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W.B. Bland
Revisionismus in Deutschland
Teil eins: bis 1922
Erschienen in: COMpass -theoretisches Organ der Communist League
of Britain, Januar 1977
Einführung
Nach Erscheinen einer Reihe von Berichten zu der Entwicklung des Revisionismus inner-
halb der internationalen kommunistischen Bewegung, beschäftigt sich der folgende Bericht
mit Deutschland in der Zeit bis Ende 1922.
Zu den wichtigeren Aspekten, die in diesem Bericht abgehandelt werden, gehören u.a.:
1. Der Einfluss von Rosa Luxemburg auf die Kommunistische Partei Deutschlands in ihren
frühen Jahren, deren Ideen zu einer ganzen Reihen von politischen Fragen denen Leo Trotz-
sehr verwandt waren;
2. Die Gegnerschaft der KPD, unter dem Einfluss der antisowjetischen Ansichten Luxem-
burgs, zur Bildung der Kommunistischen Internationale;
3. Die starken 'linken' Strömungen in der Führung der KPD in ihren frühen Jahren, die zum
Ausdruck kamen in der Weigerung, in den Massengewerkschaften zu arbeiten, in ihrem Boy-
kott der Wahlen zur Konstituierenden Versammlung im Jahre 1919, in ihrem anfänglichen
Widerstand, dem Kapp-Putsch 1920 entgegenzutreten, in ihrer Übernahme der 'Theorie der
allgemeinen revolutionären Offensive' sowie in der Umsetzung dieser Theorie im Rahmen
der 'März-Aktion' im Jahre 1921;
4. Die unter dem Einfluss von Leo Trotzki 1921 erfolgte Übernahme des rechts-revisionisti-
schen Konzeptes durch die Kommunistische Internationale, dass eine 'Arbeiterregierung' -
eine Koalitionsregierung aus Kommunisten und sozialdemokratischen Parteien - die die
'Interessen der Arbeiterklasse' repräsentiere, durch parlamentarische Mittel gebildet werden
und dazu übergehen könne, die Kontrolle der Produktion zu übernehmen und den kapitalis-
tischen Staat in einen 'Arbeiterstaat' zu verwandeln.
1871 bis 1917
Der deutsche Einheitsstaat entstand im Januar 1871 durch die militärische Aktion der
adeligen Landbesitzer Preußens (der Junker) unter der Führung von Graf Otto von Bismarck.
Die Bourgeoisie unterstützte diese Bewegung, führte sie jedoch nicht an.
Formell war das Zweite Deutsche Reich ( Kaiserrreich) - das Erste Reich war das mittel-
alterliche Heilige Römische Reich - ein Bundesstaat, der vier Königreiche (Preußen, Bayern,
Sachsen und Württemberg), sechs Großherzogtümer, fünf Herzogtümer, sieben Fürstentü-
mer, drei 'freie Städte' und das 'Reichsland' von Elsass-Lothringen umfasste.
Aufgrund der Art seines Zustandekommens war der neue Staat jedoch eine Autokratie, wel-
che viele Merkmale eines feudalen Staates beibehielt, der von den preußischen Junkern
beherrscht wurde und in dem das Wahlrecht auf die Bessergestellten beschränkt war. Diese
herrschende Klasse war eng mit dem Offizierskorps der deutschen Armee (im Wesentlichen
die preußische Armee) sowie mit dem Königshaus verbunden (der König von Preußen war
nach der Verfassung der Kaiser von Deuschland). Der Kaiser war der oberste Befehlshaber
der Armee sowie der Marine. Das Parlament (Reichstag) ging aus allgemeinen Wahlen her-
vor - wobei nur die Männer das Wahlrecht besaßen - seine Rolle jedoch war im Wesentli-
chen nur eine 'beratende'.
Zu dieser Zeit existierte kein deutsches Kabinett. Der einzige Minister war der Reichskanz-
ler, der vom Kaiser ernannt wurde und gleichzeitig preußischer Ministerpräsident war. Der
Reichskanzler - Bismarck bis März 1890 - ernannte die Spitzen der Regierungsbehörden und
hatte den Vorsitz im Bundesrat.
Die erste Partei in Deutschland, die den Anspruch besaß, die Interessen der Arbeiterklasse
zu vertreten, war der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein - ADAV, der im Mai 1863 unter der
Führung von Ferdinand Lassalle gebildet wurde.
Wie Marx und Engels richtig erkannten, hatte Lassalle mit Bismarck eine Vereinbarung ge-
troffen, derzufolge er sich verpflichtet hatte, die Arbeiterklasse in ein Bündnis mit den preu-
ßischen Landbesitzern einzubringen, in eine
" ...Allianz mit absolutistischen und feudalen Gegnern der Bourgeoisie", ...
(K. Marx, 'Kritik des Gothaer Programms', in: 'Ausgewählte Werke', Band 2, London,
1943, S. 570).
...so dass
" ...Lassalles Organisation nichts anderes ist als eine sektiererische Organisation
und als solche der Organisierung der echten Arbeiterbewegung feindlich gegenüber-
steht."
(K. Marx, Brief an A. Bolte, 23. November 1871, in: ebenda, S. 616f.).
Unter diesen Umständen wurde im August 1869 eine rivalisierende Partei gegründet, die den
Anspruch erhob, die Interessen der Arbeiterklasse zu vertreten - die Sozialdemokratische
Arbeiterpartei (SDAP) unter der Führung von Wilhelm Liebknecht und August Bebel - eine
Partei, die von Marx und Engels beeinflusst wurde.
Im Mai 1875 schlossen sich die beiden Parteien auf dem Vereinigungsparteitag in Gotha
zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD) zusammen. Der Wunsch der Füh-
rer der SDAP nach Vereinigung mit dem ADAV war so stark, dass sie dem opportunisti-
schen Programm, das auf dem Parteitag verabschiedet wurde (bekannt unter dem Namen
'Das Gothaer Programm') zustimmten. Es war eine Mischung aus lassallschen und entstell-
ten marxistischen Ideen, wobei die ersten dominierten und wurde stark von Marx kritisiert,
der es beschrieb als
" ...ein durch und durch ablehnenswertes Programm, das geeignet ist, die Partei zu
demoralisieren. ...Das Programm taugt nichts, auch was die Teile, die nicht Las-
salles Glaubensartikel heiligsprechen, angeht."
(K. Marx, Brief an Wilhelm Bracke, 5. Mai 1875, in: ebenda, S. 552).
Auch Engels bemerkte, dass
"dieses Programm ...solcher Natur ist, dass falls es verabschiedet wird, Marx und
ich niemals der neuen Partei, die auf dieser Grundlage errichtet wird, unsere Unter-
stützung geben können und uns ernsthaft überlegen müssen, welche unsere Halt-
ung ihr gegenüber - auch in der Öffentlichkeit - zu sein habe."
(F. Engels: Brief an A. Bebel, 18.-28. März, 1875, in: K. Marx, ebenda, S. 593).
Zwei Anschläge auf das Leben des Kaisers im Mai und Juni 1878 lieferten im Oktober des
Jahres den offiziellen Vorwand für die Verabschiedung eines Anti-Sozialistengesetzes, das
alle sozialistischen Parteien, ihre Zeitungen und ihre Treffen verbot. Diese repressive Ge-
setzgebung wurde in regelmäßigen Abständen solange erneuert, bis mit dem wachsenden
Einfluss der kapitalistischen Klasse beim Amtsantritt von Wilhelm II als Nachfolge des Kai-
sers im Jahre 1888, die Behörden entschieden, die Politik der versuchten Unterdrückung der
Arbeiterpartei durch eine Politik zu ersetzen, die darauf abzielte, diese in ein Instrument der
herrschenden Klasse in der Arbeiterschaft zu verwandeln. Bismarck musste als Reichskanz-
ler 1890 zurücktreten und die antisozialistische Gesetzgebung wurde fallengelassen.
Die langen Jahre der Repression hatten jedoch viele Illusionen über den Charakter des Staa-
tes zerstört und die einfachen Mitglieder (der sozialdemokratischen Partei - Übers.) für re-
volutionäres Gedankengut empfänglich gemacht. Das Ergebnis war, dass das Parteipro-
gramm, das vom Zweiten Parteitag, der im Oktober 1891 in Erfurt stattfand, verabschiedet
wurde, deutlich marxistische Züge trug. Auf diesem Parteitag wurde der Name der Partei in
Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) geändert.
Mit der Aufkommen des deutschen Monopolkapitalismus im letzten Jahrzehnt des 19. Jahr-
hunderts initiierte der führende sozialdemokratische Politiker Eduard Bernstein eine Bewe-
gung, die zum Ziel hatte, den Marxismus durch die Beseitigung seines revolutionären Inhalts
zu revidieren.
Obwohl der Revisionismus theoretisch auf dem Dresdner Parteitag 1903 zurückgewiesen
wurde, entwickelte sich die Partei in der Praxis zunehmend in die revisionistische Richtung.
Das wurde am deutlichsten an der Haltung der SPD-Führer, die in der Gewerkschaftsbewe-
gung wichtige Positionen innehatten. Unter ihrem Einfluss wurden die Gewerkschaften immer
weniger zu Organen des Kampfes der Arbeiterklasse und in zunehmenden Maße Instrumen-
te der Monopolkapitalisten, um friedliche 'sozialpartnerschaftliche Beziehungen' zu entwick-
eln.
Unter diesen Umständen wuchs die Mitgliederzahl der SPD von 348.000 im Jahre 1906 auf
1.1 Millionen 1914 an. Zu dieser Zeit war sie die stärkste Partei im Reichstag mit 110 Abge-
ordneten und gab 110 Tageszeitungen heraus, mit dem 'Vorwärts' an der Spitze, der in Ber-
lin erschien.
Als sich die Wolken des ersten imperialistischen Krieges zusammenzuziehen begannen,
nahm der Siebte Kongress der Zweiten Internationale in Stuttgart im August 1907 eine von
Lenin und Rosa Luxemburg eingebrachte Resolution an - letztere vertrat damals die polni-
schen Sozialdemokraten - , welche an die Sozialisten appellierte,
" ...alle Anstrengungen zu unternehmen, um den Ausbruch des Krieges durch die-
jenigen Mittel, die am wirkungsvollsten anzusehen sind, zu verhindern ...
Für den Fall, dass der Krieg ausbricht, ist es ihre Pflicht, sich für seine sofortige
Beendigung einzusetzen und mit allen Kräften unter Ausnutzung der wirtschaftli-
chen und politischen Krise, die durch den Krieg hervorgerufen wurde, die Massen
zu mobilisieren und dadurch den Sturz der kapitalistischen Klassenherrschaft zu
beschleunigen."
(Resolution des Siebten Internationalen Sozialistenkongresses, zitiert nach:
W. I. Lenin, 'Ausgewählte Werke', Band 18, London, 1930, S. 468).
Die Stuttgarter Anti-Kriegsresolution wurde auf einem außerordentlichen Kongress der
Zweiten Internationale, der in Basel im November 1912 abgehalten wurde, bestätigt. Im
Manifest hieß es außerdem:
"Mit Genugtuung registriert der Kongress die vollständige Einmütigkeit der sozia-
listischen Parteien und der Gewerkschaften aller Länder im Krieg gegen den
Krieg."
(Manifest des Außerordentlichen Internationalen Sozialistenkongresses, zitiert
nach: W. I. Lenin, ebenda, S. 469).
Als jedoch am 4. August 1914 der deutsche Reichskanzler Theobald von Bethmann-Holl-
weg im Reichstag verkündete, dass deutsche Truppen in Belgien einmarschiert seien,
stimmten die SPD-Abgeordneten für die Bewilligung der Kriegskredite für einen 'Krieg zur
nationalen Verteidigung'.
Am gleichen Abend organisierte Rosa Luxemburg eine Handvoll linksgerichteter Freun-
de zu dem Kern, der kurzer Zeit darauf 'Internationale Gruppe' genannt wurde, um die
Linie der Opposition gegen den Krieg, die auf internationaler Ebene in Stuttgart und
Basel gebilligt worden war, fortzusetzen. Der Gruppe schloss sich schon bald der SPD-
Abgeordnete Karl Liebknecht an, der sehr schnell seine Zustimmung zu den Kriegskre-
diten bereute. Als dann die zweite Vorlage zur Bewilligung der Kriegskredite vor den
Reichstag kam, stimmte Liebknecht gegen sie.
Im Januar 1915 begann die Internationale Gruppe damit, eine Serie von Rundschreiben
herauszubringen, in denen sie den Charakter des Krieges sowie den Verrat der Führung
der SPD wegen ihrer Unterstützung des Krieges entlarvte.
Im April 1915 veröffentlichte sie die erste und einzige Ausgabe der Zeitschrift 'Die Inter-
nationale' unter der redaktionellen Leitung von Franz Mehring. Sie wurde umgehend ver-
boten und Mehring inhaftiert.
In dem Bemühen, die wachsende Unterstützung, die die Internationale Gruppe unter den
politisch bewussteren Arbeitern gewann, zu kontrollieren, nahm eine Gruppe führender
Mitglieder der SPD, angeführt von Karl Kautsky, Hugo Haase und Eduard Bernstein, im
Juni 1915 eine zentristische Position in Bezug auf den Krieg ein und brachte ein Mani-
fest unter dem Titel 'Die Forderung der Stunde' heraus, in dem behauptet wurde, dass
der Krieg seinen Charakter gewandelt haben könnte von einem 'Krieg der nationalen Ver-
teidigung' hin zu einem Krieg der Eroberungen, so dass Sozialdemokraten ihre Haltung
der Unterstützung möglicherweise ändern müssten.
Im September 1915 wurde eine internationale Konferenz sozialistischer Parteien und Grup-
pierungen, die gegen den Krieg waren, in Zimmerwald (Schweiz) auf Anregung der italieni-
schen und der schweizer sozialdemokratischen Partei abgehalten. Zur bolschewistischen
Delegation gehörte auch Lenin, der damals in der Schweiz lebte und zur deutschen Georg
Ledebour (der mit der unter der Führung von Kautsky gegründeten zentristischen Gruppe
in Verbindung gebracht wurde). Hinzukamen zwei Anhänger der Internationalen Gruppe
sowie zwei Mitglieder einer kleineren Gruppe, die den Namen 'Internationale Sozialisten
Deutschlands' trug und von Karl Radek geführt wurde.
Auf der Konferenz konnte man sich auf keine gemeinsame Haltung zum Krieg einigen und
auch Lenins Aufruf, den Krieg in einen Bürgerkrieg gegen 'die eigenen' Imperialisten umzu-
wandeln, wurde von der Mehrheit der Delegierten abgelehnt. Da die zentristischen Gruppen
auf der Konferenz in der Mehrheit waren, billigte sie nur ein Manifest, das Kompromiss-
charakter trug und das die Sozialisten dazu aufrief,
" ...diesen Kampf für ... einen Frieden ohne Gebietsabtretungen oder Kriegsent-
schädigungen" und ...
" ...für das heilige Ziel des Sozialismus, für die Befreiung der unterdrückten Na-
tionen sowie für die der versklavten Klassen durch den unversöhnlichen proletari-
schen Klassenkampf aufzunehmen."
(Manifest der Internationalen Sozialistenkonferenz in Zimmerwald, zitiert nach:
W. I. Lenin, in: ebenda, S. 475).
Die Konferenz von Zimmerwald gründete ein Internationales Sozialistisches Komitee
mit Sitz in Bern, Schweiz.
Im Januar 1916 änderte die Internationale Gruppe ihren Namen und nannte sich fortan
'Spartacus-Gruppe' nach dem Führer einer römischen Sklavenrevolte.
Als die sechste Gesetzesvorlage für die Bewilligung neuer Kriegskredite im März 1916
vor den Reichstag kam, stimmten 18 Abgeordnete, die zur SPD-Mitte und zur Linken
in der SPD gehörten, dagegen und 14 weitere enthielten sich der Stimme. Die rechtsge-
richtete Führung der SPD schloss daraufhin die 18 Abgeordneten, die gegen die offizi-
elle Politik der Partei gestimmte hatten, aus der Parlamentsfraktion aus. Diese Gruppe
formierte sich dann als neue parlamentarische Fraktion unter dem Namen 'Sozialdemo-
kratische Arbeitsgemeinschaft'. Die Spartacus-Gruppe bildete den linken Flügel inner-
halb dieser Arbeitsgemeinschaft.
Im April 1916 wurde eine zweite internationale Konferenz sozialistischer Parteien und
Gruppierungen, die gegen den Krieg waren, in Kienthal in der Schweiz abgehalten.
Die deutsche Vertretung bestand aus vier Zentristen, zwei Spartakisten und einem Ver-
treter einer kleineren Gruppe - der Bremer Linken. Erneut waren die Zentristen in der
Mehrheit und die angenommenen Resolutionen trugen Kompromisscharakter. Dennoch
waren die Kienthal-Resolutionen in gewisser Weise verbindlicher als die von Zimmer-
wald und hinzukam, dass die Konferenz in scharfer Form die Führer der Zweiten Inter-
nationale kritisierte, ohne allerdings den Bruch mit der Rechten zu verlangen.
Nach den erfolgreichen militärischen Operationen an der Ostfront im August 1916 wurde
Feldmarschall Paul von Hindenburg zum Generalstabschef ernannt und General Erich
von Ludendorff stieg auf zum Generalquartiermeister. Obwohl jedoch Ludendorff Hinden-
burg untergeordnet war, entwickelte er sich nicht nur im Militär, sondern auch im zivilen
Bereich zur beherrschenden Figur und war in den letzten beiden Jahren des Krieges
faktisch Chef einer deutschen Militärdiktatur.
Im Januar 1917 beschloss der Parteivorstand der SPD, der von rechten Sozialchauvi-
nisten beherrscht war, dass eine Opposition gegen den Krieg mit einer Mitgliedschaft
in der Partei unvereinbar sei. Daraufhin wurde im April in Gotha eine Konferenz von Zen-
tristen und linksgerichteten oppositionellen Mitgliedern abgehalten, auf der - gegen den
Widerstand von Kautsky und anderen zentristischen Führern - sich eine Mehrheit für
die Bildung einer neuen Partei, der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutsch-
lands (USPD) aussprach. Die Gründungskonferenz der USPD billigte die Resolutionen,
die in Zimmerwald und Kienthal verabschiedet worden waren, die Führung jedoch hielt
weiter an einem späteren Wiederanschluss an die SPD fest:
"Diese Partei hat Angst, die nötigen Konsequenzen zu ziehen, predigt 'Einheit'
mit den Sozialchauvinisten auf internationaler Ebene, betrügt weiter die Massen
der Arbeiter mit der Hoffnung, diese Einheit in Deutschland wiederherzustellen
und behindert die einzig richtige proletarische Taktik des revolutionären Kamp-
fes gegen die 'eigene' Regierung."
(W. I. Lenin, 'Die Stockholmer Konferenz', in: W. I. Lenin & J. W. Stalin, '1917 -
Ausgewählte Schriften und Reden', Moskau, 1938, S. 325).
Die Bildung der USPD, in der die Spartacus-Gruppe den linken Flügel bildete, war be-
gleitet von einem deutlichen Rückgang des Einflusses der SPD: Die Zahl der Mitglieder
ging von 243.000 im März 1917 auf 150.000 im September zurück, zu einer Zeit, als
die USPD nach eigenen Angaben 120.000 Mitglieder besaß.
Um 1917 gab es deshalb drei organisierte politische Strömungen in der deutschen Ar-
beiterbewegung, die Lenin so charakterisierte:
"Im Verlaufe der zweieinhalb Kriegsjahre hat die internationale sozialistische
und Arbeiterbewegung in jedem Land drei Strömungen hervorgebracht ...Diese
drei Strömungen sind folgende:
1) Die Sozialchauvinisten, d.h. Sozialisten in Worten und Chauvinisten in Taten;
Leute, die für die 'nationale Verteidigung' in einem imperialistischen Krieg sind
(und besonders im gegenwärtigen imperialistischen Krieg).
Diese Leute sind unsere Klassenfeinde. Sie sind auf die Seite der Bourgeoisie
übergegangen.
Sie umfassen die Mehrheit der offiziellen Führer der offiziellen sozialdemokrati-
schen Parteien in allen Ländern ...die Scheidemanns in Deutschlands ...
2) Die zweite Strömung ist die unter dem Namen 'Zentrum' bekannt gewordene,
die aus Leuten besteht, die zwischen den Sozialchauvinisten und den echten
Internationalisten hin und her schwanken.
All jene, die zum 'Zentrum' gehören, schwören, dass sie Marxisten und Interna-
tionalisten sind, ...dass sie für einen Frieden ohne Gebietsabtretungen sind usw.
...und für einen Frieden mit den Sozialchauvinisten. Das 'Zentrum' ist für 'Einheit',
das 'Zentrum' ist gegen eine Spaltung ...
Tatsache ist, dass das 'Zentrum' nicht davon überzeugt ist, dass eine Revolution
gegen die eigene Regierung eine Notwendigkeit ist. Es tritt nicht für die Revolu-
tion ein.
Aus historischer und ökonomischer Sicht kann man sagen, dass sie (die Zentris-
ten - Verf.) keine eigene Kraft sind, sondern einen Übergang von einer zurücklie-
genden hin ... zu einer neuen Phase verkörpern, eine Phase, die objektiv gesehen
mit dem Ausbruch des ersten imperialistischen Weltkrieges notwendig wurde, der
die Ära der sozialistischen Revolution eröffnete.
Der wichtigste Führer und Vertreter des 'Zentrums' ist Karl Kautsky, ...
3) Die dritte Strömung, die wahrhaften Internationalisten, vertritt am getreuesten die
'Zimmerwalder Linke' . ...
Sie zeichnet sich hauptsächlich dadurch aus, dass sie vollständig nicht nur mit dem
Sozialchauvinismus, sondern auch mit dem 'Zentrismus' gebrochen hat und durch
ihren schonungslosen Kampf gegen die eigene imperialistische Regierung sowie
gegen ihre eigene imperialistische Bourgeoisie. ...
Die herausragendste Vertreterin dieser Strömung in Deutschland ist die Spartacus-
Gruppe oder die Internationale Gruppe, zu der Karl Liebknecht gehört. ...
Eine weitere Gruppe von wahrhaften Internationalisten in Deutschland hat sich um
die Bremer Zeitung 'Arbeiterpolitik' gebildet."
(W. I. Lenin, 'Die Aufgaben des Proletariats in unserer Revolution', in, 'Ausgewählte
Werke', Band 6, London, 1946, SS. 63-66, 67).
Die russische bürgerlich demokratische Revolution vom März 1917, gefolgt von der Bildung
der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei im April, zwang die deutschen Imperialis-
ten, einige Scheinzugeständnisse an die Emotionen zu machen, die im wachsenden Ein-
fluss der USPD zum Ausdruck kamen. Diese Manöver wurden angeführt von Mathias Erz-
berger, dem Führer des liberalen Flügels der Zentrumspartei (bürgerlich-klerikale Partei -
Übers.), in der Hoffnung, dass Regierungsversprechen, nur noch einen 'defensiven' Krieg
ohne Gebiets- oder Wiedergutmachungsforderungen zu führen und eine demokratische Re-
form der preußischen Verfassung einzuführen, dazu beitragen könnten, den Einfluss der
rechtsgerichteten SPD-Führung in der Arbeiterschaft zu erhalten. Als Ergebniss dieser Ma-
növer versprach eine königliche Proklamation vom 12. Juli 1917 die Einführung des unmit-
telbaren, geheimen und gleichen Wahlrechts in Preußen und am 19. Juli nahm der Reichs-
tag mit 214 gegen 116 Stimmen seine berühmte demagogische 'Friedenserklärung' an, in
der erklärt wurde, dass
"der Reichstag sich um einen Verständigungsfrieden und um eine dauerhafte Ver-
söhnung der Nationen bemüht. Solch ein Frieden ist unvereinbar mit gewaltsamen
Annexionen von Gebieten oder mit anderen Gewaltmaßnahmen politischen, wirt-
schaftlichen oder finanziellen Charakters."
(Zitiert nach: K. A. Pinson, 'Modernes Deutschland. Seine Geschichte und Zivilisa-
tion', New York, 1966, S. 334).
Das Deutsche Oberkommando widersetzte sich vehement diesen Schritten. Ludendorff
forderte und erreichte den Rücktritt von Bethmann-Hollweg als Reichskanzler. Dieser wur-
de im Juli 1917 durch den Beamten Dr. Georg Michaelis ersetzt, der wiederum im Novem-
ber zugunsten von Graf Georg von Hertling, dem Führer des rechten Flügels der Zentrums-
partei, zurücktrat. Beide waren bereit, sich vollkommen dem Oberkommando unterzuord-
nen.
1918
Der Streik vom Januar 1918
Im Winter 1917/18 wurde die Anti-Kriegsstimmung unter den politisch bewussteren Arbei-
tern stark durch die sozialistische Revolution vom November 1917 in Russland angefacht
sowie durch den Aufruf der neuen sowjetischen Regierung für einen Frieden ohne Annexio-
nen und Reparationen.
Im Januar 1918 brachte eine Gruppe von militanten Vertrauensleuten, die mit der Unabhän-
gigen Sozialdemokratischen Partei in Verbindung gebracht und von Richard Müller ange-
führt wurde, ein Manifest heraus, das zu einem politischen Streik aller deutschen Arbeiter
für Frieden, mehr Brot, die Abschaffung des Kriegsrechts und die Errichtung einer 'parlamen-
tarischen Demokratie' aufrief. Der Streik begann am 28. Januar und mehr als eine Million
Arbeiter befolgten ihn. Jedoch schon nach einer Woche wurde er von den Streikführern wie-
der für beendet erklärt (gegen den Widerstand der Spartakisten), nachdem die Regierung
ihre Bereitschaft kundgetan hatte, eine Abordnung des Streikkomitees zu empfangen. Müller
wurde zum Militär eingezogen und die Führung der 'Revolutionären Vertrauensleute', wie sie
sich selbst nannten, ging auf Emil Barth, ein weiteres führendes Mitglied der USPD, über.
Die Bildung der Regierung Prinz Max von Baden
Im Frühjahr und Sommer des Jahres 1918 führte das Leiden, der Hunger und die Verluste
an Menschenleben in Folge des Krieges dazu, dass sich die Anti-Kriegsstimmung in wei-
ten Teile der deutschen Armee, der Arbeiterklasse und des Kleinbürgertums hinein ausbrei-
tete.
Gegen Ende September war eine Mehrheit im Oberkommando davon überzeugt, dass ein
deutscher Sieg nicht möglich war. Sie verlangte die Bildung einer 'breiter angelegten' Regier-
ung, die sofort in Verhandlungen mit den Alliierten eintreten sollte. Am 3. Oktober wurde
Prinz Max von Baden, ein Cousin des Kaisers (Wilhelm II - Übers.) zum Reichskanzler
ernannt und er ergriff sofort die Initiative zu Waffenstillstandsverhandlungen.
