zurück zur Literatur über Deutschland Sechster Parteitag der SED, Januar 1963:Eine Lanze für Tito
Fünf Dokumente aus den sechziger Jahren zu Fragen des Revisionismus, vorgestellt von G.
1. Aus dem Rechenschaftsbericht von Walter Ulbricht auf dem 6. Parteitag der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, 15. - 21. Januar 1963. Ulbricht kritisiert die albanische Führung unter Enver Hoxha, die an den stalinschen Prinzipien für den Aufbau des Sozialismus festhält und die Politik 'der friedlichen Koexistenz' mit dem Imperialismus ablehnt und verteidigt Nikita Chruschtschow:
" ... Sie (gemeint die albanischen Führer) verletzen mit ihren unqualifizierten Angriffen gegen die von der Sowjetunion im Interesse des Weltfriedens konsequent verfolgte Politik der friedlichen Koexistenz die in der Erklärung der Beratung der kommunistischen und Arbeiterparteien enthaltenen grundsätzlichen Festlegungen und fügen unserer gemeinsamen Sache Schaden zu. Offensichtlich hat die Führung der albanischen Partei keinerlei Verständnis für die Gemeinschaft des sozialistischen Lagers und für die Politik der friedlichen Koexistenz. Einer der albanischen Führer sagte kürzlich: 'Der Wolf erkennt den Hirten an der Stimme, ob er tapfer oder feige ist.' Der betreffende albanische Führer glaubt im Ernst, dass man den imperialistischen Wolf nur aus voller Kehle anzuschreien braucht, dann nimmt der 'Wolf reißaus'. Also phrasenhaftes Geschrei soll eine ernste Politik der friedlichen Koexistenz und angestrengte Arbeit zur Stärkung der Wirtschaft ersetzen. Was muss doch dieses tüchtige albanische Volk alles an leerem Geschwätz über sich ergehen lassen. Mit marktschreierischen Reden und Geschimpfe ist die Weltlage nicht zu beeinflussen.
Die Bevölkerung der Deutschen Demokratischen Republik hat Verständnis dafür, dass wir uns mit solchem verantwortungslosen Geschwätz nicht näher befassen. Es ist inzwischen durch das Verhalten der albanischen Führer zur Genüge bewiesen, dass sie nicht nur e n g s t i r n i g e S e k t i e r e r s i n d, s o n d e r n G e g n e r d e s M a r x i s m u s. ...
Wodurch unterscheiden sich also die Dogmatiker von den Leninisten? Die Dogmatiker sind Spezialisten im Phrasendreschen. Die Leninisten hingegen bewältigen die wesentlich schwierigere Aufgabe, im friedlichen Wettbewerb die eigenen Kräfte - politisch und ökonomisch - so zu stärken, dass die Übelegenheit über den Kapitalismus von Jahr zu Jahr wächst. ...
Ich möchte im Auftrag des Zentralkomitees ausdrücklich erklären: Das Präsidium des ZK der KPdSU unter Führung des Genossen Chruschtschow hat nicht nur die marxistisch-leninistische Lehre schöpferisch weiterentwickelt, sondern gleichzeitig große Anstrengungen unternommen, um die Einheit der brüderlichen kommunistischen und Arbeiterparteien zu festigen ... Wir weisen die verleumderischen Angriffe der Sektierer und Dogmatiker (gemeint die albanische Führung um Enver Hoxha - G.) gegen die kommunistische Partei der Sowjetunion und insbesondere gegen Genossen Chruschtschow persönlich sowie gegen die anderen kommunistischen Parteien entschieden zurück. (Beifall.) ..." (Aus dem Protokoll des 6. Parteitags der SED, Dietz-Verlag, Berlin 1963, S. 64ff).
