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Anhang zum Teil C

1. Ursprünge und Entwicklung der Theorie vom „Hauptfeind der proletarischen Revolution"

a) Dokumente der KP Chinas nach 1964 zur These „USImperialismus ist der Hauptfeind"

b) Dokumente der KP Chinas nach 1965, die die Verabsolutierung der beiden „Supermächte" enthalten

2. Dokumente der Partei der Arbeit Albaniens zur Theorie vom „Hauptfeind der Völker der Welt"

a) Der V. Parteitag der Partei der Arbeit Albaniens 1966

b) Der VI. Parteitag der Partei der Arbeit Albaniens 1971

c) Der VII. Parteitag der Partei der Arbeit Albaniens

d) Der PAA-Artikel „Theorie und Praxis der Revolution"' vom Juli 1977

e) Wahlrede Enver Hoxha 1978

3. Kritik am Drei-Welten-Schema Deng Hsiao-pings

 Einleitendes 

a) Die Revisionisten spekulieren seit jeher mit „neuen Bedingungen"

b) Die heutige Welt ist vom Entscheidungskampf zwischen dem Lager der Revolution und dem Lager der Konterrevolution gekennzeichnet

 Marx und Engels über den Klassenkampf und die Spaltung der Gesellschaft in zwei Lager 
 Der Kampf zwischen zwei Lagern in der Epoche des Imperialismus 

c) Lenin und Stalin propagierten seit der sozialistischen Oktoberrevolution die Existenz von zwei Welten: der alten kapitalistischen Welt und der neuen sozialistischen Welt

d) Der Trick, wie das sozialistische Lager „verschwindet"

e) Das Schema der „Drei Welten" läßt auch das imperialistische Lager „verschwinden"

 Zwei Tendenzen im Imperialismus: Bündnis aller Imperialisten und Rivalität zwischen ihnen 
 Mit der These von der „absoluten" Rivalität wird die Möglichkeit der Zusammenarbeit der Imperialisten gegen die Revolution 
 geleugnet 
 Im Kampf gegen Kautskys Theorie des „Ultra-Imperialismus" hat Lenin die Zusammenarbeit der Imperialisten gegen die Revolution 
 keineswegs ignoriert
 Widersprüche zwischen den Imperialisten ausnutzen heißt niemals, sich auf diese Widersprüche zu verlassen und im Kampf zwischen
 den rivalisierenden Imperialisten die eine oder andere Seite zu unterstützen 

f) Der Betrug mit der sogenannten „Ersten" und „Zweiten" Welt

 Kann man eine „Erste Welt" und „Supermacht" definieren? 
 Beschönigung der anderen imperialistischen Großmächte 
 Schon Chruschtschow unterstützte kleine Imperialisten gegen den größten Imperialismus 
 Die praktische Bedeutung der These von den „Supermächten" als Hauptfeind der proletarischen Weltrevolution 

g) Der Betrug mit der sogenannten "Dritten" Welt

 Verschleierung des Neokolonialismus 
 Die Aufgaben der Völker in den halbkolonialen und halbfeudalen Ländern 
 Mit den Vorteilen anderer Länder die eigenen Nachteile überwinden? 
 Der faule Traum von einer „Diktatur der nationalen Bourgeoisie" 
 Die Vertuschung der Gegensätze zwischen Ländern der sogenannten „Dritten Welt" 

h) Die Losung ..Staaten wollen Unabhängigkeit, Nationen wollen Befreiung, Völker wollen Revolution" ist eine Losung der Klassen Versöhnung

 Gleichberechtigung zwischen Unterdrückern und Unterdrückten?

i) Die Verabsolutierung der Kriegsgefahr führt zur Propaganda der Unvermeidbarkeit eines neuen Weltkrieges

j) Das Schema der „Drei Welten" richtet sich gegen die welthistorische Mission des Proletariats

 Der Charakter der Weltrevolution ist proletarisch 
 Auch in den unterdrückten Ländern muß die Hegemonie des Proletariats erkämpft werden 

k) Das Schema der „Drei Wellen" fußt auf der „Theorie" der Produktivkräfte

l) Das Schema der „Drei Welten" muß von Grund auf in all seinen Erscheinungsformen zerschlagen werden!

 

1. Ursprünge und Entwicklung der Theorie vom „Hauptfeind der proletarischen Revolution"

 

Die ganze Bedeutung der vorangegangenen Kritik am „25-Punkte- Vorschlag" der KP Chinas sowie an den entsprechenden Passagen aus den neun dazugehörigen Kommentaren läßt sich nur ermessen, wenn auch die nachfolgende Entwicklung wenigstens in groben Zügen analysiert wird.

Tatsächlich kann man schon in der ersten Zeitspanne nach 1964 feststellen, daß aus der Verabsolutierung eines imperialistischen Landes allmählich eine „Theorie" vom internationalen „Hauptfeind" wird. In dieser ersten Phase wird diese Theorie in bezug auf die Verabsolutierung des US-Imperialismus immer mehr entwickelt und ausgearbeitet.

Damit verbunden war teilweise ganz offen die Bereitschaft, jene Teile des imperialistischen Weltsystems, die - wie Stalin vorhergesagt hatte - nun verstärkt gegen den US-Imperialismus für ihre hohen Profite rivalisierten, in eine antiamerikanische Einheitsfront einzubeziehen.

Nach 1968 — im Zusammenhang mit der Besetzung der CSSR durch Truppen der russischen Sozialimperialisten - wurde zum US-Imperialismus noch der russische Sozialimperialismus als Zielscheibe des Kampfes hinzugenommen. Dabei wurde die „Hauptfeindtheorie" vom Kern her nicht verändert - statt einen „Hauptfeind" gab es nun eben zwei.

In dieser Periode wurde der Begriff der beiden „Supermächte" sowohl von der KP Chinas als auch von der PAA eingeführt und propagiert, faktisch somit viele Jahre vor der offiziellen Proklamierung der „Drei-Welten-Theorie" eine „Erste Welt" konstruiert. Beide Parteien, sowohl die chinesische als auch die albanische, haben in verschiedenen Variationen die „beiden Supermächte" als Hauptfeind der Völker bezeichnet und eine entsprechende Linie ausgearbeitet.

Im Kampf gegen ein besonders hervorstechendes Merkmal der solcherart weiterentwickelten „Drei-Welten-Theorie" der KP Chinas, nämlich die Verabsolutierung nur des russischen Sozialimperialismus, wurde von der PAA nicht mit der dahinterstehenden Theorie der „Ersten Welt", der Theorie der „Supermächte" und vor allem der Theorie des Hauptfeinds der proletarischen Weltrevolution gebrochen. Vielmehr wurde die These, daß alle Völker der Welt die „Speerspitze" ihres Kampfes gegen den angeblichen Hauptfeind, die beiden „Supermächte", richten müssen, noch propagandistisch verstärkt und mit der unrichtigen Berufung auf die Dokumente der kommunistischen Weltbewegung seit 1935 theoretisch ausgebaut. zurück

 

a) Dokumente der KP Chinas nach 1964 zur These „US-Imperialismus ist der Hauptfeind"

 

Am 9. Mai 1965 erschien in Peking zum zwanzigjährigen Jubiläum des Sieges über den Nazifaschismus die Broschüre „Die historischen Lehren des antifaschistischen Krieges".

Dort heißt es in der Einschätzung der aktuellen Lage und Aufgaben: „In der Nachkriegsperiode wurde der US-Imperialismus zum Hauptfeindaller Völker.“[451]

Der US-Imperialismus intensiviert „die Kontrolle und Schikanierung seiner eigenen Verbündeten. Zwischen den Vereinigten Staaten und ihren Verbündeten bestehen unversöhnliche Widersprüche. Die Verbündeten der USA werden wohl in ihrem eigenen Interesse zu dieser oder jener Zeit, bei der einen oder anderen Gelegenheit, gegen den US-Imperialismus auftreten.

Deshalb ist es die gemeinsame Aufgabe der Völker der ganzen, Welt, alle Kräfte, die sich vereinigen lassen, zusammenzuschließen, ihren Kampf hauptsächlich mit der Spitze gegen den US-Imperialismus zu führen, diesem Hauptfeind mit konzentrierter Macht entgegenzutreten."[452]

Es wird also erkannt, daß die USA nicht mehr, wie es unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg schien, die unbestrittene Oberherrschaft hatte.

Richtig wird auch festgestellt, daß die „Verbündeten der USA" ihrem eigenen Interesse" gegen den US-Imperialismus auftreten werden. Dieses „eigene Interesse" wird aber nicht als imperialistisches Interesse bezeichnet, die Widersprüche von imperialistischen Großmächten wie Westdeutschland, Frankreich, Großbritannien usw. zu den USA werden auch nicht als zwischenimperialistische Widersprüche benannt. Statt dessen ist nur die Rede davon, daß der US-Imperialismus „die Kontrolle und Schikanierung seiner Verbündeten" betreibt. Diese Formulierung läßt schon offen, ob das Auftreten dieser Verbündeten gegen „die Kontrolle und Schikanierung" eine unterstützenswerte Sache ist. Eine ganz gefährliche und falsche Schlagseite erhält diese Ausführung, da daraus die prinzipienlose Schlußfolgerung gezogen wird, sich gegen den „Hauptfeind" US-Imperialismus zusammenzuschließen mit „allen Kräften, die sich vereinigen lassen".

Eine präzise Festlegung, welches denn nun die Kräfte sind, mit denen sich die Völker gegen den US-Imperialismus zusammenschließen lassen, wird hier umgangen. Die These, daß man sich mit allen vereinigen müsse, mit denen man sich vereinigen könne, ist nämlich nichts sagend, eine Tautologie. Nahe gelegt und keineswegs ausgeschlossen wird aber doch, daß dies sogar die Verbündeten des US-Imperialismus einschließen könnte, wenn diese der „Kontrolle und Schikanierung" durch den US-Imperialismus ausgesetzt sind und sofern diese „gegen den US-Imperialismus auftreten".

Diese Schlußfolgerung wird in der Broschüre dann eigentlich auch direkt ausgesprochen. Die Broschüre beruft sich nämlich auf den Aufruf Mao Tse-tungs „Zur Unterstützung des panamesischen Volkes" vom 12. Januar 1964, wo es heißt:

„...alle Länder, die unter der Aggression, der Kontrolle, der Einmischung und der Tyrannei der USA zu leiden haben, sollen sich zusammenschließen."[453]

Dieser Appell Mao Tse-tungs zum Zusammenschluß „aller Länder", die „der Aggression, der Kontrolle, der Einmischung und der Tyrannei der USA" unterliegen, ist irreführend und verweist aufgrundlegend fehlerhafte Positionen Mao Tse-tungs in dieser Zeit: Die Aufrufe Mao Tse-tungs 1964-1965 enthalten in der Tat nicht nur den Appell an die Völker aller vom US-Imperialismus unterdrückten Länder, sich zusammenzuschließen, sondern darüber hinaus auch die Zielsetzung des Zusammenschlusses mit den betreffenden Ländern, das heißt Staaten bzw. Regierungen.

Die Broschüre „Die historischen Lehren des antifaschistischen Krieges" ist anläßlich des 20. Jahrestags des Siegs über den Nazifaschismus und über den japanischen Faschismus erschienen. Die Lage und die Aufgaben der Kommunistischen Parteien während des Zweiten Weltkriegs wiesen eine Reihe von Besonderheiten auf, die mit dem antifaschistischen Gesamtcharakter des Zweiten Weltkriegs zusammenhingen. Um die nazifaschistischen Aggressoren zu vernichten, war die sozialistische UdSSR auch ein militärisches Bündnis mit den imperialistischen Staaten USA und Großbritannien eingegangen. Alles dies gab es seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, seit dem Zerfall der Anti-Hitler-Koalition nicht mehr, und es war falsch, die mit den Besonderheiten der Lage während des Zweiten Weltkriegs verbundenen Aufgaben und Schlußfolgerungen beizubehalten bzw. jetzt weltweit analog auf den Kampf gegen den US-Imperialismus zu übertragen.[454]

So sagte Mao Tse-tung auch in der Erklärung „Zur Unterstützung des japanischen Volkes" vom 27. Januar 1964:

„...alle friedliebenden Staaten müssen sich zusammenschließen, alle Länder und Menschen, die der USA-imperialistischen Aggression, Kontrolle, Einmischung und Tyrannei unterworfen sind, müssen sich zusammenschließen, damit eine breite Einheitsfront gegen den USA-Imperialismus gebildet wird.. ,"[455]

Am 12. Mai 1965 schreibt Mao Tse-tung die „Erklärung zur Unterstützung des Widerstands des dominikanischen Volkes in seinem Kampf gegen die bewaffnete Aggression der USA". Darin heißt es:

„Alle friedliebenden Länder, vereinigt euch! Alle Länder, die der Aggression, Kontrolle, Einmischung und Tyrannei durch die USA ausgesetzt sind, vereinigt euch! Bildet die breiteste Einheitsfront..."[456]

Wenngleich auch hier bei Mao Tse-tung nicht vom „Hauptfeind" der proletarischen Weltrevolution die Rede ist, ist eine Konsequenz der „Hauptfeindtheorie" schon angelegt, nämlich das klassenunspezifische Bündnis mit allen Kräften, eben auch Staaten, gegen einen Imperialismus.

Zwangsläufig müssen sich dann auch direkt imperialistische Staaten, die Monopolbourgeoisie dieser Staaten, in diesem Appell, sich mit den Völkern zusammenzuschließen, wiederfinden.[457]

Denn der Einmischung, den Versuchen der Kontrolle, der Erpressung usw. unterliegen auch sie, wie überhaupt jeder imperialistische Staat den anderen gegenüber in Richtung Einmischung, Erpressung, Kontrolle und Aggression handelt bzw. zu handeln versucht.

Sechs Monate nach dem oben zitierten Aufruf Mao Tse-tungs im November 1965 erschien in Peking die Broschüre „Widerlegung der sogenannten Aktionseinheit' der neuen Führung der KPdSU". Ausgehend von der gänzlich falschen Einschätzung, daß die sowjetischen Revisionisten angeblich keine Widersprüche zur USA hätten und nur mit ihnen kollaborieren, wird in dieser Broschüre nicht aus prinzipiellen Erwägungen, sondern aus einer aktuellen Einschätzung heraus abgelehnt, den sowjetischen Revisionismus in die „Aktionseinheit" miteinzubeziehen.

Gleichzeitig heißt es in dieser Konsequenz, daß mit Teilen der Imperialisten, die gegen die USA opponieren, Aktionseinheiten möglich sind:

„In den imperialistischen Ländern, die scharfe Gegensätze mit den USA haben, gibt es außer jenem Teil der Monopolbourgeoisie, der den amerikanischen Imperialisten gehorcht, auch andere, die mehr oder weniger gegen die USA kämpfen wollen. Die Völker können mit den letzteren im Kampf gegen den amerikanischen Imperialismus in einigen Fragen und bis zu einem gewissen Grad gemeinsame Aktionen unternehmen."[458]

Es sei dahingestellt, ob und inwieweit es in den imperialistischen Ländern einen „Teil der Monopolbourgeoisie" gegeben hat oder gibt, der mehr als andere Teile dieser Monopolbourgeoisie „gegen die USA kämpfen" will.''[459] Auf jeden Fall kann es nur darum gehen, Widersprüche innerhalb der Monopolbourgeoisie eines imperialistischen Landes zum Kampf gegen die imperialistische Bourgeoisie und deren Staatsapparat insgesamt auszunutzen, keinesfalls aber kann es sich darum handeln, mit irgendeinem Teil der herrschenden imperialistischen Bourgeoisie zusammenzuarbeiten und „gemeinsame Aktionen" zu unternehmen, wie das hier „in einigen Fragen und bis zu einem gewissen Grad" mehr oder weniger unverblümt propagiert wird.

Abgesehen von der hier ganz offen propagierten These des Bündnisses mit Teilen der internationalen Monopolbourgeoisie, die zusammenhängt mit der Theorie vom „Hauptfeind" US-Imperialismus und auf jeden Fall die direkte Konsequenz jeder Verabsolutierung des US-Imperialismus ist, fordert die Theorie vom „Hauptfeind der proletarischen Weltrevolution, daß die Revolutionäre bzw. die Völker in einem jedenLand in erster Linie gegen den US-Imperialismus ankämpfen und somit den Kampf gegen die einheimische Reaktion von vornherein an zweite Stelle setzen. In dieser Richtung argumentiert ein Artikel vom 26. Juli 1965 mit dem Titel „Kampf zwischen zwei Linien im Verhalten zum US-Imperialismus".

„In der Welt von heute ist der USA-Imperialismus die Hauptkraft der Aggression und der Kriege und der Hauptfeind aller Völker der Welt. Will man eine Räuberbande festnehmen, dann muß man zuerst ihren Anführer fangen; die vorrangige Aufgabe aller Marxisten-Leninisten, aller Revolutionäre besteht darin, sich mit den Völkern der ganzen Welt zu vereinigen und die Speerspitze des Kampfes konzentriert gegen den USA-Imperialismus zu richten."[460]

Im Bestreben, die These von der Konzentration des Kampfes auf den US-Imperialismus als „Hauptfeind der Völker der Welt" plausibel erscheinen zu lassen, wird hier ein offenkundiger Unsinn behauptet: „Will man eine Räuberbande festnehmen, dann muß man zuerst ihren Anführer fangen."

Ganz gewiß wurden so in der Geschichte höchst selten „Räuberbanden" gefangen. Wurden die räuberischen Nazifaschisten vielleicht erledigt, indem ihr „Anführer" Hitler gefangen wurde? Diese absurde These widerspricht nicht zuletzt der gesamten militärischen Erfahrung der chinesischen Revolution, des jahrzehntelangen revolutionären Kriegs gegen die „Räuberbande" des Imperialismus, der Kompradorenbourgeoisie und der feudalistischen Großgrundbesitzerklasse.

Abgesehen von diesem absurden Vergleich faßt dieses Zitat klipp und klar eine zweite katastrophale Konsequenz der Theorie vom „Hauptfeind der Völker" zusammen, nämlich die in jeder Hinsicht absurde These, daß alle Völker gleichermaßen in erster Linie gegen einen Imperialismus, in diesem Fall gegen den US-Imperialismus, kämpfen müßten.

Einen internationalen Hauptfeind generell für alle Völker zu bestimmen geht, wie schon betont, von der Vorstellung der proletarischen Weltrevolution als einer parallelen Tat aus, so als ob alle Völker mit einem Schlag einen bestimmten Imperialismus, der am größten ist, schlagen könnten, dann den zweitgrößten etc. Dies ist ein grenzenloser Schematismus, eine offensichtliche Leugnung des tatsächlichen Verlaufs der proletarischen Weltrevolution, die in Wirklichkeit nur dadurch vorwärts schreiten kann, daß in einem jeden Land das Proletariat und seine Verbündeten ihren speziellen Feind schlagen. Dabei reißt die Kette des Weltimperialismus dort, wo sie jeweils am schwächsten ist.

Für die Aufgaben in den einzelnen Ländern bedeutet die Theorie vom „internationalen Hauptfeind USA", daß in keinem Land (die USA ausgenommen) die „eigene imperialistische Bourgeoisie" bzw. die „eigenen" herrschenden Klassen der Hauptfeind sein können. Die Grunderkenntnis des wissenschaftlichen Kommunismus, daß der Hauptfeind der Revolution in jedem Land aus all jenen Kräften besteht, die den Ausbeuterstaat in Händen haben, also die Macht im betreffenden Land haben, wird somit außer Kraft gesetzt (bzw. fälschlich die Lage so eingeschätzt, daß in allen Ländern der Welt einfach der US-Imperialismus herrsche). 1965 erschien die sehr bedeutsame und international weit verbreitete Schrift „Es lebe der Sieg im Volkskrieg" von Lin Biao. Es heißt dort:

„Kein Volk oder Land auf der Welt, das die Revolution (...) will, kann anders, als die Hauptspeerspitze seines Kampfes gegen den US- Imperialismus richten."[461]

Als Argument wird von Lin Biao direkt davor die Erfahrung der chinesischen Revolution in der Phase des antijapanischen nationalen Befreiungskrieges angeführt, die sich auch gegen einen Hauptfeind, eben den japanischen Imperialismus, gerichtet habe. „Genauso", heißt es bei Lin Biao, müßten eben die Völker der Welt den internationalen Hauptfeind, den US-Imperialismus bekämpfen.

