zurück zum Inhalt

Anhang zum Teil B

1. Die Moskauer Erklärungen von 1957 und 1960 zur Frage der gewaltsamen Revolution des Proletariats und die Position der KP Chinas bei den damaligen Beratungen

2. Die Haltung der Partei der Arbeit Albaniens zur gewaltsamen Revolution

3. Die Haltung Mao Tse-tungs zur Gesetzmäßigkeit der gewaltsamen Revolution

4. Einige Bemerkungen zur Anwendung der Formen des bewaffneten Kampfes vor Beginn eines bewaffneten Aufstands und zur Frage des individuellen Terrors

5. Über die Linie der KP Indonesiens im Kampf gegen die konterrevolutionäre Theorie des „friedlichen Wegs" - Zu zwei Lehren, die die KP Indonesiens aus der Geschichte der Revolution von 1945 und aus den konterrevolutionären Ereignissen von 1965 in Indonesien für die Frage des Weges der Revolution gezogen hat

 a) Das grundlegende Problem einer jeden Revolution ist die Frage der Staatsmacht 
 b) Selbstkritik zur Frage des „friedlichen Wegs" 

6. Über die Linie der RKP Chiles im Kampf gegen die konterrevolutionäre Theorie des „friedlichen Wegs" 1973

1. Die Moskauer Erklärungen von 1957 und 1960 zur Frage der gewaltsamen Revolution des Proletariats und die Position der KP Chinas bei den damaligen Beratungen

 

Obwohl die Dokumente der Beratungen der kommunistischen und Arbeiterparteien von 1957 und 1960 in Moskau erklären, daß „der Leninismus lehrt und die historische Erfahrung bestätigt, daß die herrschenden Klassen die Macht nicht freiwillig abtreten",[404] wird in der Frage der gewaltsamen Revolution des Proletariats eine grundlegend falsche Linie festgelegt. Es wird kein Wort verloren über die allgemeingültige Gesetzmäßigkeit der gewaltsamen Revolution, über die Notwendigkeit der gewaltsamen Zerschlagung des bürgerlichen Staatsapparats, über den unter den heutigen Bedingungen unvermeidlichen Bürgerkrieg zur Zerschlagung der Macht der Bourgeoisie.

Statt dessen werden die folgenden revisionistischen Thesen propagiert, die denen des XX. Parteitags der KPdSU nicht nur in nichts nachstehen, sondern diese in vielen Passagen fast wortwörtlich kopieren:

l. Es wird die Ansicht vertreten, daß angeblich zwei Wege des Übergangs zum Sozialismus möglich seien, ein „friedlicher" und ein „nichtfriedlicher" (Ebenda), wobei die Betonung eindeutig auf den „friedlichen Weg" gelegt wird, der sich auf „friedliche Mittel" (gewaltlose?) beschränkt: „Die Arbeiterklasse und ihre Vorhut, die marxistisch-leninistische Partei, sind bestrebt, die sozialistische Revolution mit friedlichen Mitteln durchzuführen."[405]

2. Es wird so hingestellt, als gebe es unter den „heutigen Verhältnissen" in einer Reihe von kapitalistischen Ländern für das Proletariat die reale Möglichkeit, seine Macht zu errichten, ohne den bürgerlichen Staatsapparat durch den Bürgerkrieg zu zerschlagen:

„Unter den heutigen Verhältnissen hat die Arbeiterklasse mit ihrer Vorhut an der Spitze in einer Reihe von kapitalistischen Ländern die Möglichkeit, (...) die Staatsmacht ohne Bürgerkrieg zu erobern..."[406]

Wesentlich sind hier zwei Fehler enthalten:

Erstens wird die angebliche Vermeidbarkeit des bewaffneten Kampfes, also des Bürgerkriegs, propagiert. Zweitens wird die Möglichkeit einer friedlichen „Eroberung" der Staatsmacht behauptet. Das legt die einfache Inbesitznahme des alten Staatsapparats nahe, enthält jedenfalls kein Wort von der Notwendigkeit seiner Zerschlagung.

3. Es wird der „parlamentarische Weg" zum Sozialismus propagiert, wenn behauptet wird, die Arbeiterklasse habe die Möglichkeit, „...das Parlament aus einem Werkzeug, das den Klasseninteressen der Bourgeoisie dient, in ein Instrument zu verwandeln, das dem schaffenden Volke dient... "[407]

4. Die gewaltsame Revolution als allgemeines Gesetz wird zu einem „notwendigen Übel" herabgewürdigt, zu dem man nur im äußersten Notfall greifen dürfe, wenn die Bourgeoisie schon vorher zu massiver Gewalt greift:

„Für den Fall, daß die Ausbeuterklassen dem Volke gegenüber Gewalt brauchen sollten, muß man eine andere Möglichkeit im Auge haben: die des nichtfriedlichen Übergangs zum Sozialismus.'"[408]

5. Die richtige Forderung, die Opfer des Proletariats möglichst gering zu halten, wird als Argument für den „friedlichen Weg" gebraucht und völlig klassenunspezifisch auch auf die Bourgeoisie ausgedehnt: „Die Verwirklichung dieser Möglichkeit (des „friedlichen Wegs", A.d.V.) entspräche den Interessen der Arbeiterklasse und des ganzen Volkes, den gesamtnationalen Interessen des Landes."[409]

Allen diesen Positionen hat die KP Chinas auf den Moskauer Beratungen von 1957 und 1960 zugestimmt, wenngleich sie auf beiden Beratungen ihre eigene, in einigen Punkten abweichende Stellungnahme an die teilnehmenden Delegationen verteilt hatte. Offensichtlich ist die KP Chinas aber danach von verschiedener Seite wegen der Unterzeichnung der obengenannten falschen Positionen kritisiert worden. Aufgrund dieser Kritik erklärte die KP Chinas 1964 im Kommentar „Die proletarische Revolution und der Revisionismus Chruschtschows", daß diese Kritik richtig ist und forderte eine Neuabfassung der entsprechenden Passage der Erklärung von 1960:

„Wenn heute Genossen uns kritisieren, wir seien damals der Führung der KPdSU zu Unrecht entgegengekommen, dann sind wir gern bereit, diese Kritik anzunehmen.

Gerade weil die Formulierung der Frage des friedlichen Übergangs in der Deklaration und in der Erklärung auf der Grundlage des sowjetischen Entwurfs erfolgt ist und dabei an einigen Stellen die vom XX. Parteitag der KPdSU vorgenommene Formulierung beibehalten wurde, enthält sie im ganzen genommen trotz einiger Ausbesserungen ernste Mängel und Irrtümer." („Polemik", S. 417.)

Folgende Irrtümer werden von der KP Chinas ausdrücklich benannt: die Möglichkeit, „die Staatsmacht ohne Bürgerkrieg zu erobern"; die Möglichkeit, „eine stabile Parlamentsmehrheit zu erringen und das Parlament in ein Instrument zu verwandeln, das dem werktätigen Volk dient" und der Verzicht darauf zu betonen, „daß die gewaltsame Revolution ein allgemeines Gesetz ist".

Weil diese Fehler, wie die KP Chinas erklärte, den Revisionisten die Möglichkeit geben, die Dokumente von 1957 und 1960 zum Vorwand zu nehmen, „um mit dem Revisionismus Chruschtschows hausieren zu gehen", stellte sie die Forderung, „daß die in der Deklaration und der Erklärung enthaltene Formulierung

dieser Frage durch Konsultationen der Bruderparteien auf der Grundlage der revolutionären Prinzipien des Marxismus-Leninismus neu abgefaßt werden." (Alle Zitate in: „Polemik", S. 417f.)

Um ihre Ansichten zu dieser Frage darzulegen, führt die KP Chinas die „Hauptpunkte" aus ihrem 1957 und 1960 verteilten Dokument nochmals an[410], welche sie nach wie vor nicht für falsch hält.

Wenn wir jedoch dieses Dokument der KP Chinas analysieren, so müssen wir feststellen, daß die Selbstkritik der KP Chinas in der Frage der zwei Wege, des „friedlichen" und des „nichtfriedlichen", nicht tiefgehend war. Denn in diesem Dokument drückt sie in einigen Positionen selbst die „zwei Möglichkeiten" aus. In dem Dokument „Zusammenfassung der Ansichten zur Frage des friedlichen Übergangs" vom 10. November 1957 heißt es im einzelnen:

„In der Frage des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus sollte man auf die zwei Möglichkeiten —friedlichen Übergang und nichtfriedlichen Übergang — und nicht nur auf eine hinweisen; daswürde elastischer sein und uns politisch jederzeit die Initiative geben.

Hinsichtlich der Möglichkeit des friedlichen Übergangs zeigt sich, daß die Anwendung von Gewalt für uns vor allem eine Angelegenheitder Selbstverteidigung ist. Dies gibt den kommunistischen Parteien in den kapitalistischen Ländern die Möglichkeit, Angriffen in dieser Frage auszuweichen, und es ist politisch vorteilhaft sowohl zur Gewinnung der Massen und auch dazu, die Bourgeoisie ihrer Vorwände fürsolche Angriffe zu berauben und sie zu isolieren.

