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Zwei unveröffentlichte Briefe zu Dimitroff

 

W. B. Bland an Vijay Singh:

 

Erster Brief:

 

Ilford, Juni 1995

Lieber Vijay,

 

vielen Dank für deinen Brief vom 3. Juni. Ich beantworte ihn hiermit persönlich.

 

Einführung: Dialektik

 

Als ich erfuhr, dass ich von dir demnächst einen Brief erhalten würde, der 'den Irrtum unserer Charakterisierung Dimitroffs als eines Revisionisten' bloßlegen würde, freute ich mich auf seinen Erhalt. Ich muss vorbehaltlos akzeptieren, dass wir nicht unfehlbar sind, so dass wir in der Tat imstande sind Irrtümer zu begehen, so sehr wir auch danach trachten, die Wahrheit zu veröffentlichen. Aus diesem Grunde begrüßen wir die Korrektur unserer Fehler.

 

Das dialektische Prinzip in seiner ursprünglichen Bedeutung bestand darin, dass eine Seite eine Behauptung aufstellt (eine These), während die andere eine Gegenbehauptung (eine Antithese) vorlegt und dass sich aus diesem widersprüchlichen Prozess ein neuer Vorschlag (eine Synthese) ergibt, der sich sowohl von der These als auch von der Antithese unterscheidet, aber Bestandteile von beiden enthält und der Wahrheit näher kommt als die eine oder die andere These.

 

Ich hoffte, dass deine Antithese uns helfen könnte, Irrtümer in unserer These zu berichtigen, um so eine Synthese zu gewinnen, die der Wahrheit näher kommen würde als beide Thesen für sich genommen. Damit dies jedoch eintreten konnte, waren zwei Dinge vonnöten:

 

Erstens:

Die Antithese muss prinzipieller Natur sein, sie darf jedoch nicht auf bloßen persönlichen Beleidigungen beruhen. Du behauptest zum Beispiel:

 

„Du hast einen bekannten Text von Stalin ignoriert.“

(Dein Brief, S. 2, 8. Absatz).

 

Der betreffende Text befindet sich jedoch nicht in der englischen Ausgabe der Stalin-Werke, so dass das Eigenschaftswort 'bekannt' nur einen Seitenhieb aus der Warte deiner akademischen Höhen gegen jene wie mich darstellt, die kein Russisch verstehen.

 

Und das Lexikon umschreibt das Tätigkeitswort 'ignorieren' als

 

„sich weigern, etwas zur Kenntnis zu nehmen, ...etwas absichtlich nicht beachten, nicht in Betracht ziehen, die Augen davor verschließen.“

('Oxford English Dictionary', Band 7, Oxford 1989, S. 64; die alte Bedeutung von 'to be ignorant of' - etwas nicht wissen, kennen - wird als veraltet bezeichnet).

 

Du beschuldigst uns also, und völlig zu Unrecht, einen Text 'absichtlich nicht zu beachten', den wir nicht kannten.

 

Zweitens:

Die zweite Voraussetzung dafür, dass unser Streitgespräch der Wahrheitssuche dienlich sein kann, besteht darin, dass es auf einer rationalen philosophischen Einstellung gegenüber dem Universum basieren sollte und insbesondere gegenüber der Logik:

 

Marxisten-Leninisten behaupten, dass das Universum ein einheitliches, zusammenhängendes Ganzes bildet:

 

„Im Unterschied zur Metaphysik betrachtet die Dialektik die Natur nicht als eine zufällige Anhäufung von Dingen, von Phänomenen, die voneinander losgelöst, isoliert und ziemlich unabhängig voneinander sind, sondern als ein zusammenhängendes und einheitliches Ganzes, in dem die Dinge, die Phänomene organisch miteinander verbunden, abhängig voneinander und gegenseitig bedingt sind.“

(Josef W. Stalin, 'Dialektischer und historischer Materialismus', in: 'Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Bolschewiki; Kurzer Lehrgang, Moskau 1939, S. 106).

 

Sie sind auch der Auffassung, dass die Wahrheit einer Aussage nur durch die Praxis ermittelt werden kann. Wenn eine Hypothese mit einer bekannten Tatsache im Widerspruch steht, kann sie nicht richtig sein oder in den Worten eines Sprichwortes ausgedrückt, das oft von Engels zitiert wurde: 'Nur durch Essen kann sich der Pudding erweisen' :

 

„In der Praxis muss der Mensch die Wahrheit erproben.“

(Karl Marx, 'Thesen zu Feuerbach', Fühjahr 1845, in: 'Ausgewählte Werke', Band 1, London 1943, S. 471).

 

„Der Standpunkt des Lebens, der Praxis sollte in der Theorie der Erkenntnis vorrangig und grundlegend sein.“

(Wladimir I. Lenin, 'Materialismus und Empiriokritizismus. Kommentare zu einer reaktionären Philosophie', September 1903, in: 'Ausgewählte Werke', Band 11, London 1943, S. 205).

 

Diese marxistisch-leninistischen Grundsätze lassen sich umgangssprachlich durch die Sätze 'Alles ergibt Sinn' und 'Die Geschichte muss Sinn ergeben' ausdrücken, denn in diesem Zusammenhang bedeutet 'Sinn' das

 

„was logisch ist ...(das Gegenteil von Unsinn)“

(Tom McArthur, Hrsg.'The Oxford Companion to the English Language', Oxford 1992, S. 917).

 

und 'Logik' ist

 

„ ...der Vorgang des Denkens und des richtigen Urteilens“.

(Tom McArthur, Hrsg., ebenda, S. 624).

 

Stalin bezieht folgenden Standpunkt zur Rationalität, wenn er den heimlichen Revisionisten Maxim Litwinow so kritisiert:

 

„ ...Litwinow, der Wise (der sozialdemokratische britische Politiker Edward Wise -WBB) und anderen Halunken mehr vertraut als der Logik der Dinge.“

(Josef W. Stalin, Brief an Wjatscheslaw Molotow, 9. September 1929, in: Lars T. Lih, Oleg W. Naumow & Oleg W. Khlewniuk, Hrsg., 'Stalins Briefe an Molotow, 1925-1936', New Haven, USA, 1995, S. 177f.).

