmittelbar bedrohten. Polen war z. B. durch die deutschen Armeen besetzt. Die Aufstellung von polnischen Trup­penteilen gab der russischen Bourgeoisie weitere Mittel zum Kampf gegen Deutschland in die Hand: man konnte die Polen unter Aus­nutzung der nationalen Begeisterung gegen die deutschen Besat­zungstruppen einsetzen. So ergab sich ein ungleichartiges Verhalten gegenüber den verschiedenen nationalen Formationen: den Ukrai­nern legte man besonders anfangs Hindernisse in den Weg; die Polen wurden in jeder Weise unterstützt und gefördert. Aber in dem einen wie in dem andern Fall suchte man die nationalen Truppenteile durch sorgfältige Auswahl der Kommandokader in der Hand zu behalten.

An polnischen Formationen gab es bereits im Juli an der Front:

1. eine polnische Schützendivision aus vier Regimentern zu je drei Bataillonen;

2. ein Ulanenregiment aus vier Eskadronen;

3. ein polnisches Reserve-Infanterieregiment;

4. eine Kompagnie Pioniere.

Alle diese Truppen, mit Ausnahme des in Belgorod, im Kursker Gouvernement, stationierten Reserveregiments, gehörten zur 7. Ar­mee. Das Kriegsministerium hatte den Plan, die polnische Division auf den Normalstand zu bringen, noch eine zweite polnische Division gleicher Art zu schaffen, beiden Divisionen Artillerie zuzuteilen und sie zu einem polnischen Armeekorps zusammenzufassen. Die Aufstel­lung dieses Korps stieß jedoch auf erhebliche Schwierigkeiten. Die polnischen Proletarier und Bauern waren nicht weniger als die russischen von der Revolution erfaßt. Gegen die polnische Bour­geoisie, die die Leitung der Auswahl und des Aufbaus der For­mationen an sich gerissen hatte, traten die revolutionären Elemente auf. Schon im April, als die polnische Bourgeoisie die Losung «Eine Besondere Polnische Armee in Rußland» aufstellte, hatte die Petro­grader Gruppe der polnischen Internationalisten erklärt, daß die «Besondere Polnische Armee in Rußland»18 nicht die Losung der pol­nischen Arbeiter und Soldaten sein könne. Die polnischen Bolschewiki standen an der Spitze des Kampfes gegen die bürgerlichen Parteien, sie suchten den nationalistischen Taumel zu zerstreuen und den Klassencharakter der Politik der Führer des Polnischen Korps zu enthüllen. Es kam zu Unruhen im Polnischen Reserveregiment, wo am 27. Juli die revolutionäre Masse den Obersten Winnizki verjagte und an seiner Stelle den Oberst­leutnant Jazkewitsch zum Kommandeur wählte. Kornilow befahl, die Bewegung sofort zu unterdrücken, und drahtete an Kerenski:

«Bezüglich der Ergreifung von Maßnahmen zur Beseitigung der Unruhen im Polnischen Reserveregiment, das in Belgorod liegt, halte ich für notwendig, den polnischen Korpskommandeur, Generalleutnant Dowbor-Musnizki, zu beauftragen und ihm mi­litärische Kräfte zur Verfügung zu stellen.»19

Der Korpskommandeur schritt an eine energische Säuberung des Regiments. Mehr als 400 Soldaten wurden wegen angeblicher Verweigerung des Dienstes im Polnischen Korps an die Front ge­schickt. Die bolschewistisch gestimmten Soldaten wurden verhaftet und wegen «Verletzung von Kampfbefehlen» vor Gericht gestellt.

Die zaristischen Unterdrückungsmethoden riefen selbst in klein­bürgerlichen Kreisen Empörung hervor. Sogar Sawinkow, der da­mals geschäftsführender Leiter im Kriegsministerium war, fragte bei Kornilow an, ob es zweckmäßig sei, Dowbor-Musnizki an der Spitze des Korps zu belassen. Aber gerade die Entschlossenheit Dowbor-Musnizkis wurde als vorzüglicher Beweis für seine poli­tische Zuverlässigkeit betrachtet. Kornilow antwortete Sawinkow: «Das Polnische Korps wird aus Freiwilligen zusammengesetzt, deshalb können ihm nur solche Offiziere und Soldaten angehö­ren, die bereit sind, die vom General Dowbor-Musnizki an sie gestellten Forderungen zu erfüllen. Ich schätze diesen General als entschlossene Persönlichkeit und ausgezeichneten Komman­deur sehr hoch und halte es für besonders erwünscht, daß er das freiwillige Polnische Korps kommandiert.»20

Im Oktober zählte das Korps etwa 17 000 Soldaten, davon 1200 Offiziere und Beamte. In dieser Zahl ist das Reserveregiment nicht inbegriffen, das zeitweise bis zu 16 000 Soldaten umfaßte.

In den Plänen der Konterrevolution nahm das Polnische Korps einen Ehrenplatz ein. «Die Polen haben versprochen, ihr Korps zu senden. Sicherlich wird es eintreffen»21- so sagte Kerenski, nach der Schilderung Krasnows, als er in Hast die konterrevolutionären Truppen gegen das vom Aufstand erfaßte revolutionäre Petrograd

vorschickte.

Von den anderen nationalen Truppenteilen, die die Konterrevo­lution zu ihren Aktivposten rechnete, ist die «Wilde Division» zu erwähnen, die im Augenblick des Kornilowaufstandes zu einem Armeekorps umgebildet wurde. Die Division, die aus kaukasischen Bergvölkern zusammengesetzt war, zählte etwa 1500 Mann.

Die Revolution hatte die nationalen Truppenteile, die unter dem Zarismus bestanden, fast gar nicht berührt. In den Regimentern der «Wilden Division» gab es entweder überhaupt keine Komitees oder sie beschäftigten sich nur mit der Aufsicht über die Zeug­meistereien. Die Gewalt der Kommandeure stützte sich auf das «Stammesrecht». In den Regimentern herrschte eine grausame Dis­ziplin, die bis zu körperlicher Züchtigung ging. Eine Gruppe von Soldaten, die aus der «Wilden Division» geflüchtet waren, wurde vom Sowjet befragt; was sie erzählten, ergab ein Bild der Willkür und einer Feindschaft zwischen den verschiedenen Stämmen, wie sie nur die zaristische Armee kannte.

Der Mißerfolg des Kornilowaufstandes öffnete der Revolution den Zugang zu den kaukasischen Truppenteilen. Die Reaktion be­schloß, sie in ihre Heimatorte zurückzuschicken, wo die nationale Bourgeoisie dem Einfluß der Revolution auf die Truppen ein Ende machen sollte.

Die ersten ukrainischen Formationen - die Haidamaken hatten sich schon in den Tagen der Februarrevolution spontan zu bilden begonnen. Im Laufe des März und April bildeten sich hin­ter der Südwestfront und auch in allen einigermaßen bedeutenden Garnisonen wie Petrograd, Moskau, Kasan und anderen Städten spontan besondere ukrainische Truppenteile mit gelb-blauen Fahnen und Kokarden. In Kiew wurde ein besonderes ukrainisches Regi­ment «Bogdan Chmelnizki» gebildet, in das viele Soldaten des Frontheeres eintraten.

Obwohl das erste ukrainische Regiment - das Bogdan-Regiment - eine Vertrauenskundgebung für die Provisorische Regierung an­nahm, hielt die Regierung es für notwendig, der begonnenen Be­wegung Einhalt zu gebieten. Der Befehlshaber der Südwestfront, General Brussilow, forderte telegraphisch die sofortige Verhinde­rung des Zustroms ukrainischer Frontsoldaten nach Kiew und im Weigerungsfalle «die Auflösung des Regimentes» und die Unter­drückung der beginnenden «Ausschreitungen»22 auch mit Waffen­gewalt.

Der Anstieg der revolutionären Bewegung im Mai und Juni zwang jedoch die Provisorische Regierung, der ukrainischen Bourgeoisie eine Reihe von Zugeständnissen zu machen. Während sie die Armee auf die Offensive an der galizischen Front vorbereitete, unternahm die Kerenskiregierung den ersten Versuch, die ukraini­schen Formationen im Kampf gegen die revolutionäre Bewegung und den Bolschewismus auszunutzen.

Die Kirchen-Bittgänge, die Prozessionen der ukrainischen Sol­daten in Kiew, der erhebliche Einfluß der Offiziere auf die Sol­daten, die Annäherung der Ukrainer an die Donkosaken und vor allem der starke Prozentsatz von Kulaken in den ersten ukraini­schen Formationen -, dies alles erweckte bei der Provisorischen Re­gierung die Hoffnung, daß die ukrainischen Regimenter ein zuver­lässiges Werkzeug in den Händen der Bourgeoisie sein würden.

Am 10. Mai fuhr eine ukrainische Delegation des Allrussischen Truppenkomitees im gleichen Zuge mit Kerenski zum General Brussilow an die Südwestfront. Sowohl der Kriegsminister als auch der Oberbefehlshaber der Südwestfront standen der Schaffung von ukrainischen Truppenteilen durchaus wohlwollend gegenüber. Der Kriegsminister bestätigte das ukrainische Truppenkomitee und gestattete die Aufstellung des ersten ukrainischen Kosakenregi­ments «Bogdan Chmelnizki». Der General Brussilow versprach sei­nerseits, an der Front drei besondere Armeekorps auszuscheiden, die ausschließlich aus Ukrainern zusammengesetzt sein sollten.

