Erstes Kapitel
|
|
|
1915 |
1918 |
In |
Japan |
0 |
- 1 |
|
England |
-3 |
-2 |
|
Frankreich |
-8 |
- 13 |
|
Italien |
-16 |
-20 |
|
Deutschland |
-16 |
-23 |
« |
Oesterreich-Ungarn |
- 27 |
- 33 |
« |
Rußland |
- 29 |
- 40 |
Das Tempo des Währungssturzes war in den einzelnen Ländern verschieden. In Japan blieb die Währung auf der Höhe der Goldparität, in England sank sie nur wenig. Am stärksten entwertete sich die Währung in Rußland und Oesterreich-Ungarn; erheblich - zwei bis dreimal weniger - in Deutschland, Italien und Frankreich.
Die Vereinigten Staaten, Japan und England führten den Krieg ausschließlich auf fremden Territorien. Italien wurde durch die Kriegsoperationen fast gar nicht berührt. Der von den Ententetruppen besetzte Teil Deutschlands war ganz klein. Die vom Feinde besetz ten Gebiete des zaristischen Rußland übertrafen, sowohl an abso luter Ausdehnung, wie auch an Bedeutung für das Land bei weitem alle Gebiete, die Oesterreich und Frankreich entrissen worden waren.
Eine schwer .ins Gewicht fallende Besonderheit Rußlands war die ungeheure Ausdehnung der Kampffronten. Die russische Frontlinie war um ein Mehrfaches länger als die Frontlinien der übrigen Mächte. Die Millionenmassen der russischen sowie der deutschen und österreichischen Armeen durchquerten auf mehrmaligen Vormärschen und Rückzügen das gewaltige Gebiet des östlichen Kriegsschau platzes. Da die militärischen Operationen den Charakter des Bewe gungskrieges trugen, wurden nicht nur die eigentlichen Kriegsgebiete verwüstet, sondern auch die angrenzenden Gegenden, die besonders schwer unter den verheerenden Wirkungen der Evakuierungen litten. Von der Evakuierung wurde im zaristischen Rußland ein Gebiet von mehr als 500 000 Quadratkilometern mit 25 Millionen Einwohnern, d. h. ein Siebentel der gesamten Bevölkerung betroffen. 3 Millionen Menschen wurden aus ihren Wohnorten gerissen und ins Hinterland abgeschoben. Die zu vielen Tausenden ins Hinterland strömenden Flüchtlinge verbreiteten Desorganisation und Panik und zerrütteten den ganzen Organismus des Wirtschaftslebens. Im Gegensatz zu Frankreich, das nur ein einziges mal, im August 1914, die feindliche Besetzung und Räumungsmaßnahmen erlebte, und dies auch nur auf einem kleinen Teil seines Gebietes, wurde das zaristische Rußland im Verlaufe des gesamten Krieges ständig durch Besetzungen und Räumungen erschüttert. Infolge seiner technischen Rückständigkeit außerstande, die ge samte Wirtschaft für die Kriegführung zu mobilisieren, mußte sich Rußland an die Alliierten um Hilfe wenden.
Die Summen der von den Alliierten zur Verfügung gestellten Kredite stiegen von Monat zu Monat. Etwa 8 Milliarden Rubel flossen in die Hände der Regierung. Die Kriegsschulden Rußlands betrugen fast das Doppelte der gesamten Vorkriegsschulden: 7745,9 Millionen Rubel gegenüber 4066 Millionen. Die Kredite waren bedeutend höher als die Summe der Aufträge, die Rußland an die Alliierten vergab. Außer den Aufträgen bei den Verbündeten mußten die Zinsen für die Staatsanleihen und die Kriegslieferungen aus den neutralen Ländern, aus Japan und Amerika, bezahlt werden.
Durch die Anleihen geriet Rußland in noch größere Abhängigkeit von den Alliierten. England hatte faktisch darüber zu entscheiden, für welche Zwecke die Kredite verwendet wurden. Als Sicherung der Kredite pumpten die Alliierten das Gold aus Rußland heraus. Im Mai 1916 schrieb der Finanzminister Bark:
«Die besonders ungünstigen Kreditbedingungen, die uns zur Zeit von England angeboten werden, zeugen davon, daß mit der weiteren Entwicklung der militärischen Ereignisse die Anleiheaufnahme Rußlands bei den Verbündeten allein immer schwie riger wird und daß unsere völlige finanzielle Abhängigkeit von den Verbündeten äußerst drückend ist.» 48
Sogar dieser Minister der Zarenregierung mußte zugeben, daß die halbkoloniale Abhängigkeit Rußlands in den Kriegsjahren immer stärker wurde. Der alte zaristische Bürokrat sah nur einen Ausweg: neue Anleihen an anderer Stelle, nämlich bei den amerikanischen Imperialisten.
Der Krieg gegen die Zentralmächte unterbrach jäh die russischen Wirtschaftsverbindungen mit der Außenwelt. Vor dein Kriege kam die Hälfte aller nach Rußland eingeführten Waren aus den mittel europäischen Ländern. Etwa ein Drittel der russischen Ausfuhr ging in diese Länder. Die übrigen Länder waren viel weniger mit Deutschland und Oesterreich verflochten, und natürlicherweise hatte der Abbruch dieser Wirtschaftsbeziehungen für England, Frankreich, ja auch für Italien keine so verheerenden Folgen. Nicht nur die wirtschaftlichen Verbindungen Rußlands mit den Mittelmächten wurden
zerstört, es rissen plötzlich die Verbindungen zu fast der ganzen Welt ab. Die Grenzen auf dem europäischen Festland waren gesperrt, mit Ausnahme der schwedisch-norwegischen und der wirtschaftlich bedeutungslosen rumänischen Grenze, über die ein Verkehr mit Ländern jenseits Rumäniens nicht möglich war. Die Ostsee wurde von den deutschen Unterseebooten beherrscht. Nachdem die Türkei in den Krieg eingetreten war, entstand eine ähnliche Lage auf dem Schwarzen Meer. Ueber alle diese Grenzen waren 1913 insgesamt neun Zehntel der Ausfuhr und fünf Sechstel der Einfuhr gegangen.
Während der Kriegszeit hing die Verbindung des zaristischen Rußland mit der Außenwelt einzig an dem dünnen Faden der großen transsibirischen Strecke, die 8000 Kilometer lang war und als einzi gen Ausgang zum Meer Wladiwostok hatte; die Murmansker Eisen bahn wurde erst Ende 1917 fertig gestellt. Während der Sommermonate wurde eine ergänzende Verbindung über Archangelsk aufrechterhalten, das mit dem Zentrum durch eine Schmalspurbahn verbun den war; erst 1916 wurde diese Strecke auf Normalspurweite umgebaut. Archangelsk konnte nur einen geringen Frachtumsatz bewälti gen. Wie gering die Leistungsfähigkeit dieser Bahnlinie war, kann man daraus ersehen, daß ein Güterverkehr mit Fuhrwerken eingerichtet wurde, wie zur Zeit Iwans des Schrecklichen. Die Güter wur den mit Fuhrwerken 1200 Kilometer weit, erst auf der Landstraße von Archangelsk nach Wologda, dann von Wologda nach Petrograd befördert. Rodsjanko schrieb: <Schon zu Anfang des Krieges liefen bei der Duma Mittei lungen ein, daß sich der Abtransport auf der Schmalspurbahn von Archangelsk sehr schwierig gestalte und der Hafen daher durch Frachten verstopft sei. Die Lieferungen aus Amerika, England und Frankreich häuften sich bergehoch an und konnten nicht ins Innere des Landes transportiert werden. Litwinow-Falinski machte schon in den ersten Kriegstagen warnend darauf aufmerksam, daß - sich der Hafen von Archangelsk in einem fürchterlichen Zustand befinde. Man erwartete das Eintreffen großer Kohlenlie ferungen für die Petrograder Fabriken aus England, aber es gab nicht einmal Platz für das Ausladen der Kohle. Obwohl Archangelsk der einzige Kriegshafen war, der uns mit den Alliierten ver band, hatte man sich fast gar nicht um ihn gekümmert. In einer der ersten Sitzungen des Sonderbeirates mußte die Frage Archangelsk aufgeworfen werden; es wurde die Anfrage an die Mi nister gerichtet, was sie zu, tun gedächten. Die Minister, Suchom linow, Ruchlow und Schachowskoj antworteten entweder ausweichend oder gaben Versprechungen, ohne wirklich etwas zu unternehmen. Indessen war die Menge der aufgestapelten Gütersendungen gegen Ende des Sommers 1915 so groß geworden, daß die auf dein Boden liegenden Kisten unter dem Gewicht der über ihnen lagernden Frachten förmlich in den Boden sanken.»49
Das ganze schwerfällige Gebäude des zaristischen Rußland verfiel der Zerstörung. Die Kriegskosten überstiegen die Kräfte des Landes. Rußland verausgabte in den ersten drei Kriegsjahren 167 Prozent der Gesamteinnahmen von 1913, während die entsprechenden Ziffern in Frankreich 105 Prozent, in England 130 Prozent betrugen. Nur in Oesterreich-Ungarn erreichten die Ausgaben die Höhe von 160 Prozent.
Der Krieg lastete auf Rußland schwerer als auf irgendeinem anderen Land. 30 Monate Anstrengung der Kräfte bewirkten den Zer fall der Industrie, den Niedergang der Landwirtschaft, die Krise dies Verkehrswesens, die Hungersnot.
«Wir sind im Hinterland ohnmächtig oder nahezu ohnmächtig - schrieb Gutschkow im August 1916 an den Stabschef des Höchstkommandierenden, General Alexejew. - Unsere Kampf mittel sind zweischneidig und können, bei der erregten Stimmung der Volksnassen, besonders der Arbeitermassen, der zündende Funke zu einem Brand werden, dessen Auswirkungen niemand voraussehen oder zu lokalisieren vermag.»50
Das ganze Gewicht der Kriegslasten wurde auf die Schultern der Arbeiter und Bauern abgewälzt. Die Massen wurden immer stärker von revolutionärer Empörung ergriffen. Die Explosion stand bevor. Der imperialistische Krieg erwies sich als ein mächtiger Faktor zur Beschleunigung der Revolution.
Durch die gleiche Schule der Not und der Erziehung zur Revolu tion ging auch die Armee. Die Massenschlächterei und die zahllosen Verluste öffneten den Betrogenen die Augen. Durch Millionen Tote und Verstümmelte wurde mit rücksichtsloser Schärfe der wahre Sinn des Krieges, sein räuberischer Charakter bloßgelegt.
Zu den Schrecken des Massenmordens kamen die unerträglichen materiellen Entbehrungen. Schützengräben, die von Schlamm und Schmutz starrten, kein warmes Essen, Mangel an Brot, Legionen von Läusen - so sah das Frontleben aus.
Schlecht ausgerüstet, von unfähigen Generalen geführt, von käuf lichen Intendanturbeamten bestohlen, erlitt die Armee Niederlage auf Niederlage. Ohne Glauben an sich selbst, ohne Vertrauen zu ihren Befehlshabern, nicht wissend, wofür Millionen Menschen ge opfert wurden, schlecht vorbereitet, hungernd, barfuß, überließ sie dem Feind eine Stadt nach der anderen, ganze Gebiete, Zehntau sende von Gefangenen.
Die Soldaten waren über die furchtbaren Niederlagen erbittert. In den Massen wuchs die Unzufriedenheit, ging in dumpfe Gärung über und führte schließlich zu aktiven Erhebungen. Unter Flüchen auf die allgemeine Verwirrung und das Durcheinander verweigerten die Soldaten den Gehorsam, leisteten den Befehlen zur Offensive nicht Folge, wichen dem Kampf aus.
«Hier in der Armee ist überall große Aufregung - hieß es in einem Brief von der Nordfront -, der Krieg hängt allen zum Halse heraus. Wir erhielten schon mehrmals den Befehl zur Of fensive, aber die Soldaten gehen einfach nicht aus den Gräben heraus und damit basta. So ist ans der Offensive eben nichts ge worden.»52
Ein anderer Soldat, aus dem 408. Kusnezker Infanterieregiment, schrieb, ebenfalls von der Nordfront:
«Viermal haben wir Offensive gemacht, aber es ist nichts dabei herausgekommen: unsere Regimenter sind einfach nicht vorgegangen. Einige Leute sind gegangen, aber die anderen sind in den Gräben geblieben und deshalb bin ich auch dringeblieben.“53
Nach den Mitteilungen der zaristischen Zensurbehörden, von denen die Briefe der Soldaten geöffnet wurden, berichteten mehr als 60 Prozent der Briefschreiber über die stete Zunahme der defaitisti sehen Stimmungen. Die Soldaten liefen von der Front fort, ließen sich gefangen nehmen oder brachten sich selbst Schußverletzungen an den Händen oder Füßen bei, um ins Lazarett zu kommen. Sie suchten den Schrecken des Krieges durch die Desertion zu entgehen. Die Deserteure leben wie gehetzte Tiere, jede Minute mußten sie ihre Verhaftung durch die Polizei befürchten. Aber trotz dem zogen sie dem Verbleiben an der Front das Hungerleben des Deserteurs vor, auf den Feldgendarme Jagd machten, wie auf wilde Tiere.
Im Jahre 1916 waren aus der russischen Armee bereits mehr als anderthalb Millionen Soldaten desertiert.
Die ohnehin schon schwere Lage der Soldaten wurde vollends unerträglich durch die Schikanen der Offiziere. Auf Schritt und Tritt waren die Soldaten körperlichen Mißhandlungen ausgesetzt, ständig waren sie von Strafen bedroht. Für das geringste Vergehen wurden Disziplinarstrafen verhängt. Für irgendeinen Verstoß im Dienst, für mangelhafte Erfüllung der Grußpflicht, für die Nichtbeschaffung von Wodka gab es Prügel und Hiebe. Die Offiziere ließen an den Soldaten ihre Wut über das eigene Versagen aus, schlugen sie im Rausche zu Krüppeln und mißhandelten sie auch, wenn sie nüchtern waren, bis aufs Blut. «Das Gesicht des Soldaten ist wie eine Trommel; je fester man draufschlägt, um so lustiger schallt es», sagten die Soldaten mit bitterer Ironie über die Schindermethoden der Offiziere.
In den Briefen, die von der zaristischen Geheimpolizei zu tausenden konfisziert wurden, werden die Schrecken und Nöte des Soldatenlebens geschildert:
«Je länger man lebt, desto schlimmer ist es. Die Vorgesetzten würgen uns, pressen uns das letzte bißchen Blut aus, das noch geblieben ist. Man kann die Zeit nicht mehr erwarten, wo das alles einmal ein Ende hat ....»54
In einem anderen Brief, auf den eine schmerzgebeugte Mutter vergeblich wartete, heißt es:
«Liebe Mama Ich wünschte, Du hättest mich nie geboren, oder Du hättest mich als kleines Kind ins Wasser geworfen, so furchtbar werde ich jetzt gequält.»55
Es häuften sich die Fälle, wo die Soldaten Vergeltung an grausamen Vorgesetzten übten. Verhaßte Offiziere fielen im Kampf durch Schüsse aus den eigenen Reihen.
Der Schriftsteller L. Woitolowski, der das Leben der Armee beobachtete, zeichnete ein Soldatenlied auf, das den ganzen Haß gegen die Offiziere anschaulich wiedergibt:
«Einsam bin ich und verlassen, Gehe in den finstern Wald .. .
Dunkelheit ist rings umher. Mit mir hab' ich das Gewehr.
Freiwillig will ich nun gehen, Dreifach Unheil soll geschehen: Erstens wird ein Offizier In den Wald gelockt von mir.
Zweitens dann mit kaltem Blut Leg' ich an und ziele gut. Und das dritte ist mein Schuß, Der ins Herz ihn treffen muß ... Offizier, Du Hundesohn!