Die Kieler Revolte
Am 27. Oktober, während die Waffenstillstandsverhandlungen schon im Gang waren, gab
die Admiralität der Flotte den Befehl, in See zu stechen, um die britische Kriegsmarine an-
zugreifen. Die Kieler und Wilhelmshavener Matrosen verweigerten den Gehorsam. Die Ver-
haftung einiger dieser Matrosen in Kiel hatte am 3. November eine Massendemonstration
zur Folge, die von Soldaten beschossen wurde, die jedoch später auf die Seite der meutern-
den Matrosen übergingen. Diese befreiten ihre verhafteten Genossen, hissten die rote Fah-
ne und begannen damit, Matrosenräte in Anlehnung an die russischen Sowjets zu wählen.
Die bürgerlich demokratische Revolution
Die Bewegung der Revolte verbreitete sich von Kiel aus und erfasste ganz Deutschland.
In allen größeren Städten wurde bei Massenstreiks und auf riesigen Demonstrationen die
Abdankung des Kaisers und eine Demokratisierung des Landes gefordert. An allen Orten
übernahmen spontan gewählte Arbeiter- und Soldatenräte die Aufgaben der kommunalen
Verwaltungen. Die Soldaten und die Polizei machten sich entweder davon oder schlossen
sich den revolutionären Massen an. In Hamburg übernahmen Spartakisten die SPD-Zeitung
und tauften sie um in 'Die Rote Fahne'.
Die Kapitalisten sahen jetzt die Notwendigkeit, diese spontane revolutionäre Bewegung da-
zu zu benutzen, um die bürgerlich demokratische Revolution in Deutschland zu vollenden,
in der Hoffnung, dass durch die Opferung des Kaisers und die Annahme unbedeutender
Verfassungsreformen der revolutionäre Prozess im Rahmen der 'parlamentarischen Demo-
kratie' gehalten werden könnte. Sie hatten auch die Hoffnung, dass durch diese Maßnah-
men die von den Alliierten zu erwartenden Friedensbedingungen milder ausfallen würden.
Am 7. November traf sich Prinz Max von Baden heimlich mit dem Führer der sozialdemo-
kratischen Partei Friedrich Ebert und ließ sich von ihm versichern, dass die SPD alles
in ihren Kräften Stehende tun würde, um die 'Gefahr des Bolschewismus' zu bannen.
(Prinz Max von Baden, 'Memoiren', Band 2, London, 1928, S. 312). Der Reichskanzler
dazu später:
"Ich sagte mir, dass die Revolution dabei war zu siegen, dass sie nicht nieder-
geschlagen werden kann, aber vielleicht abgewürgt werden könnte. Jetzt ist es
Zeit mit der Abdankung, mit Eberts Ernennung zum Kanzler, mit einem Appell
an die Menschen, sich ihre eigene Verfassung in einer Verfassungsgebenden
Nationalversammlung zu geben. Wenn Ebert mir als Volkstribun durch die Mas-
sen präsentiert werden kann, haben wir die Republik; falls es Liebknecht ist,
haben wir auch den Bolschewismus. Aber sollte Ebert durch den Kaiser zum
Reichskanzler im Moment seiner Abdankung ernannt werden, ...dann könnte
es uns vielleicht gelingen, die revolutionäre Energie in die legalen Bahnen eines
Wahlkampfes zu kanalisieren."
(Prinz Max von Baden, ebenda, S. 351).
Wilhelm zögerte jedoch, den Thron aufzugeben und kurz vor der Mittagszeit am 9. No-
vember gab der Reichskanzler, ohne die Zustimmung des Kaisers abzuwarten, die fol-
gende Erklärung ab:
"Der Kaiser und König hat beschlossen, auf den Thron zu verzichten. Der Kanz-
ler bleibt solange im Amt, bis die Fragen im Zusammenhang mit der Abdank-
ung des Kaisers, dem Rücktritt des Kronprinzen des Deutschen Reiches und
Preußens sowie die der Einrichtung der Regentschaft geklärt sind. Er beab-
sichtigt der Regentschaft die Ernennung von Herrn Ebert für das Amt des Kanz-
lers vorzuschlagen und eine Gesetzesvorlage einzubringen, damit die rechtli-
che Grundlage für die sofortige Herausgabe eines Wahlerlasses für die Wahl
einer Deutschen Verfassungsgebenden Versammlung geschaffen wird."
(Zitiert nach: Prinz Max von Baden, ebenda, S. 353).
Der Kaiser begab sich sofort in sein holländisches Exil.
Der Zeitfaktor machte es unmöglich, die Anträge für die Ernennung eines Regenten zu
stellen, der dann seinerseits Ebert zum Kanzler ernennen würde und die Übergabe der
Kanzlerschaft von Prinz Max von Baden an Ebert blieb der einzige nicht verfassungskon-
forme Akt der Revolution von 1918.
Ebert gab sofort ein vage formuliertes Kommuniqué heraus, das er als 'Reichskanzler'
unterzeichnet hatte, in dem er erklärte, dass
"die neue Regierung eine Regierung des Volkes sein wird. Ihr Anliegen besteht
darin, dem deutschen Volk so schnell wie möglich den Frieden zu bringen und
die Freiheit, die es erlangt hat, fest zu verankern. ...
Mitbürger! Ich richte die dringende Bitte an Euch, sofort die Straße zu verlassen
und Ruhe und Ordnung zu bewahren!"
(Zitiert nach: K. S. Pinson, 'Modernes Deutschland. Seine Geschichte und Zivi-
lisation', New York, 1966, S. 362).
In der Zwischenzeit hatte Karl Liebknecht im Auftrag der Spartakisten um vier Uhr nach-
mittags über dem königlichen Palast die rote Fahne gehisst und vor einer begeisterten
Menge verkündet, dass Deutschland eine sozialistische Republik sein werde.
Am 10. November fand ein Geheimtreffen zwischen Ebert und General Wilhelm Groener
statt, der das Oberkommando vertrat, auf dem Ebert die volle Unterstützung der Armee
'für die Verhinderung der Ausbreitung des terroristischen Bolschewismus' erhielt. (D. Groe-
ner-Geyer, 'General Groener. Soldat und Staatsmann', Frankfurt, 1955, SS. 190-201).
Die Versammlung der Berliner Arbeiter- und Soldatenräte
Am jenem Abend (des 10. November) trafen sich etwa 3.000 Mitglieder der Arbeiter- und
Soldatenräte im 'Zirkus Busch', einer großen Halle in Berlin. Sie verabschiedeten eine
Resolution, wonach Deutschland eine 'sozialistische Republik' sei und die Macht in den
Händen der Arbeiter- und Soldatenräte liegen solle. Es wurde darin dazu aufgerufen, die
Produktionsmittel zügig zu vergesellschaften und mit stolz werde man dem Beispiel der
Russischen Revolution folgen und diplomatische Beziehungen mit Sowjetrussland auf-
nehmen.
Sie wählten einen 'Vollzugsrat', der äußerlich dem in Sowjetrussland entsprach, und sich
aus 14 Arbeitern und 14 Soldaten zusammensetzte; die Hälfte kam aus der SPD, die an-
dere aus der USPD. Sie wählten auch ein neues Kabinett, das sich in Anlehnung an das
in Sowjetrussland 'Rat der Volksbeauftragten' nannte mit jeweils drei Mitgliedern aus SPD
und USPD, wobei Ebert von der SPD den Vorsitz führte.
Die Gründung des Spartakusbundes
Auf einer Konferenz im Berliner Excelsior am 11. November 1918 änderte die Spartakus-
gruppe ihren Namen und nannte sich fortan 'Spartakusbund'.
Die Konferenz wählte eine Zentrale mit folgenden Mitgliedern: Willi Budich, Hermann Dun-
cker, Käte Duncker, Hugo Eberlein, Leo Jogiches, Paul Lange, Paul Levi, Karl Liebknecht,
Rosa Luxemburg, Franz Mehring, Ernst Meyer, Wilhelm Pieck und August Thalheimer.
Die ersten Dekrete des 'Rats der Volksbeauftragten'
Am 12. November schaffte der 'Rat der Volksbeauftragten' Kriegsrecht und Zensur zusam-
men mit den kriegsbedingten Arbeitseinsätzen ab; er amnestierte alle politischen Gefan-
genen und führte das Arbeitslosengeld ein. Auf der anderen Seite teilte er dem Oberkom-
mando mit, dass er die Befehlsgewalt des Offizierskorps über die Streitkräfte anerkenne
und erklärte, dass die Soldatenräte ihre wichtigste Aufgabe darin sehen würden, die mili-
tärische Disziplin aufrechtzuhalten.
Am 18. November setzte diese Regierung eine Kommission unter der Führung von Karl
Kautsky ein, um zu untersuchen, welche Industriebereiche 'für die Verstaatlichung reif'
seien.
Der erste Nationalkongress der Arbeiter- und Soldatenräte
Am 16. Dezember 1918 traf sich der 'Erste Nationalkongress der Arbeiter- und Soldaten-
räte' in Berlin. Das Treffen dauerte fünf Tage. An ihm nahmen 489 Delegierte teil, von
denen 291 (60%) zur SPD gehörten, 90 (20%) zur USPD und nur 10 (2%) zu den Sparta-
kisten. Weder Karl Liebknecht noch Rosa Luxemburg waren als Delegierte gewählt wor-
den.
Das Organisationskomitee für den Kongress hatte eine sowjetische Delegation eingela-
den, die jedoch an der Grenze auf Anordnung des 'Rats der Volksbeauftragten' wieder
umkehren musste.
Max Cohn-Reuss, der für die SPD sprach, warnte den Kongress davor, den Versuch zu
unternehmen, die 'parlamentarische Demokratie' durch eine Regierung der Arbeiter- und
Soldatenräte zu ersetzen, da dies 'unweigerlich den Bürgerkrieg zur Folge' haben würde.
Seine Resolution, derzufolge die Zukunft der Arbeiterräte nur im wirtschaftlichen, nicht
aber im politischen Bereich liegen würde, und dass die Räte ihre 'Macht' auf den 'Rat der
Volksbeauftragten' übertragen sollten, wurde von 400 gegen 50 Stimmen angenommen.
Im weiteren Verlauf legte der Kongress den Wahltermin für die Wahlen zur Verfassungs-
gebenden Versammlung auf den 19. Januar 1919 fest.
Am dritten Tag des Kongresses legte der Vorsitzende des Hamburger Soldatenrates,
ein SPD-Mitglied namens Lampl, Forderungen der Soldaten auf den Tisch, die als 'Ham-
burger-Punkte' bekannt wurden. Sie beinhalteten Forderungen wie die, dass der Oberbe-
fehl für die Streitkräfte vom Oberkommando auf den 'Rat der Volksbeauftragten' überge-
hen sollte; dass alle Rangabzeichen abgeschafft werden, die Soldatenräte für die militä-
rische Disziplin zuständig sein und sämtliche Offiziere von den Mannschaften gewählt
werden sollten.
Ein neuer Zentraler Arbeiter- und Soldatenrat wurde gebildet, um den Vollzugsrat (der
überwiegend für Berlin repräsentativ gewesen war) abzulösen. Als beschlossen wurde,
dass die Aufgaben dieses Zentralrates bloß beratender Natur sein sollten, wurde er
von den USPD-Leuten boykottiert, so dass nur noch die SPD-Mitglieder in ihm vertreten
waren.
Am 20. Dezember erschien eine Abordnung des Oberkommandos vor dem 'Rat der
Volksbeauftragten' , die aus Wilhelm Groener und Kurt von Schleicher bestand, und mach-
te starke Einwände gegen die Hamburger Punkte geltend. Ihnen wurde versichert, dass
sie nicht verwirklicht werden würden.
Gegen Ende des Kongresses wurde deutlich, dass das Ziel der deutschen Kapitalisten,
die kapitalistische Gesellschaft durch das Instrument der Sozialdemokratischen Partei
Deutschlands zu retten, zumindest für den Moment erreicht worden war.
Die Beschießung des königlichen Palastes
In der Nacht vom 23. auf den 24. Dezember 1918 nahmen Matrosen der Volksmarine-
abteilung, deren Sold nicht ausgezahlt worden war, Otto Wels (SPD), den Komman-
danten von Berlin, gefangen und hielten ihn im königlichen Palast, wo sie sich ein-
quartiert hatten, als Geisel fest.
Ebert gab der Armee die Erlaubnis, Wels zu befreien und Truppen unter dem Befehl von
Generalleutnant Arnold Lequis begannen, den Palast mit Granaten zu beschießen.
Später jedoch meuterten die angreifenden Truppen und es wurde ein Waffenstillstand
vereinbart. Den Matrosen wurde freies Geleit aus dem Palast zugesagt. Ihr rückständi-
ger Sold wurde ausgezahlt.
Am darauffolgenden Tag, am 1. Weihnachtsfeiertag, nahmen 30.000 Arbeiter und Sol-
daten, von Spartakisten angeführt, an einer Protestdemonstration gegen die Attacken
auf die Matrosen teil und besetzten das Gebäude der bedeutendsten SPD-Zeitung 'Vor-
wärts'. Die Redaktion wurde gezwungen, einen ganzseitigen Artikel auf der ersten Seite
zu veröffentlichen, in dem die Ebert-Regierung verurteilt wurde.
Der Rücktritt der USPD-Minister
Am 29. Dezember 1918 traten die USPD-Minister unter dem Druck ihrer Partei aus der
Regierung aus - aus Protest gegen die Attacke auf die Matrosen. Sie wurden durch Mit-
glieder der SPD ersetzt.
Die Gründung der Kommunistischen Partei
Am 29. Dezember beschloss eine geschlossene Sitzung des Spartakusbundes in Ber-
lin, aus der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei auszuscheiden und eine neue
Partei zu gründen.
Vom 30. Dezember 1918 bis 1. Januar 1919 wurde eine gemeinsame Konferenz mit
etwa 100 Delegierten des Spartakusbundes und der Internationalen Kommunisten
Deutschlands - einer kleinen sozialistischen Gruppe aus Bremen, die bis November 1918
den Namen 'Bremer Linksradikale' trug - im Saal der Preußischen Abgeordnetenkammer
abgehalten. Die Konferenz beschloss, sich zum Ersten Parteitag der Kommunistischen
Partei Deutschlands (Spartakusbund), KPD, zu konstituieren.
Karl Radek hielt eine Grußansprache als Delegierter der Russischen Kommunistischen
Partei und der Parteitag ließ Grüße an die Sowjetrepublik übermitteln.
Der Parteitag verurteilte die Ebert-Regierung als 'Todfeind des Proletariats'; er verurteilte
ebenso die Politik der Zweiten Internationale und rief zur Gründung einer neuen Interna-
tionale auf.
Rose Luxemburg legte das Parteiprogramm, größtenteils von ihr selbst verfasst, vor, das
bereits vorher in der 'Roten Fahne' vom 14. Dezember 1918 veröffentlicht worden war und
erklärte dazu:
"Die unmittelbare Aufgabe des Proletariats ist keine andere als die, ...den Sozialis-
mus zu errichten und den Kapitalismus mit Stumpf und Stiel auszurotten."
(Bericht zum Gründungsparteitag der Kommunistischen Partei Deutschlands,
Spartakusbund, Berlin, 1919, S. 25).
Das Programm enthielt eine ganze Reihe von Rosa Luxemburgs anti-marxistisch-leninis-
tischen Ansichten: Vertrauen auf die Spontaneität, Unterschätzung der führenden Rolle
der Partei, Überschätzung des Streiks als revolutionäre Waffe:
"Der Kampf für den Sozialismus kann nur von den Massen geführt werden. ...
Der Sozialismus kann nicht und wird nicht befohlen werden können. ...Und wel-
ches ist die Art des Kampfes für den Sozialismus? Es ist der Streik."
(Ebenda, S. 33).
Ganz im Mittelpunkt des Parteitags stand die Frage, ob die Partei sich an den bevorste-
henden Wahlen zur Verfassungsgebenden Nationalversammlung beteiligen sollte. Gegen
den Widerstand von Liebknecht und Luxemburg nahm der Parteitag mit 62 gegen 23 Stim-
men eine 'linke' Resolution an, die Wahlen zu boykottieren.
Dazu Lenin im April 1920:
"Entgegen den Ansichten von solch herausragenden politischen Führern wie Rosa
Luxemburg und Karl Liebknecht, betrachteten die deutschen 'Linken' den Parlamen-
tarismus im Januar 1919 als 'politisch überholt'. Es ist allgemein bekannt, dass die
'Linken' sich irrten."
(W. I. Lenin, 'Der 'linke' Radikalismus - die Kinderkrankheit des Kommunismus', in:
'Ausgewählte Werke', Band 10, London, 1946, S. 98).
Obwohl über die Frage nicht abgestimmt wurde, stimmte eine Mehrheit des Parteitags der
Parole 'Raus aus den Gewerkschaften!' zu, die von der 'linken' Fraktion um Otto Rühle und
Paul Fröhlich ausgegeben wurde.
Der Parteitag wählte folgende Zentrale:
Hermann Duncker, Käte Duncker, Hugo Eberlein, Paul Fröhlich, Leo Jogiches, Paul
Lange, Paul Levi, Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, Ernst Meyer, Wilhelm Pieck
und August Thalheimer.
Der Berliner Januar-Aufstand
Am 3. Januar 1919 folgten die USPD-Minister in der Preußischen Staatsregierung dem
Beispiel ihrer Kollegen in der Zentralregierung und traten zurück. Dadurch verblieb nur ein
einziges Mitglied der USPD mit einer wichtigen Funktion: Emil Eichhorn als Polizeichef von
Berlin. Später, am gleichen Tage, entließ der preußische Innenminister Eichhorn aus sei-
nem Amt.
Am Sonntag, dem 5. Januar, füllte eine riesige Demonstration gegen die Entlassung Eich-
horns, die gemeinsam von den 'Revolutionären Vertrauensleuten' und der Berliner Leitung
von USPD und KPD organisiert worden war, die Straßen der Berliner Innenstadt. Im Ver-
lauf des Nachmittags besetzte erneut ein Teil der Demonstranten die Büroräume des 'Vor-
wärts', welcher bis zum 11. Januar das Organ der revolutionären Berliner Arbeiter war.
An jenem Abend ( des 5. Januar - Übers.) trafen sich Vertreter der neugegründeten Kom-
munistischen Partei und der USPD zusammen mit den 'Revolutionären Vertrauensleuten'
und bildeten einen Revolutionsausschuss aus 33 Mitgliedern, der die Ebert-Regierung für
abgesetzt erklärte und zum bewaffneten Kampf aufrief, um die politische Macht der Arbeiter-
klasse zu errichten:
"Genossen! Arbeiter!
Die Regierung Ebert-Scheidemann ... wird durch den unterzeichnenden Revolu-
tionsausschuss aus Vertretern revolutionär sozialistischer Arbeiter und Soldaten
für abgesetzt erklärt.
Der unterzeichnende Revolutionsausschuss hat vorrübergehend die Aufgaben der
Regierung übernommen.
Genossen! Arbeiter!
Beteiligt Euch an den Aktionen des Revolutionsausschuss!"
(Zitiert nach: G. Ledebour, Hrsg., 'Der Ledebour-Prozess', Berlin, 1919, S. 55).
Jedoch beteuerten die Matrosen ihre Neutralität und die Masse der Arbeiter war nicht
bereit, sich am bewaffneten Kampf zu beteiligen. Nur einige hundert Arbeiter folgten den
revolutionären Führern und besetzten eine Reihe von öffentlichen Gebäuden.
In der Zwischenzeit traf sich der 'Rat der Volksbeaufttragten' an einem geheimgehaltenen
Ort ( die Reichskanzlei war von einer wütenden Menge umzingelt) und ernannte den SPD-
Führer Gustav Noske zum Oberbefehlshaber von Berlin, dem die Aufgabe zuteil wurde,
die 'Ordnung wieder herzustellen'. Er errichtete sein Hauptquartier in einer Schule im
Ortsteil Dahlem, einem Berliner Vorort, und begann mit dem Aufbau und der Ausbildung
von 'Freikorps', die sich hauptsächlich aus reaktionären Offizieren und Unteroffizieren der
aufgelösten Armee zusammensetzten.
Am 9. Januar begannen Noskes Freikorps mit ihren Attacken gegen die berliner Arbeiter
sowie gegen das Zentralbüro der KPD, woraufhin die berliner Führung der USPD und die
'Revolutionären Vertrauensleute' einen gemeinsamen Aufruf für einen Generalstreik heraus-
brachten.
Der erste Erfolg der Regierung gegen die Revolutionäre war die Zurückeroberung der Bü-
roräume des 'Vorwärts' in der Nacht vom 10. auf den 11. Januar. Am 11. Januar führte
Noske 3.000 Freikorps-Soldaten in die Innenstadt von Berlin und nach blutigen Kämpfen
gelang die systematische Wiedereroberung der Stadt, die am Abend des 12. Januar
abgeschlossen war.
Die Bremer Räterepublik
Am 10. Januar 1919 forderte eine große Demontration in Bremen, die von der Kommunis-
tischen Partei organisiert wurde, die Übertragung der politischen Macht auf die Arbeiter-
und Soldatenräte, die darangingen, einen Rat der Volksbeauftragten, der sich aus je drei
Vertretern von KPD, USPD und dem Soldatenrat zusammensetzte, zu bilden, der sich
zur Regierung der Bremer Räterepublik erklärte.
Auf Befehl von Noske begann eine starke Truppeneinheit den Angriff auf Bremen und
beendete gegen Abend die Räterepublik.
Die Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg
Am 15. Januar wurden Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, die sich geweigert hatten,
Berlin zu verlassen, gefangengenommen und auf brutale Weise von Mitgliedern der Frei-
korps ermordet. Zusammen mit den beiden Arbeiterführern wurde ein weiteres Mitglied
der KPD gefangengenommen, nämlich Wilhelm Pieck, der später unter myteriösen Um-
ständen 'fliehen' konnte. Hauptmann Pabst, einer der beteiligten Offiziere, gab später
an, dass er (Pieck - Verf.)
" ...freigelassen worden sei, weil er Angaben über andere Spartakusleute, die
zu ihrer schnelleren Verhaftung führten, gemacht hatte."
(J. P. Nettle, 'Rosa Luxemburg', Band 2, London, 1966, S. 780).
Später entwickelte sich Pieck zu einem führenden Verfechter des Revisionismus in der
Kommunistischen Partei Deutschlands.
Die Bayerische Räterepublik
In einem Staat, nämlich in Bayern, hielt der revolutionäre Widerstand gegen die Schei-
demann-Regierung noch bis zum 3. Mai 1919 an.
Im November 1918 hatten die Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte in München unter der
Führung der USPD die 'Soziale und Demokratische Republik Bayern' ausgerufen und
eine Regierung mit USPD- und SPD-Ministern, mit Kurt Eisner (USPD) als Ministerprä-
sidenten, gebildet.
Als im Januar/Februar 1919 Wahlen zum Landtag abgehalten wurden, erhielt die USPD
nur 2,5% der Stimmen. Als Eisner sich am 21. Februar zum Landtag begab, um den
Rücktritt seiner Regierung einzureichen, wurde er von dem rechtsgerichteten Offizier
Anton Graf von Arco auf Valley ermordet. Es wurde eine neue Staatsregierung mit Johan-
nes Hoffmann (SPD) an der Spitze gebildet.
Nach dem Mord an Eisner schufen KPD, USPD, SPD und der Vollzugsrat der Arbeiter-,
Bauern- und Soldatenräte einen Aktionsausschuss, der wiederum einen neuen Zentralrat
der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte bildete und einen dreitägigen Generalstreik in ganz
Bayern ausrief. Der Zentralrat wies jedoch Forderungen nach einer effektiven Bewaffnung
der Arbeiterklasse zurück.
In dieser Situation wurde am 6. April 1919 auf Initiative der USPD und gegen den Wider-
stand der SPD ein 'Rat der Volksbeauftragten' in München mit dem Dramatiker Ernst Toller
und dem Philosophen Gustav Landauer (beide USPD) an der Spitze gebildet.
Am 7. April verkündete der 'Rat der Volksbeauftragten' die 'Bayerische Räterepublik'. Die
Hoffmann-Regierung floh daraufhin nach Bamberg (Nordbayern), von wo aus sie mit Unter-
stützung der kapitalistischen Klasse und Teilen der Bauernschaft den militärischen Sturz
der 'Räterepublik' vorbereitete.
Die KPD forderte, dass der 'Rat der Volksbeauftragten' dringend Maßnahmen gegen die
Gefahr des bewaffneten Einschreitens ergreifen solle, die 'Räteregierung' jedoch weigerte
sich, die Arbeiter zu bewaffnen und den kapitalistischen Staat ernsthaft anzutasten.
In der Nacht vom 12. auf den 13. April fielen Freikorps-Einheiten auf Anordnung der Hoff-
mann-Regierung in München ein, wurden aber von den Arbeitern und Soldaten zurückge-
schlagen.
Die Arbeiter- , Bauern- und Soldatenräte erklärten daraufhin den Zentralrat sowie den 'Rat
der Volksbeauftragten' für abgesetzt und setzten an ihre Stelle ein gesetzgebendes und
und ausführendes Organ in Gestalt eines Aktionsrats für die Bayerische Räterepublik ein,
der sich aus 15 Mitglieder aus KPD, USPD und SPD zusammensetzte. Er wählte einen
Exekutivrat aus vier Mitgliedern, der die Räteregierung bildete, mit den Kommunisten Eu-
gen Leviné und Max Levien an der Spitze.
Am 4. April rief die Bayerische Räteregierung einen zehntägigen Generalstreik aus und
befahl die Bewaffnung der Arbeiter und ihrer Organisationen und die Bildung einer Roten
Armee. Die Räteregierung ging auch dazu über, die reaktionären Kräfte zu entwaffnen,
die Vertreter der kapitalistischen Klasse in den Verwaltungsorganen durch Arbeiter zu
ersetzen, die Kontrolle über die Produktion Betriebsräten zu übertragen und die Banken
zu verstaatlichen.
Am 27. April 1919 sandte Lenin eine Grußadresse an die Bayerische Räterepublik.
Am 30. April 1919 unternahmen etwa 60.000 Freikorpssoldaten, unter dem Oberbefehl
von Oberst Ritter von Epp einen zweiten Angriff auf München. Die Rote Armee lieferte
ihnen mehrere Tage lang einen heroischen Widerstandskampf, bis schließlich in der
Nacht vom 3. auf den 4. Mai die letzten Einheiten in erbitterten Gefechten besiegt waren.
In München wurde das Kriegsrecht verkündet und im Verlauf des weißen Terrors wurden
Hunderte von revolutionären Arbeitern, Soldaten und Intellektuellen auf brutalste Weise
ermordet. Mehr als 12.000 wurden in die Gefängnisse geworfen.
Die Gründung der Nazipartei
Am 5. Januar 1919 wurde die faschistische 'Deutsche Arbeiterpartei' in München auf
Initiative von Anton Drexler gegründet. Im September trat ihr Adolf Hitler bei.
