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Teil C: Über die Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution

 

I. Kräfte und Verlauf der proletarischen Weltrevolution (Über die falschen Theorien über die „Hauptkräfte der Weltrevolution" und deren Wurzeln)

1. Zur Problematik der Formel von den „vier grundlegenden Widersprüchen"

a) Die Chruschtschow-Revisionisten konstruieren eine neue Epoche und verfälschen die wahre Rolle der sozialistischen Länder

b) Der Versuch der KP Chinas, den Chruschtschow-Revisionisten entgegenzutreten

c) Lenin und Stalin über die heutige Epoche und ihre wichtigsten Widersprüche

 Die Klassenfrage 
 Die Bedeutung der drei wichtigsten Widersprüche der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution 
 Der Widerspruch zwischen imperialistischem Weltsystem und dem Land bzw. den Ländern des Sozialismus 
 Der Widerspruch zwischen den imperialistischen Ländern ist keine Kraft der Revolution 

d) Die Fehler der KP Chinas

 Die Demagogie der modernen Revisionisten mit der zweifachen Bedeutung des Begriffs „sozialistisches Lager" wird nicht entlarvt
 Die Formel der KP Chinas von den „vier grundlegenden Widersprüchen" negierte faktisch den fundamentalsten Widersprach 
 unserer Epoche 

2. Die Entwicklung der proletarischen Weltrevolution und die Aufgabe der Schaffung und Schmiedung des Bündnisses der Hauptkräfte der proletarischen Weltrevolution

a) Die chauvinistischen Positionen der modernen Revisionisten gegenüber den antiimperialistisch-demokratischen Befreiungsbewegungen

b) Richtige Entgegnungen der KP Chinas auf die revisionistische Überheblichkeit der KPdSU-Führung gegenüber den antiimperialistisch-demokratischen Befreiungsbewegungen

c) Unzulängliche und falsche Positionen der KP Chinas gegenüber der Demagogie der modernen Revisionisten

d) Lenin und Stalin über Ziele, Verlauf und Kräfte der proletarischen Weltrevolution

 Der wissenschaftliche Kommunismus als einheitliche Theorie und einheitliches Programm der proletarischen Weltrevolution 
 Die proletarische Weltrevolution als Zusammenfassung einer Reihe verschiedenartiger und ungleichmäßiger Prozesse 
 Der proletarische Charakter der Weltrevolution und die daraus folgende grundlegende Strategie 
 Jeder Versuch, eine internationale Reihenfolge der Revolutionen festlegen zu wollen, führt zur „Strategie des Abwartens" 
 Der fundamentale Unterschied zwischen dem internationalen Proletariat als Hegemon der proletarischen Weltrevplution und dem 
 Proletariat der kapitalistischen Länder als einem Teil der proletarischen Weltrevolution — gerade im Verhältnis zu den 
 nationalen Befreiungsbewegungen 
 Die Bedeutung der Spaltung der imperialistischen Welt in unterdrückende und unterdrückte Nationen für den Gang der 
 Weltrevolution und die zweifache Erziehung im Geist des proletarischen Internationalismus 
 Das Reißen des schwächsten Kettengliedes und die fundamentalen Unterschiede zwischen dem Gang der Weltrevolution und dem Gang 
 der Oktoberrevolution 
 Der Kampf Lenins und Stalins gegen das pseudorevolutionäre „Europäertum" Trotzkis 
 Der Kampf Lenins und Stalins gegen den europäischen Chauvinismus 
 Konzentration des ideologischen Kampfes auf die Herstellung eines Bündnisses des Proletariats der kapitalistischen Länder mit 
 den unterdrückten Völkern
 Zusammenfassung: 

e) Die Konzeption der KP Chinas über den Verlauf der proletarischen Weltrevolution und über die Rolle der nationalen Befreiungsbewegungen widerspricht dem Leninismus

 Eine neue Epoche? 
 „Zwei gewaltige historische Strömungen?" .
 Wozu Überlegungen über die „wichtigsten Kräfte?" 
 Sind die Lehren des Leninismus über ein „schwächstes Kettenglied" und über die „Konzentration der grundlegenden Widersprüche" 
 auf ganze Kontinente anwendbar? 
 "Eines Tages doch in Europa und Nordamerika?" 

 

1. Zur Problematik der Formel von den „vier grundlegenden Widersprüchen"

 

a) Die Chruschtschow-Revisionisten konstruieren eine neue Epoche und verfälschen die wahre Rolle der sozialistischen Länder

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren wirklich große Veränderungen eingetreten.

Mit Recht sprach die Resolution der Kominform 1949 vom „gewaltigen Kräftezuwachs des Lagers der Demokratie und des Sozialismus".[129] Dabei warnte die Kominform davor, die später von Chruschtschow vorgenommene mechanische Gleichung aufzustellen, daß hierdurch die Kriegsgefahr geringer geworden sei. Es heißt dort:

„Der gewaltige Kräftezuwachs des Lagers der Demokratie und des Sozialismus darf in den Reihen der wahren Friedenskämpfer keinerlei Selbsteinlullung hervorrufen. Es wäre ein schwerer, ein unverzeihlicher Irrtum, wollte man annehmen, die Gefahr eines Krieges sei geringer geworden."[130]

In einer ganzen Reihe von Ländern hatten die Völker die Kette des Imperialismus zerrissen und es bewahrheitete sich die Voraussage Stalins, daß

„im Verlauf der Entwicklung der Weltrevolution neben den Zentren des Imperialismus in Form einzelner kapitalistischer Länder und neben dem System dieser Länder in der ganzen Welt Zentren des Sozialismus in Form einzelner Sowjetländer und ein System dieser Zentren in der ganzen Welt entstehen werden..."

(Stalin: „Die Oktoberrevolution und die Taktik der russischen Kommunisten", 1924, Werke Band 6, S. 357.)

Zweifellos führte dies zu einer Zunahme der Bedeutung des Kampfes zwischen sozialistischen Ländern und Ländern des Systems des Weltimperialismus.

Jedoch änderten diese schon lange vorhergesehenen und nun eingetretenen Änderungen nichts an den Grundzügen der Epoche des Imperialismus und den Grundzügen der proletarischen Weltrevolution.

Genau eine solche grundlegende Änderung aber behauptete Chruschtschow auf dem XX. Parteitag der KPdSU. Er propagierte dort:

„Unsere Epoche ist hauptsächlich dadurch gekennzeichnet, daß der Sozialismus über den Rahmen eines Landes hinausgegangen und zu einem Weltsystem geworden ist."[131]

Und in der Resolution des XX. Parteitags der KPdSU zum Rechenschaftsbericht Chruschtschows heißt es:

„Der ganze Verlauf der Ereignisse zeigt anschaulich, daß sich in der internationalen Entwicklung grundlegende Veränderungen vollzogen haben, die zur Festigung der Positionen des Sozialismus geführt haben. Der Grundzug unserer Epoche besteht darin, daß der Sozialismus über den Rahmen eines Landes hinausgegangen ist und zu einem Weltsystem wurde..."[132]

Dies war offensichtlich ein Angriff auf die bekannte und bis dahin allgemein anerkannte Lenin-Stalinsche Definition unserer Epoche als der „Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution".

Denn zum einen wurde von Chruschtschow faktisch der Beginn einer neuen Epoche propagiert und somit die weitere Gültigkeit der revolutionären Grundsätze und grundlegenden Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus in Zweifel gezogen (Chruschtschow verwarf auf dem XX. Parteitag ja auch die Gesetzmäßigkeit der gewaltsamen Zerschlagung des imperialistischen Staatsapparats durch die bewaffnete Arbeiterklasse, die Gesetzmäßigkeit der Unvermeidbarkeit der Kriege im Imperialismus usw.), zum anderen aber hatte der XX. Parteitag der KPdSU eine in jeder Hinsicht falsche Hervorhebung der Rolle der sozialistischen Länder betrieben, deren Existenz als „Grundzug unserer Epoche" dargestellt und deren Rolle somit faktisch verabsolutiert wurde.

Die Chruschtschow-Revisionisten propagierten gerade in der Polemik mit der KP Chinas 1963, die „Länder des sozialistischen Weltsystems" seien die „Hauptkraft im Kampf gegen den Imperialismus"[133].

An anderer Stelle heißt es, das „Hauptmerkmal unserer Zeit" bestehe darin, daß das „sozialistische Weltsystem zum ausschlaggebenden Faktor der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft wird."[134]

Die Probleme der Revolution der unter der Ausbeuterordnung lebenden Völker wurden somit aus der von den Chruschtschow-Revisionisten definierten neuen „Epoche" ausgeblendet.

In Wirklichkeit enthält die eben zitierte scheinbar besondere Wertschätzung der Rolle der sozialistischen Länder nicht nur eine Geringschätzung der Rolle der Arbeiterklasse der imperialistischen Länder und der Volksmassen der abhängigen Länder, sondern auch ein ganz und gar nicht revolutionäres Konzept für die als „hauptsächliche Kraft" eingeschätzten sozialistischen Staaten. Diesen sozialistischen Staaten wird nämlich nicht die Aufgabe der Unterstützung der proletarischen Weltrevolution, sondern die Aufgabe des „Kampfes gegen den Imperialismus" mittels der „friedlichen Koexistenz" als „Generallinie der Außenpolitik" gestellt.

Tatsächlich war die revisionistischen These der Chruschtschow-Revisionisten von der angeblich alles entscheidenden Rolle der sozialistischen Länder von Anfang an verbunden mit der Propaganda über die „allseitige Zusammenarbeit" mit dem Imperialismus usw. Die Chruschtschow-Revisionisten behaupteten etwa, daß die Sowjetunion und die USA „die Basis für gemeinsame Aktionen und Bemühungen um den Wohlstand der ganzen Menschheit finden können" [135], „daß die Sowjetunion und die USA Arm in Arm gehen können, um den Frieden zu festigen und eine wirkliche internationale Zusammenarbeit aller Staaten herzustellen" [136]. Gleichzeitig waren sie der Ansicht, daß der Sieg des Sozialismus im friedlichen Wettbewerb „einen vernichtenden Schlag für das ganze System kapitalistischer Beziehungen bedeuten wird" [137].

Die modernen Revisionisten wollten und wollen nicht die besondere und richtig zu verstehende Bedeutung der sozialistischen Länder für die proletarische Weltrevolution hervorheben, sondern umgekehrt die weltrevolutionäre Bewegung eigenen, ganz und gar nicht revolutionären Zielen dienstbar machen.

Mit der Fortentwicklung des Chruschtschow-Revisionismus wurde das immer klarer erkennbar. Von der These der „sozialistischen Länder" als „ausschlaggebendem Faktor" war es nur noch ein kleiner Schritt zur These, die Kommunisten hätten vor allem diesen zu dienen, müßten ihren Kampf den Interessen der „sozialistischen" (in Wirklichkeit bereits revisionistischen) Länder unterordnen bzw. auf ihn sogar verzichten, da der Vormarsch der proletarischen Weltrevolution maßgeblich in Form des Vormarsches der von den Revisionisten beherrschten Länder und über „friedlichen ökonomischen Wettbewerb" mit den imperialistischen Ländern erfolge.

Damit erhielt die Ausbeutung und Unterdrückung anderer Volker, das Streben nach Einflußsphären usw., kurz: der Sozialimperialismus der Sowjetunion seine ideologische Rechtfertigung.

Besonders demagogisch war auch der Trick der modernen Revisionisten, den Unterschied zwischen dem Lager des Sozialismus insgesamt, also allen Kräften der proletarischen Weltrevolution, und den sozialistischenLändern als Teil dieser Kräfte zu verwischen.

So polemisiert die KPdSU gegen die KP Chinas, daß diese behauptete, daß „der Grundwiderspruch unserer Zeit nicht der Widerspruch zwischen Sozialismus und Imperialismus"[138]

sei, als ob die KPdSU also von einem solchen Grundwiderspruch ausgehe - und die KPdSU schreibt weiter:

„Die entscheidende Kraft im Kampf gegen den Imperialismus ist nach Meinung der chinesischen Genossen nicht das Weltsystem des Sozialismus, nicht der Kampf der internationalen Arbeiterklasse.. ."[139]

Hier werden zwei verschiedene Dinge als die „entscheidende Kraft" benannt, die keinesfalls, wie die modernen Revisionisten unterschwellig glauben machen wollen, ein und dasselbe sind:

Das eine ist das „Weltsystem des Sozialismus". Damit sind theoretisch die sozialistischen Länder gemeint. Diese sind eben nicht „die entscheidende Kraft", sondern lediglich eine Abteilung der proletarischen Weltrevolution, ein Teil der internationalen Arbeiterklasse.

Wenn wir die dem wissenschaftlichen Kommunismus widersprechenden Behauptungen der revisionistischen Führer der KPdSU knapp zusammenfassen, so ergibt sich:

• Aus der Existenz mehrerer sozialistischer Länder konstruieren sie eine „neue Epoche".

• Sie erklären die Rolle dieser sozialistischen Länder zu „der entscheidenden Kraft", nennen sie „die Hauptkraft".

• Dabei ignorieren sie die revolutionären Aufgaben der Arbeiterklasse der kapitalistischen Länder und der unterdrückten Völker der abhängigen Länder.

• Gleichzeitig betonen sie keinesfalls revolutionäre Aufgaben der sozialistischen Länder, sondern sehen als die „entscheidende Kraft" deren Außenpolitik der „friedlichen Koexistenz" an.

• Theoretisch versuchen sie den Schein des Leninismus zu erwecken, indem sie den Widerspruch zwischen Imperialismus und Sozialismus zur Grundwiderspruch unserer Zeit erklären, gleichzeitig aber unter den Kräften des Sozialismus mal lediglich die sozialistischen Länder, mal die internationale Arbeiterklasse verstehen[140] und so den fundamentalsten Widerspruch unserer Epoche, den Widerspruch zwischen dem Lager des Sozialismus im Sinne aller Kräfte der proletarischen Weltrevolution und dem Lager des Imperialismus, das heißt aller Kräfte der weltweiten Konterrevolution, verwischen und verfälschen.

Die Chruschtschow-Revisionisten benutzten zudem die Berufung auf den tatsächlich sozialistischen Charakter der Sowjetunion zur Zeit Lenins und Stalins als demagogisches Kapital, um die Gleichsetzung „Sowjetunion = sozialistisch" zu propagieren, um damit ihre kapitalistischsozialimperialistischen Ziele zu bemänteln. zurück

 

b) Der Versuch der KP Chinas, den Chruschtschow-Revisionisten entgegenzutreten

 

Die KP Chinas erkannte und entlarvte richtig, daß die KPdSU-Führung nach dem XX. Parteitag in antileninistischer Weise die Rolle der sozialistischen Länder auf Kosten der Revolution in den noch vorn Imperialismus beherrschten Ländern verabsolutierte. Sie wandte sich dagegen mit einigen treffenden Bemerkungen:

Die KP Chinas prangerte das Ignorieren der Widersprüche zwischen Bourgeoisie und Proletariat in den kapitalistischen Ländern sowie das Ignorieren der Widersprüche zwischen unterjochten Nationen und Imperialismus an und schrieb in Anspielung auf die KPdSU-Führung:

„Man glaubt, die Widersprüche in der kapitalistischen Welt zwischen Proletariat und Bourgeoisie können ohne die proletarische Revolution im eigenen Land gelöst werden; man glaubt, die Widersprüche zwischen unterjochten Nationen und Imperialismus können ohne eine Revolution dieser unterdrückten Nationen[141] gelöst werden."

(„25-Punkte-Vorschlag", S. 9. Siehe S. 563.)

Im weiteren wendet sich die KP Chinas gegen die falsche Annahme, „die Widersprüche zwischen den beiden Weltsystemen, Sozialismus und Kapitalismus, können ,im ökonomischen Wettbewerb' von selbst verschwinden, und daß damit auch andere fundamentale Widersprüche in der Welt zum Verschwinden gebracht werden..."

(Ebenda. Siehe S. 563.)

All dies ist völlig richtig und auch sehr wichtig.

Doch diese Passagen stehen in einem bestimmten, unserer Meinung nach unklaren, ja falschen Rahmen.

Denn, wie wir weiter unten genauer analysieren wollen, die KP Chinas klärt den Leser weder über die wirklich leninistische Definition unserer Epoche auf noch entwirrt sie die Demagogie der modernen Revisionisten in bezug auf die zweideutige Verwendung des Begriffs „sozialistisches Lager", seiner jeweiligen Rolle und Möglichkeit. Statt dessen steht die Formel von den „vier grundlegenden Widersprüchen" im Vordergrund, deren Untauglichkeit wir im weiteren aufzeigen werden.

Um in diesen Fragen Klarheit für den Kampf gegen den modernen Revisionismus zu erhalten, hätte der unbestreitbare Ausgangspunkt sein müssen, die Lehren Lenins und Stalins über unsere Epoche und die in ihr wirkenden wichtigsten Widersprüche zu studieren und zu propagieren. Es geht darum, durch die richtige Bestimmung unserer Epoche und ihrer Grundzüge eine klare Vorstellung zu erhalten

• über den internationalen Charakter dieser Epoche,

• über das Ziel und den Charakter der aus dieser Epoche resultierenden Weltrevolution,

• über die führende, im Mittelpunkt der Epoche stehende internationale Klasse,

• über die verschiedenen Kräfte der proletarischen Weltrevolution,

• über die niederzuschlagenden und zu vernichtenden Feinde,

• über den Gang, die Entwicklungsgesetze der proletarischen Weltrevolution usw. zurück

 

c) Lenin und Stalin über die heutige Epoche und ihre wichtigsten Widersprüche

 

Die Klassenfrage

 

Lenin schrieb 1915:

„Die Bourgeoisie hat sich aus einer aufsteigenden, fortschrittlichen Klasse in eine absteigende, verfaulende, innerlich abgestorbene, reaktionäre Klasse verwandelt. Eine ganz andere Klasse ist — im großen geschichtlichen Maßstab - zur aufsteigenden Klasse geworden."

(Lenin: „Unter fremder Flagge", 1915, Werke Band 21, S. 138.)

Für Lenin, der hier die Rolle des Proletariats benennt, war die Feststellung der Epoche wesentlich, um korrekt die Klassenfrage zu stellen. Lenin schrieb über die Bedeutung der Feststellung der jeweiligen Epoche:

„Wir können aber wissen und wissen tatsächlich, welche Klasse im Mittelpunkt dieser oder jener Epoche steht und ihren wesentlichen Inhalt, die Hauptrichtung ihrer Entwicklung, die wichtigsten Besonderheiten der geschichtlichen Situation in der jeweiligen Epoche usw. bestimmt. Nur auf dieser Grundlage, d. h., wenn wir in erster Linie die grundlegenden Unterscheidungsmerkmale verschiedener ,Epochen' (nicht aber einzelner Episoden in der Geschichte einzelner Länder) in Betracht ziehen, können wir unsere Taktik richtig aufbauen; und nur die Kenntnis der Grundzüge einer bestimmten Epoche kann als Basis für die Beurteilung der mehr ins einzelne gehenden Besonderheiten dieses oder jenes Landes dienen." (Ebenda, S. 134; Hervorhebung im Original.)

Lenin hat auf Grundlage der Analyse der neuen Epoche als Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution eine in sich geschlossene Theorie der proletarischen Revolution und der Hegemonie des Proletariats entwickelt.

 

Die Bedeutung der drei wichtigsten Widersprüche der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution

 

Stalin, der in „Über die Grundlagen des Leninismus" eine hervorragende Zusammenfassung grundlegender Züge des Leninismus vorlegte, schrieb über den Zusammenhang von Leninismus und neuer Epoche:

„Der Leninismus ist der Marxismus der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution. Genauer: Der Leninismus ist die Theorie und Taktik der proletarischen Revolution im allgemeinen, die Theorie und Taktik der Diktatur des Proletariats im besonderen."

(Stalin: „Über die Grundlagen des Leninismus", 1924, Werke Band 6, S. 63.)

