Vorbemerkung
Zur Aktualität der Auseinandersetzung mit der „Großen Polemik"
Lohnt es sich heute, vier Jahrzehnte danach, überhaupt noch, sich inten siv mit den Dokumenten der „Großen Polemik" zu beschäftigen? Wir sa gen eindringlich -ja! Die im „Vorschlag" und in der ganzen „Polemik" aufgeworfenen Fragen sind heute ebenso aktuell wie damals. Aber nicht nur das: Nicht nur die Folgen der revisionistischen Ideen Chruschtschows, Breschnews und Kon sorten, der Niedergang einer weltweit existierenden mächtigen, revolutio närenkommunistischen Bewegung sind heute spürbarer denn je. Auch die revisionistischen Ideen selbst, die Mentalität des Opportunismus in all seinen Spielarten, die sogenannten „Theorien" des Revisionismus, vor allem die verheerende Vorstellung eines angeblich „friedlichen Überwindens" des Imperialismus sind heute deutlich feststellbar. Und nicht zuletzt die Praxis der modernen Revisionisten, in ehemals so zialistischen Ländern ein Regime des staatlich organisierten Kapitalismus, der staatlich organisierten Ausplünderung und Unterdrückung der Mehrheit der ausgebeuteten und werktätigen Menschen zu etablieren, um sie dann auch weitgehend und direkt an das westliche Finanzkapital zur neokolonialistischen Ausplünderung zu übergeben, ist eines der Probleme der revolutionären Kräfte. Denn die wirklich kommunistischen Kräfte müssen nicht nur den Kapitalismus, das imperialistische System vernichten, sondern auch Vertrauen in eine sozialistische, kommunistische Zukunft als Ziel der sozialistischen Revolution schaffen. Wir können den Revisionismus nur bekämpfen, indem wir in allen Fragen, in Fragen der Geschichte, der Gegenwart und der Zukunft, all den revisionistischen Verwässerungen, Verfälschungen und Vereinfachungen klare programmatische Grundlagen, wirklich kommunistische Fundamente entgegenstellen. Grundlage dafür müssen sein die im „Manifest der Kommunistischen Partei" von Marx und Engels geschaffene Basis, die Theorie und Praxis der sozialistischen Oktoberrevolution, die grundlegenden Schriften von Lenin und Stalin, die grundlegenden Dokumente der Kommunistischen Internationale und der von den Kommunistischen Parteien geführten revolutionären Kräfte der ganzen Welt. Nur so kann eine wirk lich solide — nicht eine oberflächliche und an Augenblicksinteressen orientierte - dauerhafte Zusammenarbeit der revolutionären, kommunistischen Kräfte der ganzen Welt geschaffen werden. Nur so kann der Mentalität des Opportunismus, der Theorie und Praxis der sich ständig neu verkleidenden Revisionisten erfolgreich der Krieg erklärt werden, nur so läßt sich der Revisionismus bekämpfen und besiegen, um gemeinsam das Ziel im Kampf gegen den Weltimperialismus, den Kommunismus zu erringen.
Zur Entstehung der vorliegenden Arbeit
Die verschiedenen Teile dieser Arbeit entstanden zwischen 1978 und 1988 in einer komplizierten Situation: In China harten nach dem Tod Mao Tse-tungs 1976 die Deng- Revisionisten die Macht vollständig an sich gerissen, nachdem es ihnen gelungen war, die revolutionären Kräfte auszuschalten und zu unterdrüc ken. [1] Ausdruck dessen war der revisionistische XL Parteitag der KP Chinas 1977. [2] International ging die revisionistische Entwicklung in China einher mit der verstärkten Propagierung der revisionistischen „Drei-Welten-Theorie", die unter der Flagge eines ominösen „Kampfs gegen die Supermächte USA und Sowjetunion" in aller Welt zur Unterstützung der imperialistischen Bourgeoisie und der Reaktionäre aufrief. [3] Nachdem die Deng-Revisionisten 1978 die bisherige Unterstützung für Albanien eingestellt hatten, begann die Partei der Arbeit Albaniens (PAA) ihrerseits mit vollkommen prinzipienlosen Attacken gegen Mao Tse-tung und die KP Chinas zu Lebzeiten Mao Tse-tungs (siehe Hoxhas „Imperialismus und Revolution")[4] und landete rasch völlig im revisionistischnationalistischen Sumpf (siehe den revisionistischen 8. Parteitag der PAA 1981). Das was bis dahin als „kommunistische Weltbewegung" galt, zerfiel rasch in verschiedenste Bestandteile: Die Mehrheit dieser Parteien und Organisationen, offene und versteckte Anhänger der revisionistischen „Drei-Welten"- bzw. der „Supermachts"-Theorie, begab sich in einem Rekordtempo ins Lager des offenen Sozialchauvinismus, andere näherten sich (wieder) den Chruschtschow-Breschnew-Revisionisten an. Wieder andere verlegten sich verstärkt darauf, mit der Konstruktion sogenannter „Mao-Tse-tung-Ideen" antileninistische