Im März 1920 nannte sie sich 'Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei' (NSDAP)
und wurde als die 'Nazipartei' bekannt.
Die Wahl zur Nationalversammlung
Die Wahl zur Nationalversammlung fand am 19. Januar 1919 auf der Grundlage des all-
gemeinen Verhältniswahlrechts für beide Geschlechter statt.
Die meisten der älteren politischen Parteien hatten ihren Namen im November 1918
geändert und nannten sich jetzt 'Volksparteien', um einen fortschrittlichen Charakter
vorzutäuschen. Die Deutsche Konservative Partei, die Freie Konservative Partei und die
Christlich-Soziale Partei hatten sich zur Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) zusam-
mengeschlossen. Die Nationalliberale Partei wurde zur Deutschen Volkspartei (DVP).
Beide Parteien vertraten zu dieser Zeit dennoch weiterhin die Interessen des Landadels.
Das Zentrum - eine Partei, die die Interessen der Kapitalisten vertrat, die jedoch haupt-
sächlich auf die Gewinnung katholischer Wähler abzielte - wurde zeitweilig zur Christ-
lichen Volkspartei (CVP). Sie Sozialdemokratische Partei Deutschlands und die Unab-
hängige Sozialdemokratische Partei, die beide die Interessen der Kapitalisten vertraten,
in ihrer Ausrichtung jedoch in erster Linie auf klassenbewusste Arbeiter abzielten, be-
hielten ihren ursprünglichen Namen. Außerdem war eine neue Partei gegründet worden,
die in ihrer Ausrichtung hauptsächlich die 'liberalen' Arbeiter und kleinbürgerliche Schich-
ten ansprach und die Interessen der Kapitalisten vertrat: die Deutsche Demokratische
Partei (DDP), die im November 1918 entstanden war. Die einzige Partei, die die Interes-
sen der Arbeiterklasse vertrat, war die Kommunistische Partei, die, wie oben bemerkt,
die Wahlen boykottierte.
Die Ergebnisse zur Wahl der Nationalversammlung waren folgende:
Partei Stimmen % Abgeordnete
__________________________________________________________________________
Sozialdemokratische Partei Deutsch-
lands 11,5 Mill. 38 165
Christliche Volkspartei 6,0 Mill. 20 91
Deutsche Demokratische Partei 5,6 Mill. 19 75
Deutschnationale Volkspartei 3,1 Mill. 10 44
Unabhängige Sozialdemokratische
Partei Deutschlands 2,3 Mill. 8 22
Deutsche Volkspartei 1,3 Mill. 4 19
Andere 0,5 Mill. 1 7
___________________________________________________________________________
Gesamt: 30,3 Mill. 100 423
Die Wahl Eberts zum Präsidenten
Die neue Nationalversammlung traf sich zum ersten Mal am 6. Februar 1919 in Weimar.
Weimar wurde gewählt wegen seiner kulturellen Verbindungen statt Berlin, das als Mittel-
punkt des preußischen Staates die preußische aristokratische und militaristische Vor-
machtstellung über Deutschland symbolisierte. Und was noch wichtiger war: Das Parla-
ment dort konnte sich eines sicheren militärischen Schutzes erfreuen vor den militanten
Arbeitern und Soldaten.
Am 11. Februar 1919 wählte die Nationalversammlung Friedrich Ebert (SPD) zum ersten
Präsidenten des Reiches.
Die Bildung der Scheidemann-Regierung
Da die USPD sich weigerte, sich an einer Koalitionsregierung mit der SPD am 13. Fe-
bruar 1919 zu beteiligen, wurde eine neue Koalitionsregierung mit Ministern aus der So-
zialdemokratischen Partei Deutschlands, dem Zentrum (vorher: Christliche Volkspartei)
und der Deutschen Demokratischen Partei gebildet, eine Koalition, die den parlamenta-
rischen Kern der Weimarer Republik in ihrem frühen Stadium ausmachte und die auch
als 'Weimarer Koalition' bezeichnet wurde - mit Philip Scheidemann (SPD) als Kanzler.
Die Gründung der Reichswehr
Am 27. Februar 1919 billigte die Nationalversammlung das Gesetz für die Schaffung
einer 'provisorischen Armee' - der Reichswehr. Ihre Offiziere und Unteroffziere rekrutier-
ten sich hauptsächlich aus der alten kaiserlichen Armee, während die Mannschaften
in erster Linie aus den reaktionären Freikorps kamen.
In dem Gesetz fanden sich keinerlei Bestimmungen über Soldatenräte, womit die Ham-
burger Punkte für null und nichtig erklärt worden waren.
Der Berliner Generalstreik vom März
Am 1. März 1919 veröffentlichte die KPD einen Aufruf für einen politischen Generalstreik,
der am 3. März beginnen und sich gegen die konterrevolutionäre Politik der Scheidemann-
Regierung richten sollte. Die politischen Forderungen beinhalteten die Anerkennung der
Arbeiter- und Soldatenräte sowie die Hamburger Punkte; die Abschaffung der Kriegsge-
richte; die Freilassung politischer Gefangener; die Auflösung der Freikorps; die Bildung
einer Arbeiterschutzwehr und die Aufnahme von Handels- und diplomatischen Beziehun-
gen zu Sowjetrussland. Die meisten dieser Forderungen und auch der Streikaufruf selbst
wurden vom Vollzugsrat der Arbeiter- und Soldatenräte von Groß-Berlin gebilligt und so-
gar die SPD-Führer, die gegen den Streik gestimmt hatten, waren gezwungen, sich ihm
anzuschließen.
Der Streik legte Berlin fünf Tage lang lahm. Dann jedoch zogen sich die SPD-Führer aus
dem Streikkomitee unter dem Vorwand, dass sich die Ausdehung des Streiks auf die Gas-,
Wasser- und Stromversorgung negativ auswirken könnte, am 8. März aus dem Streikkomi-
tee zurück.
Reichswehrminister Gustav Noske rief umgehend das Kriegsrecht aus und gab Anweisung
an Freikorpsverbände, nach Berlin zu marschieren, um den Streik zu zerschlagen. Einige
tausend Arbeiter und Soldaten beteiligten sich an dem bewaffneten Widerstand gegen die
Freikorps.
Am 10. März wurde Leo Jogiches, ein Mitglied des Zentralbüros der KPD, von Freikorps-
offizieren ermordet und am 11. März erschoss man 29 Matrosen, die zur Volksmarineein-
heit gehörten.
Nach tagelangen schweren Kämpfen, in deren Verlauf mehr als 1.200 Arbeiter ihr Leben
ließen, wurde Berlin von Freikorpseinheiten am 12. März besetzt.
Die Gründung der Kommunistischen Internationale
Die Kommunistische oder Dritte Internationale (Komintern - KI) wurde auf einer Konferenz,
die in Moskau vom 2. bis zum 19. März abgehalten wurde und an der 35 stimmberechtigte
Delegierte aus 21 Ländern teilnahmen, gegründet.
Von den beiden Delegierten, die von der Kommunistischen Partei Deutschlands gewählt
worden waren, um an der Konferenz teilzunehmen, erreichte nur einer, Hugo Eberlein, Mos-
kau. Er hatte den Auftrag gegen die Gründung der Internationale zum 'gegenwärtigen Zeit-
punkt' zu stimmen. Die Führung der KPD war der Meinung, dass angesichts der noch be-
stehenden Schwäche der kommunistischen Bewegung außerhalb Russlands die neue In-
ternationale unter diesen Umständen von den Bolschewisten beherrscht werden würde.
Diese Anweisung kam ursprünglich von Rosa Luxemburg, wurde aber nach ihrem Tod von
Leo Jogiches, Paul Levi und Wilhelm Pieck bestätigt.('Kommunistitscheskij International',
Nr. 187 - 88, S. 194; 1929).
Nach Angaben von Ernst Meyer, die er auf dem Fünften Parteitag der KPD 1921 machte,
war Eberlein angewiesen worden, die Konferenz zu verlassen, falls der Beschluss gefasst
werden würde, mit der Gründung der neuen Internationale fortzufahren. (Bericht über den
5. Parteitag der Kommunistischen Partei Deutschlands - Spartakusbund, n.p., 1921, S.
27).
Jedoch war Eberlein auf der Konferenz völlig isoliert und am 4. März sprach sich die Kon-
ferenz ohne Gegenstimme (Eberlein konnte überzeugt werden, sich zu enthalten) dafür
aus, sich als Erster Kongress der Kommunistischen Internationale zu konstituieren.
Unter den bedeutenden Dokumenten, die auf dem Kongress gebilligt wurden, befanden
sich die 'Thesen zur bürgerlichen Demokratie und zur proletarischen Diktatur' (Lenin), das
'Programm der Kommunistischen Internationale', ein 'Appell an die Arbeiter aller Länder',
'Thesen zur internationalen Lage und der Politik der Entente-Mächte' sowie ein 'Manifest
an das Weltproletariat'.
Der Kongress setzte ein Exekutivkomitee als leitendes Organ der Internationale ein, das
sich aus Mitgliedern zusammensetzte, die von den kommunistischen Parteien Sowjet-
russlands, Deutschlands, Österreichs, Ungarns, der Balkanföderation, der Schweiz und
den Skandinavischen Ländern bestimmt werden sollten. Das Exekutivkomitee sollte sei-
nen Sitz in Moskau haben und einen Ausschuss mit fünf Mitgliedern wählen, um die re-
gelmäßigen Aufgaben der Internationale wahrzunehmen. In diesem Zusammenhang wur-
de Grigori Sinowjew (Sowjetrussland) - allerdings erst nach dem Kongress - zum Vorsitz-
enden gewählt.
Das EKKI berichtete dem Zweiten Kongress der Kommunistischen Internationale im Juli/
August 1920, dass nur die sowjetrussische und die ungarische Partei ständige Delegierte
schicken konnten. ('Der Erste Kongress der Kommunistischen Internationale', Protokoll der
Verhandlungen in Moskau, 2. bis 19. März 1919, Hamburg, 1921).
Im Mai 1919 begann das Exekutivkomitee mit der Herausgabe des Organs der KI, der
'Kommunistischen Internationale' in verschiedenen Sprachen.
Die USPD spricht sich für die Diktatur des Proletariats aus
Vom 2. bis zum 6. März 1919 wurde in Berlin der Außerordentliche Parteitag der Unabhän-
gigen Sozialdemokratischen Partei abgehalten, der von Delegierten besucht wurde, die
300.000 Arbeiter vertraten.
Obwohl der Programmentwurf, der von Ernst Däumig dem Parteitag vorgelegt wurde, von
der rechten Opposition unter Karl Kautsky in gewisser Weise verwässert wurde, stellte das
zum Schluss verabschiedete Programm für die Linke einen beachtlichen Sieg dar, da es sich
eindeutig für die Diktatur des Proletariats aussprach:
"Die ... Partei bezieht Stellung zum Rätesystem. Sie unterstützt die Räte in ihrem
Kampf für die wirtschaftliche und politische Macht. Sie kämpft für die Diktatur des
Proletariats, die Vertretung der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung als die we-
sentliche Voraussetzung für den Aufbau des Sozialismus."
(Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands: Protokoll über die Ver-
handlungen des außerordentlichen Parteitags der USPD, Berlin, 1919, S. 3).
Der Zweite Nationalkongress der Arbeiter- und Soldatenräte
Der Zweite Nationalkongress der Arbeiter- und Soldatenräte wurde in Berlin vom 8. bis 14.
April 1919 abgehalten. Von den Delegierten gehörten 142 zur SPD und 57 zur USPD. Es
gab keinen Delegierten der Kommunistischen Partei.
Unter dem Einfluss der SPD beschloss der Kongress, seine 'Vollmachten' an die National-
versammlung abzutreten.
Der Vertrag von Versailles
Am 7. Mai 1919 wurden die Bestimmungen des Versailler Friedensvertrages durch die Ver-
treter der Alliierten Mächte dem deutschen Außenminister, Ulrich Graf von Brockdorff-
Rantzau, mitgeteilt.
Die wichtigsten Ziele, die die siegreichen Imperialisten mit der Auferlegung des Versailler
Vertrages dem besiegten Deutschland gegenüber verfolgten, bestanden darin, Deutschland
militärisch zu entmachten, Teile seines Territoriums sowie alle seine Kolonien zu annektie-
ren und einen großen Teil seines wirtschaftlichen Reichtums auf Jahre hinaus für sich nutz-
bar zu machen.
Teil I des Vertrages begründete die Einrichtung des Völkerbundes, einer 'internationalen In-
stitution', die von den europäischen Alliierten und Japan - die Vereinigten Staaten verweiger-
ten den Beitritt - kontrolliert werden sollte.
Die Teile II und III umschrieben die Teile deutschen Territoriums, die abgetreten werden soll-
ten: Eupen/Malmedy und Moresnet sollten zu Belgien kommen; Elsass-Lothringen mit sei-
nen Eisenvorkommen zu Frankreich; der nördliche Teil Schleswig-Holsteins zu Dänemark,
Westpreußen und der größte Teil der Provinz von Posnan zu Polen - wodurch ein 'Polni-
scher Korridor' zur See hin geschaffen wurde, der Ostpreußen von dem übrigen Teil Deut-
schlands abtrennte. Das Saarbecken wurde der Kontrolle des Völkerbundes unterstellt,
jedoch sollten die Kohlenzechen der französischen Kontrolle unterliegen; die Bevölkerung
der Saar sollte nach 15 Jahren durch einen Volksentscheid über ihre Zukunft entscheiden.
Die linke Rheinseite und Teile der rechten waren zu entmilitarisieren. Danzig sollte unter
der Autoriät des Völkerbundes zur 'Freistadt' werden.
Das Memelgebiet und Südschlesien wurden ebenfalls von Deutschland abgetrennt. Das
erste kam 1924 an Litauen, das zweite 1921 an Polen.
Dem iV. Teil zufolge hatte Deutschland alle seine überseeischen Kolonien abzutreten,
die der formellen Autorität des Völkerbundes unterstellt wurden, welcher wiederum diese
den einzelnen alliierten Mächten als 'Mandatsgebiete' unterstellte. In Afrika wurden Kame-
run und Togo unter Frankreich und Großbritannien aufgeteilt, während Südwest-Afrika zur
Südafrikanischen Union kam. Im Pazifik kamen die Marschall-Inseln zu Japan, Neuguinea
zu Australien, West Samoa zu Neuseeland, Shantung zu Japan, das es 1923 an China ab-
trat, und Nauru wurde unter Großbritannien, Australien und Neuseeland aufgeteilt.
Im V. Teil wurde dem Umfang der deutschen Streitkräfte Grenzen auferlegt. Die Armee
sollte nur 100.000 Mann stark sein und die Bildung eines Generalstabs wurde untersagt.
Die Marine sollte nur noch aus sechs Schlachtschiffen bestehen, sechs leichten Kreuzern,
zwölf Zerstörern und zwölf Torpedobooten. U-Boote waren untersagt. Die übrigen Schiffe
wurden von den Alliierten beschlagnahmnt. Kein Ersatzschiff sollte mehr als 10.000 Re-
gistertonnen überschreiten und die Zahl der Mannschaften in der Marine durfte nicht höher
sein als 15.000, die Zahl der Offiziere nicht höher als 1.500, einschließlich der Deckoffiziere.
Die Wehrpflicht war für die Streitkräfte verboten; ebenso jede Art von militärischer oder Ma-
rineluftwaffe. Alliierte Kontrollkommissionen sollten für jede Waffengattung bis 1925 einge-
richtet werden; danach war diese Aufgabe dem Völkerbund zu übertragen.
Im VII. Teil wurden etwa 100 Deutschen, einschließlich des ehemaligen Kaisers Wilhelm II.
und des Feldmarschalls von Hinderburg, Kriegsverbrechen zur Last gelegt, jedoch erfolg-
ten keinerlei nennenswerte Maßnahmen aufgrund dieser Bestimmung.
Nach Teil VIII hatte Deutschland Wiedergutmachungszahlungen für 'den gesamten Schaden,
den es der Zivilbevölkerung in den Ländern der Alliierten durch seine Aggression zugefügt'
hatte', zu leisten. Eine Reparationskommission wurde eingesetzt, um bis zum 1. Mai 1921
die zu zahlende Summe zu ermitteln. In der Zwischenzeit sollte Deutschland vorläufige Re-
parationszahlungen in Höhe von einer Milliarde Pfund Sterling leisten. Die alliierten Länder
sollten von Deutschland fünf Jahre lang und ohne Gegenleistung den Status der 'meistbe-
günstigten Nation' erhalten und Frankreich sollte über den Zeitraum von fünf Jahren von Zöl-
len auf Waren aus Elsass-Lothringen befreit sein.
Der XII. Teil legte die Kontrolle durch eine 'Internationale Kommission' über die Flüsse
Rhein, Elbe und Oder fest. Der Kieler Kanal blieb unter deutscher Aufsicht, es sollte jedoch
die freie Durchfahrt aller Schiffe aus Ländern, die mit Deutschland Frieden geschlossen
hatten, gewährleistet sein.
Teil XIV sah die alliierte Kontrolle des Rheinlands für 15 Jahre vor. Falls Deutschland die
Bestimmungen des Vertrages 'gewissenhaft ausführen' sollte, würde die Kölner Zone schon
nach fünf Jahren wieder geräumt werden, die Koblenzer Zone nach 10 Jahren und die Main-
zer nach 15 Jahren. Falls die Reparationskommission jedoch zu irgendeinem Zeitpunkt
zu dem Ergebnis kommen sollte, dass Deutschland seinen Verpflichtungen im Hinblick
auf Wiedergutmachungszahlungen nicht nachkommt, dann konnten die gesamten oder
Teile dieser Gebiete wieder erneut besetzt werden.
Die Gründung des Verbandes Kommunistischer Landarbeiter und Kleinbauern
Deutschlands
Am 17. Mai 1919 wurde der Verband Kommunstischer Landarbeiter und KLeinbauern
Deutschlands auf Initiative der KPD gegründet und er begann damit, einen Wochenzeit-
schrift - den Pflug - herauszubringen.
Der Rücktritt von Hindenburg und Groener
Im Juni 1919 zogen sich Feldmarschall Paul von Hindenburg und General Wilhelm Groe-
ner aus dem aktiven Militärdienst zurück.
Die Bildung der Regierung Bauer
Zunächst gab es unter den deutschen Imperialisten Meinungsverschiedenheiten dazu,
ob die Bedingungen des Versailler Vertrages angenommen werden sollten oder nicht.
Im Kabinett waren sechs Minister für die Annahme und acht, besonders die Minister
der Deutschen Demokratischen Partei, waren für die Ablehnung.
Am 20. Juni trat die Regierung Scheidemann wegen dieser Differenzen innerhalb des
Kabinetts zurück.
Am 21. Juni wurde eine neue Regierungskoalition aus Vertretern der Sozialdemokrati-
schen Partei und dem Zentrum (ohne Beteiligung der Deutschen Demokratischen Partei)
mit Gustav Bauer (Zentrum) als Kanzler gebildet.
Die Annahme des Versailler Vertrages
Am 28. Juni 1919 unterzeichnete die deutsche Delegation zur Friedenskonferenz auf
Anweisung der neuen Regierung den Versailler Vertrag.
Am 31. Juli billigte die Nationalversammlung den Vertrag mit 237 Jastimmen bei 138
Neinstimmen, gegen den Widerstand der Deutschnationalen Volkspartei, der Deutschen
Volkspartei sowie der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands.
Der Vertrag trat am 14. August 1919 in Kraft.
Die Weimarer Verfassung
Am 31. Juli 1919 billigte die Nationalversammlung gegen den Widerstand der Deutschna-
tionalen Volkspartei, der Deutschen Volkspartei und der Unabhängigen Sozialdemokrati-
schen Partei Deutschlands die neue Verfassung, die im Wesentlichen von Hugo Preuß,
einem Juristen der Deutschen Demokratischen Partei, entworfen worden war.
Diese Verfassung, die unter dem Namen 'Weimarer Verfassung' bekannt wurde, wider-
spiegelte die Veränderungen, die durch die Vollendung der bürgerlich-demokratischen
Revolution vom November 1918 hervorgebracht worden waren. Die Überreste der formalen
politischen Macht, die in den Händen des preußischen Landadels verblieben waren, wur-
den jetzt abgeschafft und die Kapitalisten wurden damit zur einzig herrschenden Klasse
in Deutschland hinter der Fassade der 'parlamentarischen Demokratie' der Weimarer Re-
publik.
Um die historische Kontinuität mit dem ehemaligen Reich hervorzuheben, behielt die neue
Verfassung den alten Namen eines 'Reichs' bei, statt sich 'Republik' zu nennen, obwohl
das Reich in Artikel 1 als eine 'Republik' beschrieben wird, in der die politische Macht vom
'Volk' ausgeht.
Deutschland blieb ein Bundesstaat, aber die Machtbefugnisse der Zentralregierung wur-
den in erheblichem Maße ausgeweitet, die besonderen Rechte Preußens (das heißt des
preußischen Landadels) wurden dagegen abgeschafft.
Das Staatsoberhaupt war ein Präsident, der in Zukunft direkt vom Volk für eine Amtspe-
riode von sieben Jahren gewählt werden sollte. Besondere Notstandsvollmachten wurden
dem Präsident nach Artikel 48 verliehen, durch die er die 'Grundrechte, die durch die Ver-
fassung garantiert waren' wieder aufheben konnte, um dann durch Erlasse regieren zu
können, wenn der er der Meinung war, dass die 'öffentliche Sicherheit und Ordnung' ge-
fährdet sei.
Es wurde ein Zweikammernsystem geschaffen. Das Hauptorgan der parlamentarischen
Fassade war das 'Parlament des Reiches', der Reichstag, der durch unmittelbare Wahlen
gewählt wurde; daneben gab es jedoch auch einen 'Reichsrat', der nach außen hin eine
Vertretung der Länder sein sollte, ohne dass dieser tatsächliche Machtbefugnisse erhielt.
In die Verfassung wurden die Betriebsräte mit übernommen, um die 'Beziehungen zwischen
den Tarifparteien' zu regulieren.
Die Verfassung trat am 14. August 1919 in Kraft.
Die 'linke' Opposition gegenüber der Arbeit in den Gewerkschaften
Auf dem Parteitag der Kommunistischen Partei Deutschlands, der am 16./17. August 1919
in Frankfurt abgehalten wurde, wurde die Politik der Kommunistischen Internationale, dass
Kommunisten in den Massenorganisationen der Gewerkschaften unter reformistischer Führ-
ung arbeiten sollten, von einer 'linken' Oppositionsgruppe mit Heinrich Lauffenberg und Fritz
Wolffheim an der Spitze, scharf kritisiert. Sie schlugen vor, dass alle Parteimitglieder sich
aus den Gewerkschaften zurückziehen sollten, um eine einheitliche, umfassende 'linke' Ge-
werkschaft zu gründen. (O.K. Flechtheim, 'Die Kommunistische Partei Deutschlands in der
Weimarer Republik', Offenbach, 1948, S. 59).
Das Rundschreiben des EKKI über Parlamente und Räte
Am 1. September 1919 brachte das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale
einen Rundbrief über Parlamente und Räte heraus.
In ihm wird hervorgehoben, dass die Form der Diktatur des Proletariats die Räte sind, nicht
jedoch die Parlamente. Dennoch:
"Wir können dazu beitragen, eine Organisation abzuschaffen, indem wir in sie ein-
treten und sie 'ausnutzen'. ...
Es ist nötig, dass
1) der Schwerpunkt des Kampfes außerhalb des Parlaments liegt ...;
2) die Arbeit innerhalb des Parlaments mit diesem Kampf verbunden wird;
3) die Abgeordneten auch illegale Arbeit leisten;
4) sie auf Anweisung des Zentralkomitees handeln und sich diesem unterordnen;
5) sie in ihren Aktionen parlamentarische Gepflogenheiten missachten. ...
Wir können grundsätzlich auf die Nutzung des Parlaments nicht verzichten."
(Manifest, Richtlinien, Beschlüsse des Ersten Kongresses; Aufrufe und offene Briefe
des Exekutivkomitees bis zum Zweiten Kongress; Hamburg, 1920, S. 139).
Der Rundbrief stellte fest, dass in Anbetracht der Tatsache, dass die parlamentarische Ar-
beit eine unterstützende Rolle spielt, unterschiedliche Meinungen in der Frage der Arbeit
in den Parlamenten nicht als Vorwand benutzt werden dürfen, eine kommunistische Partei
zu spalten:
"Parlamentarische Aktivitäten und die Teilnahme an Wahlen stellen lediglich unter-
stützende Aktivitäten dar, nicht mehr.
Wenn dem so ist und zweifellos ist dies der Fall, dann ist klar, dass es sich nicht
lohnt, sich über diese untergeordnete Frage zu spalten. ...Deshalb appellieren wir
dringend an alle Gruppen und Organisationen, die ehrlich für die Errichtung von Rä-
ten kämpfen, mit der äußersten Geschlossenheit vorzugehen, auch wenn sie in
dieser Frage nicht übereingekommen sind.
All jene, die für Räte und die Proletarische Diktatur sind, haben sich so schnell wie
möglich zu einigen und eine einheitliche kommunistische Partei zu gründen."
(Ebenda, S. 139).
Lenins 'Grüße an die italienischen, französischen und deutschen Kommunisten'
Am 10. Oktober 1919 schickte Lenin eine Grußadresse an die italienischen, französischen
und deutschen Kommunisten, in der er erklärte, dass die Meinungsverschiedenheiten unter
den deutschen Kommunisten sich auf die Fragen der Beteiligung an der parlamentarischen
Arbeit sowie der Arbeit in den Massengewerkschaften unter reformistischer Führung bezie-
hen:
"Die Meinungsverschiedenheiten unter den deutschen Kommunisten lassen sich
... auf die Frage der 'Nutzung legaler Möglichkeiten', ... der Nutzung des bürgerli-
chen Parlaments, der reaktionären Gewerkschaften, des 'Betriebsrätegesetzes'
zurückführen."
(Lenin, 'Grüße an die italienischen, französischen und deutschen Kommunisten',
in: 'Gegen den Revisionismus', Moskau, 1959, S. 521).
Er erklärte, dass jene, die für den Boykott dieser Einrichtungen eintreten, zweifellos einen
grundsätzlichen Fehler begingen:
"Sowohl vom Standpunkt der marxistischen Theorie als auch von der Erfahrung
dreier Revolutionen her gesehen ..., betrachte ich die Weigerung, sich an einem
bürgerlichen Parlament, in einer reaktionären ...Gewerkschaft, in den ultrareaktio-
nären Betriebsräten ...zu beteiligen, ...als einen unzweifelhaften Fehler.
Ein Fehler bleibt ein Fehler und es ist notwendig, ihn zu kritisieren und für seine
Berichtigung einzutreten."
(W. I. Lenin, ebenda, SS. 522, 525).