Wenn in Zukunft durch drastische Veränderungen in der nationalen und internationalen Lage in einzelnen Ländern praktische Möglichkeiten zum friedlichen Übergang gegeben sind, könnten wir dann rechtzeitig die Gelegenheit ergreifen, die Unterstützung der Massen zu gewinnen und das Problem der Staatsmacht mit friedlichen Mitteln zu lösen." („Polemik", S. 119.)

Wir haben uns im Text ausführlich mit der Unrichtigkeit und Gefährlichkeit solcher Positionen beschäftigt. zurück

 

2. Die Haltung der Partei der Arbeit Albaniens zur gewaltsamen Revolution

 

Die These, daß man sich „auf zwei Möglichkeiten", „auf beide Wege vorbereiten" müsse, auf den „friedlichen" und den „nichtfriedlichen Weg", war auch Bestandteil der Linie der PAA und ihres Ersten Sekretärs Enver Hoxha, die damit glaubten, dem offenen Verrat der Chruschtschow-Revisionisten in der Frage der gewaltsamen Revolution entgegentreten zu können.

In seiner Rede vom November 1960, die auf der Beratung der 81 kommunistischen und Arbeiterparteien in Moskau gehalten wurde und den Revisionisten in der Tat in einigen Grundfragen Schläge versetzte, erklärte Enver Hoxha zur Frage des Weges der Revolution:

„Bis jetzt hat nochkein Volk, kein Proletariat, keine kommunistische oder Arbeiterpartei die Macht ohne Blutzoll und Gewalt erringen können. (...)

Unsere Partei ist der Meinung, daß man sich auf beide Wege, insbesondere aber auf den Weg der Ergreifung der Macht durch Gewalt gut vorbereiten muß. Denn erst dann gewinnt auch die erste MöglichkeitChancen auf einen Erfolg.'"[411]

Enver Hoxha sprach also von zwei Wegen, wobei der eine Weg der Machtergreifung durch Anwendung von Gewalt gekennzeichnet sein soll. Daraus folgt unmittelbar, daß der zweite Weg die MachtergreifungohneGewalt sei. Damit wird den Revisionisten unter der Hand zugestanden, daß es einen friedlichen Weg ohne Gewalt gebe, einen Weg, der ohne gewaltsame bewaffnete Revolution und ohne gewaltsame Zerschlagung des alten Staatsapparates zur Errichtung der Diktatur des Proletariats führen könne.

Indem Enver Hoxha den Unterschied von „friedlich" und „nichtfriedlich" keineswegs als die Frage „mit oder ohne Bürgerkrieg“ versteht, sondern zum Gegensatz „gewaltsam oder gewaltlos“ vergröbert, was etwas ganz anderes ist, bewegt er sich auf dem Boden der primitivsten Chruschtschowrevisionistischen Argumentation und versperrt sich damit unter anderem auch jede Möglichkeit, das verstehen und erklären zu können, was etwa Lenin und Stalin über eine unter Umständen mögliche „friedliche" Entwicklungsphase der Revolution im Sinne des Ausbleibens eines erneutenBürgerkrieges, aber keinesfalls des Unnötigwerdens jeglicher Gewaltanwendung, festgestellt haben. Nachdem Enver Hoxha mit der Formel „ohne Blutzoll und Gewalt" diese beiden verschiedenen Dinge über einen Kamm geschert und durcheinandergebracht hat, leistet er im Grunde der Chruschtschowrevisionistischen Verfälschung der entsprechenden Hinweise Lenins und Stalins Vorschub.

Überdies gebraucht Enver Hoxha hier die gleiche Argumentation, die das Politbüro des ZK der Kommunistischen Partei Indonesiens in seiner Selbstkritik mit Recht als revisionistische Illusionsmacherei bekämpfte:

Das Argument, wenn man sich auf den nichtfriedlichen, gewaltsamen Weg vorbereite, dann gewinne auch die Möglichkeit eines gewaltlosen Weges „Chancen auf einen Erfolg".

Wohlgemerkt: Hier geht es nicht darum, daß das Proletariat durch bessere Vorbereitung auf die bewaffnete Auseinandersetzung seine Opfer bis zu einem gewissen Grade einschränken kann, sondern es geht im Grunde um die Vorstellung, angesichts der Vorbereitungen des Proletariats auf den bewaffneten Kampf könne die herrschende Klasse so eingeschüchtert werden, daß sie auf den Einsatz ihres Machtapparats verzichtet und freiwillig abtritt.

Daß die PAA davon ausgeht, daß es tatsächlich einige Länder gebe, in denen eine „friedliche", nämlich gewaltlose Entwicklung zum Sozialismus möglich sei, zeigt ihre Polemik gegen die offen revisionistische Linie Togliattis auf dem X. Parteitag der KP Italiens:

„Auch in jenen Ländern, wo es möglich ist, die Revolution friedlich zu entwickeln, muß die kommunistische Partei die Möglichkeit auswerten, darf sie aber nicht für absolut erklären, weil diese Möglichkeit durch die Änderung der Umstände, die nicht von uns abhängen, sich in ein Gegenteil umwandeln kann. Wenn man sich aber zugleich auch auf die nichtfriedliche Möglichkeit vorbereitet, dann wachsen die Chancendes friedlichen Weges." [412]

Die PAA meint auch hier, den Revisionisten dadurch entgegentreten zu können, daß sie betont, man müsse sich nicht nur auf den „friedlichen Weg", sondern „zugleich auch" auf den nichtfriedlichen vorbereiten. Gegen eine solche These, die den „friedlichen Weg" nicht nur als reale Möglichkeit zuläßt, sondern praktisch als gleichrangige, wenn nicht sogar als vorrangige Sache, hatten die modernen Revisionisten - von ein paar besonders extremen Vertretern abgesehen - kaum viel einzuwenden und stellten sich selbst oft auf eine solche Position, um raffiniert auf die Revolutionäre „einzuwirken" und ihre Illusionen mit mehr Demagogie zu verbreiten.

Wie sich die Vorstellung von den „zweierlei möglichen Wegen", bzw. von jenen Ländern, in denen der „friedliche Weg" der Revolution „möglich" sei, in der Praxis auswirkte, zeigten bekanntlich die grausamen Erfahrungen in Indonesien und in Chile.

Auch im letztgenannten Zitat ist übrigens kennzeichnend, wie sehr es als Zweck gerade der Vorbereitung auf den „nichtfriedlichen Weg" bezeichnet wird, die „Chancen des friedlichen Weges" zu vergrößern. Das heißt nichts anderes, als die Revisionisten zu beruhigen: Bitte regt euch nicht auf, auchwir sind ja für euren „friedlichen Weg" und auf den „nichtfriedlichen" bereiten wir uns ja gerade deshalb vor, um den „friedlichen" noch wahrscheinlicher zu machen!

Den Vogel schoß seitens der PAA schließlich der Sekretär des ZK der PAA, Ramiz Alia ab, der in einer Rede anläßlich des zehnten Jahrestages des Todes von Stalin erklärte, die Idee vom „friedlichen Weg zum Sozialismus" stamme gar nicht von Chruschtschow, sondern von Stalin! Wortwörtlich sagte Ramiz Alia:

„J. W. Stalin leistete einen großen Beitrag auch zur Ausarbeitung der Wege für die nationale Befreiung der Völker und für den Übergang der verschiedenen Länder zum Sozialismus. Als hervorragender Marxist-Leninist verneinte er auch nicht die Möglichkeit des friedlichen Überganges einzelner Länder zum Sozialismus, hielt sie jedoch, wie Lenin, für eine Möglichkeit, der man in der Geschichte selten begegnet. N. Chruschtschow selbst, der alles mögliche gegen Stalin gesagt hat, sah sich genötigt, in seiner Rede auf dem 6. Kongreß der SED zuzugeben, daß ,es gerade Stalin war, der in einem Gespräch über die Benützung des friedlichen Weges gesprochen hatte'. Und wenn die Sache so ist, und es liegt kein Grund vor, daran zu zweifeln, wo liegt dann in dieserFrage das Verdienst der Revisionisten und des 20. Kongresses der KP der Sowjetunion? Sie haben gar kein Verdienst daran."[413]

Somit ist nicht nur der gesamte revisionistische Stumpfsinn Chruschtschows und seines XX. Parteitags akzeptiert, sondern als sein Erfinder auch noch Stalin reklamiert. Chruschtschow wird nicht kritisiert, weil er die Lehren des wissenschaftlichen Kommunismus im allgemeinen und Stalins im besonderen über Bord geworfen und verraten hat, sondern umgekehrt, weil er angeblich dasselbe sagte wie Stalin, somit keine „Verdienste" erworben habe, sich vielmehr „mit fremden Federn schmücke".

