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Anhang zum Teil A

Über das Verhältnis von Theorie und Praxis

Über das Verhältnis von Theorie und Praxis

a) Ist für einen Marxisten nicht immer die Praxis primär?

b) Die Bedeutung der eigenen Erfahrung der Massen einerseits und die Bedeutung der revolutionären Theorie für die kommunistische Vorhutpartei andererseits

c) Die theoretische Arbeit zur Festlegung der Linie der Revolution im eigenen Land

 

Lenin hat in seiner Schrift „Materialismus und Empiriokritizismus" gegen die faule Berufung auf „neue Bedingungen" und „neue Erfahrungen", gegen jede faule Verabsolutierung der eigenen Praxis, klar herausgearbeitet:

Die Theorie von Karl Marx wurde nicht von Marx „erfunden" und dann zu beweisen versucht. Am Anfang standen nicht „Prinzipien", die dann der Praxis, der Geschichte und der Gesellschaft übergestülpt wurden, sondern bei der Herausarbeitung der Theorie von Marx war in der Tat die genauekonkrete Analyse der geschichtlichen und gegenwärtigen Praxisder Ausgangspunkt.

Das ist eine Frage, die Frage nach der Entstehung der Theorie von Marx!

Eine ganz andere Frage aber ist nun heute, nachdem die Theorie von Marx existiert (die aus der Praxis stammt und sich in der Praxis bestätigthat), ob man von den Ergebnissen der theoretischen Arbeit Marx' ausgehenddie nötigen weiteren konkreten Analysen vornimmt, ob man auf dem Weg der Marxschen Theorie geht oder unter dem Vorwand: Marx ging jaauch von der Praxis aus, die Resultate der theoretischen Arbeit von Marxnegiert, als „veraltet" erklärt, über Bord wirft und ohne die Theorie vonMarx somit den Weg der Konfusion, den Weg des Revisionismus einschlägt. [401]

Die Analyse verschiedener Schriften von Lenin und Stalin zeigte uns, daß auch und gerade in Schriften, in denen Lenin sehr genau „konkrete Analysen" durchführte, er dennoch stets die Theorie des Marxismus alserstes umfassend verteidigte und ausgehend von dieser Theorie die Linie der Revolution konkret festlegte. Gegen diese Darlegung einer ganz bestimmten Frage - nämlich des Stellenwerts der kommunistischen Theorie bei der Festlegung der Generallinie - wird von den genannten Kritikern so argumentiert, daß die ursprünglicheFrage, um die es geht, beiseite geschoben und ganz allgemein gefragt wird: zurück

 

a) Ist für einen Marxisten nicht immer die Praxis primär?

 

Unserer Ansicht nach ist eine solche Frage viel zu allgemein gestellt. Sie kann nicht einfach ohne Einschränkung mit Ja" beantwortet werden und natürlich auch auf gar keinen Fall einfach mit „nein".

Es ist nötig zu differenzieren, diese Frage ist zu untergliedern und zu fragen:

In welchem Sinne und in welcher Beziehung ist die Praxis primär, in welchem Sinne und in welcher Beziehung jedoch ist sie nicht der Ausgangspunkt.

Um diese Differenzierung genauer durchführen zu können, muß zunächst klargestellt werden, daß wohl kaum ein Begriff so viele verschiedene Bedeutungen hat wie der Begriff „Praxis". Viele Debatten über die Frage des Verhältnisses von Theorie und Praxis sind völlig nutzlos und die Kontrahenten reden völlig aneinander vorbei, weil jeder unter „Praxis" etwas ganz anderes versteht.

In den grundlegenden ideologischen Kämpfen zwischen Idealismus und Materialismus steht der Begriff „Praxis" den Begriffen „Theorie", „Idee" gegenüber. Der dialektische Materialismus stellt grundsätzlich klar, daß zuerst die Materie, das Sein, die Praxis der Menschen war, und hiervon abgeleitet die Ideen und das Denken der Menschen, die Theorie entstanden ist. Die marxistische Theorie ist zum ersten Mal auf philosophischem und gesellschaftlichem Gebiet eine weitgehende im Kern richtige Widerspiegelung der Praxis.