...und dass die Ursache dieses Fehlers Mangel an revolutionärer Erfahrung sei:
"Dieser Fehler hat seine Ursache in dem Mangel an revolutionärer Erfahrung unter
durch und durch aufrichtigen, überzeugten und tapferen proletarischen Revolutionä-
ren."
(W. I. Lenin, ebenda, S. 525).
Lenin betonte, dass die Meinungsverschiedenheiten in diesen Fragen untergeordneter Na-
tur seien:
"Dies sind Meinungsverschiedenheiten unter Vertretern einer Massenbewegung,
die sich in unglaublichem Tempo entwickelt hat, Unterschiede, die eine einzige,
gemeinsame und granitene Grundlage besitzen: die Anerkennung der proletari-
schen Revolution, der Kampf gegen bürgerlich-demokratische Illusionen und gegen
den bürgerlich-demokratischen Parlamentarismus, die Anerkennung der Diktatur
des Proletariats und der Räteregierung."
(W. I. Lenin, ebenda, S. 519).
...die mit dem Anwachsen der kommunistischen Bewegung verschwinden werden:
"Dies ist eine Sache zunehmender Geburtswehen; sie wird mit dem Wachstum
der Bewegung, die sich in prächtiger Weise entwickelt, verschwinden."
(W. I. Lenin, ebenda, S. 522).
Das Westeuropäische Büro und das 'Westeuropäische Sekretariat'
Im Oktober 1919 wurde der niederländische Kommunist S. Ruttgers von der Kommunisti-
schen Internationale mit der Bildung eines Westeuropäischen Büros der Internationale in
Amsterdam beauftragt. Dieses nahm in den ersten Wochen des Jahres 1920 seine Arbeit
unter D. Wijnkooop (Präsident) und Ruttgers und Henriette Roland-Holst (Sekretäre) auf.
Es gab eine Zeitschrift in drei Sprachen heraus.
Fast zur gleichen Zeit (Herbst 1919) wurde inoffiziell ein 'Westeuropäisches Sekretariat'
von der Leitung der Kommunistischen Partei Deutschlands mit Sitz in Berlin als Reaktion
auf die Bildung des Amsterdamer Büros gegründet. Es wurde geleitet von den bayrischen
Kommunisten Thomas und Bronsky. Auf dem Zweiten Kongress der KI im Juli 1920 wurde
es beschrieben als
" ...begrenzt, eng und in gewisser Weise nationalistisch und nicht internationalis-
tisch."
(Der Zweite Kongress der Kommunistischen Internationale; Hamburg, 1921, S. 590).
Der Zweite Parteitag der KPD
Der Zweite Parteitag der Kommunistischen Partei Deutschlands fand illegal in der Nähe von
Heidelberg vom 20. bis zum 23. Oktober 1919 statt und wurde von 46 Delegierten, welche
16.000 Mitglieder vertraten, besucht.
Das Abflauen der revolutionären Flut hatte zu einer realistischeren Einschätzung des Pro-
zesses der sozialistischen Revolution in Westeuropa geführt, der jetzt als ein ausgedehn-
ter Prozess, der mehrere Stadien durchläuft und aus Fortschritten und Rückschlägen be-
steht, angesehen wurde. Diese Einschätzung fand sich in den 'Thesen über kommunisti-
sche Prinzipien und Taktik' wieder, die der Parteitag annahm:
"Die Revolution, die nicht aus einem geraden Weg besteht, sondern einen langen,
hartnäckigen Kampf einer Klasse darstellt, die Tausende von Jahren niederge-
drückt wurde und deshalb sich ihrer Aufgabe und ihrer Stärke noch nicht voll
bewusst sein kann, unterliegt einem Prozess des Aufstiegs und Falls, der Flut
und der Ebbe."
(Bericht an den Zweiten Parteitag der Kommunistischen Partei Deutschlands -
Spartakusbund - , n.p., n.d., S. 62).
Der Parteitag befasste sich mit den 'Thesen zur Gewerkschaftsfrage', die von Paul Levi,
vorgelegt wurden, die nicht nur jeden Kommunisten verpflichteten, in den reformistischen
Gewerkschaften zu arbeiten, sondern alle jene von der weiteren Teilnahme am Parteitag
ausschlossen, die gegen diese Thesen stimmen würden. (Ebenda, S. 46).
Nach einer erbittert geführten Debatte, wurden diese Thesen mit 31 gegen 18 Stimmen
verabschiedet und die Minderheit wurde daraufhin vom Parteitag ausgeschlossen. (Eben-
da, S. 42).
Die ausgeschlossene Minderheit begann umgehend mit den Vorbereitungen für die Bild-
ung einer neuen Partei, die im April 1920 gegründet wurde und es gelang ihr, fast die
Hälfte der gesamten Mitgliederzahl, einschließlich einer Mehrheit der Mitglieder aus Ber-
lin und Norddeutschland, herüberzuziehen.
Lenin sprach sich scharf gegen den Ausschluss der Minderheit aus. Am 28. Oktober
1919 schrieb er an das Zentralbüro der KPD:
"Die einzige Sache, die an diesem Radiobericht unglaubwürdig zu sein schien,
war die, dass ... ihr die Minderheit ausgeschlossen habt, die dann eine eigene
Partei gründete. ...Unter der Voraussetzung, dass man sich auf diese grundle-
genden Fragen (für die Räteregierung, gegen den Parlamentarismus) einigen
kann, ist meiner Meinung nach die Einheit möglich und notwendig. ...
Von einem internationalistischen Standpunkt aus gesehen, ist die Wiederher-
stellung der Einheit in der Kommunistischen Partei Deutschlands sowohl mög-
lich als auch nötig."
(W.I. Lenin, Brief an das ZB der KPD, die Spaltung betreffend, in: 'Gesammelte
Werke', Band 30, Moskau, 1965, SS. 87 f.).
Der Parteitag wählte ein Zentralbüro, das sich wie folgt zusammensetzte: Heinrich Brand-
ler, Hugo Eberlein, Paul Levi, Ernst Meyer, Wilhelm Pieck, August Thalheimer und Klara
Zetkin.
Die Gründung der Kommunistischen Jugendinternationale
Der Gründungskongress der Kommunistischen Jugendinternationale (KJI) wurde illegal
in Berlin vom 20. bis zum 26. November 1919 abgehalten, an dem 25 Delegierte aus 14
Jugendorganisationen teilnahmen, die eine Gesamtmitgliederzahl von 200.000 repräsen-
tierten.
Der Kongress erklärte die Organisation zur Sektion der Kommunistischen Internationale
und verabschiedete ein 'Manifest an die arbeitende Jugend' sowie die 'Statuten der Kom-
munistischen Jugendinternationale'. Er wählte ein Exekutivkomitee aus fünf Mitgliedern,
einschließlich Leo Flieg und Willi Münzenberg von der KPD.
Der Dezember- Parteitag der USPD
Vom 30. November bis zum 6. Dezember 1919 fand ein Außerordentlicher Parteitag der
Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands in Leipzig statt.
Mit 170 Jastimmen gegen 111 Neinstimmen wurde eine Resolution verabschiedet, wo-
nach sich die Partei aus der Zweiten Internationale zurückziehen solle und eine weitere
Resolution, die dazu aufforderte, mit Parteien in und außerhalb der Kommunistischen
Internationale in Verhandlungen einzutreten, um eine 'effektive Internationale' zu bilden,
wurde mit 227 Jastimmen gegen 54 Neinstimmen angenommen.('Kommunisticheskij
International', Nr. 7-8, November-Dezember 1919, Col. 1113).
Nach dem Parteitag schrieb der Zentralrat der USPD in diesem Sinne einen Brief an
das Zentralkomitee der Russischen Kommunistischen Partei, erhielt jedoch keine Ant-
wort.
1920
Die Abspaltung der Bayerischen Volkspartei
Die Bayrische Volkspartei (BVP) war am 12. November 1918 als Arbeitsgemeinschaft
innerhalb der Zentrumspartei gegründet worden. Sie vertrat die Interessen des Landadels
in Bayern und wandte sich besonders den katholischen Wählern in diesem Staat zu.
Am 9. Januar 1920 trat die Partei aus dem Zentrum aus und gründete eine eigenständige
politische Partei.
Die Demonstration gegen die Gesetzesvorlage zum Betriebsrätegesetz
Im Januar 1920 brachte die Regierung eine Gesetzesvorlage zum Betriebsrätegesetz in
die Nationalversammlung ein, mit dem Ziel, die Betriebsräte in bloße Verhandlungsorgane
umzuwandeln.
KPD und USPD riefen die Arbeiter am 13. Januar zu einer Massenprotestkundgebung
vor dem Reichstagsgebäude auf. Im Verlauf der Demonstration feuerten Truppen, die das
Gebäude bewachten, Machinengewehrsalven in die Demontration und töteten 42 Demon-
stranten und verwundeten 10.
Die Regierung rief sofort das Kriegsrecht aus (das erst im Dezember 1919 abgeschafft
worden war) und, dadurch gedeckt, unterdrückten die Freikorps die Proteststreiks, die
im ganzen Land stattfanden und besetzten die Büros von KPD- und USPD-Zeitungen.
Mehrere hundert führende Mitglieder beider Parteien wurden festgenommen.
Die EKKI-Briefe vom Februar
Am Februar 1920 veröffentlichte das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale
einen allgemeinen Aufruf
" ... an alle deutschen Arbeiter, an das Zentralbüro der Kommunistischen Partei
Deutschlands und an das Präsidium der Unabhängigen Sozialdemokratischen
Partei Deutschlands",
in dem es nach einer Kritik an vergangenen Fehlern der USPD, diese dazu einlud, Dele-
gierte nach Moskau zu Verhandlungen zu schicken. Gleichzeitig wies es im Voraus jeg-
liche Zusammenarbeit mit
" ...den rechtsgerichteten Führern ...zurück, die die Bewegung in den bürgerli-
chen Sumpf der gelben Zweiten Internationale zurückzerren."
('Kommunisticheskij International', 22. März 1920, Col., 1381-92).
Zwei Tage später schickte das EKKI einen Brief an das Zentralkomitee der neugegrün-
deten 'linken' Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands, die sich nach der Spaltung
der KPD nach dem Zweiten Parteitag gebildet hatte und brachte darin seine Missbilligung
gegenüber der Ablehnung der Partei zum Ausdruck, in den Massengewerkschaften mit-
zuarbeiten und sich an Parlamentswahlen zu beteiligen, lud sie jedoch ein, Delegierte nach
Moskau für Gespräche zu schicken. (Bericht an den Dritten Parteitag der Kommunistischen
Partei Deutschlands - Spartakusbund -, n.p., n.d., S. 14).
Der Dritte Parteitag der KPD
Der Dritte Parteitag der Kommunstischen Partei Deutschlands wurde illegal in Karlsruhe
vom 25.-26. Februar 1920 abgehalten. 43 Delegierte nahmen teil.
Klara Zetkin gab einen Bericht zur internationalen Lage sowie über die Arbeit des 'West-
Europäischen Sekretariats'. Sie behauptete, es habe sich über seine 'Aufgabe als Informa-
tionsbüro' hinaus entwickelt und sei jetzt 'ein Zentrum der Kommunikation und der Union
für Kommunisten Westeuropas' geworden. (Ebenda, S. 77).
In ihrem Bericht wird scharfe Kritik an dem Umgang des EKKI mit der 'linken' Kommunisti-
schen Arbeiterpartei Deutschlands geübt. Es wurde eine Resolution verabschiedet, die sich
für die Beibehaltung des 'Westeuropäischen Sekretariats' aussprach sowie für die Einberuf-
ung eines Weltkongresses der KI in der nahen Zukunft, um die Streitfragen zwischen dem
EKKI und der KPD zu diskutieren. (Ebenda, SS. 84 f.).
Der Parteitag schloss fünf komplette Kreise aus der Partei wegen der Unterstützung der
Haltung ihrer Delegierten in der Gewerkschaftsfrage auf dem Zweiten Parteitag im Oktober
1919 aus: Groß-Berlin, Nord, Nord-West, Niedersachsen und Dresden.
Es wurde ein Zentralbüro mit folgender Zusammensetzung gewählt: Heinrich Brandler, Hugo
Eberlein, Paul Fröhlich, Ernst Meyer, Wilhelm Pieck, August Thalheimer und Klara Zetkin.
Nach dem Parteitag wurde Paul Levi noch mit in das Zentralbüro hineingenommen ('koop-
tiert' - Übers.).
Der Kapp-Putsch
Anfang März 1920 befahl die Regierung, den Forderungen der Interalliierten Militärkontroll-
kommission nachgebend, die Auflösung zweier Marinebrigaden, die in der Nähe von Ber-
lin stationiert waren und dem Kommando von Hauptmann Hermann Ehrhardt unterstanden.
General Walter Freiherr von Lüttwitz weigerte sich, den Befehl auszuführen und die Regier-
ung entzog die Brigade formell seiner Befehlsgewalt.
In der Nacht vom 12. auf den 13. März marschierten 5.000 Mitglieder der beiden Brigaden,
angeführt von Ehrhardt, in das Zentrum von Berlin.
Die Regierung rief umgehend Truppen zu Hilfe, um den Putsch niederzuschlagen, General
Hans von Seeckt, Chef des Truppenbüros beim Reichswehrministerium, erwiderte jedoch:
"Es kann natürlich keine Rede davon sein, die Reichswehr gegen die Reichswehr
kämpfen zu lassen."
Ohne auf Widerstand zu stoßen, besetzten die Brigaden alle wichtigen Regierungsgebäude
im Zentrum von Berlin. Die Anführer der Putschisten erklärten die Regierung für abgesetzt,
die Weimarer Verfassung für null und nichtig und die Nationalversammlung für aufgelöst.
Sie ernannten eine neue Regierung mit Wolfgang Kapp an der Spitze - einem ostpreußi-
schen Grundbesitzer. Die MInister der legalen Regierung flohen nach Stuttgart, riefen jedoch
vor ihrer Flucht zum Generalstreik auf.
Die Führung der Kommunistischen Partei nahm zunächst eine 'linke' Haltung dem Putsch
gegenüber ein und riet den Arbeitern, sich nicht am Streik zu beteiligen. Am 14. März hieß
es in der 'Roten Fahne':
"Das revolutionäre Proletariat ... wird keinen Finger krumm machen, um die Mörder
von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg vor einer schmachvollen NIederlage zu
retten. Wir werden keinen Finger für die demokratische Republik krümmen."
Die Arbeiter jedoch reagierten auf den Streikaufruf, der von den Gewerkschaftsführern, die
der SPD angehörten, mit Carl Legien an der Spitze, unterstützt wurde( Legien war Vorsitz-
ender des größten Gewerkschaftsverbandes, des Allgemeinen Deutschen Gewerkschafts-
bundes) und 12 Millionen Arbeiter, einschließlich der niedrigen Gruppen der Beamtenschaft,
legten die Arbeit nieder. Unter diesen Umständen änderte die Führung der KPD am 15. März
ihre Linie und rief dazu auf, den Streik zu unterstützen, jedoch unter der 'linken' Parole 'Für
eine Sowjetregierung'.
An der Ruhr entstand unter der Führung der KPD eine Rote Armee mit 100.000 Mann, die
den konterrevolutionären Truppen entgegentrat.
In Berlin wurde der Streik fast hundertprozentig befolgt und nach ein paar Tagen, in denen
Berlin fast gänzlich gelähmt war, nämlich am 17. März, flohen die Anführer des Putsches.
Der Putsch war niedergeschlagen worden.
Der rechte Flügel der USPD verlangte jetzt nach einer neuen Regierung mit Legien als Kanz-
ler sowie einer Mehrheit von USPD-Ministern.
Am 21. März 1920 erklärte das Zentralbüro der KPD, dass für den Fall, dass eine solche
'Arbeiter-Regierung' gebildet werden würde, es die Haltung einer 'loyalen Opposition' ihr ge-
genüber einnehmen werde, d.h. es würde keine Versuche unternehmen, sie gewaltsam zu
stürzen ('Die Rote Fahne', 26. März 1920).
Lenin erklärte, dass diese Taktik grundsätzlich richtig sei:
"Die Schlussfolgerung: das Versprechen, eine 'loyale Opposition' zu sein (d.h. die
Absage an Vorbereitungen für einen 'gewaltsamen Umsturz'), an eine 'sozialisti-
sche Regierung, falls diese bürgerlich-kapitalistische Parteien' von einer Beteiligung
ausschließt - diese Taktik ist im Prinzip eine richtige."
(W.I. Lenin, 'Der 'linke' Radikalismus - die Kinderkrankheit des Kommunismus', An-
hang 2, in: 'Ausgewählte Werke', Band 10, London, 1946, S. 150).
Jedoch kritisierte er scharf die Formulierung der Erklärung:
"Wir können in einer offiziellen Erklärung einer kommunistischen Partei eine Regier-
ung von Sozialverrätern nicht als 'sozialistische' Regierung bezeichnen. ...Es ist
nicht statthaft, von dem Ausschluss 'bürgerlich-kapitalistischer Parteien' zu spre-
chen, wenn es sich bei den Parteien sowohl von Scheidemann als auch der Herrn
Kautsky und Crispien um kleinbürgerlich-demokratische Parteien handelt."
(Ebenda).
...und fügte hinzu, dass die angegebenen Gründe für diese Taktik
" ...prinzipiell falsch und politisch schädlich seien."
(Ebenda).
Er schlug vor, dass eine richtigere Formulierung dieser Gründe folgende hätte sein müssen:
"So lange wie die Mehrheit der städtischen Arbeiter den Unabhängigen folgt, dürfen
wir Kommunisten diesen Arbeitern bei der Überwindung ihrer vergangenen spießbür-
gerlich-demokratischen, also 'kleinbürgerlich-kapitalistischen' Illusionen, keine Hin-
dernisse in den Weg legen, wenn sie sich der Erfahrung, 'ihre eigene Regierung' zu
haben, unterziehen. Das ... bedeutet, dass über einen gewissen Zeitraum hinweg,
alle Versuche, eine Regierung auf gewaltsame Weise zu stürzen, die das Vertrau-
en einer Mehrheit der städtischen Arbeiter besitzt, eingestellt werden müssen."
(W. I. Lenin, ebenda, S. 151).
In einem 'Offenen Brief' an Mitglieder der 'linken' Kommunistischen Arbeiterpartei Deutsch-
lands vom 2.Juni 1920 bekräftigte das EKKI Lenins Einwände gegen die Erklärung der KPD:
"Das EKKI ... lehnt die Gründe, die vom Zentralbüro des Spartusbundes in seiner
bekannten Erklärung vom 21. März 1920 angeführt wurden betreffs der Möglichkeit
für die Bildung einer sogenannten 'rein sozialistischen' Regierung vollständig ab. Es
war falsch zu argumentieren, dass solch eine 'rein sozialistische' Regierung eine
Situation schaffen könne, in der die 'bürgerliche Demokratie nicht mehr als kapita-
listische Diktatur' erscheinen müsse."
(Zitiert nach: Manifest, Richtlinien, Beschlüsse des Ersten Kongresses; Aufrufe und
offene Schreiben des Exekutivkomitees bis zum Zweiten Kongress; Hamburg, 1920,
S. 292).
Das Projekt einer von der USPD dominierten Regierung fiel durch: Der linke Flügel der
USPD- Führung weigerte sich, in eine Regierung zusammen mit der SPD einzutreten.
Lenin beschrieb die Periode des Kapp-Putsches als
" ...die deutsche Kornilow-Periode",
(W. I. Lenin, ebenda, S. 151 f.).
...weil sie einen konterrevolutionären Putschversuch aufseiten des Landadels darstellte.
In Bayern war ein paralleler Putsch des Landadels erfolgreicher. Die SPD-Regierung mit Jo-
hannes Hoffmann an der Spitze wurde gestürzt und eine neue Regierung der reichen Land-
besitzer, angeführt von Gustav Kahr, wurde an die Macht geschoben. Seit dieser Zeit wurde
Bayern zum Tummelplatz für rechtsgerichtete Kräfte, die der 'parlamentarischen Demokratie'
feindlich gegenüberstanden.
Von den 705 Personen, die wegen ihrer Verwicklung in den Kapp-Putsch angeklagt waren,
erhielt nur ein einziger eine Gefängnisstrafe. Lüttwitz konnte Zuflucht in Ungarn, Ehrhardt in
Bayern finden und die große Mehrheit der Komplizen Kapps wurde amnestiert.
Die Bildung der Müller-Regierung
Wegen der öffentlichen Entrüstung über ihr Verhalten während des Kapp-Putsches mussten
Gustav Bauer (Zentrum) und Gustav Noske (SPD) als Reichskanzler bzw. Verteidigungsmi-
mister zurücktreten.
Am 27. März 1920 wurde eine neue Regierung gebildet, die sich aus Ministern der SPD,
des Zentrums und der Deutschen Demokratischen Partei mit Hermann Müller als Reichs-
kanzler zusammensetzte.
General Hans von Seeckt wurde zum Kopf der Heeresleitung befördert, der Nachfolgeorga-
nisation des verbotenen Oberkommandos.
Der Gründungskongress der 'Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands', KAPD
Vom 3. bis zum 4. April 1920 fand der Gründungsparteitag der Kommunistischen Arbeiter-
partei Deutschlands (KAPD) statt, die sich auf Initiative 'linker' Kräfte, die mit der Kommu-
nistischen Partei Deutschlands über die Frage der Mitarbeit in den reformistischen Gewerk-
schaften gebrochen hatten, gebildet hatte. An ihm nahmen 35 Delegierte, die 38.000 Mit-
glieder vertraten, teil.
Eine Resolution, dass sich die KAPD um die Mitgliedschaft in der Kommunistischen Inter-
nationale bewerben sollte, wurde einstimmig angenommen, während eine andere angenom-
mene Resolution alle Mitglieder anwies, sich der 'linken' Allgemeinen Arbeiterunion (AAU)
anzuschließen.
Am 28. November 1920 wurde die KAPD vom EKKI als 'sympathisierende' Partei akzept-
tiert.
Die Auflösung des Westeuropäischen Büros der KI in Amsterdam
Im April 1920 löste das EKKI das Westeuropäische Büro der KI in Amsterdam mit der Be-
gründung auf, dass seine Führer eine 'linke' Orientierung angenommen hätten, weil sie
sich weigerten, in den reformistischen Massengewerkschaften und in den Parlamenten
zu arbeiten. Seine Aufgaben wurden vom Westeuropäischen Sekretariat, das von der
KPD in Berlin gegründet worden war, übernommen, das jetzt einen offiziellen Status er-
hielt. ('Kommunisticheskij International', Nr. 1, 11. Mai 1920, Cols. 1659-60).
' 'Linker' Kommunismus'
Im April 1920 erschien Lenins letztes wichtiges Werk, der 'Linke Radikalismus - die Kinder-
krankheit des Kommunismus', das sich gegen 'linke' Abweichungen von der marxistischen
Strategie und Taktik in der europäischen kommunistischen Bewegung, besonders aber in
Deutschland, richtete.
Wenn Lenin von diesen 'linken' Strömungen sprach, wies er auf ihren internationalen Cha-
rakter hin:
"Einige der grundlegenden Merkmale unserer Revolution haben eine Bedeutung, die
... internationaler Natur sind. ...Wenn ich internationale Bedeutung sage, dann mei-
ne ich die internationale Gültigkeit oder die historische Unvermeidbarkeit einer Wie-
derholung auf internationale Ebene dessen, was sich hier ereignet hat."
(W. I. Lenin, 'Der 'linke' Radikalismus - die Kinderkrankeit des Kommunismus', in:
'Ausgewählte Werke', Band 10, London, 1946, S. 57).
Ein beachtlicher Teil des Buches befasst sich mit der Kritik an derjenigen 'linken' Gruppe,
die sich soeben zur 'Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands' konstituiert hatte. Le-
nin sprach sich gegen die Politik dieser 'linken' Kommunisten aus, die die Arbeit in den Mas-
sengewerkschaften unter reformistischer Führung ablehnten, wenn er sagte:
"Wir führen den Kampf gegen die opportunistischen und sozialchauvinistischen Füh-
rer, um die Arbeiterklasse auf unsere Seite zu ziehen. Diese elementarste und ein-
leuchtendste Wahrheit zu vergessen, wäre dumm. Aber die deutschen 'linken' Kom-
munisten haben sich genau diese Dummheit zu Schulden kommen lassen, wenn
sie wegen des reaktionären und konterrevolutionären Charakters der Führer dieser
Gewerkschaften zu der Schlussfolgerung Zuflucht nehmen, dass ... es nötig sei,
die Gewerkschaften zu verlassen und neue, künstliche Arbeiterorganisationen zu
gründen!! Dies ist ein unverzeihlicher Fehler, der gleichzusetzen ist mit dem größ-
ten Gefallen, den Kommunisten der Bourgeoisie tun können. ...Sich zu weigern,
in den reaktionären Gewerkschaften zu arbeiten, bedeutet, die unzureichend ent-
wickelten oder rückständigen Massen von Arbeitern dem Einfluss der reaktionären
Führer, den Agenten der Bourgeoisie, zu überlassen. ...
Es ist genau eben diese absurde 'Theorie', dass Kommunisten nicht den reaktionä-
ren Gewerkschaften angehören dürfen, die auf das Deutlichste zeigt, wie leichtfer-
tig die 'linken' Kommunisten die Frage der Beeinflussung 'der Massen' betrachten,
wie sie ihre Aufschreie über 'die Massen' missbrauchen. ...
Eine größere Dummheit und größerer Schaden als dieser, der durch die 'linken'
Revolutionäre verursacht wird, ist nicht vorstellbar! ...Denn die ganze Aufgabe der
Kommunisten besteht darin, in der Lage zu sein, die rückständigen Massen zu
überzeugen, in der Lage zu sein, unter ihnen zu arbeiten und sich nicht von ihnen
durch künstliche und kindische 'linke' Parolen abzuschirmen."
(W. I. Lenin, ebenda, SS. 93, 95).
Lenin kritisierte auch die Politik der deutschen 'linken' Kommunisten, wenn sie die parla-
mentarische Arbeit ablehnten:
"Wie kann man nur sagen, dass der 'Parlamentarismus politisch überholt' ist, wenn
'Millionen' und 'Legionen' von Proletariern nicht nur noch für den Parlamentarismus
im Allgemeinen, sondern regelrecht 'konterrevolutionär' sind!? Offensichtlich ist der
Parlamentarismus in Deutschland noch nicht politisch überholt. Offensichtlich hal-
ten die 'Linken' in Deutschland ihren Wunsch ... für die objektive Realität. Das ist
der gefährlichste Fehler, den Revolutionäre machen können. ... Wir dürfen nicht
das, was für uns überholt ist, als für die Klasse überholt ansehen, als für die Mas-
sen überholt betrachten! ... Man darf nicht auf das Niveau der Massen, auf das der
rückständigen Schichten der Klasse herabsinken. Das ist unbestreitbar. Man muss
ihnen die bittere Wahrheit sagen. Man muss ihre bürgerlich-demokratischen und
parlamentarischen Vorurteile Vorurteile nennen. Aber gleichzeitig ...ergibt sich da-
raus unzweifelhaft, dass der Parlamentarismus in Deutschland noch nicht politisch
überholt ist, dass die Teilnahme an Parlamentswahlen und an der Auseinandersetz-
ung im Parlament für die Partei des revolutionären Proletariats schon allein für die
Erziehung der rückständigen Schichten der eigenen Klasse verpflichtend ist. ... So-
lange wie man nicht in der Lage ist, das bürgerliche Parlament aufzulösen und jede
andere Form reaktionärer Einrichtung, muss man in ihnen arbeiten."