Die Generaloffensive der russischen Bourgeoisie gegen die Er­rungenschaften der Februarrevolution, das Erstarken der Groß­machtstimmungen im Zentrum und in der Provinz, die sich zu er­bitterter Feindschaft sogar den maßvollsten nationalen Forderungen gegenüber verdichteten, zwangen die Provisorische Regierung, das Tempo der Aufstellung von ukrainischen Truppenteilen zu ver­zögern. Während eines neuen Konfliktes zwischen der Provisori­schen Regierung und der Zentralrada mußten die ukrainischen Trup­pen zu einer gefährlichen Kraft werden. Deshalb verbot die Heeres­leitung im August und September 1917 die Aufstellung neuer For­mationen und suchte die schon geschaffenen ukrainischen Truppen­teile an die Front zu schicken. Durch diese Maßnahme dachte die Regierung die Zentralrada zu entwaffnen und ihre Anhänger zur Ohnmacht zu verurteilen.

Das waren die Gründe, aus denen weder Kornilow noch das Hauptquartier im Kampf gegen die Revolution ukrainisierte Trup­penteile einsetzten, sondern sich völlig auf die Kosaken, teilweise auf die Polen, vor allein aber auf die Stoßtruppler und Offizier­schüler, stützten.

Erst am Vorabend der Oktoberrevolution zwang die tödliche Gefahr die russische Bourgeoisie, bei den gleichen Haidamaken­-Regimentern - allerdings ohne Erfolg - Hilfe zu suchen, deren Aufstellung ihre Regierung noch eben mit allen Mitteln gehindert hatte.

Einen ungeheuren Wert maß die Reaktion den tschechoslowa­kischen Truppen bei. Schon die zaristische Regierung hatte begon­nen, diese Formationen aus österreichischen Kriegsgefangenen und Ueberläufern aufzustellen. Aber vor der Revolution war es recht mißlich darum bestellt. Es gab einen besonderen Beschluß des so genannten Internationalen Gerichtshofes im Haag, der die Aufstel­lung von Truppen aus Kriegsgefangenen verbot. Aber der gleiche Gerichtshof hatte auch die Verwendung von Giftgas verboten, ohne daß sich irgendjemand um diesen Beschluß kümmerte. In diesem Fall fürchtete der Zarismus, Deutschland könne mit der Aufstel­lung einer besonderen Armee aus kriegsgefangenen Polen ant­worten. Andererseits betrachteten die Engländer und Franzosen die Bildung von tschechoslowakischen Truppenteilen mit scheelen Blicken. Die «Verbündeten» hatten zwar die Bildung einer unabhängi­gen tschechoslowakischen Republik versprochen, aber sie befürch­teten einen allzu starken Einfluß des Zarismus auf den neuen Staat.

Nach der Februarrevolution wurden die tschechoslowakischen Truppen rascher formiert: die Ententegenerale hofften, in den tsche­choslowakischen Abteilungen eine Stütze im Kampfe gegen die Revolution in Rußland zu gewinnen.

Am 24. März 1917 bestätigte der Kriegsrat die Bestimmungen über die Bildung tschechoslowakischer Abteilungen aus österreichi­schen Kriegsgefangenen.

Die Schnelligkeit, mit der die tschechoslowakischen Truppen organisiert wurden, stand in direktem Verhältnis zur Zersetzung der Armee: im April wurden erst Abteilungen geschaffen, im Au­gust begann man bereits ein ganzes Armeekorps aufzustellen. Der Vorsitzende des tschechoslowakischen Nationalrats, Professor Ma­saryk, ersuchte das Hauptquartier, die Aufstellung der Truppen zu beschleunigen. Masaryk bat, zu diesem Zweck eine ständige Ver­tretung des Nationalrats beim Hauptquartier und beim Oberkom­mando der tschechoslowakischen Formationen einzusetzen. Mit der aktiven Unterstützung der Kompromißler und der finanziellen Un­terstützung der Entente entfaltete der Nationalrat eine große Kampagne zur Anwerbung von Kriegsgefangenen. Am 23. August ver­fügte das Korps in der ersten und zweiten tschechoslowakischen Division über 25 000 Soldaten, die Artillerie nicht mitgerechnet. In den Truppen dieses Korps wurde die französische Dienst­ordnung eingeführt, die Kommandeure wurden den Offizieren der russischen Armee gleichgestellt.

Nach der Niederwerfung des Kornilowabenteuers ging die For­mierung des Korps erheblich schleuniger vor sich. Nach dem Plan des Generals Kornilow sollten die Tschechoslowaken gemeinsam mit den Kornilowtruppen gegen Petrograd und Moskau eingesetzt werden. Man wollte die Tschechoslowaken auch in den Tagen der Oktoberrevolution gegen die Bolschewiki verwenden. Aus einem Brief des Generals Alexejew erfahren wir, daß am 8. November - zwei Wochen nach den Oktoberereignissen - die tschechoslowaki­schen Truppen in die Nähe des Don verlegt werden sollten, um ge­meinsam mit den Kosaken gegen die Bolschewiki vorzugehen.

Welche Hoffnungen die Konterrevolution auf die Tschechoslo­waken setzte, kann man an Hand eines Briefes des Generals Kor­nilow beurteilen, den der General Denikin in seinen Memoiren anführt. Als Kornilow die Nachricht von der Revolution in Petro­grad erhielt, sandte er aus dem Gefängnis in Bychow folgenden «Befehl» an Duchonin ins Hauptquartier: «In Voraussicht des weiteren Gangs der Ereignisse - so schilderte Kornilow seinen Plan - bin ich der Auffassung, daß Sie unverzüglich Maßnahmen treffen müssen, die die Sicherheit des Hauptquartiers gewährleisten und eine günstige Lage schaf­fen sollen, um den weiteren Kampf gegen die herannahende Anarchie zu organisieren. Als solche Maßnahmen betrachte ich:

1. Die sofortige Ueberführung eines der tschechischen Regi­menter und des polnischen Ulanenregiments nach Mohilew.

2. Die Besetzung von Orscha, Smolensk, Shlobin und Gomel durch Truppen des Polnischen Korps, wobei dessen Divisionen aus dein Bestand der Kosakenbatterien der Front mit Artillerie zu verstärken sind.

3. Konzentration sämtlicher Truppen des tschechoslowaki­schen Korps und des Kornilowregiments auf der Linie Orscha-­Mohilew-Shlobin unter dem Vorwand ihres Abtransports nach Petrograd und Moskau, dazu noch eine oder zwei der festesten Kosakendivisionen.

4. Konzentration sämtlicher englischen und belgischen Pan­zerwagen im gleichen Gebiet; ihre Bemannung ist ausschließlich durch Offiziere zu ersetzen.

5. Konzentration von Vorräten an Gewehren, Patronen, Ma­schinengewehren, automatischen Gewehren und Handgranaten unter zuverlässigem Schutz in Mohilew und einem der nächst­liegenden Punkte, um sie an die Offiziere und Freiwilligen zu verteilen, die sich unbedingt in diesem Gebiet sammeln müssen.

6. Herbeiführung einer festen Verbindung und einer genauen Vereinbarung mit den Hetmans der Don-, Terek- und Kuban­truppen sowie mit dem polnischen und dem tschechoslowakischen Komitee ...

Das sind die Gesichtspunkte, die ich Ihnen mitzuteilen für nötig hielt; ich füge hinzu, daß man sich entscheiden muß, ohne Zeit zu verlieren.»23

Wie man sieht, setzte die Konterrevolution von den ersten Tagen des Bürgerkrieges an große Hoffnungen auf die bürgerlichen natio­nalen Formationen: sie sollten den ersten Stoß führen.

Uebrigens beschritten die zaristischen Generale im Kampf ge­gen die Revolution von Anfang an den Weg der ausländischen Intervention, indem sie sich auf ausländische Truppen zu stützen suchten: die Panzerwagen der Entente, das tschechoslowakische Korps. Das geschah schon beim ersten Auftakt, ehe der Bürgerkrieg begann. Später sollte die ausländische Intervention im Bürgerkrieg in Rußland eine äußerst wichtige Rolle spielen.

4.
Die Kosaken

Als zuverlässigste Stütze betrachtete die Konterrevolution die Kosakentruppen, die unter der Leitung des Rats des Verbandes der Kosakentruppen standen.

Schon während der Kornilowrevolte hatte der Hetman der Orenburger Kosaken, Dutow, die Aufgabe, in Petrograd einen «Auf­stand der Bolschewiki» zu inszenieren und nach dieser Provokation die bolschewistische Partei zu zerschmettern. Gleichzeitig sollte der Hetman der Donkosaken, Kaledin, über das Donezbecken gegen Moskau vorstoßen.

Um die Spuren zu verwischen, beschloß die Provisorische Re­gierung nach dem Scheitern des Kornilow-Abenteuers, Kaledin zu verhaften und ihn wegen Teilnahme an der Kornilow-Verschwörung vor Gericht zu stellen.

Der Große Kosakenrat beschloß in einer Vorberatung, die am 3. September in Nowotscherkask stattfand, ihren Hetman nicht auszuliefern. Daraufhin mäßigte Kerenski sofort seinen Ton und stimmte der Aufhebung des Haftbefehls zu, forderte aber, daß Kaledin im Hauptquartier erscheine, um vor der Untersuchungs­kommission auszusagen. Die Leichtigkeit, mit der Kerenski seinen Zorn durch Milde ersetzte, offenbarte nur noch deutlicher, daß die Provisorische Regierung sich der starken Worte und ‹revolutionä­ren› Gesten lediglich bediente, um den Massen Sand in die Augen zu streuen. Am 5. September bereitete der Große Kosakenrat Ka­ledin eine Ovation und beschloß, seine Rede stehend anzuhören. Der Kosakenrat bezeichnete die Anklage gegen Kaledin als «eine Frucht der krankhaften Phantasie von Feiglingen».24

Kaledin wurde von allen Organisationen der Konterrevolution unterstützt. Eine besondere Kosakendelegation besuchte Kerenski und die Minister, um die völlige Rehabilitierung Kaledins zu for­dern. Eine Delegation von Donkosaken und Vertretern des Rats des Verbandes der Kosakentruppen suchten sogar den englischen Bot­schafter in Rußland, Buchanan, auf. Der Botschafter erklärte der Delegation, England schätze die Verdienste der Kosaken sehr hoch.