Im dritten Abschnitt des Kapitels „Die Theorie" mit der Überschrift „Die Theorie der proletarischen Revolution" entwickelt Stalin in „Über die Grundlagen des Leninismus" die drei „als die wichtigsten" zu betrachtenden Widersprüche des Imperialismus. Er schreibt:

„Der erste Widerspruch ist der Widerspruch zwischen Arbeit undKapital...Der zweite Widerspruch ist der Widerspruch zwischen den verschiedenen Finanzgruppen und imperialistischen Mächten...Der dritte Widerspruch ist der Widerspruch zwischen der Handvollherrschender zivilisierter' Nationen und den Hunderten vonMillionen der kolonialen und abhängigen Völker der Welt. (...)Das sind im allgemeinen die wichtigsten Widersprüche des Imperialismus,die den alten, ,blühenden' Kapitalismus in den sterbendenKapitalismus verwandelt haben."

(Ebenda, S. 65f. Hervorhebungen im Original.)

Stalin legt hiervon ausgehend etwas später in derselben Schrift die Bedeutung dieser Widersprüche für die Revolution dar. Imperialismus, so sagt Stalin, bedeutet zum einen

„die Verschärfung der revolutionären Krise innerhalb der kapitalistischen Länder, die Anhäufung von Zündstoff an der inneren, der proletarischen Front in den /Mutterländern'." (Ebenda, S. 83.)

Imperialismus bedeutet zum zweiten

„die Verschärfung der revolutionären Krise in den Kolonialländern, das Anwachsen der Elemente der Empörung gegen den Imperialismus an der äußeren, an der kolonialen Front." (Ebenda, S. 84.)

Imperialismus bedeutet zum dritten, die

„Verstärkung der dritten Front, der zwischenkapitalistischen Front, die den Imperialismus schwächt und die Vereinigung der beiden ersten Fronten, der revolutionär-proletarischen Front und der Front der kolonialen Befreiungsbewegung, gegen den Imperialismus erleichtert..." (Ebenda, S. 84.)

Aus diesen Widersprüchen schlußfolgerte Stalin

„die Unabwendbarkeit von Kriegen unter dem Imperialismus und die Unausbleiblichkeit der Koalition zwischen der proletarischen Revolution in Europa und der kolonialen Revolution im Osten zu einer einheitlichen Weltfront der Revolution gegen dieWeltfront des Imperialismus." (Ebenda, S. 84.)

Bei einem Vergleich dieser Analyse Stalins mit der Darstellung der „vier grundlegenden Widersprüche" durch die KP Chinas werden wir zunächst sehen, daß Stalin von drei statt von vier Widersprüchen ausgeht (er behandelt hier nicht den Widerspruch zwischen imperialistischen Ländern und sozialistischen Ländern). Wir werden aber vor allem feststellen, daß Stalin die genannten Widersprüche klar unterschiedlich wertet und die direkt die Revolution hervorbringenden Widersprüche klar unterscheidet von den zwischenimperialistischen Widersprüchen, die lediglich die Revolution weltweit erleichtern.

Insbesondere unterstreicht Stalin, daß Kern und Resultat der Analyse Lenins ist, daß sich zwei Fronten gegenüberstehen, die „Weltfront der Revolution gegen die Weltfront des Imperialismus". Stalin erläutert die Leninsche Schlußfolgerung „Der Imperialismus ist der Vorabend der sozialistischen Revolution" dahingehend, daß er nach der Behandlung der genannten Widersprüche aus der ökonomischen und objektiven Entwicklung heraus den internationalen Charakter der proletarischen Revolution betont:

„Jetzt muß man von der proletarischen Weltrevolution sprechen, denn die einzelnen nationalen Fronten des Kapitals haben sich in Glieder einer einheitlichen Kette verwandelt, genannt die Weltfrontdes Imperialismus, der die allgemeine Front der revolutionären Bewegung aller Länder entgegengestellt werden muß."

(Ebenda, S. 85f.)

 

Der Widerspruch zwischen imperialistischem Weltsystem und dem Land bzw. den Ländern des Sozialismus

 

Erst nachdem Stalin dann erklärt, daß die Revolution je nach dem schwächsten Glied in der Kette des Imperialismus sowohl in abhängigen Ländern oder aber auch in kapitalistischen Ländern siegen kann, daß die Revolution nun in allen Etappen vom Proletariat geführt werden muß, daß soweit wie nur möglich das revolutionäre Potenzial der werktätigen und ausgebeuteten Massen der Bauernschaft voll zur Geltung kommen muß (sowohl bei der Errichtung wie auch bei der Festigung der Diktatur des Proletariats), daß der unmittelbare Sieg eine „revolutionäre Situation" voraussetzt usw., erst danach kommt er auf den Widerspruch zwischen dem siegreichen Proletariat, das heißt dem Sozialismus, und dem Imperialismus zu sprechen. Dem Proletariat des sozialistischen Landes stellt Stalin als Aufgabe, mit der Zielrichtung auf den Fortgang der proletarischen Weltrevolution „die sozialistische Gesellschaft" aufzubauen und diese als „Stütze, als Mittel zur Beschleunigung des Siegs des Proletariats in den anderen Ländern" zu verstehen und entsprechend zu handeln (Ebenda, S. 95).

Daß Stalin den Widerspruch zwischen dem Imperialismus und dem sozialistischen System erst auf dieser Basis behandelt, hat gewichtige Gründe:

Unter dem Gesichtspunkt der Voraussetzungen für die siegreiche Revolution, also auch des Sieges der Oktoberrevolution, geht es Stalin zunächst um die inneren Widersprüche des imperialistischen Systems.

Der Widerspruch zwischen sozialistischen Ländern und imperialistischen Ländern ist aber kein Widerspruch innerhalb der imperialistischen Welt, sondern die sozialistischen Länder, die sozialistische Welt steht der imperialistischen Welt gegenüber.

Dies hervorzuheben ist nötig, um auch den Platz und die Rolle der sozialistischen Länder richtig zu verstehen und zu propagieren. Es geht darum, einerseits die ganze überragende Bedeutung der sozialistischen Welt als Herausforderung der Imperialisten, als Stütze und Ansporn des Proletariats und der unterdrückten Völker in den noch nicht befreiten Ländern, als Faktor der proletarischen Weltfront, der Bourgeoisie und Kapitalismus in seinem eigenen Bereich bereits liquidiert hat oder liquidiert, herauszustellen.

Es geht zugleich aber auch darum, die begrenzten Möglichkeiten dieses Landes oder dieser Länder für den Fortgang der proletarischen Weltrevolution im Sinne des Reißens weiterer Glieder der imperialistischen Kette durch die Errichtung der Diktatur des Proletariats in anderen Ländern klarzumachen.

Stalin betonte auf dem XVI. Parteitag der KPdSU(B) den Platz und die Bedeutung des Widerspruchs zwischen Kapitalismus und dem Land des

Sozialismus. Er schrieb:

„Ich sprach vorher von den Gegensätzen des Weltkapitalismus. Aber außer diesen Gegensätzen besteht noch ein Gegensatz. Ich meine den Gegensatz zwischen der kapitalistischen Welt und der UdSSR. Allerdings läßt sich dieser Gegensatz nicht als ein Gegensatz von innerkapitalistischer Art betrachten. Es ist der Gegensatz zwischen dem Kapitalismus als Ganzem und dem Lande des im Aufbau begriffenen Sozialismus. Das hindert diesen Gegensatz jedoch nicht, den Kapitalismus bis in seine Grundfesten zu zersetzen und zu erschüttern. Noch mehr, er legt bis auf die Wurzeln alle Gegensätze des Kapitalismus bloß und schürzt sie zu einem Knoten zusammen, indem er sie zur Frage von Sein oder Nichtsein der gesamten kapitalistischen Ordnung macht."

(Stalin: „Politischer Rechenschaftsbericht des Zentralkomitees an den XVI. Parteitag der KPdSU(B), 1930, Werke Band 12, S. 223f. Hervorhebung im Original.)

Eben weil dieser Widerspruch kein Widerspruch innerhalb des kapitalistischen Systems ist, kann er jedoch, wie Stalin weiter ausführt, keinesfalls die vorrangige Ursache für die wachsende revolutionäre Bewegung in den kapitalistischen Ländern und den Kolonien und Halbkolonien, schon gar nicht den entscheidenden Hebel für die Herbeiführung und Durchführung der Revolutionen in den übrigen Teilen der Welt darstellen. Stalin amüsiert sich über eine solche Vorstellung der bürgerlichen Propaganda, die überall „russische Bolschewiki" am Werk sieht und nicht verstehen kann, daß die inneren Gegensätze des imperialistischen Weltsystems die eigentliche unauslöschliche Grundlage für das Wachstum der Revolution in diesen Ländern bilden.

Bei aller Bedeutung und Größe der Rolle der sozialistischen Länder unterscheidet sich diese Kraft der proletarischen Weltrevolution daher in einer Hinsicht wesentlich von den beiden anderen großen Kräften der proletarischen Weltrevolution, dem Proletariat der imperialistischen Staaten und den unterdrückten Völkern der Kolonien und Halbkolonien:

Das Proletariat der sozialistischen Länder oder eines sozialistischen Landes kann nicht ein weiteres Glied der Kette des Imperialismus im Sinne einer siegreichen Revolution zerreißen.

Der Fortgang der proletarischen Weltrevolution liegt dementsprechend unmittelbar in den Händen des Proletariats der kapitalistischen Länder und in den Händen der unterdrückten Völker der kolonialen und abhängigen Länder, die ihrerseits wiederum diese Aufgabe nur im engen Bündnis miteinander und im engen Bündnis mit dem Proletariat der sozialistischen Länder oder eines sozialistischen Landes lösen können.

An dieser Wahrheit, daß die werktätigen und ausgebeuteten Massen eines jeden Landes unter Führung des Proletariats und der proletarischen Partei dieses Landes ihre Revolution selbst durchführen müssen und werden, ändert auch nichts, daß es (wie im Zweiten Weltkrieg) durchaus vom Land des Sozialismus direkte militärische Hilfe bei der Zerschlagung des Staatsapparats der eigenen herrschenden Klasse erhalten kann. Diese, unter bestimmten Voraussetzungen mögliche direkte militärische Hilfe eines (oder mehrerer) sozialistischer Länder[142] kann - und sei sie noch so groß - jedoch niemals die eigentliche Aufgabe der Revolution, den Aufbau der Diktatur des Proletariats und des Sozialismus ersetzen. Es ist also unbedingt nötig, Widersprüche innerhalb des imperialistischen Weltsystems von Widersprüchen zwischen diesem System und den Ländern des Sozialismus zu unterscheiden.

 

Der Widerspruch zwischen den imperialistischen Ländern ist keine Kraft der Revolution

 

Natürlich ist die Analyse derinneren Widersprüche des Imperialismus nur ein Gesichtspunkt (um den Untergang des Imperialismus zu erklären).

Ein anderer Gesichtspunkt ist die Analyse der verschiedenen Kräfte der proletarischen Weltrevolution. Das ist eine andere Frage, die sich nur zum Teil mit der Frage der inneren Widersprüche des Imperialismus überschneidet.

Dort, wo es darum gebt, die Kräfte der proletarischen Weltrevolution zu erkennen und einzuschätzen, muß unserer Meinung nach sehr deutlich daran erinnert werden, daß für Lenin und Stalin die Widersprüche zwischenden Imperialisten keinesfalls eine Kraft der proletarischen Weltrevolution darstellen, und daß man daher nicht für den einen oder anderen Imperialismus Partei nehmen darf.

Insofern können die Widersprüche zwischen den Imperialisten bei entsprechenden Erläuterungen und richtiger Wertung zwar sehr wohl als einer der drei wichtigsten Widersprüche innerhalb des sterbenden Kapitalismus benannt werden. Dies setzt jedoch voraus, daß man ihre Rolle, wie Stalin an anderer Stelle sagt, als „indirekte Reserve" begreift[143] und keinesfalls als direkte Kraft der proletarischen Weltrevolution. Eine solche klare Gewichtung und Wertung geht in der formelhaften Aneinanderreihung der „vier grundlegenden Widersprüche" durch die KP Chinas aber gerade unter und verwischt den Stellenwert der „Ausnutzung innerimperialistischer Widersprüche", wovon noch die Rede sein wird. zurück

 

d) Die Fehler der KP Chinas

 

Die Demagogie der modernen Revisionisten mit der zweifachen Bedeutung des Begriffs „sozialistisches Lager" wird nicht entlarvt

 

Die KP Chinas beginnt ihre Darstellung der grundlegenden Widersprüche der heutigen Epoche in Punkt 4 ihres „Vorschlags zur Generallinie" mit der Nennung der „Widersprüche zwischen dem sozialistischen und dem imperialistischen Lager". („25-Punkte-Vorschlag", S. 7. Siehe S. 562.)

Ist hier eine Übereinstimmung festzustellen zwischen der in der Leninschen Definition der Epoche zum Ausdruck kommenden und von Stalin betonten grundlegenden klassenmäßigen Teilung der Welt in „Imperialismus und proletarische Revolution", also der Kennzeichnung der Teilung der Welt in ein Lager der internationalen Konterrevolution mit der imperialistischen Bourgeoisie an der Spitze und in das Lager der proletarischen Weltrevolution, wenn die KP Chinas im „Vorschlag" von Widersprüchen zwischen „dem sozialistischen Lager und dem imperialistischen Lager" spricht?

Leider ganz und gar nicht!

Dieser fundamentale Widerspruch, der von Lenin und Stalin stets zum Ausgangspunkt genommen wurde, bedeutet, die Dinge vom Klassenstandpunkt aus zu analysieren, ist nicht gemeint. Ja, er ist auch - ebenso wie die Definition unserer Epoche - im gesamten „Vorschlag", in der gesamten „Polemik", nicht zu finden.

Vielmehr ergibt sich aus der direkt folgenden Passage in Punkt 5a, daß die KP Chinas unter den Widersprüchen „zwischen dem sozialistischen Lager und dem imperialistischen Lager" lediglich Widersprüche „zwischen Ländern der Diktatur des Proletariats und Ländern unter der Diktatur des Monopolkapitals" versteht:[144]

„Der Klasseninhalt der Widersprüche zwischen dem sozialistischen und dem imperialistischen Lager wird verwischt, diese Widersprüche werden nicht als Widersprüche zwischen Ländern der Diktatur des Proletariats und Ländern unter der Diktatur des Monopolkapitals betrachtet."

(„25-Punkte-Vorschlag", S. 8. Siehe S. 563.)

Damit stellt die KP Chinas zwar richtig die sozialistischen Länder als eine unter mehreren Faktoren der Kräfte der Revolution dar, läßt aber die Frage völlig unbeantwortet, worin denn nun eigentlich die Revision des wissenschaftlichen Kommunismus durch die Führer der KPdSU besteht, wenn sie vom „sozialistischen Lager" sprechen und es zur „Hauptkraft" erklären usw.

Die KP Chinas analysiert weder im „Vorschlag" noch in der gesamten Polemik wirklich die Formulierung der modernen Revisionisten, zeigt nicht, daß es in bestimmtem Sinne, nämlich wenn man den Begriff des „Lagers" in seinem weiten, nicht bloß auf eine Zahl von Ländern bezogenen Sinn klarstellt, völlig richtig ist, den Widerspruch zwischen Lager des Sozialismus und „Lager des Imperialismus" zum grundlegendsten Widerspruch unserer Epoche überhaupt zu erklären.

Die KP Chinas hätte erklären und erläutern müssen,

• daß dies dann, aber auch nur dann richtig ist, wenn unter „Lager des Sozialismus" alle Kräfte der proletarischen Weltrevolution verstanden werden;

• daß dies bedeutet, an der von Stalin formulierten Leninschen Definition unserer Epoche festzuhalten und sie zu verteidigen;

• daß der theoretisch gesehen springende Punkt bei der KPdSU-Führung darin bestrebt, durch Verabsolutierung der Rolle der sozialistischen Staaten eine „neue Epoche" zu konstruieren, in der die Prinzipien des Leninismus überholt sind.

All dies tut die KP Chinas nicht.

Sie verteidigt an keiner Stelle der „Polemik" die Definition unserer Epoche, geht an keiner Stelle wirklich vom fundamentalsten Widerspruch dieser Epoche, dem Widerspruch zwischen dem Lager der proletarischen Weltrevolution und dem Lager der imperialistischen Konterrevolution, aus.

Im Gegenteil:

Statt die Charakteristik der nach wie vor gegebenen Epoche und die daraus resultierenden Gesetzmäßigkeiten hervorzuheben, den Leninismus als Marxismus der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution zu verteidigen, schreibt die KP Chinas an anderer Stelle:

„Nach dem 2. Weltkrieg sind im Kräfteverhältnis zwischen Imperialismus und Sozialismus grundlegende Veränderungen vor sich gegangen.

Die Hauptmerkmale dieser Veränderung bestehen darin, daß es in der Welt nicht mehr nur ein sozialistisches Land gibt, sondern daß eine ganze Reihe von sozialistischen Ländern entstanden sind, die ein starkes sozialistisches Lager gebildet haben..."

(„25-Punkte-Vorschlag", S. 9f. Siehe S. 563.)

Solche Formulierungen statt einer wirklichen Verteidigung der Erkenntnis, daß wir nach wie vor in der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution leben, anstelle der Betonung der Grundzüge dieser Epoche, sind Zugeständnisse an die Propaganda der modernen Revisionisten. [145]

 

Die Formel der KP Chinas von den „vier grundlegenden Widersprüchen" negierte faktisch den fundamentalsten Widerspruch unserer Epoche

 

Unserer Meinung nach konnte und kann man der Demagogie der modernen Revisionisten in den oben genannten Fragen nur durch eine Verteidigung der Definition unserer Epoche als „Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution" und durch eine unmißverständliche Klarstellung beikommen, daß der grundlegendste Widerspruch unserer Epoche analog zu dieser Definition der Widerspruch zwischen dem Lager der proletarischen Weltrevolution und dem Lager der imperialistischen Konterrevolution ist.

Die KP Chinas jedoch setzt nicht eine Darlegung dieser Lehren des wissenschaftlichen Kommunismus dem modernen Revisionismus entgegen, sondern weicht in jeder Hinsicht den zentralen Angriffen der modernen Revisionisten aus.

Statt einer kommunistischen Darlegung der Definition unserer Epoche und ihrer Bedeutung wird in Punkt 6 des „25-Punkte-Vorschlags", ohne auf die von den Revisionisten konstruierte „neue Epoche" einzugehen, als eigener Standpunkt folgende Passage in den Vordergrund gestellt:

„Was sind die grundlegenden Widersprüche in der Welt von heute? Die Marxisten-Leninisten sind stets der Meinung, daß die grundlegenden Widersprüche diese sind:

Die Widersprüche zwischen dem sozialistischen und dem imperialistischen Lager; die Widersprüche zwischen Proletariat und Bourgeoisie innerhalb der kapitalistischen Länder; die Widersprüche zwischen unterjochten Nationen und Imperialismus; die Widersprüche zwischen den verschiedenen imperialistischen Staaten und die Widersprüche zwischen den verschiedenen monopolkapitalistischen Gruppierungen." („25-Punkte-Vorschlag", S. 7f. Siehe S. 562)

Bei der Aufzählung der „vier grundlegenden Widersprüche" findet zunächst ganz offensichtlich keine Wertung dieser Widersprüche statt. Dies führt oft genug dazu (auch in der „Polemik" selbst, wie wir sehen werden), innerhalb des Rahmens, den diese „vier grundlegenden Widersprüche" setzen, sich einen dieser vier herauszugreifen, besonders zu betonen oder gar zum „Hauptwiderspruch" zu erklären. Alle diese Versuche sind fundamental falsch - egal ob unter dem Vorwand, besonders „proletarisch" zu sein, der Widerspruch Proletariat und Bourgeoisie der kapitalistischen Länder hervorgehoben wird -, oder ob unter dem Vorwand der aktuellen Lage der Widerspruch zwischen Imperialismus und unterdrückten Völkern zum „Hauptwiderspruch" erklärt wird -, oder ob das Hauptaugenmerk auf den Widerspruch zwischen den Imperialisten selbst gelegt wird, also die Kriegsgefahr beschworen wird —, oder ob schließlich die hauptsächliche Aufmerksamkeit auf die Widersprüche zwischen den Ländern des imperialistischen Lagers und den sozialistischen Ländern konzentriert wird. Alles das ist falsch, weil eben jeder dieser vier Widersprüche jeweils nur einen Teilaspekt umfaßt.[146]

Der Ausweg im Kampf gegen all diese falschen Verabsolutierungen, gegen die der „Vorschlag" auch polemisiert, ist aber gerade nicht, eine Art „Gleichberechtigung" dieser „vier grundlegenden Widersprüche" zu predigen. Es gibt innerhalb dieser Formel überhaupt keinen Ausweg!