2. Aus der Rede Enver Hoxhas auf der Konferenz der kommunistischen und Arbeiterparteien, Bukarest, 16. November 1960: Hoxha kritisiert die Chruschtschowianer und weist die Vorwürfe gegen seine Partei, die PAA, zurück. Er verurteilt auch die Anti-Stalin-Kampagne dieser Kräfte, die gegen den Sozialismus gerichtet sei:
"Natürlich sind wir gegen eine solche Art von 'Koexistenz', der zuliebe wir Albaner dem Sophokles Venizelos (der bürgerlichen griechischen Regierung - G.) territoriale und politische Konzessionen machen müssten. Nein - die Zeit, in der die albanischen Gebiete ein Handelsobjekt waren, ist für immer vorbei. Wir sind auch gegen eine Art von 'Koexistenz' mit dem jugoslawischen Staat, welcher als Bedingung der Verzicht auf den ideologischen und politischen Kampf gegen die jugoslawischen Revisionisten, diese Agenten des internationalen Imperialismus, diese Verräter des Marxismus-Leninismus, zugrundeliegt. Wir sind gegen eine Art von 'Koexistenz' mit den Engländern oder Amerikanern, der zuliebe wir die alten politischen, diplomatischen und Handelskonzessionen, welche ihnen das Regime des Königs Zogu verliehen hatte, wieder anerkennen müssten ... Einige Führer von Bruderparteien bezeichneten uns als 'Neutralisten', einige beschuldigten uns, dass wir 'von der richtigen marxistisch-leninistischen Linie abgewichen' seien; diese Führer gingen sogar so weit, uns innerhalb ihrer Parteien anzuschwärzen. Wir verwerfen diese Anklagen mit Verachtung, weil sie schändliche Verleumdungen sind, die mit der kommunistischen Moral unvereinbar sind.
Wir fragen jene, welche diese sträflichen Handlungen gegen die PAA (Partei der Arbeit Albaniens - G.) ins Werk setzten: Hat eine Partei das Recht, ihre Meinung offen zu sagen oder nicht? Welche Meinung äußerte die PAA auf der Bukarester Beratung? Wir drückten unsere Treue zum Marxismus-Leninismus aus und sie wird bestätigt durch das ganze Leben und den Kampf der PAA. Wir bekundeten unsere Treue zu den Grundsätzen der Moskauer Deklaration und zum Friedensmanifest vom Jahre 1957, und sie wird bewiesen durch die von der PAA konsequent verfolgte Linie. Wir erklärten unsere Treue und Bereitschaft zum Schutz der Einheit des sozialistischen Lagers ..." (Enver Hoxha, 'Lasst uns die revisionistischen Thesen des 20. Parteitags der Kommunistischen Partei der Sowjetunion und die antimarxistischen Ansichten der Chruschtschowgruppe verwerfen! Lasst uns den Marxismus-Leninismus verteidigen!', Tirana 1971, S. 41, S. 54).
3. Enver Hoxha 1966 über den chruschtschowschen Verrat:
"Die auf dem 20. und 22. Parteitag formulierte und festgeschriebene chruschtschowsche Linie ... ist an allen Fronten vollständig gescheitert. Die beharrliche und sture Verfolgung der Politik des Verrats am Marxismus-Leninismus, an der Revolution und am Sozialismus brachte die Chruschtschow-Revisionisten in ernste Schwierigkeiten und Widersprüche und verursachte ihnen Niederlagen, die dauernd sich vermehren und komplizierter werden. Die Lage der sowjetischen Werktätigen hat sich verschlechtert, das Land ist von einem pessimistischen und defaitistischen Geist ergriffen worden und das Prestige und die internationale Autorität der Sowjetunion sind gesunken.
Seit dem 20. Parteitag der KP der Sowjetunion, als N. Chruschtschow seine zerrissene Fahne des Revisionismus entfaltete, sind nur 10 Jahre vergangen. Aber wieviel große Schläge musste das Sowjetvolk während dieser Zeitspanne hinnehmen? Welche Peripetien (dramatische Wendungen - G.) musste es überwinden? Wie tief wurde sein Gewissen verletzt? Seine Führer versprachen ihm auf den Kongressen und Plenen das kommunistische Paradies auf Erden, während sie es tatsächlich in die chruschtschowsche Hölle führten. Auf Kosten des Sowjetvolkes wurden Reformen, Organisierungen und Umorganisierungen, Korrekturen und Wendungen ausprobiert, welche eine fürchterliche Desorganisation und Konfusion zur Folge hatten. Wie oft wurde ihm nicht versprochen, dass, dank der 'Maßnahmen' der Führung und der 'wissenschaftlichen Analyse' der Lage, dem 'leninschen Geist', den sie in die Partei und in die Regierung eingeführt hätten, der 'Korrektur der Fehler', dem 'leninschen Arbeitsstil' usw., wenn nicht in diesem, so doch im nächsten Jahre sich die Lage der sowjetischen Werktätigen gründlich bessern und Überfluss herrschen, die Menschen mit goldenen Löffeln essen und die revisionistischen Führer sich auf den Lorbeeren ihrer Erfolge ausruhen würden! Aber das tägliche Leben des Volkes kann man nicht mit Worten regeln, kann nicht mit Hilfe von Illusionen und Lügen aufrecht erhalten werden. Die Wirklichkeit, die konkreten Tatsachen brachten sehr rasch die gesamte Demagogie, Falschheit und den Scharlatanismus jener Leute ans Tageslicht, die auf eine teuflische, putschistische Art und Weise und mit Hilfe von Intrigen und Komplotten die Partei und Staatsführung der Sowjetunion ansichrissen. Die von ihnen angewandten, pragmatischen und opportunistischen Methoden verwandelten sich in schwere Schläge für die Urheber selbst. Sie gingen selbst in die Fallen, die sie dem Leninismus, dem Sowjetvolk und der Weltrevolution stellten ...