Aus Kaledin suchte die Bourgeoisie einen neuen Diktator zu machen. «Kaledin, das ist der Mann des Augenblicks», so brachte die große imperialistische Zeitung «New York Times» die einmüti­gen Hoffnungen der Konterrevolution zum Ausdruck.

Am Vorabend der Oktoberrevolution erklärte die Regierungs­kommission in Sachen Kornilows, Kaledin sei an der Revolte völlig unbeteiligt gewesen.

Der Anwärter auf den Diktatorposten erhielt die volle Möglich­keit, die Organisierung der konterrevolutionären Kräfte zu betrei­ben. Unter seiner Leitung wurde ein neuer Staat geschaffen, der sogenannte Südostbund der Kuban-, Terek-, Don- und Astrachan-­Kosaken, der Bergvölker des Nordkaukasus und der Steppenvölker des Dongebietes und des Gouvernements Astrachan.

Kerenski wurde sofort mitgeteilt, daß die Bodenkomitees für die Kosakengebiete unannehmbar seien. Die Oberschicht der Ko­saken forderte, daß mit der Organisierung dieser Komitees Schluß gemacht und daß der Vertreter des Landwirtschaftsministeriums aus Nowotscherkask nach Petrograd abberufen werde. Gleichzeitig versprach mau der nicht zu den Kosaken gehörigen Bevölkerung, auch ihre Vertreter zur Verwaltung heranzuziehen.

Unter dem Vorwand, daß es in der Frontzone an Futtermitteln für die Kavallerie fehle, wurden die Kosaken und die nationalen Truppenteile der Bergvölker an den Don und den Kuban verlegt. Die Reserve-Infanterieregimenter dagegen, deren revolutionäre Stimmung die Vorbereitung der Konterrevolution hemmte, wurden aus den Kosakengebieten weggeschafft.

Um das Losschlagen gegen die Revolution vorzubereiten, entblößte das Hauptquartier ganze Fronten.

Die Provisorische Regierung unterstützte bereitwillig die ganze Vorbereitungsarbeit der Konterrevolution am Don. Bezüglich der Reserve-Infanterieregimenter telegraphierte der Ministerpräsident an Duchonin: «Ich bitte, die Anweisung zur Entfernung der Reserve-In­fanterieregimenter aus den Kosakengebieten zu erteilen und die Kosakenregierung und die Kosakentruppen, die sich an der Front befinden, besonders aber die Fußkosaken, davon in Kenntnis zu setzen, damit sie ihren Dienst ruhig versehen.»25

Kerenski gab somit offen zu, daß die Reserveregimenter aus den Kosakengebieten entfernt wurden, um die Kosaken zu be­ruhigen.

Sogar der General Duchonin, den man wahrlich nicht des Li­beralismus beschuldigen kann, hatte Bedenken, das Telegramm Kerenskis in vollem Wortlaut weiterzugeben. Duchonin schrieb, als er den Befehl des Ministerpräsidenten mitteilte: «Angesichts der bevorstehenden Verminderung der Reserve­formationen ersucht der Höchstkommandierende, die Reserve-­Infanterieregimenter schon jetzt aus den Kosakengebieten zu ent­fernen26

Der «skrupellose» General verschleierte dadurch, daß er den Abtransport mit der Verminderung der Reserveformationen be­gründete, nur notdürftig die geschwätzige Offenherzigkeit des eifri­gen Verteidigers der Konterrevolution, zugleich aber säuberte er selbst energisch die Kosakengebiete und half, die konterrevolutio­nären Kräfte am Don zu konzentrieren. Ins Don- und Kubangebiet wurden die Kosakentruppen zusammengezogen, wurden die am Kornilow-Abenteuer beteiligten Offiziere befördert, dorthin wurden Zehntausende von Gewehren, ganze Eisenbahnzüge mit Artillerie gesandt.

Je mehr die Industriegebiete Zentralrußlands zur Basis der Re­volution wurden, desto mehr verwandelten sich die Kosakengebiete in das Nest der Konterrevolution.

«Schon zu Beginn des Oktoberumsturzes - sagt Stalin - konnte eine gewisse geographische Abgrenzung zwischen Revo­lution und Konterrevolution festgestellt werden. Im Laufe der weiteren Entwicklung des Bürgerkriegs bildeten sich die Ge. biete der Revolution und Konterrevolution endgültig heraus. Das Innere Rußlands mit seinen industriellen und kulturell-politi­schen Zentren (Moskau und Petrograd), mit einer national gleich­artigen, vorwiegend russischen Bevölkerung verwandelte sich in die Basis der Revolution. Die Randgebiete Rußlands dagegen, vor allem das südliche und östliche, ohne wichtige industrielle und kulturell-politische Zentren, mit einer national äußerst un­gleichartigen Bevölkerung, die einerseits aus privilegierten, kosa­kischen Kolonisatoren, andererseits aus nicht vollberechtigten Tataren, Baschkiren, Kirgisen (im Osten), Ukrainern, Tschetschen­zen, Inguscheten und anderen muselmanischen Völkern bestand, verwandelten sich in die Basis der Konterrevolution.

Es ist unschwer zu verstehen, daß eine derartige geographische Verteilung der kämpfenden Kräfte Rußlands nichts Unnatür­liches an sich hat. In der Tat: wer anders als das Petrograder und Moskauer Proletariat konnte die Basis der Sowjetregierung bilden? Wer anders konnte die Stütze der Denikin-Koltschak­scheu Konterrevolution sein, wenn nicht das altbewährte Werk­zeug des russischen Imperialismus, die Kosaken, die mit Privi­legien ausgestattet und zu einem militärischen Stand organisiert waren und die nichtrussischen Völker seit jeher ausbeuteten.»27

5.
Die Konterrevolution hetzt die Front gegen das Hinterland

 

Erweckte die Aufstellung der konterrevolutionären Formationen an der Front und in den Kosakengebieten bei den Generalen gewisse Hoffnungen auf Erfolg, so ließ das Heranwachsen der Revolution alle diese Hoffnungen in den Wind verwehen. Aus der Heimat drang an die Front ein Strom von revolutionärer Literatur, trafen Verstär­kungen ein, umflutet vom Gluthauch der revolutionären Atmosphäre. Aus den Industriezentren kamen Arbeiterdelegationen, die die flam­menden Losungen der Revolution mitbrachten. Die Konterrevolution konnte ihre zeitweiligen Erfolge an der Front nur dadurch sichern, daß sie die Front von der Heimat isolierte.

Schon lange, schon seit Beginn der Revolution, hatte man ver­sucht, die Armee gegen die Arbeiter aufzuhetzen. Die bürgerliche Presse führte eine wüste Kampagne gegen die Einführung des Acht­stundentages. Man beschuldigte die Arbeiter des Verrats, stellte ihnen die Frontsoldaten, die alles dem Vaterland hingeben, als Bei­spiel hin. Den Soldaten wurde erzählt, daß die Arbeiter sich die Taschen mit Geld voll stopfen und aus dem Mangel an Arbeitskräf­ten profitieren. Die Zerrüttung, die Lebensmittelkrise, der Mangel an Kriegsmaterial an der Front wurde damit erklärt, daß die Pro­letarier nicht länger als acht Stunden täglich arbeiten wollten.

Hier und da gelang es, die Soldaten gegen die Arbeiter aufzu­hetzen. Von der Front kamen Soldaten-Delegationen mit Resolutio­nen nach Petrograd, die von den Arbeitern den Verzicht auf «die übertriebenen Forderungen» verlangten. Als aber die Soldatendele­gationen in den Betrieben erschienen, als die Soldaten mit den Pro­letariern vertraut wurden, durchschauten sie rasch die Provokations­politik der Bourgeoisie. Die Delegationen kehrten in ganz anderer Stimmung an die Front zurück. Um die Verleumdungen der Bour­geoisie zu durchkreuzen, forderten die Arbeiter ihrerseits die Ent­sendung von Soldatendelegationen. Tausende von Soldaten der Pe­trograder Garnison, die die Fabriken kennen gelernt hatten, wurden durch die Militärorganisation der Bolschewiki an die Front ge­schickt, wo sie den provokatorischen Charakter der Kampagne ent­larvten.

Die verleumderischen Ausfälle der Bourgeoisie hatten das ent­gegen gesetzte Ergebnis. Anstatt die Front dem Hinterland entgegen­zustellen, schmiedeten sie die Soldaten und Arbeiter zum gemein­samen Kampf gegen die Konterrevolution zusammen.

«Auf Eure heuchlerischen Rufe: Die Soldaten in die Schüt­zengräben, die Arbeiter an die Werkbank!' - schrieben die Garde-Grenadiere - antworten wir: Und Ihr, Ihr Herren Kapi­talisten, an die Geldschränke! Macht sie auf! Das Volk gab und gibt sein Blut und seinen Schweiß, Ihr sollt das Geld zur Liqui­dierung des von Euch angezettelten entsetzlichen Weltkrieges hergeben! ... »28

Je rascher der Bourgeoisie der Boden unter den Füßen ent­schwand, desto eifriger suchte sie einen Abgrund zwischen der Front in dem Hinterland aufzureißen. In rasender Wut schrie die Kadetten-Presse, das Hinterland trage die Schuld an allen Nöten. 150 bürgerliche und sozialrevolutionär-menschewistische Armeezei­tungen leierten in einem Chor dieses monotone und böswillige Lied herunter.

Die Abteilungen bei den Stäben, in denen die Bourgeoissöhnchen Unterschlupf gefunden hatten, die Mitarbeiter der zahllosen Orga­nisationen hinter der Front, die Hospitäler und Lazarette, die Aem­ter, wo ehemalige Rechtsanwälte, Beamte, Semstwo-Mitarbeiter sich herumdrückten, die Stäbe, die Depots und Nachschuborgane - sie alle schleuderten einen wahren Hagel von Protestresolutionen und verlogenen Anschuldigungen gegen die Heimat. Aus den Armeezei­tungen übernahm die bürgerliche Presse der Hauptstadt diese Reso­lutionen und druckte sie unter der Ueberschrift «Die Stimme der Front» ab.