Endlich hast Du Deinen Lohnt!»56
In den meisten Fällen wurden die Schuldigen nicht entdeckt. Nicht nur im Felde, sondern auch in der Etappe, in den Ersatzbataillonen, wurden Offiziere getötet. Die Grundlage der alten Disziplin - die Furcht vor den Vorgesetzten - war im Verschwinden. Immer häufiger wurden im Heere die Fälle von direkten Aktionen der Soldaten gegen ihre Vorgesetzten, und zwar handelte es sich keineswegs um Einzelaktionen. Statt der zwecklosen individuellen Auflehnungen und Proteste, die gewöhnlich tragisch endeten, begannen die Soldatenmassen kollektiv zu handeln. «Streiks» von besonderer Art ergriffen nunmehr manchmal ganze Regimenter und Divisionen. Einer der vielen Soldatenbriefe schildert im Jahre 1916 einen der artigen Streik an der Front folgendermaßen:
«Der Divisionskommandeur erfuhr von diesem Streik. Er kam zu dem Regiment und traf keinen einzigen Offizier auf seinem Posten. Sie hatten sich irgendwo versteckt. Er traf nur einen Leutnant an, den er mit dem Kommando über das Regiment beauftragte. Er befahl , ihm, sofort zum Angriff überzugehen. Aber auch jetzt weigerten sich sämtliche Kompagnien vorzugehen. Es ertönten Rufe: Gebt uns erst zu essen, gebt uns Monturen und Stiefel, sonst kämpfen wir nicht, oder wir lassen uns sämtlich gefangennehmen'. Die Lage war ernst und sogar kritisch. Hätte der Feind davon gewußt, so hätte er uns mit bloßen Händen gefangennehmen können. Außer unserm Regiment streikte das Zarewer Regiment und noch andere Regimenter unserer Division. Zwei Bataillone aus einem Regiment unserer Division begaben sich bis auf den letzten Mann freiwillig in Gefangenschaft . . . .Man wollte alle Soldaten erschießen, man wollte ihnen die Gewehre, Handgranaten und sonstigen Waffen abnehmen, aber die Soldaten gaben sie nicht heraus, und es traten noch andere Divisionen in den Streik, so daß keine Leute da waren, um einen Erschießungsbefehl durchzuführen: alles streikte . . . Ja, wie konnte es auch anders sein? Die Leute hungerten und froren, fast ohne Schuhwerk, beim bloßen Anblick tat einem das Herz wehr.»57
Zur Zersetzung der Armee trugen die klassenmäßigen Veränderungen innerhalb des Kommandobestandes erheblich bei. Das Offizierkorps bildete vor dem Krieg eine auserlesene, dem «Thron» er gebene, durch ihre Klassenzusammengehörigkeit fest geschlossene Kampforganisation, die im wesentlichen auf der Klasse der Gutsbesitzer beruhte. Die zaristische Regierung wachte sorgfältig darüber, daß das Offizierkorps nicht durch « unstandesgemäße» Elemente ergänzt wurde. Das Offizierkorps selbst kämpfte gegen das Eindringen von Angehörigen der unteren Klassen in seine Reihen. Aber der Krieg brachte die Grundpfeiler dieser Kaste ins Wanken. Die Kaderoffiziere erlitten schon in den ersten Kriegsmonaten schwere Verluste. An ihre Stelle traten allmählich Angehörige anderer Schichten. Die alte Offizierkaste ging in einem Meer von Fähnrichen aus unstandesgemäßen Kreisen unter. Rechtsanwälte, Lehrer, Beamte, Seminaristen, die nicht fertig studiert hatten, Gymnasiasten, Stu denten, die man eingezogen hatte, füllten die Reihen des Offizierkorps. Die alten Offiziere traten den Neulingen mit unverhüllter Verachtung und Feindseligkeit entgegen. Die Demokratisierung des Of fizierkorps steigerte den Zerfall im Kommandobestand, was zu einer weiteren Verschärfung der Gegensätze in der Armee führte.
Die sinnlose Vernichtung von Menschenleben, die skrupellose Willkür der Kommandostellen, die Unfähigkeit der Heeresleitung, das Chaos und die Schwere der Lebensbedingungen rüttelten selbst die rückständigsten Soldaten auf. Bei einem Teil der Soldaten löste der Krieg Schrecken und Verzweiflung aus, bei einem anderen das Verlangen nach einem Ausweg, das Verlangen, die an dem sinnlosen Blutvergießen Schuldigen zu finden.
Der patriotischen Presse, deren Schlammfluten die Armee über schwemmten, gelang es in der ersten Zeit, den dumpfen Groll der Soldaten in die gewohnten Bahnen des Hasses gegen den «Feind» ab zulenken. Jede Niederlage, der geringste Mißerfolg wurde durch die Machenschaften des äußeren Feindes - der Deutschen - und des «inneren Feindes» - der Juden - erklärt. Eine Welle von Pogromen fegte im Frontgebiet Hunderte von jüdischen Ortschaften fort. Zehntausende Flüchtlinge wurden ihrer Habe beraubt und von ihren Wohnsitzen in unbekannte Fernen vertrieben.
Bei den Soldaten entstand sogar die bissig-spöttische stehende Redensart: «Im letzten Befehl ist wieder von jüdischen Spionen die Rede - also gibt es einen neuen Rückzug.»
Bei anderen Soldaten rief der Krieg ein Gefühl des Hasses gegen die Bourgeoisie und die Regierung hervor. Je länger sich der Krieg hinzog, desto stärker wuchs die Erbitterung gegen die herrschenden Klassen. Die Partei der Bolschewiki gab diesem spontanen Prozeß einen organisierten Charakter.
Von der Zarenregierung außerhalb des Gesetzes gestellt, arbeiteten die Bolschewiki mit höchstem Opfermut in der Armee. Wo der erbit terte Soldat sein Gewehr umklammerte, ohne zu wissen, gegen wen er es richten sollte, lenkten die Bolschewiki mit großem Geschick seine Empörung gegen die Regierung und die Bourgeoisie. Wo die Soldaten, in wilde Wut gebracht, in sinnlosen Gewalttaten an den «Fremdstämmigen» einen Ausweg suchten, griffen die Bolschewiki mit ihrer internationalistischen Agitation ein, die sie der finsteren Reaktion des Zarismus und der Nationalisten entgegenstellten. Den spontanen Ausbruch der Verzweiflung verwandelten die Bolschewiki durch hartnäckige Arbeit in eine organisierte Aktion gegen den Zarismus. Von der Geheimpolizei verfolgt, für die bloße Parteizugehö rigkeit vor die Standgerichte geschleppt, erfüllten die Bolschewiki unbeugsam ihre Pflicht als revolutionäre Kämpfer.
Um den «Aufruhr» zu bekämpfen, griff die zaristische Regierung in breitem Maße zur «Abschiebung der Unbotmäßigen» an die Front. Es genügte ein Wort der Unzufriedenheit über die schweren Arbeitsbedingungen in der Fabrik, und der Unternehmer oder der Vorarbeiter setzte den Arbeiter auf die schwarze Liste, einen Tag später wurde er auf das Bezirksmilitäramt geladen und in die « Marschkompagnie» geschickt. Als «unzuverlässig» galt vor allem jeder, der verdächtigt wurde, den Bolschewiki nahe zu stehen. Die zaristische Regierung hatte in ihrer Kurzsichtigkeit schon bei Beginn des Krieges nicht weniger als 40 Prozent der Industrie arbeiter in die Armee eingezogen. Außerdem befanden sich in der Armee und Flotte nicht wenige aktive Teilnehmer der Revo lution von 1905, nicht wenige frühere Leser der bolschewistischen «Prawda», die von der Regierung gleich bei Beginn des Krieges verboten wurde. Hier fand die bolschewistische Partei ergebene Propagandisten, mit deren Hilfe sie immer tiefer in die Soldaten massen eindrang.
«Während der zahlreichen Demonstrationen am Jahrestag des 9. Januar (im Jahre 1916. Die Red.) kam es mehrfach vor, daß die Demonstranten Soldaten begegneten. So begegneten die Arbeiter auf der Wiborger Chaussee Autokolonnen, die Soldaten transportierten. Freundschaftliche Begrüßungen wurden gewech selt. Beim Anblick der roten Fahnen nahmen die Soldaten ihre Mützen ab und riefen: ,Hurra!' Nieder mit dem Krieg!' usw. Am 10. Januar abends marschierte über den Großen Sampsonjewski-Prospekt eine gewaltige Kolonne von Arbeiterinnen, Arbeitern und Soldaten ... Die Polizei hielt sich während der ganzen Zeit abseits. .. Die Tatsache, daß sich unter der mehr als tausendköpfigen Menge 300 bis 400 Soldaten befanden, wirkte beruhigend' auf die Polizei ... Die Demonstration dauerte über eine Stunde.»58
Mit welcher beispiellosen Energie und Aufopferung die Partei der Bolschewiki kämpfte, um die Armee zu revolutionieren, zeigt einer von den vielen Berichten der zaristischen Polizei, die sich vergeblich bemühte, die revolutionäre Organisation auszurotten:
«Die Lenin-Anhänger, die zu beherrschender Bedeutung in der Partei gelangt sind und die erdrückende Mehrheit der illegalen sozialdemokratischen Organisationen in Rußland hinter sich haben, gaben zu Anfang des Krieges in ihren wichtigsten Zen tren (Petrograd, Moskau, Charkow, Kiew, Tula, Kostroma, Gouvernement Wladimir, Samara) bedeutende Mengen von revolu tionären Flugblättern heraus, in denen sie die Beendigung des Krieges, den Sturz der bestehenden Regierung und die Aufrich tung der Republik forderten. Die greifbare Folge dieser Tätigkeit der Lenin-Anhänger waren Streiks und Unruhen unter den Arbeitern.»59
Die Bolschewiki traten vor die Soldaten mit einem klaren, von Lenin ausgearbeiteten Programm, mit eindeutigen und verständlichen Losungen, die auf die brennendsten Tagesfragen eingingen. Auf die Unzufriedenheit der Soldaten, auf den heißen Drang nach Frieden gestützt, das Regime der Schinderei, den Verrat und die Unfähigkeit der Vorgesetzten entlarvend, gewannen die Bolschewiki die erwachenden Soldaten vorsichtig, aber beharrlich für das Programm der revolutionären Aktion.
«Die Umwandlung des gegenwärtigen imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg ist die einzig richtige proletarische Losung . . .»60,
so kennzeichnet das am 4. November 1914 veröffentlichte Manifest des Zentralkomitees der bolschewistischen Partei das Programm des revolutionären Kampfes. Nur auf diesem Wege konnten das Proletariat und die Werktätigen sich aus dem tödlichen Ring des Krie ges herausreißen, nur in dieser Umwandlung konnte der Ausweg aus der Sackgasse gesucht werden, in die das Land durch die Bourgeoisie und ihre Lakaien, die Menschewiki und Sozialrevolutionäre, gebracht worden war.
Aber dieses Programm forderte ein bestimmtes revolutionäres Handeln, und Lenin zeigte klar, was zu tun war:
«Revolution während des Krieges ist Bürgerkrieg, und die Umwandlung des Krieges der Regierungen in den Bürgerkrieg wird einerseits durch militärische Mißerfolge (die ,Niederlage') der Regierungen erleichtert, anderseits aber ist es faktisch unmöglich, eine solche Umwandlung anzustreben, ohne gerade damit die Niederlage zu fördern“61
An einer andern Stelle schrieb Lenin:
«Die einzige Politik einer wirklichen, nicht nur in Worten bestehenden, Durchbrechung des ,Burgfriedens', der Anerken nung des Klassenkampfes, ist die Politik der Ausnutzung der Schwierigkeiten der eigenen Regierung und der eigenen Bour geoisie durch das Proletariat zum Zweck ihres Sturzes. Das kann man aber nicht erzielen, das kann man nicht erstreben, wenn man nicht die Niederlage der eigenen Regierung will, wenn man nicht auf diese Niederlage hinwirkt.»62
«Eine Niederlage Rußlands ... würde seine ökonomische Entwicklung und damit auch das Wachstum seiner Arbeiter bewegung verlangsamen»63.
Trotzki erklärte seinerseits, eine Niederlage Rußlands bedeute den Sieg Deutschlands. Er entstellte dabei aufs gröbste die Losung Lenins, indem er verschwieg, daß Lenin diese Losung nicht nur für die russischen Revolutionäre, sondern für die revolutionären Parteien der Arbeiterklasse aller Länder aufgestellt hatte.
Die Losung der Niederlage der eigenen Regierung wurde nicht nur von den offenen Sozialverrätern und den Zentristen vom Schlage Trotzkis bekämpft, sondern auch von den «linkslerischen» und rechten Elementen innerhalb der bolschewistischen Partei ab gelehnt. So kritisierte z. B. Kamenew die Leninsche Losung des Defaitismus auf der zu Beginn des Krieges in Oserki abgehaltenen Konferenz der bolschewistischen Dumafraktion mit den Vertretern der größten bolschewistischen Parteiorganisationen. Kamenew suchte nachzuweisen, daß ein für Rußland unglücklicher Kriegsaus gang vom Standpunkt der Interessen der Arbeiterbewegung nicht zu wünschen sei.
Als er zusammen mit den bolschewistischen Dumaabgeordneten vor dem zaristischen Gericht stand, suchte er sich ebenfalls in der Frage des Defaitismus von der Partei abzugrenzen.
Eine von Bucharin geleitete Gruppe russischer Emigranten, die sich mit einer Kritik von «links» gegen Lenin wandte, betonte in ihren Thesen, daß sie es kategorisch ablehne, «die so genannte Niederlage Rußlands' als Losung für Rußland aufzustellen» und verwies auf die «absolute Unmöglichkeit, in diesem Geist praktisch zu agitieren».64
Mit der Losung der Niederlage der eigenen Regierung stand in engem Zusammenhang die bolschewistische Losung der Verbrüderung der Soldaten der kriegführenden imperialistischen Armeen. Lenin beobachtete die spontanen Beispiele von Verbrüderung und verfolgte aufmerksam die Entwicklung dieser revolutionären Initiative der Massen. Lenin schrieb einen besonderen Artikel über eine Reihe von Fällen der Verbrü d erung an der deutsch-französischen Front, die von deutschen, englischen und schweizerischen Zeitungen mitgeteilt wurden.
Die sich häufenden Fälle von Verbrüderung auch an der russischen Front ermöglichten es der bolschewistischen Partei, die Verbrüderung als Aktionslosung im Kampf für die Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg aufzustellen.
Im Dezember 1916 führten die Armeekommandeure auf einer Beratung der Generale Dutzende von Tatsachen an, die den Zerfall, die Zersetzung der Armee kennzeichneten. Desertionen, Abrücken ganzer Regimenter aus den Stellungen, Weigerung, Angriffsbefehle auszuführen, Abrechnung mit den Offizieren und besonders die Verbrüderung - das alles war Ende 1916 vorhanden. Das Bild, das die Generale entwarfen, unterscheidet sich in nichts von dem, was der ehemalige Soldat der zaristischen Armee P. A. Karnauchow über die Lage an der österreichischen Front erzählt:
«Im Winter 1916 war es ruhig an der Front. In den vordersten Linien kam es vor, daß die Soldaten nicht schossen, wenn sie den Feind sahen. Die Oesterreicher verhielten sich ebenso. Manchmal riefen die Oesterreicher: Panje, macht Schluß mit dem Krieg!' Die Russen wurden von den Oesterreichern und die Oesterreicher von den Russen eingeladen. Auf unserem Frontabschnitt begann bereits im Oktober 1916 die Verbrüderung mit dem Feind, wofür uns natürlich die Offiziere viele Male stark zusetzten. Im Januar wurde die Verbrüderung bei uns eine gewohnte Erscheinung. Es ging so weit, daß unsere Soldaten ver schiedene Sachen eintauschten, sie gaben Brot, Zucker und er hielten dafür Taschen- oder Rasiermesser usw..»65
Die revolutionäre Bedeutung der Verbrüderung bestand darin, daß sie das Bewußtsein von der internationalen Einheit der Werktätigen auf beiden Seiten der Schützengräben festigte, die stärkste Klassendifferenzierung zwischen Offizierkorps und Soldaten herbeiführte, die Kraft der imperialistischen Armeen untergrub und den Drang nach Frieden entfesselte.