In diesem allgemeinen und grundsätzlichen Sinne steht außer Frage, daß die Praxis primär und die Theorie sekundär ist. Auch in einer speziellen Frage des dialektischen Materialismus, der Frage nach dem KriteriumderWahrheit, steht das Kriterium der Praxis als Probe auf die Richtigkeit der Ideen und der Theorien der Menschen an erster Stelle.[402]

Für die Theorie des wissenschaftlichen Kommunismus ist wesentlich, daß sie „die Erfahrung der Arbeiterbewegung aller Länder in ihrer allgemeinen Form genommen" [403] ist.

Stalin zeigt hier, daß die revolutionäre Theorie aus der revolutionären Praxis stammt, doch weder aus der revolutionären Praxis eines Landes noch aus der revolutionären Praxis eines gegebenen Augenblicks.

Die revolutionäre Theorie des wissenschaftlichen Kommunismus ist die Zusammenfassung der revolutionären geschichtlichen und internationalenPraxis der Arbeiterbewegung.

Kurz, hier in diesem Zusammenhang ist von der revolutionären Praxis im großen Umfang die Rede. Davon muß wiederum unterschieden werden der engere Begriff der „revolutionären Praxis", der oft verwendet wird, wenn es darum geht, die revolutionäre Theorie im eigenen Land und im gegebenen Moment anzuwenden.

Dieser Praxisbegriff ist naturgemäß viel enger, umfaßt nur die Praxis eines bestimmten Landes oder des gegebenen Moments.

Auch eine andere Unterscheidung erscheint uns als sehr wichtig. Die revolutionäre Praxis der Massen ist etwas ganz anderes und viel umfassenderes alsdie Praxis der Revolutionäre und Kommunisten. „Aus der Praxislernen" heißt in diesem Zusammenhang bei Marx, Engels, Lenin undStalin, gerade aus der Praxis der revolutionären Massenbewegung zu lernen.

Und nicht zuletzt sei darauf verwiesen, daß eine revolutionäre Praxis von der „Praxis der einfachen Tageskämpfe" unterschieden werden muß, eine Unterscheidung, die oft genug von Ökonomisten und Opportunisten unterschlagen wird, die die „Praxis" beschwören, um der Revolution abzuschwören!

Diese Unterscheidungen zeigen schon, daß sehr genau geprüft werden muß, was jemand eigentlich mit dem Begriff „Praxis" meint, wenn er proklamiert, daß die „Praxis" immer primär sei. Lenin hob in seiner Schrift „Was sind die Volksfreunde..." hervor, daß die Praxis insofern stets primär ist, als die Theorie Antwort auf die Fragen der Arbeiter geben, der Praxis des Parteiaufbaus und der Praxis der revolutionären Massenbewegung überhaupt dienen muß. In diesem Sinne ist unserer Meinung nach ohne Frage die Theorie stets sekundär und dienend. zurück

 

b) Die Bedeutung der eigenen Erfahrung der Massen einerseits und die Bedeutung der revolutionären Theorie für die kommunistische Vorhutpartei andererseits

 

Unserer Meinung nach gibt es noch eine weitere Frage, in der eindeutig feststeht, daß die revolutionäre Praxis primär ist, nämlich bei der Erziehung der Arbeiterklasse und der anderen werktätigen Massen zur Durchführung der Revolution. Es ist eben ein grundlegendes taktisches Prinzip des wissenschaftlichen Kommunismus, daß die Massen von der Kommunistischen Partei nur anhand ihrer eigenen Erfahrungen den Antagonismus zwischen Konterrevolution und revolutionären Kräften verstehen lernen können, daß sie nur durch den eigenen revolutionären Kampf die Linie der Kommunistischen Partei als richtig erkennen können und nur anhand dieser Erfahrung die Führung der Kommunistischen Partei anerkennen werden.

Natürlich muß die Kommunistische Partei diese eigene Erfahrung mit ihrer Propaganda und Agitation, mit ihrer Organisierung der Massen richtig verbinden, natürlich ist sowohl die „eigene Erfahrung" als auch das „Hineintragen des sozialistischen Bewußtseins von außen" nötig. Betrachtet man die Fragestellung von der Seite der Aufgabe der Kommunistischen Partei her, ist sogar das Hineintragen der revolutionären Theorie primär, um die Massen wirklich erziehen und organisieren zu können.

Aber unter dem Gesichtspunkt, wann und wie die Kommunistische Partei ihre Linie wirklich in die revolutionäre Massenbewegung hineintragen kann, muß hervorgehoben werden, daß als Antwort auf diese Frage primär die eigene revolutionäre Kampfpraxis der Massen ist.