Hier wird besonders deutlich, daß Lin Biao einen kardinalen Fehler begeht, indem er die Strategie und Taktik in einem Land auf den völlig anders gearteten und viel komplizierteren und eine ganze Epoche umfassenden Prozeß der Weltrevolution überträgt.

Daß Lin Biao sich auch noch gerade jene Phase in der chinesischen Revolution ausgesucht hat, in der im Zusammenhang mit der weltweiten Anti-Hitler-Koalition Möglichkeiten bestanden, ein wirklich außerordentlich breites Bündnis der verschiedensten antifaschistischen und antijapanischen Kräfte in China (einschließlich mit Teilen der Kompradorenbourgeoisie) zu erreichen, und gerade die Besonderheiten dieser Entwicklungsphase des Kampfes ineinem Land auf die proletarische Weltrevolution im allgemeinen übertragen will, zeigt, daß Lin Biao im Kern wirklich extremen Rechtsopportunismus betrieben hat. zurück

 

b) Dokumente der KP Chinas nach 1965, die die Verabsolutierung der beiden „Supermächte" enthalten

 

Nach 1965 begann in China die Kulturrevolution. Das bedeutendste Dokument zur internationalen Lage aus dieser Zeit ist nach den Kommuniques der 11. und 12. Plenartagungen des VIII. ZK der KP Chinas ohne Zweifel der Bericht auf dem IX. Parteitag der KP Chinas im Jahre 1969.

Zunächst sei darauf verwiesen, daß nirgends im Bericht die Terminologie vom „Hauptfeind der Völker" benutzt wird. Dies war auch auf dem vier Jahre später stattfindenden X. Parteitag der KP Chinas 1973 nicht der Fall.

Sowohl auf dem IX. Parteitag als auch auf dem X. Parteitag sind Formulierungen zu finden, daß der Kampf der Völker „gegen den Imperialismus, den Sozialimperialismus und alle Reaktionäre" gerichtet sein muß. An sich wäre das völlig richtig, aber de facto wurde diese Orientierung nicht befolgt.

Denn gleichzeitig findet man eine praktisch ausschließliche Konzentration sowohl auf den US-Imperialismus als auch auf den russischen Sozialimperialismus.[462]

Auf dem IX. Parteitag der KP Chinas hieß es, daß „alle Staaten und Völker, die (...) der Aggression, Kontrolle, Intervention und Schikane durch den US-Imperialismus und den Sowjetrevisionismus ausgesetzt'"[463] sind, eine breite Einheitsfront bilden müßten. So war in Anknüpfung an die falsche Haltung der KP Chinas zum US-Imperialismus, gegen den in die Einheitsfront auch sozusagen alle anderen Staaten der Welt eingeschlossen wurden (denn wer, welches Land, welcher Staat ist nicht der Schikane der US-Imperialisten ausgesetzt), nun dieselbe unzulässige Ausdehnung der weltweiten Einheitsfront vorgenommen, wenngleich nunmehr nicht bloß gegen einen, sondern gegen zwei imperialistische Mächte, nämlich die beiden sogenannten „Supermächte".

Auf dem IX. Parteitag wurde ein Zitat Mao Tse-Tungs hervorgehoben:

„Eine neue Geschichtsperiode des Kampfes gegen den US-Imperialismus und gegen den Sowjetrevisionismus hat bereits begonnen."[464]

Auch dieses Zitat zielt eindeutig auf die Verabsolutierung der beiden größten imperialistischen Mächte ab. Im Neujahrsartikel von „Renmin Ribao" kurz darauf, am 1.1.1970, polemisiert Mao Tse-tung interessanterweise völlig richtig gegen die bloße Konzentration auf diese beiden imperialistischen Mächte als Quellen eines Aggressionskrieges. Im genannten Artikel wird Mao Tse-tung[465] zitiert:

„Wenn ein solcher Krieg ausbricht, sollten die Völker der ganzen Welt den Aggressionskrieg durch einen revolutionären Krieg beseitigen."[466]

Diese völlig richtige Stellungnahme von Mao Tse-tung widerspricht faktisch der von einem Jahr zuvor. Dabei zeigt sich ein weiteres Mal, wie absurd die Methode der Propaganda der KP Chinas war, einzelne Zitate oder manchmal sogar Zitatfetzen aus dem Zusammenhang der Reden oder Artikel zu reißen, so daß man sich anhand dieser Zitate kein Bild über die eigentliche Ansicht Mao Tse-tungs zu diesem Thema machen kann. Das Beispiel ist auch ein Indiz für den innerhalb der KP Chinas lange Zeit vor sich gehenden Kampf verschiedener Linien, in dem Mao Tse-tung nicht immer eine eindeutige Haltung einnahm bzw. widersprüchlich Stellung nahm.

Wir unterstreichen hier, daß die zuletzt zitierte Passage Mao Tse-tungs unsere vollständige Zustimmung findet, diese Passage aber offensichtlich nicht die Linie der KP Chinas repräsentierte, wie sie sich in ihren zentralen Dokumenten und in ihrer täglichen Praxis widerspiegelte.

Im Bericht des X. Parteitags der KP Chinas scheint insofern eine richtige Position vorhanden zu sein, als die Einheitsfront als gegen den Imperialismus insgesamt gerichtet beschrieben wird. Gleichzeitig und in deutlichem Widerspruch dazu wird aber hervorgehoben, daß sich die Einheitsfront „insbesondere" gegen die „Hegemoniebestrebungen der beiden Supermächte" richten müsse. Viel gravierender ist jedoch die Tatsache, daß an anderer Stelle die Verabsolutierung der beiden „Supermächte" in krassester Form betrieben wird:

„Das Ringen der USA und der Sowjetunion um die Hegemonie ist die Quelle der Unruhe in der Welt."[467] Durch die weitere Formulierung, daß dies „von immer mehr Völkern und Staaten durchschaut" werde und durch die Formulierung, „das stößt auf heftigen Widerstand in der Dritten Welt und löst in Japan und in den Ländern Westeuropas Unzufriedenheit aus"[468] wird gleichzeitig schon, genau abgestuft, die „Dreiteilung der Welt" angelegt, wie sie ein Jahr später von Deng Hsiao-ping in seiner UNO-Rede umfassend dargelegt wurde.

In beiden Dokumenten ist inhaltlich eindeutig die ausschließliche Konzentration auf diese beiden größten imperialistischen Mächte, den US-Imperialismus und den russischen Sozialimperialismus, enthalten und gleichzeitig damit verbunden die Tendenz, andere imperialistische Staaten und reaktionäre Staaten in die Einheitsfront gegen die beiden „Supermächte" einzubeziehen. zurück

 

2. Dokumente der Partei der Arbeit Albaniens zur Theorie vom „Hauptfeind der Völker der Welt"

 

Anhand der Analyse der Hauptdokumente der KP Chinas haben wir gezeigt, daß die These von der einen oder anderen imperialistischen Macht als dem „Hauptfeind" der Völker zweierlei gravierende Abweichungen vom wissenschaftlichen Kommunismus vorbereitet bzw. nach sich zieht:

Die Einbeziehung anderer imperialistischer Staaten in eine Einheitsfront gegen den bzw. die internationalen „Hauptfeinde".

Die falsche Orientierung der Revolution in einem jeden Land „vor allem" und „in erster Linie", bzw. „mit der Speerspitze" etc. gegen den „internationalen Hauptfeind", den oder die größten imperialistischen Mächte, wodurch die Machthaber des eigenen Landes als zweitrangige Feinde behandelt werden. Mit dieser Abweichung einher geht eine Verfälschung der Lehren des Leninismus über den Verlauf und die Entwicklung der proletarischen Weltrevolution als ungleichzeitiger und ungleichmäßiger Prozeß.

In den Dokumenten der KP Chinas waren beide Abweichungen klar vorhanden, wobei bald diese bald jene Abweichung mehr in den Vordergrund trat.

Bei der nachfolgenden Analyse der Dokumente der PAA zeigt sich, daß die PAA die erstgenannte Abweichung, also ein Bündnis mit anderen imperialistischen Staaten gegen den „Hauptfeind" bzw. die „Hauptfeinde" im globalen Rahmen nicht propagiert.

Es zeigt sich bei der PAA jedoch eine schwerwiegende Unterschätzung der Selbständigkeit, der eigenen Rolle und Möglichkeiten, der Gefährlichkeitjener imperialistischer Großmächte, die nicht zu den „Supermächten"gezählt werden. Insbesondere in den Dokumenten der letzten Jahre wirddas ganz deutlich.

Der Fehler der Partei der Arbeit Albaniens in dieser Frage wurde unserer Meinung nach dadurch immer weiter vergrößert, daß die zweitgenannte Abweichung, nämlich die Konzentration des revolutionären Kampfes in einem jeden Land auf den von der PAA jeweils als Hauptfeind bestimmten Feind, zunehmend propagiert und ausgebaut wurde. zurück

 

a) Der V. Parteitag der Partei der Arbeit Albaniens 1966

 

Der V. Parteitag der Partei der Arbeit Albaniens[469], der am l. November 1966 stattfand, erklärte den US-Imperialismus zum Hauptfeind.

„Unter diesen Umständen (dem Todeskampf aller Reaktionäre, A.d.V.) ist die Sammlung der Völker in einer breiten antiimperialistischen Weltfront, vor allem gegen den Hauptfeind der Völkerfreiheit — gegen den amerikanischen Imperialismus - eine Aufgabe von größter internationaler Bedeutung."[470]

Im selben Sinne stellte der V. Parteitag im Zusammenhang mit der Forderung, ohne irgendwelche Illusionen die Widersprüche zwischen den imperialistischen Wölfen in richtiger Weise auszunutzen, als Ziel dieser Ausnutzung heraus:

„...den Hauptfeind, den amerikanischen Imperialismus, noch mehr zu isolieren und tödlich zu treffen."[471] Ebenso heißt es über den US-Imperialismus an anderer Stelle:

„Gegen diesen Feind zu kämpfen, ist heute die vordringlichste internationale Pflicht aller revolutionären Kräfte unserer Zeit."[472]

Aus diesen Passagen wird deutlich, daß bereits der V. Parteitag der PAA als „vordringlichste" Aufgabe für alle revolutionären Kräfte der Welt den Kampf gegen den größten Imperialismus, den US-Imperialismus, propagierte, ihn gleichermaßen für die Kommunistischen Parteien aller Länder fälschlich zum Hauptfeind erklärte.

Trotz dieser Fehler des V. Parteitags der PAA, die in der nachfolgenden Zeit weiter vergrößert und dadurch immer folgenschwerer wurden, enthält der V. Parteitag keinerlei Verbrüderung mit anderen Imperialisten. Vielmehr hebt er unter Berufung auf die Analyse Stalins in „Ökonomische Probleme des Sozialismus in der UdSSR" (1952), hervor, daß aufgrund des Wirkens des Gesetzes der ungleichmäßigen Entwicklung in der internationalen Lage eine bedeutende Änderung im Sinne der Vorhersagen Stalins eingetreten ist, daß der US-Imperialismus durch seine Rivalen geschwächt wird:

„Die Vereinigten Staaten von Amerika haben nunmehr ihre absolute Vorherrschaft über die anderen kapitalistischen Länder verloren, sie sind nicht mehr in der Lage, die kapitalistischen Kräfte unter ihrer Kontrolle zu reorganisieren."[473]

Die „ernsthafte" Herausforderung des amerikanischen Imperialismus durch den französischen Imperialismus wird richtig als „im Dienste seiner (des französischen Imperialismus, A.d.V.) Absichten als kapitalistische Großmacht"[474] eingeschätzt. Zudem wird von einer Kriegsgefahr auch durch den wieder erstarkenden westdeutschen Imperialismus gesprochen.[475]

Von dieser richtigen Einschätzung der konkreten Lage im imperialistischen Lager ausgehend, hätten also beste Voraussetzungen bestanden, die These vom „Hauptfeind", damals des US-Imperialismus, konkret und prinzipiell zurückzuweisen, ohne den Kampf gegen den US-Imperialismus auch nur im geringsten abzuschwächen oder den Verrat der sowjetischen Revisionisten an diesem Kampf weniger anprangern zu müssen. Das istjedoch nicht geschehen.

Vielmehr zeigt sich in den weiteren Dokumenten, daß durch die prinzipiell falsche Theorie vom „internationalen Hauptfeind" die positiven Momente zurückgedrängt werden, daß im krassen Gegensatz zur wirklichen Entwicklung in der Welt und im Widerspruch zu richtigen Positionen des V. Parteitages die anderen imperialistischen Mächte des Westens immerweniger als selbständige imperialistische Großmächte angesehen werden - zugunsten der Theorie der „Supermächte", was die Ausbreitung der „Drei-Welten"-Theorie bedeutend erleichtert hat.

Dies zeigt sich schon auf dem VI., aber noch mehr auf dem VII. Parteitag der Partei der Arbeit Albaniens. zurück

 

b) Der VI. Parteitag der Partei der Arbeit Albaniens 1971

 

Auf dem VI. Parteitag der Partei der Arbeit Albaniens, der am l. November 1971 stattfand, wird nach wie vor unmißverständlich der US-Imperialismus zum „Hauptfeind der Völker" erklärt. Diese Bestimmung des „Hauptfeindes" wird jedoch faktisch erweitert durch die weitgehende Einbeziehung auch des russischen Sozialimperialismus, der zusammen mit dem US-Imperialismus vor allem in Form der „Allianz der Supermächte" aufs Korn genommen wird.

Es heißt im Bericht des VI. Parteitag der PAA:

„Trotz der Änderungen, die in der Welt stattgefunden haben und stattfinden, bleibt der amerikanische Imperialismus der Hauptfeind aller Völker."[476]

Über den Sozialimperialismus heißt es danach, daß er ein genauso gefährlicher, genauso listiger und aggressiver Feind wie der amerikanische Imperialismus ist."[477]

Gleichzeitig wurde propagiert:

„Die größte konterrevolutionäre Kraft, die dem Kampf der Völker um Freiheit und Sozialismus entgegensteht, ist die sowjetischamerikanische Allianz."[478]

Und:

„Solange der amerikanische und der sowjetische Imperialismus eben imperialistische Supermächte sind und eine gemeinsame konterrevolutionäre Strategie haben, solange wird unbedingt auch der Kampf der Völker gegen sie in einen einzigen Strom zusammenfließen."[479]

Zunächst wird an der These vom US-Imperialismus als dem „internationalen Hauptfeind" festgehalten.

Gleichzeitig versucht die PAA nach dem Einmarsch der russischen Sozialimperialisten in die CSSR der Realität Rechnung zu tragen, daß die revisionistische Sowjetunion zu einem chauvinistischen und imperialistischen Staat geworden ist. Dies versucht die PAA dadurch, daß sie den russischen Sozialimperialismus als „genauso gefährlich" wie den „Hauptfeind", gewissermaßen als „Ebenso-Hauptfeind" darstellt, ohne allerdings von der These vom US-Imperialismus als „Hauptfeind" abzurücken. Mit der Wendung „genauso" wurde das Problem sprachlich umschifft, aber nicht inhaltlich gelöst.

Auf dem VI. Parteitag konnte sich die PAA offenbar noch nicht dazu entschließen, beide „Supermächte" direkt als „Hauptfeind der Völker" zu bezeichnen.[480]

So trat faktisch die „sowjetisch-amerikanische Allianz", das Bündnis der beiden „imperialistischen Supermächte", an die Stelle dessen, was die PAA bis dahin als „Hauptfeind" bezeichnet hatte.

Damit zeichnete sich bereits klar ab, daß nach Ansicht der PAA nunmehr die „beiden Supermächte" „der Hauptfeind der Völker" seien, auch wenn das zunächst noch umschrieben wurde. zurück

 

c) Der VII. Parteitag der Partei der Arbeit Albaniens

 

Auf dem VII. Parteitag der Partei der Arbeit Albaniens, der am 1. November 1976 stattfand, wurde endgültig die Theorie von den „beiden Supermächten" als „Hauptfeind" proklamiert, und so heißt es dort: „Die Supermächte sind, einzeln oder gemeinsam, im gleichen Maß und auf der gleichen Ebene der Hauptfeind des Sozialismus, der Freiheit und Unabhängigkeit der Nationen."[481]

An anderer Stelle wird über die „beiden Supermächte" ausgeführt:

„Sie stellen die gleiche Gefahr dar, deshalb sind die beiden Supermächte die größten und Hauptfeinde der Völker."[482]

Offenbar ist das Kriterium, welche imperialistische Macht die größte ist, in diesem Zusammenhang mehr als problematisch. Wurde bisher von der PAA damit argumentiert, daß der amerikanische Imperialismus der größte sei, und im Grunde daher der internationale „Hauptfeind", so ist schwer einzusehen, warum dieses Kriterium nicht beibehalten wird und nicht nach wie vor die größte imperialistische Macht als „Hauptfeind" betrachtet wird. Nun wird als Kriterium genommen, welches sind die „zwei größten imperialistischen Mächte", und es entsteht das Problem, warum man dann als Kriterium für die Festlegung von „Hauptfeinden" nicht genauso die drei, vier, fünf oder sechs „größten" imperialistischen Mächte nehmen kann. Am VII. Parteitag wird spürbar, daß zugunsten der Festlegung „zweier Hauptfeinde" massiv die „Supermachtstheorie" in der Richtung ausgebaut wird, einen qualitativen Unterschied dieser beiden Imperialisten zu anderen imperialistischen Mächten entgegen den Lehren des Leninismus und den Warnungen Stalins von 1952 zu konstruieren.

Die Verwendung des Begriffs „Supermächte" hilft aus dem Dilemma überhaupt nicht heraus — noch dazu, da dieser Begriff nirgendwo überzeugend definiert wird.[483]

Wir unterstreichen, daß die PAA dabei nicht das Bündnis mit anderen imperialistischen Mächten forderte, sondern ablehnte. Dennoch propagierte der VII. Parteitag durch die einseitige Konzentration des Kampfes der

Völker auf die beiden „Supermächte" eine grobe Unterschätzung der anderen imperialistischen Großmächte, was einen ernsten Rückschritt gegenüber dem V. Parteitag darstellte.

Enver Hoxha spricht im Bericht auf dem VII. Parteitag zwar von „Widersprüchen", „Streitigkeiten und Konkurrenz"[484] zwischen dem US-Imperialismus und den westeuropäischen Mächten, ja er zitiert sogar die

großartige Passage Stalins aus dem Jahre 1952, daß Länder wie Westdeutschland, England, Frankreich, Italien und Japan „den Weg einer selbständigen Entwicklung"[485] beschreiten. Diese „Analyse und die Voraussage Stalins bewahrheitet sich vollständig"[486] sagt er.

Doch direkt nach dem Zitat Stalins erklärt er seine Zustimmung faktisch wieder für ungültig und stellt die Lage so dar, als ob seit der Analyse auf dem V. Parteitag 1966 in der Selbständigkeit anderer imperialistischer Mächte sogar ein Rückschritt eingetreten sei. Enver Hoxha führte aus:

„..im Vergleich zum wirtschaftlichen, militärischen und politischen Potential der beiden Großen, besonders des amerikanischen Imperialismus, sind sie (die Länder Westeuropas, A.d.V.) schwach. So konnten diese Staaten Westeuropas den Finger nicht so richtig ,in den Honigtopf tauchen, und das nicht nur auf dem Gebiet der Wirtschaft und in den Entwicklungsländern, sondern auch ihre politische Meinung wird nur sehr wenig, um nicht zu sagen, überhaupt nicht beachtet. Der amerikanische Imperialismus hat eine Situation geschaffen, die nicht nur die Möglichkeiten beseitigt hat, daß sich diese Länder wirtschaftlicheinmischen, sondern die seinen Bündnispartnern auch denMund gestopft hat."[487]

Eine solche Einschätzung fast ein Vierteljahrhundert nach den klaren Hinweisen Stalins verkennt die Realität, wie zum Beispiel die Rivalität der US-Imperialisten und der westdeutschen Imperialisten im Iran, in der Türkei, in Nicaragua usw. in den siebziger Jahren zeigt. Damit wird besonders deutlich, wie durch das Beharren auf der „Supermachts- und Hauptfeind-Theorie" das Verständnis für die eigenständige Rolle der anderen imperialistischen Großmächte überhaupt verstellt ist. Stalin kann zwar zitiert, aber nicht wirklich in seinen politischen Konsequenzen verstanden und auf die heutige Lage angewandt werden, ohne daß ein Bruch mit dieser Theorie vollzogen wird. zurück

d) Der PAA-Artikel „Theorie und Praxis der Revolution" vom Juli 1977

 

In dem Artikel „Theorie und Praxis der Revolution", der im Zentralorgan der PAA im Juli 1977 veröffentlicht wurde, werden in der Polemik gegen die These der KP Chinas, daß nur noch der sowjetische Sozialimperialismus der „Hauptfeind" sei - noch deutlicher als auf dem VII. Parteitag – die Konsequenzen des theoretischen Fehlers der Festlegung von ein oder zwei „Hauptfeinden" für die revolutionäre Praxis der Völker aller Länder sichtbar.