Eine dieser «Frontresolutionen» lautet: «Die Vollversammlung des Komitees des Stabes der N-ten Infanterie-Division, der Kommandantur - Kompagnie und der Mannschaften beim Stab hat eine Resolution beschlossen, in der erklärt wird, daß die Versammlung jede Weigerung, sich dem Willen der revolutionären Regierung, dem Willen der Mehrheit der Demokratie in Gestalt ihrer Zentralkomitees zu unterordnen, als Verrat an der Sache der Revolution, als direkte Gefährdung des Vaterlandes betrachtet. Nicht nur hier, an der Front, ist das Vaterland in Gefahr, sondern noch mehr im Hinterland. Nur von dort ist die Zersetzung der Armee gekommen. Die Verräter aus dem Hinterland haben die Armee korrumpiert. Möge sich das Hinterland gemeinsam mit der Armee der eisernen revolutionären Disziplin fügen. Mögen die Verräter an der gemeinsamen Sache, ganz gleichgültig, ob es Militärpersonen sind oder nicht, im Hinter­land nach den gleichen Gesetzen abgeurteilt werden, wie an der Front.»29

Die Kampagne wurde immer umfassender, immer lärmender, immer schreiender. Das Ausmaß und die Schärfe, die sie annahm, zeugten davon, daß die Reaktion unter diesem Lärm die Vorberei­tung sehr ernster Aktionen verbarg. Das wurde bald klar. Auf der Reichsberatung in Moskau hielt der General Alexejew eine Rede gegen das Hinterland:

«Was sich im Hinterland befindet, wird nicht zur nützlichen Arbeit herangezogen. Alles ist untätig ... Die Leute sind noch nicht einmal an das Abc des Soldatenhandwerks gewöhnt. Es ist noch gar nicht lange her, da wurden sie, durch einen einzigen Zement, durch die Liebe zum Vaterland, zu einer festen Ein­heit zusammengehalten ... und hatten das Bewußtsein der Not­wendigkeit, den Krieg bis zu Ende zu führen.»30

Alle Unruhen in den Regimentern erklärte der General durch den Einfluß von Agitatoren aus dem Hinterland. Er erzählte, wie in eines der Regimenter ein Soldat, der ins Hinterland zu einem Agitatorenkurs entsandt worden war, zurückkehrte und eine Aktion gegen die Vorgesetzten organisierte.

Das Manöver des Generals Alexejew, eines der aktivsten Orga­nisatoren der Konterrevolution, wurde durch «die Großmutter der russischen Revolution», wie die Sozialrevolutionäre die Breschko-­Breschkowskaja nannten, die in Wirklichkeit eine der aktivsten Handlangerinnen der Konterrevolution war, unterstützt.

«Das Unglück für unsere Armee - so sekundierte sie Alexe­jew - liegt nicht so sehr an der Front, als im Hinterland. Unser Hinterland hat schon fast drei Jahre nichts zu tun. Es verfällt der Langeweile, es wird zersetzt. Deshalb müssen jetzt die Leute, die durch Erfahrung gewitzigt sind, die schon in Petrograd und Mos­kau in verschiedenen Sowjets waren und wissen, was in der Armee vorgeht - die Hälfte von ihnen, gut die Hälfte von ihnen, muß unverzüglich ins Hinterland gehen und es organisieren, an­dernfalls wird man nichts erreichen.»31

Die alte Sozialrevolutionärin sprach das aus, was der erfahrene General verschwieg. Die Armee sollte das Hinterland bändigen, die Front sollte die Leute zur Bändigung des Hinterlandes liefern. Man mußte die Front dem Hinterland entgegenstellen, um die Vor­bereitung des Kornilow-Abenteuers zu decken und zu rechtfertigen.

Die Zerschmetterung der Kornilow-Revolte war ein schwerer Schlag gegen die provokatorische Kampagne zur Aufhetzung der Front gegen das Hinterland. Es war unmöglich geworden, die Kam­pagne in der alten Form fortzusetzen: die Revolution hatte ihr wahres Wesen aufgedeckt. Aber die Konterrevolution verzichtete nicht auf ihr Ziel - die Gegenüberstellung von Front und Hinterland son­dern versuchte dieses Ziel nun auf eine andere Art zu erreichen.

Eine der entscheidenden Kräfte, auf die sich die Revolution stützte, waren die Garnisonen der Reservetruppenteile in den Städ­ten. Diese Truppenteile umfaßten etwa 1,5 Millionen Soldaten. Die Garnisonen im Hinterland bestanden entweder aus Landsturm zweiter Kategorie des Jahrgangs 1896, oder aus Dienstpflichtigen des Jahr­gangs 1894 oder schließlich aus den jugendlichen Rekruten der letz­ten Jahre. Ein Teil der Garnisonen bestand aus Verwundeten, die auf dem Wege der Genesung waren. Schon diese Zusammensetzung der Reservetruppen erleichterte die revolutionäre Propaganda in ihren Reihen. Die eben erst eingezogene Jugend und die ihrer Arbeit entrissenen Familienväter von 40 Jahren und darüber bildeten eine sehr empfängliche Masse, die von der Revolution große Veränderun­gen ihres Schicksals erwartete. Aber es kam natürlich nicht so sehr auf die Zusammensetzung der Truppen, als auf die sie umgebenden Verhältnisse an. Die Garnisonen, besonders die in Petrograd, Mos­kau und in anderen Großstädten, befanden sich unter dein ständi­g im Einfluß der bolschewistischen Zeitungen und des revolutionären Proletariats. Die Soldaten der Reserve nahmen, zusammen mit den Arbeitern, an den Versammlungen, den Demonstrationen, den Ak­tionen gegen die Regierung teil. Die Bolschewiki arbeiteten ange­spannt in den Reserveregimentern.

Aus den Reserveregimentern drang der revolutionäre Einfluß über die Marschkompagnien und sonstigen Verstärkungen, die zur Armee abgingen, an die Front. Die Reservetruppen bildeten in den Städten die militärische Stütze der Revolution, ihre Agitationskräfte. Von ihnen erhielten die Arbeiter die militärischen Instrukteure und häufig auch Waffen, in den Reserveregimentern warb die Partei ihre Mitglieder und Agitatoren für die Arbeit unter den Fronttruppen.

Die Garnisonen in den Städten erobern, das bedeutete für die Konterrevolution, die Revolution im Hinterland unterhöhlen und die Front vor dem revolutionären Einfluß schützen. Der Kampf um die Garnisonen im Hinterland wurde für die Bourgeoisie zum wich­tigsten Teil ihres Kampfes um die Armee, ihres Kampfes gegen die Revolution. Der Plan der Generale bestand darin, die revolutionär­sten Truppenteile von den größten Städten an die Front zu verlegen und sie durch «zuverlässige» Truppen zu ersetzen. Im Hauptquartier liefen, wie auf ein Signal, von allen Seiten Forderungen nach Ver­stärkung ein. Sogar die kaukasische Front, wo die Kriegshandlun­gen faktisch aufgehört hatten, sandte ein Telegramm nach dem anderen: «Die kaukasische Front fordert auf schnellstem Wege hun­derttausend Mann Verstärkung. Von dieser Zahl wollen Sie bitte schleunigst zwanzigtausend Soldaten der dritten Kategorie aus der Petrograder Garnison senden, außerdem sind dreißigtausend Mann aus den Reserveregimentern der inneren Bezirke ent­weder in vollständigen Reserveregimentern oder in Marsch­ kompagnien zu schicken ...»32

Hier wird direkt angegeben, woher die Verstärkungen zu neh­men seien: zwanzigtausend Mann aus der Petrograder Garnison, der revolutionärsten von allen, und ganze Regimenter aus den übrigen Städten. Obwohl die Juni-Offensive an der Front gescheitert und ein fast völliger Stillstand der Kriegshandlungen eingetreten war, wurden ununterbrochen Marschkompagnien an die Front geschickt. Ein großer Teil der Verstärkungen desertierte unterwegs, aber die Aufgabe, die sich die Konterrevolution gestellt hatte, wurde erfüllt: die Garnisonen in der Heimat schmolzen zusammen und mit ihnen wurde auch die Basis der Revolution in einem gewissen Maße geschwächt.

Die Garnisonen des Hinterlandes wurden nicht nur durch die Entsendung von Marschkompagnien verringert. Die Reserveregi­menter wurden unter allen möglichen Vorwänden aus den Städten herausgezogen. So erfolgte auf eine Beschwerde des Befehlshabers der Schwarzmeerflotte, daß sich das 45. Reserve-Infanterieregiment in Nikolajew völlig zersetzt habe, die Anweisung des Generals Duchonin: «Es ist erwünscht, das 45. Reserve-Infanterieregiment unver­züglich aus Nikolajew zu entfernen ...»33

Die Reservetruppen wurden vor allem aus den Orten heraus­gezogen, wo die revolutionäre Temperatur besonders hoch gestie­gen war, oder wo die Soldaten durch ihren revolutionären Einfluß die Konzentrierung der reaktionären Truppen hinderten, wie zum Beispiel am Don. Die konterrevolutionäre Tätigkeit der Generale wurde sehr bald auch durch die Regierung gutgeheißen: Im Kriegs­ministerium wurde ein Befehl über die planmäßige Verringerung der Reservetruppen im Hinterland ausgearbeitet, und während der Befehl noch die verschiedenen Instanzen durchlief, wurden die Reservetruppen unter dem Vorwand, ihre Kampffähigkeit müsse gesteigert werden, näher an die Front herangezogen.

Die sozialrevolutionär-menschewistischen Komitees in der Ar­mee gingen mit der Reaktion Hand in Hand.