Ein jeder dieser von der KP Chinas benannten „vier grundlegenden Widersprüche" ist in der Tat sehr wichtig, kann aber nur im größeren Rahmen, ausgehend von der Bestimmung unserer Epoche wirklich fundiert eingeordnet werden. Nur so können der Stellenwert und die Besonderheit eines jeden dieser genannten Widersprüche verstanden werden, unter verschiedenen Gesichtspunkten auch der innere Zusammenhang zwischen verschiedenen dieser Widersprüche aufgedeckt und die daraus resultierenden Aufgaben festgelegt werden.

Innerhalb dieser Formel aber kann nur Konfusion oder sogar revisionistische Demagogie herauskommen.

Wir meinen daher, daß der erste und wichtigste Fehler der Formel von den „vier grundlegenden Widersprüchen" darin besteht, eine Art von eklektischem Ersatz für die Definition unserer Epoche zu geben und den entscheidenden Widerspruch dieser Epoche zu verdunkeln.

Der Versuch der KP Chinas, den Angriffen der modernen Revisionisten auf die Definition unserer Epoche, ihrer Verwischung des grundlegenden Klassengegensatzes unserer Epoche, des Widerspruchs zwischen dem Lager der proletarischen Weltrevolution und dem Lager des Weltimperialismus (und damit verbunden ihrer Verabsolutierung der Rolle der sozialistischen Länder) entgegenzutreten, reduziert sich im Grunde darauf, zu behaupten, daß die Kommunistinnen und Kommunisten angeblich „stets" von den von der KP Chinas formulierten vier grundlegenden Widersprüchen überzeugt waren, und lediglich davor zu warnen, daß einer dieser Widersprüche verabsolutiert oder „vergessen" wird.

In Wirklichkeit haben Lenin und Stalin, wie wir gesehen haben, keinesfalls vier Widersprüche als grundlegende Widersprüche unserer Epoche aneinandergereiht, sondern je nach den Erfordernissen und im jeweiligen Zusammenhang unter ganz verschiedenen Gesichtspunkten zu einzelnen oder mehreren der grundlegenden Widersprüche in unserer Zeit Stellung genommen.

In großen Teilen der kommunistischen Weltbewegung sind die „vier grundlegenden Widersprüche" der heutigen Epoche zu einer unkritisch akzeptierten, stehenden Formel geworden, die sich sozusagen „eingebürgert" hat und zwangsläufig dazu führte, daß der fundamentalste Widerspruch unserer Epoche unter den Tisch fiel. Gerade deshalb sehen wir in der Aufdeckung dieses Fehlers einen wichtigen Hebel, um von der Wurzel her ein ganzes Knäuel von theoretisch daraus abgeleiteten Fehlern zu zerschlagen.[147]

Die KP Chinas hat gegenüber der Revision der Theorie des Leninismus über die proletarische Weltrevolution durch die KPdSU-Führung weder die Bedeutung der Definition der Epoche noch die Spaltung der Welt in die Weltfront des Imperialismus und die Front der proletarischen Weltrevolution, noch die drei inneren Gegensätze des imperialistischen Weltsystems, noch die besondere Rolle des Gegensatzes zwischen imperialistischem Weltsystem und sozialistischen Ländern, noch die Rolle der verschiedenen Kräfte der proletarischen Weltrevolution und ihre Unterscheidung von den zwischenimperialistischen Widersprüchen im Sinne des Leninismus klargestellt und verteidigt.[148]

Das ist die theoretische Quelle von weiteren unmittelbar wirkenden theoretischen und politischen Fehlern der KP Chinas bei der Analyse der Kräfte der proletarischen Weltrevolution und ihrer Wechselwirkung, bei ihrer Vorstellung vom Gang und vom Verlauf der proletarischen Weltrevolution („Brennpunkt Asien, Afrika, Lateinamerika") sowie bei ihrer Einschätzung der zwischenimperialistischen Widersprüche („Zwischenzonen", „USA als Hauptfeind" usw.), die im folgenden Teil analysiert werden sollen. zurück

 

2. Die Entwicklung der proletarischen Weltrevolution und die Aufgabe der Schaffung und Schmiedung des Bündnisses der Hauptkräfte der proletarischen Weltrevolution

 

a) Die chauvinistischen Positionen der modernen Revisionisten gegenüber den antiimperialistischdemokratischen Befreiungsbewegungen

 

Die Thesen der modernen Revisionisten über den angeblichen „Hauptwiderspruch" und die „Hauptkraft" der heutigen Epoche, die die Rolle der sozialistischen Länder in jeder Hinsicht falsch darstellen, richten sich im besonderen Maße gegen die revolutionären demokratischen und nationalenBefreiungsbewegungen in Asien, Afrika und Lateinamerika.

Der Haß der Revisionisten richtete sich besonders gegen den bewaffneten Kampf, den Volkskrieg in den Ländern dieser Kontinente, denn diese„Funken" störten ihr Gefasel von „friedlicher Koexistenz" und „friedlichemWeg" sowie ihre Propaganda für den angeblich „friedlich gewordenen"US-Imperialismus.

Revisionisten, prinzipienlose Demagogen sind stets auch Chauvinisten, egal mit welchen „marxistischen" Phrasen sie sich zu tarnen versuchen.

Die modernen Revisionisten spielten sich als einzige wahre Vertreter der „Hegemonie des Proletariats" auf und forderten die Unterwerfung und Liquidierung der bewaffneten Kämpfe der unterdrückten Völker, einmal unter Berufung auf die Rolle der sozialistischen Länder, ein anderes Mal unter Berufung auf die Rolle des Proletariats Europas.

In dem sie auf die „Hegemonie des Proletariats" pochten und lauthals die „Unterordnung der antiimperialistisch-demokratischen Befreiungsbewegungen unter die Sache der proletarischen Weltrevolution" forderten, schürten sie, wie alle Chauvinisten, die rassistischen Gefühle der „Überlegenheit" der Völker Europas und der Völker der Sowjetunion gegenüber den Völkern der industriell noch nicht so weit entwickelten Länder.

Natürlich ging es ihnen nicht wirklich um die Unterordnung unter die „proletarische Weltrevolution"., sondern um die Unterordnung unter ihrenRevisionismus, repräsentiert von den ehemals sozialistischen, nun revisionistischen Ländern in Osteuropa und den revisionistisch umgewandelten, ehemals kommunistischen Parteien in Westeuropa.

Bei ihren großmachtchauvinistischen Propagandafeldzügen gegen die antiimperialistisch-demokratischen Befreiungsbewegungen verfälschten die modernen Revisionisten aufs schamloseste den Leninismus.

Sie erklärten ungeschminkt, daß es für die befreiten Völker völlig unmöglich wäre", „ohne die Hilfe der sozialistischen Staaten" ihre ökonomischeund politische Unabhängigkeit zu behaupten.[149]

Mit einer scheinheiligen Verbeugung vor der Bedeutung der antiimperialistisch- demokratischen Befreiungsbewegungen versuchten sie die Idee der Hegemonie des Proletariats als Argument für ihren Großmachtchauvinismus zu mißbrauchen.

Das ZK der KPdSU schrieb:

„Die Marxisten-Leninisten betonen stets die welthistorische Bedeutung der nationalen Befreiungsbewegung und ihre große Zukunft. Als eine der Hauptbedingungen ihrer weiteren Siege betrachten sie jedoch das dauerhafte Bündnis und die Zusammenarbeit mit den Ländern dessozialistischen Weltsystems als der Hauptkraft im Kampf gegen den Imperialismus, das feste Bündnis mit der Arbeiterbewegung der kapitalistischen Länder.[150]

Hier ist deutlich die ganz falsche These enthalten, daß die Länder des Sozialismus die „Hauptkraft im Kampf gegen den Imperialismus" seien.[151]

Damit wird einer von mehreren Kräften der proletarischen Weltrevolution - ganz im Gegensatz zum Leninismus - die Hauptrolle für den Kampf gegen den Imperialismus übertragen.

Diese extrem antileninistische Position ist nicht nur politisch Ausdruck des Großmachtchauvinismus, sondern auch theoretisch ein zentraler Angriff auf die Lehren des Leninismus über das Verhältnis der antiimperialistisch-demokratischen Befreiungsbewegung zur internationalen Arbeiterklasse einerseits und zur Arbeiterklasse der kapitalistischen und der sozialistischen Länder andererseits.

Es wäre nun die Aufgabe der Kommunistinnen und Kommunisten gewesen, gegenüber diesen politisch und ideologisch völlig verfaulten großmachtchauvinistischen Ansichten nicht nur die große Bedeutung der bewaffneten Kämpfe in Asien, Afrika und Lateinamerika zu unterstreichen, deren Unterstützung zu fordern und zu propagieren, sondern in erster Linie umfassend die theoretischen Grunderkenntnisse des wissenschaftlichen

Kommunismus über die hier angeschnittenen Fragen darzulegen und gegen die Fälschungen der modernen Revisionisten zu verteidigen. Betrachten wir zunächst, welche Antwort die KP Chinas den modernen Revisionisten erteilte. zurück

 

b) Richtige Entgegnungen der KP Chinas auf die revisionistische Überheblichkeit der KPdSU-Führung gegenüber den antiimperialistisch-demokratischen Befreiungsbewegungen

 

Im „Vorschlag" behandelt die KP Chinas die Frage der „nationaldemokratisch revolutionären Bewegung" als Teil der proletarischen Weltrevolution systematisch in Punkt 8[152]; zuvor hatte sie in Punkt l sehr richtig hervorgehoben, daß die Generallinie der kommunistischen Weltbewegung „die revolutionären Theorien des Marxismus-Leninismus über die historische Mission des Proletariats zu ihrer Richtschnur nehmen" [153] muß. Im Kommentar „Die Verfechter des neuen Kolonialismus" behandelt die KP Chinas die hier uns speziell interessierenden Fragen vor allem im Abschnitt „Die Gebiete, in denen sich die Widersprüche in der heutigen Welt konzentrieren"[154] sowie im letzten Absatz des Abschnitts „Die Lehre des Leninismus über die Führung in der Revolution wird verdreht"[155].

Es soll zunächst hervorgehoben werden, daß die KP Chinas im „Vorschlag" wie auch in Kommentar „Die Verfechter des neuen Kolonialismus" den modernen Revisionisten ausgesprochen treffende Schläge versetzt hat, die die Chruschtschow-Revisionisten wirklich großartig entlarvten.

Wir glauben, daß die folgenden, knapp wiedergegebenen Gedanken und Passagen der KP Chinas sehr wertvolle Waffen im Kampf gegen den modernen Revisionismus waren und sind, weil sie mit dem wissenschaftlichen Kommunismus übereinstimmen.

• Die KP Chinas propagierte die antiimperialistisch-demokratischen Revolutionen als wichtigen Bestandteil der proletarischen Weltrevolution:

„Die national-demokratische Revolution in diesen Gebieten bildet einen wichtigen Bestandteil der gegenwärtigen proletarischen Weltrevolution. (...) Die antiimperialistischen revolutionären Kämpfe der Völker Asiens, Afrikas und Lateinamerikas sind daher keinesfalls lediglich von lokaler Bedeutung, sondern von allgemeiner Bedeutung für die Weltrevolution des ganzen internationalen Proletariats." („25-Punkte-Vorschlag", S. 14f. Siehe S. 566.)

• Die KP Chinas forderte völlig richtig, alle Varianten der Theorie von sogenannten „ überlegenen Nationen " zu verwerfen[156] und prangerte die Chruschtschow-Revisionisten an, die nicht davor zurückschreckten, sogar mit rassistischer Hetze von der „Gelben Gefahr" gegen die KP Chinas vorzugehen[157].

• Sie verteidigte die Prinzipien des proletarischen Internationalismus für die Arbeiterklasse der kapitalistischen und sozialistischen Länder und erinnerte an die Lehre Lenins, daß ohne ein Bündnis dieser Kräfte mit den unterdrückten Völkern der Kampf der Arbeiterklasse ein „glatterBetrug" ist:

„Die Arbeiterklasse in jedem sozialistischen wie in jedem kapitalistischen Land muß die kämpferischen Lösungen ,Proletarier aller Länder, vereinigt euch!' und ,Proletarier aller Länder und unterdrückte Völker, vereinigt euch!' getreulich in die Tat umsetzen. Sie muß die revolutionären Erfahrungen der Völker Asiens, Afrikas und Lateinamerikas studieren, deren revolutionäre Aktionen entschlossen unterstützen und deren Befreiung als die zuverlässigste Hilfe für ihre eigene Sache und als direkt in ihrem eigenen Interesse betrachten." („25-Punkte-Vorschlag", S. 15. Siehe S. 567.)

• Die KP Chinas kritisierte treffend das Rezept der „friedlichen Koexistenz" als ein für die Revolution der unterdrückten Völker klar revisionistisches Konzept[158] sowie die revisionistischen Vorschläge der Führung der KPdSU, „mit dem USA-Imperialismus" rückständigen Ländern „ auf die Beine zu helfen " [159].

Die KP Chinas entlarvte richtig die gegen den nationalen Unabhängigkeitskrieg in Algerien gerichtete Politik Chruschtschows, der „keineSchwächung Frankreichs " [160] wollte.

• Die KP Chinas entlarvte die direkt konterrevolutionäre Theorie und Praxis Chruschtschows, der verkündete, überall „Funken (...) auszutreten", die einen Weltbrand entzünden könnten, und der daher der Entsendung der UNO-Truppen nach Kongo zustimmte.[161]

• Die KP Chinas entlarvte durch eine Reihe von Zitaten Stalins glänzend die chauvinistische Geisteshaltung der Führung der KPdSU, die das Land des Sozialismus nicht als Mittel zur Förderung der proletarischen Weltrevolution ansieht.[162]

• Zu einer der tiefgehendsten und beißendsten Passagen gehört auch die in dem Abschnitt „Ein typisches Beispiel von Sozialchauvinismus" vorgetragene Polemik der KP Chinas gegen die Führung der KP Frankreichs, deren Chauvinismus gegenüber dem algerischen Volk durch eine Fülle von haarsträubenden Zitaten bereits aus der Zeit seit Ende der 30er Jahre eindeutig bewiesen wurde.[163]

• Eine aktuelle Hilfe ist auch der Vergleich zwischen den Ansichten Kautskys und der II. Internationale und den Ansichten Chruschtschows, die in vielen Fragen völlige Identität zeigen.[164]zurück

 

c) Unzulängliche und falsche Positionen der KP Chinas gegenüber der Demagogie der modernen Revisionisten

 

Gleichzeitig ist jedoch für die Polemik der KP Chinas kennzeichnend, daß sie mehr die politischen und ideologisch anschaulichen Fragen in den Vordergrund stellt, aber die dahinterstehenden theoretischen Fragen unzulänglich,ja falsch behandelt.

Ein Beispiel für eine unzulängliche Behandlung der Thesen der modernen Revisionisten ist unserer Meinung nach die bloße Zurückweisung der revisionistischen These von der „Führung" der antiimperialistischdemokratischen Befreiungsbewegung durch die sozialistischen Staaten bzw. durch die Arbeiterbewegung der kapitalistischen Länder, ohne zum Kern der Verfälschungen vorzudringen.

Auf die - von uns weiter oben bereits zitierte - entsprechende Passage des „Offenen Briefs" der KPdSU[165] geht die KP Chinas lediglich in folgendem Absatz ein:

„Der Offene Brief des ZK der KPdSU entstellt die Beziehungen gegenseitiger Unterstützung zwischen dem sozialistischen Lager und der Arbeiterbewegung in den kapitalistischen Ländern einerseits und der nationalen Befreiungsbewegung andrerseits und behauptet, die nationale Befreiungsbewegung müsse von den sozialistischen Staaten und der Arbeiterbewegung in den Metropolen ,geführt' werden. Sie haben die Stirn, weiter zu behaupten, daß dies auf der Leninschen Idee von der Führung durch das Proletariat ,beruht'. Offensichtlich wird damit Lenins Lehre weitgehend verdreht und revidiert. Das zeigt, daß die Führer der KPdSU ihre Linie der Abschaffung der Revolution der revolutionären Bewegung der unterdrückten Völker aufzwingen wollen." („Polemik", S. 230.)

Wir stimmen dieser Meinung der KP Chinas voll und ganz zu. Aber die eigentliche Demagogie der modernen Revisionisten, nämlich die Gleichstellung des Proletariats einiger Länder mit dem internationalen Proletariat, also dem Proletariat aller Länder, wird hier gar nicht erwähnt, nicht entlarvt und nicht widerlegt. Die wirklichen Ansichten Lenins, der unterschieden hat zwischen

a) dem Verhältnis des internationalen Proletariats zu den unterdrückten Völkern und

b) dem Verhältnis des Proletariats der kapitalistischen Länder zu den unterdrückten Völkern,

werden nicht dargelegt und nicht verteidigt.

Diese Unzulänglichkeit kann unserer Meinung nach nicht als Zufall angesehen werden, sondern steht in Verbindung mit zwei weiteren, eng zusammenhängenden Fehlern, nämlich der These der KP Chinas über die antiimperialistisch-demokratischen Befreiungsbewegungen als „die wichtigsten Kräfte, die dem Imperialismus direkte Schläge versetzen" [166], sowie der These von den Gebieten Asiens, Afrikas und Lateinamerikas, in denen sich nach Ansicht der KP Chinas „die verschiedenen Arten von Widersprüchen in der gegenwärtigen Epoche" [167] konzentrieren, und die als „schwächsten Kettenglieder in der Herrschaft des Imperialismus" [168] angesehen werden.

Im Sinne eines Nacheinander kontinentaler Revolutionen propagiert die KP Chinas, daß „in Westeuropa und Nordamerika (...) eines Tages doch die große Stunde des gewaltigen Ringens schlagen wird" [169].

Unsere Kritik an diesen Auffassungen der KP Chinas betrifft folgende Punkte:

• eine falsche Vorstellung über den Ablauf und die Vorhersagbarkeit des Gangs der Weltrevolution;

• eine falsche Generalisierung der Lage in ganzen Erdteilen;

• die Konstruktion, daß zunächst Asien, Afrika und Lateinamerika dem Imperialismus entrissen werden und dann erst Europa und die USA;

• ein im Ansatz falscher Vergleich der nationalen Befreiungsbewegung und ihrer Leistung mit der Leistung der anderen Kräfte der proletarischen Weltrevolution.

Um umfassend nachweisen zu können, daß diese Thesen der KP Chinas falsch sind und im Gegensatz zum Leninismus stehen, auch wenn sie sich im Gegensatz zu den Thesen der Führung der KPdSU befinden, ist es zunächst erforderlich, eine Reihe von theoretischen, programmatischen und strategischen Leitsätzen des wissenschaftlichen Kommunismus über die proletarische Weltrevolution in Erinnerung zu rufen.zurück

 

d) Lenin und Stalin über Ziele, Verlauf und Kräfte der proletarischen Weltrevolution

 

Der wissenschaftliche Kommunismus als einheitliche Theorie und einheitliches Programm der proletarischen Weltrevolution

 

Die Theorie erforscht bekanntlich die objektiven Prozesse und ihre Ergebnisse ermöglichen, die Ziele, also die Programmpunkte, wissenschaftlich zu formulieren. Sie beweist die unbedingte Notwendigkeit und die historische Möglichkeit, diese Ziele zu erreichen, das formulierte Programm zu verwirklichen.