Betrachten wir die entscheidenden Passagen dieses programmatischen Artikels:

„Die Frage der Bestimmung, wer zu einer gegebenen Zeit Hauptfeind im internationalen Maßstab ist, ist von großer Bedeutung für die revolutionäre Bewegung. Unsere Partei, die den Verlauf der Ereignisse, die klassenmäßige Analyse der gegenwärtigen Situation berücksichtigt, unterstreicht, daß der US-Imperialismus und der sowjetische Sozialimperialismus, diese beiden Supermächte heute ,die größten und Hauptfeinde der Völker' sind und als solche ,die gleiche Gefahr darstellten'".[488]

Weiter heißt es, die Bedeutung dieser These unterstreichend und alle möglichen Kritiker von vorneherein in die Schranken weisend:

„Die Leugnung dieser großen Wahrheit (,daß die beiden Supermächte im gleichen Maß und auf gleicher Ebene der Hauptfeind des Sozialismus, der Freiheit und der Unabhängigkeit der Nationen sind') (...) ist voller katastrophaler Folgen und großer Gefahren für die Zukunft der Revolution und die Freiheit der Völker."[489]

In bezug auf den Kampf der Völker Asiens, Afrikas und Lateinamerikas zeigt der Artikel, welche praktischen Konsequenzen die These von den „beiden Supermächten" als „Hauptfeind" hat.

Ohne jede Einschränkung oder Differenzierung wird pauschal für alle Völker dieser Region gefordert:

„Dieser Kampf ist und muß unweigerlich gegen mehrere Feinde gerichtet sein, gegen die imperialistischen Unterdrücker, und zuerst und am meisten gegen die beiden Supermächte als die größten Ausbeuter und Weltgendarmen, die gefährlichsten Feinde aller Völker der Welt..."[490]

Hier wird deutlich, daß nicht die Mißachtung der These von den „Supermächten" als „Hauptfeind" „katastrophale Folgen" zeitigt, sondern die völlig schematische und im Widerspruch zur Realität und zu den Gesetzmäßigkeiten der proletarischen Weltrevolution stehende praktische Konsequenz dieser Theorie, daß in jedem Land, unabhängig von dessen Besonderheiten, die beiden „Supermächte" „zuerst" und „am meisten" bekämpft werden müßten. Es läßt sich bereits an wenigen Beispielen zeigen, wie falsch diese Theorie ist.

So war zur Zeit, als die US-Imperialisten noch als einziger „Hauptfeind" propagiert wurde und Algerien noch eine französische Kolonie war für das algerische Volk natürlich der französische Imperialismus der Hauptfeind,

ebenso in Vietnam, bevor der US-Imperialismus dort einmarschierte.

Zur Zeit der „beiden Supermächte" war offenbar dennoch zum Beispiel in Angola der portugiesische Kolonialismus der Hauptfeind, so wie heute der britische Imperialismus der Hauptfeind in Nordirland ist, ganz zu schweigen von all den Ländern, in denen der Hauptfeind die eigene herrschende Klasse ist, da sie den Staatsapparat und die Macht im Land innehat.

Die Forderung, den Kampf „zuerst" gegen die „beiden Supermächte" zu führen, hat in den Ländern, in denen nicht der US- oder der russische Sozialimperialismus der hauptsächliche imperialistische Unterdrücker ist, katastrophale Folgen, da die Völker die eigentlichen imperialistischen Kolonialherren damit aus der Schußlinie nehmen würden, den Kampf gegen sie als „zweitrangig" auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschieben würden, das heißt, daß ihr Sturz unmöglich gemacht werden würde. Dabei wird gerade anhand der Erfahrungen mit den französischen Revisionisten angesichts des Kampfes des algerischen Volkes gegen die französischen Kolonialisten recht deutlich, wohin solche Auffassungen in der Praxis fuhren. Bekanntlich verwendeten die französischen Revisionisten unter anderem das die „Hauptfeind-Theorie" vorwegnehmende „Argument", daß Algerien lieber an Frankreich angegliedert bleiben sollte, als der Gefahr ausgesetzt zu sein, dem US-Imperialismus in die Hände zu fallen. zurück

 

e) Wahlrede Enver Hoxha 1978

 

1978 hielt Enver Hoxha, Erster Sekretär des ZK der PAA, eine international weit verbreitete Wahlrede, in der er auf das Verhältnis der VR Albaniens gegenüber kleinen und gegenüber mächtigen imperialistischen Staaten einging:

„Nach dem Gesetz des Dschungels, das in den Beziehungen zwischen den kapitalistischen und revisionistischen Staaten besteht, frißt ,der große Fisch' den kleinen. Der ,kleine Fisch' muß deshalb um seine Existenz kämpfen, und gerade in diesen Anstrengungen treten die Widersprüche zutage.

Unsere Republik bemüht sich, die Widersprüche im Interesse der Revolution auszunutzen, und unterstützt den Kampf gegen ,den großenFisch' mit dem Ziel, ihn zu schwächen, der revolutionären Bewegung der Arbeiterklasse und dem Kampf der Völker für Freiheit und Unabhängigkeit und gesellschaftlichen Fortschritt zu helfen."[491]

Der Vergleich der kapitalistischen bzw. imperialistischen Staaten mit kleineren und größeren Fischen ist hochinteressant und sehr aufschlußreich.

Erstens geht aus ihm hervor, daß Enver Hoxha sehr wohl in Rechnung stellt, daß es sich unabhängig von der jeweiligen Größe, jedenfalls immer um Wesen der prinzipiell gleichen Art, nämlich um Fische bzw. um kapitalistisch-imperialistische Staaten handelt, die einander nach dem „Gesetz des Dschungels" bekämpfen bzw. aufzufressen versuchen. Zweitens macht Enver Hoxha mit dem Vergleich klar, daß er es für zulässig, ja „im Interesse der Revolution" für erforderlich hält, die kleineren Fische gegen die größeren, d. h. die kleineren kapitalistisch-imperialistischen Räubergegen die größeren, die kleineren Feinde gegen die größeren zu unterstützen.

Das ist die Wiederholung und Nachvollziehung der Hauptidee der „Drei-Welten-Theorie", nämlich der Idee, sich mit einer Gruppe von Feinden gegen eine andere zu verbünden. Es ist eine völlige Abkehr vom wissenschaftlichen Kommunismus, der lehrt, daß es sich beim Kampf der kleineren und größeren kapitalistisch-imperialistischen Mächte untereinander im wesentlichen um nichts anderes handelt, als um einen Kampf um Einflußsphären, diktiert von der Jagd nach Maximalprofiten. Ob kleinereoder größere Fische, die Unterstützung eines dieser Fische bei der Aufteilungder Beute ist allemal falsch.

Diese Position Enver Hoxhas steht im diametralen Gegensatz zu dem, was Lenin von der Außenpolitik eines sozialistischen Landes gefordert hat und hat mit den klassenspezifischen Positionen des wissenschaftlichen Kommunismus im Grunde nichts mehr gemein.

Unmißverständlich betonte Lenin:

„Die praktische Aufgabe der kommunistischen Politik besteht darin, diese Feindschaft der Kapitalisten auszunutzen und sie aufeinanderzu hetzen. (...) Unterstützung des einen Landes gegen dasandere wäre natürlich ein Verbrechen am Kommunismus, aber wir Kommunisten müssen das eine Land gegen das andere ausspielen." (Lenin: „Rede in der Aktivversammlung der Moskauer Organisation der KPR(B)",1920, Werke Band 31, S. 439f.)

Die vorrangige und lebensnotwendige Aufgabe der Schaffung der Einheitsfront der proletarischen Weltrevolution kann nur gegen alle Imperialisten und Reaktionäre erfüllt werden, wobei die zwischenimperialistischenWidersprüche die Erfüllung dieser Aufgabe erleichtern können, indieser Richtung und zur Schwächung des Gesamtsystems des Imperialismusauch ausgenutzt werden können. Keinesfalls aber dürfen die Revolutionäreund die Völker in diesen zwischenimperialistischen Kämpfen Partei ergreifen, den einen oder anderen Räuber unterstützen, denn in diesem Fallwürden diese Widersprüche nicht zugunsten der Revolutionäre und derVölker, sondern umgekehrt diese zugunsten der einen oder anderen Imperialistenausgenützt werden. Eben darauf aber läuft die Theorie von den„Supermächten" und die Theorie vom „internationalen Hauptfeind derRevolution" hinaus, weshalb sie entschieden kritisiert, bekämpft und verworfenwerden muß.zurück

 

3. Kritik am Drei-Welten-Schema Deng Hsiao-pings

 

Einleitendes

 

Die nachfolgende Kritik am Drei-Welten-Schema ist im August 1977 zum ersten Mal veröffentlicht worden.[492] Während der Erarbeitung dieser Kritik stellte sich zu einer Zeit, als Deng Hsiao-ping aus Amt und Würden verjagt war, die Frage: Warum beschäftigt man sich mit einem fast vier Jahre alten Dokument, der Rede Deng Hsiao-pings vor der UNO 1974, dessen Autor keine reale politische Bedeutung mehr zu haben scheint? Wird der Sack geschlagen und der Esel gemeint? Will man sich um den eigentlichen Adressaten herumdrücken? Warum wird nicht ein Artikel oder eine Rede von Hua Guo-feng, des damals aktuellen Parteivorsitzenden der KP Chinas, zur internationalen Lage kritisiert beziehungsweise ein charakteristisches Dokument anderer Propagandisten des Schemas der „Drei Welten"?

Unsere Antwort auf diese Frage war und ist:

Erstens: Die Rede Deng Hsiao-pings ist deswegen ein so zentrales Dokument, weil in ihm in konzentrierter Form dargestellt und auf einen Nenner gebracht wurde, was bereits vorher scheinbar zufällig oder vereinzelt in Artikeln und Dokumenten der KP Chinas zu finden war und was nicht nur zur damals vorherrschenden Linie in der KP China geworden ist, sondern auch massiv durch die Zentralorgane solcher Parteien verbreitet wurde wie die PCMLF (Frankreich), PCMLB (Belgien), die KP A/ML (Australien), die AKP/ML (Norwegen), die KPS (Schweden) und andere.

Zweitens war dabei kennzeichnend, daß die Anhänger des Schemas der „Drei Welten" kein einziges wirklich neues Argument für dieses Schema hervorgebracht haben, sondern ganz im Gegenteil immer wieder zu der Argumentation Deng Hsiao-pings von 1974 zurückgriffen und voll und ganz zu dieser Rede standen. Diese Rede war für sie faktisch ein programmatisches Dokument.

Drittens war es unbedingt notwendig, von vornherein klarzumachen, daß jene im Unrecht waren und fundamental gegen die theoretische Grundlage des wissenschaftlichen Kommunismus, den dialektischen Materialismus, verstoßen haben, für die alle Probleme erst im September 1976, nach dem Tode des Genossen Mao Tse-tung begannen, während vorher angeblich „alles in Ordnung" war. Die Analyse der Rede Deng Hsiao-pings von 1974 beweist das Gegenteil.

Jene aber, die propagierten, daß vor dem Tod Mao Tse-tungs „alles in Ordnung war", jonglierten auch, um ihre faule These glaubhaft zu machen, mit den Begriffen „Bild der drei Welten", „Theorie der drei Welten" und „strategisches Konzept der drei Welten" und behaupteten, daß der Fehler erst da begonnen hätte, wo nicht mehr vom „Bild", sondern von der „Theorie" beziehungsweise dem „strategischen Konzept" der „Drei Welten" die Rede sei.

Ob „Bild", „Theorie" oder „Strategisches Konzept", das Schema der „Drei Welten" war von vornherein falsch und wurde lediglich im Laufe der Zeit immer massiver propagiert. Deswegen war der Versuch, zwischen diesen Begriffen wesentliche Unterschiede zu konstruieren, ein Versuch, die eigenen Fehler zu verschleiern. Aus diesen Gründen erschien es richtig, die Kritik am Schema der „Drei Welten" mit der Kritik der Rede Deng Hsiao-pings von 1974 zu beginnen.

Nun hatte sich die Bedeutung dieser Rede Deng Hsiao-pings auch insofern herausgestellt, da Deng voll „rehabilitiert" worden ist, wobei es sich nicht so sehr um die Rehabilitierung seiner Person handelte, sondern vielmehr um eine Zementierung der von ihm vertretenen revisionistischen Linie.

Somit hatte sich unsere Auffassung bestätigt, daß Deng Hsiao-ping weitgehend der Vater jener Form revisionistischer Ideologie war, die in der internationalen kommunistischen Bewegung so großen Schaden angerichtet hat.

Im Kampf gegen diese revisionistische Ideologie geht es nicht in erster Linie um Personen, ja sie interessieren überhaupt nur insoweit, als sie Träger, Repräsentanten und Führer der revisionistischen Linie sind. Es geht vor allem darum, die Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus zu verteidigen - gegen alles und gegen jeden, welche „Autorität" und ehemaligen „Verdienste" er auch hatte!

Der Kampf gegen das „Schema der drei Welten" war eine Fortsetzung des Kampfes zwischen Marxismus und Revisionismus, ein Kampf, der vor allem eine Fortsetzung des Kampfes der Marxisten-Leninisten gegen den Chruschtschow-Revisionismus war.

Die Geschichte dieses Kampfes lehrt, daß in ihm nicht „Taktik" oder gar das, was einige darunter verstehen, entscheidend, sondern daß vor allem Prinzipienfestigkeit und Unversöhnlichkeit entscheidend sind. Dieser Kampf der Kommunistinnen und Kommunisten mußte sich nicht nur gegen die offenen Vertreter der „Drei-Welten-Theorie" richten, sondern auch gegen die, die in diesem Kampf eine versöhnlerische Haltung einnahmen, denn der Logik der Dinge nach muß der Kampf gegen den offenen Opportunismus mit dem Kampf gegen das Versöhnlertum verbunden werden, da sich beide gegenseitig nähren und Kraft geben.

Im Kampf gegen den modernen Revisionismus muß man der Sache auf den Grund gehen, die Kernprobleme möglichst umfassend ausarbeiten, um nicht morgen einer neuen Form des Revisionismus wiederum Zugeständnisse zu machen oder ihn gar selber zu propagieren.

Gerade auch im Kampf gegen die Thesen Deng Hsiao-pings, der einen extremen rechtsopportunistischen, kapitulantenhaften Kurs propagierte, bestand die Gefahr, in der Kritik zu sehr an der Oberfläche zu bleiben, einige extreme Formulierungen als absurd mit einer Handbewegung abzutun oder gar seiner falschen Linie mit einer scheinbar entgegengesetzten Auffassung zu begegnen, die sich aber ebenfalls nicht auf das feste Fundament des wissenschaftlichen Kommunismus stützen kann.

Nach unserer Meinung war und ist es die Pflicht aller Kommunistinnen und Kommunisten, im Kampf gegen eine jede neue Erscheinungsform des Revisionismus und Antimarxismus tiefer zu gehen, sich erneut in die Kernfragen der Geschichte des Kampfes zwischen Marxismus und Revisionismus einzuarbeiten, auch selbstkritisch den eigenen Beitrag in diesem Kampf zu überdenken, um sich für den weiteren Kampf gegen den Revisionismus maximal zu wappnen.

Bei der Fortsetzung des Kampfes gegen den modernen Revisionismus unter den damaligen Bedingungen trafen eine Fülle von marxistischleninistischen Argumenten, die vordem Chruschtschow entlarvten, auch den Revisionismus Deng Hsiao-pings.

Doch es wäre eine viel zu vereinfachende Auffassung gewesen, die Linie Deng Hsiao-pings lediglich mit den im Kampf gegen den Chruschtschow- Revisionismus entstandenen Dokumenten bekämpfen zu wollen - und zwar nicht nur, weil Dengs Revisionismus in einigen Aspekten nicht mit dem Revisionismus Chruschtschows übereinstimmt. Das Problem liegt tiefer.

Einmal abgesehen von der 1957 und 1960 verabschiedeten Deklaration und Erklärung in Bukarest und Moskau, die zentrale Thesen des Chruschtschow-Revisionismus enthalten, sind solche grundlegenden Dokumente wie etwa die von der KP China herausgegebenen neun Kommentare der „Polemik über die Generallinie" und der „Vorschlag zur Generallinie", die 1963/64 für die Marxisten-Leninisten aller Länder starke Waffen im Kampf gegen den Chruschtschow-Revisionismus waren und auch tatsächlich in vielen wichtigen Fragen dem Chruschtschow-Revisionismus schwere Wunden beigebracht haben, selbst nicht frei von fundamentalen Fehlern, wie in der vorliegenden Untersuchung ausführlich belegt und bewiesen wird.

Die Linie Deng Hsiao-pings ist nicht vom Himmel gefallen. Sie hat eine Geschichte und Anknüpfungspunkte verschiedener Art. Ein Resultat aus diesen Überlegungen war, daß das Studium all der Dokumente, die als Stützpunkte im Kampf gegen den modernen Revisionismus nach 1956 galten - und zwar ein kritisches Studium -, eine der vorrangigen Aufgaben an der ideologischen Front sein mußte. Die Kritik an den Dokumenten der „Polemik" und am „Vorschlag zur Generallinie der internationalen kommunistischen Bewegung", wie sie mit diesem Buch vorliegt, war dann ein wesentliches Ergebnis der erneuten kritischen Auseinandersetzung mit den Dokumenten des Kampfes gegen den Chruschtschow-Revisionismus.

Denn Beginn dieser erneuten kritischen Beschäftigung mit der unzulänglichen und zu wenig tiefgehenden Kritik am modernen Revisionismus Chruschtschowscher Prägung stellte die folgende Kritik am modernen Revisionismus Deng Hsiao-pings dar. zurück

 

a) Die Revisionisten spekulieren seit jeher mit „neuen Bedingungen"

 

Die Chruschtschow-Revisionisten trugen ihre Angriffe auf die marxistisch-leninistischen Prinzipien nicht nackt und nicht ohne Manöver vor.

Um weiterhin als „Marxist" gelten zu können, entfalteten sie einen wütenden Kampf angeblich gegen den „Dogmatismus", gegen den „Personenkult" usw. Ihr Hauptmanöver aber, welches ihnen Glaubwürdigkeit verleihen sollte, bestand in der Spekulation mit den Änderungen in der Welt nach dem Zweiter Weltkrieg, ihr Schwenken der Fahne „Neue Bedingungen."

Beim angeblichen „Kampf gegen den Dogmatismus" ging es den modernen Revisionisten keinesfalls wirklich um einen Kampf gegen die mangelnde Anwendung von Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus oder gegen die Verabsolutierung untergeordneter Leitsätze, sondern es ging ihnen einzig und allein um den Kampf gegen die allgemeingültigen Wahrheiten und Grundprinzipien des Marxismus-Leninismus. Genauso war es auch bei ihrem angeblichen „Kampf gegen den Personenkult". Er richtet sich keinesfalls gegen faule Verherrlichungen Stalins und inhaltslose Lobhudeleien, sondern der Kampf gegen den „Personenkult" war in Wahrheit ein Angriff auf Stalin und sein marxistisch-leninistisches Werk, das den Marxismus-Leninismus im Kampf gegen alle Opportunisten von Trotzki über Bucharin bis Tito verteidigt und bereichert hat.

Ebensowenig ging es den Revisionisten damals und geht es den Revisionisten aller Schattierungen heute darum, wirklich die marxistischleninistischen Grundthesen auf die neuen Bedingungen anzuwenden; sondern es geht ihnen darum, unter Berufung auf neue Erscheinungen die Grundprinzipien der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Weltrevolution zu revidieren.

Die Revisionisten aller Schattierungen müssen auf diese oder jene Weise das Wesen dieser Epoche verfälschen, die aus der Analyse dieser Epoche gefolgerten revolutionären Leitsätze des Leninismus beiseite werfen und für „überholt" erklären.