Nach den katastrophalen Ereignissen in Indonesien änderte die PAA ihre Haltung zur Frage der gewaltsamen Revolution insofern, als sie die Illusionen der Revisionisten über den „friedlichen Weg" zur Ergreifung der Macht bekämpfte und die bewaffnete Revolution als einzigen Weg zu verteidigen begann:

„Aus den tragischen Ereignissen in Indonesien ziehen die Kommunisten die Lehre, daß es nicht genügt, die opportunistischen Illusionen über den friedlichen Weg' bloß zu verwerfen und den revolutionären Weg des bewaffneten Kampfes als den einzigen Weg für die Erringung der Macht zu bezeichnen. Die Partei des Proletariats, die Marxisten-Leninisten und jeder Revolutionär müssen wirksame Maßnahmen ergreifen, um die Revolution vorzubereiten, angefangen von der Erziehung der Kommunisten und Massen im militanten, revolutionären Geist bis zur konkreten Vorbereitung, um der konterrevolutionären Gewalt der Reaktion den bewaffneten revolutionären Kampf der Volksmassen entgegenzustellen."[414]

Nach den ebenso katastrophalen Ereignissen in Chile wies die PAA eindeutig die revisionistische Theorie vom „parlamentarischen Weg" als möglichem „friedlichen Übergang" zurück und verteidigte die Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus über die gewaltsame Revolution und die Zerschlagung des alten Staatsapparats:

„Indem die modernen Revisionisten auf den parlamentarischen Weg' schwören, folgen sie bloß der alten Sackgasse der Kautsky und Konsorten.

Je weiter sie aber diesem Weg folgen, um so eher werden sie entlarvt und um so größere Niederlagen werden sie erleiden. Die ganze Geschichte der internationalen kommunistischen und Arbeiterbewegung beweist, daß die gewaltsame Revolution, die Zerschlagung derStaatsmaschine der Bourgeoisie und die Errichtung der Diktatur des Proletariats dasallgemeine Gesetz der proletarischen Revolution bilden."[415]

Leider aber hat die PAA nie ein Wort darüber verloren, daß sie selbst eine Zeitlang Illusionen über einen möglichen gewaltlosen „friedlichen Weg" in ihrer Polemik gegen die Chruschtschow-Revisionisten verbreitet hatte. Die an sich so begrüßenswerte Korrektur dieses schweren Fehlers wurde niemals mit irgendeiner Selbstkritik verbunden, sondern es wurde so getan, als ob die PAA immer schon den richtigen Standpunkt gehabt habe.

Die Unaufrichtigkeit einer solchen Haltung kommt deutlich etwa in der 1971 erschienenen PAA-Broschüre „Historischer Sieg des wissenschaftlichen Kommunismus über den Revisionismus" zum Ausdruck. In dieser Schrift wird unter anderem auch auf die Rede Enver Hoxhas von 1960 in Moskau eingegangen, aber einfach behauptet, daß in dieser Rede als allgemeinerWeg des Übergangs zum Sozialismus die gewaltsame Revolution" [416] propagiert worden sei. Von der Vorbereitung auf zwei Wege, darunter auf einen „friedlich-gewaltlosen", von dem Enver Hoxha in Moskau sprach, wird kein Wort erwähnt.

Auf der anderen Seite aber bestätigt die PAA wiederum in der ebenfalls 1971 erschienenen „Geschichte der Partei der Arbeit Albaniens" die revisionistische These Enver Hoxhas aus eben derselben Rede von 1960, indem sie hier nun auch die revisionistischen Stellen von der Vorbereitung auf zwei Wege und der Möglichkeit des friedlichen Weges zitiert.[417]

Ohne gründliche, selbstkritische Untersuchung kann ein schwerwiegender Fehler nicht konsequent korrigiert werden.[418] zurück

 

3. Die Haltung Mao Tse-tungs zur Gesetzmäßigkeit der gewaltsamen Revolution

 

Für die Kommunistinnen und Kommunisten vieler Länder spielten im Kampf gegen den Verrat der Chruschtschow-Revisionisten die klaren kommunistischen Positionen Mao Tse-tungs über den revolutionären Krieg, den bewaffneten Kampfund seine Bedeutung eine sehr große Rolle.

Diese Lehren Mao Tse-tungs, die alle aus Band I bis IV der Ausgewählten Werke, also aus der Zeit des bewaffneten Kampfes des chinesischen Volkes stammen, wurden noch populärer durch die Zitatenzusammenstellung im „Roten Buch"[419] zu Beginn der Kulturrevolution in China.

Wir unterstreichen an dieser Stelle, daß wir mit den Auffassungen Mao Tse-tungs, die wir im folgenden zitieren, voll und ganz einverstanden sind und daß diese grundlegenden Auffassungen Mao Tse-tungs heute energisch gegen die modernen Revisionisten und ihre diversen Nachbeter verteidigt werden müssen, da in ihnen Grundprinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus enthalten sind. Ebenso müssen diese kommunistischen Stellungnahmen Mao Tse-tungs bei der Zurückweisung jener unterstrichen werden, die nach seinem Tod begonnen haben, kein gutes Haar mehr an ihm zu lassen.

Betrachten wir also die wichtigsten Äußerungen Mao Tse-tungs und die Angriffe der wütend um sich schlagenden revisionistischen „Theoretiker" dagegen.

In ihrem revisionistischen Machwerk „Kritik der theoretischen Auffassungen Mao Tse-tungs", das 1970 in Moskau erschien, werden ausführlich die Ansichten Mao Tse-tungs zitiert. Der revisionistische Versuch der „Widerlegung" besteht im wesentlichen in Empörungsgeschrei und der einfachen Behauptung, die Ansichten Mao Tse-tungs seien falsch oder ständen im Widerspruch zu den Ansichten des wissenschaftlichen Kommunismus.

Dabei wird jedoch nicht einmal ein einziger ernsthafter Versuch gemacht, hierfür einen Beweis zu liefern.

Die modernen Revisionisten zitieren entrüstet die großartigen Worte Mao Tse-tungs:

„Jeder Kommunist muß diese Wahrheit begreifen: ,Die politische Macht kommt aus den Gewehrläufen'."[420]

„Die zentrale Aufgabe der Revolution und ihre höchste Form ist die bewaffnete Machtergreifung, ist die Lösung der Frage durch den Krieg.

Dieses revolutionäre Prinzip des Marxismus-Leninismus hat allgemeine Gültigkeit, es gilt überall, in China wie im Ausland."[421]

Die modernen Revisionisten geraten über diese, den Kern des Problems scharf herausarbeitende Stellungnahme völlig aus dem Häuschen und kommentieren:

„Der kategorische Charakter und die Selbstsicherheit dieser Formulierungen

sind offensichtlich. Ausdrücke wie ,allgemeine Gültigkeit' und ,überall' bedeuten, daß man die konkreten Bedingungen, den konkreten Ort und die konkrete Zeit nicht berücksichtigt. Die Theorie des revolutionären Kampfes wird dadurch aufs äußerste vereinfacht. Endlich hat man ein Universalheilmittel zur Lösung aller und jeder Aufgabe (...) gefunden."[422]

Und das ist schon alles an „Widerlegung". (Wer es nicht glaubt, muß die eben angeführte und die folgenden primitiven Äußerungen der hochgelehrten und hochbezahlten revisionistischen Akademiker selbst nachlesen). Betrachten wir ihre spärlichen „Argumente". Daß die Feststellung Mao Tse-tungs „kategorisch" ist und „Selbstsicherheit" ausstrahlt, ist wirklich offensichtlich, hat aber überhaupt nichts damit zu tun, ob sie richtig oder falsch ist.

Weiter: Es ist nicht wahr und auch überhaupt nicht marxistisch, aus dem Wort „allgemeingültig" oder dem Wort „überall" zu folgern, daß Mao Tse-Tung gegen die Berücksichtigung der „konkreten Bedingungen" gewesen sei. Wer die Darstellung Mao Tse-tungs weiter studiert, wird feststellen, daß er gerade die Berücksichtigung der „konkreten Bedingungen" fordert - allerdings auf dem Boden der allgemeingültigen Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus.

Im folgenden zeigt Mao Tse-tung nämlich den Unterschied bei der Anwendung dieses allgemeingültigen Prinzips auf China (wo auf dem Landbefreite Gebiete geschaffen werden konnten) einerseits und auf hochindustrialisiertekapitalistische Länder andererseits. Für diese imperialistischenLänder erklärt er, die Form des revolutionären Krieges betreffend:

„Der einzige Krieg, den die Partei braucht, ist der Bürgerkrieg, auf den sie sich vorbereitet."[423]

Mao Tse-tung warnt dann vor verfrühten Aufständen in imperialistischen Ländern, erklärt wieder den Unterschied zu den konkreten Bedingungen Chinas usw.

Das „Argument" der Revisionisten sticht also überhaupt nicht. Es zeigt vielmehr, daß die Revisionisten allgemeingültige Prinzipien überhaupt ablehnen unter dem Vorwand der „konkreten", also immer unterschiedlichen Bedingungen.

Ihr letztes „Argument", daß die „Theorie des revolutionären Kampfes (...) aufs äußerste vereinfacht" und zum „Universalheilmittel" gemacht werde, ist schlicht eine Verfälschung, da Mao Tse-tung von der „höchsten Form" der Revolution gesprochen hat und nicht von der einzigen.