 

Du weist jedoch die Prinzipien 'Alles ergibt Sinn' und 'Die Geschichte muss Sinn ergeben' zurück, denn du sagst:

 

„Die spekulative Vorstellung,dass Stalin in der Minderheit war, wird durch die entsprechende 'Theorie' untermauert, dass uns der Marxismus-Leninismus lehrt, dass 'alles Sinn ergibt'.“

(Dein Brief, S. 2, 1. Abs.).

 

„Auf der Grundlage der 'Theorien', dass Stalin von 'heimlichen' Revisionisten entmachtet wurde und dass 'Geschichte Sinn ergeben muss' behalten sich die Dimitroff- und Stalinkritiker das Recht vor, von vorneherein jedes Dokument zurückzuweisen, das die tatsächliche Haltung Stalins und Dimitroffs belegt.“

(Dein Brief, S. 3f., Abs. 10, 11).

 

Diese letzte Aussage ist einfach falsch. Wir weisen nichts 'von vorneherein' zurück. Wir halten es nur mit Sherlock Holmes berühmten Ausspruch:

 

„Wenn Sie das Unmögliche ausgeschlossen haben, dann muss das was übrigbleibt, so unwahrscheinlich es auch sein mag, die Wahrheit sein.“

(Arthur Conan Doyle, 'Das Zeichen der Vier' - 'The Sign of Four' -, London 1976, S. 54).

 

Wenn du jedoch die Prinzipien, dass 'Alles Sinn ergibt' und dass 'Geschichte Sinn ergeben muss' ablehnst, dann basiert dein Standpunkt auf dem Grundsatz, dass 'Hypothesen, einschließlich historische Hypothesen, wahr sein können, selbst wenn sie keinen Sinn ergeben'!

 

Mit anderen Worten: Dein Standpunkt beruht auf der Irrationalität des Universums und der Geschichte.

 

Was Maurice Cornforth über den 'logischen Positivismus' sagt, trifft in gleicher Weise auf deine obskurantistische Position zu:

 

„Der Positivismus widerspiegelt den intellektuellen und moralischen Verfall der kapitalistischen Gesellschaft. Er ... verzichtet tatsächlich auf Vernunft und Wissenschaft. Er verneint die bloße Möglichkeit einer vernünftigen und wissenschaftlichen Grundlage menschlichen Handelns.“

(Maurice Cornforth, 'Für die Verteidigung der Philosophie', London 1950, S. 254).

 

Zweifellos wirst du demnächst eine einträglichere Position als Professor für Unlogischen Positivismus in Berkeley beziehen, wo der berühmte Spruch 'Alles ist Ungewissheit und Chaos' über dem marmornen Portal eingemeißelt zu sehen sein wird!

 

Berichtigungen

 

Erlaube mir zunächst einmal einige falsche Auffassungen über unsere Position auszuräumen, von denen du auszugehen scheinst.

 

Erstens sagst du:

„Du verwirfst seinen (Dimitroffs - Verf.)beharrlichen Kampf für die Schaffung und Festigung einer proletarischen Einheitsfront für den Kampf gegen den Faschismus.“

(Dein Brief, S. 1, Abs.1).

 

Dem ist nicht so. Fast die gesamte Ausgabe von COMpass Nr. 111 (Februar 1994) widmet sich der Analyse der 'Taktik der Einheitsfront', die wir voll und ganz unterstützen. In diesem Artikel kritisieren wir, in voller Übereinstimmung mit Dimitroff, die Komintern-Politik in den Jahren 1931-1934 wegen ihrer pseudolinken Abweichung von dieser Taktik, welche die

 

„ ... Aufgabe der marxistisch-leninistischen Taktik der Einheitsfront beinhaltete.“

('COMpass', Nr. 111, Februar 1994, S. 8).

 

Zweitens sagst du:

 

„Du verwirfst seinen (Dimitroffs - Verf.) beharrlichen Kampf für die Schaffung und Festigung einer ... Volksfront.“

(Dein Brief, ebd.).

 

Dies ist ungenau. Wir unterstützen voll und ganz die Volksfrontpolitik in Bezug auf halbkoloniale Länder wie Spanien und China, wo die Klassenzusammenarbeit mit der nationalen Bourgeoisie eine fortschrittliche Rolle spielen konnte. Wir lehnen sie nur in entwickelten kapitalistischen Ländern ab, wo die Klassenzusammenarbeit mit der Bourgeoisie die Preisgabe der Interessen der Arbeiterklasse bedeutet. Unsere Haltung in dieser Frage wird in der Ausgabe Nr. 112 von 'COMpass' (April 1994) deutlich, die sich mit der Analyse der 'Volksfront' in Frankreich beschäftigt und zu der Schlussfolgerung gelangt:

 

„DIE REVISIONISTISCHEN FÜHRER DER KOMINTERN UND DER FRANZÖSISCHEN KOMMUNISTISCHEN PARTEI HATTEN MIT HILFE EINER RECHTS-OPPORTUNISTISCHEN ABWEICHUNG VON DER TAKTIK DER EINHEITSFRONT DIE AUFGABE ERFÜLLT, DER BESCHWICHTIGUNGSPOLITIK DER WESTEUROPÄISCHEN IMPERIALISTEN BEIHILFE ZU LEISTEN, DIE ZUM ZIEL HATTE, DEN NAZIS DIE SCHLÜSSELPOSITIONEN MITTELEUROPAS AUSZULIEFERN.“

('COMpass', Nr. 112, April 1994, S. 27).

 

Drittens beschreibst du unsere Auffassung als

 

„ ... jene 'Theorie', derzufolge sich Stalin in der Zeit von 1929-1953 in der Minderheit befand, d.h. fast in der gesamten Zeit der Stalinära.“

(Dein Brief, S. 1, Abs. 3).