Nach dem Chruschtschow-Revisionismus war eine Variante der Revision des Leninismus als Marxismus unserer Epoche der Versuch, die Ideen Mao Tse-tungs zu mißbrauchen, eine „völlig neue Epoche" zu konstruieren und für diese erfundene „völlig neue Epoche" die „Mao Tse-tung-Ideen als dritte epochale Etappe des Marxismus" zu installieren. Besonders kraß zeigten sich solche Versuche bei dem Revisionisten Lin Biao, der ständig die Phrase von der „völlig neuen Epoche" im Munde führte.[493]

Auch die These von den „Drei Welten" beruft sich unmißverständlich vor allem auf die „neuen Bedingungen" und die „großen Änderungen" und geht sorgfältig einer Analyse der gegenwärtigen Epoche und der sich daraus ergebenden grundlegenden Aufgaben aus dem Weg.

Deng Hsiao-ping begründete, warum nun von „Drei Welten" gesprochen werden müßte, in der nachfolgend kritisierten Rede auf der UNO-Vollversammlung 1974 wie folgt:

„Sieht man sich die Änderungen der internationalen Beziehungen an, so gibt es heute in der Welt drei Teile, drei Welten..."[494]

Das bedeutet, daß nach Deng Hsiao-ping jeder Mensch, der sozusagen auf der Höhe der Zeit bleiben will und nicht alten Zeiten hinterhertrauert, heute von diesen „drei Welten" ausgehen muß.

Ehe wir uns genauer mit den „Änderungen" beschäftigen wollen, mit denen Deng Hsiao-ping seine „drei Welten" begründet, ist es unserer Meinung nach notwendig, einige Grundthesen des Marxismus-Leninismus in Erinnerung zu rufen, die man bei Deng Hsiao-ping vergeblich suchen wird. zurück

 

b) Die heutige Welt ist vom Entscheidungskampf zwischen dem Lager der Revolution und dem Lager der Konterrevolution gekennzeichnet

 

Marx und Engels über den Klassenkampf und die Spaltung der Gesellschaft in zwei Lager

 

Von grundlegender Bedeutung für den Marxismus-Leninismus ist die im Kommunistischen Manifest zusammengefaßte These:

„Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen." (Marx/Engels: „Manifest der Kommunistischen Partei", 1847-1848, Marx/EngelsWerke Band 4, S. 462.)

Diese Geschichte der Klassenkämpfe ist bedingt durch die Entwicklung der ökonomischen Basis. Der weltgeschichtliche Prozeß der ökonomischen Entwicklung und der darauf beruhenden Geschichte der Klassenkämpfe hat in der Epoche des Kapitalismus eine Stufe erreicht, die Engels, den durchgehenden Grundgedanken des „Manifests" hervorhebend, folgendermaßen charakterisierte: daß

„dieser Kampf aber jetzt eine Stufe erreicht hat, wo die ausgebeutete und unterdrückte Klasse (das Proletariat) sich nicht mehr von der sie ausbeutenden und unterdrückenden Klasse (der Bourgeoisie) befreien kann, ohne zugleich die ganze Gesellschaft für immer von Ausbeutung, Unterdrückung und Klassenkämpfen zu befreien..." (Engels: „Vorwort zum ,Manifest der Kommunistischen Partei'", 1883, Marx/EngelsWerke Band 4, S. 577.)

Marx und Engels haben weiterhin im „Manifest" darauf hingewiesen, daß der Schlüssel, um selbst schwierige Phänomene zu analysieren, in der Erkenntnis des Klassengegensatzes besteht. Dieser Klassengegensatz, den sich die Reaktionäre aller Länder und ihre Papageien stets bemühen zu verschleiern, wird immer krasser:

„Die ganze Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in zwei große feindliche Lager, in zwei große, einander direkt gegenüberstehende Klassen: Bourgeoisie und Proletariat." (Marx/Engels: „Manifest der Kommunistischen Partei", 1847-1848, Marx/EngelsWerke Band 4, S. 463.)

 

Der Kampf zwischen zwei Lagern in der Epoche des Imperialismus

 

In der Epoche des Imperialismus ist aufgrund der ökonomischen weltweiten Entwicklung objektiv die proletarische Weltrevolution zu einer Frage der „unmittelbaren Praxis"[495] geworden. In unserer heutigen Epoche, der Epoche des Imperialismus, ist es so, wie Stalin sagte:

„Jetzt muß vom Vorhandensein objektiver Bedingungen für die Revolution im ganzen System der imperialistischen Weltwirtschaft als eines einheitlichen Ganzen sprechen, (...) da das System als Ganzes bereits für die Revolution reif geworden ist." (Stalin: „Über die Grundlagen des Leninismus", 1924, Werke Band 6, S. 58; Hervorhebungim Original)

In der Epoche des Imperialismus ist der von Marx und Engels analysierte grundlegendste Klassengegensatz keinesfalls „überholt", sondern er bestätigt sich in jeder Weise: Der während der Epoche des „aufsteigenden" Kapitalismus vor allem in Europa einsetzende Prozeß der Spaltung der Gesellschaft in diese zwei Lager (Proletariat und Bourgeoisie), hat sich in der Epoche des sterbenden Kapitalismus, in der die Frage der proletarischen Revolution zur Frage der unmittelbaren Praxis wurde, weltweit erweitert auf das imperialistische Lager der Konterrevolution und das Lager der proletarischen Weltrevolution.

Während sich im Lager der Konterrevolution die Imperialisten aller Länder, die Kompradorenbourgeoisie und Feudalherren, die Reaktionäre aller Länder sammeln, vereinigen sich im Lager der proletarischen Weltrevolution nicht nur das internationale Proletariat und seit dem Sieg der sozialistischen Oktoberrevolution die Länder des Sozialismus, sondern auch mehr und mehr unter der Hegemonie des Proletariats seine Verbündeten: vor allem die werktätigen Massen auf dem Land in den kapitalistischen Ländern und die revolutionären nationalen Befreiungsbewegungen in den kolonialen, halbkolonialen und halbfeudalen Ländern. Diese Kräfte verwandeln sich heute mehr und mehr in eine Reserve der proletarischen Weltrevolution, in ihre zuverlässigsten Verbündeten, ja in einen Teil von ihr.

Zwischen diesen zwei großen Lagern - deren gewaltigem Ringen, ein Ringen zwischen dem barbarischen Kapitalismus und dem befreienden Sozialismus, welches die ganze heutige Epoche bis zum Sieg der proletarischen Weltrevolution, der Errichtung des Kommunismus ausfüllen wird — gibt es kein „drittes Lager", keine „dritte Welt" und keinen „dritten Weg". zurück

 

c) Lenin und Stalin propagierten seit der sozialistischen Oktoberrevolution die Existenz von zwei Welten: der alten kapitalistischen Welt und der neuen sozialistischen Welt

 

Bei seiner Definition des Leninismus als „Marxismus der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution" ging Genösse Stalin von den beiden grundlegenden, miteinander im unversöhnlichen Klassenkampf auf Leben und Tod liegenden großen Kräften dieser Epoche aus: dem Weltimperialismus auf der einen Seite und den Kräften der proletarischen Weltrevolution auf der anderen.

Der Widerspruch zwischen Revolution und Konterrevolution, der Klassenkampf zwischen diesen beiden Kräften, das ist der Ausgangspunkt jeder marxistisch-leninistischen Analyse und jeder korrekten Bestimmung des Stellenwerts aller grundlegenden Widersprüche in der Welt.[496]

Mit dem Sieg der sozialistischen Oktoberrevolution wurde dieser tiefe Widerspruch innerhalb der kapitalistisch-imperialistischen Welt auf eine neue Stufe gehoben, dokumentierte er sich nun bereits auch im Vorhandensein des ersten großen sozialistischen Staates. Innerhalb der Welt existierten nun nicht mehr bloß zwei einander diametral gegenüberstehende Lager, sondern die Welt selbst war offensichtlich zerrissen in zwei grundverschiedene, gegensätzliche Welten; in die kapitalistisch-imperialistische Welt, in der das Proletariat weiterhin ausgebeutet und unterdrückt wurde, auf der einen Seite - und in die jetzt schon in Gestalt des ersten sozialistischen Staatswesens existierende neue sozialistische Welt, in der das Proletariat vorherrschend war, seine Diktatur ausübte und seine neue Gesellschaftsordnung aufbaute.[497]

Lenin sagte daher nach dem Sieg der sozialistischen Oktoberrevolution:

„Leider gibt es jedoch heute auf der Welt zwei Welten: die alte - den Kapitalismus, der in eine Sackgasse geraten ist und niemals nachgeben wird, und die heranwachsende neue Welt, die noch sehr schwach ist, die aber stark und groß werden wird, denn sie ist unbesiegbar." (Lenin: „Über die Innen- und Außenpolitik der Republik. Bericht des GesamtrussischenZentralexekutivkomitees und des Rats der Volkskommissare an den IX. GesamtrussischenSowjetkongreß", 1921, Werke Band 33, S.132.)

Diese Feststellung Lenins, daß zwei Welten existieren, gehört seither zum Abc des Marxismus-Leninismus. Ob man die Tatsache der Existenz dieser zweier Welten anerkennt oder nicht, ist im Grunde genommen gleichbedeutend mit der Frage, ob man die weltgeschichtliche Bedeutung der Oktoberrevolution als dem ersten großen Sieg im gewaltigen Ringen zwischen Imperialismus und proletarischer Weltrevolution anerkennt oder nicht. Stalin schrieb darüber zehn Jahre nach dem Sieg der Oktoberrevolution im Artikel „Der internationale Charakter der Oktoberrevolution":

„Die Oktoberrevolution darf nicht bloß als eine Revolution ,im nationalen Rahmen' betrachtet werden. Sie ist vor allem eine Revolution von internationaler, von Weltbedeutung, denn sie bedeutet eine grundlegende Wendung in der Weltgeschichte der Menschheit, die Wendung von der alten, der kapitalistischen Welt zu der neuen, der sozialistischen Welt." (Stalin: ,.Der internationale Charakter der Oktoberrevolution", 1927, Werke Band 10,S. 207.)

Alles das sind, wie gesagt, Grundlagen des Marxismus-Leninismus.

Wenn es einem Revisionisten wie Deng Hsiao-ping dennoch gelang, mit einem Schema von plötzlich „drei Welten" sogar revolutionäre, kommunistische Kräfte zu verwirren, ja vom revolutionären Weg überhaupt abzubringen, so genügt es offensichtlich keinesfalls, einfach diese Grunderkenntnisse in Erinnerung zu rufen, sondern es ist erforderlich, möglichst genau und detailliert aufzudecken, welche demagogischen Möglichkeiten, welche wirklich existierenden neuen Probleme Deng Hsiao-ping ausnützt, um Verwirrung zu stiften, und mit welchen betrügerischen Methoden er diese Verwirrung zu seinen konterrevolutionären Zwecken verwendet. zurück

 

d) Der Trick, wie das sozialistische Lager „verschwindet"

 

Um seine „drei Welten" entstehen zu lassen und glaubhaft zu machen, hatte Deng Hsiao-ping ein großes Hindernis zu überwinden: Eben die grundsätzlichen Feststellungen Lenins und Stalins über die zwei Welten, die sich in unserer Zeit unversöhnlich gegenüberstehen.

Um diese schwierige Klippe zu umschiffen, bediente sich Deng Hsiaoping der demagogischen Methode, mit einer real existierenden neuen Erscheinung, nämlich der Restauration des Kapitalismus in einer Reihe sozialistischer Länder, einschließlich der Sowjetunion selbst, zu spekulieren.

Sehen wir, wie er dabei argumentierte:

„Durch das Auftreten des Sozialimperialismus hat das nach dem u. Weltkrieg während einiger Zeit existierende sozialistische Lager zu bestehen aufgehört."[498]

In der Tat, man kann nicht bestreiten, daß eine sozialistische Sowjetunion nicht mehr existiert und daß die nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Länder, die damals den Weg des Sozialismus beschriften, die Farbe gewechselt haben und sich heute im kapitalistischen Lager befinden. Hat damals aber das sozialistische Lager wirklich aufgehört zu existieren? Gibt es deswegen kein Lager der proletarischen Weltrevolution mehr, das weit größer ist als eine Anzahl sozialistischer Länder? Es liegt auf der Hand, daß dem nicht so ist!

Wir sind hier bei einem der entscheidenden Punkte angelangt, die Deng Hsiao-ping zu vernebeln trachtete, indem er zu einem alten Trick der Demagogen und Handlanger des Klassenfeinds griff: dem Trick mit dem „Doppelbegriff'.

Bekanntlich hat jeder Begriff eine Entwicklungsgeschichte, kann zu verschiedenen Zeiten verschiedene Bedeutung haben oder kann gleichzeitig etwas Allgemeines und etwas Besonderes bezeichnen. Das nützt Deng Hsiao-ping aus, indem er während der Argumentation unbemerkt ein und denselben Begriff in einer unterschiedlichen Bedeutung benutzt, um zu einem Schluß zu kommen, der logisch scheint, in Wahrheit aber die Tatsachen verdreht.

Nicht bis zu Ende offen ausgesprochen, aber dem Inhalt nach lautet die Grundargumentation Deng Hsiao-pings und seiner Nachbeter: Es gab eine Zeitlang ein sozialistisches Lager, das die Welt des Sozialismus repräsentierte, aber heute existiert dieses (!) sozialistische Lager nicht mehr — „also" muß man auch die Welt nicht mehr in eine sozialistische und in eine kapitalistische Welt einteilen, kurz, das „sozialistische Lager" ist einfach verschwunden!

Den Erfindern und Nachbetern des Schemas der „Drei Welten" kommt bei dieser Manipulation der Umstand zu Hilfe, daß der Begriff „sozialistisches Lager" mehrfache Bedeutung hat:

Erstens. Grundlegend umfaßt er alle Kräfte des Lagers des Sozialismus, das heißt, alle Kräfte der proletarischen Weltrevolution. Dementsprechend schrieb Stalin in seinem Artikel mit dem Titel „Zwei Lager" in einer Zeit, als ein einziges sozialistisches Land existierte:

„Die Welt hat sich entschieden und unwiderruflich in zwei Lager gespalten: In das Lager des Imperialismus und in das Lager des Sozialismus." (Stalin: „Zwei Lager", 1919, Werke Band 4, S. 205.)

1925 sagt Stalin über diese zwei Lager:

„Wer - wen? - das ist der springende Punkt. (...) Weil sich die Welt in zwei Lager gespalten hat - in das Lager des Kapitalismus mit dem englisch-amerikanischen Kapital an der Spitze, und in das Lager des Sozialismus mit der Sowjetunion an der Spitze." (Stalin: „Zu den Ergebnissen der Arbeiten der XIV. Konferenz der KPR (B)", 1925,Werke Band 7, S. 81.)

Dies sagte Stalin einige Jahre nach der sozialistischen Oktoberrevolution, lange vor der Zeit, als nach dem Zweiten Weltkrieg eine Reihe von Ländern den Weg des Sozialismus beschriften und sich mit der sozialistischen Sowjetunion verbündet hatten. Dieses Bündnis wurde in der Nachkriegszeit oft im engeren Sinn des Wortes als „sozialistisches Lager" bezeichnet.

Damit ist ganz unmißverständlich, daß Stalin hier den Begriff im gleichen Sinn wie Lenin gebraucht: Als begriffliche Zusammenfassung aller Kräfte der proletarischen Weltrevolution, die zur damaligen Zeit die Sowjetunion an der Spitze, darüber hinaus aber auch alle revolutionären Kräfte des Proletariats aller anderen Länder, alle revolutionären Kräfte der Völker umfaßten, die in dieser oder jener Etappe des Weges zum Sozialismus ihren Kampf führen.

Im Laufe der Entwicklung haben sich die konkreten Formen und hat sich die Zusammensetzung des sozialistischen Lagers geändert: Es sind nach dem Zweiten Weltkrieg Länder entstanden, die den Weg zum Sozialismus eingeschlagen haben, und durch bürgerlich-revisionistische Entwicklung sind diese dem sozialistischen Lager verlorengegangen. Aber auch durch den Farbwechsel der Sowjetunion selbst und der anderen Länder, die den Weg zum Sozialismus begonnen hatten, ist das sozialistische Lager keineswegs verschwunden. Um es zum Verschwunden zu bringen, müßten die Imperialisten das Weltproletariat vernichten. Doch es steht außer Frage, daß das unmöglich ist.

Zweitens. Die Klassiker des Marxismus-Leninismus haben den Begriff „sozialistisches Lager" dort und da auch im engeren Sinne des Wortes gebraucht, also damit den bereits als neue Gesellschaftsordnung existierenden Sozialismus bezeichnet, der je nach den historischen Umständen mehr oder weniger Länder umfaßte, die bereits den Sozialismus aufbauten oder den Weg zum Sozialismus einschlugen. Das war zunächst das einzige sozialistische Land, die sozialistische Sowjetunion. Das waren nach 1949 die Sowjetunion und die mit ihr verbündeten Länder, die den Weg zum Sozialismus gingen, von der DDR im Westen bis zur Volksrepublik China im Osten. In dieser Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ist es üblich geworden, dieses Staatenbündnis „sozialistisches Lager" zu nennen.

Aber auch in dieser Zeit umfaßte das große welthistorische Lager des Sozialismus, der proletarischen Weltrevolution, im ursprünglichen Sinne alle Kräfte des revolutionären Weltproletariats, alle für ihre Befreiung von Imperialismus, Ausbeutung und Unterdrückung kämpfenden Völker, die nicht nur objektiv, sondern durch den Kampf für die Hegemonie des von seiner Kommunistischen Partei geführten Proletariats in der Revolution mehr und mehr auch subjektiv für die Sache des Weltkommunismus eintreten.

Kehren wir nun zur Spekulation Deng Hsiao-pings mit einer real existierenden Erscheinung zurück, so sehen wir, wie er den Umstand, daß das sozialistische Lager der Jahre nach 1949 — das sozialistische Lager im damals gebräuchlichen engen Sinn des Wortes - infolge des Verrats der modernen Revisionisten nicht mehr existiert, für seinen Trick mit dem Doppelbegriff ausnutzte.

Deng Hsiao-ping und seinesgleichen argumentierten mit der revisionistischen Entwicklung einer Reihe von Ländern, die dem „sozialistischen Lager" im engeren Sinn des Begriffs angehörten - aber sie ließen die Tatsache einfach außer Betracht, daß zunächst nicht alle diese Länder eine solche Entwicklung nahmen: Nach 1956 hielten China und Albanien dem inneren und äußeren Druck des Imperialismus und Revisionismus stand, was für das ganze sozialistische Lager einen historischen Sieg bedeutete.

Konkret richtete sich eine solche Einschätzung, wenn sie aus China kommt, gegen die damalige Sozialistische Volksrepublik Albanien. So ist auch nicht verwunderlich, daß Deng Hsiao-ping, genau wie Chruschtschow, auch die alte, den proletarischen Internationalismus und die gegenseitige brüderliche Hilfe sozialistischer Länder verneinende These auftischte:

„Wir treten dafür ein, daß die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den Staaten ausnahmslos auf den fünf Prinzipien der Achtung der Souveränität und territorialen Integrität, des gegenseitigen Nichtangriffs, der gegenseitigen Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten, der Gleichberechtigung und des gegenseitigen Vorteils sowie der friedlichen Koexistenz beruhen müssen."[499]

Hier wird deutlich, daß Deng Hsiao-ping mit seiner These, daß es kein sozialistisches Lager mehr gebe, die Schlußfolgerung verband, daß also auch keine besonderen Beziehungen zur SVR Albanien notwendig seien. Doch nicht nur das. Mit dem Phänomen der revisionistischen Entwicklung und der Restauration des Kapitalismus in damals fast allen Ländern des „sozialistischen Lagers" im engeren Sinn spekulierend und dies zum Vorwand nehmend, bestritten Deng Hsiao-ping und seine Nachbeter überhaupt die Existenz eines sozialistischen Lagers im umfassenden Sinne des Wortes, das Lager der proletarischen Weltrevolution. Damit wird völlig klar, daß diese Leute mit ihrem Drei-Welten-Schema sogar den fundamentalsten Gesichtspunkt, den Klassenstandpunkt aufgegeben haben, da sie die tiefste Spaltung der heutigen Welt, jene zwischen dem Lager der proletarischen Weltrevolution und dem Lager der weltweiten Konterrevolution, den weltumspannenden Klassenkampf zwischen diesen beiden Lagern und Kräftezentren vertuschen und verleugnen.