Im übrigen antwortete Mao Tse-tung bereits vor über drei Jahrzehnten den damaligen Revisionisten selbst sehr treffend auf deren Gerede über die von ihnen kritisierte „Verabsolutierung" des revolutionären Krieges: „Manche Leute bezeichnen uns höhnisch als Anhänger der ,Theorie von der Allmacht des Krieges'; jawohl, wir sind Anhänger der Theorie von der Allmacht des revolutionären Krieges, und das ist nicht schlecht, sondern gut, das ist marxistisch. Die Gewehre der KP Rußlands haben den Sozialismus geschaffen. Wir wollen eine demokratische Republik schaffen. Die Erfahrungen des Klassenkampfes im Zeitalter des Imperialismus lehren uns: Die Arbeiterklasse und die übrigen werktätigen Massen können nur mit der Macht der Gewehre die bewaffneten Bourgeois und Grundherren besiegen, in diesem Sinne können wir sagen, daß die ganze Welt nur mit Hilfe der Gewehre umgestaltet werden kann."[424]

Die modernen Revisionisten zitieren auch diese Passage aus den Werken Mao Tse-tungs und versuchen eine „Widerlegung":

„Das ist durchaus nicht marxistisch. (...) Das einzige allmächtige Mittel, um den Sozialismus zu errichten, ist die selbständige Organisation der revolutionären Massen, vor allem des Proletariats."[425]

Hier wird sehr schön deutlich, wie hinter der Phrase der „revolutionäre Geist verduftet": Sind die revolutionären Massen in selbständigen Organisationen wirklich allmächtig, wenn sie keine Waffen haben?

Diese Frage zu stellen genügt eigentlich, um klarzumachen, daß die modernen Revisionisten den springenden Punkt, eben die Machtfrage, die Frage der politischen Macht, die tatsächlich „aus den Gewehrläufen kommt", herausoperiert und durch die Phrase von der „selbständigen Organisation" ersetzt haben.

In der Tat sind eben die Ansichten Mao Tse-tungs in dieser Frage marxistisch und seine „Kritiker" rennen gegen Grunderkenntnisse des wissenschaftlichen Kommunismus an. Mao Tse-tung hatte unmittelbar vorher ausgeführt:

„Vom Standpunkt der marxistischen Lehre vom Staat ist die Armee die Hauptkomponente der Staatsmacht. Wer die Staatsmacht ergreifen und behaupten will, der muß eine starke Armee haben".[426] Gerade aus diesem Grund ist es eine richtige, auf das Wesentliche konzentrierte Zusammenfassung, zu sagen „Die politische Macht kommt aus den Gewehrläufen" und den revolutionären Krieg als „allmächtig" zu bezeichnen.

Es ist nicht verwunderlich, daß den modernen Revisionisten gerade dieses Zitat Mao Tse-tungs ganz und gar nicht gefällt, da sie ja bekanntlich die Rolle des Parlaments als zentral herausstreichen wollen. So erklären sie, nachdem sie die oben genannte Stelle zitiert haben, einfach kurzerhand:

„Diese These verabsolutiert Mao Tse-tung und setzt sie mit dem Marxismus gleich."[427]

Das ist die ganze „Widerlegung". Die revisionistischen Professoren haben bloß übersehen, daß Mao Tse-tung in diesen Sätzen lediglich wiedergibt, was bereits Lenin in seiner Schrift „Staat und Revolution" gegen die Revisionisten seiner Zeit klipp und klar festgestellt hatte:

„Wie alle großen revolutionären Denker sucht Engels die Aufmerksamkeit der klassenbewußten Arbeiter gerade auf das zu lenken, was dem herrschenden Spießertum am wenigsten beachtenswert, am gewohntesten erscheint, auf das, was nicht nur durch fest eingewurzelte, sondern, man kann sagen, durch verknöcherte Vorurteile geheiligt ist. Das stehende Heer und die Polizei sind die Hauptwerkzeuge der Gewaltausübung der Staatsmacht, aberkann denn das anders sein?" (Lenin: „Staat und Revolution", 1917, Werke Band 25, S. 401.)

Die These Mao Tse-tungs, daß die Armee, die bewaffnete Macht, die „Hauptkomponente der Staatsmacht" ist, stimmt völlig mit der Wirklichkeit und den Lehren des wissenschaftlichen Kommunismus überein und es ist kein Zufall, daß die modernen Revisionisten als Anhänger des parlamentarischen Kretinismus gerade diese wichtige Wahrheit vor den klassenbewußten Arbeitern verbergen wollen.

Zwei weitere Feststellungen Mao Tse-tungs, die völlig richtig sind, erregen den Zorn der revisionistischen „Humanisten".

Mao Tse-tung sagt:

„Es gibt aber nur ein Mittel zur Abschaffung des Krieges: Man muß den Krieg mit dem Krieg bekämpfen, dem konterrevolutionären Krieg den revolutionären Krieg (...) entgegensetzen"[428]

Der Kommentar der modernen Revisionisten - kaum zu glauben, aber wahr - lautet schlicht:

„Die Unmenschlichkeit dieser These spricht für sich."[429]

Ein derart spießbürgerliches, konterrevolutionäres Ignorantentum ist tatsächlich nicht mehr zu überbieten. Dies wird auch bei der Attacke gegen eine andere Stelle bei Mao Tsetung deutlich. Mao Tse-tung schrieb in „Über den langwierigen Krieg":

„Ein revolutionärer Krieg ist ein Gegengift, das nicht nur das Gift des Feindes vernichtet, sondern auch unsere eigenen Schlacken hinwegsäubert. Jeder gerechte revolutionäre Krieg besitzt eine gewaltige Macht und kann viele Dinge umgestalten oder den Weg für ihre Umgestaltung bahnen."[430]

Der Kommentar der Revisionisten:

„Die Maoisten übersehen die elementare Wahrheit: die Mittel der Umgestaltung können nicht neutral sein gegenüber den Zielen der Umgestaltung.(...)

Die Begründer des Marxismus haben Dutzende Male das Proletariat darauf hingewiesen, daß Gewaltmittel nur eine Notmaßnahme sind und begrenzten Charakter tragen. Sie haben die Gefahr unterstrichen, die mit der Anwendung extremer Kampfmittel verbunden ist."[431]

Offensichtlich hat Mao Tse-tung von einer „Neutralität" der Mittel überhaupt nicht gesprochen, sondern sogar eine positive Beziehung zwischen Mittel und Zweck hergestellt. Die revisionistischen Professoren dagegen stellen eine negative Beziehung her ganz im Sinne der pazifistischen Pfaffen, die jammern, daß alle Gewalt böse sei, den Menschen beschmutze, korrumpiere, verderbe usw.

Die Revisionisten flunkern frech von „dutzenden Hinweisen" der Klassiker, aber können buchstäblich kein einziges Zitat der Lehrer des Proletariats anführen, das an ihren pazifistischen, weinerlichen Unsinn auch nur entfernt erinnern würde. In Wahrheit ist es nämlich ganz umgekehrt: Dutzende Male haben die Klassiker des wissenschaftlichen Kommunismus gerade die emanzipatorische Rolle des bewaffneten Kampfes unterstrichen.

Engels witzelte über die „Not" Dührings mit der Möglichkeit des bewaffneten Kampfes. Und was das Verhältnis von Mittel und Zweck angeht, so entspricht es eben der materialistischen Dialektik, daß Mittel angewendet werden wie bewaffneter Kampf, wie Errichtung der Diktatur des Proletariats usw., die scheinbar den kommunistischen Zielen widersprechen, aber in Wirklichkeit unumgänglich auf dem Weg zu den Idealen des Kommunismus sind.

Die ganze demagogische Hetze der modernen Revisionisten gerade gegen jene Ansichten Mao Tse-tungs, die unzweifelhaft kommunistisch waren, ging einher mit den Attacken gegen die revolutionäre Praxis der KP Chinas in den sechziger Jahren, die bewaffneten Kämpfe in anderen Ländern zu unterstützen. Die modernen Revisionisten wollten als „Funkenaustreter der Revolution" füngieren. So schreiben sie in bezug auf die damalige KP Chinas:

„Man muß sich fragen, was beabsichtigen die chinesischen Führer, wenn sie mit allen Mitteln den ,Volkskrieg' propagieren. Es gibt nur eine Antwort auf diese Frage: Das Ziel dieser Politik ist es, bewaffnete Konflikte in verschiedenen Teilen der Erde zu provozieren. (...) Man denke an ihre Kriegshetze (...), ihre verstärkte Unterstützung für die extremistischen Elemente in Indonesien, Burma, Kongo, Thailand und Malaysia."[432]

Was die Revisionisten hier attackieren, ist die Unterstützung, welche die KP Chinas damals der KP Indonesiens, der KP Burmas, der KP Thailands und der KP Malaysias usw. gab und die ein Ausdruck des proletarischen Internationalismus war. Ja, die Revisionisten gehen noch einen Schritt weiter und verkünden gar, daß in diesen Ländern der bewaffnete Befreiungskampf das sei, was man am wenigsten brauchen könne: „Heute stehen in den Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas vor allem politische und ökonomische Methoden des antiimperialistischen Kampfes auf der Tagesordnung. (...) Deshalb ist es völlig unangebracht, den bewaffneten Kampf zu verabsolutieren und ihn als zentrale Aufgabe hinzustellen, die gegenwärtig vor den Völkern dieser Kontinente steht."[433]

Durch diese Ansichten (die später der Revisionist Deng Hsiao-ping in seiner UNO-Rede von 1974 ganz im Geiste Chruschtschows systematisierte) entlarven sich die modernen Revisionisten als antirevolutionäre Ideologen des Weltimperialismus. Und hier ist auch der tatsächliche Grund für die primitiven Attacken auf die kommunistischen Lehren Mao Tse-tungs über den bewaffneten Kampf, wie sie in seinen Werken in der Zeitspanne von 1927 bis 1949 zu finden sind.