 

Dies ist nicht unsere Auffassung. Wir behaupten, dass es klare Beweise gibt, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit belegen, dass es in den führenden Gremien sowohl der KI als auch in der KPdSU eine beträchtliche Zahl von heimlichen Revisionisten gab und dass diese in bestimmten Fragen und zu bestimmten Zeiten in der Lage waren, sich eine Mehrheit zu beschaffen. Ich werde mich mit dieser Frage noch später in meinem Brief beschäftigen.

 

Viertens sagst du, dass wir

 

„ ... die Linie, die auf dem 7. Weltkongress der Kommunistischen Internationale angenommen wurde, als 'friedlichen Übergang zum Sozialismus' hinstellen.“

(Dein Brief, S. 1, Abs. 1).

 

Dies entspricht nicht der Wahrheit. Wir sagen:

 

„Dimitroff gibt zu dieser Zeit (1935 - Verf.) noch nicht vollständig das marxistisch-leninistische Prinzip auf, dass ... der Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus auf keinen Fall ohne eine ... gewaltsame proletarische Revolution erfolgen kann.“

('COMpass', Nr.117, Juni 1995, S. 6).

 

...und wir zitieren seine Formulierung aus dem Jahr 1935, dass nach der Bildung einer Volksfrontregierung

 

„ ...durch den parlamentarischen Prozess“

(Ebenda, S. 5).

 

„ ... es nötig sein wird, sich auf die sozialistische Revolution vorzubereiten.“

(Ebenda, S. 6).

 

Die einzige Stelle in Dimitroffs Formulierung aus dem Jahre 1935, die wir als unrichtig ansehen, ist folgende:

 

„Eine Regierung der Volksfront ... sollte bestimmte und grundlegende revolutionäre Forderungen verwirklichen, ... zum Beispiel die Kontrolle über die Produktion und die Banken übernehmen, die Polizeikräfte auflösen und diese durch eine bewaffnete Arbeitermiliz ersetzen, usw..“

(Ebenda, S. 5f.).

 

Und wir sind der Meinung, dass unser Kommentar zu dieser Formulierung angebracht war:

 

„Niemand auf dem Kongress schien sich gefragt zu haben, dass wenn eine Volksfrontregierung bereits 'grundlegende revolutionäre Forderungen' erfüllt hat, die den Charakter des kapitalistischen Staates verändert haben, weshalb dann noch eine sozialistische Revolution notwendig sein sollte.“

(Ebenda, S. 5f.).

 

Wir wiesen darauf hin, dass die Chruschtschow-Revisionisten selbst behaupten, dass die Linie des 7. Weltkongresses der KI

 

„ ... einen Wandel in der Strategie in Richtung derjenigen Formulierungen darstellte, die später auf dem 20. Parteitag unter Chruschtschow angenommen wurden.“

(Ebenda, S. 2).

 

Stalin und der 7. Weltkongress

 

Du verweist auf die

 

„ ... bekannten, schriftlich fixierten Ansichten Stalins, der die Bildung der Volksfront in Frankreich unterstützte.“

(Dein Brief, S. 1, Abs. 1).

 

und behauptest, dass es eine ganze

 

„ ... Reihe von Zitaten gibt, wonach Stalin Dimitroff und die Orientierung des 7. Weltkongresses unterstützte.“

(Dein Brief, S. 1, Abs. 3).

 

Dennoch machst du keinerlei Angaben und ich kann in der englischen Ausgabe der 'Werke' nichts darüber finden. Du beziehst dich (Abs. 1) auf die 'bekannten schriftlichen Aussagen Stalins' für eine Volksfront in Frankreich. Dennoch machst du keinerlei Angaben und in Band 14 der englischen Ausgabe der 'Werke' findet sich nichts dergleichen.

 

Als Beleg für deine Aussage zitierst du lediglich eine Behauptung dazu, die von dem Revisionisten Maurice Thorez aufgestellt wurde - eine Behauptung, die du farbig markiert als 'Aufzeichnung' bezeichnest, den du 1976 noch richtig dem Lager der

 

„sowjetischen rechten Revisionisten“;

('Stalinistischer Kern Indiens', Ankündigung, S. 5).

 

zugeordnet hattest.

 

Ich erinnere mich, dass zu der Zeit, als Stalin von der britischen KPGB noch positiv gesehen wurde, die britischen Revisionisten stets behaupteten, Stalin habe das 'Programm des friedlichen, parlamentarischen Übergangs zum Sozialismus', den 'Britischen Weg zum Sozialismus' gutgeheißen. Obwohl ich jedoch bei verschiedenen Gelegenheiten verlangte, das betreffende Dokument einsehen zu dürfen, wurde es nie vorgelegt oder veröffentlicht.

 

Den Nachforschungen von Dobrin Mitschew vom historischen Institut der Kommunistischen Partei Bulgariens zufolge schrieb Dimitroff

 

„ ... am 10. März (1934 - Verf.) ... an Stalin. In seinem Brief erklärte er, dass er in den Jahren seiner Haft ... sehr viel über die Probleme der internationalen Arbeiterbewegung nachgedacht habe. Insbesondere, so führte er im Einzelnen aus, habe er sich mit Fragen der Strategie und Taktik, den Methoden, den Aktionen und der Arbeitsweise der Kommunistischen Internationale beschäftigt. Über all diese Fragen würde er gern, so schloss er, mit Stalin sprechen. ... Die Unterredung fand wenig später in Anwesenheit von Manuilski und anderen statt. ..Im Verlauf der Unterhaltung erläuterte und entwickelte Georgi Dimitroff seine Vorstellungen, die sich von denen Stalins unterschieden. Die Unterredung verlief hitzig, schwierig und leidenschaftlich.“

(Dobrin Mitschew, in: Jean Meroy, 'Dimitrov: Un revolutionaire de notre temps' - 'Dimitroff - ein Revolutionär unserer Zeit' -, Paris 1972, S. 184f.).