Der aufopfernde Kampf der Bolschewistischen Partei zeitigte auf der Grundlage der zunehmenden Zersetzung der Armee rasch seine Ergebnisse.
Der Krieg wirkte sich auch auf die Lage der unterdrückten Nationalitäten schwer aus. Lenin hat das zaristische Rußland ein «Völkergefängnis» genannt. Damit war das Dasein der zahlreichen Nationalitäten des «russischen Imperiums» mit erschöpfender Klarheit und Schärfe gekennzeichnet.
Alle Werktätigen befanden sich unter dem Absolutismus in einer drückenden Lage, aber am unerträglichsten war die Lage der Werktätigen der nichtrussischen Nationalitäten, oder, wie sie damals ver ächtlich genannt wurden, der «Fremdstämmigen». Ihre wirtschaft liche Ausbeutung wurde durch die grausamste nationale Unterjochung verschärft. Sogar die kläglichen Rechte, die den Werktäti gen russischer Nationalität zustanden, wurden für die unterdrückten Nationalitäten noch aufs äußerste beschnitten. Der Zarismus be deutete für die geknechteten Völkerschaften politische Rechtlosig keit, administrative Willkür und kulturelle Unterjochung.
Die Politik der russischen Zaren trägt einen klar ausgeprägten Eroberungscharakter.
Im 16. und 17. Jahrhundert unternimmt der russische Zarismus, die Interessen der herrschenden Klassen vertretend, groß angelegte militärische Vorstöße nach dem Osten. Er streckt seine räuberische Hand nach den Gebieten an der mittleren und unteren Wolga aus, unterwirft Sibirien, wobei er die Küste des Stillen Ozeans erreicht, dringt in die Steppengebiete der Ukraine links vom Dnjepr ein. Noch schärfer kommen die Interessen des Adels, des Handels- und des entstehenden Industriekapitals in den militärischen Plänen Peter I. zum Ausdruck, der an den Ufern der Ostsee, des Schwarzen und des Kaspischen Meeres «festen Fuß zu fassen» suchte. Während seiner Regierungszeit wurden die Gebiete des heutigen Estland, Teile von Lettland und Finnland, die kaukasische Küste des Kaspischen Meeres erobert. Katharina II. gliederte dem Zarenreich die Nordküste des Schwarzen Meeres, die Krim, die Ukraine rechts des Dnjepr, Weißrußland, Litauen und Kurland an. Alexander I. entriß den Schweden Finnland und den Türken Bessarabien und erhielt nach dem Krieg gegen Napoleon einen Teil Polens mit Warschau. Ebenfalls während seiner Regierungszeit faßte Rußland in Georgien Fuß und begann den viele Jahre dauernden Krieg zur Unterjochung der kaukasischen Bergvölker. Dieser Krieg wurde während der ganzen Regierungszeit Nikolaus I. fortgesetzt. Alexander II. führte die Unterwerfung des Kaukasus zu Ende, raubte China das Amur- und Ussurigebiet, riß gewaltige Territorien in Mit telasien an sich. Nikolaus II., der letzte der russischen Zaren, setzte die Politik seiner Väter und Großväter fort, er versuchte anfangs, die Mandschurei und Korea zu annektieren, und trat dann in den Weltkrieg ein, mit dem Ziel, Konstantinopel, Türkisch-Armenien, Nordpersien und Galizien an sich zu reißen. . .
Der Unheil verkündende Schatten des zaristischen Doppeladlers lag über dem riesigen Reich, von der Ostseeküste bis zu den Gipfeln des Kaukasus und von den sonnigen Steppen der Ukraine bis zu den Sandwüsten Mittelasiens und den Hügeln des Fernen Ostens.
Jeder Schritt des russischen Zarismus war, ebenso wie die Handlungen aller bürgerlichen Regierungen Europas, durch Feuer, Blut und Gewalttaten gekennzeichnet. Elend und Leiden ohne Maß be gleiteten den Siegeszug des Kapitalismus in die Auls des Kaukasus, in die Kischlaks Turkestans und in die turko-finnischen Dörfer an der Wolga.
Die Zarenregierung scheute im Falle des Widerstandes weder vor der Ausrottung noch vor der Zwangsverschickung der Einwohner der geraubten Gebiete zurück. Dutzende von blühenden Ge birgsdörfern wurden in Schutt und Asche verwandelt. Der Rauch der Brandstätten stieg über den Gebirgsschluchten auf. Wälder wurden vernichtet, Dörfer dem Boden gleichgemacht, Saaten zerstampft, das Eigentum der Bergvölker, das Hausgerät nicht ausgenommen, wurde geraubt.
Auf die Zarengenerale folgte der russische Gutsbesitzer, kamen der Kaufmann und der Fabrikant in die eroberten Gebiete. Die na tionalen Gebiete wurden mit russischen Soldaten, Gendarmen, Be amten überschwemmt. Mit ihnen zog dort auch der griechisch-orthodoxe Pope ein, der mit seinem Kreuz die Rechte des Bajonetts und des Geldsacks bekräftigte.
Die militärische Gewalttätigkeit und Räuberei wurde durch eine noch schlimmere wirtschaftliche Unterdrückung abgelöst. Die annektierten Gebiete verwandelten sich in Kolonien des Kapitalismus, wurden zu den wichtigsten Lieferanten von Rohstoff und Brennmaterial für die sich entwickelnde russische Industrie. Die Ukraine lieferte ihr die Donezkohle und das Erz von Kriwoi Rog, der Kaukasus Erdöl, Mittelasien Baumwolle usw.
An Stelle der altertümlichen Festungen mit ihren Türmen und Geschützen wurden Gutshöfe, Kulakengehöfe, kapitalistische Fabriken errichtet. Zugleich mit ihnen entstanden tausende, zehntausende Kirchen «unseres Herrn» und ebenso viele kaiserliche Kneipen. In den Kneipen des Zaren wurde die einheimische Bevölkerung mit Schnaps zur Trunksucht erzogen, in den Kirchen wurden die Weih rauchfässer geschwenkt und Gebete für den Erfolg der Kolonisationspolitik des «weißen Zaren» gen Himmel gesandt. Eine Riesenarmee von Popen mühte sich mit Eifer, den «Wilden» die Grundgedanken der griechisch-orthodoxen Kirche und der zaristischen Selbstherrschaft einzuhämmern.
Die neu erbauten Kirchen wurden Instrumente einer weiteren Ausplünderung der eingeborenen Bevölkerung. Den neugetauften «Fremdstämmigen» wurde der rechte Glaube durch Verhängung von Geldstrafen für Nichterscheinen zur Beichte, für mangelnde Kenntnis der Gebete, für Nichtbeachtung der religiösen Vorschriften usw. beigebracht.
Die Verbreitung des Christentums unter den unterdrückten Natio nalitäten wurde auf die hemmungsloseste und zynischste Weise be trieben. Die. Methoden der religiösen Aufklärungsarbeit der Missionare unter den halbwilden Völkern Sibiriens trugen häufig geradezu provokatorischen Charakter.
Wenn ein Missionar in ein Dorf kam, begann er seine Propaganda mit «Anstand» und verteilte kleine Geschenke: Kreuze, kleine Heiligenbilder, Tabak usw. Wenn das nichts half, ließ er sich zu längerem Aufenthalt bei den Unbotmäßigen nieder und ergriff «entschie denere» Maßnahmen gegen sie. Schließlich brachte der Missionar die Einwohner der Umgebung so weit, daß man begann, Drohungen gegen ihn auszustoßen. Darauf wurden die Schuldigen ergriffen, ihr Eigentum konfisziert, sie selbst ins Gefängnis geworfen.
Die ersten «christlichen Aufklärer» unter den sibirischen Stämmen waren flüchtige, vagabundierende Mönche, die zugleich mit Gebeten und Weihwasser den Wodka und die Syphilis in die Tundren Sibiriens einschleppten.
Das System, die einheimische Jägerbevölkerung so viel wie möglich an den Trunk zu gewöhnen, wurde auch später, zur Zeit der Betätigung der «Griechisch-orthodoxen Missionsgesellschaft», eines ge waltigen Unternehmens mit 200 000 Rubeln Grundkapital, eifrig gehandhabt. Infolge dieser «christlichen» Fürsorge starben die sibirischen Stämme in den letzten Jahren vor dem Kriege mit erschreck ender Schnelligkeit aus.
Auch auf den mohammedanischen Völkern Rußlands lastete im Laufe von 3 1/2 Jahrhunderten das furchtbarste kirchliche Joch. Die religiösen Verfolgungen, die Schließung von Moscheen (allein der Kasaner Bischof Lukas - 1738 bis 1755 - zerstörte im Tatarengebiet 418 von 536 Moscheen) waren von der gewaltsamen Verschleppung mohammedanischer Kinder in die griechisch-orthodoxen Kirchen schulen begleitet.
Die russische Aufklärungsarbeit unter den turko-finnischen Wol gastämmen begann mit der Gründung einer geistlichen Akademie in Kasan. Kader griechisch-orthodoxer Missionare wurden auch in der orientalischen Fakultät der Kasaner Universität ausgebildet.
Einer der krassesten Akte der Russifizierungspolitik der jüngsten Zeit war das von dem Unterrichtsminister, Graf 1. 1. Tolstoi, erlassene Gesetz: «Bestimmungen vom 31. März 1906». Unter Hinweis auf die Notwendigkeit, mit Hilfe der «Wissenschaft» bei den geknechteten Völkern die «Liebe zum gemeinsamen Vaterland» zu stärken, führte das Gesetz für die «Fremdstämmigen» in sämtlichen Schulen den obligatorischen Unterricht in der russischen Sprache ein66. Die russischen staatlichen Schulen hatten aber diese Obliegenheiten auch schon vor dem Gesetz Tolstois gewissenhaft erfüllt. In Polen waren schon nach dem Aufstand von 1863 sämtliche nationalen Universitäten und Gymnasien geschlossen und durch russische Schulen ersetzt worden; es war verboten, an öffentlichen Orten, bei Behörden, in Läden, auf der Straße, laut polnisch zu sprechen.
Die Ukraine trug das gleiche Joch. Das Wort «Ukraine» selbst wurde für aufrührerisch erklärt und durch die Bezeichnung «Kleinrußland» ersetzt. Der Druck von Büchern und Zeitungen in ukrainischer Sprache wurde nicht gestattet, sogar in Privatschulen wurde der Unterricht in der Muttersprache verboten, ebenso war es verboten, sich ihrer bei öffentlichen Veranstaltungen zu bedienen. Die Unterdrückung hatte die verderblichsten Folgen für die Kultur des ukrainischen Volkes. Bis zu ihrer Angliederung an Rußland hatte die Ukraine kulturell höher gestanden als Großrußland. Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts hatten die ukrainischen Gouvernements einen sogar für das zaristische Rußland erstaunlichen Prozentsatz von Analphabeten.
Mit Hilfe der Armee und des Staatsapparates - der russischen Staatsschule und der griechisch-orthodoxen Kirche - führte die Zarenregierung überall rücksichtslos die Russifizierung durch. Die Tatsache, daß die Mehrheit der geknechteten Völker aus kulturell rückständigen Nationalitäten bestand, konnte diese Aufgabe nur erleichtern. Aber selbst dann, wenn der russische Imperialismus mit Nationalitäten zusammenstieß, deren wirtschaftliches und kulturelles Niveau nicht niedriger, sondern zuweilen sogar höher als das der Großrussen war (wie z. B. bei den Polen, Finnen, Esten, Letten, teilweise den Georgiern, den Armeniern, den Ukrainern u. a.), hinderte ihn dies nicht, die Russifizierung mit der gleichen Grausamkeit und Unerbittlichkeit zu betreiben. Als Alexander 1. Finnland an sich riß, gab er das Versprechen, dort die ständische Selbstverwaltung beizubehalten, die Finnland unter den Schweden besessen hatte. Aber die russische Regierung schaffte diese Autonomie nach und nach ab, um Finnland ebenso rechtlos zu machen, wie es das ganze Reich war. Polen war schon lange vom Stiefel des zaristischen Gendarmen niedergetrampelt. Sogar die dürftige Reform, die durch die Schaffung der so genannten Organe der örtlichen Selbstverwaltung (Semstwos und Stadtdumas) vorgenommen wurde, erstreckte sich nicht auf Polen. Polen erhielt auch keine Geschworenengerichte. Zahlreiche Rechtsbeschränkungen wurden für die Polen im Staatsdienst und in der Armee festgelegt.
Besonders rechtlos aber waren im zaristischen Rußland die Juden. Ihnen wurde das Recht der Niederlassung und der Freizügigkeit be schränkt. Eine Ausnahme davon wurde nur für die reichen Juden - die Kaufleute der ersten Gilde - und für Personen mit Universitätsbildung gemacht. Die Klassenpolitik, die von der zaristischen Regie rung auch in der nationalen Frage betrieben wurde, fand ihren Ausdruck in gewissen Abschwächungen zugunsten der wohlhabenden Schichten der nichtrussischen Bevölkerung. Aber im Vergleich zu dem herrschenden russischen Bourgeois und Gutsbesitzer fühlte sich der jüdische oder armenische Kaufmann trotzdem rechtlos. Der Besuch der Schulen war für die Juden durch eine Norm beschränkt, zum Staats- und Eisenbahndienst wurden sie überhaupt nicht zugelassen usw. Das Aufenthaltsrecht wurde für die jüdische Bevölkerung auf die so genannte «Ansiedlungszone» beschränkt. In den Städten und kleinen Orten der Gouvernements von Polen, Litauen, Weißrußland und einem Teil der Ukraine zusammengepfercht, waren die jüdischen Massen zu hoffnungslosem Elend verurteilt.
Die ortsansässige nationale Bevölkerung wurde durch die zaristischen Behörden auf das schamloseste ausgeplündert. Das System der Bestechung, im zaristischen Rußland überhaupt weit verbreitet, nahm in den entlegenen Randgebieten unerhörte Ausmaße an. Ganze Schwärme von raubgierigen Beamten fraßen, Heuschrecken gleich, den Werktätigen der unterdrückten Nationalitäten den letzten Bissen fort. In Mittelasien stiegen die Steuerlasten der örtlichen Bevölkerung infolge der russischen Kolonisierung auf das Drei- bis Vierfache, ja in einzelnen Fällen auf das Fünfzehnfache. Die Bevölkerung starb aus. In einem Gebiet, wo vor dem Einzug der Russen 45 Dörfer mit 956 Höfen bestanden, waren nach 20 Jahren der Kolonisierung nur noch 36 Dörfer mit 817 Höfen übrig, von denen 225 leer standen. Das berichten Reisende, die gegen Ende des vorigen Jahrhunderts die von Usbeken bewohnten Gebiete aufsuchten. Sie geben offenbar bei weitem kein vollständiges Bild aller Greuel, die in den zaristischen Kolonien verübt wurden: die zaristische Zensur hätte das nicht zugelassen. Aber selbst sie erwähnen die erbarmungslosen, blu tigen Abrechnungen mit der einheimischen Bevölkerung beim geringsten Versuche einer Empörung. Ganze Dörfer wurden wegen irgendeines ermordeten Russen, dessen Leiche in der Umgebung aufgefunden worden war, vollständig niedergebrannt. Im Befehl eines russischen Offiziers, der 1910 den Aufstand in Katta-Kurgan niederwarf, wird ganz unverblümt gesagt, daß «die Schuhsohle eines russischen Soldaten wertvoller ist als tausend Köpfe der unseligen Sarten» (Usbeken) .67
Und solche Befehle blieben nicht bloß eine «Phrase». Davon zeugt das furchtbare Blutbad unter der Bevölkerung von Andishan.