«Die Erfahrung zeigt, - so schrieb am 20. August 1917 der Kommandeur des XVIII. Armeekorps an den Befehlshaber der 9. Armee - daß den Reservetruppen in den großen Zentren viel zu viel Soldaten angehören, denen keine genügende proportio­nale Anzahl von Offizieren gegenübersteht, wobei die Offiziere häufig sehr unerfahren sind. Das alles führt zur Zerstörung der inneren Ordnung und der Disziplin dieser Truppen und zu ihrer ungenügenden Ausbildung, was sich seinerseits schädlich auf die durch sie zu ergänzenden Regimenter auswirkt. Daher schließe ich mich voll und ganz dem vom Divisionsführer bestätigten Beschluß des Divisionskomitees der 37. Infanteriedivision (das aus Sozialrevolutionären und Menschewiki bestand. Die Red.) an und ersuche um folgendes: Da die Praxis gezeigt hat, daß die Heranziehung der Heimat­truppen näher an die Front der aktiven Armee zweifellos zu ihrer Gesundung beiträgt, ist das zur Ergänzung der 37. Infan­terie-Division bestimmte 1. Reserveregiment aus Petrograd an einen Punkt hinter der rumänischen Front zu verlegen.»34

Andererseits wurden von der Front besonders zuverlässige Kader in die Reserveregimenter entsandt: Georgsritter, Stoßtruppler, reak­tionäre Offiziere, Unteroffiziere, bewährte, auserlesene Soldaten. Aus dem Petrograder Militärbezirk wurde an den diensttuenden General im Hauptquartier geschrieben:

«Der Dienst in den Reservetruppen kann nur mit Hilfe ge­sunder und kräftiger Kader wiederhergestellt werden, ohne sie läuft die Armee Gefahr, daß ihr brauchbare Verstärkungen völ­lig entzogen werden.»35

Von der Provisorischen Regierung gedeckt, entfalteten die Gene­rale der Konterrevolution eine ungeheure Arbeit. Tausende Solda­ten der Reservetruppen wurden aus den Industriezentren an die Front geschickt. Aus den Soldatenkomitees wurden die aktivsten Mitglieder außer Reihe und Termin auf Urlaub geschickt. Offiziere, die mit den Massen zusammengingen, wurden unter allen möglichen Vorwänden aus der Truppe entfernt und an die Front versetzt. Im Reserve-Grenadierregiment beschlossen die Offiziere, den Leutnant Nikonow auszustoßen, weil er für die Soldaten und Offiziere ein «Schädling» sei, doch durch den Protest der Soldaten wurde be­kannt, daß Nikonow eine ungeheure Arbeit im Kampf gegen den Kornilow-Putsch geleistet hatte.

In der Presse begann erneut eine breite Kampagne, um die Front gegen das Hinterland auszuspielen. Diesmal übernahmen die Sozial­revolutionäre und Menschewiki die führende Rolle.

«Wo bleibt denn die Begeisterung der Demokratie? - So fragten die kompromißlerischen Iswestija' am 3. Oktober ganz empört. - Die Bauern vergraben das Getreide und lassen es verfaulen um es nicht der Armee zu liefern, wo häufig nicht ein­mal die volle Brotration ausgefolgt wird. Die Soldaten in den Heimatgarnisonen haben bessere Kleider und Schuhwerk und werden häufig besser verpflegt als die Soldaten in den Stellun­gen36

In der Heimat ist jetzt nicht alles in Ordnung, - schrieben die Iswestija' am 6. Oktober. - Und dadurch wird die Feind­schaft gegen die Heimat genährt und verschärft. Diese Feind­schaft kann man nicht durch die einfache Widerlegung von Lügen, sondern nur durch die wirkliche Beseitigung dessen aus der Welt schaffen, was an diesen Anklagen wahr ist.»37

Das Kadettenblatt «Rjetsch» griff hämisch die sozialrevolutionär­-menschewistischen Verleumdungen auf und gab sie schadenfroh in seiner Presseübersichten wieder.

«Die Männer der Reaktion sind keine Schönredner», hatte schon Marx über die Konterrevolution von 1848 gesagt. Die Kadetten wußten sehr gut, mit welcher fieberhaften Energie die Konterrevo­lution um die Truppen des Hinterlandes kämpfte. Ueberflüssige Ge­schwätzigkeit konnte die tatkräftige und rasche Arbeit der Konter­revolution nur schädigen. Die kleinbürgerlichen Kompromißler deck­ten und rechtfertigten eifrig die Vorbereitungen für die Offensive der Konterrevolution.

 

6.

Die Offensive der Konterrevolution

 

Wie schon gesagt wurde, überholte die heranreifende Revolution alle Maßnahmen der Bourgeoisie und der Gutsbesitzer. Die Revo­lution eroberte die Massen, drang in alle Truppenteile der Front ein, schritt tief in das Innere des Landes, in die rückständigen Bezirke und bahnte sich ihren Weg in das Herz der Konterrevolu­tion selbst, in die Kosakengebiete.

Truppen, die noch gestern der schwarz-roten Fahne der bürger­lichen Sturmbataillone ihre Treue geschworen hatten, weigerten sich heute, die Befehle ihrer Kommandeure auszuführen.

Das Regimentskomitee des Semjonowski-Garderegiments, des gleichen, das sich 1905 durch die blutige Niederschlagung des Mos­kauer Arbeiteraufstandes ausgezeichnet hatte, versprach prahlerisch: «Das ganze Regiment wird an der Spitze der stürmenden Truppen stehen»38, aber wenige Tage danach weigerte sich das Semjonowski­-Regiment, in Stellung zu gehen.

Die Regimenter des II. Gardekorps äußerten den Wunsch, als Sturmtruppen betrachtet zu werden, später aber weigerten sich ganze Regimenter, Kampfbefehle auszuführen.

Kornilow wollte das polnische Ulanenregiment und das tsche­chische Regiment als erste gegen die Revolution vorschicken, aber Duchonin machte zu diesem Plan Kornilows die melancholische Bemerkung: «Das Hauptquartier hält sie nicht für völlig zuver­lässig.»39

Unter den Kosaken von der Front gärte es dumpf, da ihnen die Polizeifunktionen lästig wurden. Wie der Hetman Bogajewski mit­teilt, sandten die Frontkämpfer-Kosaken einen Protest gegen den Beschluß des Kosakenrats, bei den Wahlen zur Konstituierenden Versammlung ein Bündnis mit den Kadetten zu schließen. Die Ver­treter der Frontkämpfer wandten sich scharf gegen den Beschluß des Kubaner Kosakenrats, das Kubangebiet zu einer selbständigen Republik zu machen. Die Verschärfung der Beziehungen zwischen der Oberschicht und den breiten Massen der Kosaken nahm zuweilen einen gespannten Charakter an. In Omsk beschloß der Sowjet der Kosa­ken-Deputierten in der Nacht zum 5. Oktober, den Großen und Klei­nen Kosakenrat der Sibirischen Kosakentruppen für konterrevolu­tionär zu erklären; ihre Vorsitzenden wurden verhaftet, vor dem Gebäude des Rats wurden Wachen aufgestellt. «Die Kosaken haben eine unversöhnliche Stellung eingenommen: Kein Kampf gegen die Bolschewik»40 - so kennzeichnete der General Duchonin den Vor­marsch der Revolution in den Reihen der Kosaken.

Die Konterrevolution, deren Händen die letzten Kampfkräfte zu entgleiten drohten, fühlte das Herannahen der Katastrophe und suchte schleunigst zur Offensive überzugehen. Das sagte der General Brussilow ganz offen auf der Beratung von «Persönlichkeiten des Öffentlichen Lebens» in Moskau: «Alles spricht für eine starke Staatsgewalt. Aber eine starke Regierung wird erst dann kommen, wenn die Mehrheit des Vol­kes und der Truppen die ganze Tiefe des Niedergangs unseres Landes fühlen wird, wenn sie sagen werden: wir haben genug von der Zerrüttung, wir wollen Ordnung, wir wollen unsere Frei­heit genießen, aber wir wollen keine Anarchie. Wenn das der Fall sein wird, wird auch die starke Staatsmacht kommen.»41

Der Aufruf Brussilows, gegen die Revolution auf die Straße zu ziehen, wurde von dem Beratungs-Delegierten Iljin unterstützt. Er führte aus, es gäbe jetzt nur zwei Parteien, die Partei der Auflösung, mit den Bolschewiki an der Spitze, und die Partei der Ordnung, mit Kornilow an der Spitze, und erklärte dann frech:

«Wir sind die Partei der Ordnung. Wenn die Revolution darin besteht, daß jeder sich nimmt, was er kann, dann sind wir Konterrevolutionäre42

Kornilow wird erneut zum Ideal der Konterrevolution.

«Den Narren Kornilow - so erklärte der eingefleischte Reak­tionär Struve in der Sitzung des Vorparlaments - betrachten wir als völlig ehrenhaft, und für seinen ehrenhaften Namen wer­den wir auch unser Leben hingeben.»43

Die Erklärung Struves wurde mit stürmischem Beifall von dem gleichen Vorparlament aufgenommen, das nach der Absicht der so­zialrevolutionär-menschewistischen Verräter bis zur Einberufung der Konstituierenden Versammlung den Willen des Landes verkörpern sollte.

Durch die Fortsetzung des Krieges war die Regierung in ihrem Kampf gegen die Revolution an Händen und Füßen gebunden. Und die Provisorische Regierung folgte den Fußstapfen der zaristischen Minister, die vor der Februarrevolution versucht hatten, einen Se­paratfrieden mit den Deutschen abzuschließen. Am 11. Oktober stellte der Außenminister Tereschtschenko in einer geschlossenen Sitzung der Regierung eine neue Losung auf: Statt «Krieg bis zum siegreichen Ende» - «Krieg, solange die Kampffähigkeit der Armee reicht»44. Die neue Losung machte die Teilnahme Rußlands am Krieg zu einer durchaus bedingten: man konnte jeden Augenblick die Ar­mee für kampfunfähig erklären und aus dem Krieg ausscheiden.