Thesen zu propagieren. [5] Viele sich bis dahin als „kommunistisch" vorstellenden Organisationen verschwanden überhaupt von der Bildfläche. Um sich unter diesen Umständen als kommunistische Organisation zu halten und weiterzuentwickeln, stand ideologisch und theoretisch ein entscheidender Kampf an. Was Lenin so drastisch über die Methoden zur Klärung von Meinungsverschiedenheiten in der Kommunistischen Partei gesagt hat, galt international für die Orientierung einer jeden kommunistischen Kraft, die nicht im Sog des modernen Revisionismus versinken wollte: „Man muß den Mut haben, der bitteren Wahrheit offen ins Auge zu sehen. Die Partei ist krank. Die Partei wird vom Fieber geschüttelt.(...) Was muß getan werden, um eine möglichst rasche und möglichst sichere Heilung zu erreichen? Es ist notwendig, daß alle Mitglieder der Partei mit voller Kaltblütigkeit und größter Sorgfalt darangehen, erstens das Wesen der Meinungsverschiedenheiten und zwei tens die Entwicklung des Kampfes in der Partei zu studieren. So wohl das eine wie auch das andere tut not, denn das Wesen der Meinungsverschiedenheiten entfaltet sich, klärt sich, konkretisiert sich (und modifiziert sich zumeist auch) im Verlauf des Kampfes, der stets in jeder der verschiedenen Etappen, die er durchläuft, nicht die gleiche Zusammensetzung und Zahl der Kämpfenden, nicht die gleichen Positionen im Kampfe usw. aufweist. Man muß das eine wie das andere studieren und dabei unbedingt äußerst ge naue, gedruckte, der Nachprüfung von allen Seiten zugängliche Dokumente fordern. Wer aufs Wort glaubt, ist ein hoffnungsloser Idiot, den man mit einer Handbewegung abtut." (Lenin: „Die Krise in der Partei", 1921, Werke Band 32, S. 27/28; Hervorhebungen im Original.) In einer Situation, als ohne irgendwelche ernstzunehmenden Analysen zum Teil völlig abstruse „Neueinschätzungen" und charakterlose Kehrt wendungen präsentiert wurden, galt es, „möglichst kaltblütig" gerade auch in bezug auf die Einschätzung der „Polemik" der KP Chinas auf Analysen und überprüfbaren Beweisen zu bestehen, vor allem aber sich selbst an das erneute kritische Studium der gesamten „Polemik" zu machen.[ 6] Eine erste entscheidende Schlußfolgerung war: Diese verheerende Entwicklung hätte so nicht erfolgen können, wenn der Kampf gegen den Chruschtschow-Revisionismus nach dem XX. Parteitag 1956 mit der nötigen Konsequenz und Tiefe geführt worden wäre. Dabei zeigte sich, daß die konterrevolutionäre „Drei-Welten-Theorie", die „Supermachtstheorie" und andere revisionistische Thesen und Theorien im Kern nichts anderes sind als Spielarten eben des modernen Revisionismus, dessen „ausgefeilteste" Form der Chruschtschow-Breschnew-Revisionismus ist. Es galt also, die Erfahrungen der Geschichte des antirevisionistischen Kampfes der sechziger Jahre neuerlich zu analysieren, kritisch und selbstkritisch zu den Dokumenten der „Großen Polemik" zurückzugehen. Vor allem aber wurde uns klar, daß im Kampf gegen den Chruschtschow-Revisionismus der unerhört lehrreiche, richtungsweisende Kampf, den Lenin und auch Stalin gegen den Revisionismus der II. Internationale führten bzw. der konsequente Kampf, den Stalin gegen den Trotzkismus und andere dem wissenschaftlichen Kommunismus feindliche Strömungen geführt hat, nicht in genügendem Maß ausgewertet und zum Beispiel genommen wurde. Die Haltung zum „25-Punkte-Vorschlag" und zu den Kommentaren betrifft vor allem auch unsere eigenen Ausgangspunkte im Kampf gegen den modernen Revisionismus und ist somit auch eine wichtige Frage der unumgänglich notwendigen kommunistischen Selbstkritik.[7] Zugleich hängen die Erfordernisse kommunistischer Kritik und Selbstkritik sehr eng mit der Frage des theoretischen Kampfes gegen den modernen Revisionismus zusammen. Eine der Wurzeln der Misere der internationalen kommunistischen Bewegung liegt zweifellos darin, daß die Notwendigkeit des theoretischen Kampfes viel zu wenig verstanden, grob unterschätzt und vernachlässigt worden ist. Lenin betont aber gerade: „...man kann sich über einen Fehler, auch einen politischen Feh ler, - nicht vollständig klar werden, wenn man nicht die theoretischenWurzeln des Fehlers bei demjenigen, der den Fehler macht, aufspürt..." (Lenin: „Noch einmal über die Gewerkschaften", 1921, Werke Band 32, S. 81.) Bezogen auf die Dokumente der Großen Polemik heißt das, daß man durch eine tiefgehende ideologische und theoretische Analyse Klarheit schaffen muß, was in ihnen richtig