 

Deshalb ist es ganz offensichtlich unrichtig zu behaupten, dass Dimitroffs Linie 1935 auch 'die Stalins war'. Es wird deutlich, dass Stalin Einwände gegen einige Aspekte der Linie Dimitroffs vorbrachte. Vermutlich wurde Stalins Widerstand bis zu einem gewissen Grade ein Jahr später in der verabschiedeten Orientierung des 7. Weltkongresses der KI mitberücksichtigt.

 

In dem kürzlich veröffentlichten Band, der Stalins Briefe an Molotow enthält, wird Dimitroff nur ein einziges Mal im Zusammenhang mit dem 7. Weltkongress erwähnt, zu dem sich Stalin so äußerst:

 

„Der Komitern-Kongress war nicht so schlecht.“

(Josef W. Stalin, Brief an Wjatscheslaw Molotow, 5. August 1935, in: Lars T. Lih, Oleg W. Naumow & Oleg W. Khkewniuk, Hrsg., ebenda, S. 237).

 

Was kann Stalin mit diesem wenig begeisterten Kommentar zum Kongress gemeint haben? Vermutlich, dass er nicht so schlimm wurde wie anzunehmen war!

 

Wir sehen keine Veranlassung, dieser Einschätzung nicht zuzustimmen!

 

Der Nachruf auf Dimitroff

 

Du sagst, dass wir

 

„ ... nicht mit Stalins Meinung übereinstimmen, die in dem Nachruf auf Dimitroff zum Ausdruck kommt, der eine positive Würdigung der Rolle Dimitroffs enthält.“

(Dein Brief, S. 1, Abs. 1).

 

Ja, es ist richtig, dass wir Stalins Einschätzung im Nachruf der KPdSU, der von Stalin und anderen unterzeichnet wurde, nicht teilen, wo es heißt, dass Dimitroff

 

„ ... sein ganzes heroisches Leben in den hohen Dienst an der Sache der Arbeiterklasse, an der Sache des Kommunismus gestellt hat.“

(Nachruf auf G. M. Dimitroff, in: 'Weltnachrichten und Meinungen', Band 289, Nr. 28 9. Juli 1949, S. 326).

 

Das bedeutet jedoch in keiner Weise, dass wir Stalin nicht als den größen Marxisten-Leninisten seiner Zeit betrachten und es bedeutet ganz sicher auch nicht, dass wir uns als bessere Marxisten-Leninisten betrachten als Stalin. Wir sollten jedoch nicht meinen, dass er übernatürliche Kräfte des Einfühlungsvermögens besaß, die jeden heimlichen Revisionisten trotz seiner Tarnung aufspüren konnten. Es sind jetzt mehr als vierzig Jahre seit seinem Tod vergangen und seitdem ist eine Menge passiert. Aus der Rückschau werden viele Dinge deutlich und es wäre der Gipfel der Dummheit zu behaupten, dass nur weil Stalin Dimitroff 1949 als ehrlichen Marxisten-Leninisten betrachtete, diese Einschätzung auch 1995 als ein heiliges Dogma angesehen werden müsste, das in Frage zu stellen Ketzerei bedeuten würde.

 

Stalin war der erste, der jede Vorstellung, dass seine Ansichten eine Art von Dogma darstellen könnten, zurückwies:

 

„Die marxistisch-leninistische Theorie ist kein Dogma, sondern eine Anleitung zum Handeln.“

('Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Bolschewiki, Kurzer Lehrgang', Moskau 1939, S. 356).

 

... und er war immer bereit, eine Meinung zu ändern, wenn sie sich später als unhaltbar erwies. Nimm den Fall des Revisionisten Aleksej Rykow, über den Stalin 1926 sagte:

 

Ich mache mir über die wirtschaftlichen Fragen keine Sorgen. Rykow wird sich schon um sie kümmern.“

(Josef W. Stalin, Brief an Wjatscheslaw Molotow, 15. Juni 1926, in: Lars T. Lih, Oleg W. Naumow & Oleg W. Khkewniuk, Hrsg., ebenda, S. 114).

 

Vier Jahre später jedoch schrieb Stalin:

 

„Rykow und Schmidt müssen ihrer Ämter enthoben werden und all ihre bürokratischen Berater und ihr Büropersonal sollten wir schnellstens loswerden.“

(J. W. Stalin, Brief an Wjatscheslaw Molotow, 22. September 1930, in: ebenda,S. 217).

 

Wenn wir uns weigern, eine Ansicht im Lichte der Erfahrung zu ändern, weil diese Ansicht vor fünfzig Jahren von Stalin geäußert wurde, dann verfallen wir in genau jenen Dogmatismus, den Stalin so entschieden verurteilte.

 

In Übereinstimmung?

 

Du behauptest, dass in Bezug auf den Charakter des Zweiten Weltkrieges in der Zeit von 1939 bis 1941

 

„ ... es klar ist, dass die Ansichten von Dimitroff und Stalin übereinstimmten und dass die angeblichen Differenzen zwischen diesen beiden Kommunisten nicht existieren.“

(Dein Brief, S. 3, Abs. 7).

 

Dennoch gibst du selbst zu, dass

 

„ ... wir keinen Grund haben, daran zu zweifeln, dass Dimitroff daran festhielt, dass der Zweite Weltkrieg auf beiden Seiten (auf Nazi- und alliierter Seite vor Eintritt der Sowjetunion in den Krief 1941 - Übers.) ein ungerechter Krieg war.“

(Dein Brief, S. 2, Abs. 7).

 

...und du zitierst Stalins Ansicht, dass der Zweite Weltkrieg ein gerechter Krieg aufseiten Großbritanniens und Frankreichs war:

 

„ ... der Zweite Weltkrieg gegen die Achsenmächte (Deutschland, Italien, Japan Übers.) ... nahm von Anbeginn den Charakter eines antifaschistischen, eines Befreiungskrieges an.“

(Dein Brief, S. 2, Abs. 4).