An dieser Stelle wollen wir hervorheben, daß das grundsätzlichste programmatische Ziel, das sich aus der Analyse des Imperialismus als des von inneren Widersprüchen zerfressenen, sterbenden Kapitalismus und aus der Analyse der objektiv wachsenden Kräfte des Proletariats ergibt, keinesfalls nur die völlige Vernichtung des Imperialismus ist, sondern positiv formuliert die Errichtung des Weltkommunismus bedeutet.

Dieses große Ziel gilt es, als das eigentliche „Maximalprogramm" der proletarischen Weltrevolution vor Augen zu haben. Diesem Ziel untergeordnet und ihm dienend ist das einheitliche Ziel der proletarischen Weltrevolution, durch die Errichtung der Diktatur des Proletariats in allen Ländern der Welt die Bedingungen für den Weltkommunismus zu schaffen.

Die Zerschlagung des Systems des Weltimperialismus samt aller seiner Stützen und Auswürfe ist hierfür wiederum Voraussetzung und das nahe liegende Ziel der proletarischen Weltrevolution.

Die Theorie der proletarischen Weltrevolution anerkennt und analysiert die Fülle von Unterschieden zwischen verschiedenen Ländern in der Welt und ist sich voll bewußt, daß ein jedes Land Besonderheiten aufweist, die es bei der Anwendung der Theorie zu berücksichtigen gilt. Die Theorie der proletarischen Revolution ist aber dennoch nicht bloß Summe der Theorie der Revolution in den einzelnen Ländern, sondern ist eine umfassende und internationale Theorie. Stalin nennt die objektiven Gründe dafür, daß die Theorie der proletarischen Revolution in der Epoche des Imperialismus eine Theorie der proletarischen Weltrevolution ist:

„Jetzt muß man von der proletarischen Weltrevolution sprechen, denn die einzelnen nationalen Fronten des Kapitals haben sich in Glieder einer einheitlichen Kette verwandelt, genannt die Weltfront des Imperialismus, der die allgemeine Front der revolutionären Bewegung aller Länder entgegengestellt werden muß."

(Stalin: „Über die Grundlagen des Leninismus", 1924, Werke Band 6, S. 85f.)

Gerade trotz der sehr unterschiedlichen ökonomischen Verhältnisse der einzelnen Länder in einer Epoche, „da das System als Ganzes bereits für die Revolution reif geworden ist" [170], geht die Theorie der proletarischen Weltrevolution davon aus, daß insgesamt in allen Ländern die objektiven Bedingungen reif für die Revolution sind.[171] Diese Revolutionen sind allesamt Bestandteile der proletarischen Weltrevolution. Somit existiert die Möglichkeit, welche sehr wichtig für die den subjektiven Faktor betreffende Strategie ist, daß das Proletariat eines Landes siegreich die herrschende Klasse im eigenen Land stürzen und das Land aus der imperialistischen Kette herausreißen kann.

Aber hier wird schon deutlich, daß die proletarische Weltrevolution und ihr Programm keinesfalls direkt zu vergleichen ist mit dem Ablauf der Revolution in einem Land. Auf ein Land bezogen kann man klar sagen, daß die Zerschlagung der imperialistischen Herrschaft die Voraussetzung für die Diktatur des Proletariats ist. Weltweit ist eine solche Reihenfolge jedoch nicht anwendbar. Die Diktatur des Proletariats kann in einem Land bereits realisiert werden, während in anderen Ländern das davorliegende Programmziel, die Zerschlagung der imperialistischen Herrschaft, noch immer nicht erfüllt ist.

Das Programm der KI stellte sehr treffend fest:

„Die Weltgeschichte ist in eine neue Phase ihrer Entwicklung getreten: in die Phase einer langwierigen allgemeinen Krise des kapitalistischen Systems. Die Einheit der Weltwirtschaft fand dabei ihren Ausdruck in dem internationalen Charakter der Revolution, die Ungleichmäßigkeit der Entwicklung der einzelnen Teile der Weltwirtschaft – in der Ungleichzeitigkeit der Revolution in den einzelnen Ländern."[172]

Wir stoßen hier auf das wesentliche Problem, daß die Theorie und das Programm der proletarischen Weltrevolution zwar einheitlich und umfassend ist, aber ein genaues Verständnis seiner schrittweisen Realisierung in sich einschließt. Dies vollzieht sich in Form einer Reihe von ungleichzeitigen und verschiedenartigen Prozessen, die es theoretisch und auch programmatisch genau zu fassen gilt, um dann richtige Schlußfolgerungen für dieStrategie der proletarischen Weltrevolution ziehen zu können.

 

Die proletarische Weltrevolution als Zusammenfassung einer Reihe verschiedenartiger und ungleichmäßiger Prozesse

 

In der Epoche des Imperialismus wirkt das Gesetz der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung der kapitalistischen Länder und die Gesetzmäßigkeit der Ausbeutung eines Teils der Welt durch den Weltimperialismus, besonders durch einige imperialistische Großmächte. Dies sind objektiv wirkende Gesetzmäßigkeiten von großer Tragweite für die in sich geschlossene Theorie der proletarischen Weltrevolution, denn sie bewirken in zweierlei Hinsicht die Notwendigkeit einer Differenzierung:

1. Die imperialistischen Kernländer entwickeln sich nicht gleichmäßig, also kann die Revolution nicht eine gleichzeitige Aktion der Arbeiter und Arbeiterinnen aller industriell fortgeschrittenen Länder sein. Diese Gesetzmäßigkeit wirkt sich auch auf die vom Imperialismus abhängigen Länder aus. Auch dort differenziert sich die objektive Entwicklung, die schon durch die Geschichte stark unterschiedlich ist, so, daß der Sieg der Revolution nicht gleichzeitig in allen abhängigen Ländern erfolgen kann.

2. Der Charakter der Revolution in verschiedenen Ländern hat nicht nur gemeinsame Aspekte, sondern auch wesentliche Unterscheidungsmerkmale (proletarische Revolution, antiimperialistische und antifeudale Revolution). Das bedeutet also, daß die Theorie der proletarischen Weltrevolution berücksichtigen muß, daß kein gleichzeitiger Prozeß mit einheitlichem Zeitpunkt für den Sieg der Weltrevolution über den Weltimperialismus in Frage kommt. Es bedeutet vielmehr, daß schrittweise Land für Land der Sieg erfolgt und daß innerhalb der proletarischen Weltrevolution sich sehr verschiedene Typen von Revolutionen vereinigen müssen.

Das Programm der KI stellt fest:

„Die internationale Revolution des Proletariats besteht aus einer Reihe ungleichzeitiger und ungleichartiger Prozesse: rein proletarische Revolutionen; Revolutionen von bürgerlich-demokratischem Typus, die in proletarische Revolutionen umschlagen; nationale Befreiungskriege, koloniale Revolutionen. Erst am Ende seiner Entwicklung führt dieser revolutionäre Prozeß zur Weltdiktatur des Proletariats. Die in der Epoche des Imperialismus gesteigerte Ungleichmäßigkeit der Entwicklung des Kapitalismus hat eine größere Verschiedenartigkeit seiner Typen, hat Unterschiede im Reifegrad und mannigfaltige, besondere Bedingungen des revolutionären Prozesses in den einzelnen Ländern erzeugt. Eine historisch unbedingt notwendige Folge dieser Umstände sind die Mannigfaltigkeit der Wege und die Unterschiedeim Tempo der Machtergreifung des Proletariats wie die Unvermeidlichkeit gewisser Übergangsstadien zur proletarischen Diktatur in einer Reihe von Ländern."[173]

Lenin und Stalin polemisierten in diesen Fragen heftig gegen den sozialdemokratischen Reformismus und seinen Ableger, den Trotzkismus. Betrachten wir zunächst die Frage der Ungleichzeitigkeit der Revolution.

Stalin schrieb in „Die Oktoberrevolution und die Taktik der russischen

Kommunisten":

„Zweifellos sind die Entwicklungswege der Weltrevolution nicht so einfach, wie es früher, vor dem Siege der Revolution in einem Lande, vor dem Aufkommen des entwickelten Imperialismus, der der ,Vorabend der sozialistischen Revolution' ist, scheinen mochte. Denn es ist ein neuer Faktor in Erscheinung getreten, wie das unter den Bedingungen des entwickelten Imperialismus wirkende Gesetz der ungleichmäßigen Entwicklung der kapitalistischen Länder..."

(Stalin: „Die Oktoberrevolution und die Taktik der russischen Kommunisten", 1924, Werke Band 6, S. 354. Hervorhebung im Original.)

„Es ist unzweifelhaft, daß die Universaltheorie des gleichzeitigen Sieges der Revolution in den ausschlaggebenden Ländern Europas, die Theorie der Unmöglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande, sich als künstliche, lebensunfähige Theorie erwiesen hat. Die siebenjährige Geschichte der proletarischen Revolution in Rußland spricht nicht für, sondern gegen diese Theorie. Diese Theorie ist nicht nur als Entwicklungsschema der Weltrevolution unannehmbar, denn sie steht im Widerspruch zu offenkundigen Tatsachen. Sie ist noch unannehmbarer als Losung, denn sie fördert nicht, sondern hemmt die Initiative der einzelnen Länder, die infolge gewisser historischer Bedingungen die Möglichkeit erhalten, die Front des Kapitals selbständig zu durchbrechen, denn sie spornt nicht zum aktiven Angriff auf das Kapital in den einzelnen Ländern an, sondern veranlaßt zum passiven Abwarten des Augenblicks der ,allgemeinen Entscheidung', denn sie pflegt unter den Proletariern der einzelnen Länder nicht den Geist revolutionärer Entschlossenheit, sondern den Geist Hamletscher Zweifel ,wie aber, wenn uns die anderen plötzlich im Stich lassen?'. Lenin hat vollkommen recht, wenn er sagt, daß der Sieg des Proletariats in einem Lande den ,typischen Fall' darstellt, während eine gleichzeitige Revolution in einer Reihe von Ländern' nur eine ,seltene Ausnahme' sein kann. (Siehe 4. Ausgabe Bd. 28, S. 232 [deutsch in „Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S. 434 [174] ].)" (Ebenda, S. 353f. Hervorhebungen im Original.)

Betrachten wir nun den anderen Aspekt, die Frage des unterschiedlichen Charakters verschiedener Teile der proletarischen Weltrevolution. Lenin legte bereits 1916 den Grundstock für die Analyse der unterschiedlichenCharakters der Revolution in verschiedenen Typen von Ländern.

Er schrieb:

„Die soziale Umwälzung kann nicht die vereinte Aktion der Proletarier aller Länder sein, aus dem einfachen Grunde, weil die Mehrzahl der Länder und die Mehrzahl der Bewohner der Erde bis jetzt noch nicht einmal auf der kapitalistischen Entwicklungsstufe oder erst am Beginn der kapitalistischen Entwicklung stehen."

(Lenin: „Über eine Karikatur auf den Marxismus und über den imperialistischen Ökonomismus'", 1916, Werke Band 23, S. 51f.)

„Die soziale Revolution kann nicht anders vor sich gehen als in Gestalt einer Epoche, in der der Bürgerkrieg des Proletariats gegen die Bourgeoisie in den fortgeschrittenen Ländern mit einer ganzen Reihe demokratischer und revolutionärer Bewegungen verbunden ist, darunter auch mit nationalen Befreiungsbewegungen der unentwickelten, rückständigen und unterdrückten Nationen. Und warum? Weil sich der Kapitalismus ungleichmäßig entwickelt und die objektive Wirklichkeit uns neben hochentwickelten

kapitalistischen Nationen eine ganze Reihe von Nationen zeigt, die ökonomisch sehr schwach oder gar nicht entwickelt sind. P. Kijewski hat aber über die objektiven Bedingungen der sozialen Revolution vom Standpunkt der ökonomischen Reife der einzelnen Länder absolut nicht nachgedacht..."

(Ebenda, S. 53. Hervorhebungen im Original.)

Die genaue Kenntnis ebendieser objektiven Entwicklungsgesetze ist die Voraussetzung, um bestimmte Schlußfolgerungen für eine einheitliche Strategie der proletarischen Weltrevolution zu ziehen.

 

Der proletarische Charakter der Weltrevolution und die daraus folgende grundlegende Strategie

 

Die Strategie und Taktik des Leninismus enthält eine Fülle von Leitsätzen, die für ein jedes Land gültig sind. In diesem Sinne ist die Strategie und die Taktik des Leninismus, die auf der Analyse der objektiven Prozesse

beruht, international.

Es ist allgemein anerkannt, daß eine Strategie für den Sieg der Revolution in einem jeden Land nötig ist. Doch uns geht es hier darum, inwieweit der Leninismus auch eine Strategie für die proletarische Weltrevolution insgesamt bedeutet und welche wesentlichen Unterschiede zur Strategie ineinem Land existieren.

Betrachten wir mit dieser Fragestellung vor Augen die hauptsächlichen Stellungnahmen Stalins zu diesem Thema.

Stalin schrieb über die Aufgabe der Strategie:

„Die Strategie, die sich von den Programmdirektiven leiten läßt und sich auf die Einschätzung der inneren (nationalen) und internationalen kämpfenden Kräfte stützt, legt den allgemeinen Weg, die allgemeine Richtung fest, in die die revolutionäre Bewegung des Proletariats gelenkt werden muß, damit bei dem sich herausbildenden und entwickelnden Kräfteverhältnis die besten Resultate erzielt werden können. Dementsprechend stellt sie das Schema der Verteilung der Kräfte des Proletariats und seiner Verbündeten an der sozialen Front auf {allgemeine Dislokation).''''

(Stalin: „Über die politische Strategie und Taktik der Russischen Kommunisten", 1921, Werke Band 5, S. 54. Hervorhebungen im Original.)

In „Über die Grundlagen des Leninismus" ergänzte und präzisierte Stalin diese Definition noch unter anderem durch die Einbeziehung der Frage der Etappe. Es heißt dort:

„Die Strategie ist die Festlegung der Richtung des Hauptschlags des Proletariats auf der Grundlage der gegebenen Etappe der Revolution, die Ausarbeitung eines entsprechenden Plans für die Aufstellung der revolutionären Kräfte (der Haupt- und Nebenreserven), der Kampf für die Durchführung dieses Planes während des ganzen Verlaufs der gegebenen Etappe der Revolution." (Stalin: „Über die Grundlagen des Leninismus", 1924, Werke Band 6, S. 134.)

Im selben Kapitel stellte Stalin fest:

„Die Revolution geht über den Rahmen eines einzelnen Landes hinaus, die Epoche der Weltrevolution hat begonnen. Hauptkräfte der Revolution: die Diktatur des Proletariats in einem Lande, die revolutionäre Bewegung des Proletariats in allen Ländern. Hauptreserven: die halbproletarischen und kleinbäuerlichen Massen in den entwickelten Ländern, die Befreiungsbewegung in den Kolonien und abhängigen Ländern. Richtung des Hauptschlags: Isolierung der kleinbürgerlichen Demokratie, Isolierung der Parteien der II. Internationale, die die Hauptstütze der Politik der Verständigung mit dem Imperialismus bilden. Plan der Aufstellung der Kräfte: Bündnis der proletarischen Revolution mit der Befreiungsbewegung in den Kolonien und abhängigen Ländern." (Ebenda, S. 135. Hervorhebungen im Original.)

Hier wird deutlich, daß Stalin nur grundsätzlich, dem Charakter der Weltrevolution als proletarischer Revolution entsprechend, Hauptkräfte und Reserven bestimmt, die Richtung des Hauptschlags fixiert - nicht aber eine Reihenfolge.

An anderer Stelle bestimmt Stalin ebenfalls grundsätzlich drei allgemeine Grundlagen der Strategie und Taktik, nämlich die Hegemonie des Proletariats (die als erste Aufgabe die Schaffung einer kommunistischen Partei in sich schließt), weiter den proletarischen Internationalismus („die Interessen des internationalen Proletariats (...) zum Angelpunkt machen") und als drittes die Verwerfung Jeder Art von Doktrinarismus".[175]

Gerade dieser letzte Aspekt war von besonderer Bedeutung bei der Zurückweisung einer Reihe von Versuchen, die einheitlichen, dem proletarischen Charakter entsprechenden Momente der Strategie der proletarischen Weltrevolution auszudehnen auf eine „strategische Planung" des Gangs der Weltrevolution.

 

Jeder Versuch, eine internationale Reihenfolge der Revolutionen festlegen zu wollen, führt zur „Strategie des Abwartens"

 

Lenin und Stalin führten eine scharfe Polemik gegen Kautskys und Trotzkis „Pseudointernationalismus", die bar jeden revolutionären Geistes als „Kathedersozialisten" vorherbestimmten, wann was zu passieren habe, und dies auch noch als Wissenschaft ausgaben. Lenin entlarvte insbesondere in seinen Schriften nach der Oktoberrevolution die theoretische, antimarxistische Wurzel (die Ablehnung der revolutionären Dialektik) und den ideologischen Kern (Reformismus und europäischer Chauvinismus) von Kautsky und Konsorten. Lenin schilderte auf dem III. Kongreß der Komintern ihre frühere Einschätzung, die zeigt, daß die Bolschewiki als proletarische Internationalisten die Revolution begonnen hatten und nicht als Pedanten, die hundertprozentige Sicherheit bei der Planbarkeit der Entwicklung fordern.

„Als wir seinerzeit die internationale Revolution begannen, taten wir es nicht in dem Glauben, daß wir ihrer Entwicklung vorgreifen könnten, sondern deshalb, weil eine ganze Reihe von Umständen uns veranlaßte, diese Revolution zu beginnen. Wir dachten: Entweder kommt uns die internationale Revolution zu Hilfe, und dann ist unser Sieg ganz sicher, oder wir machen unsere bescheidene revolutionäre Arbeit in dem Bewußtsein, daß wir selbst im Falle einer Niederlage der Sache der Revolution dienen und daß unsere Erfahrungen den anderen Revolutionen von Nutzen sein werden. Es war uns klar, daß ohne die Unterstützung der internationalen Weltrevolution der Sieg der proletarischen Revolution unmöglich ist. Schon vor der Revolution und auch nachher dachten wir: Entweder sofort oder zumindest sehr rasch wird die Revolution in den übrigen Ländern kommen, in den kapitalistisch entwickelteren Ländern, oder aber wir müssen zugrunde gehen. Trotz dieses Bewußtseins taten wir alles, um das Sowjetsystem unter allen Umständen und um jeden Preis aufrechtzuerhalten, denn wir wußten, daß wir nicht nur für uns, sondern auch für die internationale Revolution arbeiten. Wir haben das gewußt, wir haben dieser Überzeugung wiederholt Ausdruck gegeben, sowohl vor der Oktoberrevolution als auch unmittelbar nach ihr und während des Abschlusses des Brest-Litowsker Friedens. Und das war, allgemein gesprochen, richtig. Indessen verlief die Bewegung in Wirklichkeit nicht so geradlinig, wie wir erwartet hatten. In den anderen großen, kapitalistisch am meisten entwickelten Ländern ist die Revolution bis heute nicht ausgebrochen."

(Lenin: „III. Kongreß der Kommunistischen Internationale. Thesen zum Referat auf dem III. Kongreß der Kommunistischen Internationale über die Taktik der KPR", 1921, Werke Band 32, S. 502f.)

An anderer Stelle schrieb Lenin drei Jahre nach dem Sieg der Oktoberrevolution:

„Wir haben in den drei Jahren zu begreifen gelernt, daß auf die Karte der internationalen Revolution setzen nicht bedeutet, mit einem bestimmten Termin zu rechnen."

(Lenin: „X. Parteitag der KPR(B)", Werke Band 32, S. 179.)