Aber man beschränkte sich nicht auf diese Vorbereitung der öffentlichen Meinung. Am 21. Oktober teilte Burzew, der Redakteur des Boulevardblattes «Obschtscheje Djelo» mit, daß am 20. Oktober in der Sitzung der Kommission des Vorparlaments die Frage des Abschlusses eines Separatfriedens mit den Deutschen erörtert wor­den sei. Auf Anordnung Kerenskis wurde die Zeitung sofort ver­boten, aber nicht wegen Verleumdung, sondern ... wegen Veröffent­lichung von Mitteilungen über eine geschlossene Sitzung der Kom­mission.

Die Regierung wollte in Eile Frieden schließen und zur Offensive gegen die Revolution übergehen. Zu gleicher Zeit versandte der In­nenminister, der Menschewik Nikitin, am 9. Oktober eine Verord­nung, daß bei den Gouvernementskommissaren der Provisorischen Regierung besondere Komitees aus Vertretern der örtlichen Selbst­verwaltungen, der Gerichts- und der Militärbehörden zu schaffen seien. Die Komitees hatten die Aufgabe, die Kräfte am Ort zusam­menzufassen, die zur Unterstützung der Provisorischen Regierung bereit waren. Diese Komitees wurden mit der ganzen Fülle der Macht ausgestattet.

Am 11. Oktober erließ der Kriegsminister eine Verordnung über die Einsetzung der Armee zum «Kampf gegen die Anarchie». Den konterrevolutionären Komitees wurden die militärischen Kräfte zur Verfügung gestellt.

Die Menschewiki arbeiteten Hand in Hand mit der Bourgeoisie. Am 15. Oktober brachten sie im Vorparlament einen Entwurf von «Provisorischen Bestimmungen über den Kampf gegen Gewalt­akte» ein. Der Entwurf sah in den einzelnen Orten die Bildung von Komitees für die öffentliche Sicherheit vor, die, mit voller Macht ausgestattet, aus Vertretern der verschiedenen Organisatio­nen, sowie der Militär- und Gerichtsbehörden bestehen sollten. Das Vorparlament, dem der Antrag der Menschewiki und der Entwurf des menschewistischen Ministers Nikitin über die Bildung von Komitees bei den Gouvernementskommissaren zugegangen waren, bestätigte den Entwurf in der Formulierung der Menschewiki: un­ter dieser Hülle war das konterrevolutionäre Wesen der Komitees nicht so offenkundig. Die Menschewiki schufen mit ihren eigenen Händen jene «Komitees für die öffentliche Sicherheit», die sofort nach der Oktoberrevolution an die Spitze der Konterrevolution traten.

Von der Front wurden in aller Eile Kavallerietruppen in die Hei­mat entsandt. Auf Anordnung des Kriegsministeriums wurde am 4. Oktober eine Kavallerie-Division von der Rumänischen Front in das Donezbecken verlegt. General Duchonin hat in seinem Tele­gramm vorn 12. Oktober an den General Schtscherbatschew die Auf­gabe dieser Division genau umrissen: «Senden Sie zur Aufrechterhaltung der Ordnung im Donez­gebiet eiligst (das Wort ‚eiligst' wurde von Duchonin bei der Unterzeichnung des Telegramms eingefügt. Die Red.) eine Kavalleriedivision zur Verfügung des Befehlshabers des Odes­saer Militärbezirks an einen von ihm anzugebenden Punkt45

Die Division wurde abgesandt, obwohl die Front fast völlig entblößt war und obwohl der Befehlshaber der Rumänischen Front General Schtscherbatschew, Einspruch erhob.

Gleichzeitig mit der Verlegung der Truppen an solche bedrohte Stellen wie das Donezbecken, verstärkte die Reaktion die Garniso­nen au den größten Knotenpunkten durch zuverlässige Truppen­teile. So wurde auf Befehl des Oberbefehlshabers der Südwest­front die Donkosaken-Infanteriebrigade eilig nach Kiew geworfen und die Anordnung über den Abtransport des 17. Donkosaken-Regi­ments aus dieser Stadt auf Bitte der örtlichen Behörden zurück­gezogen.

Auch in wichtigen Zentren wie Brjansk und Smolensk wurden die Kräfte verstärkt. Nach Smolensk wurde eilig das 4. Sibirische Kosakenregiment gesandt.

Auch die Garnison in Mohilew, wo das Hauptquartier lag, wurde eiligst verstärkt. Zu diesem Zweck forderte das Hauptquartier vom Oberbefehlshaber der Südwestfront:

«Senden Sie zu uns das 1. Orenburger Regiment. Dieses Regi­ment wird vorn Petrograder Kosakenkongreß empfohlen. 19. Ok­tober.»46

Das war also die Stelle, die über die politische Zuverlässigkeit der Truppen entschied! Das ganze Gebiet im Rücken der Front, einschließlich der größten Zentren, war von Kavallerie über­schwemmt, die einen bestimmten Aktionsplan hatte. Eine Vorstel­lung von diesem Plan erhält man durch folgendes Dokument von der Südwestfront: «Zum Schutz des Hinterlandes sind der Nachschubleitung der Südwestfront zur Verfügung gestellt: die 6. und 7. (im Text ist ein Schreibfehler enthalten. Offenbar handelt es sich um die 5. Die Red.) Donkosaken - Division und das 1. Regiment der 1. Garde-Kavalleriedivision. Die 6. Kosakendivision steht rest­los im Gebiet westlich des Dnjepr, von der 5. Kosakendivision stehen 1 1/2 Regimenter östlich und 2 1/2 westlich des Dnjepr, 1/4 in Kiew, und 1 in Winniza; ein Regiment der Garde-Kaval­leriedivision steht östlich vom Dnjepr. Das ganze Gebiet im Hinterland ist in Regimentsabschnitte für den Sicherheitsdienst aufgeteilt. Zum Chef sämtlicher Truppen, die für den Schutz des Gebietes westlich vom Dnjepr bestimmt sind, wird der Komman­deur der 6. Kosakendivision, für das Gebiet von Kiew und öst­lich des Dnjepr der Kommandeur der 5. Kosakendivision er­nannt. Die Kommandeure beider Divisionen sind der Nach­schubleitung der Südwestfront über den Befehlshaber der Trup­pen des Kiewer Militärbezirkes unterstellt. Ferner sind dem Chef des Militärverkehrswesens der Südwestfront drei Regimen­ter der 1. Garde-Kavalleriedivision und sechs besondere Kaval­lerie-Eskadronen für den Bahnschutz zur Verfügung gestellt. Nr. 265 908/6793. Stogow47

Gegen den inneren Feind wurde eifriger gerüstet als gegen den äußeren. An der Front trieb man oft rasch zusammengeraffte Trup­pen ins Feuer, ohne einen ausgearbeiteten Plan zu haben, ohne sich um den Kampfgeist zu kümmern. Hier, im Hinterland, war jeder Punkt des Plans durchdacht. Das Gebiet wurde in Abschnitte aufgeteilt. Jeder Kommandeur erhielt im vorhinein genaue Instruk­tionen. Die Truppen wurden sorgfältig geprüft und mehrfach gesiebt. Besondere Aufmerksamkeit widmete die Reaktion Moskau. Als die Vorbereitung der Offensive gegen die Revolution erneut begann, beschloß das Hauptquartier, eine Kavalleriedivision nach Moskau zu senden. Am 2. Oktober telegraphierte Duchonin an den Oberbefehls­haber der Südwestfront:

«Der Höchstkommandierende hat befohlen, eiligst mit Eisen­bahn eine der regulären Kavalleriedivisionen dem Befehlshaber des Moskauer Militärbezirks nach dessen Anweisung zur Ver­fügung zu stellen. Wir ersuchen Sie zu drahten, welche Kaval­leriedivision dafür bestimmt wird48 Da die Division eintreffen sollte, wurde befohlen, das 7. Kosa­kenregiment aus Moskau zu entfernen. In Moskau war man aber der Meinung, daß ein Sperling in der Hand besser sei, als eine Taube auf dem Dach. Der Befehlshaber der Truppen des Mos­kauer Militärbezirks, Oberst Rjabzew, bat dringend, das Regiment in Moskau zu belassen. Das Hauptquartier stimmte zu. Ja, es erteilte darüber hinaus den Befehl, das 4. Sibirische Kosakenregi­ment nach Kaluga, in die Nähe Moskaus, zu versetzen.

Aber die revolutionären Ereignisse wuchsen mit solcher Schnel­ligkeit heran, daß sich auch diese Kräfte als unzureichend erwiesen. Moskau fragte tagtäglich an, wann die Division eintreffen werde, und am 20. Oktober ging folgendes Telegramm an das Hauptquar­tier ab:

«Infolge der Annahme einer Resolution im bolschewistischen Sowjet über die sofortige Besetzung der Betriebe und des daher zu erwartenden Dekrets steht die Frage einer Aktion der Bolsche­wiki und die Besetzung der staatlichen und öffentlichen Einrich­tungen Moskaus für die nächsten Tage auf realer Basis, vielleicht schon für heute. Es liegen Nachrichten vor, daß Moskau das Zen­trum der Aktion sein wird. Zur Aufrechterhaltung der Ordnung in Moskau habe ich genügend Kräfte zur Verfügung ... für den Bezirk, wo an vielen Orten gleiche Aktionen zu erwarten sind, wird möglicherweise Ihre Unterstützung, hauptsächlich durch Kavallerie und berittene Artillerie notwendig sein, worüber der Kriegsminister in Kenntnis gesetzt wurde. Der provisorische Stellvertreter des Befehlshabers des Moskauer Militärbezirks, Oberst Krawtschuk.»49

Somit wußten die Moskauer Konterrevolutionäre offensichtlich von dem Briefe Lenins, in dem er von der Möglichkeit gesprochen hatte, den Aufstand in Moskau zu beginnen. Die Reaktion traf ihre Maßnahmen, ohne auf den Aufstand zu warten. Das alles wirft auch ein gewisses Licht auf die weiteren Ereignisse in Moskau, wo sich der Aufstand einige Tage hinzog: die Konterrevolution vermochte dort bedeutende Kräfte zu sammeln.