So ist es nicht verwunderlich, daß die Völker Mittelasiens ebenso wie der übrigen Kolonien von zitternder Furcht vor dem «russischen Namen› durchdrungen waren. Jeder, selbst der unbedeutendste Ver treter der zaristischen Verwaltung, bis zum letzten Polizisten, fühlte sich als Herrscher über die ihn' unterstellten «Wilden». Das ganze Verwaltungssystem war darauf eingestellt, die Voraussetzungen zur nationalen Unterdrückung zu erhalten und zu fördern. Staatsmacht und Kirche empfahlen der russischen Bevölkerung, den «ungetauften Fremdstämmigen» nicht als einen Menschen zu betrachten.
Uni die Agrarrevolution abzuwenden, suchte die russische Regierung den Bodenhunger eines Teiles ihrer eigenen Bauern auf Kosten der unterdrückten Völker zu befriedigen. Die Kolonien wurden Groß bauern und Kosaken zur Ausbeutung und Plünderung überlassen.
Zugleich schuf sich der Zarismus aus den in die Randgebiete übersiedelten Bauern und Kosaken eine Stütze im Kampf gegen die einheimische nationale Bevölkerung.
Die Oberschicht der Gutsbesitzer, vertreten durch Parteien, wie der «Verband des russischen Volkes», die «Nationalisten» und andere, entfesselte in Gemeinschaft mit der Militärclique, der Bürokratie und der monarchistischen Presse («Semschtschina», «Russkoje Snamja», «Nowoje Wremja», «Moskowskije Wjedomosti», «Jushny Kraj» in Charkow, «Kawkas» in Tiflis, «Kiewljanin» und andere Zeitungen) eine rasende nationalistische Kampagne gegen alle «,Fremdstämmigen»; besonders raffiniert schürten sie den Antisemitismus, organisierten sie in der Ukraine Judenpogrome, Metzeleien zwischen Armeniern und Türken in Transkaukasien usw. Die Regierung ihrerseits förderte die nationale Zwietracht zwischen den verschiedenen Völkerschaften. Dadurch, daß er sie gegeneinander hetzte, suchte der Zarismus seine Herrschaft über die unterjochten Nationalitäten zu stärken, ihren Zusammenschluß, die Schaffung einer internationalen Einheitsfront der unterjochten Völker gegen den russischen Absolutismus zu verhindern.
Die Politik des Zarismus gegenüber den unterjochten Nationalitäten entsprach der politischen Losung des alten Rom: «Teile und herrsche!»
Die gesamte Bevölkerung des russischen Reiches wurde scharf in zwei Lager getrennt: auf der einen Seite die Großrussen, denen man auf jede Art die Ueberzeugung beizubringen suchte, daß sie zu einer Großmacht, zu einer privilegierten Nation gehören, auf der andern Seite die abhängigen, nichtgleichberechtigten Völker.
Einer der Führer der Partei des «Allrussischen Nationalverbandes schrieb in der «Nowoje Wremja», die von Surowin herausgegeben wurde und sich sogar innerhalb der Schwarzhunderter Presse durch besondere Hemmungslosigkeit in der Entfachung des Nationalhaders und in der Verfechtung der russischen Großmachtpolitik auszeichnete:
«Wir, von Gottes Gnaden das russische Volk, Herrscher über das große und das kleine und das weiße Rußland, fassen diese Herrschaft als besondere Gnade Gottes auf, die wir hoch zu schätzen verpflichtet und auf jede Weise aufrechtzuerhalten berufen sind. Nicht leicht haben wir Russen diese Herrschaft gewonnen ... Aus freien Stücken die gewonnenen Herrscherrechte mit den unterworfenen winzigen Völkern zu teilen - man sage uns doch, was wäre daran vernünftig? Im Gegenteil, das wäre der Gipfel des politischen Schwachsinns, das hieße unsere Geschichte verschwenden, ganz ähnlich den Muttersöhnchen' der Kaufleute, die eine Million geerbt haben und sie an die Lakaien und gefal lenen Frauen verschleudern. Die Natur selbst hat den russischen Stamm unter vielen andern als den stärksten und begabtesten auserwählt. Die Geschichte selbst hat die Minderwertigkeit der kleinen Stämme uns gegenüber bewiesen.»68
Die nationalistische Großmachteinstellung kam am krassesten im Programm des «Verbandes des russischen Volkes», der Schwarzhunderter-Organisation, zum Ausdruck. Darin hieß es: «Dem russischen Volkstum, dem Sammler des russischen Bodens, das einen großen und mächtigen Staat geschaffen hat, steht die überragende Bedeutung im Staatsleben und im Aufbau des Staates zu ... Alle Institutionen des russischen Staates vereinigen sich im entschlossenen Bestreben zur unbeugsamen Förderung der Größe Rußlands und der Vorrechte des russischen Volkstums, jedoch nach den strengen Grundsätzen der Gesetzlichkeit, auf daß die große Zahl der Fremdstämmigen, die in unserm Vaterland leben, es sich zur Ehre und zum Heil anrechnen, dem Russischen Reich anzugehören, und auf daß sie ihre Abhängigkeit nicht als Last empfinden . . .»69
Die nationale Politik der Schwarzhunderter fand volle Zustimmung bei den Parteien der Oktobristen und «Nationalisten». Der erste Programmpunkt der Partei der «Nationalisten» lautete: «Festigung der russischen Staatlichkeit nach den Grundsätzen der absoluten Macht.»70
Die gemäßigteren bürgerlichen Parteien, wie die Kadetten, die sich Partei «der Volksfreiheit» nannten, und andere Parteien, die die Interessen der kapitalistischen Gutsbesitzer und des Industriekapitals, besonders der Leichtindustrie, also Gruppen, die mehr als andere auf den inneren Markt angewiesen waren, vertraten, suchten ihre nationalistischen Ziele durch gewisse äußerliche Zugeständnisse an die bürgerlichen Elemente der unterdrückten Nationalitäten zu erreichen. Aber auch diese Parteien hielten selbstverständlich jedes Schwanken in den Fragen der Einheit des russischen Staates und des weiteren Raubes fremder Gebiete für unzulässig. Die Losung des «einigen und unteilbaren Rußland» war dem gesamten bürgerlichen Lager gemeinsam.
Als Lenin über die Stellungnahme der Kadetten zur nationalen Frage sprach, fragte er, worin sie sich vom Nationalismus und Chauvinismus der «Nowoje Wremja» und Co. unterschieden, und antwor tete
«Nur durch weiße Handschuhe und diplomatisch-vorsichtigere Redewendungen. Aber der Chauvinismus ist auch in weißen Handschuhen und bei den gewähltesten Redensarten wider wärtig.»71
Die so genannten sozialistischen Parteien, die in Worten das Selbstbestimmungsrecht der unterdrückten Nationalitäten anerkannten, traten in der Praxis ebenfalls für die unantastbare Geschlossenheit des russischen Staates ein. Die Partei der Sozialrevolutionäre sprach sich für den Aufbau des Staates auf föderativer Grundlage aus, gestand aber den Nationen durchaus kein Recht auf die staatliche Lostrennung zu, sondern beschränkte die Lösung der nationalen Frage auf das Gebiet der Kultur und Sprache.
Die innerhalb Rußlands bestehenden nationalistischen Parteien - die «Polnische Partei der Sozialisten» unter den Polen, die «Daschnaken-Partei» unter den Armeniern, der «Bund» unter den Juden u. a. m. - bezogen im ganzen eine bürgerliche Stellung in der nationalen Frage und waren für die Trennung der Organisationen der Arbeiterklasse nach Nationalitäten. Sie beschränkten diese Frage auf die engen Probleme der eigenen Nationalität, spiegelten also die Anschauungen der kleinbürgerlichen Schichten wider und entstellten die internationale proletarische Linie. Eine dieser «Lösungen» der nationalen Frage war das Projekt der e nationalkulturellen Autonomie». Von den österreichischen Sozialdemokraten hervorgebracht, vom jüdischen «Bund» unterstützt und bei den Menschewiki, dar unter den kaukasischen, mit Sympathie aufgenommen, lief dieses Projekt darauf hinaus, die bolschewistische Losung: Selbstbestimmung der Nationen bis zur Lostrennung - durch die kleinbürgerliche nationalistische Losung der Organisierung besonderer gesamtstaatlicher nationaler Verbände zur Leitung der Schul-, Kultur- und sonstigen Angelegenheiten der eigenen Nationalität zu ersetzen.
Stalin stellte fest, daß die «national-kulturelle Autonomie» «die einheitliche Klassenbewegung in einzelne nationale Bäch lein zerreißt», «indem sie die schädlichen Ideen des gegenseitigen Mißtrauens und der Absonderung der Arbeiter der verschiedenen Nationalitäten verbreitet».72
Zugleich war die «national-kulturelle Autonomie» eine Propa ganda für die Losung des Zusammenschlusses der verschiedenen Klassen. So desertierten die Menschewiki auch in der nationalen Frage von den internationalen Klassenpositionen des Proletariats.
Die Bolschewiki, die ihre Nationalitätenpolitik unter der Führung Lenins und Stalins herausbildeten, erkannten die gewaltige Bedeu tung der nationalen Frage für die proletarische Revolution, nament lich unter den Verhältnissen Rußlands, wo die nichtrussischen Natio nalitäten die Mehrheit (56,7 Prozent), die Großrussen aber die Min derheit (43,3 Prozent) der Bevölkerung ausmachten. Die Partei der Bolschewiki bot alle Kräfte auf, um keine Spaltung zwischen dem russischen Proletariat und den Arbeitern der anderen Nationalitäten aufkommen zu lassen.
Lenin und Stalin gaben eine erschöpfende Kritik der Programme der bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien in der nationalen Frage. Die bolschewistische Parteikonferenz vom September 1913 -
die sogenannte «August- oder Sommerberatung des Zentralkomitees>> bestätigte die Grundlinie der Partei in der nationalen Frage, die Linie der internationalen Annäherung der Werktätigen; sie erklärte:
«Die Interessen der Arbeiterklasse erfordern die Verschmelzung der Arbeiter sämtlicher Nationalitäten des betreffenden Staates in einheitlichen proletarischen Organisationen - politi schen, gewerkschaftlichen, genossenschaftlichen und Bildungsorganisationen usw.
... Was das Recht der von der Zarenmonarchie unterdrückten Nationen auf Selbstbestimmung, das heißt auf Lostrennung und Bildung eines selbständigen Staates anbetrifft, so muß die sozial demokratische Partei unbedingt für dieses Recht eintreten . . . Das erfordert . .. die Sache der Freiheit der großrussischen Bevölkerung selbst, die nicht imstande ist, einen demokratischen Staat zu schaffen, wenn nicht der großrussische Schwarzhunderter-Nationalismus ausgemerzt wird, der durch die Tradition einer Reihe blutiger Unterdrückungen nationaler Bewegungen gestützt wird und der nicht nur von der Zarenmonarchie und allen reak tionären Parteien, sondern auch besonders in der Epoche der Konterrevolution, von dem der Monarchie gegenüber knechtseli gen großrussischen bürgerlichen Liberalismus gezüchtet wird.»73
Das war die Lenin-Stalinsche Stellungnahme zur nationalen Frage.
Vor denn imperialistischen Kriege stellte sich die bürgerliche na tionale Befreiungsbewegung nicht die Lostrennung ihrer Nationen von Rußland als direkte Aufgabe.
Der Krieg und die offenkundig zu erwartende Niederlage der russischen Armee erzeugten starke separatistische Bestrebungen bei den bürgerlichen nationalistischen Gruppen. Die zentrifugalen Kräfte begannen die Oberhand zu gewinnen. Einerseits war die nationale Geduld erschöpft, andererseits fühlte man, daß die Gitter, die um das «Gefängnis der Völker» gezogen waren, ihre Festigkeit zu verlieren begannen und daß sie bei genügendem Druck für immer beseitigt werden konnten.
In den nationalen Randgebieten setzte eine Gärung gegen den russischen Zarismus ein. In Mittelasien kam sie 1916 in einem großen Aufstand zum Durchbruch, der nicht nur die Kasachen .- vor der Revolution wurden sie Kirgisen genannt - sondern fast sämtliche Völker erfaßte, die das Steppengebiet (Kasachstan) und Turkestan bewohnten.
Die Bestrebungen zur Lostrennung von Rußland äußerten sich in der Organisierung von Kongressen der separatistischen Nationalisten im Auslande. Es wurde eine «Liga der russischen Völker geschaffen, die im Mai 1916 eine kollektive Beschwerde an den Präsidenten der Vereinigten Staaten, Wilson, richtete, und darin die schwere Lage der Nationalitäten in Rußland schilderte.
Die separatistischen Tendenzen bei den Völkerschaften Rußlands wurden von den kriegführenden Mächten sehr ernst in Rechnung gestellt. Jede von ihnen suchte diese Bewegung für ihre Ziele auszunutzen. So schrieb z. B. während des Krieges der bekannte französische Politiker Pierre Chantrel an den Ministerpräsidenten Clemenceau:
«Berlin fördert auf jede Weise die separatistischen Bewegungen, um sich im Osten neue politische und ökonomische Parteigänger zu schaffen. Die Entente hat alle Ursache, parallel mit Deutschland zu handeln, um ihm die Früchte dieser Arbeit zu nehmen. Mit dem einigen und unteilbaren Rußland ist es zu Ende. Frankreich muß sich einmischen, um es in eine Föderation auf Grund der freiwilligen Verständigung der miteinander verhan delnden Teile umzuwandeln. Die Staatsmänner der Entente müssen einsehen, daß es für Deutschland schwieriger sein wird, mit drei oder vier Hauptstädten fertig zu werden, als mit dem einen Petersburg.»74
Die unterdrückten Nationalitäten bildeten eine sehr wichtige Reserve zur Auffüllung des Menschenmaterials der kämpfenden Armeen. Sie lieferten jene niedergedrückten Sklaven des Krieges, die von der Bourgeoisie selbst mit zynischer Offenheit als «Kanonenfutter› bezeichnet wurden.
Die Bourgeoisie der kriegführenden Länder brauchte die heuch lerische Bezeichnung des imperialistischen Gemetzels als eines «heiligen Krieges für die Befreiung der schwachen Nationen», um die Unterstützung der unterjochten Nationalitäten und der Bevölkerung der Kolonien zu gewinnen und um unter ihnen die Autorität des Feindes zu untergraben. So bemühte sich z. B. Deutschland, Auf stände in Irland und in den Kolonien der Ententeländer hervor zurufen. Die Entente hetzte ihrerseits die Tschechen, Polen usw. gegen Oesterreich und Deutschland auf.
Auf der Grundlage der allgemeinen Zuspitzung der imperialistischen Gegensätze führte dies alles dazu, daß die Wogen der natio nalen Befreiungsbewegung hoch emporschlugen. Sie wurde zu einem sehr ernsten politischen und stellenweise auch revolutionären Faktor.
Einer der ideologischen Grundpfeiler des monarchistischen Regimes - «ein einiges und unteilbares Rußland» - war um diese Zeit bereits stark erschüttert durch den gesamten Verlauf der Kriegsereignisse, die den Erfolg der Revolution vorbereitet und erleichtert haben.
Die Zersetzung der Armee war nur der krasseste Ausdruck des allgemeinen Zerfalls des verfaulten Polizeiregimes. Der Zarenhof, der während der ganzen Geschichte der Romanows ein Schauplatz von Intrigen, Korruption und Meuchelmorden war, wurde zum offenen Sammelpunkt von Abenteurern und dunklen Geschäftemachern. Eine ungeheure Rolle am Hofe spielte Grigorij Rasputin, der seinen wirklichen Namen auf Nowych umgeändert hatte. Ein Bauer aus dem Dorf Pokrowskoje im Kreis Tjumen, hatte er sich in seinen jungen Jahren in Klöstern herumgetrieben und im Kreise von Scheinheiligen, Pilgern und «Narren in Christo» bewegt. Bald begann er selbst zu ,<wahrsagen» und sammelte religiös-hysterische Weiber um sich. In seinem Dorf wurde er «Grischa, der Wahrsager» genannt. Die Gerüchte von dem neugebackenen «Heiligen» drangen bis nach Petersburg, wo in den Salons der großen Welt religiöses Dunkelmännertum weit verbreitet war. Rasputin wurde in die Hauptstadt berufen. Der nicht unkluge, listige Bauer paßte sich rasch dem heuchlerischen Milieu der zaristischen Würdenträger an.