Das Prinzip, das auch ohne Sieg der proletarischen Revolutionen in Europa gültig war, bestand in der unbedingten Notwendigkeit der internationalen Unterstützung der Revolution in Rußland. Ein rascher Sieg in Westeuropa, auf den Lenin und Stalin hofften[176], war daher, anders als in der Propaganda Trotzkis, nicht Voraussetzung für das Gelingen der Revolution in Rußland. Als sich ihre konkrete Einschätzung und Hoffnung als falsch herausstellten, gaben sie das offen zu, ohne zu den liquidatorischen Konsequenzen Trotzkis zu gelangen. Die Unterstützung durch die proletarische Weltrevolution bestand eben nicht im Sieg, sondern lediglich im Anwachsen der Revolution in den anderen Ländern. In den zitierten Passagen Lenins ist ein für unsere Fragestellung nach der Möglichkeit einer Strategie, die die Reihenfolge der einzelnen Revolutionen der proletarischen Weltrevolution festlegt, sehr wichtiger Gedanke enthalten. Gemeint ist der Gedanke, daß zwar prinzipiell strategisch die Unterstützung durch andere Abteilungen der proletarischen Weltrevolution nötig ist, die Form dieser Unterstützung und der weitere Gang der Weltrevolution aber nicht haargenau planbar sind und dies auch gar nicht erforderlich ist. Denn so oder so muß das Proletariat eines jeden Landes im Bündnis mit der proletarischen Weltrevolution versuchen, in seinem Land die imperialistische Kette zu durchbrechen.

Die Verzögerung des Sieges der Revolutionen in Ländern Europas und die Frage der Perspektive und Entwicklung der proletarischen Weltrevolution führten in der Komintern zur Diskussion über die Rolle der Völker der abhängigen, unterdrückten Länder. Lenin machte sich lustig über jene Pseudorevolutionäre, deren „Plan durcheinander gekommen" ist.

In seiner Schrift „Über unsere Revolution" polemisierte er gegen das Schema: „Erst das zivilisierte Europa, dann der Rest", das ja schon durch den Sieg des „unzivilisierten Rußlands" widerlegt worden war.

Vom Beispiel Rußlands aufgehend, aber auch in Hinblick auf die ganze Entwicklung der Weltrevolution, und speziell in Hinblick auf die Völker des Ostens schrieb Lenin:

„Sie alle nennen sich Marxisten, fassen aber den Marxismus unglaublich pedantisch auf. Das Entscheidende im Marxismus haben sie absolut nicht begriffen: nämlich seine revolutionäre Dialektik. (...) In ihrem ganzen Verhalten zeigen sie sich als feige Reformisten, die sich fürchten, von der Bourgeoisie abzurücken oder gar mit ihr zu brechen, und die gleichzeitig ihre Feigheit durch zügellose Phrasendrescherei und Prahlerei bemänteln. Aber sogar in rein theoretischer Hinsicht springt ihre völlige Unfähigkeit in die Augen, die folgenden Gedankengänge des Marxismus zu begreifen. Denn sie sahen bisher einen bestimmten Entwicklungsweg des Kapitalismus und der bürgerlichen Demokratie in Westeuropa. Und nun können sie sich nicht vorstellen, daß dieser Weg nur mutatis mutandis als Muster betrachtet werden kann, nicht anders als mit gewissen Korrekturen (die, vom Standpunkt der Weltgeschichte aus gesehen, ganz unerheblich sind). (...) Ihnen ist jeder Gedanke daran völlig fremd, daß bei allgemeiner Gesetzmäßigkeit der Entwicklung in der gesamten Weltgeschichte einzelne Etappen der Entwicklung, die eine Eigentümlichkeit entweder der Form oder der Aufeinanderfolge der Entwicklung darstellen, keineswegs auszuschließen, sondern im Gegenteil anzunehmen sind."

(Lenin: „Über unsere Revolution", 1923, Werke Band 33, S. 462f.)

Wir haben diese Gedanken Lenins hier so ausführlich zitiert, weil unserer Meinung nach es nur in diesem Zusammenhang möglich ist, die Debatte über die Rolle des Proletariats in Europa und über die Rolle der Völker des Ostens tiefgehend zu verstehen.

Wir müssen also feststellen, daß die Strategie der proletarischen Weltrevolution zwar in bezug auf ihren Charakter „Hauptkräfte" und „Reserven" kennt, daß der Leninismus aber eine Vorhersage der Reihenfolge der Siege der einzelnen Revolutionen im Verlauf der proletarischen Weltrevolution ablehnt.

Die revolutionäre Dialektik des Leninismus besteht darin, daß sie die Kommunisten lehrt, trotz dieser „Unplanbarkeit", sich nicht treiben zu lassen und abzuwarten, sondern alle Kräfte anzuspannen, um die Revolution im jeweiligen Land vorzubereiten und durchzuführen. Eine Vorhersage des Gangs und der Reifenfolge der Weltrevolution führt hingegen unweigerlich zum „Abwarten" eines Teils des internationalen Proletariats, nämlich jenes Teils, der nach diesem Pseudoplan angeblich „noch nicht dran" ist.

 

Der fundamentale Unterschied zwischen dem internationalen Proletariat als Hegemon der proletarischen Weltrevolution und dem Proletariat der kapitalistischen Länder als einem Teil der proletarischen Weltrevolution - gerade im Verhältnis zu den nationalen Befreiungsbewegungen

 

Stalins Bestimmung des internationalen Proletariats als den Kern bildende und die grundlegende Richtung bestimmende Hauptkraft der proletarischen Weltrevolution und die Kennzeichnung der unterdrückten Völker und ihres Kampfes als seine Reserve ist von großer Bedeutung, um wirklich vom Standpunkt der Ziele der proletarischen Weltrevolution eine richtige Haltung zu antiimperialistisch-demokratischen Bewegungen einnehmen zu können.

Stalin stellte klar, daß über allem die „Arbeiterfrage", die Frage der proletarischen Weltrevolution steht. Auch wenn in den meisten Fällen die nationale Bewegung der unterdrückten Völker gerecht ist, darf von der Strategie der proletarischen Weltrevolution her jedoch keinesfalls automatisch eine Unterstützung jeder nationalen Bewegung gefolgert werden. Stalin schrieb dazu:

„Das bedeutet natürlich nicht, daß das Proletariat jede nationale Bewegung, immer und überall, in allen einzelnen konkreten Fällen unterstützen muß. Es handelt sich um die Unterstützung der nationalen Bewegungen, die auf die Schwächung, auf den Sturz des Imperialismus und nicht auf seine Festigung und Erhaltung gerichtet sind. Es gibt Fälle, wo die nationalen Bewegungen einzelner unterdrückter Länder mit den Interessen der Entwicklung der proletarischen Bewegung in Konflikt geraten. Es ist selbstverständlich, daß in solchen Fällen von einer Unterstützung keine Rede sein kann. Die Frage nach den Rechten der Nationen ist keine isolierte, in sich abgeschlossene Frage, sondern ein Teil der allgemeinen Frage der proletarischen Revolution, der dem Ganzen untergeordnet ist und vom Standpunkt des Ganzen aus betrachtet werden muß."

(Stalin: „Über die Grundlagen des Leninismus", 1924, Werke Band 6, S. 125. Hervorhebung im Original.)

Lenin schrieb im selben Sinne, daß

„wir als Kommunisten die bürgerlichen Befreiungsbewegungen in den kolonialen Ländern nur dann unterstützen müssen und werden, wenn diese Bewegungen wirklich revolutionär sind, wenn ihre Vertreter uns nicht hindern, die Bauernschaft und die breiten Massen der Ausgebeuteten in revolutionärem Geist zu erziehen und zu organisieren."

(Lenin: „II. Kongreß der Kommunistischen Internationale", 1920, Werke Band 31, S. 230.)

Der Kampf des internationalen Proletariats und der Kampf der unterdrückten Völker sind also keinesfalls gleichgewichtig und dürfen auch nicht so propagiert werden, sondern es handelt sich um das Verhältnis des Ganzen zu einem Teil, wobei der Teil - einmal davon abgesehen, daß er keinen direkt proletarischen Charakter hat — so oder so in bestimmter Situation sich den Interessen des Ganzen unterordnen muß. Diese Unterordnung gilt auch für die Bewegungen des Proletariats der kapitalistischen Länder (trotz des proletarischen Charakters ihrer Revolutionen), die ebenfalls nur einen Teil der proletarischen Weltrevolution darstellen und sich ebenfalls den Interessen des internationalen Proletariats unterordnen müssen.

Dies ist durchaus auch für die proletarische Revolution in Ländern Europas keine abstrakte Möglichkeit, wie Lenin in seinen Schriften herausstellte. Einmal muß das Proletariat der von der Revolution erfaßten kapitalistischen Länder bereit sein, „die größten nationalen Opfer" zu bringen[177], wenn das Interesse der Revolution das erfordert. Lenin illustrierte dies am Beispiel Brest-Litowsk für Rußland und der Möglichkeit eines zeitweiligen Akzeptierens des Versailler Vertrags für die Diktatur des Proletariats in Deutschland.[178]

Zum anderen muß das Proletariat der kapitalistischen Länder auch zu zeitweiligen ökonomischen Opfern bereit sein, sogar eine Senkung seines Lebensstandards hinnehmen, allein schon deshalb, weil die Ausbeutung anderer Länder als Quelle einer Vielzahl von Annehmlichkeiten auch für die werktätigen Massen durch die siegreiche Revolution wegfällt, ganz zu schweigen von möglichen Zerstörungen usw.[179]

Auch hier gilt, daß der Teil sich den höheren Interessen des Ganzen unterordnen muß.

Von diesem Fragenkomplex, der den Charakter und die internationale Strategie der proletarischen Weltrevolution betrifft und der die Hegemonie des Proletariats im Sinne des Kampfes für den Weltkommunismus als strategisches Ziel betrifft, muß ganz streng eine andere Frage unterschieden werden: nämlich das Verhältnis der revolutionären, nationalen Befreiungsbewegungen zum Proletariat der kapitalistischen Länder, also eines Teils der proletarischen Weltrevolution zu einem anderen Teil.

 

Die Bedeutung der Spaltung der imperialistischen Welt in unterdrückende und unterdrückte Nationen für den Gang der Weltrevolution und die zweifache Erziehung im Geist des proletarischen Internationalismus

 

Die strategischen Aufgaben der proletarischen Weltrevolution zu verwirklichen bedeutet auch, die besonderen Probleme der Epoche des Imperialismus genau zu kennen.

Weiter oben haben wir schon auf das Gesetz der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung der kapitalistischen Länder verwiesen. Dies reicht jedochnicht aus. Ein weiteres fundamentales Problem auf dem Weg zum Sieg derproletarischen Weltrevolution ergibt sich aus der nationalen Frage in derEpoche des Imperialismus.Stalin schrieb:

„Die Welt ist in zwei Lager geteilt: in das Lager einer Handvoll zivilisierter Nationen, die über das Finanzkapital verfügen und die die gewaltige Mehrheit der Bevölkerung des Erdballs ausbeuten, und in das Lager der unterdrückten und ausgebeuteten Völker der Kolonien und der abhängigen Länder, die diese Mehrheit bilden."

(Stalin: „Über die Grundlagen des Leninismus", 1924, Werke Band 6, S. 127.)

Hieraus ergibt sich die sehr schwierige Aufgabe der Vereinigung der proletarischen Bewegung in den entwickelten kapitalistischen Ländern und der nationalen Befreiungsbewegungen in den Kolonien und abhängigen Ländern, die Beseitigung eines gegenseitigen Mißtrauens und die Schaffung einer wirklich gemeinsamen Weltfront gegen den Imperialismus.[180]

Beide Kräfte müssen sich bewußt werden, daß sie nur jeweils ein Teil der proletarischen Weltrevolution sind, der sich den Interessen des Ganzen, des internationalen Proletariats, des Bündnisses der Proletarier aller Länder unterordnen muß.

Beide Kräfte müssen sich bewußt werden, daß sie als einzelne Kraft, isoliert, die Weltrevolution nicht wirklich vorantreiben, sich selbst nicht befreien können:

„...die Interessen der proletarischen Bewegung in den entwickelten Ländern und der nationalen Befreiungsbewegung in den Kolonien erheischen die Vereinigung dieser beiden Arten der revolutionären Bewegung zu einer gemeinsamen Front gegen den gemeinsamen Feind, gegen den Imperialismus; ...der Sieg der Arbeiterklasse in den entwickelten Ländern und die Befreiung der unterdrückten Völker vom Joch des Imperialismus sind unmöglich ohne die Bildung und Festigung einer gemeinsamen revolutionären Front." (Ebenda, S. 128.)

Diese grundlegenden Leitsätze des Leninismus erfordern, nicht einseitig eine dieser beiden Kräfte als den „Befreier" der anderen Kraft herauszustellen oder ein solches einseitiges Verhältnis zu unterstellen. Beide Kräfte, die Front im Mutterland des Imperialismus und die Front in seinem Hinterland, müssen in ihrem Zusammenhang propagiert, die Notwendigkeit ihres Bündnisses herausgestellt und betont werden. Es ist ganz und gar unnütz, ja sogar schädlich, Überlegungen zu provozieren, wer wem „die Befreiung bringt" oder welche Kraft prinzipiell die „größeren Beiträge" zur proletarischen Weltrevolution leistet, denn diese Überlegungen können nur Selbstzufriedenheit der einen Seite und Geringschätzung der anderen Seite hervorrufen. Das Bündnis dieser beiden Kräfte der proletarischen Weltrevolution innerhalb des Ausbeutersystems des Imperialismus kann nur geschaffen werden, indem die jeweiligen Parteien der Arbeiterklassen dieser beiden Kräfte ihre proletarisch-internationalistische Erziehung — ihren besonderen ideologischen Feinden entsprechend - betreiben. Zudem muß Klarheit über den Verlauf der proletarischen Weltrevolution, über die Möglichkeit des Reißens des „schwächsten Kettenglieds" für jedes Land usw. geschaffen werden.

Über die erste dieser beiden Aufgaben schrieb Stalin, die Ansichten Lenins zitierend und zusammenfassend, in „Über die Grundlagen des Leninismus", daß folgende zweifache Erziehung im proletarischen Internationalismus nötig ist.

Für die Kommunistinnen und Kommunisten der Unterdrückernation stellte er als Aufgabe die Notwendigkeit

„eines hartnäckigen, ununterbrochenen, entschlossenen Kampfes gegen den Großmachtchauvinismus der ,Sozialisten' der herrschenden Nationen (England, Frankreich, Amerika, Italien, Japan usw.), die nicht gewillt sind, gegen ihre eigenen imperialistischen Regierungen zu kämpfen, nicht gewillt sind, den Kampf der unterdrückten Völker ,ihrer' Kolonien für die Befreiung von der Unterdrückung und für die staatliche Lostrennung zu unterstützen. Ohne diesen Kampf wäre es undenkbar, die Arbeiterklasse der herrschenden Nationen im Geiste des wahren Internationalismus, im Geiste der Annäherung an die werktätigen Massen der abhängigen Länder und der Kolonien, im Geiste der wirklichen Vorbereitung der proletarischen Revolution zu erziehen." (Ebenda, S. 129f.)

Die Kommunistinnen und Kommunisten der imperialistischen Länder haben es in diesem Kampf nicht leicht. Denn erstens stellt innerhalb der Arbeiterklasse die Arbeiteraristokratie eine soziale Basis des Großmachtchauvinismus dar und zweitens enthält die gesamte herrschende Ideologie in der kapitalistischen Gesellschaft eine Ideologie der chauvinistischen und rassistischen Überheblichkeit gegenüber allen unterdrückten Völkern. Die Kommunisten müssen die Arbeiterinnen und Arbeiter gegen diese Ideologie der herrschenden Klasse in den Kampf führen. Für die Kommunistinnen und Kommunisten der unterdrückten Nationen stellte Stalin die Aufgabe

„des Kampfes gegen die nationale Abgeschlossenheit, Beschränktheit und Isoliertheit der Sozialisten der unterdrückten Länder, die nicht über ihren nationalen Kirchturm hinaussehen wollen und den Zusammenhang zwischen der Befreiungsbewegung ihres Landes und der proletarischen Bewegung der herrschenden Länder nicht begreifen. Ohne diesen Kampf wäre es undenkbar, eine selbständige Politik des Proletariats der unterdrückten Nationen und seine Klassensolidarität mit dem Proletariat der herrschenden Länder im Kampf für den Sturz des gemeinsamen Feindes, im Kampf für den Sturz des Imperialismus durchzusetzen. Ohne diesen Kampf wäre der Internationalismus unmöglich. Das ist der Weg zur Erziehung der werktätigen Massen der herrschenden und der unterdrückten Nationen im Geiste des revolutionären Internationalismus." (Ebenda, S. 130f.)

Die Kommunistinnen und Kommunisten der kolonialen, halbkolonialen und abhängigen Länder haben es in diesem Kampf nicht leicht. Sie müssen im Kampf gegen Nationalismus aller Schattierungen[181] den berechtigten Haß gegen das „Ausländische" politisch erziehend auf ein revolutionäres Niveau heben, den Kampf gegen den ausländischen Imperialismus führen und die Unterstützung des Kampfes der Arbeiterinnen und Arbeiter der ausländischen imperialistischen Mächte herausstellen. So muß im Proletariat und unter den anderen Werktätigen der Nationalismus innerhalb der antiimperialistischen Bewegung bekämpft werden. Dies ist um so wichtiger, als dieser Nationalismus eine zentrale Waffe der herrschenden Cliquen dieser Länder ist, um die kämpfenden Massen ideologisch niederzuhalten und reaktionäre Ideologie zu verbreiten.

Diese ideologischen Aufgaben des Kampfes gegen Nationalismus aller Schattierungen gemäß der jeweiligen Bedingungen verknüpfen sich, wiewir im nächsten Abschnitt zeigen wollen, sehr eng mit der Aufgabe, wirklichKlarheit über die Unmöglichkeit der genauen Vorhersage des Gangsder Weltrevolution zu schaffen.

 

Das Reißen des schwächsten Kettengliedes und die fundamentalen Unterschiede zwischen dem Gang der Weltrevolution und dem Gang der Oktoberrevolution

 

Wir haben bereits eingangs betont, daß das imperialistische System als Ganzes objektiv reif dafür ist, daß in allen Länder, in den hochindustrialisierten, imperialistischen Länder wie in den kapitalistisch nicht oder wenig entwickelten Ländern, also den Kolonien und abhängigen Ländern, die Revolution ausbrechen und von der Partei des Proletariats zum Sieg geführt werden kann.

Wir hatten dargelegt, daß infolge des Gesetzes der ungleichmäßigen Entwicklung der kapitalistischen Länder die Revolution nicht in allen Ländern gleichzeitig siegen kann.

Im folgenden soll dieser Fragenkomplex in Hinblick auf die Spaltung der Welt in unterdrückende und unterdrückte Nationen und in Hinblick auf falsche Schemata über den Gang der proletarischen Weltrevolution dargelegt werden, um dann die Thesen der KP Chinas über den Gang der proletarischen Weltrevolution und ihre Thesen über die Rolle der nationalen Befreiungsbewegung abschließend zu untersuchen.

Wo wird die Kette des Imperialismus als nächstes reißen? fragte Stalin in „Über die Grundlagen des Leninismus". Betrachten wir zunächst gründlich seine Antwort, die sich direkt gegen den europäischen Chauvinismus richtet.

Stalin schreibt:

„Wiederum dort, wo sie am schwächsten ist. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Kette, sagen wir, in Indien reißen kann. Warum? Weil es dort ein junges, kämpferisches, revolutionäres Proletariat gibt, das einen Bundesgenossen hat wie die nationale Befreiungsbewegung, einen unzweifelhaft großen und unzweifelhaft ernst zu nehmenden Bundesgenossen. Weil der Revolution dort ein so allbekannter Gegner gegenübersteht wie der fremdländische Imperialismus, der jedes moralischen Kredits entbehrt und sich den allgemeinen Haß der unterdrückten und ausgebeuteten Massen Indiens zugezogen hat. Es ist auch durchaus möglich; daß die Kette in Deutschland reißen kann. Warum? Weil die, sagen wir, in Indien wirkenden Faktoren auch in Deutschland zu wirken beginnen, wobei selbstverständlich der gewaltige Unterschied im Entwicklungsniveau, der zwischen Indien und Deutschland besteht, dem Gang und Ausgang der Revolution in Deutschland seinen Stempel aufdrücken muß."