(W. I. Lenin, ebenda, SS. 99 f.).
Darüberhinaus kritisierte Lenin die 'linken' deutschen Kommunisten wegen ihrer Zurückweis-
ung von Manövern und Kompromissen:
"Einen Krieg für den Sturz der internationalen Bourgeoisie zu führen, ein Krieg, der
hundertmal schwieriger, langwieriger und komplizierter ist als der zäheste gewöhn-
liche Krieg zwischen Staaten und im Voraus abzulehnen zu manövrieren, den Inter-
essengegensatz zwischen seinen Feinden, auch wenn dieser nur vorübergehender
Natur ist, auszunutzen, abzulehnen zu lavieren und Kompromisse mit möglichen,
wenn auch nur zeitweiligen, unsicheren, schwankenden und bedingten Bündnispart-
ner zu schließen - ist dies nicht lächerlich bis ins Extrem? ...
Der Kapitalismus wäre kein Kapitalismus, wenn das 'reine' Proletariat nicht umge-
ben wäre von einer großen Zahl von sehr unterschiedlichen Zwischenformen ...Und
all dies macht es notwendig - zwingend notwendig - für die Avantgarde des Proleta-
riats ... zu Manövern und Kompromissen Zuflucht zu nehmen ...Die entscheidende
Aufgabe besteht darin, zu verstehen, wie man diese Taktik in einer Weise anwen-
den kann, um das allgemeine Niveau des proletarischen Klassenbewusstseins, die
revolutionäre Moral und die Fähigkeit zu kämpfen und zu erobern anzuheben. ...
Die hastige gefällte 'Entscheidung', 'keine Kompromisse und keine Manöver', kann
nur der Stärkung des Einflusses des revolutionären Proletariats und dem Wachstum
seiner Kräfte hinderlich sein."
(W. I. Lenin, ebenda, SS. 111, 115 f., 117).
Schließlich kritisierte Lenin nicht nur die 'linke' Haltung bei der 'Kommunistischen Arbeiter-
partei Deutschlands', sondern auch in der Kommunistischen Partei Deutschlands selbst,
die sich weigerte, für ein Bündnis mit dem linken Flügel der Unabhängigen Sozialdemokra-
tischen Partei Deutschlands zu arbeiten.
"Die deutsche 'Unabhängige Sozialdemokratische Partei' ist offensichtlich nicht ho-
mogen. Parallel zur alten opportunistischen Führung ...hat sich in dieser Partei ein
linker proletarischer Flügel gebildet, der sich mit bemerkenswerter Schnelligkeit
entwickelt. ...Dieser proletarische Flügel hat bereits auf dem Leibziger Parteitag der
Unabhängigen, 1919, sich für einen sofortigen, bedingungslosen Anschluss an die
Dritte Internationale ausgesprochen. ...Es ist die Pflicht der Kommunisten, eine an-
gemessene Form eines Kompromisses mit ihnen zu suchen und zu finden und solch
ein Kompromiss wird auf der einen Seite den nötigen vollständigen Zusammen-
schluss mit diesem Flügel erleichtern und beschleunigen und auf der anderen wird
er in keinster Weise die Kommunisten in ihrem politisch ideologischen Kampf ge-
gen den opportunistischen rechten Flügel der 'Unabhängigen' behindern.
(W. I. Lenin, ebenda, S. 115).
Der Vierte Parteitag der KPD
Der Vierte Parteitag der Kommunistischen Partei Deutschlands wurde illegal in Berlin vom
14. bis zum 15. April 1920 abgehalten. An ihm nahmen 49 stimmberechtigete Delegierte
teil.
Der Kongress billigte mit 37 gegen 6 Stimmen eine Resolution, die die Erklärung der 'loya-
len Opposition' in der Folge des Kapp-Putsches kritisierte (Bericht über den 4. Parteitag
der Kommunistischen Partei Deutschlands - Spartakusbund -, n.p., n.d., SS. 39, 53).
Das neue Zentralbüro setzte sich wie folgt zusammen: Heinrich Brandler, Hugo Eberlein,
Paul Levi, Ernst Meyer, Wilhelm Pieck, August Thalheimer und Klara Zetkin.
Der Offene Brief des EKKI an Mitglieder der KAPD
Am 2. Juni 1920 veröffentlichte das EKKI einen offenen Brief an die Mitglieder der 'linken'
'Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands', in dem die Haltung der Partei gegen eine
Mitgliedschaft in den Massengewerkschaften scharf kritisiert wird. Es fügte hinzu, dass
die KAPD nicht als ernstzunehmende revolutionäre Partei betrachtet werden könne, wenn
sie in ihren Reihen Leute wie Heinrich Laufenberg oder Fritz Wolfheim dulde, die mit der
Parole eines 'Nationalbolschewismus' dafür eintraten, dass die Arbeiterklasse sich mit
deutschen Imperialisten auf ein gegen den Versailler-Vertrag gerichtetes Programm ver-
bünden sollte (Manifest, Richtlinien, Beschlüsse des Ersten Kongresses; Aufrufe und offe-
ne Schreiben des Exekutivkomitees bis zum Zweiten Kongress; Hamburg, 1920, SS. 292f.).
Auf einem Parteitag Anfang August 1920 schloss die Partei die Laufenberg/Wolfheim-
Gruppe aus.
Die Parlamentswahlen von 1920
Am 6. Juni 1920 wurden Wahlen zum deutschen Parlament abgehalten. Die Ergebnisse
waren folgende:
Partei Stimmen % Abgeordnete
___________________________________________________________________________
Sozialdemokratische Partei
Deutschlands 6, 1 Mill. 22 102
Unabhängige Sozialdemokratische
Partei Deutschlands 5, 0 Mill. 18 84
Deutschnationale Volkspartei 4, 2 Mill. 15 71
Deutsche Volkspartei 3, 9 Mill. 14 65
Zentrum 3, 9 Mill. 14 64
Deutsche Demokratische Partei 2, 4 Mill. 8 39
Bayerische Volkspartei 1, 2 Mill. 4 21
Kommunistische Partei Deutschlands 0, 6 Mill. 2 2
Andere 0, 9 Mill. 3 9
____________________________________________________________________________
Gesamt: 28, 2 Mill. 100 457
Die wichtigsten Veränderungen gegenüber den Ergebnissen der Wahl zur Nationalver-
sammlung vom Januar 1919 waren: ein Rückgang des Stimmenanteils der SPD von
38 auf 22% und bei der Zahl der Abgeordneten von 165 auf 102; ein Anstieg bei den
USPD-Stimmen von 8 auf 18% und bei der Zahl ihrer Abgeordneten von 22 auf 84 sowie
der Eintritt der Kommunistischen Partei in die parlamentarische Arena.
Die Bildung der Regierung Fehrenbach
Nach den Wahlen trat die Regierung Müller zurück und wurde am 25. Juni durch eine
neue Koalitionsregierung aus Deutscher Volkspartei, Deutscher Demokratischer Par-
tei und Zentrum, d.h. ohne Beteiligung der sozialdemokratischen Partei, mit Konstan-
tin Fehrenbach (Zentrum) an der Spitze, ersetzt. Es handelte sich um eine Minderheits-
regierung, die von der SPD toleriert wurde.
Der Eintritt der Deutschen Volkspartei, angeführt von Gustav Stresemann, in die Re-
gierung markierte den Niedergang der Macht des Landadels als eigenständiger Klasse,
seine wachsende Fusion mit dem Monopolkapital und die Umwandlung seiner Partei
von einer Partei, die die politischen Interessen des Landadels vertrat, zu einer solchen,
die die Interessen desjenigen Teils des Monopolkapitals vertrat, der mit dem Landadel
verbunden war.
Der Zweite Kongress der Kommunistischen Internationale
Der Zweite Kongress der Kommunistischen Internationale fand vom 19. Juli bis zum
7. August 1920 in Petrograd und Moskau statt. An ihm nahmen 217 Delegierte aus 37
Ländern teil. Die Delegation der KPD wurde von Paul Levi angeführt. Zu ihr gehörten
Willi Budich, Ernst Meyer, Jacob Walcher und Rosi Wolfstein. Nichtstimmberechtigte
Delegierte kamen aus der USPD sowie aus der KAPD.
Das auf dem Kongress angenommene 'Manifest' enthielt einen kurzen, aber nachdrück-
lichen Hinweis auf Deutschland:
"Deutschlands verspäteter Parlamentarismus, eine Abtreibung der bürgerlichen
Revolution, die selbst nur eine Abteibung der Geschichte ist, leidet in seinem
Kindheitsstadium an jeder Krankheit, die für senile Schwachköpfe typisch ist:
Der Welts demokratischster Reichstag der ebertschen Republik ist impotent,
nicht nur vor dem Marschallstab eines Foch, sondern sogar vor den Manipula-
tionen der Börse seines eigenen Stinnes und vor den militärischen Intrigen seiner
Offiziersclique. Die deutsche parlamentarische Demokratie stellt ein Vakuum dar
zwischen zwei Diktaturen."
(Manifest des Zweiten Weltkongresses der KI, in: J. Degras, Hrsg., 'Die Kommu-
nistische Internationale, 1919-1943: Dokumente', Band 1, London, 1971, S. 175).
Die 'Thesen zur Gewerkschaftsbewegung, den Betriebsräten und zur Kommunistischen
Internationale' betonen, dass es für Kommunisten unentbehrlich ist, in der Gewerkschafts-
bewegung zu arbeiten:
"Kommunisten aller Länder müssen in die Gewerkschaften eintreten, um sie in
bewusste Kampforgane für den Sturz des Kapitalismus und für den Kommunis-
mus zu verwandeln. Sie müssen die Initiative zur Bildung von Gewerkschaften
dort ergreifen, wo sie noch nicht existieren.
Jedes freiwillige Beiseitestehen von den Gewerkschaften, jeder künstliche Ver-
such, eigene Gewerkschaften zu bilden, außer man ist dazu gezwungen, ...
ist für die kommunistische Bewegung äußerst gefährlich. Dies beinhaltet die
Gefahr, dass die Massen, die sich auf dem Weg zum Kommunismus befinden,
von den fortschrittlichsten und klassenbewusstesten Arbeitern getrennt und von
den opportunistischen Führern, die Hand in Hand mit der Bourgeoisie arbeiten,
umgeben sind. ...
Falls ... eine Spaltung unumgänglich wird, sollte sie nur vollzogen werden, wenn es
den Kommunisten gelingt, die breiten Arbeitermassen davon zu überzeugen, dass
die Spaltung nicht wegen in der Ferne liegender revolutionärer Ziele, die sie noch
nicht verstehen, erfolgt, sondern zum Nutzen der naheliegendsten praktischen In-
teressen der Arbeiterklasse bei der Entwicklung ihres ökonomischen Kampfes."
(Thesen zur Gewerkschaftsbewegung, den Betriebsräten und der Kommunistischen
Internationale, Zweiter Weltkongress der KI, in: J. Degras, Hrsg., ebenda, SS.
146f.).
Die 'Thesen zu den kommunstischen Parteien und zum Parlament' bezeichnen das Par-
lament in der Ära des Imperialismus als
" ... ein Instrument der Unwahrheit, der Täuschung und der Gewalt, als eine ent-
nervende Quaselbude."
(Thesen zu den kommunistischen Parteien und zum Parlament, Zweiter Weltkon-
gress der KI, in: J. Degras, Hrsg., ebenda, S. 151).
Die Thesen stellen das Parlament als Organ des kapitalistischen Staates den Räten ge-
genüber, den Organen der Diktatur der Arbeiterklasse und beschäftigten sich auch mit der
Rolle der parlamentarischen Arbeit im revolutionären Kampf:
"In diesem Massenkampf, der sich zu einem Bürgerkrieg entwickelt, muss sich
die führende Partei des Proletariats in aller Regel sämtliche legalen Stützpunkte
sichern und sie als Hilfszentren in ihrem revolutionärem Kampf nutzen und sie in
ihren allgemeinen Kampagnenplan einbeziehen, den des Massenkampfes.
Ein solches Hilfszentrum ist das Forum des bürgerlichen Parlaments.
Diese Tätigkeit im Parlament, die hauptsächlich aus revolutionärer Agitation von
der Tribüne des Parlaments aus besteht, bei der Feinde entlarvt und die Massen
ideologisch mobilisiert werden, welche besonders in den rückständigen Gegenden
mit demokratischen Illusionen überladen sind und auf das Rednerpult blicken, muss
sich voll und ganz den Zielen und Aufgaben des Massenkampfes außerhalb des
Parlaments unterordnen."
(Ebenda, S. 153).
Die Thesen verurteilen den 'Antiparlamentarismus aus Prinzip' als
" ... eine naive und kindische Doktrin, die unter aller Kritik steht."
(Ebenda, S. 154).
Der Boykott von Wahlen oder des Parlaments oder auch das Verlassen des Parlaments
aus Protest
" ... sind besonders dann statthaft, wenn die Bedingungen für den sofortigen Über-
gang zum bewaffneten Kampf um die Macht vorliegen."
(Ebenda).
Jedoch in Anbetracht der Tatsache, dass der parlamentarische Kampf eine 'relativ unter-
geordnete Rolle' spielt,
"weist die Kommunistische Internationale ausdrücklich darauf hin, dass sie jede
Art von Spaltung oder jeden Versuch einer Spaltung der Kommunistischen Partei
nur wegen dieser Frage als einen schwerwiegenden Fehler einschätzt."
(Ebenda).
Das bedeutendste Dokument, das auf dem Kongress angenommen wurde, waren die
'Bedingungen für den Beitritt zur Kommunistischen Internationale', von denen neunzehn
von Lenin entworfen wurden. Als er die Bedingungen vorstellte, wies Lenin darauf hin, dass
sie bezweckten zu 'verhindern, dass die Organisation durch schwankende und halbherzige
Gruppen verwässert' wird - Gruppen, die noch nicht wirklich die sozialdemokratische Welt-
anschauung abgelegt und den Marxismus sich zu eigen gemacht haben:
"Immer häufiger bewerben sich Parteien und Gruppierungen, die noch vor nicht
allzu langer Zeit der Zweiten Internationale angehörten, die aber noch nicht wirk-
lich kommunistisch geworden sind, um die Aufnahme in die Dritte Internationale.
Die Zweite Internationale ist völlig zertrümmert. Die Zwischengruppen und -parteien
des 'Zentrums' versuchen, sich der Kommunistischen Internationale anzunähern,
die immer stärker wird, weil sie festgestellt haben, dass die Zweite Internationale
in einem hoffnungslosen Zustand ist, wollen sich aber eine solche 'Autonomie' be-
wahren, die es ihnen ermöglicht, ihre alte opportunistische oder 'zentristische' Po-
titik weiterzuführen. ...
Der Wunsch gewisser führender Gruppen des 'Zentrums', sich der Dritten Interna-
tionale zum gegenwärtigen Zeitpunkt anzuschließen, ist eine indirekte Bestätigung
der Tatsache, dass die Kommunistische Internationale sich die Sympathie der über-
wiegenden Mehrheit der klassenbewussten Arbeiter auf der ganzen Welt erobert
hat und von Tag zu Tag immer mehr zu einer Macht wird.
Unter gewissen Umständen könnte die Kommunistische Internationale sich der Ge-
fahr gegenübersehen, dass sie durch schwankende und halbherzige Gruppen, die
noch nicht die Ideologie der Zweiten Internationale abgelegt haben, verwässert wird.
In Anbetracht dieser Tatsache hält der Zweite Kongress der Kommunistischen In-
ternationale es für notwendig, ganz spezifische Bedingungen für den Beitritt neuer
Parteien festzulegen und auch jene, die bereits in die Kommunistische Internatio-
nale aufgenommen wurden, auf die Verpflichtungen hinzuweisen, die sie übernom-
men haben."
(W. I. Lenin, 'Die Aufnahmebedingungen in die Kommunistische Internationale', in:
'Ausgewählte Werke', Band 10, London, 1946, SS. 200f.).
Der Kongress verabschiedete ebenfalls die 'Thesen zu den Hauptaufgaben der Kommunisti-
schen Internationale', die von Lenin entworfen wurden, die 'Thesen zur Rolle der Kommunis-
tischen Partei in der Proletarischen Revolution', von Sinowjew entwickelt, die 'Thesen zur
nationalen und kolonialen Frage' (Lenin), die 'Thesen zur Agrarfrage' (Lenin) sowie die 'Sta-
tuten der Kommunistischen Internationale', die vom EKKI vorgelegt wurden.
Der Kongress bildete ein Exekutivkomitee mit 26 Mitgliedern aus 20 nationalen Parteien.
Nach dem Kongress wählte es ein 'Enges Büro' für die täglich anfallenden Arbeiten der
Kommunistischen Internationale, das sich folgendermaßen zusammensetzte:
Grigori Sinowjew, Sowjetrussland - Vorsitzender;
Nikolai Bucharin, Sowjetrussland - stellvertretender Vorsitzender;
Mikhail Kobetzki, Sowjetrussland - Sekretär;
Ernst Meyer, Deutschland und
A. Rudnianski, Ungarn.
In der Zeit zwischen dem Zweiten Kongress und dem Dritten (Juni, Juli 1921) wurde das
Enge Büro um folgende Personen erweitert:
Wilhelm Koenen, Deutschland;
Bela Kun, Ungarn;
Karl Radek, Sowjetrussland und
Alfred Rosmer, Frankreich.
Lenins Brief an die deutschen und französischen Arbeiter
Am 24. September 1920 schrieb Lenin einen 'Brief an die deutschen und französischen
Arbeiter' zur Diskussion, die in den zentristischen Parteien zur Frage des Beitritts zur
Kommunistischen Internationale stattfand. Er erklärte, dass die rechtsgerichteten Führer
der USPD
" ...opportunistische, kleinbürgerliche Elemente sind. ...Durch ihr ständiges
Schwanken in Richtung des Reformismus und des Menschewismus, durch
ihre Unfähigkeit, auf revolutionäre Weise zu denken und zu handeln, ordnen Ditt-
mann, Crispien und die anderen, ohne es zu merken, ...das Proletariat dem bür-
gerlichen Reformismus unter. ...
Es ist an der Zeit, vollständig all diese schädlichen Illusionen über die Möglich-
keit einer 'Einheit' oder eines 'Friedens' mit Dittmann und Crispien, mit dem rech-
ten Flügel der deutschen Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei ...abzuleg-
gen. Es ist an der Zeit, dass alle revolutionären Arbeiter ihre Parteien von ihnen
reinigen und wahrhaft vereinigte kommunistische Parteien des Proletariats bilden."
(W. I. Lenin, 'Ein Brief an die deutschen und französischen Arbeiter', in: 'Ausge-
wählte Werke', Band 10, London, 1946, SS. 250f.).
Der Parteitag der USPD in Halle
Vom 12. bis zum 17. Oktober 1920 fand in Halle ein außerordentlicher Parteitag der Un-
abhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands statt, der von 395 Delegierten, die
893.000 Mitglieder vertraten, besucht wurde.
Nach einer Rede von Grigori Sinowjew für die Kommunistische Internationale stimmte der
Parteitag mit 237 Stimmen gegen 156 für die Bewerbung um den Beitritt zur Kommunisti-
schen Internationale unter Beachtung der 21 Bedingungen. Der rechte Flügel verließ da-
raufhin den Parteitag, der dann eine Resolution verabschiedete, dass Verhandlungen mit
der Kommunistischen Partei Deutschlands mit dem Ziel des Zusammenschlusses aufge-
nommen werden sollten (USPD: Protokoll über die Verhandlungen des Außerordentlichen
Parteitags in Halle, n.p., n.d.).
Der Fünfte Parteitag der KPD
Der Fünfte Parteitag der Kommunistischen Partei Deutschlands wurde in Berlin vom 1. bis
zum 3. November 1920 abgehalten und von 101 stimmberechtigten Delegierten besucht,
die 79.000 Mitglieder vertraten. Der Parteitag nahm eine Resolution an, derzufolge die KPD
sich mit dem linken Flügel der USPD zusammenschließen sollte. Er vertagte die Wahlen
zum neuen Zentralbüro auf den bevorstehenden Vereinigungsparteitag (Bericht über den
5. Parteitag der Kommunistischen Partei Deutschlands - Spartakusbund, n.p., 1921).
Der Sechste Parteitag (Vereinigungsparteitag) der KPD
Der Sechste Parteitag der Kommunistischen Partei Deutschlands, der Vereinigungspar-
teitag, auf dem sich die KPD mit dem linken Flügel der Unabhängigen Sozialdemokrati-
schen Partei Deutschlands zusammenschloss, wurde in Berlin vom 4. bis zum 7. Dezem-
ber 1920 abgehalten. An ihm nahmen 136 Delegierte der KPD und 349 der USPD teil, die
insgesamt 300.000 Mitglieder repräsentierten.
Für eine bestimmte Zeit nahm die Partei den neuen Namen 'Vereinigte Kommunistische
Partei Deutschlands' (VKPD). Das Wort 'vereinigte' wurde ab 1922 weggelassen.
Es wurde ein neues Zentralbüro gewählt mit Ernst Däumig (USPD) und Paul Levi (KPD)
als Vorsitzende, mit Heinricht Brandler (KPD), Otto Brass (USPD), Wilhelm Koenen
(USPD), Wilhelm Pieck (KPD), Hermann Remmele (USPD), Walter Stoecker (USPD)
und Klara Zetkin (KPD) als Sekretäre sowie mit den folgenden Mitgliedern: Otto Gäbel
(USPD), Curt Geyer (USPD), Fritz Heckert (KPD), Adolph Hoffmann (USPD) und August
Thalheimer (KPD). (Bericht über die Verhandlungen des Vereinigungsparteitags der USPD
(Linke) und der KPD (Spartakusbund), n.p., 1921).
1921
Der 'Offene Brief' der KPD
Am 7. Januar 1921 billigte die Konferenz des Zentralbüros zusammen mit den Kreis-
sekretären der Kommunistischen Partei Deutschlands einen 'Offenen Brief', der an den
Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund (ADGB), den Allgemeinen Freien Angestell-
tenbund (AFA-Bund), die Allgemeine Arbeiterunion (AAU), die Freie Arbeiterunion (FAU),
die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD), den Rumpf der Unabhängigen So-
zialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) und an die linksgerichtete Kommunisti-
sche Arbeiterpartei Deutschlands (KAPD) gerichtet war.
Der 'Offene Brief', der von Karl Radek und Paul Levi entworfen worden war, schlug eine
gemeinsame Kampagne für die Anhebung der Löhne, des Arbeitslosengeldes und der
Renten vor, sprach sich für die Verringerung der Lebenshaltungskosten aus, für die Auf-
lösung der antirepublikanischen paramilitärischen Verbände, für die Schaffung von 'Orga-
nen zur proletarischen Selbstverteidigung' sowie für die Aufnahme von Handels- und dip-
lomatischen Beziehungen zu Sowjetrussland.
Der 'Offene Brief' löste bei den Organisationen, an die er adressiert war, keinerlei Reak-
tion aus und wurde aber von einer 'linken' Gruppe, die sich in der (Kommunistischen -
Übers.) Partei unter der Führung von Ruth Fischer und Arkadi Maslow formierte, als 'op-
portunistisch' bezeichnet.
Auf dem Dritten Weltkongress der Kommunistischen Internationale im Juli 1921 verteidig-
te Lenin die Taktik des 'Offenen Briefes' gegen die Angriffe der 'Linken':
"Ich finde, es ist eine Schmach und eine Schande, hier auf dem Kongress hören
zu müssen, ...dass der 'Offene Brief' opportunistisch sei! ...Der 'Offene Brief' war
ein vorbildlicher politischer Schritt. Das ist das, was wir in unseren Thesen sa-
gen. Und das ist, das worauf wir unbedingt bestehen müssen. Es war ein vor-
bildlicher Schritt, denn es war der erste praktische Schritt in Richtung der Erober-
ung der Mehrheit der Arbeiterklasse."
(W. I. Lenin, 'Für die Unterstützung der Taktik der Kommunistischen Internationa-
le', in: 'Ausgewählte Werke', Band 10, London, 1946, S. 281).
In den 'Thesen zur Taktik', die vom Dritten Weltkongress der KI angenommen wurden,
heißt es:
"Dank der Taktik der Kommunistischen Internationale (...des Offenen Briefes, usw.)
ist der Kommunismus in Deutschland von einer bloßen politischen Strömung, die
er in den Januar- und März-Kämpfen von 1919 war, zu einer großen revolutionären
Massenpartei geworden."
(Thesen zur Taktik, Dritter Weltkongress der KI, in: J. Degras, Hrsg., 'Die Kommu-
nistische Internationale: 1919-43, Dokumente', Band 1, London, 1956, S. 244).
Die Rücktritte aus dem Zentralbüro der KPD
Im Januar 1921 fand in Leghorn der Parteitag der Italienischen Sozialistischen Partei statt,
an dem Matyas Rakosi und Christo Kabaktschiew als Vertreter der Kommunistischen In-
ternationale teilnahmen.
Die Partei hatte ihren Beitritt zur Kommunistischen Internationale kurz nach der Gründung
derselben erklärt, der Parteitag hatte jedoch zu entscheiden, ob der Beitritt auch nach
der Verabschiedung der 21 Bedingungen durch den Zweiten Weltkongress der KI im Juli
1920 weiterhin Gültigkeit haben sollte.
Während der rechte Flügel des Parteitags sich gegen eine weitere Zugehörigkeit unter
welchen Bedingungen auch immer aussprach, war ein großer zentristischer Block mit Gia-
cinto Serrati an der Spitze, im Namen der 'Toleranz', gegen die Annahme der letzten Be-
dingung, die den Ausschluss des rechten Flügels der Partei forderte. In seiner Opposi-
tion erhielt Serrati die offene Unterstützung von Paul Levi, der als Genosse der befreunde-
ten Kommunistischen Partei Deutschlands am Parteitag teilnahm.
Auf einer Sitzung des Zentralbüros der KPD vom 22.-24. Februar 1921 wurde eine Resolu-
tion von Paul Levi vorgelegt, in der die Haltung der Kommunistischen Internationale gegen-
über der Italienischen Sozialistischen Partei verurteilt werden sollte. Sie fiel mit 23 zu 28
Stimmen durch, dafür wurde jedoch eine Resolution von August Thalheimer, die die Halt-
ung der kommunistischen Internationale billigte, mit 28 zu 23 Stimmen angenommen.