Fassen wir zusammen:

Deng Hsiao-ping wollte mit seinem ersten großen Trick erreichen, daß die Kommunistinnen und Kommunisten aufhören, das Lager der proletarischen Weltrevolution zu erkennen und zum fundamentalen Ausgangspunkt ihrer Strategie zu machen; er wollte sie aber auch dazu bringen, die Solidarität mit China und Albanien aufzugeben, den beiden Ländern, die dem Druck des Imperialismus und Revisionismus nach dem XX. Parteitag der KPdSU 1956 lange Zeit widerstanden und zum damaligen Zeitpunkt zusätzlich unter dem Druck der Deng-Hua-Revisionisten standen. zurück

 

e) Das Schema der „Drei Welten" läßt auch das imperialistische Lager „verschwinden"

 

Bei denjenigen, die den Leninismus als Marxismus der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution „kritisieren", das heißt grundlegend revidieren wollen, ist es üblich, vor allem vom grundlegenden, klassenmäßigen Widerspruch dieser Epoche abzulenken und die Tatsache der beiden sich unversöhnlich gegenüberstehenden Lager zu verwischen.

Wir haben bereits gesehen, wie Deng Hsiao-ping die auf der einen Seite der Barrikade stehenden Kräfte der proletarischen Weltrevolution, das Lager des Sozialismus hat verschwinden lassen. Dasselbe machte er folgerichtig auch auf der anderen Seite, indem er die Existenz des imperialistischen Lagers ebenfalls verleugnet.

Keine Kommunistin, kein Kommunist wird bestreiten, daß in der damaligen internationalen Situation die Rivalität zwischen den US-Imperialisten und den russischen Sozialimperialisten ein hervorstechendes Kennzeichen war. An diese Tatsache knüpfte Deng Hsiao-ping an, aber behauptete: „...ihre Rivalität... ist allumfassend, dauernd und absolut."[500]

Gleichzeitig griff Deng Hsiao-ping den Umstand auf, daß „im Westen", nämlich in Westeuropa, die Imperialisten zunehmend mit dem US-Imperialismus rivalisierten. Von diesem Sprungbrett aus setzte er nun zu seinem großen demagogischen Salto mortale an:

„Infolge des Gesetzes der ungleichmäßigen Entwicklung im Kapitalismus gerät auch[501] der imperialistische Block im Westen in Auflösung."[502]

In dieser demagogischen Spitzenleistung sind gleich mehrere kühne Tricks vereinigt. Erstens werden unter der Hand aus den zwei Lagern zwei Blöcke, das heißt, der allgemeine Begriff des „Lagers" wird mit dem ganz anderen, etwas Besonderes bezeichnenden Begriff „Block" gleichgesetzt.

Das ist ein glatter Schwindel. Zweitens werden die Widersprüche in einem imperialistischen Block faktisch umgelogen in eine ,,Auflösung"(!) der Weltfront des Imperialismus. Drittens wird zu einem solchen wirklich höchst primitiven und plumpen Betrug frecherweise eine sehr wesentliche Erkenntnis Lenins über den Imperialismus mißbraucht, nämlich das Gesetz der ungleichmäßigen Entwicklung des Kapitalismus, als ob dieses Gesetz die Existenz eines imperialistischen Lagers, einer Weltfront des Imperialismus unmöglich machen würde. Folgte man Deng Hsiao-pings Argumentation, so käme sogar heraus, daß es ein imperialistisches Lager eigentlich sowieso niemals geben konnte, denn das Gesetz der ungleichmäßigen Entwicklung wirkt ja seit langer Zeit, insbesondere schon seit Beginn der Epoche des Imperialismus.

 

Zwei Tendenzen im Imperialismus: Bündnis aller Imperialisten und Rivalität zwischen ihnen

 

So lange es Imperialisten gibt, hören weder Kollaboration noch Rivalität zwischen ihnen jemals auf. Beide Tendenzen existieren im Grunde genommen ständig, nicht nur aufeinanderfolgend, sondern nebeneinander und gleichzeitig, wobei bloß dem Wechsel unterworfen ist, welche Tendenz in einem bestimmten Augenblick und in bezug auf eine gewisse Frage vorherrschend ist.

So haben die US-Imperialisten, obwohl im Kriegszustand mit Nazi-Deutschland, dennoch gleichzeitig große Geschäfte mit den deutschen Monopolen abgeschlossen (zum Beispiel General Motors) und schon während der Kriegshandlungen mit den deutschen Imperialisten gegen die Sowjetunion Stalins und gegen die Revolution der Völker kollaboriert, denn der Kampf gegen die Weltrevolution ist ein unbedingter Charakterzug des Imperialismus. Andererseits ändert auch ein noch so enges Bündnis der Imperialisten untereinander nichts daran, daß die unterschwellige (und da und dort auch immer wieder deutlich sichtbar werdende) Rivalität zwischen ihnen nicht aufhört, auch wenn alles friedlich und einig scheint, denn auch der Kampf um Hegemonie ist ein wesentlicher Charakterzug des Imperialismus und untrennbar mit ihm verbunden. Diesen Zusammenhang zwischen Kollaboration und Rivalität im Imperialismus zu zerreißen und einen dieser Charakterzüge auf Kosten des anderen für absolut zu erklären, ist eine flagrante Abkehr vom wissenschaftlichen Kommunismus.

Das Gesetz der ungleichmäßigen Entwicklung im Imperialismus trägt natürlich zur Rivalität der imperialistischen Mächte entscheidend bei, heizt sie an, indem es zu immer neuen Widersprüchen zwischen den gegebenen Aufteilungsverhältnissen und den geänderten Kräfteverhältnissen und in der Folge zum imperialistischen Krieg führt. Dieses Gesetz ist auch deshalb höchst wichtig, weil es zur Möglichkeit des Reißens eines schwächsten Kettenglieds des imperialistischen Weltsystems führt und die Möglichkeit des Siegs der Revolution und des Aufbaus des Sozialismus in einem Land eröffnet. Aber trotz dieser gewaltigen Bedeutung drückt dieses Gesetz nicht die einzige und nicht eine allein wirkende Tendenz im Imperialismus aus. Der Leninismus, der vom Kampf des Weltproletariats gegen den Weltimperialismus ausgeht, analysiert in diesem Fragenkomplex das Wirken von zweierlei Tendenzen:

„...es gibt zwei Tendenzen: die eine, die ein Bündnis aller Imperialisten unvermeidlich macht, die andere, die die einen Imperialisten den anderen entgegenstellt - zwei Tendenzen, von denen keine auf einer festen Grundlage beruht." (Lenin: „Bericht über die Außenpolitik", 1918, Werke Band 27, S. 363.)

 

Mit der These von der „absoluten" Rivalität wird die Möglichkeit der Zusammenarbeit der Imperialisten gegen die Revolution geleugnet

 

Deng Hsiao-ping verwandte die These, daß die Rivalität der Imperialisten „absolut"[503] sei, nicht nur dazu, um die Existenz eines Lagers des Weltimperialismus zu leugnen beziehungsweise für unmöglich zu erklären, sondern ging sogar so weit, jede Kollaboration der Imperialisten untereinander (wobei er unter Imperialisten praktisch nur noch die „Supermächte" versteht) als bloßes Manöver, als Trug, das heißt als nicht weiter ernst zu nehmendes Theater hinzustellen. So sagte er über die Abkommen zwischen den „Supermächten":

„Die beiden können zwar gewisse Vereinbarungen erzielen, aber diese Vereinbarungen sind ein bloßer Schein, nichts als Lug undTrug."[504]

Die Wirklichkeit sieht jedoch ganz anders aus. Der gemeinsame Kampf der Imperialisten zur Erhaltung der Ausbeuterordnung, ihre Zusammenarbeit gegen die Revolution ist keinesfalls nur „Schein", sondern für die revolutionären Völker und Kräfte blutige Realität.[505]

 

Im Kampf gegen Kautskys Theorie des „Ultra-Imperialismus“ hat Lenin die Zusammenarbeit der Imperialisten gegen die Revolution keineswegs ignoriert

 

Es könnte behauptet werden, bei der Formel „die Rivalität ist absolut" handle es sich um ein kurzes Fazit der Argumente, die Lenin gegen die Thesen Kautskys über den „Ultra-Imperialismus" ins Treffen geführt hat.

Das stimmt aber schon deshalb nicht, weil Lenin imperialistische Bündnisse niemals für „bloßen Schein" oder für unreal gehalten hat, selbst Bündnisse aller Imperialisten nicht. Lenin hob lediglich hervor, daß

„...solche Bündnisse (...) kurzlebig wären, daß sie Reibungen, Konflikte und Kampf in jedweden und allen möglichen Formen (nicht) ausschließen würden." (Lenin: „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus", 1917, WerkeBand 22, S. 300.)

Lenin betonte weiter, daß solche Bündnisse „notwendigerweise nur ,Atempausen' zwischen Kriegen" sind. (Ebenda, S. 301). Er erklärte die Unmöglichkeit einer neuen, ultraimperialistischen Epoche unmißverständlich - und zwar nicht nur infolge des Gesetzes der Ungleichmäßigkeit der ökonomischen Entwicklung des Kapitalismus, sondern gerade auch infolge der Zuspitzung aller Widersprüche des Imperialismus, infolge der heranreifenden proletarischen Weltrevolution:

„Esunterliegt keinem Zweifel, daß die Entwicklung in der Richtung auf einen einzigen, ausnahmslos alle Unternehmungen und ausnahmslos alle Staaten verschlingenden Welttrust verläuft. Doch diese Entwicklung erfolgt unter solchen Umständen, in einem solchen Tempo, unter solchen Widersprüchen, Konflikten und Erschütterungen - keineswegs nur ökonomischen, sondern auch politischen, nationalen usw. usf. —, daß notwendigerweise, bevor es zu einem einzigen Welttrust, zu einer ,ultraimperialistischen' Weltvereinigung der nationalen Finanzkapitale kommt, der Imperialismus unweigerlich bersten muß, daß der Kapitalismus in sein Gegenteil umschlagen wird." (Lenin: „Vorwort zu N. Bucharins Broschüre .Weltwirtschaft und Imperialismus'",1915, Werke Band 22, S. 106; Hervorhebungen im Original.)

Es widerspricht jeder Logik und ist nichts als plumpe Demagogie, aus der marxistisch-leninistischen Erkenntnis, daß die imperialistische Kollaborationnicht absolut sein kann, wie Kautskys Spekulationen das voraussetzten, zu folgern, daß also die Rivalität der Imperialisten absolut sei,[506] sie sich niemals und nirgends einigen könnten, ihre Zusammenarbeit nichts als Trug und Schein, also nicht ernst zu nehmen sei. Marx hat das Verhältnis von Kollaboration und Rivalität im Kapitalismus treffend beschrieben und das Gesetz der ungleichmäßigen Entwicklung im Imperialismus ändert daran nicht das Geringste:

„Wie die Bourgeoisklasse eines Landes gegen die Proletarier desselben Landes vereinigt und verbrüdert ist, trotz der Konkurrenz und des Kampfes der Mitglieder der Bourgeoisie unter sich selbst, so sind die Bourgeois aller Länder gegen die Proletarier aller Länder verbrüdert und vereinigt, trotz ihrer wechselseitigen Bekämpfung und Konkurrenz auf dem Weltmarkte." (Marx: „Rede über Polen", 1847, Marx/Engels Werke Band 4, S.

 

Widersprüche zwischen den Imperialisten ausnutzen heißt niemals, sich auf diese Widersprüche zu verlassen und im Kampf zwischen den rivalisierenden Imperialisten die eine oder andere Seite zu unterstützen

 

Lenin sagt, daß beide Tendenzen keine feste Grundlage haben: Die Imperialisten werden niemals ein ewiges Bündnis, niemals einen Super-Imperialismus errichten können, aber die Revolutionäre müssen auch stets damit rechnen, daß sich die Imperialisten gegen die Revolution vereinigen.

Weil die Widersprüche der Imperialisten untereinander eben nicht absolut sind, sondern es zwischen ihnen sowohl Kollaboration als auch Rivalität gibt, kann man diese Widersprüche auch nicht zur Grundlage der revolutionären Strategie machen, sondern bildet ihre Ausnutzung stets ein bedingtes, sekundäres, beschränktes Hilfsmittel, und Stalin zählt die Möglichkeit der Ausnutzung dieser Widersprüche ausdrücklich zu den „indirekten Reserven" der Revolution.[507]

Die These, daß die imperialistische Rivalität „absolut" sei, dient dazu, gerade diese Tatsachen zu verdunkeln und zu bestreiten. Mit dieser These wird den Revolutionären empfohlen, sich auf die tatsächlich existierenden Widersprüche zu verlassen. Was kann denn schon viel passieren, wenn sich die Imperialisten doch angeblich nicht wirklich verständigen und vereinigen können - auch nicht gegen die Revolution. Nachdem das „Ausnutzen der imperialistischen Widersprüche" praktisch zur entscheidenden Grundlage der revolutionären Strategie erklärt wird, ist es nur noch ein kleiner Schritt dazu, in diese Widersprüche auch in der Form einzugreifen, daß man in den imperialistischen Rivalitäten Partei ergreift, das heißt, sich im Kampf der rivalisierenden Imperialisten selbst auf die eine oder andere Seite — auf die angeblich „weniger gefährliche" — stellt. Das Ausnutzen der imperialistischen Widersprüche durch das Proletariat hat sich damit vollends in ein Ausnutzen und Einspannen des Proletariats für den Kampf der rivalisierenden Imperialisten verkehrt.

In der Epoche des Imperialismus, die zugleich die Epoche der proletarischen Weltrevolution darstellt, ist es für die Kommunisten von großer Bedeutung, eine prinzipienfeste Haltung zur Frage der Ausnutzung der Widersprüche zu haben. Dabei gilt es, stets vor Augen zu haben:

Erstens: Das Gesetz der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung der kapitalistischen Länder im Imperialismus schwächt den Feind, aber es ändert nicht den Charakter der imperialistischen Länder und macht in keiner Weise aus Feinden Freunde. Zweitens: Die zwischenimperialistischen Gegensätze können für die Revolution ausgenutzt werden, wenn gleichzeitig jede Illusion über den Charakter dieser Widersprüche bekämpft wird und die Widersprüche klar als Widersprüche im Lager der Feinde erkannt und behandelt werden. Konkret folgt daraus:

a) Das Proletariat kann kein Interesse an der Stärkung irgendwelcher Imperialisten haben, auch dann nicht, wenn diese Stärkung der einen Imperialisten auf Kosten gewisser anderer erfolgt. Ausnutzen der zwischenimperialistischen Widersprüche kann daher in keiner Weise bedeuten, sich auf die Seite der einen oder anderen Imperialisten zu stellen und sie gegen ihre Rivalen zu unterstützen, auch dann nicht, wenn die betreffende imperialistische Gruppe im Moment kleiner, schwächer oder weniger gefährlich erscheint.

b) Man muß immer wachsam sein und sich die Frage stellen: Wer nützt wen oder was aus? Die Geschichte kennt viele Beispiele, in denen die herrschenden Klassen eines Landes oder einer Reihe von Ländern die eine oder andere ursprünglich auf soziale oder nationale Befreiung abzielende Bewegung für sich, für ihre eigenen reaktionären Zwecke auszunutzen verstanden, ohne daß es den Ausgenutzten bewußtgeworden wäre. Die Gefahr, daß man nicht ausnützt, sondern ausgenutzt wird, besteht immer, besonders

dann, wenn man diese Gefahr unterschätzt oder leugnet.

c) Um die zwischenimperialistischen Widersprüche wirklich für die eigene revolutionäre Sache ausnutzen zu können und nicht selbst ausgenutzt zu werden, muß die Zielrichtung beim Ausnützen der zwischenimperialistischen Widersprüche sein, den eigenen Kampf zu intensivieren, die eigenen Kräfte besser und wirkungsvoller zu mobilisieren, es darf die Perspektive nie aus den Augen gelassen werden, im Kampf gegen alle Feinde, im Kampf für das große Ziel der Vernichtung des Weltimperialismus einen Schritt vorwärts zu kommen, so daß also beide miteinander in Fehde liegenden Imperialisten beziehungsweise Imperialistengruppen unter dem Strich verlieren und die proletarische Weltrevolution gewinnt.

d) Es ist völlig falsch, die innerimperialistischen Gegensätze zu überschätzen oder gar für „absolut" zu erklären, so daß die Revolutionäre auf sie als auf eine feste und ständige Hilfe rechnen könnten. Das Gegenteil ist der Fall. Die zwischenimperialistischen Widersprüche können, richtig genützt, in bestimmten Situationen sogar zu einem höchst wichtiger Faktor zugunsten der Revolution werden, sind das aber durchaus nicht immer und unter allen Umständen. Man darf sich daher nie auf diese Widersprüche verlassen, sondern nur auf die eigenen Kräfte, die Kräfte der Revolution unter Führung des Proletariats. Die Imperialisten mögen sich untereinander bis aufs Messer bekämpfen, ja in erbitterten Kriegen übereinander herfallen und einander zerreißen, sie können sich aber trotzdem im selben Moment gegen die Gefahr der Revolution - sogar mitten im imperialistischen Krieg - zusammenschließen. Diese Möglichkeit auszuschließen, heißt die Kräfte der Revolution in eine Katastrophe zu führen und muß für sie nicht wiedergutzumachende Niederlagen nach sich ziehen.

Fassen wir zusammen:

Die Marxisten-Leninisten gehen von der Tatsache der Existenz eines Lagers des Weltimperialismus aus.

Innerhalb dieses Lagers gibt es Widersprüche, deren konkrete Erscheinungsformen sich ständig ändern und in immer neuen Koalitionen ihren Ausdruck finden, wobei die Imperialisten trotz ihrer Rivalität gegen die Revolution zusammenarbeiten,

Dieses Phänomen erklärt sich daraus, daß der Widerspruch zwischen der Weltrevolution des Proletariats auf der eine Seite und dem Lager des Weltimperialismus auf der anderen Seite klassenmäßig der tiefste Widerspruch unserer Epoche ist, ein Widerspruch, der erst mit dem Tod des Weltimperialismus seine Lösung finden wird.

Deng Hsiao-pings Spekulation mit den Widersprüchen innerhalb des „westlichen Blocks" sowie mit den Widersprüchen zwischen den US-Imperialisten und den russischen Sozialimperialisten ist dem wissenschaftlichen Kommunismus zutiefst feindlich. Es ist eine Spekulation mit dem Gesetz der ungleichmäßigen Entwicklung im Kapitalismus, das er eklektisch von der Grundtendenz der Vereinigung aller Imperialisten gegen die proletarische Weltrevolution trennt, um über das Wegmanipulieren des imperialistischen Lagers zu seinen „drei Welten" zu gelangen. zurück

 

f) Der Betrug mit der sogenannten„Ersten" und „Zweiten" Welt

 

Kann man eine „Erste Welt" und „Supermacht" definieren?

 

Deng Hsiao-ping leugnete die Einteilung der Welt in ein Lager des Imperialismus und ein Lager des Kampfes gegen den Imperialismus, um die „drei Welten" zu verkünden. Beginnen wir mit der Untersuchung dessen, was „Erste" beziehungsweise „Zweite Welt" genannt wird. Deng Hsiao-ping versuchte wie folgt den Anschein einer Definition zu erwecken:

„Was ist eine Supermacht? Eine Supermacht ist ein imperialistisches Land, das überall mit Aggression, Intervention, Kontrolle, Subversion und Ausplünderung gegen andere Länder vorgeht und die Vorherrschaft über die Welt anstrebt."[508]

An dieser „Definition" springt zunächst ins Auge, daß sie über das Spezifische einer „Supermacht" gar nicht spricht, sondern nur Eigenschaften aufzählt, die allen imperialistischen Großmächten gemeinsam sind. Nach dieser Definition wäre auch der japanische Imperialismus, der französische, britische und nicht zuletzt der westdeutsche Imperialismus eine „Supermacht" - denn wo sie können, verüben sie direkt oder indirekt Aggressionen und plündern andere Länder aus, und sie streben alle als imperialistische Großmächte die Weltherrschaft an.

Diese imperialistischen Großmächte wurden von Deng Hsiao-ping jedoch unmißverständlich zur „zweiten Welt" gerechnet. Es gibt nur eine Lösung dieses Rätsels! Deng Hsiao-ping wollte mit dieser „Definition" sagen, daß es auf der Welt nur noch zwei imperialistische Großmächte gibt: eben die „Erste Welt", die beiden „Supermächte". Und genau das ist grundfalsch!