(Ebenda, S. 87.)

Stalin hebt hier hervor, daß unabhängig vom Stand der Produktivkräfte, den vorherrschenden Produktionsverhältnissen und von der Frage des Charakters der Revolution (die hier antiimperialistisch-demokratisch, da proletarisch sein wird), hier wie dort die Kette als nächstes reißen kann, wobei dies keine ökonomische Frage allein, sondern vor allem eine Frage des politischen Kräfteverhältnisses ist, eben die Frage der Stärke bzw. Schwäche des entsprechenden Kettenglieds in seiner Gesamtheit.

Die Opportunisten propagierten, daß die Kette zuerst dort reißen müsse, wo die Industrie am entwickeltsten ist, wo das Proletariat die Mehrheit bildet, wo es mehr „Kultur", wo es mehr „Demokratie" gibt.

Und Stalin antwortete ihnen:

„Die Kette der imperialistischen Front muß, als Regel, dort reißen, wo die Glieder der Kette am schwächsten sind, und keinesfalls unbedingt dort, wo der Kapitalismus am entwickeltsten ist und wo es soundso viel Prozent Proletarier, soundso viel Prozent Bauern gibt usw.

Deshalb kommt den statistischen Berechnungen über die prozentuale Stärke des Proletariats in den einzelnen Ländern bei der Lösung der Frage der proletarischen Revolution nicht jene hervorragende Bedeutung zu, die ihnen so gern von den Schriftgelehrten der II. Internationale beigemessen wurde, die den Imperialismus nicht begriffen haben und die Revolution wie die Pest fürchten." (Ebenda, S. 87f.)

Auch Bucharin hat diese Lenin-Stalinsche Theorie entstellt. Angeblich im Kampf gegen den europäischen Chauvinismus propagierten Bucharin und seine Anhänger auf einmal, daß das Gegenteil wahr sei: Zuerst in Asien und Afrika müsse angeblich die Revolution ausbrechen, denn dort sei ja... „die Volkswirtschaft am schwächsten". Beriefen sich die Kautskyaner auf die Stärke der Produktivkräfte, so beriefen sich die Bucharin-Leute auf die Schwäche der Produktivkräfte. Beiden gemeinsam ist die rein ökonomische Herangehensweise.[182] Stalin stellte auch gegenüber dieser Abweichung die Theorie des Leninismus

über das Reißen des schwächsten Kettenglieds klar:

„Auf keinen Fall darf man zwischen der These ,Die imperialistische Kette wird dort reißen, wo sie am schwächsten ist' und Bucharins These ,Die imperialistische Kette wird dort reißen, wo das Volkswirtschaftssystem am schwächsten ist' ein Gleichheitszeichen setzen. Warum? Weil im ersten Fall von der Schwäche der imperialistischen Kette gesprochen wird, die man zerreißen muß, das heißt von der Schwäche der imperialistischen Kräfte, während hier, bei Bucharin, von der Schwäche des Volkswirtschaftssystems eines Landes die Rede ist, welches (d. h. das Land) die Kette des Imperialismus zerreißen soll, das heißt von der Schwäche der antiimperialistischen Kräfte. Das ist durchaus nicht ein und dasselbe. Mehr noch, das sind zwei entgegengesetzte Thesen. Nach Bucharin wäre es so, daß die imperialistische Front dort reißt, wo das Volkswirtschaftssystem am schwächsten ist. Das stimmt natürlich nicht. Wenn das richtig wäre, hätte die proletarische Revolution irgendwo in Zentralafrika begonnen und nicht in Rußland. In dem Artikel ‚Abriß zur Einführung in den Leninismus' wird aber etwas der These Bucharins direkt Entgegengesetztes gesagt, nämlich, daß die imperialistische Kette dort reißt, wo sie (die Kette) am schwächsten ist. Und das ist völlig richtig. Die Kette des Weltimperialismus reißt ja gerade deshalb in dem gegebenen Lande, weil sie (die Kette) im gegebenen Augenblick gerade in diesem Lande am schwächsten ist. Sonst würde sie ja nicht reißen. Sonst hätten die Menschewiki recht in ihrem Kampf gegen den Leninismus.

Wodurch aber wird die Schwäche der imperialistischen Kette in dem gegebenen Lande bestimmt? Dadurch, daß die industrielle Entwicklung und die Kultiviertheit dieses Landes ein gewisses Minimum erreicht hat. Dadurch, daß es hier ein gewisses Minimum an Industrieproletariat gibt. Durch den revolutionären Geist des Proletariats und der proletarischen Avantgarde in diesem Lande. Dadurch, daß das Proletariat hier einen ernst zu nehmenden Verbündeten (zum Beispiel die Bauernschaft) hat, der fähig ist, im entschiedenen Kampf gegen den Imperialismus dem Proletariat zu folgen. Folglich durch das Zusammentreffen der Bedingungen, die die Isolierung und den Sturz des Imperialismus in diesem Lande unvermeidlich machen."

(Stalin: „Eine unerläßliche Richtigstellung", 1929, Werke Band 12, S. 122f. Hervorhebungen im Original.)

In dieser Ausführung Stalins wird deutlich, daß zwar im gewissen Rahmen objektive Faktoren zur Bestimmung eines „schwächsten Kettengliedes" unerläßlich sind (etwa ein gewisses Minimum an Industrie und der Arbeiterklasse), daß aber in diesem Rahmen dann gerade auch subjektive Faktoren voll zur Geltung kommen (etwa der revolutionäre Geist des Proletariats und seiner Avantgarde). Insgesamt gesehen kann eben die Frage, wo die Kette des Imperialismus als nächstes reißen wird, nicht allein und nicht vorrangig nach objektiven und ökonomischen Faktoren analysiert werden, sondern nur, wie Stalin sagt, durch die vollständige Berücksichtigung aller Faktoren, objektiver und subjektiver.

 

Der Kampf Lenins und Stalins gegen das pseudorevolutionäre „Europäertum" Trotzkis

 

Es gab, wie wir schon gezeigt haben, eine konkrete — wie sich herausstellte, falsche - Einschätzung der Lage direkt nach der Oktoberrevolution, daß die Revolution als nächstes zunächst in westeuropäischen Ländern siegen würde und somit die wichtigen imperialistischen Großmächte Europas an der Wurzel liquidiert würden

Lenin und Stalin korrigierten diese zeitweilige Einschätzung, aber sie hatten von vornherein aus dieser Einschätzung kein Schema für die proletarische Weltrevolution entwickelt, etwa nach dem Motto: Erst müsse sich Europa befreien, dann der Rest der Welt oder sogar „dadurch" werde der Rest der Welt „befreit".

Anders dagegen Trotzki und Konsorten.

Trotzki war noch 1919 ein in der kommunistischen Weltbewegung höchst einflußreicher Führer. Auch er propagierte die - falsche - Einschätzung, daß nach der Oktoberrevolution in Europa die Weltrevolution fortgesetzt werde. Im Unterschied zu Lenin und Stalin übte er aber später nicht nur keine Selbstkritik bzw. korrigierte seine Ansichten nicht, sondern er hat aus dieser konkreten Einschätzung eine ganze Theorie gemacht, die bereits in der von ihm verfaßten Resolution auf dem I. Weltkongreß der KI enthalten ist und die Trotzki später mit weitreichenden Folgen ausbaute. Trotzki schrieb im von ihm verfaßten „Manifest der Kommunistischen Internationale an das Proletariat der ganzen Welt", das auf dem I. Weltkongreß der Komintern verabschiedet wurde. „Die Befreiung der Kolonien ist nur zusammen mit der Befreiung der Arbeiterklasse der Metropolen möglich. Die Arbeiter und Bauern nicht nur von Annam, Algier, Bengalien, sondern auch von Persien und Armenien erhalten die Möglichkeit einer selbständigen Existenz erstdann, wenn die Arbeiter Englands und Frankreichs Lloyd George und Clemenceau gestürzt und die Staatsmacht in ihre Hände genommen haben."

Und Trotzki fährt fort:

„Kolonialsklaven Afrikas und Asiens!

Die Stunde der proletarischen Diktatur in Europa wird auch die Stunde Eurer Befreiung sein."[183]

In dieser agitatorischen und zugleich theoretischen Passage wird unserer Meinung nach ein ganz bedeutender Fehler Trotzkis sichtbar:

Trotzki hebt völlig einseitig hervor, daß eine Kraft der proletarischen Weltrevolution, das Proletariat Europas, eine andere Kraft der proletarischen Weltrevolution, die Völker der Kolonien, befreien soll und wird. Gleichzeitig wird sichtbar, daß Trotzki eine Revolution in Europa en bloc für möglich, ja für den Weg überhaupt hält. Einige Überlegungen zeigen jedoch, daß all diese hier von Trotzki knapp theoretisch und agitatorisch zusammengefaßten Gedanken fundamental falsch sind.

1. Die These Trotzkis, daß Völker ihre Befreiung aus der Hand anderer Völker erhalten, ist völlig unvereinbar mit den Lehren des wissenschaftlichen Kommunismus über die maßgebliche Rolle der Arbeiterklasse eines jeden Landes bei der Führung der Revolution und völlig unvereinbar mit den Prinzipien des proletarischen Internationalismus. Selbst wenn also wirklich, wie Trotzki propagierte, eine gleichzeitige Revolution in allen imperialistischen Metropolen möglich wäre, wäre dies zwar eine riesige Erleichterung für die Revolution in den Kolonien und abhängigen Ländern, könnte aber keinesfalls die Aufgabe der eigenen Revolution, der Schaffung der eigenen Volksmacht usw. in diesen Ländern ersetzen.

Diese These Trotzkis ist also grundlegend gegen die Idee des Bündnisses der Völker im allgemeinen und des Bündnisses des Proletariats der kapitalistischen Länder mit den unterdrückten Völkern im besonderen, grundlegend gegen die Idee der Errichtung des Weltkommunismus als Produkt des Zusammenschlusses gleichberechtigter Völker unter Führung der Arbeiterklasse gerichtet.

Die leninistische These, daß ohne Bündnis mit dem Proletariat der kapitalistischen Länder die Revolution in den Kolonien und abhängigen Ländern nicht siegen kann, wird direkt verfälscht, indem Trotzki vom Sieg der Revolution des Proletariats der kapitalistischen Länder als Voraussetzung für den Sieg in den Kolonien ausgeht. Diese Idee Trotzkis ist Produkt eines konterrevolutionären europäischen Chauvinismus, wie er in der II. Internationale Kautskys üblich war.

2. Diese Idee Trotzkis ist darüber hinaus fundamental gegen den Leninismus gerichtet, der besagt, daß infolge des Wirkens des Gesetzes von der ungleichmäßigen Entwicklung der kapitalistischen Länder die proletarische Revolution nicht gleichzeitig in allen Ländern Europas ausbrechen wird. Siegt die proletarische Revolution aber in einem imperialistischen Land Europas, beseitigt die proletarische Revolution in einer imperialistischen Großmacht die Ausbeutung und Unterdrückung in den ehemals von ihr abhängigen Ländern, so bedeutet dies keinesfalls die „Befreiung dieser Völker", die ohne eigene Revolution notwendigerweise unter die Vorherrschaft einer anderen imperialistischen Großmacht geraten werden, in der die proletarische Revolution noch nicht gesiegt hat.

3. Außerdem ist die ganze Anlage dieser These so, daß nicht nur im Proletariat Europas Überheblichkeit als „Befreier" anderer Völker geschürt wird, sondern auch eine ganz falsche Vorstellung vom Gang der proletarischen Weltrevolution.

Die These Trotzkis propagiert eben eindeutig, daß zuerst die Revolution in Europa ausbricht, wobei bei Trotzki dann dadurch auch gleiche alle anderen Probleme, wie die Befreiung der unterdrückten Völker, gelöst scheinen.[184] Die Möglichkeit des Reißens eines „schwächsten Kettengliedes" in den unterjochten Nationen wird überhaupt nicht in Erwägung gezogen. Eine Rückwirkung des Kampfes der unterdrückten Völker auf Europa wird zudem in dem erwähnten „Manifest" gar nicht in Betracht gezogen.

Wenn die ideologische Quelle dieser Auffassung Trotzkis offensichtlich die verfaulte Sozialdemokratie Westeuropas war, so gibt es jedoch auch eine gefährliche theoretische Quelle, wenn das Beispiel der Oktoberrevolution nicht im Hinblick auf seine grundlegenden Erfahrungen, sondern in bezug auf seine Besonderheiten auf unzulässige Weise verallgemeinert wird.

Der Sieg der Oktoberrevolution führte zur Anerkennung, daß der Weg der Oktoberrevolution in allen wesentlichen Fragen Wegweiser für alle Länder ist. Dennoch ist der Weg der Oktoberrevolution auch mit einigen Besonderheiten verbunden, die nicht auf alle anderen Länder übertragen werden können.

Vor allem aber muß hier betont werden, daß der Leninismus die Theorie der Oktoberrevolution nicht gleichsetzt mit der Theorie der Weltrevolution, daß es zwischen der Theorie der Oktoberrevolution als der Revolution in einem Land und der Theorie der proletarischen Weltrevolution zwar viele Gemeinsamkeiten gilt, aber gerade in bezug auf ihren Gang auch eine Fülle von wesentlichen Unterschieden.

Die uns hier interessierende Frage des Verhältnisses von unterdrückten Nationen zu unterdrückenden Nationen zeigt die Bedeutung dieser Unterscheidung. Die Oktoberrevolution war zunächst und vor allem die Revolution des Proletariats Rußlands in den Industriezentren, erst dann entwickelte sie sich auf dem Dorf und führte zur Befreiung der vom Zarismus unterdrückten nichtrussischen Völker und Nationalitäten. Der dann in der Sowjetunion erreichte geschwisterliche Zusammenschluß der ehemals unterdrückenden russischen Nation mit den ehemals unterdrückten Völkern war und bleibt ein großes Vorbild für die weltweite Aufgabe des Zusammenschlusses aller befreiten Völker nach Errichtung der Diktatur des Weltproletariats auf dem Weg zum Weltkommunismus. Dies zu propagieren bedeutet jedoch nicht- und hier setzt die Demagogie Trotzkis an -, auch den Gang, die Reihenfolge der Befreiung der Völker in Rußland schematisch auf die proletarische Weltrevolution zu übertragen und etwa „als Weg der Oktoberrevolution" auszugeben, daß angeblich „zuerst in ganz Europa", also den Industriezentren, die proletarische Diktatur errichtet werden müsse und erst dann (oder gar dadurch) die unterdrückten Nationen befreit werden könnten.

An diesem Punkt zeigt sich beim Studium der Werke Lenins und Stalins insbesondere aus der Zeit nach dem Sieg der Oktoberrevolution deutlich, daß in dieser Hinsicht der Weg der Oktoberrevolution nicht identisch ist mit dem Weg der proletarischen Weltrevolution. (Ebensowenig, wollen wir hier schon etwas vorwegnehmend bemerken, wie etwa die Wege der chinesischen oder albanischen Revolution in dieser und auch anderer Hinsicht identisch sind mit dem Weg der proletarischen Weltrevolution, da man den Weg der Revolution in einem Land eben grundsätzlich nicht als Vorbild für den Weg der Weltrevolution verwenden kann)

Gegen alle schematischen Übertragungen, gegen jede Form des europäischen Chauvinismus und gegen jede Unterschätzung der wahren Rolle der revolutionären nationalen Befreiungsbewegungen führten Lenin und Stalin einen erbitterten Kampf, der oft „zitiert", aber vielleicht noch öfter, ohne diesen Zusammenhang zu kennen, lediglich als bloße „Aufwertung der revolutionären nationalen Befreiung" propagiert wurde. Wir meinen, daß es um so dringender ist, sich möglichst tiefgehend in die nachfolgend zitierten Passagen aus den Werken Lenins und Stalins hineinzudenken, um die Frage des Verhältnisses des Proletariats der kapitalistischen Länder und der unterdrückten Völker, ihre jeweilige Rolle innerhalb des Prozesses der proletarischen Weltrevolution genau zu verstehen.

 

Der Kampf Lenins und Stalins gegen den europäischen Chauvinismus

 

Die Bolschewiki kämpften bereits vor dem Sieg der Oktoberrevolution energisch gegen den europäischen Chauvinismus, der die proletarische Revolution in Rußland abhängig machen wollte nicht vom Bündnis mit dem Proletariat Westeuropas, sondern vom Sieg der Revolution in Westeuropa.

Stalin erklärte gegenüber dem Trotzkisten Preobrashenski im Juli 1917 auf dem VI. Parteitag der KPdSU(B):

„Man muß die überlebte Vorstellung fallenlassen, daß nur Europa uns den Weg zeigen könne."

(Stalin: „Reden auf dem VI. Parteitag der SDAPR (Bolschewiki)", 1919, Werke Band 3, S. 173.)

Nach dem Sieg der Oktoberrevolution verschärfte Lenin die Polemik gegen den europäischen Chauvinismus, wie er sich nun vor allem in der Geringschätzung der antiimperialistisch-demokratischen Befreiungsbewegungen zeigte. Lenin verwies darauf, daß die gewaltige Bevölkerung Asiens und Afrikas nun in die internationale Revolution hineingezogen wurde und spottete über

„das alte bürgerliche und imperialistische Europa, das daran gewöhnt ist, sich für den Nabel der Welt zu halten..." (Lenin: „Zum zehnjährigen Jubiläum der .Prawda'", 1922, Werke Band 33, S. 335f.)

Lenin amüsierte sich über die „superklugen" Führer der II. und II1/2. Internationale, die sofort gegen die Einbeziehung der unterdrückten Völker als Kräfte der Weltrevolution orakelten,

„bei dieser Rechnung sei das Proletariat Europas und Amerikas in die revolutionären Kräfte nicht einbezogen". (Ebenda, S. 337.)

Lenin beschäftigte sich in seinem letzten Artikel vor seinem Tod „Lieber weniger, aber bessert" mit der Situation, in der offensichtlich die Sowjetunion nicht mit unmittelbarer Hilfe durch den Sieg der proletarischen Revolution in den Ländern Europas rechnen konnte, und stellte dann die Frage, ob sich die Sowjetunion halten kann, ob überhaupt angesichts des Zurückbleibens der proletarischen Bewegung des Westens der endgültige Sieg über den Weltimperialismus gesichert ist. Lenin antwortete wie folgt:

„Diese Frage, scheint mir, wird dahin zu beantworten sein, daß die Entscheidung hier von allzu vielen Umständen abhängt und der Ausgang des Kampfes sich im großen und ganzen nur auf der Grundlage voraussehen läßt, daß die gigantische Mehrheit der Erdbevölkerung schließlich durch den Kapitalismus selbst für den Kampf geschult und erzogen wird. Der Ausgang des Kampfes hängt in letzter Instanz davon ab, daß Rußland, Indien, China usw. die gigantische Mehrheit der Erdbevölkerung stellen. Gerade diese Mehrheit der Bevölkerung wird denn auch in den letzten Jahren mit ungewöhnlicher Schnelligkeit in den Kampf um ihre Befreiung hineingerissen, so daß es in diesem Sinne nicht den geringsten Zweifel darüber geben kann, wie die endgültige Entscheidung des Kampfes im Weltmaßstab ausfallen wird. In diesem Sinne ist der endgültige Sieg des Sozialismus vollständig und unbedingt gesichert."

(Lenin: „Lieber weniger, aber besser", Werke Band 33, S. 488.)

Betrachten wir einige Aspekte in diesem Zitat etwas genauer. Lenin spricht davon, daß „in letzter Instanz" der endgültige Sieg des Sozialismus durch die Teilnahme der Mehrheit der Erdbevölkerung, der Völker des Ostens, die in den Kampf um ihre Befreiung hineingerissen werden, gesichert ist. Diesen Gedanken könnte man unserer Ansicht nach so verdeutlichen: Gegenüber stehen sich die bis an die Zähne bewaffneten Imperialisten und das Proletariat der kapitalistischen Länder. Den Imperialisten gelingt es jedoch, den Kampf des Proletariats zu sabotieren, da sie in der „übrigen Welt" große Reserven haben, dort Extraprofite herauspressen, mit denen sie sich Bewegungsfreiheit verschaffen, ökonomisch gewisse Möglichkeiten erhalten, einige Reförmchen durchzuführen, einen Teil der Arbeiterklasse zu bestechen.