Danach zogen sich Clara Zetkin, Paul Levi, Ernst Däumig, Otto Brass und Adolph Hoff-
mann aus dem Zentralbüro zurück und wurden durch Paul Böttcher, Paul Fröhlich, Ernst
Meyer, Max Sievers und Paul Wegmann ersetzt. Heinrich Brandler und Walter Stoecker
wurden zu Vorsitzenden der Partei gewählt.
Von dieser Zeit an bis Oktober 1922 spielte Ernst Meyer die führende Rolle in der Partei.
Im März gab das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale eine Stellung-
nahme zu dem Vorfall heraus, in der es hieß:
"Fünf Mitglieder des Zentralbüros der KPD sind aus dem Zentralbüro aus Unzu-
friedenheit mit der Haltung des Exekutivkomitees gegenüber der Spaltung der
Italienischen Sozialistischen Partei ausgetreten.
Für jeden denkenden Kommunisten ist klar was es bedeutet, wenn die zentristi-
sche Führungsgruppe angesichts der Notwendigkeit, zwischen den Reformisten
und den Kommunisten zu wählen, sich von den 60.000 kommunistischen Prole-
tariern Italiens zugunsten von Serrati und den 12.000 Reformisten trennt.
Diese Tatsache hat größeres Gewicht als all die langatmigen Reden über das
taktlose Verhalten des einen oder anderen Vertreters der Kommunistischen In-
ternationale. Das hätte allen Mitgliedern des deutschen Zentralbüros eigentlich
klar sein müssen. In einer kommunistischen Partei haben die Führer, die an die
führende Stelle durch die Arbeiter bestimmt wurden, genauso wenig das Recht,
ihren Posten ohne Erlaubnis der Partei zu verlassen, wie ein Soldat der Roten
Armee das Recht hat, seinen Wachdienst zu quittieren. ...
Das EKKI bedauert den Rücktritt dieser Genossen und erblickt darin
1. eine unzureichende Disziplin unter den führenden Kräften der KPD;
2. den Beweis für die Tatsache, dass es unter den Führern der KPD Anzeichen
für die Bildung eines rechten Flügels gibt.
Das Exekutivkomitee bleibt bei seiner Auffassung, dass der Grund dafür, dass
der Genosse Levi und seine Gruppe das Zentralbüro der KPD verließen, nicht
die 'Italienische Frage' war, sondern opportunistische Schwankungen im Hinblick
auf die deutsche und internationale Politik. ...
Das EKKI lenkt die Aufmerksamkeit aller deutschen Kommunisten auf die Tat-
sache, dass es in den vergangenen Monaten Anzeichen für einen Versuch gege-
ben hat, einen kommunistischen rechten Flügel zu bilden. Deshalb sollten Kom-
munisten ihre Reihen schließen und diese Tendenzen im Keim ersticken.
Die Stellungnahme des Genossen Levi vom 23. März beweist, dass er bereits
den vollständigen Bruch mit der Kommunistischen Internationale vollzogen hat.
Dies sollte den Genossen, die sich bislang mit Levi solidarisch erklärten, zeigen,
wohin sein Kurs führt und ihnen dabei helfen, ihren Fehler einzusehen."
(EKKI-Resolution zum Rücktritt der fünf Mitglieder des Zentralbüros der Kommu-
nistischen Partei, in: 'Kommunisticheskij International', Nr. 17, Juni 1921, Col.
4071).
Die Gründung der 'Zweieinhalbten' Internationale
Vom 22. bis zum 27. Februar 1921 trafen sich Vertreter der zentristischen sozialdemokra-
tischen Parteien, die mit der Zweiten Internationale gebrochen hatten, jedoch die 21 Be-
dingungen für die Aufnahme in die Dritte Internationale ablehnten, in Wien und gründeten
dort die kurzlebige Internationale Union Sozialistischer Parteien, auch als 'Wiener Interna-
tionale' bekannt oder weniger respektvoll als die 'Zweieinhalbte Internationale'.
Der Dritte Weltkongress der Kommunistischen Internationale, der im Juni/Juli 1921 statt-
fand, beschrieb die 'Zweieinhalbte' Internationale wie folgt:
"Die Parteien des Zentrums und der Sozialdemokratie unterscheiden sich nur in
der Wortwahl. ... Auf dem Papier versucht die Zweieinhalbte Internationale, zwischen
Demokratie und proletarischer Diktatur hin- und herzupendeln.Tatsächlich jedoch
hilft sie der kapitalistischen Klasse in jedem Land dadurch, dass sie den Geist der
Unentschlossenheit in der Arbeiterklasse bestärkt. ...Die wichtigste Ähnlichkeit im
politischen Charakter der Reformisten und der Zentristen zeigt sich in ihrer gemein-
samen Verteidigung der Amsterdamer Gewerkschaftsinternationale, der letzten
Hochburg der Weltbourgeoisie.
Woimmer sie um Einfluss in den Gewerkschaften verfügen, verbünden sich die Zen-
tristen mit den Reformisten und der Gewerkschaftsbürokratie, um die Kommunis-
ten zu bekämpfen, um die Bestrebungen, die Gewerkschaften zu revolutionieren,
dadurch wieder zunichte zu machen, dass sie die Kommunisten ausschließen und
die Gewerkschaften spalten, womit sie den Beweis erbringen, dass sie wie die So-
zialdemokraten Gegner des proletarischen Kampfes sind und damit Schrittmacher
der Konterrevolution."
(Thesen zur Taktik, Dritter Weltkongress der KI, in: J. Degras, Hrsg., ebenda, S.
256).
Die Märzaktion
Am 3. Februar 1921 begann im Mansfelder Gebiet (Mitteldeutschland) ein Streik der Arbei-
ter im Kupferbergbau. Am 16. März gab der Präsident von Sachsen, Otto Hörsing (SPD),
der Schutzpolizei ('Schupo') sowie Reichswehreinheiten den Befehl, eine 'Aktion vorzuberei-
ten, um die Autorität desStaates im Mansfelder Gebiet wiederherzustellen'.
Sich den Rücktritt der Rechten aus dem Zentralbüro der Kommunistischen Partei Deutsch-
lands zunutze machend, gelang es 'linken' Kräften, angeführt von Arkadi Maslow, das Zen-
tralbüro davon zu überzeugen, die 'Theorie der allgemeinen revolutionären Offensive' zu
übernehmen - eine Theorie, die besagte, dass die Zeit jetzt für die Partei gekommen sei,
offensive revolutionäre Aktionen zu organisieren, die in der Arbeiterklasse zur Auslösung
aktiver Untersützung führen würden.
Auf der Grundlage dieser 'linken' Theorie legte das Zentralbüro der Sitzung des Zentralrats
der KPD am 17. März eine Resolution vor, um die Partei zu veranlassen, einen bewaffneten
Aufstand zum Sturz der Regierung zu organisieren, der in Mansfeld beginnen sollte. Die
Aktion wurde von dem damaligen 'linken' Vertreter der Kommunistischen Internationale in
Deutschland, Bela Kun, unterstützt.
Dazu Klara Zetkin auf dem Dritten Weltkongress der KI im Juni/Juli 1921:
"Vertreter der Exekutive (der Komintern - Verf.) tragen auf jeden Fall einen großen
Teil der Verantwortung für die Tatsache, dass die Märzaktion so geführt wurde
wie dies der Fall war ... und mit den falschen Parolen und der falschen politischen
Einstellung der Partei oder besser ihres Zentralrats."
(Protokoll des Dritten Kongresses der Kommunistischen Internationale, Hamburg,
1921, S. 297).
Am 19. März marschierten Schutzpolizei und Truppen in das Mansfelder Gebiet ein und
lösten blutige Zusammenstöße mit bewaffneten Kommunisten und ihren Sympathisan-
ten aus. Am 23. März rief Staatspräsident Ebert den Notstand in Sachsen aus (gleichbe-
deutend mit dem Kriegsrecht) und ernannte Otto Hörsing (SPD) zum Vollstrecker des
Kriegsrechts.
Die Masse der Arbeiter jedoch beachtete nicht den Aufruf zum Aufstand, der von der
KPD herausgegeben wurde und am 24. März änderte dann das Zentralbüro der Partei
seine Politik und rief zu einem Generalstreik aus Protest gegen die Ereignisse im Mans-
felder Raum aus. Dieser wurde zu 100% im Mansfelder Gebiet befolgt, jedoch nicht auf
nationaler Ebene.
Am 1. April, nachdem der bewaffnete Aufstand brutal und unter großen Opfern nieder-
geschlagen worden war, sagte das Zentralbüro den Generalstreik ab. Eine Welle des wei-
ßen Terrors folgte in Sachsen, in deren Verlauf mehr als 6.000 Arbeiter eingekerkert wur-
den.
Der 'Märzaktion', wie sie später genannt wurde, folgte ein drastischer Rückgang des
Einflusses der KPD sowie ihrer Mitgliederzahl: Die Mitgliederzahl ging innerhalb von
drei Monaten von etwa 350.000 auf 180.000 zurück (Bericht über den Dritten Parteitag
der VKPD, Berlin, 1923, S. 63).
Die erste Stellungnahme zur Märzaktion, die vom Kleinen Büro des EKKI am 6. April
herauskam, verteidigte die Aktion und führte ihr Scheitern einzig und allein auf den
Verrat der sozialdemokratischen Führer zurück:
"Zum ersten Mal nach den Januar- und Märzkämpfen von 1919 sind die revolu-
tionären Proletarier Deutschlands in eine Schlacht gegen die kapitalistische
Regierung ... in dem Versuch eingetreten, die Herrschaft der deutschen Aus-
beuter zu beenden. ...
Das Proletariat erlitt eine Niederlage aufgrund des skrupellosen Verrats der
Deutschen Sozialistischen Partei. ...Hinzukam, dass mit dem offenen Über-
tritt der Unabhängigen Sozialistischen Partei Deutschlands in das Lager der
Konterrevolution, das Proletariat nicht in der Lage war, eine vereinigte Front
gegen die vereinte Bourgeoisie zu errichten. ...
Die Kommunistische Internationale ruft Euch zu: Ihr habt richtig gehandelt!"
(EKKI-Erklärung zur März-Aktion in Deutschland, in: J. Degras, Hrsg., ebenda,
SS. 217f.).
Die Thesen des Zentralbüros zur Märzaktion, die der Sitzung des Zentralrats der Kom-
munistischen Partei Deutschlands am 7./8.April 1921 vorgelegt wurden, basierten auf
der anfänglichen unkritischen Einschätzung der Märzaktion durch das EKKI und wur-
den vom Zentralrat mit 26 gegen 14 Stimmen angenommen, nachdem eine Resolution
von Klara Zetkin, in der die Politik des Zentralbüros im Zusammenhang mit den März-
ereignissen verurteilt wurde, mit 43 gegen 6 Stimmen, bei 3 Enthaltungen durchgefal-
len war.
Auf einer Sitzung des EKKI am 29. April, an der alle Mitglieder teilnahmen, kritisierte
Lenin scharf den Ablauf der Märzaktion und seine Einschätzung wurde dem Dritten
Weltkongress der KI, der für Juni/Juli vorgesehen war, zugeleitet:
"Im Hinblick auf die taktischen Meinungsverschiedenheiten, die sich im Zu-
sammenhang mit der Märzaktion ergeben haben, hält es das Ekki für not-
wendig, auch wegen der großen internationalen Bedeutung der Frage, die
Angelegenheit an den Dritten Krongress der Kommunistischen Internationale
zu überweisen und bittet die deutschen Genossen, dafür zu sorgen, dass
sämtliche Unterlagen dem Dritten Weltkongress zugänglich gemacht werden."
(EKKI-Erklärung zum Ausschluss von Paul Levi, in: J. Degras, Hrsg., ebenda,
S. 219).
Auf dem Dritten Weltkongress der KI im Juni/Juli 1921 sprach sich Lenin gegen die
'Theorie von der allgemeinen revolutionären Offensive' aus, die von den 'linken' Dele-
gierten verteidigt wurde:
"Terracini vertrat die Theorie des Offensiven Kampfes. ...Gegen die Ansichten,
die von Terracini und diesen drei Delegationen vertreten werden, sollte offen-
siv vorgegangen werden. Wenn der Kongress solchen Fehlern, solchen 'linken'
Absurditäten nicht einen entschlossenen Kampf ansagt, ist die ganze Beweg-
ung zum Scheitern verurteilt. Dies ist meine tiefste Überzeugung. ...
Haben wir in unseren Thesen die Theorie von der allgemeinen revolutionären
Offensive entwickelt? Hat Radek oder irgendjemand sonst von uns eine solche
Torheit begangen? Wenn wir von der Offensivtheorie sprechen, dann sprechen
wir von ihr in Bezug auf ein ganz bestimmtes Land und eine ganz bestimmte
Zeitspanne."
(W. I. Lenin, 'Für die Taktik der Kommunistischen Internationale', in: 'Ausge-
wählte Werke', Band 10, London, 1946, SS. 279, 283).
Im Oktober 1921 fasste der Vorsitzende der Kommunistischen Internationale, Grigori
Sinowjew, die Haltung des Dritten Weltkongresses der KI zur 'Theorie von der allge-
meinen revolutionären Offensive' zusammen und sprach der Gruppe innerhalb der KPD
mit Arkadi Maslow an der Spitze, die immer noch diese Theorie vertrat, eine Warnung
aus:
"Der Kongress weigerte sich, die falsche Theorie, dass wir bereits in eine Pe-
riode ständiger Attacken eingetreten sind, zu akzeptieren. Er konnte sich nicht
der Vorstellung einer offensichtlichen Minderheit anschließen, dass wir zu je-
der Zeit und besonders zu einer Zeit, die wir zur Zeit erleben, die Passivität der
Massen dadurch überwinden können, dass wir sie zu einem kühnen revolutionä-
ren Schlag veranlassen, um damit all die anderen Schwierigkeiten zu überwinden
und in einem bewaffneten Konflikt zu siegen. ...
Wenn es in Deutschland einzelne Genossen und Gruppen von Genossen gibt
(die Gruppe des Genossen Maslow) ..., die beschlossen haben, ihre Fehler zu
einer Theorie auszubauen, ...und auf ihrer 'linken' Politik bestehen, ... dann wird
die Komintern die entschiedendsten Maßnahmen zu treffen haben."
(G. Sinowjew, 'Über die Aufgaben der Kommunistischen Internationle', in: 'Kom-
munistische Internationale, Nr.18, 8.Oktober 1921, SS. 161f.).
Als Lenin auf dem Dritten Weltkongress zur Märzaktion sprach, sagte er:
"Die Märzaktion war trotz der Fehler ihrer Führer ein großer Schritt nach vorn. ...
Wenn Hunderttausende gegen die abscheulichen, provokatorischen Handlungen
der Sozialverräter und der Bourgeoisie kämpfen, ist das ein echter Schritt nach
vorn. ...
Aber hieraus müssen wir eine Lehre ziehen. Haben wir uns auf die Offensive vor-
bereitet? (Radek: 'Noch nicht einmal auf die Defensive haben wir uns vorbereitet!').
Ja - nur in Zeitungsberichten war die Rede von einer Offensive. Es war falsch, diese
Theorie (d.h., die Theorie der revolutionären Offensive - Verf.) auf die Aktion in
Deutschland im März 1921 anzuwenden. Wir müssen das zugeben."
(W. I. Lenin, ebenda, S. 284).
Die 'Thesen zur Taktik', die vom Dritten Weltkongress angenommen wurden, lieferten eine
umfassendere Analyse der Märzaktion und wiesen darauf hin, dass der Hauptfehler darin
bestanden habe, dass der Versuch unternommen wurde, einen offensiven Kampf zu begin-
nen, obwohl die Umstände nur erlaubten, einen defensiven Kampf mit Aussicht auf Erfolg zu
führen:
"Die Märzaktion war ein Kampf, der der KPD durch den Angriff der Regierung auf
das Proletariat in Mitteldeutschland aufgezwungen wurde. ...
Die KPD beging eine Reihe von Fehlern, von denen der wichtigste der war, dass
sie nicht deutlich genug den defensiven Charakter des Kampfes herausstellte,
sondern durch den Aufruf zu einer Offensive den skrupellosen Feinden des Prole-
tariats, der Bourgeoisie, der SPD und der USPD, die Möglichkeit gab, die KPD
vor dem Proletariat als Anstifterin von Putschen hinzustellen. Dieser Fehler wurde
noch durch eine ganze Reihe von Parteigenossen verschlimmert, die diese Offen-
sive als Hauptmethode des Kampfes der KPD in der gegenwärtigen Situation hin-
stellten. ...
Der Kongress ist der Auffassung, dass die KPD in Zukunft in der Lage sein wird,
ihre Massenaktionen umso erfolgreicher durchzuführen, je besser es ihr gelingt,
die Kampfparolen der tatsächlichen Situation anzupassen, je gründlicher sie die
Situation studiert und je größer das Maß der Zustimmung ist, um die Aktion durch-
zuführen."
(Thesen zur Taktik, Dritter Weltkongress der KI, in: J. Degras, Hrsg., ebenda, S.
252).
In dem am 17. Juli 1921 am Ende des Dritten Weltkongresses herausgegebenen Manifest
zog das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale als Schlussfolgerung aus
der Märzaktion in Deutschland, dass nicht nur die 'Theorie der allgemeinen revolutionären
Offensive' zurückgewiesen werden muss, sondern auch, dass die Partei als Avantgarde
der Arbeiterklasse nie zulassen darf, dass sie sich isoliert von der Arbeiterklasse in einen
bewaffneten Konflikt hineinziehen lässt, bevor die Massen der Arbeiter für die Partei durch
ununterbrochene Arbeit an den täglichen Teilproblemen gewonnen wurden:
"Die Märzeignisse in Deutschland verdeutlichten die große Gefahr, dass die vor-
deren Reihen der Arbeiterklasse, die kommunistische Avantgarde des Proleta-
riats, durch den Feind gezwungen sein können, sich in eine Schlacht zu begeben,
bevor die breiten proletarischen Massen begonnen haben, sich in Bewegung zu
setzen. ...Es ist die Pflicht der kommunistischen Internationale, den Arbeitern
aller Länder klar und ehrlich zu sagen: Selbst wenn die Avantgarde nicht in der
Lage ist, Kämpfe zu vermeiden und auch wenn diese Kämpfe geeignet sind, die
Mobilisierung der gesamten Arbeiterklasse zu beschleunigen, darf sie nie ver-
gessen, dass sie sich nicht allein und isoliert in entscheidende Kämpfe hinein-
drängen lasssen darf und dass, wenn sie gezwungen ist, isoliert zu kämpfen,
die Avantgarde der Arbeiterklasse den bewaffneten Konflikt mit dem Feind ver-
meiden muss, denn es ist das Gewicht der Masse des Proletariats, das den
Ausschlag gibt für einen Sieg über die bewaffneten weißen Garden. ...
Aus den Märzkämpfen lässt sich eine weitere Lehre ziehen, auf die die Kommu-
nistische Internationale die Proletarier aller Länder hinweisen möchte: Die breites-
ten Arbeitermassen müssen auf die bevorstehenden Kämpfe durch nicht nach-
lassende tägliche Agitation auf einer ständig breiteren und intensiveren Stufen-
leiter vorbereitet werden und die Schlacht muss mit Parolen aufgenommen werden,
die für die breite Masse des Proletariats klar und verständlich sind."
(Schlussmanifest des Dritten Kominternkongresses, in: J. Degras, Hrsg., ebenda,
SS. 284f.).
Der Siebte Parteitag der Kommunistischen Partei Deutschands billigte im August 1921
die Einschätzung der Märzaktion des Dritten Weltkongresses der Kommunistischen In-
ternationale.
Der Ausschluss von Paul Levi
Am 12. April 1921 veröffentlichte Paul Levi eine Streitschrift mit dem Titel, 'Unser Kurs: Ge-
gen den Putschismus', in der die Politik der Kommunistischen Partei Deutschlands zur
Zeit der Märzaktion als 'Putschismus' verurteilt wurde. Die Aktion selbst wurde als
" ...ein Krieg der Kommunistischen Partei gegen die Arbeiterklasse "
(Paul Levi, 'Unser Weg: Wider den Putschismus', zitiert nach: J. Degras, Hrsg.,
ebenda, S. 218).
bezeichnet.
Am 15. April wurde Levi wegen schwerer Verletzung der Parteidisziplin aus der Kommunis-
tischen Partei Deutschlands ausgeschlossen. Sein Ausschluss wurde vom EKKI am 29.
April 1921 bestätigt sowie durch den Weltkongress der KI im Juni/Juli 1921.
Auf einer Sitzung vom 3.- 5. Mai 1921 billigte der Zentralrat der KPD einen Misstrauensan-
trag gegen Otto Brass, Ernst Däumig, Paul Eckert, Curt Geyer, Adolph Hoffmann, Heinrich
Malzahn, Paul Neumann und Klara Zetkin wegen fortgesetzter Solidaritätsbekundungen mit
Paul Levi nach seinem Ausschluss. Curt Geyer, Max Sievers, Max Sievers und Paul Weg-
mann wurden aus dem Zentralbüro entfernt und durch Hugo Eberlein, Emil Höllein und Ja-
cob Walcher ersetzt.
Auf dem Dritten Weltkongress der Kommunistischen Internationale im Juni/Juli 1921 be-
ging Lenin einen Fehler, als er Paul Levi zu stark verteidigte. Später erklärte er, dass die-
ser Fehler auf die Tatsache zurückzuführen war, dass Levi sehr früh mit der kommunisti-
schen Bewegung verbunden war, auf die Tatsache zurückzuführen war, dass Levis Kritik
an der Politik der KPD im Zusammenhang mit der Märzaktion, die er als 'links' bezeichne-
te, im Wesentlichen richtig war sowie auf die Tatsache zurückzuführen war, dass es da-
mals notwendig war, 'die rechte Position' einzunehmen, um den 'Linken', die sich auf die
'Theorie von der allgemeinen revolutionären Offensive' stützten, entgegenzutreten:
"Ich muss einen Fehler einräumen, den ich auf dem Dritten Kongress der Kommu-
nistischen Internationale beging ... als Folge übermäßiger Vorsicht. Auf jenem
Kongress befand ich mich auf der äußersten rechten Seite. Ich bin davon über-
zeugt, dass dies die einzig richtige Position war, weil eine sehr starke (und 'ein-
flussreiche') Gruppe von Delegierten, angeführt von vielen deutschen, ungarischen
und italienischen Genossen eine übertriebene und falsche 'linke' Haltung bezogen.
...Aus Vorsicht heraus und um zu verhindern, dass diese zweifellos falsche Ab-
weichung nach 'links' die gesamte Taktik der Kommunistischen Internationale in
eine falsche Richtung lenken könnte, tat ich alles was ich konnte, um Levi zu
verteidigen und äußerte die Vermutung, dass er vielleicht seinen Kopf verloren
haben könnte. ...
Es stellte sich heraus, dass ich mich in Levi getäuscht hatte, weil er den Be-
weis erbrachte, dass er für immer ...auf den menschewistischen Pfad überge-
treten war."
(W. I. Lenin, 'Anmerkungen eines Publizisten', in: 'Ausgewählte Werke', Band
10, London 1946, SS. 310f.).
"Ich muss den deutschen Genossen erklären, weshalb ich Paul Levi so lange
auf dem Dritten Weltkongress verteidigte. Erstens ...war Levi schon 1915 oder
1916 ... Bolschewik. ...Unvergleichlich wichtiger war der zweiter Grund, dass
nämlich Levis Kritik an dem Märzaufstand in Deutschland 1921 im Wesentli-
chen zutreffend war (natürlich nicht, wenn er sagte, dass der Aufstand ein
'Putsch' gewesen sei; diese Behauptung war absurd). ...
Ich verteidigte Levi und musste dies tun, weil ich vor mir Gegner von ihm hatte,
die nur 'Menschewismus' und 'Zentrismus' riefen und die sich weigerten, die Feh-
ler, die im Verlauf des Märzaufstands gemacht wurden, einzusehen, sie zu er-
klären und sie zu berichtigen."
(W. I. Lenin, 'Ein Brief an einen deutschen Kommunisten', in: ebenda, SS. 293f.).
Die Bildung der Wirth-Regierung
Auf einer Konferenz in London, die vom 29. April bis zum 5. Mai 1921 stattfand, legten
die Vertreter der Alliierten (gemeint: die Siegermächte Frankreich, Großbritannien ...-
Übers.) die Gesamtsumme an Wiedergutmachungszahlungen, die von Deutschland
verlangt werden sollte, auf 132 Milliarden Goldmark fest, in Verbindung mit einer Steuer
auf deutsche Exporte in Höhe von 26%. Am 5. Mai konfrontierten die alliierten Mächte
die deutsche Regierung mit einem Ultimatum, das auf sechs Tage befristet war, um
diese Bedingungen anzunehmen.
Die Fehrenbach-Regierung trat angesichts dieser Forderungen zurück und wurde am
10. Mai durch eine neue Regierung auf der Grundlage der 'Weimarer Koalition' (d.h.
unter Beteiligung von Ministern aus der Sozialdemokratischen Partei, des Zentrums und
der Deutschen Demokratischen Partei) mit Joseph Wirth (Zentrum) als Kanzler ersetzt.
Die neue Regierung vertrat den neuen vorherrschenden Teil des deutschen Monopol-
kapitals, der sich aufgrund der Schwäche Deutschlands gezwungen sah, die harten Frie-
densbedingungen, die von den Alliierten auferlegt worden waren, zu akzeptieren. Die
neue Regierung verfolgte deshalb eine 'Erfüllungspolitik' im Hinblick auf die alliierten For-
derungen. Durch die Verfolgung dieser Politik erhofften sich die deutschen Imperialis-
ten, die alliierten Imperialisten für eine Kooperation beim Wiederaufbau der deutschen
Wirtschaft zu gewinnen, während sie gleichzeitig sich um eine Annäherung an Sowjet-
russland bemühten, um bei den Verhandlungen mit den allliierten Mächten in einer
stärkeren Position zu sein.
Auf innenpolitischem Gebiet verfolgte die neue Regierung - und auch ihre Nachfolgerin
mit Wilhelm Cuno an der Spitze - eine Politik, die darauf gerichtet war, ihre Ausgaben
in erster Linie durch das Drucken neuer Geldscheine zu decken. Dies führte zu einer
galoppierenden Inflation, welche für die Monopolkapitalisten riesige Extraprofite auf Kos-
ten der größten Verelendung der Arbeiterklasse sowie des Kleinbürgerbürgertums brach-
te - eine Politik, die mit dem Namen des Finanzkapitalisten Hugo Stinnes in Verbindung
gebracht wurde.