 

Während für uns gewöhnliche Sterbliche diese beiden Ansichten diametral entgegengesetzt sind, ziehst du in deiner idealistischen Verdrehung dialektischer Gegensätze, dass 'schwarz = weiß' ist, die Schlussfolgerung, dass

 

„ ...es klar ist, dass die Ansichten von Dimitroff und Stalin (über den Charakter des Zweiten Weltkrieges zwischen 1939 und 1941 - Verf.) überstimmten und dass die angeblichen Differenzen zwischen diesen beiden Kommunisten nicht existieren.“

(Dein Brief, S. 3, Abs. 7).

 

Wir haben an verschiedenen Stellen auf eine ganze Reihe anderer Abweichungen aufseiten Dimitroffs von akzeptierten marxistisch-leninistischen Prinzipien hingewiesen.

 

Zum Beispiel:

 

1.Im Jahre 1919 wies Lenin die Vorstellung, dass es eine Art von Übergangsstaat zwischen der Diktatur der Bourgeoisie und der des Proletariats geben könne, als einen 'reaktionären kleinbürgerlichen Traum' zurück:

 

„Es kann keine Alternative zur Diktatur der Bourgeosie oder der des Proletariats geben. Träume von irgendeinem dritten Weg sind reaktionäre, kleinbürgerliche Klagelieder.“

(W. I. Lenin, 'Thesen und Bericht zur bürgerlichen Demokratie und zur Diktatur des Proletariats', März 1919, in: 'Ausgewählte Werke', Band 28, Moskau 1974, S. 463f., zitiert nach 'COMpass' Nr. 117, Juni 1995, S. 7).

 

Auf dem 7. Weltkongress der KI im August 1935 hatte sich Dimitroff dieser Ansicht angeschlossen und die Vorstellung, dass es eine Art von Zwischenstaat zwischen der Diktatur der Bourgeoisie und der des Proletariats geben könne, als 'rechten Opportunismus' bezeichnet:

 

„Die rechten Opportunisten ... versuchten, ein bestimmtes demokratisches Zwischenstadium zwischen der Diktatur der Bourgeoisie und der des Proletariats einzuführen, um bei den Arbeitern die Illusion eines friedlichen, parlamentarischen Übergangs von der einen Diktatur zur anderen entstehen zu lassen.“

(Georgi Dimitroff, Bericht an den 7. Weltkongress der Komintern, August 1935, in: 'Ausgewählte Werke', Band 2, Sofia 1972, S. 68, zitiert nach: 'COMpass' Nr. 117, Juni 1995, S. 7).

 

Nach der Dezentralisierung der Komintern im September 1935 verwarf Dimitroff diese Position und präsentierte mit der Volksfrontregierung einen Staat, der genau jenem Übergangsstaat entsprach:

 

„In dem er die alten Richtlinien, wonach ein Staat stets entweder ein kapitalistischer oder ein sozialistischer Staat sei, in Frage stellte, meinte Dimitroff, dass jetzt ein demokratischer Staat entstehe, in dem die 'Volksfront von entscheidender Bedeutung ist'.“

(Institut des Marxismus-Leninismus des ZK der KPdSU, 'Historischer Abriss der Kommunistischen Internationale', Moskau 1971, S. 417, zitiert nach: Zentrales Parteiarchiv: 495/18/1135/427, siehe: 'COMpass', Nr. 117, Juni 1995, S. 7).

 

2. Im März 1946 unterstützte Dimitroff öffentlich den Gedanken eines friedlichen Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus und behauptete, dass

 

„ ... unter bestimmten Bedingungen der Sozialismus ohne einen Aufstand errungen werden kann. Diese Bedingungen liegen jetzt vor. ...“

(Georgi Dimitroff, 'Der Bund der Jungarbeiter muss eine Schule des Sozialismus sein', März 1946, in: 'Ausgewählte Werke', Band 2, Sofia 1972, zitiert nach 'COMpass', Nr. 117, Juni 1995, S. 8).

 

Einige Dimitroffanhänger hier haben behauptet, dass wir diesen Absatz aus dem Zusammenhang gerissen hätten und dass Dimitroff sich ausschließlich auf Länder wie Bulgarien bezog, wo die sozialistische Revolution bereits stattgefunden habe. Das ist unwahr. Der Herausgeber von Dimitroffs 'Ausgewählten Werken', Spass Roussinow, stellt klar, dass diesur Kurswechsel sich aus den 'veränderten Bedingungen' ergeben habe:

 

„Zu jener Zeit (1935 - Verf.) ... gestattete die internationale Situation nicht, von der Möglichkeit eines friedlichen parlamentarischen Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus zu sprechen. ...

Der Sieg der demokratischen Kräfte gegen Nazideutschland im Zweiten Weltkrieg führte zu einem veränderten Kräfteverhältnis zwischen Kapitalismus und Sozialismus zugunsten des letzteren. ... Unter diesen Bedingungen wurde die Möglichkeit eines friedlichen Übergangs zum Sozialismus auf parlamentarischem Weg in einzelnen Ländern zur Wirklichkeit. Über das Bestehen eben dieser Möglichkeit sprach Dimitroff auf einer Konferenz mit Aktivisten des Bundes der Jungkommunisten im Jahre 1946. ...

Indem er die Frage des Übergangs hin zur proletarischen Diktatur bis 1944 in der einen und danach in der anderen Form behandelt, geht Dimitroff von den konkreten Bedingungen seiner Epoche aus. ... Dieses sind zwei Thesen für zwei verschiedene Zeitabschnitte.“

(Spass Roussinow, Einführung zu Georgi Dimitroff 'Ausgewählte Werke', Band 1, Sofia 1972, S. XIX-XX, zitiert (teilweise) nach: 'COMpass', Nr. 117, Juni 1995, S. 9).