 

* * *

 

Wir müssen unterstreichen, daß alle die weiter oben genannten Zitate von Mao Tse-tung aus der Zeit vor 1949 stammen. Es ergibt sich somit die Frage, wie Mao Tse-tungs Haltung zur gewaltsamen Revolution in den Jahren danach, insbesondere nach dem XX. Parteitag der KPdSU war, auf dem der „friedlich-parlamentarische Weg" zum Sozialismus verkündet wurde.

Leider gibt es keine authentischen, autorisierten Schriften Mao Tse-tungs, die sich direkt mit dem „friedlichen Weg" des XX. Parteitags auseinandersetzen.

Um zu dieser Frage Material zu liefern, bleibt uns leider keine andere Möglichkeit, als auf den nach dem Tod Mao Tse-tungs von den Deng-Hua-Revisionisten herausgegebenen sogenannten „Band V" zurückzugreifen.

Wir müssen dabei betonen, daß wir nicht davon ausgehen können, daß die im „Band V" enthaltenen und vorher nicht veröffentlichten Reden und Schriften unbedingt echt und unverfälscht sind. Man kann auch grobeFälschungen nicht ausschließend.[434] Da dieser Band jedoch zweifellos ideologisch ein Wirkung ausübt, nehmen wir zu den darin enthaltenen Positionen Stellung, ohne eindeutig feststellen zu können, ob und wieweit es sich tatsächlich um Positionen Mao Tse-tungs handelt.

Direkt bezogen auf die Thesen des XX. Parteitags der KPdSU heißt es in der unautorisierten Schrift „Seid aktive Förderer der Revolution!" von 1957:

„In der Frage des friedlichen Übergangs sind wir auch anderer Meinung als Chruschtschow und seine Leute. Nach unserer Auffassung muß die proletarische Partei eines jeden Landes auf zweiMöglichkeiten vorbereitet sein: erstens auf Frieden; zweitens auf Krieg. Erstens fordert die kommunistische Partei, von der Losung Lenins lernend, die er in der Zeit zwischen der Februarrevolution und der Oktoberrevolution ausgab, von der herrschenden Klasse einen friedlichen Übergang.

Ähnlich handelten wir, als wir Tschiang Kai-schek Friedensverhandlungen vorschlugen. Diese der Bourgeoisie, dem Feind gegenüber defensiveLosung zeigt, daß wir nicht Krieg, sondern Frieden wollen, und hilft uns, die Massen zu gewinnen. Es ist eine Losung, die uns die Initiative in die Hand gibt, eine Losung taktischer Natur. Jedoch wird die Bourgeoisie niemals freiwillig die Macht abtreten, sie wird zur Gewalt greifen. Und das ist die zweite Möglichkeit: Wollt ihr denKampf, schlagt ihr als erster los, dann bleibt uns nichts anderes übrig als zurückzuschlagen. Bewaffnete Machtergreifung - das ist die strategischeLosung. Wenn du einzig und allein an den friedlichen Übergang glaubst, unterscheidest du dich in nichts von einer beliebigen sozialistischen Partei. Die Sozialistische Partei Japans verhält sich so, sie ist nur auf eine Möglichkeit vorbereitet, d. h. sie erklärt, niemals Gewalt anwenden zu wollen. Dasselbe gilt für alle sozialistischen Parteien der Welt. Allgemein gesprochen, muß eine proletarische Partei auf zwei Möglichkeiten vorbereitet sein: Erstens, ein Gentleman zieht Argumenteden Fäusten vor; zweitens, geht jedoch ein Lump mit Fäustenauf mich los, dann zahle ich ihm mit gleicher Münze heim. Eine solche Herangehensweise berücksichtigt beide Möglichkeiten und läßt nichts offen."[435]

Selbst wenn man in Rechnung stellt, daß hier ein kräftiger Schuß rhetorische Ironie eine Rolle spielen mag, enthält diese Stellungnahme grobe Fehler und ist höchst widerspruchsvoll:

a) Einerseits drückt sich im Zitat tatsächlich Opposition zu den Chruschtschow-Revisionisten aus, wenn es heißt, die Bourgeoisie trete „niemals freiwillig" ab, „sie wird zur Gewalt greifen" und in Verbindung damit gesagt wird: „Bewaffnete Machtergreifung - das ist die strategische Losung".

Diese richtigen Feststellungen werden allerdings nicht konsequent und offensiv gegen die Chruschtschow-Revisionisten zugespitzt. So wäre es notwendig gewesen, gegen den chruschtschowschen „friedlichparlamentarischen Weg" die Notwendigkeit der gewaltsamen Zerschlagungdes alten Staatsapparates herauszustellen. Statt dessen werden die richtigen Feststellungen in der weiteren Argumentation geradezu entwertet.

b) Unzulässig ist die Verallgemeinerung besonderer Situationen im Verlauf sowohl der russischen als auch der chinesischen Revolution. Die besonderen Bedingungen des russischen Proletariats, nachdem es eben die Februarrevolution durchgeführt hatte und unter Waffen stand, aber auch die besondere Situation, die in China nach einem langjährigen revolutionären Krieg entstanden war, der zur Herausbildung einer so mächtigen bewaffneten Kraft wie der Volksbefreiungsarmee geführt hatte, werden im Zitat schematisch auf alle Länder und Situationen übertragen. Dem Proletariat wird nahegelegt, in allen Ländern unabhängig von den konkreten Bedingungen eine ähnliche Taktik einzuschlagen, wie dies Lenin und Mao Tse-tung in einer bestimmten historisch bedingten Situation taten. Zudem wird das Wesen der Situation nach der Februarrevolution grob entstellt, wenn gesagt wird, Lenin habe von den herrschenden Klassen den friedlichen

Übergang „gefordert".

Damit wird der Kern der Sache vertuscht, der darin bestand, daß Lenin aufgrund der Ergebnisse der Februarrevolution, insbesondere der Bewaffnung der revolutionären Volksmassen bei Existenz eines teilweise bereits zerstörten und dadurch gelähmten alten Staatsapparates eine Zeitlang eine „friedliche", das heißt nichtbürgerkriegsartige Weiterentwicklung der Revolution für möglich hielt.

c) In der Passage über die „Taktik" kommt es außerdem so heraus, als ob Taktik eine Art „Trick" sei, um die Volksmassen zu gewinnen: Man weiß, daß die Bourgeoisie „zur Gewalt greifen" wird, fordert aber dennoch einen „friedlichen Übergang", ein friedliches Abtreten der Bourgeoisie, um sie sozusagen ins Unrecht zu setzen, wenn sie mit Sicherheit nicht freiwillig abtritt. Lenin ging es aber keineswegs darum, die Volksmassen mit dem „taktischen Trick" einer nicht realisierbaren „Forderung" zu gewinnen, sondern er ging von der tatsächlichen, zeitweilig entstandenen Möglichkeit aus, die vorübergehend an die Spitze gekommene, aber sich auf keinen verläßlichen Machtapparat stützen könnende Bourgeoisie „friedlich", das heißt ohne Bürgerkrieg zum „Abtreten" zwingen zu können.

d) Im weiteren hebt die abschließende Passage die unterschiedliche Wertung der beiden Möglichkeiten - die eine als Taktik, die andere als Strategie - wieder auf und spricht „allgemein" von zwei Möglichkeiten, auf die man sich vorbereiten müsse: sowohl den Weg der „Argumente" als auch den der „Fäuste" Das ergibt im Zusammenhang nicht nur Konfusion, sondern heißt, ebenso wie es die Chruschtschow-Revisionisten tun, neben dem „Weg der Fäuste" einen nichtgewaltsamen „Weg der Argumente" zu propagieren, also einen Weg der friedlichen „Überzeugung" der Ausbeuter und ihrer Machtorgane.

e) Die Textstelle enthält auch starke Elemente einer defensiven Haltung, nämlich den bewaffneten Aufstand nach dem Motto „Schießen Sie zuerst, mein Herr!" erst zu beginnen, wenn die Bourgeoisie bereits die Waffen sprechen läßt. Das ist eine tödliche Auffassung, welche die Initiative, die Zeitwahl und das Überraschungsmoment ganz der Bourgeoisie überläßt!

f) Mit der defensiven Beteuerung, den Krieg nicht zu wollen, und mit der These „ein Gentleman zieht Argumente den Fäusten vor", werden die Massen nicht für den revolutionären Krieg erzogen. Er wird damit als „notwendiges Übel", also als negativ dargestellt und nicht als gewaltige befreiende und reinigende Kraft, wie das nicht nur Marx, Engels, Lenin und Stalin taten, sondern auch Mao Tse-rung in den oben erwähnten authentischen Schriften.

Die vorliegende, Mao Tse-tung zugeschriebene Äußerung (deren Authentizität wir, wie gesagt, nicht überprüfen können) ist keine prinzipienfeste Entgegnung auf den revisionistischen Angriff Chruschtschows. Sie ist auch keine konsequente Verteidigung der von Mao Tse-tung in seinen früheren Schriften propagierten richtigen Ansichten, wie wir sie angeführt haben.