Der Hauptgrund für die deutsche Inflation von 1921-1923 war die umfangreiche Ausgabe
von Notgeld, das zuerst in relativ kleinen Mengen während des Ersten Weltkriegs her-
auskam und von lokalen Behörden und größeren Firmen in Umlauf gebracht wurde. Die
Ausgabe dieser Notwährung entwickelte sich im Jahre 1923 am schnellsten: Gegen
Ende 1922 befanden sich 20 Mrd. Reichsmark an Notwährung im Umlauf im Verhält-
nis zu 1,280 Mrd., die von der Reichsbank gedruckt worden waren. Im November 1923
waren etwa 500 Billionen Mark von jeder Währung im Umlauf.
Als Folge dieser Inflation fiel der Devisenkurs der Reichsmark besonders im Jahre 1923
auf katastrophale Weise ab:
Verhältnis der Reichsmark zum US$
1919 8,9
April 1923 23 tausend
Juni 1923 109 tausend
18. Oktober 1923 4 tausend Millionen
22. Oktober 1923 46 tausend Millionen
23. Oktober 1923 75 tausend Millionen
Dies hatte für das deutsche Monopolkapital große Vorteile auf den Exportmärkten, wo
es in die Lage versetzt wurde, ihre Waren im Ausland zu relativ niedrigen Preisen trotz
der hohen Exportsteuern abzusetzen und einen großen Teil der Erträge im Ausland
in stabileren Währungen anzulegen.
Am 26. Oktober 1921 zogen sich die Minister der DDP (Deutsche Demokratische Partei -
Übers.) aus der Regierung zurück und wurden durch parteilose 'Experten' ersetzt, wobei
Wirth als Kanzler im Amt blieb.
Der Dritte Weltkongress der KI
Der Dritte Weltkongress der Kommunistischen Internationale wurde in Moskau vom
22. Juni bis zum 12. Juli 1921 abgehalten und von 291 stimmberechtigten Delegierten
aus 57 Ländern besucht. Fünf nichtstimmberechtigte Delegierte von der 'linken' Kommu-
nistischen Arbeiterpartei Deutschlands nahmen ebenfalls teil.
Die vom Kongress verabschiedeten 'Thesen zur internationalen Lage und zu den Auf-
gaben der Komintern' stellten fest, dass die unmittelbare revolutionäre Nachkriegssitua-
tion in Europa zum Abschluss gekommen und in eine Phase eingetreten sei, in der der
Kapitalismus sich stabilisiert habe und in der die Position der kapitalistischen Klassen
gegenüber der Arbeiterklasse gestärkt worden sei:
"Die erste Phase der revolutionären Nachkriegsbewegung, die sich durch den
spontanen Charakter ihres Angriffs, durch die auffallende Ungenauigkeit seiner
Ziele und Methoden und durch die extreme Panik, die dieser unter den herrschen-
den Klassen hervorrief, scheint im Wesentlichen vorüber zu sein. Das Selbst-
bewusstsein der Bourgeoisie als Klasse und die äußere Stabilität ihrer Staats-
organe sind zweifellos gestärkt worden."
(Thesen zur internationalen Lage und die Aufgaben der Komintern, Dritter Welt-
kongress der KI, in: J. Degras, Hrsg., 'Die Kommunistische Internationale: 1919-
1943, Dokumente', Band 1, London 1956, S. 230).
Dies bedeutete nicht, dass der Weltkapitalismus in eine Phase des stabilen Gleichge-
wichts eingemündet war...
"Unabhängig davon, ob wir die Produktion, den Handel oder das Kreditwesen
nicht nur in Europa, sondern auf allen Weltmärkten betrachten, finden wir kei-
nerlei Gründe anzunehmen, dass irgendein stabiles Gleichgewicht wiederher-
gestellt worden ist."
(Ebenda, S. 232).
...sondern bedeutete, dass die internationale revolutionär-sozialistische Bewegung sich
abgeschwächt hatte und in eine überwiegend defensive Phase in Vorbereitung auf die
nächste offensive Phase eingetreten war:
"Es kann nicht abgestritten werden, dass der offen revolutionäre Kampf des Pro-
letariats um die Macht sich gegenwärtig abschwächt und in vielen Ländern ver-
langsamt. ...Wenn der proletarische Angriff nicht von Erfolg gekrönt ist, wird die
Bourgeoisie bei der ersten Gelegenheit zum Gegenangriff übergehen. ...
Die Hauptaufgabe der kommunstischen Partei in der gegenwärtigen Krise be-
steht darin, die defensiven Kämpfe des Proletariats zu leiten, sie zu verbreitern
und zu vertiefen, sie in Übereinstimmung mit dem Gang der Ereignisse mitein-
ander zu verbinden und sie in entscheidende politische Kämpfe für das Endziel
zu verwandeln."
(Ebenda, S. 238).
Ausgehend von dieser Analyse einigte der Kongress sich auf die folgende Parole:
"Heran an die Massen!"
(Manifest des EKKI zum Abschluss des Dritten Weltkongresses der Komintern,
in: J. Degras, Hrsg., ebenda, S. 238).
Das wichtigste auf dem Kongress verabschiedete Dokument waren die 'Thesen zur Tak-
tik', die von der russischen Delegation zusammen mit der deutschen entworfen wurden.
In diesen Thesen hieß es, dass es die wichtigste Aufgabe der Kommunisten sei, die Un-
terstützung der Mehrheit der Arbeiterklasse zu gewinnen:
"Die wichtigste Frage, die sich heute der Kommunistischen Internationale stellt,
besteht darin, den Haupteinfluss bei der Mehrheit der Arbeiterklasse zu gewin-
nen und ihre entscheidenden Schichten in den Kampf einzubeziehen."
(Thesen zur Taktik, Dritter Weltkongress der KI, in: J. Degras, Hrsg., ebenda,
S. 243).
Diese Aufgabe könne nur von den kommunistischen Parteien ausgeführt werden, wenn
sie die führende Rolle in den alltäglichen Kämpfen der Arbeiter um Teilforderungen über-
nimmt (d.h. Forderungen, die hinter der der Abschaffung der kapitalistischen Gesellschaft
zurückbleiben):
"Selbst die kleinsten kommunistischen Parteien sollten sich nicht auf bloße Agi-
tation und Propaganda beschränken. Sie müssen die Speerspitze aller proletari-
schen Massenorganisationen bilden und den rückständigen und schwankenden
Massen, indem sie praktische Vorschläge für den Kampf machen und indem sie
den Kampf für die alltäglichen Bedürfnisse des Proletariats vorantreiben, zeigen,
wie der Kampf geführt werden soll und auf diese Weise den Massen den verrä-
terischen Charakter der nichtkommunistischen Parteien entlarven. ...
Diese Teilforderungen, die in den Bedürfnissen der breiten Massen verankert sind,
müssen von den kommunistischen Parteien in einer Weise unterbreitet werden,
die nicht nur die Massen in den Kampf führt, sondern schon allein durch ihren
Charakter sie auch organisiert. ...
Es ist nicht eine Frage der Verkündung des Endziels an das Proletariat, sondern
eine Frage der Intensivierung des praktischen Kampfes, was der einzige Weg ist,
um das Proletariat in den Kampf um das Endziel heranzuführen."
(Ebenda, SS. 248ff.).
Das wichtigste Betätigungsfeld solcher Teilaktionen ist das der Gewerkschaften:
"Die Stärkung der Verbindung der Partei mit den Massen bedeutet in erster Linie
engere Kontakte mit den Gewerkschaften. Auf diesem Gebiet besteht die Aufga-
be der Partei ... darin, dass die wahrhaft revolutionären Kräfte innerhalb der Ge-
werkschaften, die von der kommunistischen Partei zusammengebracht und von
ihr geführt werden, selbst der Gewerkschaftsarbeit eine Richtung geben, die sich
in Übereinstimmung mit den allgemeinen Interessen des Proletariats in seinem
Kampf um die Macht befindet."
(Ebenda, S. 246).
Besondere Aufmerksamkeit muss unter den gegebenen Umständen auch der Arbeit unter
den Arbeitslosen gewidmet werden:
"Die Kommunisten müssen erkennen, dass unter den gegebenen Umständen die
Armee der Arbeitslosen ein revolutionärer Faktor von ungeheurer Bedeutung ist und
sie müssen die Führerschaft dieser Armee übernehmen."
(Ebenda, S. 250).
Die Kommunisten, so die Thesen, müssen Arbeiterselbstschutzeinheiten bilden, um der
von der kapitalistischen Klasse organisierten Gewalt Widerstand entgegensetzen zu kön-
nen:
"Im proletarischen Kampf gegen die kapitalistische Offensive ist es die Pflicht von
Kommunisten, nicht nur die vorderen Reihen zu besetzen und ein grundlegendes
Verständnis von den wichtigsten revolutionären Aufgaben zu vermitteln, sondern
auch ihre eigenen Arbeiterabteilungen und Selbstschutzorganisationen zu bilden
und sich auf die besten und aktivsten Kräfte in den Fabriken und Gewerkschaften
zu verlassen."
(Ebenda, S. 253).
Der individuelle Terror dagegen schadet der Arbeiterklasse:
"Individuelle Akte des Terrorismus ... sind in keinster Weise geeignet, die proleta-
rische Disziplin und den proletarischen Kampfgeist zu stärken, weil sie bei den
Massen die Selbsttäuschung hervorrufen, dass individuelle Akte des Terrorismus
an die Stelle des revolutionären Kampfes des Proletariats treten können."
(Ebenda, S. 254).
Die kommunistischen Parteien müssen auch der Aufgabe ihre ständige Aufmerksamkeit
widmen, die ärmeren Schichten des städtischen und ländlichen Kleinbürgertums und die
Mittelschichten im Allgemeinen auf ihre Seite zu ziehen:
"Die Lebensbedingungen von Teilen der Bauernschaft, großer Teile der städtischen
Kleinbourgeoisie und breiter Schichten der sogenannten neuen Mittelklasse, der
Angestellten usw. werden immer unerträglicher. ...Die kommunistische Partei
muss diesen Schichten ihre ständige Aufmerksamkeit widmen."
(Ebenda, S. 254).
Schließlich betonten die Thesen, dass ein entscheidender Faktor für die Entfaltung des
Kampfes der Arbeiterklasse die internationale Arbeitersolidarität sei:
"Die Kommunistische Internationale legt allen kommunistischen Parteien die
Pflicht auf, sich gegenseitig die wirksamste Unterstützung im Kampf zu ge-
währen. Wann immer es möglich ist, sollte das Proletariat anderer Länder so-
fort eingreifen, sobald ökonomische Kämpfe sich in einem Land entwickeln.
Die Kommunisten müssen die Gewerkschaften veranlassen, das Ausschicken
von Streikbrechern zu verhindern und auch zu verhindern, dass Exporte an
Länder erfolgen, wo sich breite Schichten des Proletariats im Kampf befinden."
(Ebenda, S. 255).
Der Kongress befasste sich in seinen 'Thesen zur Kommunistischen Internationale und
zur Internationale der Roten Gewerkschaften' eingehend mit der Gewerkschaftsfrage, in
denen auf die Notwendigkeit hingewiesen wird, die Gewerkschaften für die Unterstützung
der kommunistischen Parteien durch die Arbeit und die Bildung von kommunistischen
Zellen in ihnen zu gewinnen:
"Die Gewerkschaften müssen die proletarische Avantgarde, die kommunistische
Partei ...unterstützen. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen die Kommunisten
und ihre Sympathisanten kommunistische Zellen in den Gewerkschaften bilden.
Diese Zellen unterstehen in jeder Beziehung der Kommunistischen Partei als
Ganzer. ...Die Kommunisten müssen den Proletariern erklären, dass die Befrei-
ung nicht durch das Verlassen der alten Gewerkschaften und dadurch, dass
man unorganisiert bleibt, erreicht werden kann, sondern durch die Revolutionier-
ung der Gewerkschaften, durch die Ablegung des Reformismus und die Trennung
von den verräterischen reformistischen Führern, wodurch die Gewerkschaften zu
einer echten Hauptstütze des revolutionären Proletariats werden können."
(Thesen zur Kommunistischen Internationale und zur Roten Gewerkschaftsinter-
nationale, Dritter Weltkongress der KI, in: J. Degras, Hrsg., ebenda, S. 277).
Die Thesen unterstrichen die zentrale Bedeutung der direkten Aktion für die Arbeiterklas-
se:
"Alle Errungenschaften der Arbeiter stehen im direkten Verhältnis und zur Aus-
übung von revolutionärem Druck durch die Massen. Die direkte Aktion umfasst
alle Formen der Ausübung direkten Drucks vonseiten der Arbeiter auf die Unter-
nehmer und den Staat, einschließlich Boykotte, Streiks, Straßenaktionen, De-
monstrationen, Werksbesetzungen, gewaltsamer Widerstand gegen die Aus-
lieferung von Waren aus Betrieben, der bewaffnete Aufstand und andere revolu-
tionäre Aktionen, die darauf abzielen, die Arbeiterklasse für den Kampf um den
Sozialismus zu einigen. Es ist deshalb Aufgabe der revolutionären Gewerkschaf-
ten, die direkte Aktion zu einem Instrument für die Ausbildung und Vorbereitung
der arbeitenden Massen für den Kampf für die soziale Revolution und die proleta-
rische Diktatur zu machen."
(Ebenda, S. 279).
Es sollten alle Anstrengungen unternommen werden, die Arbeiter desselben Unterneh-
mens in einer einheitlichen Gewerkschaft zu organisieren:
"Die Tatsache, dass Arbeiter desselben Unternehmens auf mehrere Gewerk-
schaften verteilt sind, schwächt sie in ihrem Kampf. ...Die Vereinigung ver-
wandter Gewerkschaften zu einer einheitlichen Gewerkschaft muss durchge-
führt werden."
(Ebenda, S. 279).
...und Betriebskomitees zu organisieren, die sämtliche Arbeiter eines Unternehmens
umfassen:
"Betriebskomitees müssen von allen Arbeitern des Unternehmens gewählt wer-
den, unabhängig von ihrer politischen Zugehörigkeit. ...Die revolutionäre Sektion
der Arbeiter muss ihren Einfluss auf die Hauptversammlung sowie auf das Be-
triebskomitee, das sie durch ihre Zelle wählt, geltend machen."
(Ebenda, S. 279).
Im Hinblick auf die Lage in Deutschland, analysierten die 'Thesen zur Taktik' kritisch
die Märzaktion (wie bereits erwähnt) und sie unterstrichen, dass die Hauptaufgabe der
KPD darin bestünde, die Unterstützung der Mehrheit der Arbeiterklasse durch den un-
ablässigen Einsatz für ihre Tagesinteressen zu gewinnen:
"Die ... Kommunistische Partei Deutschlands ..., obwohl sie bereits eine Mas-
senpartei ist, steht vor der großen Aufgabe, ihren Einfluss auf die breiten Mas-
sen zu vergrößern und zu stärken, die proletarischen Massenorganisationen
und die Gewerkschaften zu erobern, den Einfluss der Sozialdemokratischen
Partei und den der Gewerkschaftsbürokratie zu brechen und Führer der Massen-
bewegung in den bevorstehenden Kämpfen des Proletariats zu werden.
Diese ihre Hauptaufgabe bedeutet, dass die gesamte agitatorische und organi-
satorische Arbeit darauf abzielen muss, die Sympathie der Mehrheit der Arbei-
terklasse zu gewinnen, ohne die in Anbetracht der Stärke des deutschen Ka-
pitals ein Sieg des Kommunismus in Deutschland unmöglich ist. Weder was
das Ausmaß noch was den Inhalt ihrer Agitation angeht, ist die Partei bisher
dieser Aufgabe gerecht geworden. Auch hat sie die Politik, die im 'Offenen
Brief' umrissen wurde, um die praktischen Belange des Proletariats gegenüber
der verräterischen Politik der sozialdemokratischen Parteien und der Gewerk-
schaftsbürokratie zur Geltung zu bringen, nicht konsequent genug verfolgt."
(Thesen zur Taktik, Dritter Weltkongress der KI, in: J. Degras, Hrsg., ebenda,
S. 247).
Der Kongress nahm auch eine 'Resolution zur Situation in der Kommunistischen Partei
Deutschlands' an, in der mit Befriedigung festgestellt wird, dass die Resolutionen des
Kongresses, einschließlich der kritischen Analyse der Märzaktion, einstimmig angenom-
men worden seien. Er appellierte an die Parteiführung, der 'ehemaligen Opposition' ge-
genüber Nachsicht walten zu lassen und setzte sich für ein Ende der fraktionellen Akti-
vitäten aufseiten der Opposition ein:
"Der Dritte Weltkongress stellt mit Befriedigung fest, dass alle wichtigen Re-
solutionen und besonders die Teile, die sich mit der Taktik im Zusammenhang
mit der kontrovers diskutierten Märzaktion befassen, einstimmig angenommen
wurden und dass selbst die Vertreter der deutschen Opposition in den von ihnen
vorgelegten Resolutionen zur Märzaktion im Großen und Ganzen die gleiche Po-
sition beziehen würden wie der Kongress. Darin erblickt der Kongress den Be-
weis, dass gemeinsame und konzentrierte Arbeit in der KPD auf der Grundlage
der Beschlüsse des Dritten Weltkongresses nicht nur wünschenswert, sondern
auch möglich ist. Der Kongress betrachtet jedes weitere Auseinanderdriften der
Kräfte innerhalb der KPD, jeden Fraktionismus - ganz zu schweigen von einer
Spaltung - als die größte Gefahr für die gesamte Bewegung.
Der Kongress erwartet von dem Zentralbüro und der Mehrheit der KPD, mit der
ehemaligen Opposition nachsichtig umzugehen und verlangt von der Opposition,
dass sie die Beschlüsse des Dritten Weltkongresses loyal ausführt. ...Der Kon-
gress fordert von der ehemaligen Opposition, dass sie alle fraktionellen Organi-
sationen sofort auflöst, ...dass sie sofort jede politische Zusammenarbeit mit
Personen, die aus der Partei und der Kommunistischen Internationale ausge-
schlossen wurden, einstellt."
(Resolution zur Situation in der Kommunistischen Partei Deutschlands, Dritter
Weltkongress der KI, in: J. Degras, Hrsg., ebenda, SS. 240f.).
Der Kongress richtete an die 'linke' Kommunistische Arbeiterpartei Deutschlands ein
Ultimatum, wonach diese sofort Schritte unternehmen sollte, um sich mit der Kommu-
nisischen Partei Deutschlands zusammenzuschließen und sich der Disziplin der Kom-
munistischen Internationale zu unterwerfen. Andernfalls würde sie aus der KI ausgeschlos-
sen werden:
"Die Zulassung der KAPD zur KI als sympathisierende Partei war als Probe ge-
dacht, um festzustellen, ob die KAPD sich in die Richtung der KI entwickeln
würde. Die Wartezeit ist ausreichend lang gewesen. Jetzt muss von der KAPD
verlangt werden, dass ihr bislang hinausgezögerter Beitritt zur KPD vollzogen
wird. Andernfalls wird sie als sympathisierende Partei aus der KI ausgeschlos-
sen."
(Resolution zum Bericht des Exekutivkomitees, Dritter Weltkongress der KI,
in: J. Degras, Hrsg., ebenda, SS. 228f.).
Ein außerordentlicher Parteitag der Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands, der
in Berlin vom 11.-13. September 1921 abgehalten wurde, beschloss, dass die Partei
die Kommunistische Internationale verlassen sollte, die sie als 'Werkzeug der interna-
tionalen Bourgeoisie' bezeichnete. Eine Reihe ihrer Mitglieder trat aus und schloss sich
der KPD an.
In einem Brief an die Mitglieder der Kommunistischen Partei Deutschlands vom August
1921 kommentierte Lenin:
"Solange noch keine ausreichend starke, erfahrene und einflussreiche kommu-
nistische Parteien aufgebaut worden sind, zumindest in den Hauptländern, müs-
sen wir halbanarchistische Kräfte bei unseren internationalen Kongressen dulden
und in gewisser Weise ist es sogar ganz nützlich, dies zu tun. Es ist nützlich,
insofern als diese Kräfte als 'schlechtes Beispiel' für unerfahrene Kommunisten
dienen und auch insofern als sie selbst noch in der Lage sind etwas hinzuzu-
lernen. ...
Wenn sie (gemeint: die KAPD - Verf.) sich jetzt freiwillig aus der Kommunisti-
schen Internationale zurückgezogen haben - um so besser. Erstens haben sie
uns die Mühe erspart, sie auszuschließen. Zweitens ist jetzt allen schwanken-
den Arbeitern, all jenen, die wegen ihres Hasses auf den Opportunismus der
alten Sozialdemokratie dem Anarchismus zuneigten, auf das Deutlichste demon-
striert und durch genaue Fakten belegt worden, dass die Kommunistische Inter-
nationale geduldig war, dass sie die Anarchisten nicht sofort und vorbehaltlos
ausgeschlossen hat, dass sie ihnen aufmerksam zugehört hat und ihnen dabei
behilflich war zu lernen."
W. I. Lenin, 'Ein Brief an die deutschen Kommunisten', in: 'Ausgewählte Werke',
Band 10, London 1946, S. 291).
Der Kongress billigte auch die 'Thesen zum Aufbau der kommunistischen Parteien und
zu den Methoden und dem Inhalt ihrer Arbeit' sowie eine 'Resolution zur Organisation
des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale'.
Das neue delegierte Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale aus 29 Mit-
gliedern wählte nach dem Kongress ein Büro (im August 1921 in Präsidium umbenannt)
mit folgender Zusammensetzung: Grigori Sinowjew (Sowjetrussland) - Vorsitzender; Ni-
kolai Bucharin (Sovietrussland); Egidio Gennari (Italien); Fritz Heckert (Deutschland);
Jules Humbert-Droz (Schweiz); Karl Radek (Sowjetrussland); Bela Kun (Ungarn) sowie
Boris Souvarine (Frankreich).
Stalin wurde nicht einmal ins EKKI gewählt.
Im Dezember 1921 wurde das Amt des Generalsekretärs des EKKI eingeführt, in das
Otto Kuusinen (Finnland) gewählt wurde.
Die Gründung der Roten Gewerkschaftsinternationale
Vom 3.-17. Juli 1921 wurde der Erste Kongress der Roten Gewerkschaftsinternationale
(RILU) - der Prointern - in Moskau abgehalten und von 336 stimmberechtigten Delegierten
aus 41 Ländern, einschließlich 50 aus Deutschland, besucht.
Es wurde behauptet, dass die Delegierten zusammengenommen 17 Millionen Gewerk-
schafter repräsentierten ('Kommunistitscheskij International', Nr. 18, vom 8. Oktober 1921,
Col. 4508).
Sie vereinigte auf internationaler Ebene Gewerkschaftsverbände und Gewerkschaften,
die unter revolutionärer Führung standen (auch als 'Rote Verbände' und 'Rote Gewerk-
schaften' bezeichnet) sowie Gruppen revolutionärer Gewerkschafter innerhalb von refor-
mistischen Gewerkschaften (auch als 'Revolutionäre Gewerkschaftsopposition' bekannt).
Das erklärte Ziel der neuen internationalen Organisation bestand darin,
" ...dem entsprechenden bürgerlichen Programm der Amsterdamer Internatio-
nale ...eine klare revolutionäre Aktionsplattform entgegenzusetzen."
(Resolutionen, Statuten, Manifeste und Aufrufe des Ersten Internationalen Kon-
gresses der Roten Fach- und Industrieverbände, Bremen 1921, SS. 64f).
Eine auf dem Kongress verabschiedete Resolution sah den
" ...engstmöglichen Kontakt mit der Dritten Internationale vor."
(Ebenda, SS. 17f.).
Der Kongress wählte einen Exekutivrat und ein Exekutivbüro mit Salomon Losowski (Sow-
jetrussland) als Generalsekretär.
Die Gründung der Internationalen Arbeiterhilfe
Am 12. August 1921 wurde in Berlin das Auslandskomitee für die Organisierung der Ar-
beiterhilfe für die Hungernden in Russland, später in Internationale Arbeiterhilfe (IAH) um-
benannt, gegründet. Seine Erste Vorsitzende war Klara Zetkin (Deutschland), sein Erster
Sekretär Wilhelm Münzenberg (Deutschland) und in dem Komitee waren auch Albert
Einstein, Martin-Andersen Nexö, George Bernhard Shaw, Anatole France und Henri Bar-
busse vertreten.
Es initiierte ein Kampagne gegen den Hunger in Russland, wobei nationale Vertretungen
in vielen Ländern eingerichtet wurden.
"Unter dem Druck der Massen schloss sich auch die Amsterdamer Gewerkschafts-
internationale der Kampagne an. ...
Bis zum Sommer 1923 hatte das Hilfskomitee Lebensmittel, Waren und finanzielle
Zuwendungen in Höhe von mehr als fünf Millionen Dollar gesammelt und nach Russ-
land abgeschickt. Etwa eine Million Dollar war von der Amsterdamer Gewerkschafts-
internationale gesammelt worden."
(Abriss der Geschichte der Kommunistischen Internationale', Moskau 1971, S. 142).
Lenins 'Brief an die deutschen Kommunisten'
Am 14. August 1921, am Vorabend des Siebten Parteitags der Kommunistischen Partei
Deutschlands, schrieb Lenin einen Brief, der 'an die deutschen Kommunisten' adressiert
war.
Der größte Teil seines Inhalts - die Analyse der Märzaktion durch den Dritten Weltkongress
der KI, die Rolle Paul Levis und der 'linken' Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands -
wurde bereits oben abgehandelt.
Der Brief schlug jedoch auch vor, dass Arkadi Maslow und andere führende 'Linke' in der
KPD nach Moskau geschickt werden sollten für eine Zeit der politischen Umschulung:
"Maslow ... spielt den 'linken' Kommunisten. ...Maslow zeigte dieses unkluge Ver-
halten (um mich vorsichtig auszudrücken) hier in Moskau. Es wäre eine gute Sa-
che, wenn die deutsche Partei Maslow und zwei oder drei seiner übereifrigen Par-
teigänger und Waffenbrüder, die offensichtlich nicht gewillt sind, das 'Friedensab-
kommen' einzuhalten, für ein oder zwei Jahre nach Sowjetrussland schicken wür-
de. Wir würden eine sinnvolle Arbeit für ihn finden. Wir würden Männer aus ihnen
machen. Und die internationale und deutsche Bewegung würde davon in hohem
Maße profitieren."
(W.I. Lenin, 'Ein Brief an die deutschen Kommunisten', in: 'Ausgewählte Werke',
Band 10, London 1946, S. 296).
Der Siebte Parteitag der KPD
Der Siebte Parteitag der Kommunistischen Partei Deutschlands wurde in Jena vom 22.-
26. August 1921 abgehalten und von 274 Delegierten, die 180.000 Mitglieder vertraten,
besucht.
Der Parteitag billigte die Beschlüsse des Dritten Weltkongresses, unternahm jedoch
nichts in der Frage der Reorganisation der Partei auf der Basis von Betriebszellen.