 

Dimitroffs Formulierung dieser Frage aus dem Jahre 1946 unterscheidet sich dem Inhalt nach offensichtlich in keinster Weise von der Chruschtschows auf dem 20. Parteitag der KPdSU 1956:

 

„Die historische Situation hat einen radikalen Wandel durchgemacht. Die gegenwärtige Situation bietet der Arbeiteklasse in einer Reihe von Ländern die reale Chance, ... im Parlament eine stabile Mehrheit zu erobern und dieses von einem Organ der bürgerlichen Demokratie in ... ein Organ echter Demokratie - einer Demokratie des arbeitenden Volkes zu verwandeln. (Dies) könnte die Bedingungen schaffen, die benötigt werden, um grundlegende soziale Veränderungen zu erreichen.“

(Nikita Chruschtschow, Bericht des Zentralkomitees an den 20. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, London 1956, S. 28).

 

3. Im Jahre 1939 billigte Dimitroff die marxistisch-leninistische These, dass Kriege im Imperialismus unvermeidbar seien:

 

„Kriege sind die unvermeidliche Begleiterscheinung des Imperialismus.“

(Georgi Dimitroff, 'Die Aufgaben der Arbeiterklasse im Kriege', November 1939, in: Jane Degras, Hrsg., 'Die Kommunistische Internationale, 1919-1943, Dokumente', Band 3, London 1965, S. 451, in: 'COMpass', Nr. 117, Juni 1995, S. 9).

 

1948 jedoch entwickelte Dimitroff den Gedanken, dass infolge neuer internationaler Bedingungen

 

„ ... ein neuer Weltkrieg heute weder unvermeidlich ist noch bevorsteht.“

(Georgi Dimitroff, 'Ein neuer Weltkrieg ist heute weder unvermeidlich noch steht er bevor', April 1948, in: 'Ausgewählte Werke', Band 3, Sofia 1972, in: 'COMpass', Nr. 117, Juni 1995, S. 9).

 

Stalin wies diese revisionistischen Vorstellungen Dimitroffs 1952 zurück und betonte, dass der Krieg im Imperialismus unvermeidlich bleibe:

 

„Einige Genossen behaupten, dass aufgrund neuer internationaler Bedingungen seit dem Zweiten Weltkrieg Kriege zwischen kapitalistischen Ländern nicht mehr unvermeidlich seien. Diese Genossen irren sich. ...

Um die Unvermeidlichkeit von Kriegen auszuschalten, ist es notwendig, den Imperialismus abzuschaffen.“

(Josef W. Stalin, 'Ökonomische Probleme des Sozialismus in der UdSSR', Februar 1952, in: 'Werke', Band 16, London 1986, SS. 327, 332, in: 'COMpass', Nr. 117, Juni 1995, S. 9).

 

Die Einschätzung von Berija und Malenkow

 

Du schätzt Berija und Malenkow als 'Revisionisten' ein.

 

„Es gibt zunehmend Beweise dafür, dass er (Berija - Hrsg.) bei Stalins Tod seine Hand im Spiel hatte. ... Es ist inzwischen klar geworden, dass Berija ... ein Weg bereiter des modernen Revisionismus war.“

(Dein Brief, S. 4, Abs. 1).

 

Jedoch legst du schlichtweg gar nichts von diesen 'zunehmenden Beweisen', auf die du dich beziehst, vor!

 

Berijas angeblichem 'Revisionismus' sagst du lediglich:

 

„Wir machten auf ein kürzlich veröffentlichstes Dokument aufmerksam (nicht mir gegenüber!), aus dem hervorgeht, dass Berija hinter dem Rücken der KPdSU, kurz nach Stalins Tod, einen Brief an Rankovic (Innenminister und Chef der Geheimpolizei seit 1945 unter Tito in Jugoslawien - Übers.)schrieb, in dem er bat, Tito mitzuteilen, dass er mit Jugoslawien positive Beziehungen aufnehmen wolle. Ohne ersichtlichen Grund wird dieses Dokument als eine Erfindung abgetan!“

(Dein Brief, S. 4, Abs. 1).

 

Obwohl du in deinem Brief an mich nicht aus diesem Dokument zitierst, ist mir die Biografie von Amy Knight über Berija bekannt, in dessen Klappentext er beschrieben wird als Symbol

 

„ ... sämtlicher Übel des Stalinismus. ... Wir können keinen Zweifel daran haben, dass Berija einer der übelsten Menschen gewesen ist.“

(Amy Knight, 'Berija - Stalin's First Lieutenant', Princeton, USA, 1993, S. 205f.).

 

Was sagt Amy Knight, deren Einschätzung Berijas deiner eindeutig näher kommt als meiner, über diesen Brief?

 

„Es scheint" - es scheint! - "dass Berija Rankovic einen persönlichen Brief geschrieben hat ..., in dem er darum bat, sich heimlich mit Rankovic und Tito zu treffen, um die Beziehungen zwischen der Sowjetunion und Jugoslawien zu normalisieren. Der Brief wurde in seiner Brieftasche gefunden, als er verhaftet wurde.“

(Amy Knight, ebenda).

 

Dies ist wohl kaum eine glänzende Bestätigung der Echtheit des Briefes, der - so sehr zum Vorteil der Verschwörer - in Berijas Brieftasche gefunden wurde.

 

Dies unterscheidet sich doch recht stark von deiner Behauptung, die von der fraglosen Echtheit des Dokuments ausgeht.

 

Jedoch bestätigt Knight unsere Auffassung, dass Berija Opfer eines von Chruschtschow organisierten Komplotts gewesen ist:

 

„DAS KOMPLOTT GEGEN BERIJA. ...

Chruschtschow hatte fieberhaft daran gearbeitet, Kräfte gegen seinen Widersacher zu sammeln. Das war keine einfache Angelegenheit, da Berija immer noch Unterstützung im Parteipräsidium besaß. ... Chruschtschow überredete Malenkow, Molotow und Bulganin, eine aktive Rolle zu übernehmen. ... Der

schlüssel für Chruschtschows Erfolg ... bestand in der Unterstützung, die er bei bestimmten Kräften des Militärs genoss. ... Der Putsch gegen Berija musste geheim gehalten werden.