Man riß sich uni Rasputin in den vornehmsten Häusern. Auf hysterische alte Weiber und übersättigte, gelangweilte Damen machte Grigorij einen starken Eindruck. Der Chef des Polizeidepartements, S. P. Beletzki, der amtlich mit der Ueberwachung des «Heiligen» beauftragt war und dessen Einfluß zugleich im Interesse seiner Karriere ausnützte, gab nach der Revolution zu, daß Rasputin Unterricht
in Hypnose genommen hat. In den Kreisen der vornehmen Welt wur den Beispiele für die «Heiligkeit» Rasputins von Mund zu Mund weiter erzählt, man sprach von seiner Wundergabe, Kranke zu heilen. Rasputin wurde an den Hof geladen. Der Kronprinz Alexej litt an der Bluterkrankheit, gegen die die medizinische Wissenschaft gegenwär tig noch machtlos ist. Die abergläubische Zarin suchte Hilfe bei Pilgern und Hypnotiseuren, sie ließ ihren Sohn an Wallfahrtsorten Re liquien küssen. Die krankhafte Liebe, mit der die hysterische Frau an ihrem Sohn hing, suchte sich Rasputin zunutze zu machen; er suggerierte der Zarin, der Thronfolger werde ohne seine Gebete sterben. Rasputin gewann ungeheuren Einfluß am Hofe. Die Zarin schrieb über ihn an ihren Gatten:
«Mein Lieber, glaube mir, Du mußt auf' die Ratschläge unseres Freundes hören. Er betet mit so glühender Leidenschaft Tag und Nacht für Dich. Er hat Dich überall geschützt, wo Du weiltest ... Du mußt bloß auf ihn hören, ihm vertrauen und ihn um Rat fragen - Du darfst nicht denken, daß er irgend etwas nicht wissen könne. Gott offenbart ihm alles».75
Die Wohnung Rasputins, der am Zarenhofe ein und aus ging, war von allen möglichen Hochstaplern und dunklen Geschäftemachern überfüllt. Auf analphabetischen Zetteln («Mach das, mein Liber...» bat Rasputin die Minister, Konzessionen oder Aemter an bestimmte Personen zu verleihen. Keine einzige Ernennung erfolgte ohne Mittun des «Lampenträgers des Zaren», wie der «Heilige» ge nannt wurde. Als der Innenminister ernannt werden sollte, schrieb die Zarin an Nikolaus II.:
«Mein Geliebter! A. (Wyrubowa, die Vertraute der Zarin und eine der eifrigsten Anhängerinnen Rasputins. Die Red.) hat soeben mit Andronikow und Chwostow gesprochen; der letztere hat einen vorzüglichen Eindruck auf sie gemacht. (Ich kenne ihn nicht und kann daher nichts über ihn sagen.) Er ist Dir sehr ergeben, hat mit ihr ruhig und gut über unsern Freund gesprochen.»76
Es genügte, daß A. N. Chwostow gut über «den Freund» sprach, damit er zum Innenminister ernannt wurde.
Das Rasputin-Unwesen zerfraß das Zarenregime wie eine schlimme Krankheit, aber Rasputin war durchaus nicht der einzige dieser Art am Hof. Die bürgerlichen Historiker rückten seine Figur in den Vordergrund, um zu verdecken, daß die ganze Hofclique nichts als eine widerwärtige, bei lebendigem Leibe verfaulende Bande war. Am Hofe gingen solche Typen mit Erfolg ihren Machenschaften nach, wie der Fürst M. M. Andronikow, ein Spekulant, Organisator aller möglichen fiktiven Unternehmungen und großer Profitoperationen, von der Art des Ankaufs von bewässerten Ländereien in Mittelasien unter Beihilfe des Kriegsministers Suchomlinow. Einer der Sekretäre Rasputins, Manassewitsch-Manuilow, ein Geheimagent der Polizei und Mitarbeiter der reaktionären Zeitung «Nowoje Wremja», betrieb seine Schwindel- und Korruptionsgeschäfte so ungeniert, daß sich sogar die Polizei gezwungen sah, ihn zu verhaften. Aber die Zarin griff in die Angelegenheit ein. Am 10. Dezember 1916 schrieb sie an Nikolaus:
«Auf den Akten Manuilows bitte ich Dich hinzuschreiben: ,Das Verfahren ist einzustellen' und sie an den Justizminister zu schicken. Batjuschin, in dessen Händen die ganze Angelegenheit lag, kam jetzt selber zu A. (Wyrubowa. Die Red.) und bat, das Verfahren einzustellen, weil er sich endlich überzeugt hat, daß dies eine schmutzige Geschichte sei, die nur aufgebracht wurde, um unserem Freund zu schaden.›77
Nicht Rasputin, sondern der Geist Rasputins - finsterste Reaktion, fanatische Raserei, geistiger Tiefstand und moralische Fäulnis, die sich in Rasputin nur auf das krasseste verkörperten - das war für die Romanowherrschaft charakteristisch.
Der nahenden Katastrophe konnte der Zarismus nur neue Unterdrückungsmaßnahmen und eine Verschärfung des ohnehin schon bestehenden Zuchthausregimes entgegensetzen. Die letzten Ueberreste von Gewerkschaftsverbänden wurden auseinandergejagt. Die Industriestädte wurden rücksichtslos von allen revolutionärer Gesinnung «verdächtiger» Elementen gesäubert. Die Gefängnisse waren über füllt. Aber die Minister konnten der Zerrüttung nicht Herr werden. Man begann sie abzusetzen. Das Minister-Bockspringen begann. Allein in zwei Kriegsjahren gab es vier Ministerpräsidenten - I. L. Goremykin, B. W. Stürmer, A. F. Trepow, N. D. Golizyn -, sechs Innenminister, drei Kriegsminister und drei Außenminister. Sie tauchten auf, schwammen eine kurze Zeit auf der Oberfläche und verschwanden wieder. Das wurde das «Minister-Bockspringen» genannt. Der Ministerrat wurde ironisch als ein «Purzelbaum-Kollegium» bezeichnet. Die Verteilung der Ministerposten hing von Empfehlungen dunkler Abenteurer, von der Meinung der «Sternkammer» ab, wie der Kreis Rasputins genannt wurde. Häufig spielten auch andere Motive eine Rolle. In einem Brief, in dem sie Nikolaus ersuchte, Stürmer zum Ministerpräsidenten zu ernennen, schrieb die Zarin, der neue Kandidat sei im Kopf «durchaus frisch» 78 . N. A. Maklakow wurde, wie er selbst mitteilt, aus folgendem Anlaß zum Innenminister ernannt: Als Nikolaus nach der Ermordung Stolypins von Kiew nach Tschernigow kam, wo Maklakow Gouverneur war, herrschte dort «ausgezeichnetes Wetter und eine gute, zuversichtliche Stimmung»79. Man wurde auf den Gouverneur aufmerksam. Maklakow war bei Hofe unentbehrlich: er konnte einen krähenden Hahn, einen «verliebten Panther» und andere Tiere nachahmen. Die Ausübung dieser Narrenspossen genügte, um einen Ministerposten zu erhalten.
Aber weder die häufigen Kopfsprünge der ständig wechselnden Minister noch des «Freundes» Gebete - «bei Tag und Nacht> - halfen mehr. Das Land und die Armee wurden mehr und mehr revo lutioniert. Die alten Widersprüche flammten mit neuer Kraft auf, die Elemente einer revolutionären Situation verdichteten sich von Tag zu Tag.
Die allgemeine Zerrüttung kam besonders scharf in der Lebens mittelkrise des Herbstes 1916 zum Ausdruck. Die Getreidezufuhr ging jäh zurück. Petrograd erhielt täglich nur ein Drittel der ihm zu kommenden Waggonladungen. Vor den Lebensmittelgeschäften bildeten sich lange Schlangen. Die Leute sammelten sich lange vor Tagesanbruch, standen ganze Nächte hindurch an, aber am Morgen erhielt nur ein Teil der Wartenden seine Hungerration. Die endlosen Schlangen nahmen den Charakter von Meetings an und ersetzten revolutionäre Aufrufe. Vor den Läden wurden Neuigkeiten ausgetauscht. Häufig ergriffen Agitatoren das Wort, um die Wartenden darüber aufzuklären, wer die Lebensmittelschwierigkeiten herbeigeführt hatte. Die Erregung der breiten Massen nahm rasch zu. Der Gendar meriechef von Perm berichtete am 18. Oktober 1916:
<Die Geister sind erregt; es fehlt nur noch ein Anstoß, damit die über die Teuerung empörte Bevölkerung zum offenen Aufruhr schreitet.»80
Der Chef der Moskauer Geheimpolizei meldete am 20. Oktober:
<In den Krisentagen erreichte die Spannung in den Massen einen solchen Grad, daß zu befürchten ist, daß diese Spannung sich in schweren Ausschreitungen entladen kann.>81
Die Regierung versuchte, das Volk zu beruhigen. Der Landwirtschaftsminister, Graf A. A. Bobrinski, gab Erklärungen zur Erläu terung der Lage ab, aber seine Zeitungsinterviews steigerten nur die
Erregung. In den Massen wurde bekannt, daß der Leiter der Ernährungspolitik ein Großgrundbesitzer, ein bekannter Zuckerfabrikant, ein Millionär war, der dem Volk fremd und feindlich gegenüberstand. Die Partei der Bolschewiki hatte trotz vieler Verhaftungen, die hervorragende Führer aus ihren Reihen rissen - erst unlängst, in der Nacht vom 20. zum 21. Juli 1916 waren 30 Personen, darunter Mitglieder des Petersburger Komitees, verhaftet worden - im Herbst ihre Organisationen bereits wiederhergestellt und entfaltete eine um fassende Tätigkeit. In den Betrieben lebten die bolschewistischen Zirkel auf. Die einzelnen Zirkel verschmolzen zu Stadtteilorganisationen. Die revolutionäre Literatur wurde stärker vertrieben. Mitte Oktober erschien in der Hauptstadt das Flugblatt «An das Proleta riat Petersburgs»; darin sagte das Petersburger Komitee der Bolschewiki
«Das Leben wird mit jedem Tag schwerer ... Der verbrecherische Krieg bringt neben Millionen Toten und Verstümmelten ... noch andere Leiden mit sich:... die Lebensmittelkrise und die damit verbundene Teuerung. Das furchtbare Gespenst des Zaren Hunger naht wieder drohend Europa . . . Schluß mit dem Dulden und Schweigen ... Um die Teuerung zu beseitigen und euch vor der nahenden Hungersnot zu retten, müßt ihr gegen den Krieg, gegen das ganze Gewalt- und Raubsystem kämpfen.»82
Der Aufruf der Partei fiel auf einen glühenden Boden. Am 17. Oktober brach in Petersburg in den «Renault»-Werken im Wiborger Stadtteil ein Streik aus. Die Arbeiter zogen vor andere Betriebe. In kurzer Zeit füllten die Demonstranten den Sampsonjewski-Prospekt. Vor der Kaserne des 181. Regiments wollte die Polizei einen Agitator verhaften, doch die Menge verhinderte es. Die Soldaten eilten aus der Kaserne und begannen Steine auf die Polizisten zu werfen. Der Regimentskommandeur wurde herbeigerufen. Die erregten Arbeiter und Soldaten zertrümmerten sein Automobil und verletzten den Ober sten. Am späten Abend alarmierten die Offiziere das Ausbildungs kommando des Regiments. Dieses sperrte die Kaserne gegen die Demonstranten, weigerte sich aber, trotz dreimaligen Befehls, auf die Masse zu schießen. Kosaken sprengten heran, aber sie hatten offen bar Angst vor den bewaffneten Soldaten. Die Arbeiter zogen vor andere Fabriken, um die Belegschaften zur Einstellung der Arbeit zu veranlassen. Am nächsten Tag streikte die Mehrheit der Betriebe im Wiborger Stadtteil. Die Arbeit ruhte drei bis vier Tage.
Am 25. und 26. Oktober sollten die wegen der Schaffung einer bolschewistischen Organisation in der Baltischen Flotte verhafteten Matrosen abgeurteilt werden. Die Bolschewiki forderten die Petrograder Proletarier zum Protest gegen das zaristische Gericht auf. Am 25. Oktober zogen einige Zehntausende von Arbeitern mit Gesang durch die Straßen der Hauptstadt, sie trugen Schilder: «Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Todesstrafe!» Die Polizei war außer stande, die Demonstration zu zerstreuen. Während des ganzen Tages erfolgten in den verschiedenen Stadtteilen Kundgebungen. Im ganzen Lande streikten im Oktober etwa 187 000' Arbeiter, viermal soviel wie im vorhergehenden Monat (47 000 im September) und um ein Vielfaches mehr als in irgendeiner früheren Periode des Krieges. Aber es handelte sich nicht nur um das Anwachsen der Streikwelle: die Oktoberstreiks trugen einen scharf ausgeprägten politischen Charakter und standen unter der Führung eben der bolschewistischen Partei, die die Polizei für völlig liquidiert hielt. Der Direktor des Polizeidepartements prahlte mit dieser Liquidierung in einem verspäteten Bericht an den Innenminister. Als der Minister am 30. Oktober die Meldung über die angebliche Zerschmetterung der bolschewistischen Partei las, befanden sieh in seinen Händen zugleich Berichte über den neuen Streik und über eine Demonstration von einem Ausmaß, wie es seit 1914 nie gesehen war. Die herrschenden Klassen beunruhigte besonders, daß die Arbeiter die Soldaten in die Bewegung hineinzuziehen begannen.