Er nahm ein 'Manifest des Parteitags an die arbeitenden Menschen in Stadt und Land'
an, das eine Liste von Teilforderungen enthielt, für die in Übereinstimmung mit den vom
Dritten Weltkongress angenommenen 'Thesen zur Taktik' Aktionen in die Wege gelei-
tet werden sollten. Er billigte auch die 'Leitsätze für die Organisierung der kommunisti-
schen Arbeit in den Gewerkschaften' und beschloss durch die Weglassung des Wortes
'Vereinigte' einen neuen Namen für die Partei: Kommunistische Partei Deutschlands (Sek-
tion der Kommunistischen Internationale).
Der Parteitag wählte ein neues Zentralbüro in folgender Zusammensetzung:
Paul Böttcher,
Bertha Braunthal,
Hugo Eberlein,
Ernst Friesland,
Fritz Heckert,
Edwin Hoernle,
Ernst Meyer,
Wilhelm Pieck,
Hermann Remmele,
Felix Schmidt,
August Thalheimer,
Jacob Walcher,
Rosi Wolfstein und
Klara Zetkin.
Das neue Zentralbüro wiederum wählte ein Politisches Büro - Politbüro - sowie ein
Organisationsbüro - Orgbüro (Bericht über die Verhandlungen des Zweiten Parteitags
der Kommunistischen Partei Deutschlands, ohne Ort, 1922. Anmerkung: Von dieser
Zeit an wurden die Parteitage ab dem Vereinigungsparteitag im Jahre 1920 gezählt).
Die Ermordung von Erzberger
Am 26. August 1921 wurde Matthias Erzberger, ein führendes Mitglied des Zentrums
und ehemaliger Finanzminister in Griesbach (Schwarzwald) von einem Mitglied der
rechtsgerichteten Terrorgruppe 'Organisation Konsul' aus Protest gegen die 'Erfüllungs-
politik' der Regierung ermordet.
Unter dem Vorwand, Maßnahmen gegen solche rechtsgerichteten Terroristen zu er-
greifen, erließ Präsident Ebert am 29. August das 'Dekret für die Verteidigung der Re-
publik' nach Artikel 48 der Verfassung, wodurch dem Innenminister Notstandsvollmach-
ten eingeräumt wurden, um Schriften, Organisationen, Versammlungen und Demonstra-
tionen zu verbieten, wenn dies für die 'Verteidigung der Republik als notwendig angese-
hen werden würde'. Diese Ermächtigungen setzten sich mit einer kurzen Unterbrechung
vom 24.-28.9. bis zur ihrer Aufhebung durch eine Parlamentsresolution vom 17. Dezem-
ber fort, wurden jedoch nur gegen die Kommunistische Partei Deutschlands angewandt,
dessen Organ 'Die Rote Fahne' vom 15.-17.9. verboten war.
Die Gründung der Kommunistischen Arbeitsgemeinschaft
Am 26. September 1921 traten Ernst Däumig und Adolph Hoffmann, die im Februar aus
dem Zentralbüro der KPD ausgeschieden waren, aus der Partei aus und gründeten zu-
sammen mit Paul Levi, der im April aus der Partei ausgeschlossen worden war, und
Kurt Geyer - im August ausgeschlossen - die sogenannte Kommunistische Arbeitsge-
meinschaft (KAG).
Im April 1922 schloss sich die Kommunistische Arbeitsgemeinschaft der Unabhängigen
Sozialdemokratischen Partei Deutschlands an und wurde, als Teil von ihr, im September
1922 Bestandteil der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands.
Die EKKI-Direktive zur Einheitsfront
Am 18. Dezember 1921 wurde die Einheitsfronttaktik offiziell durch eine Direktive des
EKKI zur 'Arbeitereinheitsfront und zur Haltung gegenüber Arbeitern, die zur Zweiten,
Zwei-ein-halbten, zur Amsterdamer Internationale und zu jenen gehören, die die anarcho-
syndikalistischen Organisationen unterstützen', ins Leben gerufen.
In der Direktive hieß es, dass unter dem zunehmenden Einflusss der Offensive des Ka-
pitals sich ein spontaner Wunsch nach der Einheit der Arbeiterklasse unter den Arbei-
tern entwickele:
"Unter dem Einfluss der zunehmenden kapitalistischen Angriffe ist unter den Ar-
beitern ein spontanes Verlangen nach Einheit wachgerufen worden, das in kei-
nster Weise unterdrückt werden kann und das mit einem allmählich anwachsen-
den Vertrauen, das die breiten Massen der Arbeiter den Kommunisten entgegen-
bringen, Hand in Hand geht."
(EKKI-Direktive zur Arbeitereinheitsfront und zur Haltung gegenüber Arbeitern, die
zur Zweiten, Zwei-ein-halbten, zur Amsterdamer Internationale und zu jenen ge-
hören, die die anarcho-syndikalistischen Organisationen unterstützen', in: J. De-
gras, Hrsg., S. 310).
Die kommunistischen Parteien müssen diese Bewegung dadurch ausnutzen, dass sie
die Parole von der 'Arbeitereinheitsfront' in den Vordergrund rücken:
"Angesichts dieser Situation ist das EKKI der Auffassung, dass die Parole des
Dritten Weltkongresses der Kommunistischen Internationale 'Heran an die Mas-
sen' und die Interessen der kommunistischen Bewegung im Allgemeinen von
den kommunstischen Parteien und der Kommunistischen Internationale als sol-
cher erfordern, die Parole der Arbeitereinheitsfront zu unterstützen und in dieser
Frage die Initiative zu ergreifen."
(Ebenda, S. 311).
Die vereinigte Front der Arbeiter bedeutet die organisierte, gemeinsame Aktion aller Ar-
beiter gegen das Kapital, unabhängig davon, welcher Partei sie angehören oder welche
sie unterstützen:
"Die Arbeitereinheitsfront bedeutet die organisierte, gemeinsame Aktion aller
Arbeiter, die gegen den Kapitalismus kämpfen wollen."
(Ebenda, S. 316).
Da die Arbeiter an der Basis ein objektives Interesse daran haben, sich gegen das Ka-
pital zusammenzuschließen, während die Führer der sozialdemokratischen Parteien
und der reformistischen Gewerkschaften in der Epoche des Imperialismus ein objekti-
ves Interesse daran besitzen, mit dem Kapital zu kollaborieren, muss die Taktik der
Einheitsfront in erster Linie auf die Schaffung einer Einheitsfront von unten gerichtet sein:
"Als Gegengewicht gegen das diplomatische Spiel der menschewistischen
Führer vertraten die russischen Bolschewiki die Parole von der 'Einheit von un-
ten', d.h. der Einheit der Arbeitermassen in den praktischen Kämpfen ...gegen
die Kapitalisten. Die Ereignisse bewiesen, dass dies die einzig richtige Antwort
war."
(Ebenda, S. 314).
Die Bildung von Einheitsfronten um Teilforderungen herum hebt den Stand des politischen
Bewusstseins der beteiligten Arbeiter und fördert den Aufbau einer revolutionären Einheits-
front:
"Jede ernstzunehmende Massenaktion, selbst wenn sie nur von Teilforderungen
ausgeht, führt unweigerlich dazu, dass allgemeinere und grundlegendere Fragen
der Revolution in den Vordergrund rücken. Die kommunistische Avantgarde kann
nur davon profitieren, wenn Arbeiter sich durch eigene Erfahrungen vom illusori-
schen Charakter des Reformismus und der Kompromisse überzeugen."
(Ebenda, S. 310).
Obwohl die Führer der sozialdemokratischen Parteien und der reformistischen Gewerk-
schaften ein objektives Interesse an der Zusammenarbeit mit dem Kapital sowie am Wi-
derstand gegen die Einheitsfront der Arbeiter haben, zwingt der Druck der Basis diese
Führer von Zeit zu Zeit, sich heuchlerisch für eine solche Arbeitereinheitsfront auszuspre-
chen:
"Es sind jedoch tiefliegende innere Prozesse, die die Diplomaten und Führer der
Zweiten, der Zwei-ein-halbten und Amsterdamer Internationale zwingen, die Frage
der Einheit in den Vordergrund zu rücken. ...Die Führer und Diplomaten dieser In-
ternationalen vertreten diese Parole jedoch nur in dem neuen Versuch, die Arbei-
ter zu täuschen und sie durch neue Mittel auf die alte Straße der Klassenkollabo-
ration zurückzulocken. ...Dieses Phänomen ist unvermeidlich, weil die Solidari-
tät der reformistischen 'Sozialisten' mit der Bourgeoisie ihrer 'eigenen' Länder der
Eckpfeiler des Reformismus ist."
(Ebenda, S. 311).
Um die Rolle dieser Führer der sozialdemokratischen Parteien und der der reformistischen
Gewerkschaften den arbeitenden Massen gegenüber zu entlarven, müssen die kommunis-
tischen Parteien diesen Organisationen Einheitsfronten um Teilforderungen herum vorschla-
gen:
"Die Kommunistische Internationale ... erlaubt Vereinbarungen zwischen den ver-
schiedenen Sektionen der Internationale und den Parteien und Gewerkschaften
der Zweiten und Zwei-ein-halbten Internationale. ...
Wann immer das Angebot zum gemeimsamen Kampf von unseren Gegnern ab-
gelehnt wird, müssen die Massen davon unterrichtet werden und so erkennen,
wer die wirklichen Zerstörer der Arbeitereinheitsfront sind. Wann immer ein Ange-
bot von unseren Gegnern angenommen wird, muss alles unternommen werden,
um den Kampf allmählich zu verstärken und ihn auf ein maximales Niveau zu
bringen. In jedem Fall ist es von entscheidender Bedeutung, die Aufmerksamkeit
der breiten Arbeitermassen zu gewinnen, sie an allen Stadien des Kampfes für
die revolutionäre Einheitsfront zu interessieren. ...
Die oben beschriebenen Methoden ...zielen darauf ab, der kommunistischen Agi-
tation bei den gemeinsamen Massenaktionen des Proletariats eine Stütze zu
verleihen."
(Ebenda, SS. 314f.).
Eine solche Einheitsfronttaktik muss auch auf internationaler Ebene von der Kommunisti-
schen Internationale angenommen werden:
"Die Kommunistische Internationale selbst ... kann natürlich nicht ähnliche Ver-
barungen auf internationaler Ebene zurückweisen."
(Ebenda, S. 314).
Bei all solchen Einheitsfrontaktionen müssen die kommunistischen Parteien ihre politi-
sche Unabhängigkeit bewahren, einschließlich das Recht, die Führer der angeschlosse-
nen Organisationen zu kritisieren:
"Die wichtigsten Bedingungen, die für die kommunistischen Parteien aller Länder
gleichermaßen verbindlich sind, sind ... die absolute Unabhängigkeit jeder kom-
munistischen Partei, die eine Vereinbarung mit den Parteien der Zweiten und
Zwei-ein-halbten Internationale trifft und ihre vollständige Freiheit, ihre Ansichten
vorzutragen und die Gegner des Kommunismus zu kritisieren. Während sie die
Grundlage für Aktionen akzeptieren, müssen die Kommunisten sich das bedin-
gungslose Recht und die Möglichkeit vorbehalten, ihre Meinung zur Politik aller
Organisationen der Arbeiterklasse ohne Ausnahme, nicht nur vor und nach der
Aktion, sondern, falls nötig, auch während ihres Verlaufs zu sagen. Diese Rechte
dürfen unter keinen Umständen aufgegeben werden. Während sie die Parole von
der größtmöglichen Einheit aller Arbeiterorganisationen bei jeder Aktion gegen
die kapitalistische Front unterstützen, dürfen die Kommunisten unter keinen Um-
ständen darauf verzichten, ihre Ansichten vorzutragen, die den einzig konsequen-
ten Ausdruck der Verteidigung der Interessen der Arbeiterklasse insgesamt dar-
stellen."
(Ebenda, SS. 313f.)
Die Direktive schloss mit einer Warnung an die kommunistischen Parteien, dass die Ge-
fahr einer rechten Abweichung bei der Anwendung der Einheitsfronttaktik besteht, es sei
denn, dass diese Parteien um Führer zusammengeschlossen sind, die ein hohes politi-
sches marxistisch-leninistisches Niveau besitzen:
"Indem das EKKI den vorliegenden Plan vorlegt, lenkt es die Aufmerksamkeit
aller Bruderparteien auf die Gefahren, die er unter bestimmten Umständen mit
sich bringen könnte. Nicht alle kommunistischen Parteien sind ausreichend
stark und gefestigt, nicht alle haben sich vollständig von der zentristischen und
halbzentristischen Ideologie freigemacht. Einige könnten über das Ziel hinaus-
schießen. Es könnte Tendenzen geben, die tatsächlich auf die Auflösung von kom-
munistischen Parteien und Gruppen in einem vereinigten, jedoch formlosen Block
hinauslaufen könnten. Um in der Lage zu sein, die neue Taktik erfolgreich für die
kommunistische Sache umzusetzen, ist es nötig, dass die kommunistischen
Parteien, die diese zur Anwendung bringen, stark und fest zusammengeschweißt
sind und dass ihre Führer über große theoretische Klarheit verfügen."
(Ebenda).
Lenin und Stalin setzten sich stark für die Annahme der Einheitsfronttaktik durch die Kom-
munistische Internationale ein:
"Wir nahmen die Einheitsfronttaktik an, um den Massen zu helfen, gegen das
Kapital zu kämpfen. ...; und wir werden diese Taktik bis zum Ende weiterführen."
(W. I. Lenin, 'Wir haben einen zu hohen Preis gezahlt', in: 'Ausgewählte Werke',
Band 10, London 1946, S. 305).
"Die Frage der Einheitsfronttaktik in der internationalen Arbeiterbewegung.
Die Sünde der Opposition besteht hier darin, dass sie die leninistische Taktik
in der Frage der allmählichen Gewinnung der breiten Massen der Arbeiterklasse
für den Kommunismus aufgegeben hat. ...
Lenin hat die Taktik der Einheitsfront gerade deshalb angewendet, um den breiten
Massen der Arbeiterklasse in den kapitalistischen Ländern, die mit den Vorurtei-
len der sozialdemokratischen Politik der Kompromisse infiziert sind, zu helfen,
um aus eigener Erfahrung zu lernen, dass die Politik der Kommunisten die richti-
ge ist und auf die Seite des Kommunismus überzugehen.
Die Sünde der Opposition besteht darin, dass sie voll und ganz diese Taktik ab-
lehnt."
(J. W. Stalin, Politischer Bericht des Zentralkomitees an den 15. Parteitag der
KPdSU, in: 'Werke', Band 10, Moskau 1954, SS. 354f.).
Das revisionistische Konzept einer 'Arbeiterregierung'
Am 9. Oktober 1921 sandte das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale
an das Zentralbüro der Kommunistischen Partei Deutschlands ein Rundschreiben mit
'Thesen zur Steuerfrage', die von einer EKKI-Kommission entworfen worden waren, zu
deren führende Mitglieder Fritz Heckert, Wilhelm Pieck, Karl Radek und Eugen Varga
gehörten. Eine der Empfehlungen, die in den Thesen gemacht wurden, war die, dass die
KPD
" ... einer Arbeiterregierung ihre Unterstützung anbieten sollte."
('Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Chronik', Band 2, Berlin 1966,
S. 119).
Am 16./17. November 1921 nahm der Zentralrat der KPD nach einem Bericht von Ernst
Meyer zur 'Politischen Lage und zur Partei' eine Resolution mit 31 zu 15 Stimmen an,
wonach die Partei eine 'Arbeiterregierung' unterstützen würde (definiert als eine Regier-
ung, die sich aus Vertretern der SPD, der USPD und der Gewerkschaften zusammen-
setzt), falls diese versprechen würde, im Interesse der Massen zu handeln:
"Die KPD erklärt ihre Bereitschaft, eine Arbeiterregierung zu unterstützen,
falls diese sich das Ziel setzen würde, die Forderungen der Massen durchzu-
setzen. ...(Unter einer Arbeiterregierung verstand man eine, die sich aus Vertre-
tern der SPD, der USPD und der Gewerkschaften zusammensetzt)."
(Ebenda, S. 121).
Das EKKI brachte seine Zustimmung zur KPD-Linie in den 'Direktiven zur Arbeiterein-
heitsfront ...', die am 18. Dezember 1921 herauskamen, zum Ausdruck:
"In Deutschland erklärte die Kommunistische Partei auf ihrer landesweiten Kon-
ferenz ... ihre Bereitschaft, eine Arbeiterregierung zu unterstützen, die gewillt
ist, mit einiger Ernsthaftigkeit den Kampf gegen die Macht der Kapitalisten auf-
zunehmen. Das EKKI erachtet diese Entscheidung als völlig richtig."
(EKKI-Direktiven zur Arbeitereinheitsfront und zur Haltung gegenüber den Arbei-
tern, die der Zweiten, Zwei-ein-halbten und Amsterdamer Internationale angehö-
ren und zu jenen, die die anarcho-syndikalistischen Organisationen unterstüt-
zen', in: J. Degras, Hrsg., ebenda, SS. 311f.).
Inzwischen hatten die Revisionisten in der Führung der KPD mit Unterstützung der Revi-
sionisten im EKKI (in dieser Frage angeführt von Karl Radek) die Formel von der 'Arbei-
terregierung' noch ausgebaut. In einem Rundschreiben an alle Parteiorganisationen, da-
tiert vom 8. Dezember 1921, erklärte das Zentralbüro, dass die Partei bereit sei,
" ...sogar an einer solchen Regierung teilzunehmen, falls sie zeige, dass sie
die Interessen und Bedürfnisse der Arbeiterklasse im Kampf gegen die Bour-
geoisie vertreten würde."
('Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Chronik', Band 2, Berlin 1966,
S. 121).
Ende Dezember unterstrich Karl Radek in einem mit seinem Pseudonym Karl Bremer
unterzeichneten Beitrag in der 'Kommunistischen Internationale' die Notwendigkeit, die
KPD auf diese Linie des Eintritts in eine Koalitionsregierung mit der Sozialdemokratischen
Partei zu bringen, da dies 'eine unserer unmittelbarsten Aufgaben' sei:
"Die Arbeiterklasse kann immer weiter und weiter auf dem Weg der Demokratie
voranschreiten; sie kann so eine Mehrheit im Parlament erlangen und eine Ar-
beiterregierung bilden. ...
Die Kommunisten ... müssen zusammen mit dem Proletariat für eine Arbeiter-
regierung kämpfen und dem Proletariat erklären, mit welchen Mitteln diese Re-
gierung zu stabilisieren wäre, sie im Kampf gegen das Kapital unterstützen und
sie stärken. ...
Die kommunistische Partei muss sich an ihr beteiligen, vorausgesetzt, die Ar-
beiterregierung verpflichtet sich, alles unter den gegenwärtigen Umständen Nö-
tige zu tun, um gegen das Kapital zu kämpfen. ...
Unsere unmittelbarste Aufgabe besteht darin, die Partei an die revolutionäre
Politik heranzuführen, die wir oben entwickelt haben und welche die einzig mög-
liche Politik darstellt. ...: der Kampf für eine allgemeine Wahl, um in einer vereinig-
ten Front unter der Parole einer Arbeiterregierung zu kämpfen."
('Karl Bremer': 'Der bevorstehende Bankrott der deutschen Bourgeoisie und die
KPD', in: 'Kommunistische Internationale', Nr. 19, 21. Dezember 1921, SS. 349f.).
Radek schrieb diesen Artikel unter einem Pseudonym zweifellos deswegen, weil in ihm
ein ultrarechtes revisionistisches Konzept enthalten war: dass die 'Arbeiterregierung' ein
Programm umsetzen sollte für die Errichtung des Staatskapitalismus, in dem die Arbei-
ter und die Kapitalisten bei der Leitung der Industrie in einer Weise zusammenarbeiten
würden, um die Produktion zu steigern:
"Wie kann man diese Zahlungen (d.h. Reparationsleistungen - Verf.) tätigen,
ohne der Arbeiterklasse eine Schlinge um den Hals zu legen? Der einzige Weg
besteht darin, Deutschlands produktive Kräfte auf das Äußerste zu steigern. ...
All dies macht es dringend erforderlich, dass die Produktionskontrolle eingeführt
wird, ... bei der dem Staat eine große Rolle und eine umfassende Kontrolle über
die Industrie zugebilligt wird. Der Staat würde die Industrie unter seine Treuhän-
derschaft nehmen, ohne das Management zu übernehmen. Die Produktion wür-
de von Vertretern der ehemaligen Privatindustrie, der Arbeitervertretungen und
des Staates zusammen geleitet werden. ...
Es gibt keinen anderen Weg. ...
Es ist keinen Kommunismus, sondern Staatskapitalismus. ...
Unter den gegenwärtigen Bedingungen in Deutschland, ... ist der Weg zum
'Staatskapitalismus' der Weg des revolutionären Kampfes."
('Karl Bremer', ebenda, SS. 348f.).
Diese ultrarechte revisionistische Linie wurden nicht aufgegriffen, weil es zu jener Zeit
für unmöglich gehalten wurde, die Kommunisten davon zu überzeugen, sie unter dem
Deckmantel des 'schöpferischen Marxismus-Leninismus' zu übernehmen.
Dennoch: Im Dezember 1921 war es Revisionisten in der Führung der Kommunistischen
Internationale gelungen, in Zusammenarbeit mit Revisionisten in der Führung der Kommu-
nistischen Partei Deutschlands, auf der Grundlage einer Entstellung der richtigen Prinzi-
pien der Einheitsfront, der Kommunistischen Internationale das vollständig anti-marxis-
tisch-leninistische Konzept anzudrehen, dass es möglich sei, ohne vorher den kapitalis-
tischen Staat in einer Revolution zerschlagen zu haben, durch den Mechanismus der 'par-
lamentarischen Demokratie' eine Regierung einzusetzen, die die Klasseninteressen der
Arbeiterklasse vertreten würde.
Dieses revisionistische Konzept wurde unter der Führung von Leon Trotzki und Karl Ra-
dek im Dezember 1922 vom Vierten Weltkongress der Kommunistischen Internationale
angenommen. Es wurde vom Fünften Weltkongress im Juni/Juli 1924 unter der Führung
von Stalin verworfen und der internationalen kommunistischen Bewegung auf dem Sieb-
ten (und letzten) Weltkongress 1935 unter der Führung von Georgi Dimitroff erneut auf-
gezwungen.
1922
Das Manifest der KI und der Roten Gewerkschaftsinternationale (RILU) zur Einheits-
front
Am 1. Januar 1922 veröffentlichten das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internatio-
nale und das der Roten Gewerkschaftsinternationale ein gemeinsames 'Manifest zur Ein-
heitsfront', das sich an die 'Proletarier aller Länder' richtete.
Das Manifest rief die Arbeiter dazu auf, sich unabhängig von ihrer politischen Zugehörig-
keit zum Kampf für Teilforderungen zusammenzuschließen:
"Ihr wagt noch nicht, den Kampf um die Macht, um die Diktatur mit Waffen in
der Hand ... aufzunehmen. ... Aber kommt zusammen für den Kampf um das
nackte Leben, für Brot, für Frieden. Schließt euch dafür zusammen, kämpft in
an einer Kampfesfront, vereinigt Euch als proletarische Klasse gegen die Klasse
der Ausbeuter. Reißt die Barrieren nieder, die zwischen Euch errichtet worden
sind and reiht Euch ein, gleich ob Kommunist oder Sozialdemokrat, Anarchist
oder Syndikalist, um für die Erfordernisse der Stunde zu kämpfen. ...
Die Kommunistische Internationale appelliert an alle kommunistischen Arbeiter
sowie an alle ehrlichen Arbeiter in der ganzen Welt, in ihren Werkstätten und
auf ihren Versammlungen sich zu einer Familie der arbeitenden Menschen, die
gegen das Kapital zusammenhält, zusammenzuschließen."
(EKKI-ECRILU-Manifest zur Einheitsfront, in: J. Degras, Hrsg., 'Die Kommunisti-
sche Internationale, 1919-1943. Dokumente', Band 1, London 1956, SS. 318f.).
Nur durch die Bildung einer solchen 'Einheitsfront von unten' wird es möglich, die Führer
der sozialdemokratischen Parteien und der reformistischen Gewerkschaften dazu zu
zwingen, sich der Arbeitereinheitsfront anzuschließen:
"Nur so werden alle Parteien, die auf das Proletariat angewiesen sind und die
wollen, dass das Proletariat ihnen folgt, gezwungen werden können, sich zum
gemeinsamen Verteidigungskampf gegen das Kapital zusammenzuschließen.
Nur dann werden sie gezwungen sein, ihr Bündnis mit den kapitalistischen Klas-
sen aufzugeben."
(Ebenda, S. 319).
Der Ausschluss der Friesland-Gruppe aus der KPD
Im November 1921 brachte die größte Zeitung der SPD, der 'Vorwärts', einen Angriff auf
die Kommunistische Partei Deutschlands im Zusammenhang mit der Märzaktion von
1921 auf der Grundlage von Material, das ihr von der Polizei zugespielt worden war.
Die Kommunistische Arbeitsgemeinschaft sowie eine Gruppe führender Mitglieder der
KPD mit Ernst Friedland an der Spitze unterstützte in aller Öffentlichkeit die SPD-Atta-
cke.
Auf seiner Sitzung vom 22./23. Januar 1922 schloss der Zentralrat der KPD Otto Brass,
Paul Franken, Ernst Friedland, Heinrich Malzahn und Paul Wegmann wegen Verletzung
der Parteidisziplin aus der Partei aus. Die ausgeschlossene Gruppe schloss sich sofort
der Kommunistischen Arbeitsgemeinschaft an. Auf derselben Sitzung wurde Wilhelm
Koenen in das Zentralbüro der Partei gewählt.
Das erste Plenum des EKKI
Vom 21. Februar bis zum 1. März 1922 tagte das Erste Plenum des Exekutivkomitees
der Kommunistischen Internationale in Moskau, das von 100 Delegierten aus 36 Län-
dern besucht wurde.
Mit Mehrheit wurde die 'Direktive zur Einheitsfront ...', die vom EKKI am 18. Dezember
1921 herausgegeben wurde, gebilligt.
Eine Resolution 'Zu den Aufgaben der Kommunisten in den Gewerkschaften' bestätigte
die Beschlüsse der Dritten Weltkongresses der KI in dieser Frage, stellte jedoch be-
stimmte praktische Aspekte der Politik heraus:
Wenn eine einzelne Gewerkschaft für die Rote Gewerkschaftsinternationale gewonnen
wird, sollte sie den nationalen und internationalen Gewerkschaftsorganisationen weiter
angehören, um sie zu beeinflussen:
"Die Kommunisten sind verpflichtet, in den einzelnen der RILU angeschlossenen
Gewerkschaften zu arbeiten, die in den internationalen Gewerkschaften und In-
dustriesekretariaten verbleiben. Wenn solche Gewerkschaften sich diesen Or-
ganen noch nicht angeschlossen haben, dann müssen sie dies tun. ...Wir blei-
ben in den nationalen Gewerkschaftsverbänden."
(Resolution zu den Aufgaben der Kommunisten in den Gewerkschaften, Erstes