Es wäre naiv, jeden Zusammenhang zwischen der Konzeption der „Drei Welten" und der These und dem Begriff der „Supermächte", der „Ersten Welt", abzustreiten und nicht sehen zu wollen.

Durch die Bezeichnung „Supermächte" bestand von vornherein für die Opportunisten verschiedener Schattierungen die Möglichkeit, insbesondere von den anderen imperialistischen Großmächten abzulenken, sie im Grunde gar nicht mehr als imperialistische Rivalen anzuprangern, denn was können solche „kleinen und mittleren Länder" schon gegen eine „Supermacht" ausrichten?[509]

Für die Kommunistinnen und Kommunisten, die stets eine genaue Analyse auch der Unterschiede verschiedener imperialistischer Mächte vornehmen, ist es wesentlich, daß der Imperialismus ein System imperialistischer Großmächte bedeutet, die die Welt unter sich aufgeteilt haben.

In der Zeit von Deng Hsiao-pings UNO-Rede 1974 galt: Imperialistische Großmächte sind nicht nur der US-Imperialismus und der russische Sozialimperialismus, auch wenn sie in der Tat eine führende Rolle spielen und die größten Ausbeuter und Unterdrücker der heutigen Welt sind.

Es existieren auch noch andere imperialistische Großmächte.

So haben die französischen und britischen Imperialisten ihren Platz in diesem System, den sie Schritt für Schritt auszubauen versuchen, während sie heftig gegen andere imperialistische Rivalen ankämpfen. Insbesondere aber sind solche imperialistische Großmächte zu nennen wie der japanische und westdeutsche Imperialismus, die als große Verlierer im Zweiten Weltkrieg heute heftiger denn je zur realen Gefahr und zum unmittelbaren Feind der Völker der Welt geworden sind und heftig mit dem US-Imperialismus und dem russischen Sozialimperialismus ringen.

Die These von einer „ersten Welt", von einer Welt der „Supermächte", stellte den US-Imperialismus und den russischen Sozialimperialismus als übermächtig und unerreichbar dar und leugnete die real existierende Gefahr, die für die Völker von den anderen imperialistischen Großmächten ausgeht.

 

Beschönigung der anderen imperialistischen Großmächte

 

Bei der Einschätzung der Länder der sogenannten „Zweiten Welt" sah Deng Hsiao-ping lediglich folgende „negative Seite":

„Einige von ihnen unterhalten zu den Ländern der Dritten Welt heute noch kolonialistische Beziehungen in verschiedener Form, und ein Land wie Portugal übt sogar weiterhin eine barbarische Kolonialherrschaft aus. Diesem Zustand muß ein Ende gesetzt werden."[510]

Es ist wahr, daß etwa Frankreich und England noch koloniale Beziehungen zu anderen Ländern in verschiedener Form haben, aber ist das das entscheidende Problem?

Hier wird die demagogische Methode sichtbar, Halbwahrheiten zu verbreiten und Ausnahmen als das Typische darzustellen.

In Wahrheit besteht die Ausplünderung und Unterdrückung anderer Völker durch die in den Topf „Zweite Welt" gesteckten imperialistischen Großmächte Westeuropas wie Frankreich, England und Westdeutschland bzw. durch den japanischen Imperialismus keinesfalls hauptsächlich durch den Kolonialismus, sondern durch den Neokolonialismus.

Indem ausgerechnet Portugal als typisches Beispiel für ein Land der sogenannten „Zweiten Welt" dargestellt wird, sind die Länder, um die es eigentlich in der Hauptsache geht, nämlich Westdeutschland, Frankreich, England, Japan, unter den Teppich gekehrt. Deng wollte mit diesem „typischen" Beispiel offenbar andeuten, daß die Länder der „zweiten Welt" zwar noch irgendwelche eigenen imperialistischen Tendenzen haben, in der Hauptsache und vor allem aber unterdrückte und abhängige Länder seien. Warum sonst hätte er gerade Portugal, das selbst eine Halbkolonie des US-Imperialismus, des westdeutschen Imperialismus, Militarismus und Revanchismus sowie anderer europäischer Imperialisten ist, als Paradebeispiel ausgesucht? Wie man es dreht und wendet, diese ganze Charakterisierung der Probleme der „Zweiten Welt" läuft auf eine Verschleierung der wahren Rolle der europäischen Imperialisten als imperialistische Großmächte hinaus, auf die Inschutznahme solcher bluttriefenden Imperialisten wie den westdeutschenjapanischen, englischen, französischen usw.

Dabei ging Deng Hsiao-ping aber noch weiter:

„Diese Länder haben in verschiedenem Maße den Wunsch, die Versklavung oder Kontrolle durch die Supermächte loszuwerden..."[511]

Die imperialistische Rivalität der genannten imperialistischen Großmächte mit den US-Imperialisten und den russischen Sozialimperialisten wird mit Engelszungen beschrieben, wird de facto als „Befreiungskampf geschildert, der - wie es weiter heißt - „einen wichtigen Einfluß auf die Entwicklung der internationalen Lage" hat[512].

Keinesfalls wird dieser „Kampf als imperialistische Rivalität gebrandmarkt, sondern ganz im Gegenteil als etwas Positives, Unterstützenswertes herausgestellt, so daß die Anhänger der „Drei-Welten-Theorie" auch konsequent die „Stärkung und nicht die Schwächung Europas", also der europäischen Imperialisten fordern.

Diesen Leuten ist es egal, daß dieser „Kampf der imperialistischen Großmächte Westeuropas und Japans nicht zugunsten, sondern auf Kosten der Völker ausgetragen wird. Ihnen ist es egal, daß dieser „Kampf nur ein Kampf darum ist, welche imperialistische Großmacht mehr Möglichkeiten erhält, die Völker auszubeuten und zu unterdrücken.

Nach dem Motto: Alles, was die „Erste Welt schwächt, ist gut, egal ob Imperialismus oder Marxismus, ob „schwarze oder weiße Katze", wird der Standpunkt des Leninismus mit Füßen getreten. Lenin machte klar:

„Esist nicht Sache der Sozialisten, dem jüngeren und kräftigeren Räuber (Deutschland) zu helfen, die älteren, sattgefressenen Räuber auszuplündern. Die Sozialisten haben den Kampf zwischen den Räubern auszunutzen, um sie allesamt zu beseitigen." (Lenin: „Sozialismus und Krieg", 1915, Werke Band 21, S. 304.)

Deng Hsiao-ping handelte gerade so, wie Sozialisten nicht handeln sollen, und er konnte sich dabei auf ein berühmtes Vorbild stützen: Chruschtschow!

 

Schon Chruschtschow unterstützte kleine Imperialisten gegen den größten Imperialismus

 

Bei einer etwas oberflächlichen Betrachtung der Geschichte des Kampfes gegen den Chruschtschow-Revisionismus mag es scheinen, als bestände das Verbrechen und der Verrat der Chruschtschow-Revisionisten nur darin, vor dem US-Imperialismus kapituliert zu haben beziehungsweise die Kämpfe gegen den US-Imperialismus zu sabotieren. In Wahrheit ist der Chruschtschow-Revisionismus eine Kapitulation vor dem Weltimperialismus gewesen, der die Kämpfe aller Völker gegen jeden Imperialismus sabotiert hat.

Dabei bediente sich Chruschtschow sogar auch der Methode, den US-Imperialismus zu verabsolutieren, als „einzigen Feind" darzustellen, gegen den jede Kraft, egal ob sie imperialistisch oder antiimperialistisch sei, unterstützt werden müsse. So stellte sich Chruschtschow unverhohlen im algerischen nationalen Befreiungskrieg auf die Seite Frankreichs unter dem Vorwand, daß vor allem Frankreichs „Widerstand", sprich: imperialistische Rivalität gegen den US-Imperialismus, unterstützt werden müsse und erklärte unverhohlen:

„Wir wollen keine Schwächung Frankreichs, wir wollen eine Stärkung der Größe Frankreichs."[513]

Man sieht an diesem Beispiel sehr deutlich, daß die Verabsolutierung einer imperialistischen, der stärksten Großmacht, und die Unterstützung der schwächeren gegen jene, nach dem Motto: „egal ob die Katze schwarz oder weiß ist", keinesfalls eine Erfindung Deng Hsiao-pings ist, sondern in der direkten Tradition des Chruschtschow-Revisionismus steht.

 

Die praktische Bedeutung der These von den „Supermächten" als Hauptfeind der proletarischen Weltrevolution

 

Die These von den „drei Welten" beinhaltet in jeder Weise eine falsche Konzentration auf die „Supermächte", die „Erste Welt", also den US-Imperialismus und den russischen Sozialimperialismus. Im Grunde wird die Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution umgedeutet in eine „Epoche der Supermächte und des Kampfes gegen die Supermächte".

Und hier beginnt nun eine ganze Kette von Entstellungen, die jede für sich fundamentale Abweichungen vom Marxismus-Leninismus beinhaltet.

Indem die beiden „Supermächte" zu Hauptfeinden der Völker verabsolutiert werden, wird gleichzeitig von den Anhängern der „Drei-Welten-Theorie" die „Einheitsfront aller, mit denen Einheit gegen die Supermächte möglich ist", gepredigt. Die entscheidende Frage bei dieser verfälschten Darstellung von den „Hauptfeinden", ihrer besonderen Rolle und der daraus resultierenden Konzeption der „Einheitsfront" ist: Was soll damit erreicht werden, welches Ziel und welches Programm wird hier verfolgt?

Unsere Haltung zu dieser Frage ist:

Da die proletarische Weltrevolution von dem Proletariat eines jeden Landes mit eigener Strategie als selbständige Revolution geführt werden muß, ist es auf jeden Fall falsch, von ein oder zwei imperialistischen Mächten als Hauptfeind der proletarischen Weltrevolution zu reden, der gleichzeitig für alle Länder der Welt der Hauptfeind sein soll.

In bezug auf die proletarische Weltrevolution gibt es nur eine Einheitsfront:

Das Proletariat aller Länder mit den unterdrückten Völkern, die Einheitsfront aller Ausgebeuteten und Unterdrückten unter Führung des Weltproletariats und seiner Kommunistischen Parteien mit dem Ziel des Sturzes des Weltimperialismus und aller Reaktionäre.

Diese große Einheit der Kräfte des Weltrevolution wird nicht erreicht und kann nicht erreicht werden, indem man allen Völkern der Welt – nach Größe oder statistisch als Durchschnitt ermittelt — ein und denselben Imperialismus als Hauptfeind zu betrachten vorschlägt, oder gar daraus noch folgert, daß man sich mit anderen nicht so großen Imperialisten und Reaktionären gegen eben den „Hauptfeind" verbünden müsse.

Diese Einheitsfront, diese Weltfront gegen den Imperialismus wächst und erstarkt nur, wenn alle Völker der Welt den Weltimperialismus als ganzes als einheitlichen Feind begreifen und bekämpfen und gemäß denBedingungen ihres Landes als Strategie ihrer Revolution einen Hauptfeind bestimmen und bekämpfen. Denn die proletarische Weltrevolution ist nicht ein einheitlicher Akt oder gar eine „parallele Tat", sondern ist das Reißen der schwächsten Kettenglieder des Weltimperialismus in den verschiedenen Ländern.

Die These von den „Supermächten" oder der „ersten Welt" als „Hauptfeinde der Völker"[514] ist vom Standpunkt der Bestimmung der Feinde für die proletarische Weltrevolution besonders für all jene Völker mit katastrophalen Folgen verbunden, in denen der Hauptfeind eben nicht eine oder beide „Supermächte" sind, sondern die eigene imperialistische Bourgeoisie oder die innere Reaktion, wobei der Kampf gegen diesen inneren Hauptfeind stets und in jedem Land natürlich mit dem Kampf gegen den Weltimperialismus verbunden sein muß!

Vom Standpunkt der praktischen Konsequenzen, vom Standpunkt der Frage, welche praktische Bedeutung für die Revolution in einem jeden Land die These „Hauptfeind erste Welt" hat, kann unserer Meinung nach kein Nutzen festgestellt werden. Vielmehr hat die Praxis bewiesen, daß diese These den sozialchauvinistischen Verdrehungen der revolutionären Strategie in vielen Ländern Vorschub geleistet hat. In den kapitalistischen Ländern, in denen die imperialistische Bourgeoisie an der Macht ist und ihre Diktatur ausübt, steht die proletarische Revolution auf der Tagesordnung; sie vorzubereiten und durchzuführen ist das aktuelle Hauptproblem. Diese proletarische Revolution richtet sich in einem jeden dieser Länder in erster Linie gegen die eigene imperialistische Bourgeoisie, die die Staatsmacht in den Händen hat; sie ist der Hauptfeindder proletarischen Revolution!

Zugleich richtet sich die proletarische Revolution gegen den Weltimperialismus, gegen jegliche Versuche anderer Imperialisten, die proletarische Revolution abzuwürgen.

Die Anhänger der „Drei-Welten-Theorie" versuchen diese historische Aufgabe, die durch den Verrat der modernen Revisionisten einen schweren Schlag erlitten hat, aber notwendiger denn je ist, zu sabotieren; dies machen sie, indem unter dem Vorwand des Kampfes gegen die Kriegsgefahr, „für nationale Unabhängigkeit und staatliche Souveränität" die Klassenversöhnung mit der imperialistischen Bourgeoisie gepredigt wird nach dem Motto: Beide zusammen gegen die „Supermächte", vor allem gegen den Sozialimperialismus! Dieser extreme Opportunismus, dieser Sozialchauvinismus wird von den Marxisten-Leninisten eines jeden Landes unbedingt von der Wurzel her ausgerissen werden müssen, damit sie ihre Kommunistische Partei weiter aufbauen, festigen und stählen können, die die proletarische Revolution in diesen Ländern zum Sieg führt! zurück

 

g) Der Betrug mit der sogenannten „Dritten" Welt

 

Verschleierung des Neokolonialismus

 

Unter den neuen Bedingungen, mit denen Deng Hsiao-ping spekuliert, gibt es neben dem angeblichen Verschwinden des sozialistischen Lagers und der Auflösung des imperialistischen Blocks auch ein weiteres Phänomen, das nach dem Zweiten Weltkrieg immer deutlicher hervortrat: Die Ersetzung des Kolonialismus durch den Neokolonialismus sowie die immer raffiniertere Verkleidung selbst des Neokolonialismus:

„Zahlreiche Staaten Asiens, Afrikas und Lateinamerikas haben die Unabhängigkeit erlangt..."[515]

Deng Hsiao-ping erklärte also unverhohlen, daß zahlreiche Staaten dieser Regionen vom Imperialismus unabhängig seien.

Die Wahrheit dagegen ist, daß formal allerdings eine Reihe von Ländern dieser Regionen inzwischen als „unabhängig" erklärt wurden, daß aber realdort diese Länder vom Imperialismus weiterhin ausgebeutet werden, daß dort Kompradoren- und Grundherrenregimes existieren, die die werktätigen Massen weiter ausbeuten und unterdrücken.

Lenin forderte vorausschauend schon zu einer Zeit, als der offene Kolonialismus in diesen Regionen noch vorherrschend war, eindringlich:

„In bezug auf die zurückgebliebeneren Staaten und Nationen, in denen feudale oder patriarchalische und partriarchalischbäuerliche Verhältnisse überwiegen, muß man insbesondere im Auge behalten: (...) die Notwendigkeit, unter den breitesten Massen der Werktätigen aller, insbesondere aber der zurückgebliebenen Länder unentwegt jenen Betrug aufzudecken und anzuprangern, den die imperialistischen Mächte systematisch begehen, indem sie scheinbar politisch unabhängige Staaten schaffen, die jedoch wirtschaftlich, finanziell und militärisch vollständig von ihnen abhängig sind..." (Lenin: „Entwurf der Thesen zur nationalen und kolonialen Frage", 1920, Werke Band31, S. 137f.)

Deng Hsiao-ping machte genau diesen Betrug, indem er erklärte:

„Die Entwicklungsländer litten (!) lange Zeit unter der Unterdrückung und Ausbeutung durch Kolonialismus und Imperialismus. Nach Erlangung der politischen Unabhängigkeit sehen sich alle der historischen Aufgabe gegenüber, die noch verbleibenden Kräfte des Kolonialismus auszumerzen, die nationale Wirtschaft zu entwickeln und die nationale Unabhängigkeit zu festigen."[516]

Deng Hsiao-ping spricht vom Leid der Völker in der Vergangenheit, als gäbe es solches Leid nicht mehr. Er stellt die Kräfte des Imperialismus als etwas in der Hauptsache Überwundenes, sozusagen als Überbleibsel dar, die aber noch ausgemerzt werden müssen; die nationale Unabhängigkeit muß nach Deng Hsiao-ping nicht erst real erkämpft werden, weil sie ja formal existiert. Nein, sie ist angeblich bereits verwirklicht und muß lediglich noch „verteidigt" werden.

Es ist nur logisch, daß man das, was man hat, nicht erkämpfen braucht. Auf das Phänomen der formalen Unabhängigkeit hinzuweisen, ohne zu betonen, daß es in der überwiegenden Zahl dieser Staaten weder wirtschaftliche noch politische und militärische Unabhängigkeit vom Imperialismus gibt, sondern bestialische reaktionären Regimes, die vom Imperialismus ausgehalten werden und mit allen Mitteln gegen die Kommunisten und Revolutionäre ankämpfen, also die formal zugestandene Unabhängigkeit als eines der großen Täuschungsmanöver der Imperialisten (seien es nun die US-Imperialisten, die russischen Imperialisten, die japanischen, westdeutschen oder sonstige Imperialisten) nicht zu entlarven - das ist Revisionismus ä la Chruschtschow im Dienste des Weltimperialismus..

Wozu brauchte Deng Hsiao-ping einen solchen Betrug? Er brauchte ihn, um seine angeblichen ganz neuen Bedingungen, um eine ganz neue Lage zu „beweisen", aus der sich auch ganz neue Schlußfolgerungen ergeben würden. Er brauchte diesen Betrug, um die sogenannte „Dritte Welt" als einheitliches Ganzes und als einheitliche antiimperialistische Kraft hinzustellen, um die „Dritte Welt" zum großen Gegenspieler der „Ersten Welt", zur revolutionären Hauptkraft der heutigen Welt zu machen.

 

Die Aufgaben der Völker in den halbkolonialen und halbfeudalen Ländern

 

Die eigentlichen Aufgaben der Revolution in vielen Ländern, die DengHsiao-ping als „Dritte Welt" bezeichnet, sind bestimmt durch den halbfeudalenund halbkolonialen Charakter vieler dieser Länder. Wenn diese Ländereinen solchen Charakter haben, dann müssen — j e nach den Bedingungenmit diesem oder jenem Schwerpunkt - die antifeudalen Kämpfe mitden antiimperialistischen Kämpfen verbunden werden. Denn der Feudalismusist die Hauptstütze des Imperialismus in diesen Ländern und der Imperialismusdie Hauptstütze des Feudalismus. In diesen beiden Kämpfenspielt die Bauernschaft eine sehr große Rolle, da, wie Stalin lehrt, die nationaleFrage im Wesen eine Bauernfrage ist.[517]

Antifeudale und nationale Befreiungskriege der heutigen Zeit unterscheiden sich aber von solchen Revolutionen der vorimperialistischen Zeit. Ihre wesentliche Besonderheit ist heute die Möglichkeit und Notwendigkeit der führenden Rolle des Proletariats. Sie gewährleistet, daß diese Revolutionen nicht mit der Diktatur der Kompradorenbourgeoisie bzw. der hinter ihnen stehenden anderen Imperialisten enden, sondern eine Form der revolutionär-demokratischen Diktatur der Arbeiter und Bauern ergeben, die wieder Voraussetzungen für die Weiterführung der Revolution und für ihr Hinüberwachsen zur sozialistischen Revolution bringen.

Diese Lenin-Stalinsche Lehre, die von Mao Tse-tung in der chinesischen Revolution glänzend angewandt und weiterentwickelt wurde, ist heute aktueller denn je, wo in diesen Ländern heftige Kämpfe - spontan wie auch unter Führung marxistisch-leninistischer Parteien - entbrennen und Sieg oder Niederlage von der richtigen marxistisch-leninistischen Linie, der Verwirklichung der Hegemonie des Proletariats in der antiimperialistischdemokratischen Revolution abhängt.