Duchonin versah das vom Obersten Krawtschuk unterzeichnete Telegramm mit der Randbemerkung: «Es ist notwendig, wenn nicht eine Division, so wenigstens eine Brigade mit berittener Artillerie zur Abfahrt bereitzuhalten. Duchonin50

Am gleichen Tage, dem 20. Oktober, teilte das Hauptquartier nach. Moskau mit:

«Es wurde Befehl erteilt, eine Brigade Kavallerie finit einer Batterie für den Abtransport von der Südwestfront zu Ihrer Ver­fügung bereitzustellen, sobald wir Ihrerseits eine Mitteilung über diese Notwendigkeit erhalten.»51

Im Lichte dieser Tatsache zeigt sich auch die ganze Haltlosig­keit und kindische Naivität der bekannten «Theorie» Trotzkis, wo­nach die Weigerung, den Abtransport der Truppen aus Petrograd zuzulassen, bereits im voraus den Ausgang des Oktoberaufstandes entschieden habe.

«Der Ausgang des Aufstandes vom 25. Oktober - schrieb Trotzki in seinen Lehren des Oktober' - war schon zu drei Vierteln, wenn nicht mehr, in dem Augenblick im voraus ent­schieden, als wir uns dem Abtransport der Petrograder Garnison widersetzten, das Revolutionäre Kriegskomitee bildeten (16. Okto­ber), in allen Truppenteilen und Institutionen unsere Kommis­sare einsetzten und dadurch nicht nur den Stab des Petrograder Militärbezirks, sondern auch die Regierung vollständig isolier­ten. Im Grunde genommen lag hier ein bewaffneter Aufstand vor ... Der Aufstand vom 25. Oktober hatte nur ergänzenden Charakter.»52

Im Lichte der angeführten Dokumente zeigt sich der ganze ver­räterische Charakter dieser Legende, und die verleumderische Legende selbst schmilzt dahin, wie der Schnee in der Sonne. Die Weigerung, die Regimenter aus Petrograd abziehen zu lassen, war nur eine Herausforderung, die die Revolution der Konterrevolution entgegenschleuderte. Gerade nach dieser Herausforderung machte sich die Konterrevolution fieberhaft ans Werk, um dem heran­wachsenden Aufstand zuvorzukommen. Wenn die bolschewistische Partei auch nur eine Minute lang geglaubt hätte, die Weigerung, die Garnison abziehen zu lassen, sei «im Grunde genommen der bewaffnete Aufstand gewesen», und der Sieg sei durch diese Ab­lehnung schon gesichert, dann wäre sie der Konterrevolution auf den Leim gegangen: der «legale», «friedliche Aufstand» Trotzkis hätte dazu geführt, daß die Konterrevolution alle ihr Kräfte zusam­mengezogen und die «friedlichen» Sieger erdrückt hätte.

Der Gang der Ereignisse hat dies vollständig bestätigt.

Die Konterrevolution beendigte ihre Vorbereitungen: an den einzelnen Orten wurden Stäbe geschaffen, um die Niederschlagung der Revolution zu leiten - die berüchtigten «Komitees der öffent­lichen Sicherheit»; diese Stäbe wurden mit der ganzen Fülle der Macht ausgestattet; von der Front wurden zuverlässige Truppenteile herangezogen; im Hinterland wurden die schon seit langem bereitgestellten Abteilungen in Kriegszustand versetzt; in die wich­tigsten Knotenpunkte und Industriezentren wurden bedeutende Ver­stärkungen entsandt und in Petrograd selbst wurden alle Maßnah­men zur Niederwerfung des bewaffneten Aufstandes getroffen.

Schon am 14. Oktober, zwei Tage nachdem das Plenum des Petrograder Sowjets die Bildung des Revolutionären Militärkomitees bestätigt und es beauftragt hatte, sofort an die Arbeit zu gehen, fand bei Kerenski eine Beratung der Mitglieder der Provisorischen Regierung statt. Der Stabschef des Petrograder Militärbezirks, Gene­ral Bagratuni, berichtete dort über die Kampfmaßnahmen gegen eine mögliche Erhebung. Die Provisorische Regierung betrachtete den heranreifenden Aufstand nicht als «friedlich», sondern stimmte allen diesen Maßnahmen zu und ordnete an, daß die Verteidigung der Stadt dem Militärkomitee beim Zentralexekutivkomitee der Sowjets zu übertragen sei. Am nächsten Tag verbot der Befehlshaber des Militärbezirks, Polkownikow, alle Meetings, Versammlungen und Demonstrationszüge, gleichgültig, wer sie zu veranstalten be­absichtigte. Sein Befehl schloß mit den Worten: «Ich weise zur Warnung darauf hin, daß ich zur Unter­drückung jeglicher Versuche, die Ordnung in Petrograd zu stören, die äußersten Maßnahmen ergreifen werde.»53

Am 16. Oktober erstattete Polkownikow in einer geschlossenen Sitzung der Provisorischen Regierung erneut Bericht über die Vor­bereitung des Gegenstoßes. Polkownikow teilte mit, daß die Offi­zierschulen aus der Umgebung Petrograds in die Hauptstadt be­rufen worden seien und ein Teil der Panzerwagenabteilung beim Winterpalast untergebracht sei. Die Regierung stimmte diesen Maß­nahmen zu und bezeichnete es als notwendig, die Miliz der Kom­petenz der einzelnen Stadtbezirksdumas zu entziehen und sie un­mittelbar der Zentralmacht zu unterstellen. Die bewaffneten Kräfte der Hauptstadt wurden in einer Hand konzentriert.

Am nächsten Tag trat die Provisorische Regierung erneut zusam­men, Kerenski, der Kriegsminister Werchowski und der Innenmini­ster Nikitin, die soeben von der Front zurückgekehrt waren, ergrif­fen das Wort zu Mitteilungen. Alle erforderlichen Maßnahmen sind bereits getroffen, so erklärte Kerenski: Der Winter- und der Marienpalast, die Sitze der Regierung und des Vorparlaments, stehen unter verstärktem Schutz; aus Oranienbaum bei Petrograd wurden zwei Fähnrichschulen herangezogen, um die Post und das Tele­graphen- und Telephonamt zu schützen; von der rumänischen Front wurden ein Panzerzug und eine Reihe anderer Truppenteile nach Petrograd beordert; die Miliz wurde verstärkt. Kurz, nach den Ver­sicherungen Kerenskis standen durchaus zureichende militärische Kräfte zur Verfügung.

Wie die Vorbereitungen in Petrograd selbst vor sich gingen, kann man an Hand folgender Tatsachen beurteilen.

Am 3. Oktober wurden die unzuverlässigen Kompagnien der 1. Garde-Reservebrigade, die zur Garnison der Peter-Pauls-Festung gehörten, durch vier Kompagnien des Radfahrer-Bataillons abgelöst. Am 10. Oktober traf in Petrograd die 1. Oranienbaumer Fähnrich­schule zum Schutz des Winterpalastes ein. Am 16. Oktober folgte ihr dorthin die 2. 'Oranienbaumer Fähnrichschule. Am 17. Oktober wurde ein Befehl erlassen, durch den dem Befehlshaber des Petro­grader Militärbezirks 16 Panzerwagen des «Fiat»-Typs und ein Panzerwagen der Marke «Harford» zur Verfügung gestellt wur­den, die zum Schutz des Winterpalastes und der Regierungsgebäude dienen sollten.

Der entscheidende Augenblick rückte heran: Revolution und Konterrevolution standen in Kampfstellung, traten einander Auge in Auge gegenüber.

Den ersten Schlag führte die Konterrevolution. In der Meinung, die Bolschewiki würden am 20. Oktober, an dein ursprünglich der ordentliche - zweite - Sowjetkongreß eröffnet werden sollte, den Aufstand beginnen, erließ die Provisorische Regierung tags zuvor, am 19. Oktober, einen erneuten Haftbefehl gegen Lenin. Der Staats­anwalt richtete an alle Behörden das Ersuchen, Lenin ausfindig zu machen, zu verhaften und ihn P. A. Alexandrow, Untersuchungs­richter für besonders wichtige Angelegenheiten, einzuliefern.

Am gleichen Tage forderte in Kaluga der dort mit Kosakentrup­pen eingetroffene Regierungskommissar Galin ultimativ vom Kalu­gaer Sowjet die Auflösung der Soldatensektion und die Entwaff­nung der Garnison. Eine Strafabteilung umzingelte den «Freiheits­palast», wo alle Sektionen des Sowjets tagten, beschoß das Gebäude, zerstörte die Räumlichkeiten des Sowjets und verhaftete die bol­schewistischen Deputierten. Die Kosaken, die den Sowjet zerstörten, erklärten, sie hätten die Aufgabe, noch weitere zwölf Sowjets, die auf bolschewistischem Standpunkt standen, darunter auch den Mos­kauer Sowjet, auseinanderzujagen.

In Kasan befahl der Befehlshaber der Truppen, eine Artillerie­abteilung, die unter Führung der Bolschewiki stand, zu entwaffnen.

In Taschkent ließ der General Korownitschenko die Kasernen der revolutionär gestimmten Truppenteile durch Kosaken und Offizierschüler mit Unterstützung von zwei Panzerautos umzingeln.

In Petrograd wurden verstärkte Abteilungen von Offizierschülern und Kosaken auf die Straßen geführt, in der ganzen Stadt wurden versteckte Reserven untergebracht, die jeden Augenblick zum Los­schlagen bereitstanden. Die ganze Miliz war in Kriegszustand ver­setzt, die Hälfte ihres Bestandes tat ununterbrochen im Kommissa­riat Dienst. Verstärkte Kosakenpatrouillen jagten durch die Stadt.