und was unrichtig war. Im Kern bedeutete das und bedeutet das, einen vertieften Kampf zur Verteidigung der Theorie und vor allem der Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus aufzunehmen, gegen den modernen Revisionismus, der ideologisch nach wie vor die Hauptgefahr darstellt. Dazu unseren Beitrag zu leisten, war der ausschlaggebende Grund, warum wir uns damals entschlossen hatten, die theoretische und ideologische Arbeit auf eine Kritik der programmatischen Dokumente der „Großen Po lemik" der sechziger Jahre, speziell des „ Vorschlags zur Generallinie derinternationalen kommunistischen Bewegung" („25-Punkte-Vorschlag") durch die KP Chinas vom Juni 1963, zu konzentrieren. [ 8] Unseres Wissens ist eine solche Arbeit, die weitgehend programmatischen Charakter und fundamentale Bedeutung hat, bisher noch nirgends in systematischer Weise geleistet worden. Die verschiedenen Teile der vorliegenden Arbeit, zuerst veröffentlicht in den Jahren 1978 bis 1988, wurden damals von einem Kollektiv aus Genos sinnen und Genossen aus Österreich, Westberlin und Westdeutschland ausgearbeitet.[ 9] Für die Neuherausgabe wurden die Texte überarbeitet, um Wiederholun gen gekürzt, zum Teil aber auch ergänzt sowie anders gegliedert. Außerdem wurden Ergebnisse der kritischen und selbstkritischen Debatte über diese Dokumente eingearbeitet. Drei Aspekte sind hier zu nennen: • Zum Zeitpunkt der Erarbeitung und Veröffentlichung unserer Stellungnahme zur „Polemik" mußten wir besonderes Gewicht auf die Kritik an falschen Positionen im „Vorschlag" sowie in den „Kommentaren" legen, um mit allem Nachdruck klarzumachen, daß dies nicht die im wesent lichen korrekte internationale Plattform ist, von der ausgehend der Neuaufbau und die weitere Entwicklung der kommunistischen Weltbewegung erfolgen kann. Das erneute Studium der Dokumente der „Polemik", vor allem aber die Erfordernisse der ideologischen Situation und Erfordernisse heute hat es demgegenüber notwendig gemacht, die richtigen Argumente in der „Polemik" mehr ins Blickfeld zu rücken, ohne unsere prinzipiellen Kritiken abzuschwächen. Heute geht es doch viel mehr darum, den an Revolution und Kommunismus interessierten Kräften überzeugend klarzumachen, daß zur Zeit der „Großen Polemik" ein riesenhafter Kampf gegen den modernen Revisionismus begonnen wurde, den man kennen muß, den es unter den heutigen Bedingungen fortzusetzen gilt, was die Kritik an den Mängeln und Fehlern der damaligen „Polemik" erforderlich macht. • In der Erstveröffentlichung ist in diesem Zusammenhang folgender Mangel von Gewicht: Zu Recht wird dort unter prinzipiellen Gesichtspunk ten die These der KP Chinas vom „schwächsten Kettenglied" in Asien, Afrika und Lateinamerika kritisiert, wonach erst Revolutionen in den vom Imperialismus abhängigen Ländern und dann die Revolution auch in den imperialistischen Ländern siegen würde, da eine solche Festlegung einer Reihenfolge, teilweise gar noch für ganze Kontinente der leninistischen Lehre über das schwächste Kettenglied widerspricht. In unserer damaligen Kritik wurde aber nicht deutlich, daß die Betonung der revolutionären Kämpfe, vor allem der revolutionären Kriege in Asien, Afrika oder Latein amerika als aktuelle Einschätzung, als Momentaufnahme durchaus richtig und gegen die revisionistische Mißachtung und Feindseligkeit gegen die revolutionären antiimperialistisch-demokratischen Befreiungsbewegungen durchaus auch wichtig war und ist. • Die Argumentation gegen das Schema vom „friedlichen und nicht friedlichen Weg" wurde präzisiert. Dabei sind Ergebnisse aus der Ausein andersetzung mit der SED eingeflossen, die schon weit vor dem XX. Parteitag der KPdSU einen „besonderen deutschen Weg zum Sozialismus", einen „friedlich-parlamentarischen Weg" konstruiert hatte, dessen Kern die Leugnung der unbedingten Notwendigkeit der revolutionären Gewalt, des Prinzips der bewaffneten Revolution ist.[ 10] In der Neuherausgabe ist vor allem auch versucht worden, begrifflich deutlicher zu unterscheiden, daß das, was etwa Lenin unter „friedlicher Entwicklung der Revolution" unter bestimmten Voraussetzungen verstanden hat, nichts zu tun hat mit dem revisionistischen „friedlichen Weg zum Sozialismus". Ziel der jetzigen Veröffentlichung ist es, unsere bisherigen Positionen zu präzisieren und in einem Werk vorzustellen sowie vor allem Gelegenheit zur tiefgehenden Diskussion zu geben.
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