Berijas Verhaftung war dann auch eine hoch riskante Operation, die mehr durch Glück als durch irgendetwas anderes erfolgreich war. ...

Es war wohl kaum ein Zufall, dass die beiden Männer, die mit dem Fall Berija betraut waren (Rudenko und Moskalenko - Verf.) eng mit Chruschtschow verbunden waren.

Der mit 'top secret' versehene stenografische Bericht dieses historischen Plenums (vom Juli 1953 - Verf.) ... vermittelt ein faszinierendes und aufschlussreiches Bild von den Ereignissen, die Berijas Verhaftung vorausgingen und machen deutlich, dass Berijas Widersacher sich noch auf einem sehr schwankenden Fundament befanden.“

 

Den Mitgliedern des Zentralkomitees können kaum die schreienden Ungereimtheiten und schlichten Unwahrheiten in den Zeugenaussagen der Redner entgangen sein, die auf das Podium zitiert wurden, um das zu sagen, was ihnen aufgetragen worden war. Es muss ihnen klar gewesen sein, dass all dies einfach nur ein Versuch Chruschtschows und seiner Kollegen gewesen ist, im Nachhinein Berijas Verhaftung zu rechtfertigen.“

(Amy Knight, ebenda, S. 194ff., 199, 202ff., 209).

 

Zu deiner Darstellung des Sachverhalts:

Berija ist 'ein Pionier des Revisionismus', so dass wir es hier mit Chruschtschow zu tun haben, den du als Revisionisten akzeptierst, der ein 'riskantes' Komplott gegen seinen 'Mit-Revisionisten' Berija organisiert, zu genau dem Zeitpunkt, da ein Höchstmaß an Einheit unter den revisionistischen Verschwörern für sie lebenswichtig war!

 

Mike Baker

 

Du sagst, dass du

 

„ ... nach wie vor Auffassung bist, dass der verstorbene Mike Baker ein 'brillianter Marxist-Leninist' war.“

(Dein Brief, S. 4, Abs. 2).

 

Jedoch weigerte sich dieser 'brilliante Marxist-Leninist', eine Entscheidung der MLOB (Marxist-Leninist Organisation of Britain = Marxistisch Leninistische Organisation Großbritanniens) zu akzeptieren, dass er als Sekretär abgelöst werden sollte, woraufhin er Name, Kasse und Druckmaschine der MLOB unterschlug.

 

Du lässt durchblicken, dass es sich hier

 

„ ... nicht um politische Dinge handelt“

(Dein Brief, S. 4, Abs. 2).

 

sondern um eine

 

„organisatorische Frage.“

(Dein Brief, ebenda).

 

Ich kann mich jedoch an keine Meinungsverschiedenheiten über das, was du 'politische Dinge' nennst, erinnern. Dennoch ist der demokratische Zentralismus nicht nur eine bloße organisatorische Frage, sondern ein grundlegendes Prinzip des Marxismus-Leninismus:

 

„Damit eine Partei angemessen arbeiten kann, ... ,muss sie nach dem Prinzip des Zentralismus aufgebaut sein, muss sie einheitliche Regeln und eine einheitliche Parteidisziplin besitzen ...; muss sich die Minderheit der Mehrheit unterordnen und die niederen den höheren Organisationen.“

('Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Bolschewiki; Kurzer Lehrgang', Moskau 1939, S. 49).

 

Du streitest nicht nur meine Aussage ab, dass

 

„ ... sich Baker nach der Spaltung der MLOB aus der politischen Arbeit zurückgezogen hat“

(Dein Brief, S. 4, Abs. 2).

 

sondern behauptest, dass diese Aussage eine bewusste Lüge sei:

 

„Wie du ganz sicher weißt, hat die MLOB eine ganze Reihe von vielversprechenden Arbeiten (nach der 'Spaltung') herausgebracht.“

(Dein Brief, ebenda).

 

Mir war davon nichts bekannt. Mir sind keinerlei Veröffentlichungen bekannt, die nach dem, was du 'Spaltung' nennst, herausgekommen wären. Mehrere Monate lang bin ich wöchentlich bei Colletts gewesen und mir wurde mitgeteilt, dass sie von der MLOB keine Materialien erhalten hatten.

 

Du jedoch fährst fort zu behaupten, dass

 

„ ... die MLOB später, als die Mitglieder sich vom Marxismus-Leninismus losgesagt hatten, aufgelöst wurde.“

(Dein Brief, S. 4, Abs. 2).

 

Was war also das Endergebnis von Bakers 'brilliantem Marxismus-Leninismus'? Die Auflösung der Organisation, bei deren Aufbau er die führende Rolle gespielt hat. Während die zweitklassigen Leute, von denen sich Baker getrennt hatte, weitermachten (als 'Communist League' - 'Kommunistischer Bund') mit der mühseligen Aufgabe, eine marxistisch-leninistische Partei aufzubauen, sagte sich der brilliante Marxist-Leninist vom Marxismus-Leninismus los!

 

Die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion

 

Du sagst:

 

„Ebenfalls falsch ist deine Behauptung, dass wir der Meinung seien, dass der Kapitalismus in der Sowjetunion erst sehr spät wieder hergestellt wurde.“

(Dein Brief, S. 4, Abs. 3).

 

Natürlich akzeptiere ich ohne Einschränkungen deine abgegebene Versicherung. Aber ich erinnere mich noch sehr lebhaft an deine vernichtende Kritik an meinem Buch 'Die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion' und war davon überzeugt, dass du dich auf den Inhalt meines Buches bezogst. Vielleicht hast du auch nur versucht, Kritik an seiner mangelnden literarischen Qualität zu üben.