Anders steht dagegen die Frage für die Vorhut der Arbeiterklasse, für die selbstverständlich die revolutionäre Erfahrung im eigenen Kampf sehr wichtig und ein zentrales Mittel der Erziehung der Kader anhand der eigenenFehler, wesentlich für Kritik und Selbstkritik ist. Aber die theoretische und selbstkritische Auswertung der eigenen Praxis kann immer nur hinterher erfolgen. Die Kommunistische Partei hat aber nicht nur die Aufgabe, die eigene Erfahrung und die Erfahrungen der Massenbewegung im eigenen Land auszuwerten, sondern sie hat vor allem die Aufgabe, dieseKämpfe als Vorhut zu führen! Gerade gegen alle Nachtrabthesen ist es zentral zu verstehen, daß die Kommunistische Partei nur durch die revolutionäreTheorie des wissenschaftlichen Kommunismus in der Lage sein kann, die Gesetzmäßigkeiten und den grundlegenden Verlauf der Revolution und der revolutionären Praxis vorherzusehen, um die revolutionären Massen darauf vorzubereiten.

Diese revolutionäre Theorie stammt zwar auch aus der Praxis, aber nicht in der Hauptsache aus der eigenen Praxis der betreffenden Partei, sondern in erster Linie aus der vergangenen revolutionären Praxis der internationalen Arbeiterbewegung.

Insofern und in diesem Sinne ist die Theorie, sind die Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus der Ausgangspunkt bei der Erfüllung der Vorhutrolle und der Erarbeitung der korrekten Linie. zurück

 

c) Die theoretische Arbeit zur Festlegung der Linie der Revolution im eigenen Land

 

Kommen wir nun zu der Frage, die gerade zu Beginn des Aufbaus der Kommunistischen Partei von überragender Bedeutung ist, nämlich die Frage der Herausarbeitung des Programms und der Strategie der Revolution im eigenen Land, die Festlegung der Linie der Revolution im eigenen Arbeitsbereich der jeweiligen Partei.

Auch hier gilt unserer Meinung nach, ebenso wie bei der Festlegung einer internationalen Generallinie durch die Kommunistischen Parteien aller Länder, daß nicht an erster Stelle die „konkrete Analyse" der gesellschaftlichen Praxis und der Realität im eigenen Land stehen kann. Was an dieser Realität und Praxis ist wichtig und wesentlich, was ist nebensächlich? Wie soll sich die Kommunistische Partei in der unendlichen Vielfalt von Erscheinungen und Ereignissen, Zahlen und Statistiken zurechtfinden? Wo ist der Leitfaden, der den inneren Zusammenhang, die Entwicklung der Dinge, ihre Gesetzmäßigkeiten aufzeigt, Wesentliches vom Unwesentlichen trennt? Der Leitfaden ist ohne Zweifel nicht nur die Methode des wissenschaftlichen Kommunismus, sondern sind gerade auch die bisher aus der vergangenen Praxis aller Länder und der Geschichte hervorgegangenen theoretischen Resultate der Arbeit von Marx, Engels, Lenin und Stalin, die Theorie des wissenschaftlichen Kommunismus. Sie und nur sie gibt der Kommunistischen Partei auch bei der großen und schweren Aufgabe der theoretischen Arbeit an der Linie der eigenen Revolution die nötige Orientierung und Sicherheit. Hier heißt es also auch ganz unmißverständlich, daß die Theorie des wissenschaftlichen Kommunismus in diesem Sinne an erster Stelle vor den konkreten Untersuchungen steht und beherrscht werden muß, um die konkreten Untersuchungen selbst erfolgreich vornehmen können.

Es sei nur am Rande bemerkt, daß selbstverständlich die Erarbeitung einer internationalen Generallinie und der Einheit der kommunistischen Weltbewegung der notwendige und vorrangige Rahmen ist, um wirklich die Revolution im eigenen Land der proletarischen Weltrevolution unterzuordnen und Schulter an Schulter mit dem internationalen Proletariat marschieren zu können. Wir betonen das abschließend, da „Ausgehen von der Praxis" nicht selten einfach Ausdruck des Nationalismus ist, der die Praxis im eigenen Land als das wichtigste, sogar wichtiger als die Praxis der proletarischen Weltrevolution insgesamt ansieht. zurück

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