Die Stalinfrage ist den chruschtschowschen Revisionisten wie ein Knochen im Hals steckengeblieben. Sie haben sich mit dieser Frage beschäftigt, weil sie auf die entschiedene Missbilligung und den Widerstand der Kommunisten und des Sowjetvolks, sowie der Werktätigen und Revolutionäre der anderen Ländern gestoßen sind. Die Sowjetmenschen waren nie einverstanden mit den wilden Angriffen und mit den falschen und niedrigen Anklagen gegen Stalin. Auch jene, die anfangs betrogen wurden, begannen mit der Zeit die Wahrheit zu erkennen. Ihre Erfahrung sagte den Menschen, dass die aus dem Kampf gegen Stalin und den 'Stalinismus' hervorgegangene Linie, eine ganz und gar antimarxistische, revisionistische und verräterische Linie war. Sie sahen, wie unter der Maske des Kampfes gegen den 'Personenkult und seine Folgen' die ungeheuerlichsten Verleumdungen gegen die sozialistische Ordnung und die Diktatur des Proletariats der Kommunistischen Partei erhoben wurde ... Die Kommunisten und alle ehrlichen Menschen überzeugten sich immer mehr, dass der Kampf gegen Stalin den Chruschtschowianern dazu diente, um den Leninismus mit Füßen zu treten, die gesamte revolutionäre Theorie des Kommunismus zu revidieren und der bürgerlichen Entartung des Sozialismus den Weg zu öffnen." (Enver Hoxha, 'Die chruschtschowschen revisionistischen Verräter gehen auf ihren Kongress mit einer Bilanz großen Niederlagen', in: 'Zeri i Popullit', 22. März 1966, Tirana 1966, S. 4f, S. 7f).
4. Redebeitrag des chinesischen Delegierten auf dem 6. Parteitag der SED, Januar 1963. Der chinesische Delegierte, der nicht die pro-titoistische Mao-Tse-tung-Linie gegenüber den Tito-Revisionisten vertritt, sondern die Linie der Parteimehrheit in der Kommunistischen Partei Chinas, die Liu Shao-chis u. a., die später dafür während der 'Kulturrevolution' weggesäubert wurden, verurteilt den Titoismus und wird von dem Vertreter der SED, Paul Verner dafür zur 'Ordnung gerufen':
Wu Sjiu-tjüan: "Die modernen Revisionisten, die durch die Tito-Clique, die Verräter der Arbeiterklasse, vertreten werden, unterwarfen sich dem Druck des Imperialismus und dienen willig dem Imperialismus. Sie spielen bei der Unterminierung der internationalen Geschlossenheit der Arbeiterklasse eine Rolle, die die Sozialdemokratie nicht zu spielen vermag.
Unter Missbrauch der Bezeichnung 'Kommunistische Partei' und der Fahne eines sozialistischen Staates sowie unter dem Deckmantel des Marxismus-Leninismus betrügt die Tito-Clique die revolutionären Völker, zersetzt ihren Kampfgeist, sabotiert den revolutionären Kampf der unterdrückten Völker und Nationen und unterminiert die sozialististischen Länder (Unruhe, Erregung und Protest der Delegierten) durch den Export des so genannten jugoslawischen Weges, der in den Kapitalismus ausartet. Sie unterwühlen auch unter der Maske der blockfreien Politik die Solidarität zwischen den sozialistischen Staaten und denjenigen Staaten, die eine friedliche und neutrale Politik durchführen. (Erregung und Entrüstung der Delegierten)."