A n die Truppen der Petrograder Garnison wurde ein Geheim­befehl gerichtet:

«In Anbetracht dessen, daß die wichtigsten Objekte, die er­obert werden sollen, der Winterpalast, das Smolny-Institut, der Marienpalast, der Taurische Palast, der Stab des Militärbezirks, die Staatsbank, die Druckerei für Staatspapiere, das Post- ­und Telegraphenamt und das Haupttelephonamt sind, müssen alle Anstrengungen darauf gerichtet sein, diese Institutionen in unseren Händen zu behalten. Zu diesem Zweck ist es erforder­lich, einerseits die Linie Newafluß und andererseits die Linie Obwodny-Kanal und Fontanka zu besetzen, um den Aufrührern jeden Zugang zum Stadtinnern zu versperren ....»54

Im weiteren wurden ausführliche Anweisungen erteilt, wie die Regimenter im Falle einer bewaffneten Aktion der Arbeiter vor­gehen sollten.

Dieser Befehl wurde von einem Kommissar des Finnischen Re­serveregiments abgefangen und dem Revolutionären Militärkomitee zugestellt.

Am 20. kam es bekanntlich nicht zum Aufstand und auch der Kongreß selbst trat nicht zusammen: im letzten Moment beschlos­sen die lavierenden sozialrevolutionär-menschewistischen Verräter, den Kongreß noch um fünf Tage zu verschieben, in der Hoffnung, in dieser Zeit die Zahl ihrer Anhänger auf dem Kongreß zu erhöhen. Eine nicht geringe Rolle spielte dabei auch die Absicht, im letzten Augenblick den Bolschewiki einen Strich durch die Rechnung zu machen. Die kleinbürgerlichen Politikaster glaubten ebenfalls, der Aufstand sei zum Kongreß angesetzt: durch die Verschiebung des Kongresses hofften sie auch, den Aufstand hinauszuzögern.

Aber die Konterrevolution, die einmal mit der Offensive begonnen hatte, führte ihren Plan weiter durch.

Am 20. Oktober wurde die 2. Peterhofer Fähnrichschule zum Schutz des Winterpalastes angefordert; sie traf ein und löste die 1. Oranienbaumer Schule ab. Am 21. Oktober traf die 1. Peterhofer Fähnrichschule in der Hauptstadt ein und besetzte den Anitschkow-Palast.

Am 23. Oktober wurde dem Stab des Petrograder Militärbezirks der Befehl erteilt, das Sturmbataillon aus Zarskoje Selo, die Garde­-Artillerie aus Pawlowsk und eine Reihe von Truppenteilen von der Nordfront nach Petrograd zu überführen. Am 24. Oktober traf eine Kompagnie des 1. Petrograder Frauenbataillons ein, die der Gar­nison des Winterpalastes zugeteilt wurde. Am 25. Oktober sollten die 3. Peterhofer Fähnrichschule und die Fähnrichschule der Nordfront in Petrograd eintreffen, und zwar mit 100 Patronen pro Mann.

Man sieht, daß die Provisorische Regierung der Armee nicht vertraute: den Kern der in die Hauptstadt kommandierten Truppen bildeten die Militärschulen - die «bürgerliche Garde», nach dem Ausdruck Lenins. Der Klasseninstinkt täuschte die Regierung nicht: sogar einige dieser auserlesenen Truppenteile, wie z. B. das Colt-­Maschinengewehr-Bataillon, das Radfahrer-Bataillon und andere, leisteten der Provisorischen Regierung nicht nur keine bewaffnete Hilfe, sondern schlossen sich den aufständischen Petrograder Arbei­tern an. Schließlich bewaffnete die Regierung diejenigen Bevölkerungs­schichten, auf die sie sich zu stützen gedachte.

Am 18. Oktober erteilte der Stabschef des Petrograder Militär­bezirks den Befehl, «dem Kommandeur der Studenten-Motorrad­fahrerabteilung, Drankin, 20 Revolver und 400 Patronen»55 auszufol­gen. Am 20. Oktober kam der Befehl heraus, dem Komitee der Bankangestellten 100 Revolver und Gewehre sowie 3000 Patronen auszufolgen. Am 24. Oktober wird angeordnet, daß der von W. Or­lowitsch organisierten «Abteilung aus der Gefangenschaft geflüch­teter, verwundeter und kriegsbeschädigter Soldaten» Waffen zu ge­ben seien56. Am 24. Oktober wird eine weitere derartige Abteilung unter dem Fähnrich Frolow formiert und bewaffnet. Am 24. Okto­ber. wird dem Vorsitzenden des Petrograder Gebietskomitees zur Organisierung der Freiwilligenarmee, dem Matrosen Tschaikin, ein Maschinengewehr ausgefolgt.

Das Hauptaugenmerk wurde auf den Schutz des Winterpalastes, des Sitzes der Provisorischen Regierung, gerichtet. In der Periode vom 10. bis zum 23. Oktober wurden Truppen für eine gemischte Abteilung ausgewählt, die die Garnison des Palastes bildete. Die Auswahl wurde mit großer Sorgfalt getroffen. Den Kern der Abtei­lung bildeten die Militärschulen mit ihrem auserlesenen Personen­bestand. In den Fällen, wo Soldaten hinzugezogen wurden, geschah dies stets mit dem Vorbehalt, daß nur «zuverlässige Leute» ent­sandt werden dürfen. So erhielt zum Beispiel am 17. Oktober der Kommandeur des Maschinengewehr-Bataillons den Befehl, «zuverlässige» Maschinengewehrschützen für die Bedienung von zwei im Palast untergebrachten Maschinengewehren System «Colt» und zwei Maschinengewehren System «Maxim» zu entsenden. Aehnlich lau­teten auch die übrigen Anweisungen.

Die Zusammensetzung und Bewaffnung der zum Schutze des Winterpalastes eingesetzten Streitkräfte war am 21. Oktober fol­gender57:

Benennung des Truppenteils

Offiziere

Offiziersschüler

Soldaten

Geschütze

Panzerwagen

Maschinengewehre

2. Peterhofer Fähnrichschule

10

300

6

-

-

-

2. Oranienbaumer Fähnrichschule

22

330

-

-

-

9

Michail-Artillerieschule

2

66

-

6

-

-

Panzerwagenabteilung

2

-

15

-

5

10

4. Kompagnie des 1. Radfahrerbataillons

1

-

54

-

-

-

Insgesamt

37

696

75

6

5

19

 

In den nächsten Tagen wurde die gemischte Abteilung durch Stoßtruppler aus Zarskoje Selo, eine Kompagnie des 1. Petrogra­der Frauenbataillons, die Offizierschüler der Fähnrichschule der Nordfront, drei Hundertschaften Kosaken, die Offizierschüler der Ingenieur-Schule und einige andere Einheiten verstärkt; sie zähl­ten insgesamt etwa 1600 Mann.

Vorn 16. bis 24. Oktober besetzten die Abteilungen der Offi­zierschitier nach und nach die Regierungsgebäude und die taktisch wichtigsten Punkte der Stadt.

Am 16. Oktober wurden «bis auf weiteres» Radfahr-Beobach­tungsposten in der Millionnajastraße, auf der Polizeibrücke und beim Alexandergarten, gegenüber der Gorochowaja-Straße und dein Wosnessenski-Prospekt aufgestellt.

Am 17. Oktober wurden die Wachtposten im Kresty-Gefängnis, an der zweiten Stadt-Eisenbahnstation und an anderen Stellen durch Offizierschüler verstärkt. Am gleichen Tag wurden vor den Gebäuden der Druckerei für Staatspapiere, der Staatsbank, des Hauptpostamtes, des Eisenbahn-Haupttelegraphenamtes und des Nikolaus-Bahnhofs Panzerwagen in Stellung gebracht. Sämtliche Panzerwagen hatten den Befehl, je 12 Maschinengewehrgurte mit Patronen bereitzuhalten.

Am 20. Oktober traf am Nikolaus-Bahnhof die Ausbildungsabtei­lung des Ismailowski-Reserveregimentes ein. Am 24. Oktober besetz­ten Wachtposten von Offizierschülern das Städtische Telegraphenamt, das Telephonamt, sämtliche Bahnhöfe, die Hauptverwaltung der Eisenbahnen (Fontanko 117), die Regierungsbehörden. Am gleichen Tag wurden Posten von Offizierschülern an den großen Straßen­kreuzungen in der Stadt aufgestellt und sie begannen, Automobile, die keine ordnungsgemäßen Ausweise hatten, anzuhalten und zum Winterpalast zu schicken.

Am 24. Oktober besetzten Abteilungen von Offizierschülern die Newabrücken.

Am gleichen 24. Oktober wurde in Petrograd das Eintreffen von Front-Truppen erwartet.

«Auf meinen Befehl - schrieb später Kerenski - sollten von der Front eiligst Truppen nach Petersburg gesandt werden, und die ersten Abteilungen von der Nordfront sollten am 24. Oktober in der Hauptstadt eintreffen.»58

Für den gleichen Tag, den 24. Oktober, das heißt am Tage vor der Eröffnung des Sowjetkongresses, war der letzte, entscheidende Schlag beabsichtigt. Das Smolny-Institut sollte angegriffen und besetzt werden.

«Sofort, nachdem die Sitzung der Regierung zu Ende war - so erzählt Kerenski über die Sitzung im Winterpalast am 23. Ok­tober, um 23 Uhr abends - erschien bei mir der Befehlshaber des Militärbezirks mit seinem Stabschef. Sie schlugen mir vor, mit allen der Provisorischen Regierung treu gebliebenen Streit­kräften, darunter auch den Kosaken, eine Expedition zur Er­stürmung des Smolny-Institutes, des Hauptquartiers der Bol­schewiki, zu organisieren. Dieser Plan fand sofort meine Zustim­mung, und ich drängte auf seine unverzügliche Verwirklichung.»59