In jenen Ländern aber, die ihre Unabhängigkeit auf dem Weg des revolutionären Kriegs durchgesetzt haben, der nicht unter der Führung des Proletariats stand, müssen die wertvollen Früchte des Kampfes verlorengehen, und gehen auch in einem mehr oder minder langen Prozeß verloren, da die Kräfte der Kompradorenbourgeoisie in solchen Situationen das Heft in die Hand bekommen, um das Land erneut an diesen oder jenen Imperialismus zu verschachern, um als Diener des Imperialismus sich zu mästen. Ein erneuter revolutionärer Krieg in solchen Ländern wird unvermeidlich. Gerade auch in solchen Ländern ist es wesentlich, vor der Gefahr und der Realität des Neokolonialismus nicht die Augen zu verschließen, sondern im Gegenteil unermüdlich davor zu warnen und dagegen zu kämpfen.

 

Mit den Vorteilen anderer Länder die eigenen Nachteile überwinden?

 

In einer solchen Situation erklärte Deng Hsiao-ping, daß vor den Völkern dieser Länder eine ganz andere Aufgabe stünde. Dazu führte er aus:

„Wenn ein Entwicklungsland entsprechend seinen Gegebenheiten und Bedingungen den Weg der Unabhängigkeit und Selbständigkeit und des Vertrauens auf die eigene Kraft beschreitet und sich unermüdlich anstrengt, ist es ohne weiteres in der Lage, in der Modernisierungder Industrie und der Landwirtschaft Schritt für Schritt (!) ein Niveau zu erreichen, das unsere Vorgänger (?) nie gekannt haben."[518]

Mit diesen Auffassungen muß man sich etwas genauer befassen:

Entsprechend seiner These von einer einheitlichen „Dritten Welt" ist dieser Weg, lediglich modifiziert durch die „entsprechenden Gegebenheiten und Bedingungen", für alle „Entwicklungsländer" möglich, also wird dieser Weg offensichtlich auch und gerade für jene Länder propagiert, die dem Neokolonialismus ausgesetzt sind.

Ohne Umschweife erklärte Deng Hsiao-ping, daß die Entwicklung der Produktivkräfte - denn nichts anderes ist natürlich die Modernisierung von Industrie und Landwirtschaft - ohne antiimperialistisch-demokratische Revolution erreicht werden kann auf dem Weg friedlicher Evolution beziehungsweise, wie er sich im Jargon des Reformismus und Revisionismus ausdrückte: „Schritt für Schritt". Gleichzeitig malte er ein Bild der Zukunft und pries die Perspektiven dieses Weges überschwänglich: „ein Niveau zu erreichen, das unsere Vorgänger nie gekannt haben". Während die „Vorgänger" Deng Hsiao-pings (falls er nicht seine geistigen Väter meint) zu einer so „altmodischen Waffe" wie dem Volkskrieg greifen mußten, so eröffnet sich für ihn heute in der neuen Zeit, in der ja angeblich so etwas wie eine vom Imperialismus unabhängige „Dritte Welt" existiert, eine völlig andere Methode, ein völlig neuer Weg, der angeblich so viel vorteilhafter ist, daß unsere Vorgänger vor Neid erblassen würden! Deng Hsiao-ping empfahl in diesem Sinne der „Dritten Welt", „mit den Vorteilen anderer Länder die eigenen Nachteile (zu) überwinden."[519]

Das ist offensichtlich nur eine neue Variante der Phrase Chruschtschows, der - ebenfalls vor der UNO - den gleichen Weg propagiert hat. Geblendet vom Stand der Produktivkräfte der entwickelten Länder und diese preisend, verstehen Chruschtschow, Deng Hsiao-ping und deren Anhänger unter den „eigenen Nachteilen" bei den betreffenden Ländern lediglich den niedrigen Stand der Produktivkräfte. Solche „Kleinigkeiten" wie die Ausbeutung und Unterdrückung der Volksmassen spielen in ihren Vorstellungen keine Rolle.

Was bei den Anhängern der „Drei-Welten-Theorie" „Dialog" heißt, hieß bei Chruschtschow „friedliche Koexistenz", mit deren Hilfe man angeblich der „nationalen Wirtschaft ein schnelles Wachstum bringen" könne, und durch die „sich die Produktivkräfte heben"[520] würden.

Deng Hsiao-ping propagierte also offen das Eindringen und Eindringenlassen der Imperialisten, um in der sogenannten „Dritten Welt" die „Produktivkräfte zu heben". (Wobei es hier zunächst eine untergeordnete Frage ist, daß Deng Hsiao-ping offensichtlich mehr Sympathie für den US-Imperialismus als für den russischen Sozialimperialismus hatte und insbesondere den Neokolonialismus der verschiedenen europäischen Imperialisten einlud.)

 

Der faule Traum von einer „Diktatur der nationalen Bourgeoisie"

 

Deng Hsiao-ping benutzte die große Losung „Selbstvertrauen auf die eigene Kraft", doch es stellt sich die Frage, wer soll denn auf die eigene Kraft vertrauen?

Nach marxistisch-leninistischer Auffassung sind damit das Proletariat und seine Verbündeten, vor allem die werktätigen Bauern, eines jeden Landes gemeint, nach Deng Hsiao-ping, der natürlich nicht direkt behaupten kann, daß diese an der Macht seien, ist aber offensichtlich nur von der herrschenden Klasse die Rede, die nach seiner Auffassung so „tapfer" die Nation gegen den Imperialismus verteidigt. Demnach ist nach Deng Hsiaoping in diesen Ländern nicht die Kompradorenbourgeoisie im Bündnis mit den Feudalherren an der Macht, da diese Kräfte bekanntlich im Dienste des Imperialismus stehen und die nationalen Interessen verraten.

Deng Hsiao-ping und seine Anhänger tun so, als sei dort die „nationale Bourgeoisie" an der Macht. Das aber ist nicht wahr, denn in diesen Ländern herrschen die Kompradorenbourgeoisie und die Feudalherren.

Die Kommunisten eines jeden Landes dürfen niemals Demagogie für Wahrheit ausgeben. Das gilt gerade auch für die Demagogie, die die herrschenden Kompradorencliquen betreiben, die im Grunde lediglich die Widersprüche zwischen imperialistischen Großmächten benutzen, um etwas mehr Lohn für ihre Henker- und Betrügerdienste zu erhalten.

Die These der Anhänger des Drei-Welten-Schemas von einer angeblichen „Diktatur der nationalen Bourgeoisie" in halbkolonialen und halbfeudalen Ländern ist nicht neu. Es handelt sich hier um eine antimarxistische Auffassung, die Mao Tse-rung bereits vor langer Zeit mit prinzipiellen Argumenten, ausgehend von der Schwäche und den Schwankungen der nationalen Bourgeoisie, eindeutig widerlegt hat:

„Doch gerade weil der Imperialismus dem Tod entgegengeht, ist er um so mehr auf die Kolonien und Halbkolonien angewiesen, um sein Leben zu verlängern, darf er um so weniger zulassen, daß eine Kolonie oder Halbkolonie irgendeine unter der Diktatur der Bourgeoisie stehende kapitalistische Gesellschaft errichtet."[521]

„Aber ihr Versuch (der der mittleren, der nationalen Bourgeoisie, A.d.V.), einen Staat zu schaffen, in dem die nationale Bourgeoisie herrscht, ist gänzlich unrealisierbar, weil die gegenwärtige Weltlage durch den Endkampf zwischen den zwei großen Kräften, der Revolution und der Konterrevolution, gekennzeichnet ist."[522]

 

Die Vertuschung der Gegensätze zwischen Ländern der sogenannten „Dritten Welt"

 

Deng Hsiao-ping behauptete weiter:

„Differenzen zwischen uns Entwicklungsländern können und sollen durch Konsultationen der betreffenden Parteien gelöst werden."[523]

Da er die Existenz der Imperialisten in seiner „Dritten Welt" sowieso verleugnet, ist es auch klar, daß er leugnet, daß die herrschenden Kompradorencliquen dieser Länder im Auftrag ihrer Oberherren auch in der Rivalität der verschiedenen Imperialisten eingespannt sind, so daß die Phrase, daß alle Widersprüche innerhalb der „Dritten Welt" durch friedliche und freundliche Gespräche gelöst werden könnten, nur ein weiterer Aspekt der Leugnung der Vorherrschaft des Imperialismus in diesen Regionen ist, in denen es in Wahrheit ständig auch zu kriegerischen Auseinandersetzungen kommt, die oft Ausdruck der imperialistischen Rivalität verschiedener Länder sind.

Die Realität ist, daß Länder der „Dritten Welt" im Dienste ihrer imperialistischen Oberherren andere Länder überfallen, wie Indonesien das Volk von Osttimor, wie Syrien den Libanon, oder Indien, das sich Sikkim

einverleibt hat.

Diese Beispiele zeigen das kapitulantenhafte Wesen der Linie Deng Hsiao-Pings in der Frage der angeblichen „Einheit" der Länder der „Dritten Welt".[524] zurück

 

h) Die Losung „Staaten wollen Unabhängigkeit, Nationen wollen Befreiung, Völker wollen Revolution" ist eine Losung der Klassenversöhnung

 

Eine Krönung der Rede Deng Hsiao-pings ist die Propagierung der Losung:

„Die Staaten wollen die Unabhängigkeit, die Nationen wollen die Befreiung, die Völker wollen die Revolution — das ist der unwiderstehliche Strom der Geschichte."[525]

Diese Losung, die auch schon vor der Verkündung des Schemas der „Drei Welten" existierte, ist zu einer zentralen Losung des Opportunismus geworden. Denn sie enthält sozusagen „für jeden etwas", und das ist für die Opportunisten seit jeher sehr wichtig.

Diese Losung hält schon einer kurzen klassenmäßigen Analyse nicht stand. Ihr zweiter Teil zum Beispiel: „Nationen wollen Befreiung", klammert ja gerade entscheidende Fragen aus, nämlich: Handelt es sich um eine unterdrückte Nation, die sich vom Weltimperialismus befreien will, oder handelt es sich um eine unterdrückende Nation, die sich selbst, um andere Nationen besser ausplündern zu können, vom Druck anderer, größerer unterdrückenden Nationen „befreien" will? Und: Welche klassenmäßigen Kräfte repräsentieren wirklich die Nation?

Diese Fragen werden verschleiert.

Besonders deutlich zeigt sich der klassenunspezifische Charakter dieser Losung dort, wo es um ein imperialistisches Land der sogenannten „Zweiten Welt" geht, in dem sich die imperialistische Bourgeoisie als Vertreter der „nationalen Interessen" ausgibt.

Nehmen wir zum Beispiel die Frage der deutschen Nation. Eine „nationale Bewegung" der westdeutschen Imperialisten für die Wiedervereinigung Deutschlands, die natürlich „lieber heute als morgen" zu vollziehen sei, ist nichts als ein Manöver der westdeutschen Imperialisten, um zu erreichen, daß der westdeutsche Imperialismus wieder als gesamtdeutscher Imperialismus in „alter Pracht und Herrlichkeit" andere Völker ausbeuten und unterdrücken kann wie zur Zeit Hitlers.

Die Losung „Nationen wollen Befreiung" ist für die westdeutschen Imperialisten sehr brauchbar, denn sie unterstützt bedingungslos jede Wiedervereinigung

Deutschlands. Die praktische Anwendung dieser Losung bedeutet nach Meinung ihrer Verfechter, daß jede „Wiedervereinigung der deutschen Nation", egal wer sie vollzieht und wie sie ausschaut, „keinerlei Gefahr für die europäischen Völker mit sich"[526] bringe.

Hier zeigt, sich zu welchem reaktionären Unsinn die Losung „Nationen wollen Befreiung" führt, die jedes Klassenkriterium außer acht läßt und die Frage der nationalen Befreiung nicht als eine der proletarischen Weltrevolution untergeordnete Frage behandelt.

Der erste Teil der obigen Formel: „Staaten wollen Unabhängigkeit" ist womöglich noch skandalöser. Er enthält auch nicht den leisesten Hauch eines Klassenstandpunkts bzw. einer revolutionären Haltung, da es bei Staaten ja offensichtlich nach dem Abc des Marxismus-Leninismus um die herrschenden Klassen eines Landes geht und um sonst niemand.

Die „Unabhängigkeitsbestrebungen" der herrschenden Ausbeuterklassen in den Ländern, die sich im System des Weltimperialismus befinden, sind ein großer demagogischer Betrug bzw. nichts als die Rivalität verschiedener imperialistischer Staaten, die mit schön klingenden Worten verschleiert wird, da jeder Imperialismus möglichst „unabhängig" von anderen Imperialisten das Proletariat und die Völker ausbeuten und unterdrücken will.

Der dritte Teil der Losung: „Völker wollen Revolution" klingt zwar recht revolutionär, aber er ist durch die ihm vorausgehenden antimarxistischen Phrasen total entwertet. Er ist nichts als ein revolutionäres Feigenblatt für revisionistischen Plunder.

Die ganze Losung zusammengenommen ist daher unbrauchbar, irreführend und schädlich, sie ist eine Losung der Klassenversöhnung, mit der versucht wird, die Interessen der herrschenden Ausbeuterklassen und die Revolution der Völker in einen Topf zu werfen und zusammen zu einer „unwiderstehlichen Strömung" zu erklären.

 

Gleichberechtigung zwischen Unterdrückern und Unterdrückten?

 

Die antimarxistischen Vorstellungen, die der oben analysierten Losung zugrunde liegen, machte Deng Hsiao-ping mit folgenden Worten deutlich:

„Wir befürworten, daß alle Staaten, ob groß oder klein, arm oder reich, gleichberechtigt sein sollen und daß die internationalen wirtschaftlichen Angelegenheiten von allen Ländern der Welt gemeinsam geregelt, nicht aber von einer oder den zwei Supermächten monopolisiert werden dürfen.

Wir unterstützen das volle Recht der Entwicklungsländer, die die überwältigende Mehrheit der Weltbevölkerung umfassen, bei allen internationalen Beschlüssen mitbestimmen zu können, die Handel, Währung, Schiffahrt usw. betreffen."[527]

Das klingt sehr schön, und so oder so ähnlich tönt es täglich aus den Reden und Leitartikeln aller möglichen bürgerlichen Politiker und Pfaffen.

Der Schönheitsfehler ist nur, wie sollen der Unterdrücker und der Unterdrückte gleichberechtigt sein? Wie soll der Ausbeuter die Ausgebeuteten über die Ausbeuterordnung mitbestimmen lassen?

Es ist dem Armen wie dem König gleichermaßen erlaubt unter der Brücke zu schlafen — sie sind gleichberechtigt. Der Arme darf „mitbestimmen", welche herrschende Clique ihm das Fell über die Ohren zieht!

Das ist die typisch verlogene Propaganda der Bourgeoisie, der Ausbeuter, die jedem halbwegs aufgeschlossenen Menschen schon zum Hals heraushängt.

Im großen weltweiten Ringen zwischen Revolution und Konterrevolution steht unerbittlich die Frage: Wer wen?, das ist ein Kampf auf Leben und Tod für die weltweite Vernichtung aller Feinde der Völker und nicht ein Kampf für „Gleichberechtigung" und „Mitbestimmung".

Lenin brandmarkte schon die These von der „Gleichberechtigung" der Nationen als spießbürgerliche opportunistische Utopie:

Denn diese Forderung

„...beachtet den Klassenkampf und seine Verstärkung unter dem Regime der Demokratie nicht, (sie) glaubt an den ..friedlichen Kapitalismus'. Genauso ist die das Volk irreführende Utopie der friedlichen Vereinigung der gleichberechtigten Nationen beim Imperialismus, die von den Kautskyanern verteidigt wird. Als Gegengewicht zu dieser spießbürgerlichen opportunistischen Utopie muß das Programm der Sozialdemokratie als das Grundlegende, Wesentliche und Unvermeidliche beim Imperialismus die Einteilung der Nationen in unterdrückte und unterdrückende hervorheben." (Lenin: „Die sozialistische Revolution und das Selbstbestimmungsrecht der Nationen",1916, Werke Band 22, S. 148f.) zurück

 

i) Die Verabsolutierung der Kriegsgefahr führt zur Propaganda der Unvermeidbarkeit eines neuen Weltkrieges

 

Im Jahre 1974 erklärte Deng Hsiao-ping in bezug auf die Weltkriegsgefahr:

„Entweder kommt es zwischen ihnen (den USA und der Sowjetunion, A.d.V) zum Kampf der Hyänen oder die Völker erheben sich zur Revolution."[528]

Das war im Vergleich zu den späteren Äußerungen noch relativ vorsichtig, aber dennoch schon falsch. Oberflächlich betrachtet erinnert es noch an die bekannte Feststellung des Genossen Mao Tse-tung:

„Was die Frage eines Weltkrieges betrifft, gibt es nur zwei Möglichkeiten:

Die eine ist, daß der Krieg die Revolution hervorruft, die andere ist, daß die Revolution den Krieg verhindert."[529]

Genauer betrachtet aber wird diese Einschätzung Mao Tse-tungs von Deng Hsiao-ping bereits grob entstellt, und zwar im gegenrevolutionären Sinne.

Mao Tse-tung ist als großer Marxist-Leninist selbstverständlich davon ausgegangen, daß die Revolution so oder so kommen wird, ob es nun einen Weltkrieg geben wird oder nicht. Deng Hsiao-ping aber läßt die Möglichkeit der Revolution für den Fall, daß es zum „Kampf der Hyänen" kommt, einfach verschwinden.

Immerhin war die Anerkennung der Möglichkeit, daß der Weltkrieg verhindert werden kann, im Jahre 1974 bei Deng Hsiao-ping noch zu finden.

Das war aber offensichtlich nichts als ein Lippenbekenntnis, da man die Katze noch nicht ganz aus dem Sack lassen wollte. In den weiteren Reden und Artikeln der Anhänger des Schemas der „Drei Welten", zum Beispiel in der „Peking Rundschau", wurde behauptet:

„Die Fortsetzung dieser Rivalität (der „Supermächte", A.d.V.) muß zwangsläufig eines Tages zu einem neuen Weltkrieg führen. Dies ist unabhängig vom Willen der Menschen."[530]

Mit dieser Formel ist nun die Perspektive der Revolution restlos liquidiert.

Sprach Genösse Mao Tse-tung von zwei Möglichkeiten, die beide die Perspektive der Revolution enthalten - war bei Deng Hsiao-ping 1974 immerhin noch für einen Fall von der Revolution die Rede -, so ist hier die Revolution total über Bord geworfen, denn was kommen „muß", ist der Weltkrieg, egal was die Menschen, die Völker tun mögen.

Hierbei wird damit spekuliert, daß, solange der Imperialismus existiert, tatsächlich Kriege der Imperialisten untereinander unvermeidlich sind. Das ist eine Gesetzmäßigkeit, die im Imperialismus objektiv und unabhängig vom Willen der Menschen existiert.

Aber Deng Hsiao-ping wiederholte ja nicht diese leninistische Erkenntnis, sondern behauptete etwas ganz anderes.

Er negierte erstens, daß durch den bewußten Kampf der Völker das Wirken dieser Gesetzmäßigkeit zwar nicht innerhalb des imperialistischen Systems aufgehoben werden kann, sehr wohl aber der Imperialismus selbst vernichtet werden kann, womit natürlich auch keine imperialistischen Kriege mehr möglich sind!

Zweitens brachte Deng Hsiao-ping die Frage von imperialistischen Kriegen im allgemeinen offensichtlich mit der Frage eines ganz bestimmten konkreten Krieges, nämlich des dritten Weltkrieges, durcheinander. Bekanntlich hat Genösse Stalin diese Frage in seiner Schrift: „Ökonomische Probleme des Sozialismus in der UdSSR" 1952 klargemacht,[531] daß die Völker einen bestimmten konkreten Krieg, nämlich den dritten Weltkrieg, bzw. irgendeinen bestimmten imperialistischen Krieg, sehr wohl verhindern können, ja im eigenen Interesse verpflichtet sind, ihr Äußerstes zu tun und entschlossen zu kämpfen, um diese Möglichkeit im vollen Umfang zu nutzen.

Doch man braucht diesen zweiten Gesichtspunkt gar nicht weiter auszuführen, wenn man Deng Hsiao-ping widerlegen will, da bereits der erste Gesichtspunkt grundlegend falsch von Deng Hsiao-ping behandelt wird.