Wie wird es nun weitergehen? Wird diese Reserve der Imperialisten nicht den Kampf des Proletariats aussichtslos machen, da es nur auf sich gestellt ist?

Der Leninismus antwortet entschieden mit Nein. Bei dieser Reserve des Imperialismus handelt es sich um unterdrückte Völker, die gesetzmäßig in den Strudel des Weltkapitalismus hineingezogen werden und die die Mehrheit der Weltbevölkerung ausmachen. Sie werden im revolutionären Kampf durch die gesamte Weltentwicklung geschult und daher, wie Stalin sagt, sich aus einer Reserve des Imperialismus in eine Reserve des internationalenProletariats verwandeln. Die scheinbar für das internationale Proletariat nicht sehr günstige, ja hoffnungslose Situation wird durch den revolutionären Sturm der unterdrückten Völker ins Gegenteil verkehrt. Die Revolutionen der unterdrückten Völker beflügeln das Proletariat der kapitalistischen Länder und untergraben das Hinterland des Weltimperialismus, aus dem er Kraft zog und Extraprofite gewann, mit deren Hilfe er die Arbeiteraristokratie bestechen und die proletarische Weltrevolution unterminieren und unterdrücken konnte. Somit werden dem Imperialismus seine umfangreichsten Reserven geraubt und wird ihm damit ein entscheidender Schlag versetzt, so daß der weltweite Kampf dadurch in letzter Instanz entschieden wird.

Unserer Meinung nach ist in den Aussagen auch enthalten, daß die proletarische Weltrevolution zunächst als Kampf vor allem einer im Weltmaßstab gesehen kleinen Avantgarde begonnen hat, daß aufgrund der „Extraprofite" und des Verrats der II. Internationale ein nicht unwesentlicher Teil des Proletariats des Westens zunächst von der proletarischen Weltrevolution ferngehalten werden kann, dies aber alles „in letzter Instanz" dem Weltimperialismus nicht wirklich helfen wird.[185]

Denn die revolutionären Proletarier aller Länder, die Kräfte der proletarischen Weltrevolution haben eine Reserve, die unweigerlich „in letzter Instanz" - vereinigt mit allen anderen revolutionären Kräften - zum Sieg der proletarischen Weltrevolution führen muß. Natürlich geht es Lenin hier darum, jenen Opportunisten eine kräftige Ohrfeige zu erteilen, die die Bedeutung dieser sich erst entfaltenden gigantischen Kraft ignorieren und noch die Illusion eines raschen Siegs in Europa haben.

In einer anderen Schrift, in der Lenin die Lage in der Welt für die Aufgabenbestimmung der Völker des Ostens betrachtet, geht es im Kern um dieselbe Frage:

„Gestatten Sie mir, zum Schluß darauf einzugehen, wie sich die Situation für die Nationalitäten des Ostens gestaltet. Sie sind Vertreter der kommunistischen Organisationen und der kommunistischen Parteien der verschiedenen Völker des Ostens. Ich möchte sagen: Wenn es den russischen Bolschewiki gelungen ist, in den alten Imperialismus eine Bresche zu schlagen und die überaus schwierige, aber auch sehr ehrenvolle Aufgabe zu übernehmen, der Revolution neue Wege zu bahnen, so haben Sie, die Vertreter der werktätigen Massen des Ostens, eine noch großartigere und noch neuartigere Aufgabe zu lösen. Es wird immer klarer, daß die über der ganzen Welt heraufziehende sozialistische Revolution keinesfalls nur in dem Sieg des Proletariats eines jeden Landes über die eigene Bourgeoisie bestehen wird. Das wäre möglich, wenn die Revolutionen leicht und rasch vonstatten gingen. Wir wissen aber, daß die Imperialisten das nicht zulassen werden, daß alle Länder gegen ihren inneren Bolschewismus gerüstet und nur mit dem Gedanken beschäftigt sind, wie sie den Bolschewismus bei sich zulande besiegen können. Deshalb reift in jedem Land der Bürgerkrieg heran, an dem die alten sozialistischen Paktierer an der Seite der Bourgeoisie teilnehmen sollen. Somit wird die sozialistische Revolution nicht nur und nicht hauptsächlich ein Kampf der revolutionären Proletarier eines jeden Landes gegen die eigene Bourgeoisie sein, nein, sie wird ein Kampf aller vom Imperialismus unterdrückten Kolonien und Länder, aller abhängigen Länder gegen den internationalen Imperialismus sein.[186] In dem im vergangenen März angenommenen Programm unserer Partei heißt es an der Stelle, wo wir vom Herannahen der sozialen Weltrevolution sprechen, daß sich der Bürgerkrieg der Werktätigen gegen die Imperialisten und Ausbeuter in allen fortgeschrittenen Ländern mit dem nationalen Krieg gegen den internationalen Imperialismus zu vereinigen beginnt. Das bestätigt der Gang der Revolution, das wird sich im weiteren Verlauf immer mehr bestätigen. Das gleiche werden wir auch im Osten erleben."

(Lenin: „Referat auf dem II. gesamtrussischen Kongreß der kommunistischen Organisationen der Völker des Ostens", 1919, Werke Band 30, S.143f.)

Lenin polemisiert hier gegen die Vorstellungen, daß die Weltrevolution „leicht und rasch" vorangehen würde. Diese Polemik wurde um so dringender, als offensichtlich in zweifacher Hinsicht die Vorstellung der blitzsauberen Erledigung der proletarischen Weltrevolution durch eine proletarische Revolution in Europa Unsinn war:

• Zum einen richtet sich Lenins Polemik gegen die Verabsolutierung einer Kraft, nämlich des Proletariats Europas. Das richtet sich deutlich gegen die bereits kritisierte europäisch-chauvinistische These Trotzkis, daß das Proletariat Europas angeblich die Völker der Kolonien befreien würde.

• Zum anderen polemisiert er gegen die völlig falsche Verabsolutierung des proletarischen Charakters der Weltrevolution im Sinne einer Leugnung der Möglichkeit, daß noch nicht sozialistische, revolutionäre Kräfte Teilnehmer der proletarischen Weltrevolution sein können. Lenin spricht davon, daß sich in der Perspektive der „sozialen Weltrevolution" eben „der Bürgerkrieg der Werktätigen gegen die Imperialisten und Ausbeuter in allen fortgeschrittenen Ländern mit den nationalen Krieg gegen den internationalen Imperialismus zu vereinigen beginnt".

 

Konzentration des ideologischen Kampfes auf die Herstellung eines Bündnisses des Proletariats der kapitalistischen Länder mit den unterdrückten Völkern

 

Wie im letzten Teil des angeführten Zitats sichtbar wird, zielt Lenin nicht auf die „Erhöhung" der einen Kraft gegenüber der anderen ab, schon gar nicht spricht er vom Charakter der proletarischen Weltrevolution, sondern es geht ihm um den Gang der proletarischen Weltrevolution, um die Vereinigung der beiden genannten Kräfte und um die Beseitigung eines ideologischen Hindernisses für diese Vereinigung, nämlich der Vorstellung, daß eine Kraft allein (eben das Proletariat vor allem der fortgeschrittenstenLänder, in denen der Kampf gegen die „eigene" Bourgeoisie, eben die proletarische Revolution ansteht) die „hauptsächliche Kraft" sei.

Es widerspricht völlig dem Ziel Lenins - nämlich der Propagierung eines Bündnisses zwischen diesen Kräften, das auf dem langwierigen Weg der proletarischen Weltrevolution unbedingt nötig ist —, eine Kraft der proletarischen Weltrevolution einseitig zur „hauptsächlichen Kraft" zu erklären.

Wenn Lenin also den Kampf des Proletariats gegen die eigene Bourgeoisie so einschätzt, daß er für den Verlauf der proletarischen Weltrevolution „nicht hauptsächlich" sei, so folgt hieraus weder formallogisch noch aus dem ganzen Textzusammenhang, daß Lenin damit die nationalen Befreiungsbewegungen als „hauptsächliche Kraft" herausstellen will.

Keine dieser beiden Bewegungen ist allein die „hauptsächliche Kraft", beide müssen sich zusammenschließen, auf dem langen Weg der proletarischen Weltrevolution sind beide Bewegungen unverzichtbar.

Der Sinn und Zweck der Polemik Lenins in dieser Frage war es, alles zu bekämpfen, was einem Bündnis dieser Kräfte der proletarischen Weltrevolution im Weg steht.[187]

Von Bedeutung ist in diesem Zusammenhang auch die Schrift Stalins „Über die revolutionäre Bewegung im Osten", ein Interview mit einem japanischen Journalisten, in der Stalin die riesige Bedeutung der Völker des Ostens für die proletarischen Weltrevolution betont, die Frage der unterschiedlichen Kräfte dieser proletarische Weltrevolution erklärt, aber auch als sozusagen notwendige Ergänzung zum Kampf gegen den europäischen Chauvinismus gegen eine Mentalität des asiatischen Chauvinismus Stellung bezieht, und vor allem genau wie Lenin das Bündnis der unterdrückten Völker mit dem Proletariat der kapitalistischen Länder propagiert. Stalin sagte über die Bedeutung der Kämpfe der revolutionären Völker des Ostens:

„Sie fragen, ob ich nicht der Ansicht sei, daß das Erstarken der revolutionären Bewegung in China, Indien, Persien, Ägypten und anderen Ländern des Ostens ein Vorzeichen dafür sei, daß die Zeit nahe ist, da für die Westmächte die Grube, die sie sich im Osten selbst gegraben haben, ihr Grab sein wird. Ja, ich bin der Ansicht. Die Kolonialländer bilden das ausschlaggebende Hinterland des Imperialismus. Die Revolutionierung dieses Hinterlands muß den Imperialismus untergraben, nicht nur in dem Sinne, daß der Imperialismus sein Hinterland verlieren wird, sondern auch in dem Sinne, daß die Revolutionierung des Ostens einen entscheidenden Anstoß zur Verschärfung der revolutionären Krise im Westen geben muß. Von zwei Seiten angegriffen – sowohl vom Hinterland als auch von der Front her — wird der Imperialismus einsehen müssen, daß er dem Untergang geweiht ist."

(Stalin: „Über die revolutionäre Bewegung im Osten", 1925, Werke Band 7, S. 199f.)

Stalin hebt die Rückwirkung des Kampfes der Völker des Ostens als „einen entscheidenden Anstoß" zur Verschärfung der revolutionären Krise imWesten hervor und nicht als „den" entscheidenden Anstoß. Dies ist natürlichkein Zufall, sondern trägt der Tatsache Rechnung, daß es für die Verschärfungdieser Krise auch andere sehr wichtige Anstöße gibt.Stalin zieht aus der Kennzeichnung der Kolonialländer als „Hinterlanddes Imperialismus" und der Kennzeichnung der Länder des Westens als„Front" nicht den Schluß, daß die eine Kraft die „wichtigere", die „hauptsächlichere"sei, sondern legt die Betonung auf den gemeinsamen Kampf:Von zwei Seiten angegriffen, wird der Imperialismus unterliegen.Im selben Interview erklärt Stalin auch einem anderen Hindernis für dasgenannte Bündnis den Krieg, nämlich dem asiatischen Chauvinismus.

Es heißt im Interview:

„Sie fragen: Besteht nicht etwas Gemeinsames zwischen der Losung ,Asien den Asiaten' und der revolutionären Taktik der Bolschewiki in bezug auf die kolonialen Länder des Ostens? Sofern die Losung ,Asien den Asiaten' einen Aufruf zum revolutionären Krieg gegen den Imperialismus des Westens bedeutet, insofern - aber nur insofern - gilt es hier zweifellos etwas Gemeinsames. Die Losung ,Asien des Asiaten' umfaßt aber nicht nur diese Seite der Sache. Sie enthält noch zwei Bestandteile, die mit der Taktik der Bolschewik! gänzlich unvereinbar sind. Erstens umgeht man mit dieser Losung die Frage des östlichen Imperialismus gleichwie in der Annahme, daß der östliche Imperialismus besser sei als der westliche, daß man auf einen Kampf gegen den östlichen Imperialismus verzichten könne. Zweitens flößt man mit dieser Losung den Arbeitern Asiens das Gefühl des Mißtrauens gegen die Arbeiter Europas ein, entfremdet sie den europäischen Arbeitern, zerreißt die internationalen Bande zwischen ihnen und untergräbt somit die Grundlagen der Befreiungsbewegung selbst. Die revolutionäre Taktik der Bolschewik! ist nicht nur gegen den westlichen Imperialismus, sondern gegen den Imperialismus überhaupt, und somit auch gegen den östlichen gerichtet. Ihr Ziel besteht nicht darin, die internationalen Verbindungen zwischen den Arbeitern Asiens und den Arbeitern der europäischen und der amerikanischen Länder zu lockern, sondern darin, diese Verbindungen zu erweitern und zu festigen. Deshalb gibt es hier, wie Sie sehen, außer dem Gemeinsamen auch Punkte, wo die Losung ,Asien den Asiaten' und die bolschewistische Taktik im Osten radikal auseinandergehen."

(Stalin: „Über die revolutionäre Bewegung im Osten", 1925, Werke Band 7, S. 198f.)

In dieser Analyse Stalins ist als leninistischer Leitgedanke spürbar, nicht einen, sondern alle Imperialisten zu stürzen, dafür aber unter allen Umständen gegen alle ideologischen Gefahren und Abweichungen die Idee des internationalen Bündnisses der Kräfte der proletarischen Weltrevolution zu propagieren. So wie Lenin gegenüber den Arbeitern der kapitalistischen Länder hervorhob, daß die revolutionäre Bewegung in diesen Ländern „glatter Betrug" wäre ohne vollständigen Zusammenschluß mit den Völkern der Kolonien und abhängigen Länder[188], bekämpfte Stalin in anderem Zusammenhang jegliche Tendenz zur kontinentalen Abgeschlossenheit der Völker Asiens, jede Tendenz, die die schwierige, aber unbedingt notwendige Schaffung eines Bündnisses mit dem Proletariat der herrschenden Nationen behindern könnte.

Unserer Meinung nach handelt es sich im Programm der KI um eine sehr gut durchdachte Formulierung, die den Zweifrontenkampf gegen den Nationalismus berücksichtigt und die gleichzeitig die für den Charakter der proletarischen Weltrevolution entscheidende Betonung der Hegemonie des internationalen Proletariats enthält.

Dort heißt es:

„...der Klassenkampf streift die Form des isolierten Vorgehens einzelner Arbeitergruppen ab, wird zum nationalen Klassenkampf und schließlich zum internationalen Kampf des Weltproletariats gegen die Weltbourgeoisie. Gegen die machtvoll zusammengefaßten Kräfte des Finanzkapitals sammeln sich schließlich die zwei revolutionären Hauptkräfte: die Arbeiter der kapitalistischen Länder und die vom ausländischen Kapital geknebelten Volksmassen der Kolonien, die unter der Führung und Hegemonie der internationalen revolutionären proletarischen Bewegung marschieren."[189]

 

Zusammenfassung:

 

1. Die Tatsache der einheitlichen Weltwirtschaft ist die objektive ökonomische Wurzel des internationalen Charakters der Revolution.

2. Aus der Tatsache der überragenden Rolle des Weltproletariats, des Totengräbers des Kapitals, als Erbauer des Weltkommunismus, das im Mittelpunkt unserer Epoche steht, ergibt sich der proletarische Charakter der Weltrevolution, die Führung durch das internationale Proletariat und gegebenenfalls die Unterordnung aller Teile der proletarischen Weltrevolution unter die Sache des internationalen Proletariats, die Sache des Weltkommunismus.

3. Aus der Tatsache des Wirkens des Gesetzes der ungleichmäßigen Entwicklung des Kapitalismus und der von ihm abhängigen Länder ergibt sich die Ungleichzeitigkeit der Revolution in den einzelnen Ländern, wobei kein „Plan", keine Vorhersage, kein Schema „erst Europa, dann die anderen Länder", kein Schema: „erst die kapitalistisch schwach entwickelten Länder, dann Europa" richtig ist, da die Kette des Weltimperialismus überall reißen kann und das Proletariat eines jeden Landes nicht „abwarten" darf, sondern sich allseitig auf die Schaffung der nötigen Bedingungen für den Sieg der Revolution vorbereiten muß und kann. Der Leninismus ist ein Feind jeglicher Theorien des „Abwartens".

4. Aus der Spaltung der Welt in unterjochte und unterjochende Nationen ergibt sich die Existenz zweier Hauptkräfte der proletarischen Weltrevolution innerhalb des direkten Einflußbereiches des Weltimperialismus und die Notwendigkeit des engen Bündnisses zwischen proletarischer Revolution in den kapitalistischen Ländern bzw. dem Proletariat dieser Länder einerseits und der antiimperialistisch-demokratischen Bewegung bzw. den unterdrückten Völkern in den Kolonien und abhängigen Ländern andererseits, wobei alles bekämpft werden muß, was dieses Bündnis für die proletarische Weltrevolution behindert, diese Kräfte gegeneinander ausspielt, statt sie zu vereinigen. zurück

 

e) Die Konzeption der KP Chinas über den Verlauf der proletarischen Weltrevolution und über die Rolle der nationalen Befreiungsbewegungen widerspricht dem Leninismus

 

Betrachten wir nun, ob die KP Chinas ihren Kampf gegen den europäischen Chauvinismus im Rahmen der Theorie, des Programms und der strategischen Hauptgesichtspunkte der proletarischen Weltrevolution geführt hat, so wie sie von Lenin und Stalin entwickelt und verteidigt wurden. Punkt 8 des „25-Punkte-Vorschlags" der KP Chinas beginnt mit einer Passage über die Rolle der nationalen Befreiungsbewegung: „In den weiten Gebieten Asiens, Afrikas und Lateinamerikas konzentrieren sich die verschiedenen Arten von Widersprüchen in der gegenwärtigen Epoche, hier sind die schwächsten Kettenglieder in der Herrschaft des Imperialismus, hier sind heute die wichtigsten Sturmzentren der Weltrevolution, wo dem Imperialismus direkte Schläge versetzt werden.

Die national-demokratische revolutionäre Bewegung in diesen Gebieten und die internationale sozialistische revolutionäre Bewegung sind die zwei gewaltigen historischen Strömungen unserer Zeit."

(„25-Punkte-Vorschlag", S. 14. Siehe S. 566.)

Völlig richtig war als aktuelle Einschätzung die Feststellung „hier sind die schwächsten Kettenglieder in der Herrschaft des Imperialismus, hier sind heute die wichtigsten Sturmzentren der Weltrevolution, wo dem Imperialismus direkte Schläge versetzt werden".

Tatsächlich war es so, daß sich in den sechziger Jahren verschiedene revolutionäre Befreiungsbewegungen in Asien, Afrika und Lateinamerika kraftvoll entwickelten, während die revolutionäre Arbeiterbewegung in den imperialistischen Ländern, vor allem infolge der Auswirkungen des Verrats der modernen Revisionisten, sehr stark zurückgegangen war.[190] Wir erinnern beispielsweise an die Befreiungskriege in Vietnam sowie dann auch in Laos und Kampuchea, an die Befreiungskriege in Angola, Mocambique, Zimbabwe, bewaffnete Befreiungsbewegungen in Kolumbien, auf den Philippinen usw. Diese bewaffneten Kämpfe unter Teilnahme und mit Unterstützung von Millionen von Ausgebeuteten und Unterdrückten dieser Länder bestätigten voll und ganz, was bereits Lenin über die große Rolle des Kampfes der unterjochten Völker gegen den Imperialismus gesagt hatte, und es war insofern richtig und notwendig, daß die KP Chinas diese große Rolle gegen die modernen Revisionisten betonte, welche darüber ein konterrevolutionäres Wutgeheul anstimmten.