Diese Antwort ist Ausdruck des Zurückweichens und Kapitulierens gegenüber dem Chruschtschow-Revisionismus, wobei direkte Brücken zu den betreffenden revisionistischen Thesen des XX. Parteitags geschlagen werden.

Eine praktisch-politische Propaganda entsprechend den in diesem Zitat entwickelten Auffassungen ist in ihrer Auswirkung kaum weniger katastrophal als die offene und direkte Propaganda für den „friedlichparlamentarischen Weg" selbst. Dies gilt unabhängig von dem doch erkennbaren Motiv, dem Chruschtschow-Revisionismus etwas entgegenzusetzen. zurück

 

4. Einige Bemerkungen zur Anwendung der Formen des bewaffneten Kampfes vor Beginn eines bewaffneten Aufstands und zur Frage des individuellen Terrors

 

Bei der Propagierung der befreienden Rolle der revolutionären Gewalt ist der ideologische Kampf gegen die revisionistischen Theorien vom „friedlichen Weg zum Sozialismus" nach wie vor die ideologische Hauptfront. Im Zusammenhang damit darf aber auch nicht der Kampf gegen die ideologischen Strömungen vergessen werden, die - scheinbar entgegengesetzt – ein sogenanntes „Stadtguerilla"-Konzept propagieren und durchführen.

Auch wenn die Mitglieder von Stadtguerilla-Gruppen wie RAF in Deutschland, CCC in Belgien, PCE(R) in Spanien oder BR in Italien unter höchstem persönlichen Einsatz einen aufopferungsvollen Kampf geführt haben bzw. weiter führen, so war und ist ihr Konzept dennoch katastrophal falsch und muß auf der Grundlage des wissenschaftlichen Kommunismus schonungslos kritisiert werden. Dies ist auch ein Gebot der Solidarität mit allen vom Imperialismus verfolgten, verhafteten und ermordeten Genossinnen und Genossen.[436]

Bei dieser Abgrenzung hat die kommunistische Haltung zur Frage der Anwendung der Form des bewaffneten Kampfesvor Beginn des Aufstands in kapitalistischen Ländern eine grundlegende Bedeutung.

Die erste Voraussetzung, um im Kampf vor allem gegen rechtsopportunistische, aber auch „links"opportunistische Auffassungen eine klare kommunistische Haltung zu solchen Kampfformen zu erarbeiten, ist die Propagierung grundlegender Thesen des wissenschaftlichen Kommunismus zu diesem Thema.[437]

• In „Was hat der Ökonomismus mit dem Terrorismus gemein?" zeigt Lenin - im Rahmen seines großen Werks „Was tun?" -, daß nicht nur die Anbeter des spontanen ökonomischen Kampfes, sondern auch die Anhänger von Attentaten auf Persönlichkeiten des Zarismus „die revolutionäre Aktivität der Massen unterschätzen", und die eigentliche Aufgabe, nämlich „die revolutionäre Arbeit mit der Arbeiterbewegung zu einem Ganzen zu verbinden", nicht verstanden haben.[438]

Lenin nennt als gemeinsame Ursache des „Ökonomismus" und des „Terrorismus" die Anbetung der Spontaneität, wobei die Anhänger des individuellen Terrors, die „zum selbstlosesten Kampf einzelner Personen aufrufen", nicht die Spontaneität der Arbeiterbewegung als solche anbeten, sondern die „Spontaneität der leidenschaftlichsten Empörung der Intellektuellen", die den Glauben an eine Verbindung zwischen Arbeiterbewegung und der revolutionären Sache verloren oder nie besessen haben und die daher für ihre Empörung keinen „anderen Ausweg finden als den Terror".[439]

Lenin widerlegte auch die falsche und vordergründige Argumentation, daß mit Hilfe des Terrors die Arbeiterbewegung „aufgerüttelt" und ihr „ein Anstoß gegeben" werden könne. Denn wer durch die, wie Lenin sagte,

„herrschende Willkür nicht aufgerüttelt wird und nicht aufzurütteln ist, der wird offensichtlich auch dem Zweikampf zwischen der Regierung und einem Häuflein von Terroristen ruhig zusehen und ,die Daumen drehen'." (Lenin: „Was tun?", 1902, Werke Band 5, S. 434)

• Auch Stalin gibt in seinen beiden Artikeln über den ökonomischen Terror eine überzeugende Kritik des Arguments der Anhänger des individuellenTerrors, die vorgeben, von ihm Gebrauch zu machen, „um derBourgeoisie Angst einzujagen":

„...was kann uns die flüchtige Angst der Bourgeoisie und ein hierdurch hervorgerufenes Zugeständnis geben, wenn wir keine starke Massenorganisation der Arbeiter hinter uns haben, die Immer bereit ist, für die Arbeiterforderungen zu kämpfen. (...) Indessen sprechen aber allem Augenschein nach die Tatsachen davon, daß der ökonomische Terror das Bedürfnis nach einer solchen Organisation abtötet und den Arbeitern die Lust nimmt, sich zusammenzuschließen und selbständig aufzutreten, da sie ja die Terrorhelden haben, die für sie auftreten können." (Stalin: „Der ökonomische Terror und die Arbeiterbewegung", 1908, Werke Band 2,S. 102f.)

Ausgehend von einer solchen Kritik der Taktik des ökonomischen Terrors zeigt Stalin jedoch, daß die Ursachen für solche Erscheinungen die „aufreizenden und erbitternden Handlungen" der Bourgeoisie gegen die Werktätigen sind, und er entlarvt die Heuchelei der Kapitalisten, die von den Schrecken „des Bluts und der Tränen" sprechen, wenn es Angehörige ihrer Klasse trifft, aber kein Wort über den Terror der Kapitalisten gegenüber der Arbeiterklasse verlieren.[440]

• Stalin, der schon die Menschewiki, die 1905 in Rußland teilweise am bewaffneten Kampf beteiligt waren, als „bewaffnete Reformisten" bezeichnete, machte klar, daß es in der Frage Reformismus oder Revolution nicht entscheidend ist, ob man mit der Waffe kämpft oder nicht, sondern ob man mit der Waffe in der Hand für die Zerschlagung des alten Staatsapparates, für die Diktatur des Proletariats kämpft:

„Esmuß hervorgehoben werden, daß der Weg der Reformen, der konstitutionelle Weg revolutionäre Aktionen' und revolutionären Kampf keineswegs ausschließt. Bei der Bestimmung des revolutionären beziehungsweise des reformistischen Charakters dieser oder jener Partei sind nicht die revolutionären Aktionen' an sich als entscheidend zu betrachten, sondern die politischen Ziele und Aufgaben, derentwegen diese Aktionen von der Partei unternommen und ausgenutzt werden. Die russischen Menschewiki machten 1906, nach der Auseinanderjagung der ersten Duma, bekanntlich den Vorschlag, den Generalstreik' und sogar den ,bewaffneten Aufstand' zu organisieren. Das änderte jedoch nicht im geringsten etwas daran, daß sie Menschewiki blieben. Denn zu welchem Zweck schlugen sie damals das alles vor? Natürlich nicht, um den Zarismus zu zerschmettern und der Revolution zum vollen Siege zu verhelfen, sondern um auf die zaristische Regierung ,einen Druck auszuüben' zwecks Erzwingung einer Reform, zwecks Erweiterung der ,Verfassung', zwecks Einberufung einer ,verbesserten' Duma. Revolutionäre Aktionen', um die alten Zustände bei Aufrechterhaltung der Macht der herrschenden Klasse zu reformieren - das ist eine Sache, das ist der konstitutionelle Weg. Revolutionäre Aktionen', um mit den alten Zuständen aufzuräumen, um die herrschende Klasse zu stürzen - das ist etwas anderes, das ist der revolutionäre Weg, das ist der Weg des vollständigen Sieges der Revolution. Der Unterschied ist hier grundlegender Natur." (Stalin, „Noch einmal zur nationalen Frage", 1925, Werke Band 7, S.188/189, Hervorhebungenim Original)

• Lenin und Stalin behandelten die Frage des Terrors gegen Persönlichkeiten des Kapitals und der Reaktion nicht als eine „moralische" Frage, sondern als eine taktische Frage. Gerade in dieser Hinsicht erklärt Lenin in seinem Brief über politischen Mord angesichts des Attentats von Friedrich Adler auf den österreichischen Ministerpräsidenten Stürgkh im Jahre 1916,

„daß individuelle terroristische Attentate unzweckmäßige Mittel des politischen Kampfes sind (...) wir sind gar nicht gegen politischen Mord (...), aber als revolutionäre Taktik sind die individuellen Attentate unzweckmäßig und schädlich." (Lenin: „An Franz Koritschoner", 1916, Werke Band 35, S. 217.)

Was die Frage der moralischen Beurteilung betrifft, forderte Lenin, „in schärfster Weise das Lakaientum" der Opportunisten, ihre kriecherischen Distanzierungen zu geißeln und „Adlers Tat moralisch (zu) rechtfertigen" (Ebenda).

Allgemein stellt sich die Frage also nicht: für oder gegen Terror, sondern gegen individuelle, von den Massen losgelöste terroristische Attentate.