Die Bourgeoisie klopfte im Vorgefühl des herannahenden Unwetters an die Tür des Absolutismus. Die Bourgeoisie brauchte jetzt den Absolutismus nicht nur zur Fortsetzung des Krieges bis zum Siege, sondern auch zum Kampf gegen die Revolution. Die Kadetten sahen besorgt das rasche Heranwachsen der Revolution. In der Sitzung des Moskauer Komitees der Kadettenpartei legte Kischkin, ein prominenter Kadett, am 23. September dar, daß das Land durch die unfähige Regierung zur Revolution getrieben werde. Kischkin hoffte, daß das die Regierung erschrecken und sie in die Arme der Kadetten treiben würde, daß es den Absolutismus veranlassen werde, sich zu Zugeständnissen zu bequemen. Am 23. und 24. Oktober 1916 fand in Moskau die Parteikonferenz der Kadetten statt. Sie legte sogar nach dem Urteil der Geheimpolizei, die ihre Agenten auf der Konferenz hatte, «maßlose Furcht vor der Revolution» an den Tag. Miljukow warnte vor der Aufmunterung der «revolutionären Instinkte
«Es kann nicht unsere Aufgabe sein, die Regierung zur Strecke zu bringen, denn das hieße, die Anarchie fördern, sondern ihr einen völlig neuen Inhalt zu geben, d. h. die verfassungsmäßige .Rechtsordnung fest zu verankern. Deshalb ist im Kampf mit der Regierung trotz allem ein Gefühl für das Maß erforderlich.» 83
So sprachen die Kadetten, und die gleiche Haltung nahm der ganze Fortschrittsblock in der Duma ein. Unlängst noch Oppositionelle, sprachen sie jetzt nicht mehr vom Kampf gegen die Regierung im Namen des Krieges, sondern von ihrer Unterstützung im Kampf gegen die Revolution. Aber die Monarchie war bereits weder zu dein einen noch zu dem andern fähig. Die schweren Niederlagen an der Front zeigten, daß der Zarismus nicht imstande war, einen siegreichen Krieg zu führen. Die unaufhörlich zunehmende Zerrüttung be wies seine Ohnmacht, das Land aus der Sackgasse hinauszuführen. Sobald das Ausmaß und der Charakter des Petrograder Streiks vom 25.-26. Oktober klar zu sehen waren, begann die Bourgeoisie eine andere, festere Sprache zu führen. Der rechts stehende Abgeordnete Schulgin sagte am 3. November in seiner Dumarede:
«Unsere Geduld hätte sozusagen bis zur äußersten Grenze gereicht. Und wenn wir jetzt diese Regierung ganz offen und scharf verurteilen, wenn wir das Banner des Kampfes gegen sie erheben, so geschieht dies nur deshalb, weil wir wirklich an der Grenze angelangt sind, weil sich Dinge abgespielt haben, die nicht länger zu ertragen sind.›84
In der gleichen Sitzung erklärte der Kadett Maklakow
«Meine Herren, wir können nicht länger mit dieser Regierung arbeiten, wir können ihr nur Hindernisse in den Weg legen, wie sie uns Hindernisse in den Weg legen wird, aber eine Zusam menarbeit ist vollkommen unmöglich geworden; man möge also wählen: wir oder diese Regierung.»85
Kurz vorher - am 1. November - hatte Miljukow in der Duma gesprochen. Eine Reihe konkreter Tatsachen über die unfähige, kor rupte Praxis der Regierung aufzählend, fragte Miljukow jedes mal. «Was ist das: Dummheit oder Verrat?86» Der Kadettenführer kritisierte scharf den Ministerpräsidenten Stürmer und klagte ihn des Verrats an den Interessen Rußlands an. Miljukow sprach von den «dunklen Kräften»87, die den Thron umgeben. Er sprach in sehr vorsichtiger Form vom Verrat an der Spitze des Regimes; das war eine Anspielung auf die Zarin, über die das Gerücht ging, sie sympathisiere mit den Deutschen. Der Angelpunkt der Miljukowschen Rede war: die Regierung ist nicht imstande, den Krieg zum siegreichen Ende zu führen. Im Namen des gesamten Fortschrittblocks gab S. Schidlowski eine offizielle Erklärung ab:
<„Heute erheben wir erneut unsere Stimme, aber nicht mehr, um vor der drohenden Gefahr zu warnen, sondern um auszusprechen, daß die Regierung in ihrer gegenwärtigen Zusammensetzung nicht fähig ist, dieser Gefahr Herr zu werden.» . . . Sie müsse daher «den Platz frei machen für Männer, die eine gemeinsame
Auffassung über die Aufgaben des gegenwärtigen Moments vereinigt und die bereit sind, sich in ihrer Tätigkeit auf die Dumamehrheit zu stützen und deren Programm in die Tat umzusetzen .» 88
Die Bourgeoisie forderte nunmehr nicht eine «Regierung des Vertrauens», sondern eine verantwortliche Regierung, d. h. eine solche, die der Duma voll verantwortlich ist. Eine solche Regierung wäre nach Meinung der Oppositionsführer imstande gewesen, die Revolution niederzuwerfen und den Krieg fortzusetzen.
So scharf die Bourgeoisie auch gegen den Absolutismus auftrat, betonte sie dennoch ständig, daß die Schärfe ihres Kampfes durch die Gefahr einer Revolution bedingt sei. Der gleiche Schulgin sagte in der Duma:
«Ein solcher Kampf ist das einzige Mittel, um das abzuwenden, was wohl am meisten zu fürchten ist, um Anarchie und Chaos abzuwenden » 89
Die Haltung des Fortschrittsblocks fand auch in den Kreisen der äußersten Rechten Unterstützung. Purischkewitsch kritisierte scharf die Regierung und die «dunklen Kräfte, die das Land regierten 90 . Sogar der Reichsrat, in den nur die treuesten Anhänger des Throns berufen wurden, sogar diese Kammer von reaktionären Würdenträgern faßte am 22. November eine Resolution, die den Rücktritt der Regierung forderte91. Sogar der Kongreß des vereinigten Adels sprach von «dunklen Kräften» und der Notwendigkeit, eine neue Regierung zu bilden. Allerdings hieß es in dieser Adelsresolution, die neue Regierung müsse ausschließlich dem Monarchen verantwortlich sein92, aber auch in dieser Form war die Stellungnahme des Kongresses ein Beweis für den Bruch zwischen der regierenden Oberschicht und einem gewissen Teil ihrer Klassenfreunde. Im Herbst 1915 war gegen den Fortschrittsblock ein Entrüstungssturm der gleichen Leute losgebrochen, die im Herbst 1916 seine Forderungen wiederholten; so stark schwankte der Boden unter den Füßen der herrschenden Klasse.
Der Absolutismus stand vor der Wahl, entweder den Krieg fortzusetzen und dadurch einen Aufstand der Arbeiter und Bauern heraufzubeschwören, oder ein Friedenskompromiß mit den Deut schen herbeizuführen und dadurch die revolutionäre Unzufriedenheit zu mildern. In diesem Falle mußte der Zarismus auf den Widerstand der Bourgeoisie stoßen, die den Krieg als unerschöpfliche Quelle von Profiten und als Weg zur Eroberung neuer Märkte brauchte. Der Zar und seine Umgebung entschlossen sich, mit dem Krieg Schluß zu machen; sie nahmen an, daß sie mit der Opposition der Bourgeoisie immerhin leichter fertig werden würden, als mit einem Aufstand der Massen. Aber es wäre gewagt gewesen, diese Absichten sofort auszusprechen: die bürgerlichen Kreise waren zu erregt, und auch die Verbündeten verfolgten mit wachsendem Mißtrauen die Politik des Absolutismus.
Die russische Bourgeoisie versuchte während des Krieges mehrmals, bei den englisch-französischen Imperialisten darüber Klage zu führen, daß man sie in ihrer «patriotischen» Arbeit beenge. Die aus ländischen Kapitalisten interessierte nicht nur die zaristische Armee, ohne die an einen Sieg über Deutschland gar nicht zu denken war. In einer Reihe von Industriezweigen - Metall- und chemische Industrie - gehörte ein großer Teil der Betriebe dem Auslandskapital. Die englische und französische Bourgeoisie war an einer ungestörten und Profit bringenden «Arbeit für die Landesver teidigung» interessiert. Ende März 1916 erhielt Rodsjanko von den Regierungen Englands, Frankreichs und Italiens die Einladung, eine Delegation der Reichsduma zum Studium der ausländischen Rüstungsindustrie zu entsenden. Im Frühjahr 1916 reisten eine Anzahl von Abgeordneten, darunter Miljukow und Protopopow, ins Aus land. Andererseits kamen im April 1916 Vertreter der ausländischen Regierungen nach Rußland. Darunter befanden sich Albert Thomas, ein bekannter Führer der II. Internationale, und Viviani, beide «Sozialisten» und französische Minister. Nikolaus wurde sorgfältig auf die Zusammenkunft mit den Delegierten vorbereitet, man ver sicherte ihm, daß sie, obwohl «Sozialisten», alle ihre Kräfte in den Dienst der Verteidigung ihres imperialistischen Vaterlandes stellen. Der französische Präsident Poincare, wegen seiner scharfen imperia listischen Politik «Poincare la guerre» (Poincare - der Krieg) ge nannt, gab von einem dieser Delegierten folgende Charakteristik:
«Albert Thomas, Unterstaatssekretär und Minister für Heeresversorgung, hat in Frankreich mit ausgezeichnetem Geschick und unermüdlichem Eifer die Erzeugung von Geschützen und Granaten für die Artillerie geleitet ... Er hat die Entwicklung eines Produktionszweiges in Frankreich gefördert, der bedauerlicherweise bei all unseren Verbündeten nur ein geringes Ausmaß hatte und noch hat. Er verstand es, für dieses Ziel die Initiative des Staates und der Privatindustrie zu einer gemeinsamen Anstrengung zusammenzufassen; er sicherte sich die treue Hilfe der Unternehmer und Arbeiter, so daß schon seit vielen Monaten alle produktiven Kräfte des Landes auf die Steigerung unserer Kriegs materialerzeugung hinarbeiten . . .»93
Damit wurde der ganzen II. Internationale ein Zeugnis für die treuen Dienste ausgestellt, die sie dem Imperialismus geleistet hat.
Albert Thomas reiste nach Rußland, um eine Verbesserung der Rüstungsproduktion und die Entsendung von 400 000 russischen Soldaten nach Frankreich durchzusetzen. Thomas und Viviani hielten sich bis zum 17. Mai 1916 in Rußland auf. Sie besichtigten Rüstungs betriebe, hatten Unterredungen mit den größten Kapitalisten, den Generalen, mit dem Zaren und suchten in der Rüstungsindustrie alle Hindernisse aus dem Wege zu räumen. Die französischen «Sozialisten» versuchten auch den Arbeitern zuzureden, aber es wurde ihnen ein solcher Empfang zuteil, daß es Thomas für nötig hielt, dem Zarismus besondere Maßnahmen gegen die Arbeiter anzuraten. Albert Thomas erklärte, wie Paleologue mitteilt, dem Ministerpräsidenten Stürmer:
«Ihre Fabriken arbeiten nicht mit genügender Anspannung, sie könnten zehnmal soviel produzieren. Man müßte die Arbeiter militarisieren.»94
Dem russischen Zaren, der ohnehin schon durch die wüste Ausbeutung des Proletariats berühmt war, empfahlen Führer der II. Internationale, die Arbeiter in militärische Sklaven zu verwandeln.
Der englische Botschafter, George Buchanan, machte Nikolaus mehrmals auf die schwere Lage im Land aufmerksam. Je häufiger Rußland Niederlagen erlitt, desto nachdrücklicher wurden die «Rat schläge» des englischen Botschafters. Buchanan verfolgte den Zaren geradezu und teilte ihm die kleinsten Tatsachen mit, die als ungünstig für England ausgelegt werden konnten. Das Verhalten des eng lischen Botschafters in Rußland unterschied sich wenig vom Auftreten seiner Kollegen in einem Land wie etwa Siam. Diese ständi gen Belehrungen brachten Nikolaus schließlich aus dem Gleichgewicht. Er empfing jetzt den Botschafter nicht mehr ohne Förmlichkeiten, wie früher, sondern in großer Galauniform; damit wollte er andeuten, daß sich Buchanan streng offiziell zu benehmen und der «Ratschläge» zu enthalten habe. Diese Andeutung verfehlte jedoch ihr Ziel. Buchanan ging jetzt sogar zu direkten Drohungen über. Als Nikolaus den Außenminister S. D. Sasonow absetzte und an sei ner Stelle B. W. Stürmer ernannte, der als Anhänger eines Friedens mit Deutschland galt, telegraphierte Buchanan nach London
«Nach allen Informationen zu urteilen, ist er (Stürmer, Die Red.) in seinem Herzen ein Deutschenfreund. Außerdem will er, als ausgesprochener Reaktionär, ebenso wie die Kaiserin, den Absolutismus unangetastet aufrechterhalten. .. Wenn der Kaiser weiter auf seine jetzigen reaktionären Ratgeber hört, so fürchte ich, daß die Revolution unvermeidlich ist.»95
Der französische Kollege Buchanans brachte seine Einschätzung der Politik des Zaren noch schärfer zum Ausdruck. Maurice Paleo logue verglich sich in seinen Memoiren sehr häufig mit dein franzö sischen Botschafter Chetardie, der bekanntlich im 18. Jahrhundert der späteren Kaiserin Elisabeth half, die damalige Regentin Anna zu stürzen. Die Absetzung Sasonows brachte Paleologue noch auf einen anderen historischen Vergleich. In seinem Tagebuch zeichnet der französische Botschafter folgendes Gespräch mit der Großfürstin Maria Pawlowa auf:
«Was ist zu tun? . . . Jetzt versuchen wir schon 15 Tage lang alles, was in unsern Kräften steht, um ihn (Nikolaus II. Die Red.) zu überzeugen, daß er die Dynastie zugrunde richtet, Rußland zri grunde richtet, daß seine Herrschaft . . . bald mit einer Katastrophe enden wird. Er will nichts davon hören. Das ist eine Tragödie ... Wir werden es jedoch mit einem kollektiven Schritt der ganzen kaiserlichen Familie versuchen . . .
Wird es bei platonischen Vorstellungen bleiben? .. .
Wir blicken uns stillschweigend an. Sie ahnt wohl, daß ich das Drama Paul I. im Auge habe, denn sie antwortet mit einer Geste des Entsetzens:
Mein Gott! Was wird geschehen? . . . » 96
Der Botschafter scheute den Zarenmord nicht, als ihm schien, daß Nikolaus ungenügend den Alliierten die Treue hielt.
Unter diesen Umständen mußte der Zarismus bei seinen Plänen äußerste Vorsicht üben. Am 10. November entließ der Zar Stürmer, den man des Verrats beschuldigt hatte, und ernannte zum Minister präsidenten A. F. Trepow, den Bruder jenes Generalgouverneurs von Petersburg, der während der Revolution von 1905 den berühmten Befehl herausgegeben hatte: «Mit Patronen nicht sparen.» Trepow war ein Sohn jenes Petersburger Stadtkommandanten, auf den Wera Sassulitsch am 24. Januar 1878 geschossen hatte. Ein Großgrundbesitzer aus denn Gouvernement Poltawa, stand Trepow, von seiner früheren Tätigkeit in der Regierung her, mit mehreren Dumaabgeordneten in Verbindung. Am 19. November stellte sich der neue Ministerpräsident der Duma vor und verkündete sofort, daß die Alli ierten Konstantinopel Rußland geben werden.
<Das russische Volk muß wissen, wofür es sein Blut vergießt»97, fügte Trepow hinzu, als er den Gutsbesitzern und der Bourgeoisie die angenehme Neuigkeit mitteilte.
Man glaubte, diese Zugeständnisse würden die erregten Abgeordneten eine Zeitlang beruhigen, und in Zukunft könne man dann einen andern Kurs einschlagen. Da der Hof die Ernennung Trepows mißtrauisch aufnahm, schrieb Nikolaus beruhigend an die Zarin:
«Es ist widerwärtig, mit einem Menschen zu tun zu haben, den man nicht liebt und zu dem man kein Vertrauen hat ... Aber vor allem muß man einen Nachfolger für ihn finden, dann kann man ihn, nachdem er die schmutzige Arbeit getan haben wird, hinauswerfen - ich meine hiermit seine Entlassung, sobald er die Duma geschlossen hat. Die ganze Verantwortung und alle Schwierigkeiten sollen auf seine Schultern fallen, nicht auf die Schultern desjenigen, der dann seinen Platz einnimmt»98.
Die Verschwörung der Zarenclique lief auf folgendes hinaus: Man plante, die «Verbände», wie die bürgerlichen Organisationen in den Regierungskreisen genannt wurden, zu verbieten, die Reichsduma auseinanderzujagen, eine neue, durchaus «willfährige» wählen zu lassen, die ganze Fülle der Macht in der Hand einer einzigen «bevollmächtigten Persönlichkeit» zu konzentrieren, einen Separatfrieden mit Deutschland abzuschließen und die Revolution niederzuschlagen.
Schon lange tastete man nach Wegen zum Frieden mit Deutschland. Bereits im Jahre 1915, als die russische Armee in vollster Flucht aus Galizien zurückströmte, trafen in Petrograd Briefe eine, Hoffräuleins der russischen Zarin, M. A. Wasiltschikowa, ein, die ständig auf ihrem Gut in Oesterreich wohnte. Wasiltschikowa war, wie es in diesen Kreisen häufig der Fall war, mit einer Reihe deut scher Aristokraten und russischer Würdenträger verwandt. Man kannte sie auch bei Hofe. Sie schrieb an Nikolaus drei Briefe mit Friedensangeboten im Namen Wilhelms II. Im Dezember kam sie persönlich in die Hauptstadt, wo sie versuchte, mit dem Zaren zu sprechen. Die Gerüchte über einen Separatfrieden drangen in die Oeffentlichkeit und man mußte Wasiltschikowa aus Petrograd ausweisen. Im April 1915 erhielt die Zarin einen Brief von ihrem Bruder, dem Großherzog von Hessen, der die Einleitung von Friedensverhandlungen vorschlug. Ohne auf eine Antwort zu warten, sandte der Herzog einen Vertrauensmann nach Stockholm, der sich dort mit einem der Vertreter des Zarismus treffen sollte. Die Zarin schrieb über ihren Bruder an Nikolaus:
«Bei ihm ist der Plan aufgetaucht, auf privatem Wege eine Vertrauensperson nach Stockholm zu senden, die sich dort mit einem von Dir (in privater Form) entsandten Vertreter treffen soll; sie könnten helfen, viele zeitweilige Schwierigkeiten zu be seitigen ... Erni (so wurde der Großherzog im Familienkreis ge nannt. Die Red.) hat dorthin schon zum 28. (vor zwei Tagen, aber ich habe das erst heute erfahren) eine Persönlichkeit entsandt, die dort nur eine Woche bleiben kann. Ich habe sofort eine Ant wort geschrieben und sie an diesen Herrn gesandt. Ich schrieb ihm, daß Du noch nicht zurückgekehrt bist, er solle nicht warten, es sei, obwohl sich alle nach dem Frieden sehnen, die Zeit dafür noch nicht gekommen.»99
Die Verwandtschaft des Zaren wollte über die Schicksale der Völker wie über eine Familienangelegenheit entscheiden.