Unklarheit schafft allerdings die Verwendung des Begriffs „Epoche" in diesem Zusammenhang, da die Einschätzung der Lage Jetzt" eigentlich nur eine gewisse Phase innerhalb der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution betreffen kann.[191]

Auf die nicht korrekte Formulierung von den „zwei gewaltigen historischen Strömungen unserer Zeit" werden wir zurückkommen.

Im Kommentar „Die Verfechter des neuen Kolonialismus" heißt es im Abschnitt „Die Gebiete, in denen sich die Widersprüche in der heutigen Welt konzentrieren", nachdem die oben genannten Passagen des „25-

Punkte-Vorschlags" zitiert wurden, erläuternd:

„Niemand kann bestreiten, daß jetzt in Asien, Afrika und Lateinamerika eine äußerst günstige revolutionäre Lage vorherrscht. Die nationalen Befreiungsrevolutionen in Asien, Afrika und Lateinamerika sind augenblicklich die wichtigsten Kräfte, die dem Imperialismus direkte Schläge versetzen. Asien, Afrika und Lateinamerika sind Gebiete, in denen sich die Widersprüche der Welt konzentrieren. Das Zentrum der globalen Widersprüche, das Zentrum der politischen Kämpfe in der Welt ist nicht unveränderlich, es verschiebt sich mit den Wandlungen im internationalen Kampf und in der revolutionären Situation. Wir sind überzeugt, daß durch die Entwicklung der Widersprüche und der Kämpfe zwischen Proletariat und Bourgeoisie in Westeuropa und Nordamerika, den Entstehungszentren des Kapitalismus und dem Herzland des Imperialismus, eines Tages doch die große Stunde des gewaltigen Ringens schlagen wird. In jenem Augenblick werden Westeuropa und Nordamerika zweifellos zu Zentren der politischen Kämpfe der Welt werden, zu Zentren der globalen Widersprüche." („Polemik", S. 226f.)

Auch dies ist völlig richtig als Einschätzung der aktuellen Situation, ,jetzt", der Frage, welches „augenblicklich die wichtigsten Kräfte" waren, „die dem Imperialismus direkte Schläge versetzen". Wir betonen und verteidigen das gegen den Chruschtschow-Revisionismus ausdrücklich. Im Kampf gegen den modernen Revisionismus geht es aber nicht nur und nicht in erster Linie um den Streit, wie die Lage aktuell einzuschätzen ist, sondern vor allem um die grundlegende Einschätzung, um das Konzept, letztendlich um die prinzipiellen Perspektiven der proletarischen Weltrevolution.

Über die weitere Perspektive schreibt die KP Chinas, daß „...in Westeuropa und Nordamerika ... eines Tages doch die große Stunde des gewaltigen Ringens schlagen wird. In jenem Augenblick werden Westeuropa und Nordamerika zweifellos zu Zentren der politischen. Kämpfe der Welt werden, zu Zentren der globalen Widersprüche." Damit wird aber nicht nur als aktuelle Einschätzung, sondern als längerfristige Perspektive ein vorhersehbares Hintereinander behauptet: Erst werden Revolutionen in den vom Imperialismus abhängigen Ländern siegen, dann wird die Revolution auch in den imperialistischen Ländern siegen. Das aber widerspricht den Grundlagen des Leninismus, wonach eine solche Reihenfolge nicht festlegbar ist, da durch das Wirken und die Verschärfung der grundlegenden Widersprüche des Imperialismus im Weltmaßstab jedes Land, unabhängig von seiner Stellung im imperialistischen Weltsystem, seinem ökonomischen Entwicklungsgrad usw. zu einem schwächsten Kettenglied werden kann. Unsere Sympathie und Unterstützung für die aktuellen Einschätzung der KP Chinas damals gegen die Chruschtschow-Revisionisten enthebt uns also nicht der Verpflichtung, falsche programmatische Positionen der KP Chinas unter prinzipiell-theoretischen Gesichtspunkten zu analysieren.

 

Eine neue Epoche?

 

In den Passagen des „25-Punkte-Vorschlags" ist von der „gegenwärtigen Epoche" die Rede, in der sich die Widersprüche in Asien, Afrika und Lateinamerika konzentrieren.

Offensichtlich in Anlehnung an das Kapitel „Die historischen Wurzeln des Leninismus" in „Über die Grundlagen des Leninismus" von Stalin, in dem die wichtigsten Widersprüche des Imperialismus dargestellt werden und Stalin zeigt, daß Rußland zum „Knotenpunkt" aller dieser Widersprüche geworden war, propagiert die KP Chinas, daß sich „heute", in der „gegenwärtigen Epoche", die verschiedenen Arten von Widersprüchen nicht in einem Land, sondern in den genannten drei Kontinenten konzentrieren. Offensichtlich ist mit der „gegenwärtigen Epoche" jedoch nicht die Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution im allgemeinen, die Epoche des Leninismus gemeint. Es wird vielmehr ein gefährliches Tor aufgestoßen, um eine „neue Epoche" zu propagieren, deren Besonderheit eben in der Konzentration der grundlegenden Widersprüche in den genannten drei Kontinenten liege.[192]

Dadurch können natürlich auch „heute" — im Gegensatz zu gestern — einige neue Thesen als gültig propagiert werden. Auf der Basis der „neuen Epoche" kann eine neue Etappe des wissenschaftlichen Kommunismus mit ihrem Ursprung in Asien, Afrika und Lateinamerika konstruiert werden.[193]

Die - schon in verschiedenen Zusammenhängen kritisierte - These von der „neuen Epoche" ist ein erstes Alarmzeichen. Prüfen wir also die nachfolgenden Aussagen.

 

„Zwei gewaltige historische Strömungen"?

 

Die KP Chinas spricht im „25-Punkte-Vorschlag" von den „nationaldemokratisch revolutionären Bewegungen" in den drei Kontinenten und der „internationalen sozialistischen revolutionären Bewegung" als den „zwei" gewaltigen historischen Strömungen unserer Zeit. Diese Formulierung hat den entscheidenden Mangel, daß sie zwei Strömungen als gleichwertig betrachtet, die nicht gleichwertig sind. Die KP Chinas spricht ja- wohlgemerkt - hier nicht vom Verhältnis der beiden Hauptkräfte der proletarischen Weltrevolution im direkten Machtbereich des Weltimperialismus, nämlich der proletarischen Revolution in denkapitalistischen Ländern und der Revolution in den kolonialen, halbkolonialen und halbfeudalen Ländern, sondern von der „internationalen sozialistischen Bewegung" überhaupt.

Damit vergleicht sie nicht zwei Teilkräfte der proletarischen Weltrevolution, sondern vergleicht die internationale sozialistische Bewegung überhaupt, also die Sache der proletarischen Weltrevolution, mit der nationalen Bewegung und erklärt beides als gleichrangig.

Die proletarische Revolution im „Westen" (in den kapitalistischimperialistischen Ländern) und die national demokratischen Revolutionen des „Ostens" (der kolonialen, halbkolonialen und halbfeudalen Länder) sind zwar gleicherweise unentbehrlich und wichtig als die beiden Hauptkräfte der proletarischen Weltrevolution im direkten Machtbereich des Weltimperialismus. Aber das heißt noch langenicht, daß allgemein gesehen die internationale sozialistische Bewegung zum einen und die antiimperialistisch- demokratische Bewegung gleichwertig wären.

Die Position der KP Chinas widerspricht der vom wissenschaftlichen Kommunismus geforderten Unterordnung der nationalen Frage unter die Klassenfrage.[194] Wie falsch das ist, wird deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, daß auch in einem Land, wo als nächstes Ziel noch nicht die sozialistische Revolution, sondern die antiimperialistisch-demokratische Etappe der Revolution ansteht, dennoch die unter Führung der Kommunistischen Partei dieses Landes stehenden proletarisch-revolutionären Kräfte Teil der internationalen sozialistischen Bewegung sind. Diesen zentralen Punkt nicht herausgearbeitet, sondern verwischt zu haben, ist eindeutig eine nationalistische Abweichung.

 

Wozu Überlegungen über die „wichtigsten Kräfte?"

 

Im „25-Punkte-Vorschlag" heißt es von diesen drei Kontinenten Asien, Afrika und Lateinamerika, sie seien „die wichtigsten Sturmzentren der Weltrevolution" und im „Kommentar" spricht die KP Chinas davon, daß die nationalen Befreiungsrevolutionen in diesen drei Kontinenten „augenblicklich die wichtigsten Kräfte (sind), die dem Imperialismus direkte Schläge versetzen".

Sicherlich mag es in bestimmten Situationen so sein, daß sich die Augen aller Revolutionäre auf eine Revolution oder auch auf die revolutionären Kämpfe in einem bestimmten Gebiet richten. Die Sache wird aber dort gefährlich, woeine Abteilung der proletarischen Weltrevolution als wichtiger dargestellt wird als die andere, somit also eine Wertung, eine Gegenüberstellung erfolgt, ja ein „Konkurrenzverhältnis", wer „bedeutender" und „wichtiger" sei. Eine solche Wertung hat nicht nur keinerlei positiven Aspekt, da so oder so das Proletariat eines jeden Landes die Revolution im eigenen Land als Teil der proletarischen Weltrevolution vorbereiten muß, sondern eine solche Wertung hat sogar auch sehr negative Aspekte.

Es kommt so heraus, als ob das Proletariat der kapitalistischen Länder nicht aus prinzipiellen Gründen den Kampf der unterdrückten Völker unterstützen muß, sondern weil letztere die „wichtigsten Kräfte" seien. Es kommt zwangsläufig eine Hintanstellung der revolutionären Bewegung in den kapitalistisch-imperialistischen Ländern heraus, die Meinung, sie sei ohnedies „nicht so wichtig" usw. Es ist unserer Meinung nach in jeder Hinsicht falsch, eine der Kräfte der proletarischen Weltrevolution als die „wichtigste" oder die „entscheidende Kraft" herauszustellen.

Der Leninismus lehrt, daß von den drei Abteilungen der proletarischen Weltrevolution jede ihren unersetzbaren, in gewissem Sinne „entscheidenden Beitrag" zum Fortgang der proletarischen Weltrevolution leistet:

das Proletariat der sozialistischen Länder durch die Liquidierung der Bourgeoisie als Klasse, die Liquidierung des Kapitalismus und all seiner Einflüsse, durch den Aufbau einer neuen Welt ohne Ausbeutung, beruhend auf der Diktatur des Proletariats, als Stützpunkt der proletarischen Weltrevolution;

• das Proletariat der kapitalistischen Länder als Kämpfer an der inneren Front des Imperialismus, wobei jeder Sieg in einem dieser imperialistischenZentren ein gewaltiger Sieg für die unterdrückten Völker und einegewaltige Unterstützung auch für die sozialistischen Länder bedeutetund ihren Kampf wesentlich erleichtert;

• das Proletariat und die unterdrückten Völker im Hinterland des Imperialismus, der Quelle seiner Extraprofite, deren Kampf sicherer Garant für die Liquidierung des Weltimperialismus, für das Versiegen seiner Reserven ist, wobei jeder ihrer Siege eine gewaltige Hilfe für den Kampf des Proletariats der kapitalistischen Länder bildet und ebenso für den Kampf des Proletariats in den sozialistischen Ländern. Jede dieser Kräfte hat ihre besonderen Möglichkeiten, außerhalb des Imperialismus stehend, in seiner Zentrale oder in seinem Hinterland kämpfend. Der Leninismus folgert hieraus jedoch nicht die besondere Hervorhebung einer dieser Kräfte auf Kosten der anderen, sondern die unermüdliche Propagierung des Bündnisses all dieser Kräfte, die zusammenwirken und für den vollen Sieg der proletarischen Weltrevolution und den Aufbau des Weltkommunismus kämpfen müssen.

 

Sind die Lehren des Leninismus über ein „schwächstes Kettenglied" und über die „Konzentration der grundlegenden Widersprüche" auf ganze Kontinente anwendbar?

 

Der „25-Punkte-Vorschlag" behauptet über die drei Kontinente Afrika, Asien und Südamerika:

„Hier sind die schwächsten Kettenglieder in der Herrschaft des Imperialismus", und der „Kommentar" bezeichnet sie als „Gebiete, in denen sich die Widersprüche der Welt konzentrieren."[195]

In dieser These der KP Chinas sind mehrere, dem Leninismus entgegengesetzte Auffassungen enthalten. Wir haben weiter oben gezeigt, daß in der Epoche des Imperialismus das Gesetz der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung auch auf die von verschiedenen Imperialisten unterdrückten Nationen wirkt. Wir haben zudem gezeigt, daß historisch bedingte nationale Unterschiede zwischen den Nationen existieren, daß daher der internationale Charakter der Revolution nicht durch eine „parallele Tat", also den Sieg der Revolution in allen Ländern gleichzeitig zum Ausdruck kommt. Daraus folgt, daß nicht nur in Europa das „europäische Proletariat" nicht auf einen Schlag siegen kann, sondern auch die unterdrückten Völker nicht alle gleichzeitig (und auch nicht gleichzeitig in einem Kontinent wie etwa Lateinamerika) siegen können.

Natürlich ist der mehr oder minder gleichzeitige Sieg der Revolution in zwei oder mehreren Ländern nicht prinzipiell ausgeschlossen. Zum Beispiel hat der Zusammenbruch der Mittelmächte im Ausgang des Ersten Weltkrieges eine solche Entwicklung denkbar gemacht, und sie hat sich, vor allem bedingt durch den Sieg der Stalinschen Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg, für einige Länder nach dem Zweiten Weltkrieg verwirklicht. Jedoch betraf das in beiden Fällen nur einige Länder und nicht einen ganzen Kontinent, ganz abgesehen davon, daß es völlig unzulässig wäre, die Perspektive der Revolution unbedingt mit der Perspektive eines Weltkrieges zu verbinden, in dessen Folge die Staatsmacht in mehreren Ländern gleichzeitig erschüttert ist und zerschlagen werden kann.

Was die Länder eines Kontinents wie etwa Lateinamerika betrifft, haben sie zwar manche Gemeinsamkeiten, aber es gibt zwischen ihnen auch große Unterschiede. Durch die imperialistische Rivalität in diesen Ländern sowie gerade auch durch die unterschiedliche Entwicklung der Stärke des kämpfenden Proletariats und der Volksmassen bedingt, kann in einer der unterdrückten Nationen der Sieg errungen werden, während in anderen unterdrückten Ländern der Sieg der Revolution nicht unmittelbar bevorsteht.

Aber hinter den Formulierungen der KP Chinas, die nicht davon redet, daß sich die schwächsten Kettenglieder des Imperialismus in diesem oder jenem Land befinden, sondern eben in drei Kontinenten, steckt nicht einmal nur die Vorstellung einer gleichzeitigen kontinentalen Revolution, sondern einer solchen in mehreren Kontinenten, in der gesamten kolonialen und halbkolonialen Welt überhaupt. Die Kehrseite dieser Vorstellung - und das scheint uns am gravierendsten - ist die sehr schädliche ideologische Unterschätzung der Möglichkeit, daß sowohl in unterdrückten Ländern als auch in kapitalistischen Staaten Europas, in den USA oder in Japan die Revolution zuerst siegen kann.

Natürlich gibt es eine Fülle von negativen, gegen die proletarische Revolution wirkenden Erscheinungen in den Metropolen Europas, in Japan und in den USA. Es existiert eine starke Arbeiteraristokratie, und auch das Kleinbürgertum der Städte profitiert in nicht unbeträchtlichen Teilen von der Ausbeutung der unterdrückten Völker durch an sie vergebene Teile der Extraprofite. Eine ähnliche Lage existiert unter bestimmten Schichten der Angestellten. Und auch das Proletariat genießt eine Besserstellung gegenüber dem Proletariat der vom Imperialismus abhängigen Länder.

Der Opportunismus, der Sozialdemokratismus und Revisionismus, der faschistische Chauvinismus und der Sozialchauvinismus haben eine reale ökonomische Basis und sind dementsprechend stark und zählebig.

Um so wichtiger ist es aber, den Lehren des wissenschaftlichen Kommunismus gemäß zu propagieren, daß neben diesen für die Revolution negativen Faktoren auch eine Fülle sehr bedeutender positiver Faktoren, wie eine große Kampftradition, wie ein zahlenmäßig sehr starkes Proletariat, das in seinen Niederlagen auch große Erfahrungen gesammelt hat, sowie gewaltige revolutionäre Potenzen existieren, daß sich in diesen Ländern ebenfalls unter bestimmten Bedingungen die Widersprüche des Imperialismus so konzentrieren können, daß in einem dieser Länder die Kette des Imperialismus reißt, das Proletariat dort unter Führung seiner Kommunistischen Partei siegt.

Theoretisch gesehen wiederholt die KP Chinas einen Fehler, den Stalin schon an den Bucharin-Leuten kritisiert hat, die behaupteten, daß das schwächste Kettenglied nicht eine Frage des politischen Kräfteverhältnisses ist, sondern eine ökonomisch determinierte Angelegenheit: Wo reißt die Kette des Imperialismus am nächsten? Dort wo die Volkswirtschaft am stärksten entwickelt ist, sagten die Trotzkisten, dort wo sie am schwächsten entwickelt ist, sagten die Bucharin-Leute.

Die KP Chinas grenzt sich von diesen beiden antileninistischen Extremen nicht nur nicht ab, sondern propagiert im Grunde, daß zuerst die Revolution in allen nicht hochindustrialisierten, unterdrückten Nationen, eben in den drei Kontinenten Asien, Afrika und Lateinamerika siegen müsse. Die Revolution in den kapitalistisch-imperialistischen Ländern scheint ihr für eine lange Zeit ganz außer Sicht. Dies zeigt sich auch in folgenden Passagen.

 

„Eines Tages doch in Europa und Nordamerika?"

 

Im letzten Absatz der von uns aus dem Kommentar „Die Verfechter des neuen Kolonialismus" zitierten Passage entwickelt die KP Chinas direkt eine Theorie der kontinentalen Reihenfolge der proletarischen Weltrevolution: zunächst und in absehbarer Zeit wird das Zentrum der globalen Widersprüche die drei benannten Kontinente umfassen. Aber, so könnte man die Darstellung der KP Chinas auffassen, das Proletariat der anderen Kontinente muß nicht verzweifeln: „eines Tages" wird „doch die große Stunde des gewaltigen Ringens schlagen". Hier wird deutlich spürbar, daß in Bezug auf Europa und die USA mehr „tröstende" als unmittelbar zur Revolution anspornende Perspektiven gegeben werden, weil die KP Chinas mit einer revolutionären Entwicklung in den kapitalistischimperialistischen Ländern innerhalb absehbarer Zeit praktisch nicht rechnet.

Dies ist die unvermeidliche Folge davon, daß die Lehren Lenins und Stalins über die Möglichkeit des Reißens des schwächsten Kettenglieds, die Lehren des Leninismus über die Aufgabe der unmittelbaren Vorbereitung auf die Revolution in allen Ländern verworfen wurden. Die unschätzbare Bedeutung der Theorie des Leninismus über die proletarische Weltrevolution besteht darin, daß sie der Arbeiterklasse und der Kommunistischen Partei in einem jeden Land eine wirklich revolutionäre Perspektive gilt, ihre Initiative für den Klassenkrieg gegen die eigene herrschende Klasse und den Weltimperialismus überhaupt fördert und Gewißheit über das Entstehen revolutionärer Situationen sowie Zuversicht über die Möglichkeit des Sieges der Revolution auch zunächst in „ihrem Land" schafft und stärkt.

Die KP Chinas hat auch in dieser Hinsicht den Leninismus nicht gegen den modernen Revisionismus verteidigt. Durch die einseitige Betonung der nationalen Befreiungsbewegungen und durch die Theorie eines kontinentalen Hintereinanders der proletarischen Weltrevolution hat sie der Demagogie der modernen Revisionisten Nahrung gegeben, hat sie selbst den Leninismus grob verletzt.[196] zurück

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