• Bei der Frage des bewaffneten Kampfes vor dem bewaffneten Aufstand in einem Land müssen zwei weitere Erfahrungen und Gesichtspunkte mit einbezogen werden:

Erstens sind wir der Meinung, daß die historische Situation des Nazifaschismus, insbesondere seit 1939 und seit dem Überfall auf die sozialistische Sowjetunion, es erfordert hätte, auch unabhängig von der Entwicklung einer Massenbewegung in Deutschland wirklich effektive militärische Schläge deutscher Kommunistinnen und Kommunisten gegen deutsche Wehrmachtseinrichtungen, gegen die reibungslose Vernichtungsmaschinerie der Nazi-Faschisten beim Völkermord an der jüdischen Bevölkerung und an den Sinti und Roma, durchzuführen.

Der Vorrang des proletarischen Internationalismus, die wirkliche Massenbewegung in den besetzten Ländern Europas, hätten hier die politische und moralische Notwendigkeit deutlich machen müssen.

Zweitens: Im Zusammenhang etwa mit dem Vietnamkrieg waren all diejenigen militärischen Aktionen in den imperialistischen Ländern, die sich direkt gegen amerikanische Militäreinrichtungen gerichtet haben, wirkliche Sabotage waren, durchaus begründbar und im Zusammenhang mit beginnenden Massenbewegungen in diesen Ländern richtig.

Nichtsdestotrotz bleibt, daß alle Konzepte, die symbolisch und losgelöst von der wirklichen Massenbewegung Stellvertreterkriege führen, in der Tradition des wissenschaftlichen Kommunismus als individueller Terror bezeichnet werden.

• Woran Lenin aber niemals Zweifel ließ, war sein entschiedenes Eintreten für den Terror der Massen gegen ihre Unterdrücker, für den roten proletarischen Terror:

„Leute aber, die es fertigbrächten, den Terror der Großen Französischen Revolution oder überhaupt den Terror einer siegreichen und von der Bourgeoisie der ganzen Welt bedrängten revolutionären Partei prinzipiell' zu verurteilen, solche Leute hat bereits Plechanow in den Jahren 1900-1903, als er Marxist und Revolutionär war, dem Spott und der Verachtung preisgegeben." (Lenin: „Der ,linke Radikalismus', die Kinderkrankheit im Kommunismus", 1920,Werke Band 31, S. 18.)

• In einem Brief an Sinowjew im Jahre 1918, als dieser noch ein Revolutionär war, protestierte Lenin entschieden gegen die Hemmung der Initiative der Massen zum Massenterror:

„Erst heute haben wir im ZK gehört, daß die Arbeiter in Petrograd die Ermordung Wolodarskis[441] mit dem Massenterror beantworten wollten und daß man (...) sie zurückgehalten hat.

Ich protestiere entschieden!

Wir kompromittieren uns: wir drohen sogar in den Resolutionen des Deputiertensowjets mit dem Massenterror, wenn es aber soweit ist, hemmen wir die revolutionäre Initiative der Massen, die völlig berechtigt ist Das ist un-mög-lich!" (Lenin: „An G.J. Sinowjew", 26. Juni 1918, Werke Band 35, S. 313, Hervorhebungenim Original.)

Und Lenin stellt verallgemeinernd fest:

„In den Ländern, die eine unerhörte Krise, eine Auflösung der alten Beziehungen, eine Verschärfung des Klassenkampfes nach dem imperialistischen Krieg 1914—1918 durchmachen — und dasgilt für alle Länder der Welt -, ist es entgegen den Heuchlern und Phrasenhelden unmöglich, ohne Terror auszukommen. Entweder der weißgardistische, bürgerliche Terror auf amerikanische, englische (Irland), italienische (die Faschisten), deutsche, ungarische oder sonstige Manier oder der rote, proletarische Terror. Ein Mittelding gibt es nicht, ein ,Drittes' gibt es nicht und kann es nicht geben." (Lenin: „Über die Naturalsteuer", 1921, Werke Band 32, S. 370)

Roter proletarischer Massenterror gegen die Konterrevolution - das ist es also, was die Kommunisten gegen die Anhänger des individuellen Terrors propagieren müssen.

 

* * *

 

Fassen wir davon ausgehend die Haltung der Kommunistischen Partei zur Frage des „individuellen Terrors" zusammen:

Die Kommunistische Partei behandelt die Frage der Attentate gegen Vertreter des Kapitals und der Reaktion nicht als moralische Frage, sondern als taktische Frage. Die kriecherischen Distanzierungen der Opportunisten nach jedem solchen Anschlag müssen entlarvt und gebrandmarkt werden. Die Kommunistische Partei lehnt den individuellen Terror als Taktik ab, verdammt deshalb aber noch lange nicht die Anwendung des Terrors insgesamt.

Sie stellt sich die Frage nach der Verbindung zwischen der Anwendung des Terrors mit der revolutionären Massenbewegung und erzieht die Arbeiterinnen und Arbeiter und anderen ausgebeuteten Massen zur Anwendung revolutionären Massenterrors gegen ihre Unterdrücker und Ausbeuter.

Die Kommunistische Partei lehnt daher solche Formen der Gewaltanwendung wie Attentate, Bankraub usw. keineswegs unbedingt ab. Was sie entschieden ablehnt, sind Aktionen des individuellen Terrors losgelöst von den Kämpfen der Arbeiterinnen und Arbeiter und der anderen werktätigen Massen, anstelle dieser Kämpfe oder sogar gegen sie - unabhängig davon, ob diejenigen, die diese Aktionen durchführen, die besten Absichten haben.

Nur im direkten Zusammenhang mit breiten, revolutionären Aktionen der Massen und als eine ihrer unmittelbaren Erscheinungsformen können solche Formen der Gewaltanwendung wie Akte des Terrors einzelner Revolutionäre auch mobilisierend sein.

Die Anhänger des „Stadtguerilla"-Konzepts beschwören zwar mitunter, daß sie Arbeit unter den Massen nicht ablehnen würden und berufen sich sogar auf Marx und Lenin. Ihre ganze Linie läuft aber auf den Ersatz der Massenarbeit durch den individuellen Terror hinaus. Den Großteil ihrer Kraft stecken sie in die Planung und Durchführung ihrer Aktionen, anstatt die Arbeiterinnen und Arbeiter bewußtzumachen und zu organisieren. Die Anhänger des individuellen Terrors als Konzept sprengen den Rahmen der revisionistischen Ideologie und der reformistischen Politik in Wirklichkeit nicht:

Den prinzipiellen theoretischen Kampf zur Verteidigung des wissenschaftlichen Kommunismus gegen den modernen Revisionismus lehnen sie als unnütz und „Dogmatismus" ab.

Den ideologischen Kampf gegen alle Erscheinungsformen der bürgerlichen Ideologie und Politik in der Arbeiterklasse führen sie erklärtermaßen oder faktisch nicht.

Vor der eigentlichen Aufgabe, die revolutionäre Arbeit mit der Arbeiterbewegung zu einem Ganzen zu verbinden, kapitulieren sie.

Angesichts dessen ist es auch unvermeidlich, daß die Gruppen, welche ein solches Konzept verfolgen, immer weiter im Sog des modernen Revisionismus versunken und teilweise ganz offen reformistisch geworden sind, zumal sie großteils jeglicher prinzipiellen revolutionären Auseinandersetzung und Kritik an ihrer falschen Linie und Politik ablehnend gegenüberstehen.

Was Lenin vor über 90 Jahren in seiner grundlegenden Schrift „Was tun?" als Aufgabe formuliert hat, nämlich alle Kräfte auf den Aufbau einer wirklichen, professionell organisierten Kommunistischen Partei der Arbeiterklasse zu konzentrieren, die das Klassenbewußtsein in die Arbeiterklasse hineinträgt und sich durch nichts, auch nicht durch die Faszination des „Bombenzündens" davon ablenken läßt, das gilt heute nach wie vor. Denn nur eine Kommunistische Partei ist in der Lage, allseitig den Massenkampf der Arbeiterinnen und Arbeiter und ihrer Verbündeten zu leiten, den bewaffneten Aufstand der Arbeiterinnen und Arbeiter für die Errichtung der revolutionären Diktatur des Proletariats vorzubereiten und durchzuführen. zurück

 

5. Über die Linie der KP Indonesiens im Kampf gegen die konterrevolutionäre Theorie des „friedlichen Wegs" – Zu zwei Lehren, die die KP Indonesiens aus der Geschichte der Revolution von 1945 und aus den konterrevolutionären Ereignissen von 1965 in Indonesien für die Frage des Weges der Revolution gezogen hat

 

Die KP Indonesiens erlitt 1965 eine katastrophale Niederlage. Die Konterrevolution schlachtete Hunderttausende Kommunistinnen und Kommunisten, fortschrittliche, antiimperialistische Menschen hin. Die KP Indonesiens unterzog daraufhin ihre Linie, welche die „Vorbereitung auf zweiWege", nämlich auf den friedlichen und den nichtfriedlichen Weg der Revolution enthielt, einer selbstkritischen Analyse.