1916 wurden abermals mehrere Versuche unternommen, Friedensverhandlungen mit Deutschland aufzunehmen. Im Juli fand in Stock holm eine Zusammenkunft des deutschen Vertreters Warburg mit (fern stellvertretenden Dumavorsitzenden Protopopow statt, der mit der Dumadelegation ins Ausland gereist war. In dieser Aussprache teilte Warburg die Bedingungen mit, unter denen Deutschland zum Friedensschluß bereit sei.
Nach Rußland zurückgekehrt, erzählte Protopopow in Dumakreisen von seiner Unterredung. Nikolaus erfuhr von der Stockholmer Zu sammenkunft Protopopows und ließ ihn sofort ins Schloß rufen. In der Duma hatte man, wie Miljukow erzählt, große Furcht, «daß dieser Vorschlag (Warburgs - Die Red.) irgendwie ernst genommen wer den könnte». Miljukow bat Protopopow, den ganzen Fall «als zu fällige Begegnung eines Touristen zu betrachten und in dieser Form zu berichten»100, wenn er mit Nikolaus spräche. Aber Protopopow wußte offenbar, wie er dem Zaren gefällig sein konnte. «Ich fühlte, daß er mit meinem Bericht sehr zufrieden war »101, sagte Protopopow bei seiner Vernehmung nach der Revolution von 1917. Er hatte sich nicht getäuscht: am 18. September wurde er auf Vorschlag Rasputins zum Leiter des Innenministeriums ernannt. Nikolaus verfolgte damit eine doppelte Absicht. Protopopow war stellvertretender Duma präsident, galt als Oktobrist, war Vorsitzender des Rates der Metallindustrie, hatte also gute Verbindungen mit den Industriekreisen; zugleich war er Großgrundbesitzer mit ungefähr 5000 Desjatinen Boden im Gouvernement Simbirsk. Der Zar hoffte durch die Er nennung Protopopows zum Minister eine Brücke zur Bourgeoisie zu schlagen. Andererseits zeigte sich Protopopow - der Kandidat Rasputins - als Anhänger eines Separatfriedens, so daß er die geeignete Person zur Durchführung der Politik des Zaren war.
Die Ernennung trug Protopopow den Haß seiner früheren
Freunde aus der Duma ein, Protopopow wurde gehetzt, man verbreitete über ihn Klatschgeschichten, man sprach über ihn mit größerer Verachtung als über die andern Minister, aber nicht wege n seiner persönlichen Eigenschaften - Protopopow war nicht schlechter als irgendein anderer Günstling der Zarenclique - sondern weil er sich in einem Moment, da die Duma mit Nikolaus im Konflikt lag, zur Uebernahme eines Ministerpostens bereit fand, und besonders wegen seiner Ansichten in der Friedensfrage.
Gleichzeitig mit dem Bestreben, freie Hand nach außen zu bekommen, suchte der Absolutismus auch im Innern des Landes seinen Plan rasch durchzuführen. Am 9. Dezember wurden die Kongresse des Verbandes der Städte und der Semstwos aufgelöst. Versammlungen, die politisch vollkommen harmlos waren, wurden verboten; so wurden am 11. Dezember die Versammlungen des Vereins der Zeitungs- und Zeitschriftenpresse und danach des Vereins der Kinderärzte verboten.
Die bürgerlichen Organisationen überschütteten die Duma mit Protesten, doch unterbrach der Zarismus am 17. Dezember die Tätig keit der Duma bis zum 12. Januar. In dieser Zeit hoffte man, alle Maßnahmen für die Neuwahlen zur Duma durchzuführen. Die Einzelheiten des Plans waren schon im Oktober 1915 von dem ehemali gen Innenminister A. N. Chwostow ausgearbeitet worden. Chwostow war früher Gouverneur in Wologda und Nishnij-Nowgorod gewesen, wo es ihm gelang, Rechte in der Duma durchzubringen. Dieser «Spe zialist» für Wahlen erhielt den Auftrag, einen Entwurf fertig zu ste llen. Dem Minister wurden acht Millionen Rubel zur Verfügung gestellt, um die Presse zu bestechen, Literatur herauszugeben, Drucke reien zu mieten, Wahlkioske und Kinos zu organisieren. Chwostow bekam etwa 1,5 Millionen Rubel ausbezahlt, über die er nach der Revolution keinerlei Rechenschaft ablegen konnte - der größte Teil Bloß in seine eigene Tasche. Chwostow stellte eine Uebersicht über den möglichen Wahlausgang in jedem einzelnen Gouvernement auf. In dieser Uebersicht hieß es über die Zusammensetzung der künf tigen Duma:
«Zulässig sind rechte Oktobristen und wünschenswert die konservativeren Gruppen.»102
«Man wird den Linken und den Oktobristen ausgesprochen Rechte im Bunde mit der Geistlichkeit entgegenstellen müssen.»103
Ueber das Gouvernement Tambow:
«Die linken Gruppen können nur mit Hilfe der Geistlichkeit unschädlich gemacht werden. Diese ist zwar wenig zuverlässig, aber der Bischof kann sie in die Hand nehmen und ihr die Aufgabe stellen, keine Linken durchzulassen .» 104
Als es sich um die praktische Durchführung des Entwurfs handelte, erinnerte man sich an N. A. Maklakow, den gleichen, der so vorzüglich einen «verliebten Panther» nachahmen konnte. Nikolaus II. beauftragte ihn, gemeinsam mit Protopopow, der im Dezember zum Innenminister ernannt wurde, das Manifest über die Dumaauflösung zu entwerfen. Voller Freude, daß er von der Nachahmung des Panthers zu einer <nützlicheren» Tätigkeit berufen wurde, schrieb Maklakow dem Zaren einen Dankbrief. Aus dem Brief ersieht man, welch umfassenden Plan der Absolutismus verfolgte. Maklakow schrieb:
«Das muß Sache des ganzen Ministerrats sein, der Innenmini ster darf nicht allein gelassen werden in denn Zweikampf gegen jenes ganze Rußland, das aus den Bahnen geglitten ist. Die Macht muß mehr als je konzentriert, von sich selbst überzeugt, durch das einzige Ziel zusammengeschmiedet sein: die Staats ordnung um jeden Preis wiederherzustellen, und sie muß fest an den Sieg über den inneren Feind glauben, der schon seit langer Zeit nicht nur gefährlicher, sondern auch erbitterter und frecher wird, als der äußere Feind .» 105
Von diesem Gedanken, daß der innere Feind gefährlicher sei, als der äußere, daß die eigenen Untertanen schädlicher seien, als der Feind, ließ sich die Hofclique in ihrer gesamten Tätigkeit leiten_
Die Verschwörung des Absolutismus war fertig
Es muß erwähnt werden, daß Maklakow seinen Brief am 9. Februar schrieb und der österreichische Außenminister, Graf Czernin,, bereits am 13. Februar ein Friedensangebot aus Rußland erhielt.
Er schrieb darüber: «Am 26. Februar (neuen Stils. Die Red.) erschien bei mir eine Persönlichkeit, welche sich als berufener Vertreter einer neutralen Macht zu legitimieren imstande war, und teilte mir im Auftrage seiner Regierung mit, er habe den Befehl, mich wissen zu lassen, daß die Gegner oder einer von ihnen bereit seien, Frieden mit uns zu schließen, und daß die Bedingungen dieses Friedensabschlusses für uns günstig sein würden . . . Ich zweifelte keinen Augenblick daran, daß es sich um Buß land handle, und mein Gewährsmann bestärkte mich in dieser Ueberzeugung.»106
Der Zarismus hielt beharrlich an dem einmal eingeschlagenen Kurs fest.
Die ersten unklaren Nachrichten über eine neue Wendung der Außenpolitik des Zarenhofes brachten die Bourgeoisie in Harnisch. Die verbündeten Imperialisten unterstützten sie rückhaltlos. Der Abschluß eines Separatfriedens durch Rußland mußte für sie die Möglichkeit eines Sieges über Deutschland in Frage stellen. Die russische Armee fesselte gewaltige Kräfte des Feindes; wenn sie aus dem Spiel ausschied, bestand die Gefahr. daß die verbündetes Imperialisten alle ihre Trumpfkarten verloren.
Von den Alliierten unterstützt, entschließt sich die Bourgeoisie, den morschen Zarismus durch eine Palastrevolte zu verjüngen, den unfähigen Zaren abzusetzen und an seine Stelle einen anderen, ihren eigenen Kandidaten zu setzen. Der ganze Plan war darauf berechnet, den Kampf gegen die heranreifende Revolution zu verstärken, ohne deshalb den Krieg einzustellen. In der Hauptstadt bildeten sich zwei geheime Zirkel. Zu dem einen gehörten hauptsächlich Militärs, Gardeoffiziere. Eine wichtige Rolle spielte dort der General Krymow, der später, nach der Februar-Revolution, als Teilnehmer des Putsches des Generals Kornilow bekannt wurde.
Der spätere Minister in der ersten Regierung nach der Februar revolution von 1917, Tereschtschenko, erzählt in seinen Erinnerungen über den General Krymow:
<Er und seine Freunde waren sich klar darüber, daß, wenn sie nicht die Führung der Staatsumwälzung übernehmen, die Volksmassen selbst sie durchführen würden, und sie begriffen sehr gut, welche Folgen und welche unheilvolle Anarchie in die sem Falle drohen mußte. Aber vorsichtigere Personen suchten uns zu überzeugen, daß die Stunde noch nicht gekommen sei. So verging der Januar und die erste Hälfte des Februar. Schließlich verloren die weisheitsvollen Worte der erfahrenen Politiker ihre Ueberzeugungskraft für uns, und in den ersten Märztagen wurde der General Krymow in jener chiffrierten Sprache, in der wir miteinander zu verkehren pflegten, aus Rumänien nach Petrograd berufen. Doch es war, wie sich zeigte, schon zu spät.»107
Den Erinnerungen Rodsjankos nach fanden die Besprechungen in der Wohnung Gutschkows statt. Die führenden Leute der Finanz und Industrie wußten, daß die Generäle Alexejew, Rußkij, Brussilow die Verschwörung billigten. Gleichzeitig wurde auch unter den Offi zieren der Petrograder Garderegimenter in derselben Richtung gearbeitet. Mit den Offizieren stand auch Purischkewitsch in Verbin dung. Der zweite Zirkel bestand aus Dumaabgeordneten. Miljukow teilte nach der Februar-Revolution von 1917 mit:
«Ein erheblicher Teil der Mitglieder der ersten Provisorischen Regierung hatte an den Beratungen dieses zweiten Zirkels teil genommen, einige von ihnen ... wußten auch vom Bestehen des ersten Zirkels.»108
Die Verschwörer beabsichtigten, Nikolaus zu stürzen, die Zarin in ein Kloster zu schicken und den im Knabenalter stehenden Alexej zum Zaren auszurufen; bis zu seiner Großjährigkeit sollte der Groß fürst Michael Alexandrowitsch, ein Bruder des Zaren, zum faktischen Herrscher, zum Regenten ernannt werden. Der erste Schritt zur Palastrevolte sollte die Ermordung Rasputins sein. In der Nacht vom 17. zum 18. Dezember wurde Rasputin in die Wohnung des Fürsten Felix Jussupow eingeladen, wo Purischkewitsch gemeinsam mit dem Wohnungsinhaber und dem Großfürsten Dimitri Pawlowitsch den «Heiligen» durch sechs Schüsse erledigte.
Die hochgestellten Verschwörer, die aus dem gleichen Milieu hervorgegangen waren, das den Rasputin-Geist erzeugt und groß gezüchtet hatte, hofften im geheimen, daß der Hof nach dieser Ermordung sich eines Besseren besinnen werde. Die Verwandten des Zaren wandten sich an Nikolaus, um ihm klar zu machen, daß er sich und alle, die ihm nahe standen, ins Verderben stürze. Aber der Zar verließ das Hauptquartier und eilte nach Petrograd. Dort entschloß man sich, den Plan weiter durchzuführen. Nur eine Abänderung wurde auf Vorschlag Protopopows vorgenommen: die Duma sollte vorläufig nicht auseinandergejagt werden. Am 6. Januar wurde ein Ukas des Zaren veröffentlicht, der die Wiederaufnahme der Tätigkeit der Duma und des Reichsrates auf den 14. Februar verschob. Man fürchtete nicht so sehr die Erregung der bürgerlichen Oberschichten, als vielmehr das rasche Heranreifen der Revolution von unten: die Auseinanderjagung der Duma konnte nach Meinung Protopopows zu einem legalen Anlaß für eine Aktion der Massen werden.
Die neue Vertagung faßten die Abgeordneten, nach den Worten des Zentralorgans der Kadettenpartei, der «Rjetsch», als die Vollendung des Feldzuges der Regierung gegen die Duma auf. Die stillgewordenen bürgerlichen Verschwörer beschleunigten nunmehr ihrerseits die Vorbereitung des Komplotts. Rodsjanko erfuhr durch ein Privatgespräch mit dem Ministerpräsidenten, daß Nikolaus be reits drei weitere Erlasse unterzeichnet hatte, ohne das Datum ihrer Veröffentlichung festzulegen. Der erste verfügte die völlige Auf lösung der Duma, der zweite die Vertagung der Dumatätigkeit bis zum Ende des Krieges und der dritte die Einstellung der Duma tätigkeit auf unbestimmte Zeit. Der Dumapräsident lud telegraphisch den Adelsmarschall des Moskauer Gouvernements, Basilewski, den Vorsitzenden des Kongresses des vereinigten Adels, A. D. Samarin und den Adelsmarschall des Petrograder Gouvernements, Somow, nach Petrograd ein. Ferner wurden aus Moskau Fürst G. 1. Lwow vom Verband der Semstwos, der besonders häufig als Kandidat für den Posten des Ministerpräsidenten der ' neuen Regierung genannt wurde, sowie M. W. Tschelnokow vom Städteverband und A. 1. Ko nowalow vom Kongreß der Industriellen und Fabrikanten eingela den. Man kam überein, daß Samarin im Namen des Adels um eine Audienz beim Zaren bitten und versuchen sollte, ihm die Augen über den Stand der Dinge zu öffnen. Am 19. Januar sollte der Kon greß des vereinigten Adels zusammentreten. Gleichzeitig hatte man im Februar 1917, wie Gutschkow bei seiner Vernehmung durch eine Untersuchungskommission nach der Februarrevolution aussagte, in dem Geheimzirkel noch beschlossen, «den Hofzug des Zaren auf der Strecke zwischen dem Hauptquar tier und Zarskoje Selo abzufangen, den Zaren zur Abdankung zu zwingen, gleichzeitig mit Hilfe der Truppenteile, auf die man hier in Petrograd rechnen konnte, die bestehende Regierung zu verhaften, und darauf sowohl den Umsturz als auch die Perso nen, die an der Spitze der neuen Regierung stehen sollten, bek annt zu geben. Auf diese Weise ... hätte man nicht mit der gesamten Armee zu tun gehabt, sondern nur mit einem sehr ge ringen Teil von ihr.»109
'Die Ententediplomaten waren, ebenso wie die Führer der russi schen Bourgeoisie, der Meinung, daß nur ein Staatsstreich einer Revolution vorbeugen und Rußland «retten» könne. Der englische Botschafter George Buchanan gibt in seinen Erin nerungen zu, daß die Verschwörer bei ihm, in der Botschaft, über den Umsturz berieten.