 

Ein Grund für dieses Missverständnis kann darin begründet liegen, dass ich jahrelang von 'Stalinist Nucleus of India' kein Material mehr zugeschickt bekam - das ausgezeichnete Dokument, das du mir freundlicherweise zuschickest, ist von 1976! Was ist mit der 'SNI' passiert? Wurde sie aufgelöst, um zu demonstrieren, dass du ein genauso 'brillianter' Marxist-Leninist bist wie der Renegat Baker?

 

Dichtung?

 

Du umschreibst unsere Ansicht, dass zeitweilig eine Mehrheit in der Führung der KI und KPdSU eine Politik vertrat, die von marxistisch-leninistischen Prinzipien abwich, als

 

„Dichtung“

(Dein Brief, S. 1, Abs. 3).

 

Es bleibt dir überlassen, die Rationalität abzulehnen, aber Marxisten-Leninisten tun es nicht. Sie versuchen, rationale Erklärungen für Fakten wie die folgenden zu finden:

 

„1. dass Stalins vorher häufige Beiträge zu den Debatten der Kommunistischen Internationale 1927 aufhörten;

(Josef W. Stalin, 'Werke', Band 9, Moskau 1954, S. X).

 

2. dass die Veröffentlichung der 'Werke' Stalins in der Sowjetunion 1949 - vier Jahre vor seinem Tod - mit Band 13 (der den Zeitraum bis Januar 1934 abdeckte) eingestellt wurde, obwohl ursprünglich 16 Bände vom Zentralkomitee der KpdSU angekündigt worden waren;

 

3. dass Stalin im Oktober 1952, schon einige Zeit vor seinem Tode, von seiner Funktion als Generalsekretär des Zentralkomitees entbunden und zu einem einfachen Sekretär herabgestuft wurde: 'Nach dem 11. Parteitag am 3. April 1922 wählte das Plenum des Zentralkomitees auf Antrag W. I. Lenins Stalin zum Generalsekretär des Zentralkomitees der Partei. Stalin hatte dieses Amt bis Oktober 1952 inne und von dann ab bis zum Ende seines Lebens war er Sekretär des Zentralkomitees.'

('Entsiklopeditscheski Slawar', Enzyklopädisches Wörterbuch, Band 3, Moskau 1955, S. 310, 'COMpass', Nr. 116, Januar 1995, S. 3).

 

Diese Fakten bestätigen unsere Hypothese, dass, als diese Entscheidungen getroffen wurden,

 

„ ... die Mehrheit der führenden Politiker entweder revisionistische Verschwörer waren oder Leute, die von Zeit zu Zeit dazu gebracht werden konnten, revisionistische Positionen zu unterstützen."

('COMpass', Nr. 116, Januar 1995, S. 3).

 

Wenn jedoch diese Hypothese, wie du behauptest, 'Dichtung' ist, dann müssen diese Maßnahmen mit Stalins Einverständnis getroffen worden sein und daraus folgt zwingend, dass Stalin gegen Ende seines Lebens zu dem Ergebnis gekommen war, dass seine Werke es nicht wert waren, veröffentlicht zu werden und dass er selbst nicht geeignet war, an der Spitze der Sowjetunion zu stehen!

 

Ich meine, dass du, um diese Schlussfolgerung zu umgehen, dich genötigt fühltest, die Rationalität zu verwerfen und zur Irrationalität des sich im Verfall befindlichen Kapitalismus Zuflucht zu nehmen.

 

Mir ist bewusst, dass der Druck auf einen Marxisten-Leninisten an einer bürgerlichen Universität sehr stark ist. Dieser Druck wird zwar selten so direkt ausgeübt, dass sich dies offen auf Beförderungsaussichten auswirkt, aber dennoch ist er tatsächlich vorhanden. Ich erinnere mich an einen Freund von mir namens Ron Meek. In Neuseeland war er ein unerschütterliches Mitglied der KP Neuseelands. Dann erhielt er eine höhere Stellung an einer britischen Universität. Wir behielten Verbindung und trafen uns regelmäßig. Aber nach wenigen Monaten sagte er bereits: 'Ja natürlich war das Werk von Marx 'von historischer Bedeutung', aber seine Analyse der kapitalistischen Gesellschaft war 'zu stark vereinfacht' und 'einseitig'. Einige Monate darauf war Meek ganz aus der Partei ausgetreten. Aber selbst er ging nie so weit, die rationale Überlegung zugunsten des Obskurantismus und der Sophistik zu verwerfen.

 

Schlussfolgerung

 

Ich bin frei von Größenwahn und falls irgendwelche Punkte in deinem Brief in mir den leisesten Zweifel hervorgerufen hätten, dann wäre ich gerne bereit gewesen, dies in der CL (Communist League - Übers.) anzusprechen, um Änderungen an unserer Linie vorzuschlagen und um Selbstkritik zu üben. Ich kann jedoch nichts in deinem Brief entdecken, das einen solchen Schritt gerechtfertigt erscheinen lassen würde.

 

Es tut mir Leid, dass dieser Brief so lang geworden ist. Der Grund liegt einfach in meinem großen Respekt vor deiner Vergangenheit und in meiner Befürchtung, dass du in opportunistischer Weise einem bestimmten Druck nachzugeben scheinst.

 

Zum Schluss möchte ich mich für deinen medizinischen Ratschlag bedanken. Tatsächlich habe ich nicht die Absicht, in nächster Zeit zu sterben, um nicht den üppigen Festschmaus auf Haris Beerdigung zu verpassen! Hardial Bains versichert mir, dass seine entzündeten Fußballen vollständig durch den Sikh-Mystizismus geheilt wurden. Wenn ich also dein Rezept über den NHS (National Health Service - staatliche britische Krankenversicherung) erstattet kriege, werde ich es bestimmt einmal damit versuchen, besonders jetzt, da ich erfahren habe, dass Michael Jackson Sarbal Serrulata nimmt, wenn ihm das Ecstasy ausgegangen ist!

 

Mit herzlichen solidarischen Grüßen,

W.B. Bland