Vorsitzender Verner (SED): "Ich bitte den chinesischen Genossen, von den Angriffen gegen das jugoslawische Volk und den Bund der Kommunisten Abstand zu nehmen. (Zustimmung und Beifall der Delegierten). Der Bund der Kommunisten Jugoslawiens ist hier mit einer Delegation als Gast vertreten, genauso wie die Kommunistische Partei Chinas. Das j u g o s l a w i s c h e V o l k b a u t d e n S o z i a l i s m u s a u f u n d k ä m p f t f ü r d e n F r i e d e n. Deshalb ist der Parteitag der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands nicht der Platz für u n q u a l i f i z i e r t e u n d p r o v o k a t o r i s c h e A n g r i f f e gegen ein Volk und eine Partei, die für den Sozialismus und den Frieden kämpfen. (Lebhafte Zustimmung und starker Beifall)."
Wu Sjiu-tjüan: "Die Tito-Clique ist heute ein S o n d e r t r u p p d e s a m e r i k a n i s c h e n I m p e r i a l i s m u s zur Verwirklichung (Pfuirufe und starke Proteste durch Trampeln mit den Füßen) seiner konterrevolutionären Globalstrategie. Wie in der Moskauer Erklärung (im Anschluss an die Konferenz der kommunstischen und Arbeiterparteien aus dem Jahre 1957 in Moskau- G.) bereits darauf hingewiesen wurde, hat die jugoslawische Tito-Clique den Marxismus-Leninismus verraten (erneut starke Proteste), und sie betreibt 'eine Wühlarbeit gegen das sozialistische Lager und die kommunistische Weltbewegung', entfaltet 'eine Tätigkeit, die der Einheit der friedliebenden Kräfte und Staaten Abbruch tut.'
'Die weitere Entlarvung der Führer der jugoslawischen Revisionisten und der aktive Kampf dafür, die kommunistische Bewegung wie auch die Arbeiterbewegung gegen die antileninistischen Ideen der jugoslawischen Revisionisten abzuschirmen, ist nach wie vor eine unerlässliche Aufgabe der marxistisch-leninistischen Parteien.'
Genossen! Es ist heute für uns Kommunisten notwendiger denn je, dafür Sorge zu tragen, die Einheit des sozialistischen Lagers und der kommunistischen Weltbewegung zu wahren und zu stärken ... Als auf dem 22. Parteitag der KPdSU, der vor mehr als einem Jahr stattfand, zum erstenmal eine Bruderpartei, die Partei der Arbeit Albaniens, öffentlich und namentlich angegriffen wurde, nahm die Delegation der Kommunistischen Partei Chinas gerade deshalb bereits damals entschieden dagegen Stellung. Bereits damals wiesen wir darauf hin, dass diese Handlungsweise nicht der Einheit dient und auch nicht zur Lösung der Probleme beiträgt. Es kann nicht als eine ernsthafte marxistisch-leninistische Haltung angesehen werden, die Streitigkeiten zwischen Bruderparteien und Bruderländern vor dem Feind bloßzulegen. Eine solche Haltung wird nur jene, die uns nahe stehen und uns teuer sind, schmerzen und unsere Feinde erfreuen ...
Es lebe die unverbrüchliche Freundschaft zwischen dem chinesischen Volk und der Bevölkerung der Deutschen Demokratischen Republik!
Es lebe die große Geschlossenheit des sozialistischen Lagers und die Einheit der kommunstischen Weltbewegung!
Es lebe der Marxismus-Leninismus!
Das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas. (schwacher Beifall)." (Protokoll der Verhandlungen des VI. Parteitags der SED, Berlin 1963, S. 23)
5. Im Anschluss an den Redebeitrag des chinesischen Delegierten spricht Paul Verner für die SED:
"Auf unserem Kongress weilen Vertreter aus 70 kommunistischen und Arbeiterparteien, unter ihnen einige wenige Vertreter volksdemokratischer und nationalrevolutionärer Parteien. Sie nehmen als Gäste an unserem Parteitag teil, und man darf nicht den Parteitag der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands mit dem Parteitag der Kommunistischen Partei Chinas verwecheln. Ich möchte deshalb namens unserer Partei und unseres Parteitages - und ich fühle mich einig mit allen Delegierten unseres Parteitags - auch die groben Ausfälle und Beschimpfungen gegen den Bund der Kommunisten Jugoslawiens auf das Entschiedenste zurückweisen (Beifall), denn das jugoslawische Volk baut, wie gesagt, den Sozialismus auf und kämpft für die Erhaltung des Friedens. Das Auftreten des Vertreters der Kommunistischen Partei Chinas widerspricht den Normen, die zwischen den kommunistischen und Arbeiterparteien üblich sind ..." (Ebenda, S. 23ff, Hervorhebungen von mir).
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