«Es wurde ganz offen von einer Palastrevolte - schreibt er in seinen Memoiren - gesprochen, und beim Diner in der Botschaft teilte mir einer meiner russischen Freunde, der ein hohes Amt in der Regierung bekleidete, mit, es sei nur die Frage, ob der Kaiser und die Kaiserin, oder nur die letztere ermordet werden sollen.»110
So sah die Verschwörung der adlig-bürgerlichen Spitzen aus
Dieses Eingeständnis Buchanans genügt, um nicht nur seine Kenntnis von der Verschwörung, sondern auch seine Teilnahme an ihr als bewiesen anzusehen. Es ist zweifellos, daß der Botschafter einer verbündeten Macht, der über die Möglichkeit einer Ermordung des Kaisers, bei dem er seinen König vertritt, unterrichtet ist und die Verschwörer deckt, ein Teilnehmer der Verschwörung ist. Bu chanan erzählt ganz offen:
«Der russische Freund, der später ein Mitglied der Provisorischen Regierung war, teilte mir mit, daß vor Ostern ein Umsturz stattfinden werde.»111
Zwei Verschwörungen - beide mit dem Ziel, der Revolution vorzubeugen - waren ausgereift; ihre Teilnehmer hatten größte Eile, ihre Absichten ohne die Hilfe der Massen und noch bevor das Volk diese ganze Politik durchschauen könnte durchzuführen. Aber die Revolution kam sowohl dem Vorstoß des Zarismus als auch der Pa lastrevolte zuvor; während noch die Bourgeoisie und der Absolutismus sich herumbalgten, zogen die Arbeiter und Bauern, die sowohl die Bourgeoisie wie auch den Zarismus haßten, gegen sie auf die Straße.
Nach der Streikwelle vom Oktober 1916 trat in der Arbeiterbewegung ein gewisser Stillstand ein, aber weder im November noch im Dezember sank die Ziffer der Streikenden unter 40000. Im Jahre 1917 begann ein jäher Aufschwung. Der harte Winter brachte den Arbeitern und den Werktätigen neue Entbehrungen. Die Getreidezufuhr nach Petrograd und Moskau hörte fast völlig auf. Die Preise für Massenbedarfsgegenstände gingen sprunghaft in die Höhe. In den Lebensmittelschlangen kam es dauernd zu Protestkundgebungen. Wiederholt wurden bereits Bäckerläden geplündert. Besonders aktiv waren dabei die Frauen. Die Geheimpolizei stellte in ihrem Januarbericht an den Minister fest:
«Die Familienmütter, die vom endlosen Anstehen vor den Läden erschöpft und über den Anblick ihrer halb verhungernden und kranken Kinder gramgebeugt sind, sind jetzt der Revolution wohlweit näher als die Herren Miljukow, Roditschew und Co., und sie sind natürlich weit gefährlicher, weil sie jenen Zündstoff dar stellen, für den ein Funke genügt, um den Brand zu entfachen.»112
Im Januar begannen die Streiks am 9., dem Jahrestag des Zusammenschießens der Arbeiterdemonstration im Jahre 1905. Tags zuvor hatte das Petersburger Komitee der Bolschewiki die Arbeiter aufgerufen, Demonstrationen gegen den Krieg zu veranstalten. An Moskau hatte das Büro des Zentralkomitees der Bolschewiki die gleiche Direktive erteilt. Am 9. Januar organisierten die Arbeiter in vielen Fabriken und Werken Versammlungen. Sie zogen mit roten Fahnen auf die Straße. Im Wiborger und Narwaer Stadtteil von Petrograd standen fast sämtliche Betriebe still. Außer in Petrograd fanden auch in Moskau, Baku und Nischnij-Nowgorod Arbeiterdemonstrationen statt. In Moskau streikte ein Drittel der Arbeiter. Das Moskauer Komitee der Bolschewiki organisierte eine Kundge bung von 2000 Teilnehmern auf dem Twerskoj-Boulevard, aber die berittene Polizei sprengte die Demonstranten auseinander. Gegen 3 Uhr nachmittags erschien auf dem Theaterplatz eine Gruppe von Arbeitern mit roten Fahnen, die die Losung: «Nieder mit dein Krieg!» trugen. Die Demonstration wuchs schnell auf tausend Personen und bewegte sich zum Ochotny Rjad. Berittene Polizei eilte herbei und sprengte mit gezogenen Säbeln in die Massen. Ueberall wütete die Polizei grausam gegen die Streikenden. Verhaftungen wurden vorgenommen. Viele Arbeiter wurden in die Militärkommandantur zur Einziehung zum Militär eingeliefert. Aber nach einigen Tagen brachen die Streiks erneut aus. Im Januar streikten im ganzen Land mehr als 200 000 Arbeiter - solche Streiks hatte es während der ganzen Kriegszeit nicht gegeben. In den beiden Hauptstädten entstand eine äußerst gespannte Lage. Die Städte waren von Gerüchten erfüllt. Die Einwohner hamsterten Lebensmittel vorräte für den Fall, daß der Verkehr eingestellt würde.
«Die Idee des Generalstreiks - meldete die Polizei - gewinnt von Tag zu Tag neue Anhänger und wird so populär, wie sie es auch im Jahre 1905 war.»113
Der Bewegung in den Städten schloß sich die Dorfarmut an. Die dauernden Einberufungen und die ständige Beschlagnahme von Vieh richteten die Wirtschaft eines bedeutenden Teils der werktätigen Bauern vollends zugrunde. Die Industriekrise beraubte das Dorf der Streichhölzer, des Petroleums, des Salzes. Das Brot reichte kaum bis zur Mitte des Winters. Mit neuer Kraft loderte der Haß gegen die Gutsbesitzer und die Kulaken auf. Aus zahlreichen Bezirken kaufen Nachrichten über eine heftige Bewegung gegen den Krieg.
«Die Regierung kann nicht alle aufhängen, aber die Deutschen können alle niedermetzeln oder zu Krüppeln machen,›114 sagte man in den Dörfern, um zu begründen, warum man der Einberufung zum Heeresdienst nicht Folge leisten soll. Die Polizeiberichte verglichen die Stimmung auf dein Lande immer häufiger mit der Stimmung von 1905/1906.
Die zaristische Regierung weigerte sich entschieden, der liberalen Bourgeoisie, ja auch nur denjenigen Hofcliquen Zugeständnisse zu machen, die in der Minute der Gefahr bereit waren, sich liberal zu geben. Der Zarismus mobilisierte alle Kräfte. Die Polizisten wurden mit Maschinengewehren ausgerüstet, die man den Regimentern der Garnison nahm, die Agenten der Geheimpolizei wurden zur Aushebung «aller Verdächtigen» ausgeschickt. Ueberall wurden Verhaftungen vorgenommen, wobei man oft die eigenen Leute nicht von den Gegnern unterschied. In d er Nacht vom 27. Januar wurden die Mitglieder der Arbeitergruppe des Zentralen Kriegsindustrie-Komitees, die Menschewiki Gwosdew, Broido u. a., insgesamt 11 Mann, verhaftet. Die Gruppe wurde beschuldigt, eine Arbeiterdemonstration für den 14. Februar vorbereitet zu haben, «mit dem Ziel, Rußland in eine sozialdemokratische Republik um zuwandeln».115
Am 5. Februar wurde ein Befehl erlassen, der den Petrograder Militärbezirk aus der Nordfront ausschied und zu einer besonderen Einheit erachte. Der Befehlshaber des Militärbezirks, Generalleut nant S. S. Chabalow, wurde mit weitestgehenden Vollmachten ausgestattet. Die Regierung bezog die Position des schonungslosen Kampfes gegen die Revolution.
In der liberalen Bougeoisie riefen die ersten Anzeichen des revolutionären Sturms höchste Verwirrung hervor. Das Gerede von der Palastrevolte verstummte. Die «Revolutionäre wider Willen» waren bereit gewesen, sich auf eine «Revolution im Zimmer», ohne die Teilnahme der Massen, einzulassen, aber die Volksmassen erschienen plötzlich auf der Straße. Von einem ernsthaften Druck auf den Absolutismus wollten die Dumaschwätzer nichts mehr hören.
Unlängst noch Verschwörer, verrieten sie jetzt sogar ihre nächsten Verbündeten. Zwei Tage nach der Verhaftung der Arbeitergruppe tagte das Büro des Zentralen Kriegsindustrie-Komitees; A. I. Gutschkow und A. I. Konowalow wurden beauftragt, bei der Regierung um eine Milderung des Schicksals der Verhafteten zu bitten. Den Menschewiki wurde ein vorzügliches Zeugnis ausgestellt:
«Eine ganze Reihe von Tatsachen beweist, daß dank der Einwirkung der Arbeitergruppe auf eine ganze Reihe von Be trieben verschiedener Rayons, der Ausbruch scharfer Kon flikte zwischen den Arbeitern und der Betriebsleitung vermieden werden konnte.»116
Es wurden jedoch keine entschlossenen Schritte unternommen. Im Gegenteil, in der nächsten Sitzung des Büros des Komitees am 29. Januar, an der auch die Oppositionsführer aus der Duma teil nahmen, rückte Miljukow zynisch von der Tätigkeit der Arbeitergruppe ab und wandte sich gegen «die Entfesselung der Volksgewalt». Der Professor Miljukow flehte die Arbeiter an, nicht auf die Straße zu ziehen und sich nicht «provozieren» zu lassen. Er forderte sie auf, sogar auf die Demonstration zu verzichten, die die Menschewiki für den Tag der Eröffnung der Reichsduma, den 14. Februar, planten. Während die Bourgeoisie den Arbeitern zuredete, sie mögen sich jeder Aktion enthalten, beschwor sie den Zaren, der Duma entgegenzukommen: man wollte durch kleine Zugeständnisse entschiedeneren Forderungen des Volkes vorbeugen.
Die Manöver der erschrockenen Bourgeoisie wurden von den kleinbürgerlichen Parteien gedeckt. Nach Auffassung der Menschewiki konnte nur die Bourgeoisie an der Spitze der bürgerlichen Re volution stehen. Zu diesem Zweck mußte man diese behutsam vor wärtstreiben. Die Menschewiki forderten die Arbeiter auf, am 14. Februar zur Verteidigung der Duma auf die Straße zu ziehen. Sie empfahlen den Demonstranten, sich am Taurischen Palais, dem Sitz der Duma, zu versammeln. Auf der gleichen Beratung vom 29. Januar, an der Miljukow teilnahm, ergriff auch Tschcheidse das Wort. Der Führer der Menschewiki warf dem Führer der Bourgeoisie vor, daß er im Schlepptau der Ereignisse segle.
«Das ist ein Schlag gegen die Arbeiterklasse, aber denken Sie daran, daß dein Untergang der Arbeiter auch Ihr eigener Untergang folgen wird,»117 so suchte Tschcheidse die Bourgeoisie einzuschüchtern und sie zu einem entschiedeneren Kampf gegen den Zaren zu drängen. Das legale Zentrum der Menschewiki in Gestalt der Arbeitergruppe und der menschewistischen Dumafraktion spielte die Rolle einer Löschmannschaft gegen den revolutionären Brand. Als sich zeigte, daß der Streik sich in einen bewaffneten Aufstand verwandelte, forderten die Menschewiki die Arbeiter auf, nicht nur auf den Waffengebrauch, sondern auch auf die Demonstration zu verzichten.
Die gleiche Rolle von Verrätern an der Revolution spielten auch die Gruppen der Sozialrevolutionäre. Kerenski riet der Bourgeoisie, kühner zu sein. Nach der Eröffnung der Duma sagte er:
Wenn Sie mit dem Lande sind, wenn Sie begreifen, daß das alte Regime und seine Diener Rußland nicht aus der jetzigen Krise herausführen können, dann müssen Sie sich mit aller Deut lichkeit nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten zu An hängern der sofortigen Befreiung des Staates erklären und un verzüglich vom Wort zur Tat übergehen.»118
Kerenski glaubte, ebenso wie Tschcheidse, daß die Bourgeoisie zu wirklichem Kampf gegen den Absolutismus fähig sei. Ebenso wie die Menschewiki, flehten auch die Sozialrevolutionäre die Bourgeoi sie an, die Führung der Bewegung in die Hand zu nehmen, um den revolutionären Sturm zu verhindern.
Die Februarrevolution fand die Partei der Bolschewiki organisatorisch in geschwächtem Zustand. Viele Organisationen waren zerschmettert. Die bekanntesten Parteiarbeiter befanden sich in der Verbannung, im Zuchthaus, in der Emigration. Lenin war in der fernen Schweiz. Stalin befand sich weit in Sibirien, verbannt nach Turuchansk im Jenissej-Gebiet. Auch Swerdlow war dorthin verschickt.
Aber es gelang dem Absolutismus nicht, die bolschewistische Partei zu brechen; es gelang ihm nicht, ihre Verbindung mit den Massen zu zerstören. Dem Grundsatz des Marxismus treu, - immer mit den Massen, immer an der Spitze der Massen - standen die Bolschewiki an der Front und im Hinterland, im Zentrum und in der Provinz opfermutig an der Spitze des kämpfenden Proletariats. An Stelle der Eingekerkerten, der auf Zwangsarbeit Verschickten traten neue Genossen, neue Verstärkungen strömten heran. Die Bolschewiki waren sogar imstande, ihr führendes Zentrum in Rußland, das Büro des Zentralkomitees, aufrechtzuerhalten, unter dessen Führern sich W. M. Molotow befand. Der heroische Kampf der bolschewistischen Partei trug trotz des unerhörten Terrors seine Früchte. Die fortgeschrittenen Arbeiter, im Geiste des Bolschewis mus erzogen, verliehen dem politischen Tageskampf einen leidenschaftlichen revolutionären Charakter. Die Ideologie der Bolsche wiki war in der Arbeiterklasse lebendig, sie beseelte die Massen zum unversöhnlichen Kampf gegen ihre Klassenfeinde. Einzig die Bolschewiki riefen die Massen zum Sturz des Zarismus durch den bewaffneten Kampf.
Im Gegensatz zu den Menschewiki, die die Arbeiter zu einer De monstration zur Verteidigung der Duma am Tage ihrer Eröffnung aufriefen, rüsteten die Bolschewiki zu einer Demonstration am 10. Februar, dem Jahrestag der Gerichtsverhandlung gegen die bolschewi stische Dumafraktion. Schon am 6. Februar verbreitete das Petersburger Komitee der Partei Flugblätter, in denen die Arbeiter zur Aktion aufgerufen wurden. Am 10. Februar streikte ein Teil der Betriebe, ein anderer Teil arbeitete nur bis zur Mittagszeit. Versammlungen wurden abgehalten und die Partei verbreitete 10 000 Flugblätter. Die Bolschewiki beschlossen, am Streik vom 14. Februar teilzunehmen und ihn unter ihren eigenen Losungen durchzuführen. An diesem Tage streikten in Petrograd 60 Betriebe mit mehreren zehntausend Arbeitern. Die Putilow-Arbeiter demonstrierten unter roten Fahnen mit der Aufschrift: <Nieder mit dem Absolutismus! Nieder mit dem Krieg!» Die Arbeiter des Wiborger Stadtteils zogen, revolutionäre Lieder singend, über den Litejny-Prospekt. Die Polizei, die sie am Weiterziehen verhindern wollte, wurde zurückgeschlagen. In den Fabriken fanden Versammlungen statt.
Die Losung <Für die Verteidigung der Duma!» war untergegangen. Der Streik und die Demonstration standen unter der Führung der Bolschewiki.