 

a) Das grundlegende Problem einer jeden Revolution ist die Frage der Staatsmacht

 

Ein Bereich der Selbstkritik der KP Indonesiens betraf die gescheiterte August-Revolution von 1945, deren Aufgaben immer noch zur Lösung anstanden. Die indonesischen Genossen stellten fest:

„Die Vorbedingung für die Verwirklichung der Aufgabe der 45er Revolution hätte die Zerschmetterung der gesamten kolonialenStaatsmaschinerie und die Errichtung eines völlig neuen Staates, nämlich der gemeinsam von allen antiimperialistischen und antifeudalen Klassen unter Führung der Arbeiterklasse getragenen volksdemokratischen Diktatur, und nicht die bloße Inbesitznahme der Staatsmacht vom ausländischen Imperialismus sein müssen. (...) Da die 45er Revolution nicht unter Führung des Proletariats stand, blieb die obengenannte Vorbedingung unerfüllt. Die koloniale Staatsmaschinerie wurdenicht völlig zertrümmert. Die dann errichtete indonesische Republik ist keine volksdemokratische Diktatur, sondern eine bürgerliche Republik."[442]

Und weiterhin stellt die KP Indonesiens fest:

„Die Teilnahme der Kommunisten an den Regierungsgeschäften, ja, selbst als das Kabinett von einem Kommunisten geführt wurde, war die indonesische Republik ihrer Natur nach kein volksdemokratischer Staat, da die Apparate der kolonialen Bürokratie nicht vollständig zertrümmert und durch völlig neue im Dienst der Revolution geschaffene Organe ersetzt worden waren."[443]

Eine zentrale Lehre ist, daß die indonesische Revolution von 1945 keine volksdemokratische Macht errichten konnte, da der alte Staatsapparat nichtvollständig und restlos zertrümmert worden war.

 

b) Selbstkritik zur Frage des „friedlichen Wegs"

 

In ihrer Selbstkritik deckt die KP Indonesiens einen weiteren grundlegenden Fehler ihrer Linie auf: die Haltung zur gewaltsamen Revolution und zum „friedlichen Weg":

„Die Erfahrungen der vergangenen 15 Jahre haben uns gelehrt, daß die PKI die parlamentarische und andere Formen des legalen Kampfes schrittweise zur Hauptkampfform der indonesischen Revolution erkoren haben. Dies geschah, weil die Partei es unterließ, den ‚friedlichenWeg' ein für allemal zurückzuweisen und das allgemeine Gesetz der Revolution in kolonialen oder halbkolonialen, halbfeudalen Ländern hochzuhalten. Die Parteiführung vertrat indes die Ansicht, daß die parlamentarischen und anderen legalen Kampfformen die Hauptkampfform zur Erlangung des strategischen Ziels der indonesischen Revolution sind."[444]

„Um zu zeigen, daß der Weg, der beschriften werden sollte, nicht der opportunistische ,friedliche Weg' war, sprach die Parteiführung unablässig von den zwei Möglichkeiten — nämlich von der Möglichkeit des friedlichen' und des nichtfriedlichen Weges. Sie setzte hinzu, daß es für die Partei besser sei, sich auf die Möglichkeit des nichtfriedlichen Weges einzurichten, um so der Möglichkeit des /riedlichen Weges'näherzukommen. Derartige Erklärungen enthüllten die Zweideutigkeit betreffs des Weges, den die Partei einschlagen sollte. Dadurch setzte sich in den Hirnen der Parteimitglieder, der Arbeiterklasse und der werktätigen Massen die Hoffnung auf einen friedlichen Weg' fest, der in Wirklichkeit gar nicht existierte. Die Parteiführung richtete die Partei, das Proletariat und die werktätigen Massen in keinster Weise auf die Möglichkeit des nichtfriedlichen Weges aus. Den schlagendsten Beweis dafür lieferte die Tragödie nach dem Ausbruch und dem Scheitern der ,Bewegung vom 30. September'. Innerhalb einer kurzen Zeitspanne gelang es der Konterrevolution, Hunderttausende von Kommunisten und nichtkommunistischen Revolutionären umzubringen und zu inhaftieren. Die Partei befand sich in einer passiven Position, ihre revolutionären Massenorganisationen waren gelähmt. Eine solche Lage hätte niemals entstehen können, wenn die Parteiführung nicht vom revolutionären Weg abgewichen wäre."[445]

Die revisionistische Vorstellung des „friedlichen Weges" fand, wie die KP Indonesiens feststellte, ihren Ausdruck auch im Programm der Partei:

„(Es) hieß in diesem Programm, daß der friedliche oder parlamentarische Weg - ,eine Möglichkeit ist, für die wir uns ausdauernd einsetzen müssen, um ihn zur Wirklichkeit werden zu lassen' ."[446]

Die KP Indonesiens kommt zu der Schlußfolgerung „daß der einzige Weg zur Befreiung des indonesischen Volkes die bewaffnete Revolution ist."[447]

Damit trat die KP Indonesiens als erste Partei öffentlich gegen die damals vorherrschende revisionistische Theorie von den „zwei Wegen" auf und kritisierte, wenn auch nicht namentlich, die Positionen der „Polemik" bzw. des „Vorschlags" zur Generallinie in dieser Frage. zurück

 

6. Über die Linie der RKP Chiles im Kampf gegen die konterrevolutionäre Theorie des „friedlichen Wegs" 1973

 

Die konterrevolutionären Ereignisse in Chile 1973 sind ein anschauliches Beispiel dafür, zu welcher Katastrophe es führt, wenn die werktätigen Massen durch die Illusion vom „friedlichen Weg" irregeführt werden, so daß ihr revolutionärer Geist geschwächt wird, sie den drohenden Gefahren unvorbereitet gegenüberstehen und ihre Fähigkeiten und Möglichkeiten verlieren, den konterrevolutionären Plänen und Aktionen der Bourgeoisie entscheidende revolutionäre Handlungen entgegenzusetzen.

Die Illusion des „friedlichen Weges" war auch in Chile ein Mittel der modernen Revisionisten, um die Massen vom revolutionären Befreiungskampf abzuhalten. Die modernen Revisionisten der „KP Chiles", die maßgeblich an der „Unidad Populär" beteiligt waren, schürten Illusionen über den Charakter des bestehenden Gewaltapparates der herrschenden Klassen und entwaffneten die Arbeiter nicht nur ideologisch, sondern auch real.

So schreibt die revisionistische „KP Chiles":

„Der revolutionäre Prozeß vollzieht sich in Chile unter Aufrechterhaltung der Streitkräfte, die als eine professionelle Einrichtung wirken,welche sich nicht an politischen Streitigkeiten beteiligt und sichder legitimen zivilen Macht unterordnet. Zwischen den Streitkräftenund der Arbeiterklasse bestehen feste Bande der Zusammenarbeit undder gegenseitigen Achtung. (...) In dem Maße, in dem wir uns desStaatsapparates bemächtigen werden, werden wir an seine Umgestaltung (…) gehen."[448]

Die modernen Revisionisten propagierten, daß die Staatsmacht, und mit ihr deren Hauptkomponente, die Streitkräfte,über den Klassen stünden und nicht die Aufgabe hätten, die Arbeiterklasse zu unterdrücken. Sie propagierten, daß diese Streitmacht nach und nach „umgestaltet" werden könne.

Gegen diese der Revolution feindlichen Standpunkte kämpfte die RKP Chiles. Als Lehre aus dem faschistischen Putschversuch, der drei Monate vor der faschistischen Machtergreifung durch Pinochet stattfand, trat die RKP Chiles gegen die Illusion des „friedlichen Weges" der modernen Revisionisten auf und verfocht die gewaltsame Zerschlagung der Streitkräfte der herrschenden Klassen:

„Die wirkliche Macht des Volkes wird erst dann bestehen, wenn sie den Händen der Reaktionäre entrissen sein wird; dabei müssen die Streitkräfte, die diese verteidigen, zerschlagen werden. Die Behauptung, daß die Macht des Volkes Wirklichkeit würde, indem sie sich als solche proklamiert, ist entweder eine abenteuerliche Politik, die die Massen dahin bringen wird, eine schwere Niederlage durch die gut ausgerüsteten und trainierten repressiven Streitkräfte zu erleiden, oder es ist nur ein Bluff, der zum Ziel hat, Zugeständnisse zu erhalten, und die bestehende Regierung als Ausdruck der Volksmacht hinzustellen. (...) Eine revolutionäre Linie verfolgen, erfordert, die Illusionen zurückzuweisen, die Volksmacht konnte sich ohne wirkungsvolle Armee wie ein ,Keim' oder eine ,Pflanze' im Schöße der bürgerlichen Macht entfalten, und, daß diese aus ihren Machtpositionen weichen und nach und nach friedlich zurückgedrängt würde, ohne zerschlagen werden zu müssen. Die Idee, die Macht des Volkes allmählich zu entwickeln, ist nur eine Version des Reformismus. (...)

Man kann und muß die Kampforgane ernsthaft auf die Machtübernahme vorbereiten und bewaffnen und sie in dem Bewußtsein halten, daß sie die Macht noch nicht besitzen, daß sie sie nur im Kampf erobern können".[449]

Daß die RKP Chiles aufgrund der Kräfteverhältnisse einen Sieg des faschistischen Putsches nicht verhindern konnte, ändert nichts daran, daß sie in bezug auf die Erziehung der Massen gegen die revisionistischen Illusionen eine richtige Haltung hatte.[450] zurück

weiter