Da die genannte Gesetzmäßigkeit nur im Imperialismus gültig ist – der gerade das Stadium der Geschichte ist, in dem die bewußte Tätigkeit der Völker durch den Klassenkampf, die Revolution, alle objektiven Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus vernichtet, in dem der Kapitalismus selbst vernichtet wird -, ist es purer Fatalismus zu predigen: „unabhängig vom Willen der Menschen" - eine eindeutige Verneinung der Revolution!

Unsere heutige Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution ist eben nicht mehr eine Epoche, in der die Völker die Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus und Imperialismus als „unabhängig von ihrem Willen" betrachten müssen. Da weltweit dieses System zur Revolution reif ist, gibt es nur noch ein scheinbar „unüberwindliches Hindernis", nämlich die herrschenden Ausbeuterklassen,

„das nur aus dem Weg geräumt werden kann durch die bewußte Tätigkeit der neuen Klassen, durch gewaltsame Handlungen dieser Klassen, durch die Revolution. (...) Der elementare Entwicklungsprozeß macht der bewußten Tätigkeit der Menschen Platz, die friedliche Entwicklung der gewaltsamen Umwälzung, die Evolution der Revolution." (Stalin: „Über den dialektischen und historischen Materialismus", in: „Geschichte derKPdSU(B) - Kurzer Lehrgang", S. 164.) zurück

 

j) Das Schema der „Drei Welten" richtet sich gegen die welthistorische Mission des Proletariats

 

Der Charakter der Weltrevolution ist proletarisch

 

Wie Deng Hsiao-ping behauptete, seien die Länder der sogenannten „Dritten Welt", die „Entwicklungsländer", die „revolutionäre Triebkraft, die das Rad der Weltgeschichte vorwärtsdreht."[532]

Wir haben weiter oben schon gesehen, daß Deng Hsiao-ping das Lager der proletarischen Weltrevolution hat verschwinden lassen, hier sehen wir nun, daß er auch so weit ging, den Klassenkampf über Bord zu werfen. Die Geschichte ist eine Geschichte der Klassenkämpfe; dieser berühmte Satz des „Manifests der Kommunistischen Partei" drückt eine der fundamentalsten Erkenntnisse des Marxismus-Leninismus und des historischen Materialismus aus. Solange es Klassen gibt, kann nur der Klassenkampf Triebkraft der Geschichte sein.

In der heutigen Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution ist die Triebkraft der Weltgeschichte die proletarische Weltrevolution.

Stalin hat in „Über die Grundlagen des Leninismus" eindeutig festgestellt:

„...die Epoche der Weltrevolution hat begonnen. Hauptkräfte der Revolution: Die Diktatur des Proletariats in einem Lande, die revolutionäre Bewegung des Proletariats in allen Ländern." (Stalin: „Über die Grundlagen des Leninismus", 1924, Werke Band 6, S. 135; Hervorhebungim Original.)

Nur das internationale Proletariat, einschließlich des Proletariats der sozialistischen Länder (damals, 1924, nur die sozialistische Sowjetunion), ist imstande, alle Ausgebeuteten und Unterdrückten zu vereinen und zum Sieg zu führen.

All dies leugnen die Vertreter des Drei-Welten-Schemas, indem sie den Klassenkampf, die revolutionäre proletarische Weltbewegung, die proletarische Weltrevolution beiseite werfen und einfach die Länder der sogenannten „Dritten Welt" zur Triebkraft der Weltgeschichte erklären.

In dieser proletarischen Weltrevolution, in diesem Lager des Sozialismus, stehen viele Probleme zur Lösung an, in ihr fließen verschiedene revolutionäre Ströme zusammen.

Die zwei großen Komponenten der proletarischen Weltrevolution, die revolutionäre Bewegung des Proletariats der kapitalistischen Länder und die revolutionären nationalen Befreiungsbewegungen, können in unserer Epoche isoliert von einander in keinem einzigen Land einen wirklichen Sieg erringen.

Für den erfolgreichen Kampf dieser beiden Kräfte ist daher die Vereinigung in einer Front gegen den Weltimperialismus entscheidend, wobei die Völker eines jeden Landes ihre Befreiung nur durch ihren eigenen Kampf und ihr eigenes Blut erreichen können, denn die Freiheit wird keinem Volk geschenkt oder auf dem Tablett serviert.

Wenn nach wie vor der europäisch-chauvinistische Anspruch zurückgewiesen werden muß, daß das Proletariat Europas als „Erlöser" den unterdrückten Völkern den Weg zu weisen habe, deren Revolution „anführe" oder gar „Befreier" dieser Völker sein solle, so darf bei einer solchen notwendigen Polemik gegen den modernen Revisionismus und seine Nachbeter jedoch nicht unzulässig vereinfacht werden.

Die Frage nach der Hauptkraft der proletarischen Weltrevolution ist nicht eine Frage der zahlenmäßigen Beteiligung dieser oder jener Kraft. Die Frage nach der Hauptkraft muß im Grunde verstanden werden als die Frage nach dem Charakter der Weltrevolution.

Das Hauptcharakteristikum der Weltrevolution ist aber, daß es eine sozialistische Weltrevolution ist, so daß dem Wesen nach die Triebkraft der Weltgeschichte wie die vorantreibende Kraft in einem jeden Land das internationale Proletariat bzw. das Proletariat in einem jeden Land ist, das unter Führung seiner Kommunistischen Parteien die jeweiligen Revolutionen in einem jeden Land zum Sieg fuhren wird, bis schließlich weltweit der Sozialismus und Kommunismus gesiegt hat.

All diese Fragen sind nicht von untergeordneter Bedeutung, sondern betreffen eine überaus wichtige Frage des Marxismus-Leninismus.

Lenin lehrt:

„Das Wichtigste in der Marxschen Lehre ist die Klarstellung der weltgeschichtlichen Rolle des Proletariats als des Schöpfers der sozialistischen Gesellschaft." (Lenin: „Die historischen Schicksale der Lehre von Karl Marx", 1913, Werke Band 18,S. 576.)

Und:

„Welches ist das erste und wichtigste ,Grundprinzip' der marxistischen Theorie? Daß die einzige bis zu Ende revolutionäre und darum in jeder Revolution voranschreitende Klasse der modernen Gesellschaft das Proletariat ist." (Lenin: „Geschichtliches zur Frage der Diktatur", 1920, Werke Band 31, S. 340.)

Selbst wenn die Anhänger des Drei-Weiten-Schemas vorgeben, nur eine aktuelle Frage zu beantworten, ist die Behauptung, daß die sogenannte „Dritte Welt" die Triebkraft der Weltgeschichte sei (bzw. die Hauptkraft im Kampf gegen den Imperialismus), schon von vornherein falsch, weil sie das allerwichtigste, den Klassengegensatz negiert und keinen Unterschied macht zwischen den Kräften des Weltimperialismus in dieser Ländern, den Kompradoren und Grundherrenklassen einerseits und den revolutionären Völkern andererseits.

Unabhängig davon, ob in einer bestimmten historischen Phase die eine oder andere Komponente innerhalb der proletarischen Weltrevolution — die eben verschiedene Kräfte in sich vereint - stärker hervortritt, ist es prinzipiell ein Verrat am wissenschaftlichen Kommunismus bei der Frage nach der Triebkraft der Weltgeschichte nicht vom Klassenkampf und der Revolution, nicht von der welthistorischen Mission des Proletariats als Totengräber des kapitalistischen Weltsystems und als Erbauer der weltweiten sozialistischen und kommunistischen Gesellschaftsordnung auszugehen.

 

Auch in den unterdrückten Ländern muß die Hegemonie des Proletariats erkämpft werden

 

Mao Tse-tung hat die unbedingte Notwendigkeit der Hegemonie des Proletariats in einem jeden Land in folgende Worte gefaßt:

„Die ganze Geschichte der Revolution zeugt davon, daß die Revolution zum Scheitern verurteilt ist, wenn sie nicht von der Arbeiterklasse geführt wird, daß sie aber unter Führung der Arbeiterklasse siegreich ist.

Im Zeitalter des Imperialismus kann in keinem einzigen Land eine andere Klasse eine wirkliche Revolution zum Sieg führen."[533]

Die Frage der Möglichkeit der Hegemonie des Proletariats und seiner Realisierung ist gerade in den abhängigen und unterdrückten Ländern eine entscheidende Frage.

Die Kommunistinnen und Kommunisten aller Länder dürfen nur jene nationalen Bewegungen unterstützen, die wirklich revolutionär sind und sich gegen den Imperialismus richten, die revolutionäre Kräfteentfaltung des Proletariats des entsprechender Landes nicht verhindern, sondern in denen die Hegemonie des Proletariats eine reale Möglichkeit oder gar schon Realität ist.

Lenin forderte unmißverständlich,

„daß wir als Kommunisten die bürgerlichen Befreiungsbewegungen in den kolonialen Ländern nur dann unterstützen müssen und werden, wenn diese Bewegungen wirklich revolutionär sind, wenn ihre Vertreter uns nicht hindern, die Bauernschaft und die breiten Massen der Ausgebeuteten in revolutionärem Geist zu erziehen und zu organisieren." (Lenin: „II. Kongreß der Kommunistischen Internationale. Bericht der Kommission fürdie nationale und koloniale Frage", 1920, S. 230.)

Es ist unzweifelhaft, daß die pauschale und verabsolutierende Darstellung der sogenannten „Dritten Welt" als „Triebkraft der Weltgeschichte" nicht die geringste Spur dessen enthält, was Lenin von den Kommunisten

aller Länder fordert.

Ja, es liegt auf der Hand, daß eine solche Darstellung sich direkt gegen diese Leninsche Lehre richtet und unmittelbar auch die Hegemonie des Proletariats in den abhängigen und unterdrückten Ländern sabotiert. zurück

 

k) Das Schema der „Drei Welten" fußt auf der „Theorie" der Produktivkräfte

 

Die ganze Konzeption der „Drei Welten", in der die sogenannte „Dritte Welt" als Triebkraft der Weltgeschichte bezeichnet wird, richtet sich in allen Bestandteilen gegen die welthistorische Mission des Proletariats in unserer heutigen Epoche.

Doch wenn Deng Hsiao-ping sich nicht vom proletarischen Klassenstandpunkt und nicht von der Theorie des Marxismus-Leninismus über die historische Mission des Proletariats leiten ließ, so bleibt noch die Frage:

Aufweiche Grundlage stützt sich dann das Schema der „Drei Welten"?

Es bleibt ein einziges Kriterium, das im Kern zutrifft und ein bezeichnendes Licht auf die Denkweise der Erfinder der These von den „Drei Welten" wirft: der Stand der Produktivkräfte!

Aus den „Supermächten" mit den umfangreichsten Produktivkräften und mit der größten Militärmaschinerie auf modernster Produktionsgrundlage machen sie die „Erste Welt".

Aus den entwickelten (in bezug auf den Stand der Produktivkräfte entwickelten) Ländern machen sie die „Zweite Welt".

Und aus den „Entwicklungsländern" (die sich vor allem durch einen niedrigen Stand der Produktivkräfte, laut Deng Hsiao-ping, auszeichnen, die sie vorrangig vor allen anderen Aufgaben entwickeln müssen) machen sie die „Dritte Welt".

Statt auf dem proletarischen Klassenstandpunkt beruht das Schema der „Drei Welten" also auf dem morschen Gebäude der Theorie der Produktivkräfte.

Das ist ganz logisch, denn die revisionistischen Verfälschungen der marxistisch-leninistischen Lehre von der weltgeschichtlichen Rolle des Proletariats laufen allesamt darauf hinaus, Rolle und Möglichkeiten des revolutionären Bewußtseins, des subjektiven Faktors, der politischen Zielsetzung des Proletariats, des Klassenkampfes zu mißachten und statt dessen höchstens die ökonomische Funktion des Proletariats als einer „Hauptproduktivkraft" der Gesellschaft hervorzukehren. Sie betrachten die Wissenschaft des Marxismus-Leninismus nicht vor allem als Wissenschaft der Revolution des Proletariats, sondern lediglich als Wissenschaft der Produktion.

Auch in dieser Hinsicht hat Deng Hsiao-ping berüchtigte Väter: Von Kautsky über Trotzki, Bucharin und Chruschtschow bis Liu Schao-tschi, allesamt haben diese Verräter am Marxismus-Leninismus auf diesen reaktionären Plunder zurückgegriffen.

Die Kommunistinnen und Kommunisten müssen alle Spielarten des Revisionismus, die sich gegenseitig nähren und stärken, bekämpfen, um den wissenschaftlichen Kommunismus allseitig zu verteidigen. zurück

 

l) Das Schema der „Drei Welten" muß von Grund auf in all seinen Erscheinungsformen zerschlagen werden!

 

Indem Deng Hsiao-ping „drei Welten" konstruiert, wobei unausgesprochen die „Erste Welt" der Feind, die „Zweite Welt" weitgehend ein Verbündeter und die „Dritte Welt" die Triebkraft der Geschichte ist, hat er nicht nur die marxistisch-leninistische Einteilung der Welt in Revolution und Konterrevolution — proletarische Weltrevolution auf der einen Seite, Kräfte des Imperialismus und der Reaktion auf der anderen Seite — beiseite geschoben, sondern er hat ein Gegenkonzept aufgestellt: das Schema der „Drei Welten".

Dieses Schema der „Drei Welten" muß unbedingt verworfen werden, egal ob es sich als Bild, These, Konzept, Strategie oder Theorie vorstellt.

Denn ideologisch gesehen ist das ganze Schema der „Drei Welten" von vornherein und von vorne bis hinten, vom ersten Moment an und in jeder Hinsicht ein gegen den Marxismus-Leninismus gerichteter Angriff. Dieses Schema diente und dient dazu, die heutige Epoche als Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution, als Epoche des Triumphs der Hegemonie des Proletariats in der Revolution eines jeden Landes und des Triumphs des Sozialismus und Kommunismus über die kapitalistische Gesellschaftsordnung zu verwässern und zu verleugnen. Der Klassenkampf als Motor der Geschichte wird weltweit und in jedem einzelnen Land verleugnet.

Politisch gesehen werden die Kräfte der Revolution und der Konterrevolution völlig verzerrt und entstellt.

Die Feinde sind eben nicht allein die sogenannten „Supermächte", also nicht allein der US-Imperialismus und der russische Sozialimperialismus und erst recht nicht eine sogenannte „Erste Welt".

Der Widerspruch Revolution/Konterrevolution geht quer durch alle Regionen und Länder der Welt, und auch die sogenannte „Erste Welt" ist nicht einheitlich konterrevolutionär, sondern das Proletariat der USA und der Sowjetunion werden sich früher oder später zusammen mit der Masse der Werktätigen ihrer Länder und im Bund mit dem Weltproletariat unvermeidlich zur Revolution erheben.

Das gleiche gilt für die sogenannte „Zweite Welt", deren herrschende Klasse eben nicht „zwiespältig" ist, sondern einheitlich zum Weltimperialismus zählt. Lediglich dem Proletariat und den revolutionären Volksmassen dieser Länder entsteht ebenso wie dem Proletariat und den revolutionären Volksmassen aller kapitalistischen Länder die Aufgabe und Möglichkeit, den Kampf für die proletarische Revolution gegen die „eigene" Bourgeoisie mit dem Kampf gegen den Weltimperialismus zu verbinden.

Auch die sogenannte „Dritte Welt" ist in sich grundlegend gespalten. Ihre herrschenden Klassen dienen dem Imperialismus, während die Völker dieser Länder eben gegen diese herrschenden Klassen und ihre imperialistischen Oberherren kämpfen. (Eine Ausnahme kann höchstens in der vorübergehenden Phase auftreten, in der diese Völker soeben im revolutionären Volkskrieg ihre Unabhängigkeit erkämpft haben, während der Kampf um die Hegemonie des Proletariats zwischen Proletariat und Bourgeoisie noch nicht entschieden ist.)

Das Schema der „Drei Welten" verleugnet also alle klassenmäßigen Widersprüche: Weltweit den Widerspruch zwischen proletarischer Weltrevolution und imperialistisch-reaktionärer Konterrevolution, in den kapitalistischen Ländern den Widerspruch zwischen Proletariat und Bourgeoisie, in den halbkolonialen und halbfeudalen Ländern den Widerspruch zwischen den unterdrückten Völkern einerseits und den Imperialisten, Kompradorencliquen und Feudalherren andererseits.

Der einzige Widerspruch, den die Anhänger des Schemas der „Drei Welten" anerkennen und verabsolutieren, ist der Widerspruch zwischen imperialistischen Ländern, wobei sie selbst diesen Widerspruch entstellen und

reduzieren auf den Widerspruch zwischen dem US-Imperialismus und dem russischen Sozialimperialismus.

All diese ideologischen und politischen Verfälschungen des Marxismus-Leninismus und der heutigen Kräfteverhältnisse hat vielfältige praktischekonterrevolutionäre Konsequenzen.

Würde das Proletariat der kapitalistischen Länder das Schema der „Drei Welten" übernehmen, so wäre das ein Verrat an der Sache der proletarischen Revolution, das Abgleiten zu einer Politik des Bündnisses mit der „eigenen" Bourgeoisie unter dem Vorwand, für die „Erhaltung und Sicherung der Unabhängigkeit des Landes gegen die Supermächte" zu kämpfen, das heißt: Kapitulation vor der „eigenen" imperialistischen Bourgeoisie.

Für die Völker der unterdrückten Länder mit halbfeudalen und halbkolonialen Strukturen führt eine Übernahme des Schemas der „Drei Welten" zur Unterstützung der einheimischen reaktionären Klassen und ihrer imperialistischen Oberherren, ja direkt zur Propagierung des Neokolonialismus

zur „Entwicklung des Landes".

Für die VR China würde eine Übernahme des Schemas der „Drei Welten" bedeuten bzw. bedeutete: Verrat am proletarischen Internationalismus, Ablehnung der Verpflichtung, das eigene Land als Stützpunkt und Hinterland der Revolution der noch nicht befreiten Länder zu begreifen und danach zu handeln, Verwischung der Klassengegensätze und des Klassenkampfs, kurzum: Revisionismus auf der ganzen Linie.

Für die Völker der Welt werden nach dem Schema der „Drei Welten" im Grunde der US-Imperialismus, die westdeutschen, japanischen, englischen und französischen Imperialisten, die finsteren Reaktionäre aller Länder, angefangen vom Schah bis Mobuto, von Pinochet bis Marcos, von Suharto bis Banzer, alle Cliquen der Kompradorenbourgeoisie und der Feudalherren, die den Völkern im Dienste des Imperialismus auf dem Nacken sitzen, nicht mehr angeprangert. Ja schlimmer noch, all diese konterrevolutionären Kräfte werden sogar - folgt man diesem Schema - unterstützt.

Denn die Praxis zeigt, daß von den Anhängern des Schemas der „Drei Welten" keine einzige der Cliquen der Kompradorenbourgeoisie und der Feudalherren angeprangert wurde, sondern sie allesamt wurden glorifiziert und jene, die sie bekämpften, als „Helfer des russischen Sozialimperialismus" verleumdet.

In Europa ist ein krasses Beispiel für die konterrevolutionären Konsequenzen des Schemas der „Drei Welten" das Eintreten ihrer Anhänger für die Nato, die offene Unterstützung der EG, die Unterstützung der Aufrüstung der westdeutschen Imperialisten, Militaristen und Revanchisten sowie anderer imperialistischer Großmächte, ja sogar das Eintreten für den Verbleib von US-Truppen und US-Stützpunkten in Westeuropa – alles unter dem demagogischen Motto, der russische Sozialimperialismus sei „die Hauptgefahr für Europa" der „Hauptfeind der Welt", gegen den man alle Kräfte „vereinigen" müsse.

Katastrophal wirkt sich schließlich auch die Politik der Propagandisten des Drei-Welten-Schemas auch in der Frage des Kampfes gegen die Vorbereitung eines neuen imperialistischen Weltkrieges aus.

Statt den Kampf der Völker gegen die Vorbereitung eines dritten Weltkrieges anzuspornen und zu unterstützen, den Kampfgeist und den Elan der Volksmassen zu heben, sabotieren sie diese große Aufgabe, erklären einen solchen Kampf nicht nur für illusionär und unmöglich, sondern sogar für demagogisch und schädlich, da angeblich ein dritter Weltkrieg „absolut unvermeidlich" sei.

Die Schlußfolgerung aus all diesen Fakten ist zwingend und unwiderlegbar:

Das Schema der „Drei Welten" und die daraus folgende Politik muß verworfen werden. zurück

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